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Full text of "Geschichte Preußens. Bd. 8: Die Zeit vom Hochmeister Konrad von Erlichshausen 1441 bis zum Tode des Hochmeisters Ludwig von Erlichshausen 1457"

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Geſchichte 


Preuſſens, 


von den aͤlteſten Zeiten 
bis 


zum Untergange der Herrſchaft des Deutſchen Ordens, 


von 


1441 bis zum Tode des Hochmeiſters wig 
von Erlichshauſen 1467. 


Koͤnigsberg, 
im Verlage der Gebrüder Borntraͤger. 


1838. 


a .. 


Kap I. 


Wahl Konrads von Erlichshauſen zum Hochmeiſter . 1 
Ausgleichung mit dem Deutſchmeiſter 6 
Landeshuldigung G ee e 8 
ee zu e er 10 
Bauernaufruhr im Ermland „ 13 
Gunſtbezeugungen des Hochmeiſters gegen Lande und Staͤdte 
Verhältniſſe zu den Nachbarfurſte n 23 
Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark „„ en 26 
Tagfahrt zu Elbing. a d e . 
Verhandlung wegen der Zoͤlle - * 
Verhandlung wegen des eee 41 
Verhandlungen in auswärtigen Verhältniſſen . . 46 
Verhandlungen über den Pfunden 30 
Einigung uͤber den Dundee r 53 
Handelsverhaͤltniſſe E Wr a en eh 55 
Streit wegen der Neumark. 57 
Ausgleichung mit dem Kurfürften von Brandenburg wegen 

der Menne eee e eee ee e eee . 50 
Verſuch zur Aufiöfung des Bundes . 64 
Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten . 66 
Unzufriedene Stimmung im Lande 


. 
. 
. 
* 
5 
2 
A 


. * . * 9 0 * * 70 
Verhaͤltniſſe zum Kurfürften von Brandenburg.. . 72 


Landesordnung 1 nn 75 
Streit mit Kulm und Thorn wegen des Pfundzolles . 77 
Verhaͤltniſſe mit Holland. ED TRUE 


II 


In halt 


Ausgleichung mit Herzog Heinrich von Meklenbung -» 
Neuer Streit mit dem Kurfuͤrſten von Brandenburg 
Der Papſt und der Orden 
Der Hochmeiſter und die Skede — 
Verhaͤltniſſe des Ordens zu Litthauen und Polen 
Verhaͤltniſfe des Ordens zu Pommern 
Verhaͤlrniſſe des Ordens zum Kurfuͤrſten von Brandenburg 
Verſuch zur Kuftöͤſung des Bundes 
Verhaͤltniſſe zum Roͤmiſchen Könige gg 
Verhandlungen wegen des Ablaßgeldess 
Finanzbedraͤnggiſſe Des o ee en 
Handelsverhäliniiie mit dem Auslande 
Innere Landesverwaltung 
JJC ²˙ ¹ GL a 
Innere Ordensverhaͤltniſſ 
Streit wegen des Deutſchmeiſter ss 
Verhandlungen mit dem Kurfürften von Brandenburg. 
Verhaͤltniſſe des Hochmeiſters zu den Herzogen von Pommern + 
Verhoͤltniſſe des Hochmeiſters zum Koͤnige von Polen 
Kriegshuͤlfe nach Livland. 
Oldens kapitel! zii che = rennen 
Innere Ordensdifiplin 0 nennen 
Verhoͤltniſſe des Ordens zum Koͤnige von Polen 
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Könige Erich von Dänemark . 
Verhäaͤltniſſe zu Daͤnemark und Schweden 
Verhandlungen wegen Ablaß geld ee 
Verhandlungen wegen. Ablaßgeld und Peterspfennig - 
Verhandlungen mit dem Biſchofe von Ermland 
Handelsverhaͤltniſſe im Lande und mit dem Auslande 
Handelsvertrag mit Holland ahn 
Handelsverhaͤltniſſe mit England 
Verhandlungen mit den Koͤnigen von Daͤnemark und Schweden 
Verhoͤltniſſe zu Polen 
Verhaͤltniſſe zu dem Kurfürſten von Brandenbug » » 
Kaspar von Sendung oo ee ne ® 
Schluß des Streites mit den Holländern, Seelaͤndern und 

Fries künden e FE eee 
Verhandlungen wegen der Statuten Werners von Orſeln . 
Innere Landes verhaͤltniſſ u 
Konrads von Erlichshauſen Krankheit und Tod 
Konrads von Erlichshauſen Verdienſte ® 


SE 2. II 


Kapitel II. 
Seite 
Satzungen der Gebietign e 199 
Verhandlungen wegen des Jubeljahres 4 „202 


Wahl des Hochmeiſters Ludwig von Erlichshauſen 204 
Verhandlung wegen der Huldigung 


205 

Tagfahrt zu Elbing 207 
Huldigung. 211 
Der Biſchof von Ermland ond da Deufümeiter 212 
Auswärtige Verhaͤltniſſe . » A 9 . 214 
Innere Verhaͤltniſſe „219 


Der paͤpſtliche Legat Ludwig Biſchof ve von Silvcs A u RN) 
Dag fahrt zu Sing 223 
ieee ß „§«&2232 
Die Eidechſen-Ritter . „ „„ „ 
Neue Gaͤhrung im Lande N 6 
Spaltung im Bunde 239 
Verhandlungen mit den Verbuͤn deten . 241 
General Kapitel zu Marienburg 250 
Verhandlungen mit den Staͤnden . 254 
Steigende Gaͤhrung der Parteien Weesen ass 
Sendung anden ier 271 
Verhandlungen vor dem Kaiſe r 276 
Umtriebe und Bewegungen der Parteien im Sande . 281 
Streit wegen Schoß⸗Erbe bung „ 2 
Annaͤherung des Bundes an Polen . . 293 
Sgofab zu ede 296 
Neue Umtriebe der Verbändeten . 299 
Geſandtſchaften an den Kaiferbof b... 02 
Drohende Bewegungen im Lande . 308 
Tagfahrt der Verbündeten in Graudenz . . 312 
Ausbruͤche der Parteiwut hh 316 
Hans von Baiſen als Bundeshaupt 2. 


Kapitel im. 


Rechtsſtreit vor dem Kaiser 
Rechtsſpruch des Kaiſer s. 
Steigende Gaͤhrung im Lande 
Verbindung des Bundes mit Polen 

Steigende Erbitterung der Verbündeten 
Friedensverſuch des Hochmeiſters 


e e 
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gr 


vIII Inhalt. 


Kriegeriſche Stellung des Bundes gegen den Orden. 
Abfall der Verbündeten vom Orden 
Einnahme von Thorn ei 
Einnahme der Ordensburgen u die Verbuͤndeten 
Bedrängniß des Ordens l = 
Unterwerfung der Verbündeten au die Herrſchaft polens . 
Belagerung des Haupthauſes Marienbu g 
Bemühungen des Hochmeiſters um fremde Beihuͤlfe 
Der König von Polen in Preuſſetn rn 
Belagerung Marienburgg gs 
Tagfahrt zu Graud enn 
Stuhms Verlu t... 33 
Kämpfe vor Marienburg mit den Danzigern 
ee e e 
Wiedergewinn eines Theils e eee 
Anzug der Soͤldner nach Preuſſen o » n 
Verſchreibung des Hochmeiſters an die Soldner a e 
Neuer Einfall des Koͤniges von Polen ins Ordensgebiet 
Abzug des Koͤniges von Polen aus Preuſſen 2. 
Bedrängniffe des Ordens durch die Soͤldner 0. 


Priegsereigniſſe eg » — 
Ergebung Koͤnigsbergs und anderer Staͤdte im diaet. 
an den Orden e en 


Die Verbuͤndeten in der Reichsacht SF e 
Verhandlungen mit Brandenburg und Daͤnemark . 
Verhandlungen mit dem Kurfuͤrſten von Brandenburg. 
Ergebung der Städte im Hinterlande « 
Vermittlungs-Verſuche des Kurfürften von Brandenburg 
zwiſchen Polen und dem Hochmeiſter * 
Neuer Kriegszug des Königes von Polen ins Kulmerland 4 
Bedraͤngniſſe durch die Soͤldne r 
Fortſchritte der Ordensſacghgßh ee 
Bedraͤngniß des Ordens durch die Soͤld ner 
Steigende Verwirrung im Lande 
ee des Ordens durch die Soͤldnee 
Verhandlungen wegen Verkauf des Landes 
Unterhandlungen mit den Soͤldnern wegen Verkauf des Landes 
Unruhen in Thorn, Kulm ee. 
Verhandlungen mit den Soͤldnern wegen Verkauf des Landes. 
Verkauf des Landes an den Koͤnig von Polen 
Aufruhr zu Thorn und Danzig 


Inhalt. 


Aufruhr zu Danzig 
Verhandlungen mit den Soͤldnern - 
Hülfiofigfeit des Hoch meiſters und des 0 


Georg von Schlieben im Zwiſt mit dem Orden 


Letzte Hoffnung auf Hülfe für den Orden 
Kulmiſche Biſchofswahlßl h 
Einzug des Koͤniges von Polen ins Land - 
Beſetzung Marienburs « 
Auszug des Hochmeiſters aus Marlenburs 


Kapitel IV. 


Einzug des Koͤniges von Polen in Marienburg 


Stand der Verhaͤltniſſe im Lande 


Wiedergewinn der Stadt Marienburg 
Kaͤmpfe um Marienburg . 


* 


* 


* 


. 


* 


« 


* 


Kriegsfehden um Marienburg und im Indern des Lander 
Marienburgs Belagerung durch den Koͤnig von Polen 
Waffenſtillſtand zwiſchen Polen und dem Orden 


Streit wegen der Biſchofswahl im Ermland 
Friedensverſu chte , 
Streithaͤndel waͤhrend des Veifriedens . 
Kriegshaͤndel nach dem Waffenſtillſtande - 
Linge 8 
Waffenſtillſtand mit Maſoviensn 
Hanſens von Baiſen Tod 
Friedensverſu che 
Marienburgs Belagerung . 


e 


Marienburgs Uebergabe an den Koͤnig von Polen 


Webiau's Uebergabe an den Orden 
Kriegs- und Raubfehden 
Planloſes Kriegsgetuͤmmel - 
Unordnung und Zuchtloſigkeit im Lande 
Traurige Lage der Biſthuͤmer - 
Planloſes Kriegsgetuͤmm el 
Neuer Kriegszug des Koͤniges 
Braunsbergs Befreiung 
Unzufriedenheit der Staͤnde mit dem Könige 
Tagfahrt zu Elbing 
Kriedensverſuche und Kriegsfehden 
Kriegsfehden vor Frauenburg und Braunsberg 


* 


* 


11 


Inhalt. 


Schlacht im Putziger Winkel oder bei Zarnowitz 
Ungluͤckliche Kriegsfehden für den Orden 
Friedensverſu chte - 
Die Tagfahrt zu Bee - oe 00. 
Berrätherei in Danzig 
Belagerung der Stadt Metttte . 
Waffenſtillſtand Bernhards von Zinnenberg mit Polen 
Uebergabe von Merten 
Stellung der Soͤldnerhauptleute zum Orden 
Unterwerfung des Biſchoſs von Ermland unter Polen 
Friedensverhandlungen auf dem Tage zu Thon 
Belagerung Neuen burn 


Uebergabe Neuenburgs an den Koͤnig von Polen 
Neue Bedraͤngniſſe des Ordecnn s 
Tagfahrten auf der Friſchen Nehring 
Belagerung von Stargard 
unglückliche Ereigniſſe für den Orden 
Friedensverhandlung zu Thorn 
Friedensſchluß zu Thorn 
Kriegsopfer „ „„ 2 
Ausführung des Srtdenütufee ee 
Tagfahrt zu Clbing » Se 
Tod des Hochmeiſters abc, 2 Eilichshauſen 8 3 


Seite 
630 
634 
636 
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692 
697 
703 
708 
710 
713 


Verbeſſerungen zur Geſchichte Preuſſens. 


Achter Band. 


S. 3 Zeile 7 v. u. lies Hanſeat. 


„2 6 Av o. = bekleidete 

„ 15 = 22 v. o. = Schoſſes 

: 31 = 15 v. o. = iſt, und 

„ 50 = 13 v. o. » Anwalte 

„ 66 8 v. o. ⸗Geruͤchte 

: 3 9 v. u. = d. Kapporn 

= 79 » 11 v o. = allgemein 

„ 93 „19 v. o. ⸗ Hochmeiſters 

: 111 = 8 v. o. = feinem 

= 134 16 v. o. = einemmale 

= 16 = 2 v. o. = Neſſau 

=» 14 = 12 v o. = unbeſcholtenen 

= 212 „6 v. o. ⸗Braunsbergs 

= 221 „ 12 U. U. = den HM. 

285 = 1 v. o. = innerer 

= 254 11 v. o erſcheinen 

265 16 v. o. ⸗Zippelin 

„ 278 16 v. o. „ ſeyen 

„ 294 ⸗ 11 v. o. = Nah dem 

„373 5 v. o. = dringendſte (u. ſ. öfter) 

„387 10 v. u. - ſich wegen 

= 404 12 v u. = alles auf 

= 408 a 2 v. o. ⸗ Stadt, die „ 

: 27 = 220. = Ausritt 

= 428 = 72% = niederbrechen 

= 434 14 v. o. ⸗Heerhauſe 

- 47 - 7 v. u. = Koͤnigsbergs 

440 = 7 v. u. = d. im 

= 452 20 v. o. = Zinnenberg 

= 475 . 5 v. o. Herrn 

5 478 = 1 v. o. = DBeftreben, die 
487 = 520 ⸗SGcewerke 


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656 
681 


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14 v. o. 
17 v. o. 
14 v. o. 
5.0: 
16 v. o. 
8 v. o. 
17 V. o. 
16 v. o. 
15 v. o. 
9 v. o. 
17 v. o. 


S 


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. 499 Zeile 9 v. o. lies Thuͤnen 


Wartenberg 
Rieſenburg, dann Dirſchau 
Aufbringen der 
beſtieg er 

bald mit 

allem 

erwaͤhnte 

Auguſtin von Trotzler 
Krügers 

beiden 

Stargard zurück 


Wahl Konrads von Erlichshauſen zum 
Hochmeiſter. (1441.) 


Erſtes Kapitel. 


Es war kein Unglück für Preuffen, daß der Hochmeiſter Paul 
von Rußdorf der Verwaltung entſagte und bald darauf durch 
den Tod vom Schauplatze der Ereigniſſe hinweggerufen ward, 
denn es war eine Aufgabe zu löfen, der er, wie er auch noch 
in der letzten Zeit bewieſen, keineswegs gewachſen ſchien. Alles 
ſtand wie im Orden, ſo im Lande in voller Zwietracht und 
wildem Zerwürfniffe da. Die Spaltung in jenem war durch 
die Verhandlung zu Danzig nicht nur nicht ausgeglichen, ſon⸗ 
dern der Deutſchmeiſter kehrte mit vermehrtem Grolle nach 
Deutſchland zuruͤck. Auch mit dem Meiſter von Livland ge⸗ 
lang keine Suͤhne. Es war nicht abzuſehen, wohin die Erbit⸗ 
terung der Parteien noch führen werde. Daneben ſtanden Lande 
und Städte in ihrem Bunde vereint zuſammen, im vollen 
Bewußtſeyn ihres Rechtes und ihrer Kraft, feft entſchloſſen, 
auf ihrer Bahn fortzuſchreiten und ihrer Eidgenoſſenſchaft neue 
Gewaͤhr und Feſtigkeit zu verschaffen. Kulm und Thorn hatten 
daher noch in Pauls von Rußdorf letzter Zeit insgeheim eine 
Geſandtſchaft an den Röm. Koͤnig Friederich mit der Bitte 
um Beſtaͤtigung ihres Bundes ausgefertigt und es gluͤckte die 
ſer, im Anfange des Februars des Jahres 1441 ein koͤnigliches 
Diplom auszuwirken, wodurch der Bund und deſſen Erwei⸗ 
ei mit ſeinem Zwecke, jedem Bedraͤngten und Bedruͤckten 
III. 1 


2 Wahl Konrads v. Erlichshauſen zum Hochmeiſter. (1441.) 


ſeine Rechte, Freiheiten und Privilegien aufrecht zu erhalten 
und gegen Gewalt und Unrecht zu ſchüͤtzen, vom Könige ſelbſt 
gut geheißen, beſtaͤtgt und ausdruͤcklich erklaͤrt wurde, daß alle, 
welche ſich bereits mit den genannten Staͤdten verbunden oder 
noch verbinden wurden, die vom Koͤnige ertheilte Freiheit und 
Gnade genießen und daran ſie nichts in irgend einer Weiſe 
irren oder hindern ſolle; jedoch erhielten ſie daneben auch die 
Weiſung, daß ſie dem Hochmeiſter und ihren Obern nach In⸗ 
halt ihrer Privilegien alles leiſten und thun ſollten, was ſie 
ihnen von Rechts wegen ſchuldig ſeyen. Alle geiſtlichen und 
weltlichen Fuͤrſten und Staͤnde des Reiches wurden gewarnt, 
die Verbündeten im Genuſſe der ihnen ertheilten Bewilligung, 
Gnade und Erlaubniß irgend wie zu irren, zu bedraͤngen oder 
zu beſchweren.) Wie die Sendboten dieſes für die Verbuͤnde⸗ 
ten höchft wichtige Diplom erlangt hatten, wußte keiner, ſelbſt 
der König nicht, wie er ſpaͤter erklaͤrte. Allein ſchon daß es 
vorhanden war, gab dem Selbſtvertrauen der Bundgenoſſen 
neue Feſtigkeit und ihrem Weiterſtreben neuen Schwung. Zwar 
unterließ auch der Orden nicht, um des Roͤm. Koͤniges 
Gunſt zu buhlen; allein es brachte wenig Erfolg, daß der 
Statthalter des Hochmeiſters Nicolaus Poſtar, Komthur zu 
Danzig,? durch eine Botſchaft Friederichen im Namen des 
Ordens zu ſeiner Erhebung Gluͤck wuͤnſchen, ihm des Ordens 
Freude bezeugen und um ſeine Huld und Gnade fuͤr den⸗ 
ſelben bitten ließ.“ 


1) Das Original des koͤn. Beſtätigungsbriefes, d. Montag nach 
unſer I. Frauen⸗Tag Purif. 1441 mit dem koͤnigl. Siegel im Raths⸗ 
Archiv zu Thorn, gedruckt in Preuſſ. Samml. B. II. S. 348, Baczko 
Geſch. Preuſſ. B. III. S. 373. Dumont T. III. 1. Pp. 181; vergl. 
Chmel Regeſten d. Roͤm. Koͤniges Friederich P. 23. Liuinig Spicileg. 
Eecles. Reichsarchiv des D. O. 34 — 36. Aeneas Sylvius Commen- 
tar. ſagt: Fridericus quoque imperator eidem federi robur adliecit, 
cautione tamen inserta, ne per suas litteras ins religionis lederent, 

2) Vgl. oben B. VII. S. 786. Jaenichit Meletemata Thorunen- 
sia T. II. p. 224, 

3) Schr. des Statthalters an den Roͤm, König o. D. (1441) 
Schbl. IV. 155. 


Wahl Konrads v. Erlichshauſen zum Hochmeiſter. (144 1.) 3 


Da traten Lande und Städte mit den vornehmſten Ge⸗ 
bietigern, bevor noch ein neuer Meiſter an ihrer Spitze ſtand, 
zu einer Tagfahrt zuſammen, denn ſowohl die aͤußern als in⸗ 
nern Verhaͤltniſſe des Landes forderten jetzt nothwendig ein 
thätiges Eingreifen in die Verwaltung. Es ward zuvoͤrderſt 
eine Botſchaft nach Kampen ausgeſandt, um dort auf einem 
bereits früher anberaumten Tage mit den Sendboten von Hol⸗ 
land und Seeland die Mißßhelligkeiten wegen Vergütung für 
bedeutende durch die Hollaͤnder erlittene Verluſte, beſonders für 
die früher weggenommenen Preuffifchen und Livlaͤndiſchen 
Schiffe auszugleichen; allein da die Hollaͤnder den verlangten 
Schadenerſatz zu hoch fanden, ſo blieb die Verhandlung erfolg⸗ 
los; es ward ein neuer Tag nach Pfingſten aufgenommen. ) 

rt auch des Landes innere Ver⸗ 

haͤltniſſe reichen Stoff zur Berathung dar. Derſelbe Geiſt, der 
im weſtlichen Preuſſen die Ritterſchaft und die Städte zu einer 
undeseinigung getrieben und bereits auch in Llvland zu aͤhn⸗ 
lichen Erſcheinungen führte, indem auch dort die Städte zu 
kraͤfttgerem Entgegenwirken gegen den Orden den Landesadel 
an ſich zogen und auf Tagfahrten ſich mit ihm über beiderſei⸗ 
tige Intereſſen verſtaͤndigten, ) regte auch im oſtlichen Preuſſen, 
wo bis jetzt das Bundesintereſſe ſich noch wenig wirkſam ge⸗ 
zeigt, hie und da allerlei unruhige Bewegungen an. Im Kom⸗ 
thurbezirke von Balga, in den Gebieten von Woria und Eilau 
und im Brandenburgiſchen waren die Freien im Streite daruber, 
ob man den Bundesbrief mit beſiegeln ſolle oder nicht; einige 


1) Bericht der Sendboten, des Vogts von Brathean Friederich von 


Nickeritz, u. a, aus Kampen Mont. nach Palmar. 1441 Schbl. XXXIIII. 
28. Die ſpeciellen Verhandlungen in einem Recessus Ambassiatorum 
in Campen in KHanfatt, Receſſ. VI. 484 u. f. Die Preuſſ. Sendbo⸗ 
ten verlangten 42,000 Pfund Groſchen als Schadenerſatz. 

2) Schr. des Livland. Meiſters an d. Ordensmarſchall Konrad 
von Erlichshauſen, d. Riga am T. Prifch 1441 Schbl. IV. 40. Die 
Staͤdte hatten beſonders die Abweſenheit des Meiſters in Preuſſen 
benutzt, um die Ritterſchaft an ſich zu ziehen und Tagfahrten zu hal⸗ 
ten. Kotzebue B. IV. 260, 


1* 


Wahl Konrads v. Erlichshauſen zum Hochmeiſter. (1441.) 


erklärten ſich dafür, andere widerſtrebten, viele ſtanden noch 
unentſchloſſen und ſchwankend da, alſo daß in der Verwirrung 
der Meinungen ſich noch kein gemeinſamer beſtimmter Wille 
kund gab. ) Ungleich entſchiedener trat jedoch im Stiſtsgebiete 
der Domherren von Frauenburg, beſonders in der Gegend von 
Melſack, das Landvolk einer Anzahl von Dörfern, mit feinen 
Schultheißen an der Spitze, durch Verweigerung aller Schaar⸗ 
werksdienſte ſeiner Obrigkeit entgegen, denn auch hier hatte der 
Funke des freien Geiſtes ſchon in der Bruſt des Landmannes 
gezuͤndet und trieb bald weiter zu wichtigen Ereigniſſen.“ 
Mittlerweile war die von den oberſten Gebietigern zur 
neuen Meiſterwahl beſtimmte Zeit herangeruͤckt. Die beiden 
Meiſter von Deutſchland und Livland, Eberhard von Saunß⸗ 
heim und Heidenreich Finke von Overberg, hatten der Einla⸗ 
dung nur erſt dann folgen wollen, als ihnen und den Ihrigen 
in dem aufgeregten und durch Zwiſt entzweiten Lande völlige 
Sicherheit verbuͤngt war, ein Beweis, wie ſtark noch immer 
Groll und Parteiung unter den Ordensrittern obwalteten. ® 
Erſt nachdem ſie ſich durch Botſchaften unter einander ver⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Eilau Donnerſt. vor Judica 
1441. Schbl. LXXVI. 61. 

2) Daß ſchon im Anfange des Jahres 1441 aufruͤhreriſche Bewe⸗ 
gungen im Bauernvolke um Melſack im Schwange waren, bezeugen 
Berichte des Biſchofs und Domkapitels von Ermland. 

3) Ueber das Mißtrauen gegen die Ordensgebietiger in Preuſſen 
Schr. des Livl. Meiſters an d. Ordensmarſchall a. a. O. 

4) Schr. des Ordens marſchalls an d. Statthalter, d. Koͤnigsberg 
Sonnab. vor Judica 1441 Schbl. IV. 40. Mit dem Deutſchmeiſter 
tamen die Komthure Joſt von Venningen zu Mergentheim, Albrecht 
Fortſch zu Frankfurt, Johann von Nippenburg zu Heilbron u. a. 


Wahl Konrads v. Erlichshaufen zum Hochmeiſter. (14410 5 


der Grundſaͤtze, Entſchiedenheit der Geſinnung und des Han⸗ 
delns, ſondern zugleich auch mit umſichtiger Maͤßigung, kluger 
Schonung und ruhiger Beſonnnenheit in den Sturm der Be⸗ 
wegungen einzugreifen und uͤberall, in den wilden Parteiungen 
des Ordens, wie in den politiſchen Wirren des Landes ſtets 
ſeinen Mann zu ſtehen. Als einen Mann ſolches Geiſtes hatte 
ſich bisher immer ſchon der Ordensmarſchall Konrad von Er⸗ 
lichshauſen hervorgethan; auf ihn fiel daher auch einſtimmig 
die neue Meiſterwahl. ) Aus einem alten, edlen Hauſe im 
Frankenlande im Landgebiete von Ottenwald entſproſſen, wo 
das Geſchlecht der Erlichshauſen oder Elrichshauſen ſchon ſeit 
Jahrhunderten blühte, 2 nennt ihn die Chronik einen ſchoͤnen, 
anſichtigen Mann mit gelbem Flachshaare und kurzem Bart, 
gottesſürchtig und fromm, einen Friedensfuͤrſten in ſeiner Ge⸗ 
finnung. 9 Manches Amt ſchon hatte ihn erprobt und eine 
reiche Erfahrung in den Verhaͤltniſſen feines Ordens lag in 
ſeinem Geiſte. Drei Jahre, von 1415 bis 1418, war er als 
Kompan im Dienſte des Hochmeiſters Michael Küchmeiſter von 
Sternberg und dann als Vogt in das Amt Roggenhauſen ver⸗ 
ſetzt worden, welches er bis zum Jahre 1421 verwaltet. In 
den naͤchſten Jahren erſcheint er als Komthur von Ragnit, wo 
er dem Amte in ruͤhmlicher Verwaltung bis gegen Ende des 
Jahres 1432 vorſtand. Der Ruf ſeines frommen und recht⸗ 


1) Regiftrant VII. p. 1. X. P. 1. Fol. A. p. 16, wo überall auch 
die Einſtimmigkeit der Wahl bezeugt wird. Schütz p. 145. Auch 
uͤber den oben angenommenen Wahltag kann nach dieſen Quellen kein 
Streit mehr ſeyn; vgl. Kotzebue B. IV. 261. Index corporis hi- 
Storico - diplom. Livoniae T. I. 315, Die Ordens⸗Chron. p. 179 giebt 
den 3. April, Mittwoch zu Oſtern als Wahltag an. 

2) Hellbach Adels⸗Lexicon B. I. 327. Auch in Urkunden wech⸗ 
ſelt die Schreibart Erlichshauſen, Erlingshauſen und Elrichshauſen. 
Nach Gauhe Adels- Lexicon B. I. 370 kommt ſchon im J. 942 die 
Familie von Erlichshauſen unter den Turniergenoſſen zu Rothenburg 
vor. 

3) Alte Preuf. Chron. p. 46. Ordens⸗Chron. p. 179. 

4) Die Nachweiſe in Urkunden und Briefen Schbl. IIV. 19. 
XVII. 67. Aeinterbuch p. CXXII. u. in fine. 


6 Ausgleichung mit dem Deutſchmeiſter. (1441.) 


ſchaffenen Lebens bewog ſchon damals die Bruͤderſchaft der 
Pfarrer von Samland, ihn des Gnadenheiles ihrer Meſſen und 
aller gottesdienſtlichen Uebungen theilhaftig zu erklaͤren.) An⸗ 
derthalb Jahre ul er darauf die Wuͤrde des Großkom⸗ 
thurs und trat endlich im April 1434 in die Verwaltung des 
Ordensmarſchall⸗Amtes ein, verwaltete es aber nur bis zum 
November 1436, worauf er in ſchnellem Wechſel zuerſt als 
Komthur nach Althaus und dann im Jahre 1437 nach Thorn 
verſetzt ward, bis er im Anfange des Jahres 1440 zum zwei⸗ 
tenmal als Ordensmarſchall ſchon kraͤftig und entſchieden in 
die Verhaͤltniſſe der ſtuͤrmiſchen Zeit mit eingriff. 

In dieſen Aemtern hatte Konrad von Erlichshauſen Zeiten 
durchlebt, in denen es ſeinem Geiſte bei dem Hinblicke auf die 
ungluͤckſeligen Ereigniſſe nicht ſchwer werden konnte, jetzt aufs 
klarſte zu erkennen, was in ſeiner hohen Stellung als Meiſter 
und Landesfuͤrſt zu thun und zu laſſen ſey. Er faßte vor 
allem zwei Geſichtspunkte feſt ins Auge, die zunaͤchſt die Ziele 
ſeiner ganzen Thaͤtigkeit ſein mußten, wenn eine gedeihliche 
Zeit fuͤr den Orden und das Land herbeigefuͤhrt werden ſollte. 
Der eine, die Ausgleichung der heilloſen und grundverderblichen 
Zwietracht und Spaltung im Orden, war das Erſte, was er 
in ſeinem neuen Amte mit ernſtem Eifer erſtrebte, und die An⸗ 
weſenheit der beiden Meiſter von Deutſchland und Livland bot 
hiezu hoffnungsvolle Ausſichten. Schon wenige Tage nach der 
Hochmeiſterwahl ließ ſich der Deutſchmeiſter bereitwillig finden, 
im voraus zu verſprechen, daß er mit allen ſeinen Gebietigern 
den Rechtsausſpruch eines von einer gewiſſen Anzahl von Or⸗ 
densgebietigern entworfenen ſchiedsrichterlichen Anlaſſes im Streite 
uͤber die Statuten Werners von Orſeln gut heißen und unver⸗ 
bruͤchlich und kraͤftig aufrecht halten wolle.) Der Hochmeiſter 


1) Urkunde der Bruͤderſchaft der Pfarrer in Samland, d. am T. 
Matthaͤi 1428 Schbl. LXVII. 67. 

2) Am Dienſt. nach Quaſimodogen. 1434 trat er zum erſtenmal 
das Ordensmarſchall⸗Amt an; die Amtsuͤbergabe Schbl. LXII. 44; 
vol. oben B. VII. S. 728. 755. 765. 


3) Urk. des Deutſchmeiſters, d. Mar. Oſterdienſtag 1441 Schöbl. 


Ausgleichung mit dem Deutſchmeiſter. (1441.) 7 


ſelbſt hatte ſich mit den Gebietigern dahin geeinigt: er wolle 
Heidenreich Finke von Overberg als Meiſter von Livland foͤrm⸗ 
lich betätigen; es follte ein Obmann ernannt werden, zu wel⸗ 
chem der Hochmeister drei feiner Gebietiger, desgleichen jeder 
der beiden Meiſter ſeine Bevollmaͤchtigten nach Frankfurt a. d. 
O. zu einem Rechttage ſenden ſolle, um ſich da nach Laut des 
Anlaſſes über einen Rechtsſpruch zu vereinigen. um die 
Ausgleichung zu erleichtern, wurden vom Hochmeiſter gewiſſe 
Statuten entworfen, wonach insfünftige jeder Meiſter von Liv⸗ 
land in ſeiner Amtsverwaltung, beſonders zur Herſtellung ſtren⸗ 
gerer Ordnung und Zucht unter den Ordensbruͤdern, verfahren 
ſollte, um vor allem auch aller Parteiung und aͤrgerlichen Spal⸗ 
tungen im Orden vorzubeugen. >) Noch vor dem Tage zu 
Frankfurt aber erklaͤrte der Hochmeiſter nach vielfachen Bera⸗ 
thungen mit dem Deutſchmeiſter, der bis in die Mitte des 
Sommers in Marienburg verweilte, in Uebereinſtimmung mit 
feinen Gebietigern: er nehme zur Vermeidung aller fernern 
Zwietracht und Spaltung im Orden die Statuten Werners 
von Orſeln unverändert und ohne weiteres an und verſpreche 
mit allen ſeinen Gebietigern in Preuſſen, ſie mit Kraft auf⸗ 
recht halten und ihrem Inhalte nachkommen zu wollen zu allen 
Zeiten, es ſey denn, daß er mit den jetzigen oder kuͤnftigen 
Meiſtern von Deutſchland und Livland zu Rathe würde, fie in 
irgend einer Weiſe zu verändern oder überhaupt es damit an⸗ 


99. 16. IV. 41 Abſchrift). 
Anlaß war entworfen vom 
Reuß von Plauen Komthu 
zu Mergentheim u. a. 


Jaeger Cod. diplom. O. T. s. h. a. Der 
Treßler Johann von Remchingen, Heinrich 
r zu Balga, Joſt von Venningen Komthur 
Der Deutſchmeiſter verſpricht die Aufrechthal⸗ 
tung des Ausſpruches im Namen aller Gebietiger in Deutſchland, doch 
zone die zu Marpurg, Byeſſen, Utrecht und Weſtphalen Gebietiger und 
Bruͤder, die von uns geſlagen ſint.“ 

1) Schr. des HM. an d. Landkomthur von Elſaß, d. Mar. am 
T. Georgii 1441 Schbl. 103. 27. Der Tag zu Frankfurt ſollte auf 
S. Margarethen ⸗ Tag ſeyn. 

2) Abſchrift der Statuten für den Livland. Meiſter, d. Mar. 
Frei 


t. nach Marci Evang. 1441 Schbl. VI. I. ogl. Index corp. hi- 
Stor. diplom. Livoniae p. 315. 


* 


8 Landeshuldigung. (1441.) 


ders zu beſtellen. Dieſe Erflärung verbürgte der Hochmeifter 
mit den Vornehmſten feiner Gebietiger durch ein förmlich daruber 
ausgeſtelltes feierliches Document, worin er die Statuten in 
ihrem ganzen Inhalte von Wort zu Wort aufnahm. Er 
kam dann ferner mit dem Deutſchmeiſter auch darin uͤberein, 
daß fuͤr die vielfaͤltigen Vergehungen und Verletzungen, welche 
in der bisherigen Irrung zwiſchen den Meiſtern ſich viele Or⸗ 
densbruͤder gegen Gehorſam und Geſetz hatten zu Schulden 
kommen laſſen, keiner geſtraft oder mit den ſonſt geſetzlichen 
Bußen belegt, ſondern alles verziehen und vergeſſen ſeyn ſollte, 
weil ſolche Strafen jetzt dem Rufe des Ordens nur nachtheilig 
wirken wuͤrden. Endlich kam man uͤberein: es ſollten im naͤch⸗ 
ſten Jahre in einem großen Ordenskapitel zu Marienburg Be⸗ 
ſtimmungen entworfen werden, die inskuͤnftige allem Unfrieden 
im Orden vorbeugen wuͤrden.) So hatte Konrad das eine 
Ziel erreicht; das Zerwuͤrfniß im Orden war ausgeſuͤhnt, frei⸗ 
lich nicht ohne ein ſchweres Opfer in Beziehung auf ſeine 
Stellung zu den beiden Meiſtern. Allein die Eintracht und 
das Heil des Ordens ſtanden ihm ungleich hoͤher, als die per⸗ 
ſoͤnlichen Verhaͤltniſſe feiner amtlichen Stellung, die ja die Zus 
kunſt auch leicht wieder aͤndern konnte. 

Inzwiſchen aber war der Hochmeiſter auch einem andern 
Ziele mit feſtem Schritte entgegen gegangen, das Mißtrauen 
und die feindlich argwoͤhniſche Geſinnung der Unterthanen ges 
gen die Landesherrſchaft zu beſeitigen, denn hierin erkannte er 
die Quelle aller der traurigen Erſcheinungen, der feindſeligen 
Stellung und des wilden Trotzes, womit ſich die Unzufriedenen 
im Lande im Schutze ihres Bundes zu Wehr und Widerſtand 
zuſammengethan. Die Aufgabe war hoͤchſt ſchwierig; Konrad 
indeß loͤſte ſie leichter durch die ergreifende Kraft ſeiner Per⸗ 


1) urk. des HM. d. Mar. Mont. nach Viſitat. Maria 1441 
Schbl. NM. 5. Jaeger Cod. diplom. s. h. a. 

2) Die Vertrags «Urkunde, d. Mar. Dienſt. nach Viſitat. Mariä 
1441 Schbl. 99. 15, durch Moder ſehr verdorben; vollſtaͤndig in Jaeger 
Cod. diplom. s. h. a. Der Deutſchmeiſter befand ſich um dieſe Zeit 
noch in Marienburg. 


Landeshuldigung. (1441.) 9 


ſoͤnlichkeit, denn als bald nach ſeiner Wahl eine Botſchaft der 
Lande und Städte vor ihm erſchien, “ ihm zu ſeiner Erhebung 
Gluck wuͤnſchte, um Erhaltung und Beſtaͤtigung ihrer Privile⸗ 
gien und Freiheiten bat, ſich ihm zur Huldigung erbot und 
zugleich um Abhuͤlfe der Klagen erſuchte, die bereits ſeinem 
Vorgänger vorgelegt worden, erklärte er offen und gerade: den 
von Landen und Staͤdten ihm mitgetheilten Huldigungseid 
(nach welchem ſie nur dem Hochmeiſter, nicht dem Orden 
ſchwören wollten) könne er nicht zulaſſen; dieſer Neuerung 
müßten fie entfagen und beim alten Herkommen bleiben; da⸗ 
gegen ſichere er ihnen alle ihre Rechte, Freiheiten und Privile⸗ 
gien zu, wie ſeine Vorfabren fie ihnen verliehen; Eönne er fie 
nicht vermehren, ſo werde er ſie doch auch keineswegs verkuͤr⸗ 
zen; ein Gleiches aber erwarte er auch von ihnen in Bezie⸗ 
hung auf des Ordens Privilegien und Rechte; die Abhülfe 
ihrer Klagen ſolle mit Beirath der Praͤlaten auf einer Tag⸗ 
fahrt zu Elbing zu weiterer Berathung kommen. Den Staͤn⸗ 
den genuͤgte dieſe Zuſage; ſie trauten des Meiſters Worte, er⸗ 
klaͤtten ſich zu dem von ihm verlangten Huldigungseide bereit, 
der dahin lautete „daß fie bei der Huldigung nur dem Hoch⸗ 
meiſter Treue und Gehorſam, nach deſſen Tode aber auch dem 
Orden bis zur Huldigung eines neuen Meiſters geloben ſollten, 
und der Hochmeiſter trat darauf im Anfange des Mai ſeine 
Huldigungsreiſe an. In Danzig indeß mußte er, bevor ihm 
der Bürgermeifter die Schluͤſſel der Stadt und des Rathhau⸗ 
ſes überreichte und der Rath, die Schoͤppen und die Gemeine 
den Huldigungseid leiſteten, die Zuſage wegen Auftechthaltung 


1) Am T. S. Georgii (24. April). 


2) Die Verhandlungen des HM. mit der Botſchaft der Staͤnde 
im Regiſtr. X. P. 1 sequ. u. Fol. A. p- 16 sequ. Merkwuͤrdig war 
ſogleich in der erſten Verhandlung die Erklaͤrung der Botſchaft: Lande 
und Städte wollten den HM. gerne als ihren Herrn aufnehmen und 
ihm huldigen; aber ſie bäten zu wiſſen und ſich mit ihm zu 
einigen, wie der Eid lauten ſolle. Wir ſehen dann aus des HM. 
Antwort, daß dieſer ihnen und ſie ihm eine Eidesformel vorgelegt 
hatten. 


10 Tagfahrt zu Elbing. (1441.) 


aller Freiheiten und Privilegien der Stadt und wegen Abſtel⸗ 
lung mehrer ſie insbeſondere betreffenden Gebrechen doch noch 
einmal erneuern. Auch war in andern groͤßeren und kleineren 
Städten des Landes der geleiſtete Huldigungseid nicht überall 
derſelbige. 

Jetzt nahte die den Staͤnden zugeſagte Tagfahrt zu Elbing 
in der Mitte des Juni.) Da machte aber der Hochmeiſter 
bald die Erfahrung, daß feine Zuſage nicht überall Vertrauen 
gefunden und das Mißtrauen der Verbündeten noch keineswegs 
vertilgt war. Zuerſt verlangten Lande und Staͤdte eine Ver⸗ 
handlung und einen Beſchluß uͤber mehre von ihnen geforder⸗ 
ten, aber noch nicht zugeſagten Artikel, ſowie uͤber die Anord⸗ 
nung des ihnen ſchon früher zugeſicherten Gerichtstages. Der 
Hochmeiſter willigte in Beides. Zu erſterer wurden aus den 
Gebietigern, Prälaten, Landesrittern und Bürgermeiftern der 
Städte achtundzwanzig Deputirte zur Berathung über die von 
den Verbuͤndeten verlangten Zuſagen auserkoren.) Während 
dieſe aber berathſchlagten und ehe es noch zu einem Beſchluſſe 
kam, traten Hans von Czegenberg, der an der Spitze des buͤndi⸗ 
ſchen Adels ſtand, und Tiedemann von Hirken, der Bürger: 
meifter von Kulm, mit der Forderung hervor: Lande und 
Staͤdte wollten mit dem Hochmeiſter ſelbſt berathen und ihre 
Sache beenden. Dieſer zeigte ſich auch hierzu bereit; allein 
es kam bald zwiſchen ihm und den Sprechern des Bundes 
zu den ernſtlichſten Erklaͤrungen über die gegenſeitige Verbind⸗ 


1) Die Form der Huldigung zu Danzig naͤher beſchrieben im Re⸗ 
giſtr. X. P. 4 u. Fol. A. p. 18. Der Huldigungseid der Danziger, 
Elbinger und Koͤnigsberger im Fol. A. p. 32. Kulm und Thorn, 
heißt es, ſchwuren den kurzen Eid. 

2) Sie begann am Sonntage nach dem Sten Tage des heil. Leich⸗ 
nams und dauerte mehre Tage. 

3) Darunter waren der Biſchof Franciſcus v. Ermland, der Bi⸗ 
ſchof Kaspar von Pomeſanien, der noch anweſende Deutſchmeiſter, die 
Komthure Eberhard von Weſenthau zu Chriſtburg, Soft von Vennin⸗ 
gen zu Mergentheim, Johann Beenhauſen zu Thorn u. a. Unter den 
gandesrittern Both von Eilenburg, Nicolaus von Sparwin u. ſ. w. 


Tagfahrt zu Elbing. (1441.) 11 
lichkeit 


zur Aufrechthaltung der Privilegien und Rechte des 
Ordens 


und des Landes, denn obgleich der Meiſter wiederholt 
erklaͤrte: er werde Landen und Städten ihre Rechte und Frei⸗ 
heiten, wie er bereits vor der Huldigung zugeſagt, unverkünzt 
und ungeſchmaͤlert laſſen, fo wollten dieſe fich doch zu nichts 
weiter als zu der verfaͤnglichen Zuſage verſtehen: ſie goͤnnten 
auch dem Orden ſeine Privilegien und wollten ſie ihm laſſen, 
doch nur ſofern ſie ihren Privilegien unſchaͤdlich und nicht Bin 
ter ihrem Rüden erworben ſeyen. Ja Tiedemann von Hir⸗ 
ken wagte vor dem Hochmeiſter die trotzige Rede: „Habt — 
altere Privilegien, als die unftigen find, fo ſeyd ihr darin, daß 
uns der Orden nochmals Privilegien gegeben, von den eurigen 
abgetreten und habt fie ſelbſt gebrochen. Wir aber werden die 
unſrigen, wenn es Noth iſt, auch wohl ſelbſt mit unſern Haͤl⸗ 


ſen beſchirmen.“ Somit zerſchlug ſich die Verhandlung ohne 
Erfolg, „ 


Mit größerem Vertrauen kamen dem Meiſter auf derſelben 


Tagfahrt Ritter und Knechte der Niederlande entgegen. Ohne⸗ 
dieß mit den Kulmern nicht in ſonderlicher Einigkeit erklaͤrten 
fie offen: fie hätten mit 


dem Bunde nichts weiter zu ſchaffen, 
als daß ſie den Verbuͤndeten verſprochen, ihnen in rechtfertigen 
Sachen beizuſtehen; werde der Meiſter ſie ſchirmen und bei 
ihren Freiheiten laſſen, fo würden fie ſtets feine getreue Mann⸗ 
ſchaft und ihm unterthaͤnig ſeyn. Dieſe treue Ergebenheit der 


Niederlande war offenbar auch mit eine Folge der Verleihung 
mehrer neuer Vorrechte und Freiheiten, womit der Hochmeiſter 
die Gebiete von Sam 


land, Balga, Brandenburg und Raſten⸗ 
burg fuͤr ſich zu gewinnen geſucht. Allen Freien dieſer Ge⸗ 
biete ſollte das Wartgeld erlaſſen ſeyn, mit Ausnahme anbre⸗ 
chender Kriegszeit. In Preuſſiſchen, der Herrſchaft anſterben⸗ 
den Guͤtern ſollte dieſe nur Hengſte und Harniſch nehmen, die 
Hälfte der fahrenden Habe aber der Frau laſſen, ſofern fie im 
Gute nicht Leibgeding habe; fuͤr die andere Haͤlfte ſollte der 
neue Empfaͤnger des Gutes nach der Herrſchaft Erkenntniß 


1) Die Verhandlungen im Regiſtr. X. p. 5—6. Fol. A. p. 18— 19. 


12 Tagfahrt zu Elbing. (1441.) 


vorhandenen Toͤchtern eine gebuͤhrende Ausrichtung beſorgen. 
Kein Pfleger, Kämmerer oder Amtmam ſollte die Preuſſen 
mit ihren Pferden mit Dienſten in der Wildniß, zur Jagd oder 
mit ungewöhnlichen Geſchaͤften beſchweren. Beim Tode eines 
Preuſſen auf einem Kulmiſchen Gute ſollte die Herrſchaft darein 
keinen Einfall thun, ſondern das Gut nach Kulmiſchem Rechte 
vererben. Kein Freier ſollte auf den Ordenshaͤuſern baͤuerliche 
Arbeit leiſten; nur die Richthaͤuſer und Richthoͤfe ſollten ſie 
bauen und wenn der Hochmeiſter auf die Haͤuſer ziehe, 
darauf die altgewohnten Dienſte thun.) Mit gleicher Guͤte 
gewaͤhrte Konrad auf der Tagfahrt zu Elbing auch denen aus 
dem Gebiete von Chriſtburg ihre Bitte, ihnen „die Preuffifche 
Waide“ nach alter Gewohnheit zu laſſen, ſofern ſie dabei nicht 
Neuerungen beabſichtigten.) Wie aber mit ſolcher Milde ges 
gen die Bittenden, fo trat er den trotzig Fordernden mit Ernſt 
und mit der Kraft ſeiner Rechte entgegen. Als daher auf dem⸗ 
ſelben Tage die Sprecher des Bundes ihm die Forderung vor⸗ 
legten: er ſolle dem Wartgelde, dem Schalviſchen Korn und 
dem Mahlpfennige entſagen, ſuchte er Anfangs die Berathung 
darüber auf ſpaͤtere Zeiten zu verſchieben. Da ſie aber, damit 
nicht beruhigt, keck erklaͤrten: ſie wollten fortan überhaupt aller 
Unpflicht und alles deſſen, was nicht in ihren Verſchreibungen 


1) Die näheren Beſtimmungen des HM., d. Preuff. Eifau am T. 
Donati (1441) im Regiſtr. X. p. 9. Fol. A. p. 22 — 23. Es find 
darunter noch einige andere minder wichtige Bewilligungen. Vgl. oben 
B. VI. S. 667 — 669. Der HM. ſagt ausdrücklich: er gebe den 
genannten Gebieten die Bewilligungen, „weil fie allewege und ire alt: 
eldern und nemlich in deſen harten Zeiten als gute getruwe lewte bei 
dem Orden gefaren und fich nicht in den bunt gegeben haben u. |. w.“ 

2) Regiftr. X. p. 8. Fol. A. p. 22. Es iſt bier nicht ganz klar, 
was es mit der „Preuſſiſchen Waide oder Wayde“ für eine Bewandt⸗ 
niß hatte. Es iſt offenbar von Jagd oder Jagdrecht die Rede, indem 
Waide oder das veraltete Wort Weide Jagd bedeutet, wie wir noch 
das zuſammengeſetzte Wort Weidmann haben. „„Preuſſiſche Waide oder 
Weide“ wuͤrde demnach die Jagdgerechtigkeit ſeyn, wie ſie z. B. den 
im oͤſtlichen Ermland wohnenden Preuſſen unter gewiſſen Bedingungen 
und Leiſtungen ertheilt war; ſ. oben B. VI. S. 643. 


Bauernaufrubr im Ermland. (1441.) 13 


ſtehe, ſchlechthin uͤberhoben ſeyn, weder Wartgeld noch Schal⸗ 
viſches Korn mehr geben und darüber ſich aller fernern Tags⸗ 
verhandlungen entſchlagen, fo ftellte ihnen der Meiſter, ſie auf 
ihre pflichtmaͤßige Leiſtung ſeiner und des Ordens landesherr⸗ 
lichen Forderungen und Rechtsanſpruͤche hinweiſend, den Gang 
einer rechtlichen Entscheidung entgegen. Dieſen nahmen fie 
jedoch nicht an, weil ihnen, wie fie erklärten, hiezu die nöthige 
Vollmacht fehlte, und fo blieb alles vorerſt dahin geſtellt, denn 
ſo gerne auch Konrad in billigen Dingen nachgab, ſo wenig 


ließ er ſich doch Rechte abtrotzen, die aus alten Zeiten ihm als 
ſolche zugebracht waren. » 


Auf derſelben Ta 
ſache zur Verhandlung, welche bewies 


ndvolk ergriffen hatte, welches, obgleich nicht mit im 

ng im Lande benutzen mochte, 
um nach Verbündeten ſich beſchwerlicher 
Buͤrden zu entledigen. Ein großer Theil der Bauern des 
Ermlaͤndiſchen Domkapitels im Kammeramte Melſack hatten, 
durch ihre Schultheißen verleitet, den Stiftsherren ſchon uͤber 


Jahr und Tag die Leiſtung des Schaarwerkes und anderer 
Verpflichtungen verweigert. 2) 


Biſchofe trat dieſer mit den W 


Bunde, 


in alter Weiſe leiſten, das 
n, wie ſonſt gewoͤhnlich, fuͤr gewiſſe Lei⸗ 
ſtungen eine billige Vergütung thun, nichts Unbilliges verlan⸗ 
gen und die etwa ſonſt noch ſtreitigen Punkte durch vier red⸗ 
liche Maͤnner unterſucht und ſchiedsrichterlich beſeitigt werden 
—̃ ä— 


1) Die Verhandlungen darüber im Regiſtr. X. p. 7 — 8. Fol. 
A. p. 20 — 21. 


Es wird ausdruͤcklich erwaͤhnt, daß die Niederlaͤnder 
an dieſer Forderung nicht Theil genommen. 
2) Nach einer Urk. des Biſchofs von Ermland waren die Doͤrfer 
Sonnenwalde, Lichtenwalde und einige andere nichtſchaarwerks pflichtige 
davon ausgenommen. 


14 Bauernaufruhr im Ermland. (1441.) 


ſollten. Sofern ſich dieſe nicht vereinigen koͤnnten, ſollte die 
Sache auf naͤchſter Tagfahrt zu Elbing dem gemeinen Gerichte 
zur Entſcheidung vorgelegt werden. Allein eine andere 
Deutung dieſes Beſchluſſes durch die an der Spitze der Bauern 
ſtehenden Stimmfuͤhrer brachte neuen Zwiſt herbei. Die Dom⸗ 
herren, mit dem Schaarwerk, welches die Bauern leiſten woll⸗ 
ten, keineswegs zufrieden, glaubten ihr Recht immer noch viel 
zu ſehr beeinträchtigt, klagten nicht nur beim damaligen Statt⸗ 
halter des Hochmeiſters uͤber die Schmaͤhungen und Schimpf⸗ 
reden, die ſich das Bauernvolk gegen ſie erlaubte und ſprachen 
ſeine Hülfe an zur Aufrechthaltung ihrer Rechte, ſondern 
erſuchten auch den Biſchof um die Erlaubniß, eine kaiſerliche 
goldene Bulle beim Rom. Könige geltend machen zu dürfen, 
damit dieſer den Hochmeiſter beauftrage, von den Bauern eine 
Strafſumme von hundert Mark Goldes zu erzwingen, denn 
um ſo viel ſtrafte die Bulle ſolche, die ohne Recht die Kirche 
ihrer Beſitzungen beraubten. Der Biſchof indeß widerrieth 
diefen Schritt, der das arme Landvolk völlig zu Grunde richten 
und den Hochmeiſter in unangenehme Verhaͤltniſſe ſetzen werde. 
Allen Gewaltmaaßregeln abgeneigt, ſchlug er eine ſchiedsrich⸗ 
terliche Entſcheidung auf der Tagfahrt zu Elbing vor und beide 
Theile genehmigten dieß.) Hier wurden aus den Bifchöfen, 
Komthuren, Landen und Staͤdten ſechzehn Schiedsrichter erko⸗ 
ren, die nach gruͤndlicher Erwaͤgung gegen die Bauern das 
Urtheil ſprachen: von den Schultheißen des Kammeramtes 
Melſack ſoll zur Buße ein Stein Wachs, von Benedict von 
der Gaile und andern Bauern, die ſich jenen angeſchloſſen, 
ein halber Stein und von den Dörfern, die ſich ungehorſam 


1) Schr. des Biſchofs von Ermland an die Domherren, d. Heils⸗ 
berg Sonnt. nach Purif. Mariä 1441. 

2) Schr. der Domherren von Frauenburg an den Statthalter, d. 
Frauenb. Donnerſt. vor Invocavit 1441. Sie klagen über die „große 
Smoheit und ſchemelichen worthe“ der Bauern. 

3) So in einem vom Kapitel ſelbſt daruͤber abgefaßten Berichte 
Schbl. LXVI. 58. Das Kapitel erklaͤrt ſich nicht uberall zufrieden 
mit des Biſchofs Verfahren⸗ 


b 15 
Bauernaufruhr im Ermland. (1441.) 


Kegen ihre Herrſchaft bewieſen, von vierzig Hufen der — 
zu Frauenburg ein halber Stein Wachs gegeben werden. 0 
jedem der aufruͤhreriſchen Dörfer foll der Schultheiß mit — 
Bauern an einem beſtimmten Tage ungeguͤrtet, barfuß — 
barhaupt zur Kirche nach Frauenburg kommen und in e 5 
Namen ihre Herren wegen des verübten Frevels um ee» 
hung bitten. Wegen des Wartgeldes follen > = 
richter eine Vereinigung verſuchen, wo nicht, ſo ſo — 
das Recht entſcheiden. Die Bauern aber ſollen — * 
ihren Herren nach alter Gewohnheit das gewöhnliche * 
werk leiſten, jedoch von ungewoͤhnlichem befreit ſeyn. 5 h 
leiden fie Gedrang und Gebrechen in ihrem Rechte, ſo ſoll der 
Biſchof, wie er es ſchuldig iſt, ihnen zu ihrem Rechte verhel⸗ 


fen. Die Schultheißen follen Übrigens ihre Gerichte behalten 
nach Laut ihrer Briefe. 2 


Das Bauernvolk wollte ſich indeß dieſem Spruche Feines» 
wegs unterwerfen. Es verſtrich ein halbes Jahr, wahrend 
deſſen die Widerſpaͤnſtigen ſich nur noch feſter, ſelbſt mit Eid⸗ 
ſchwur, wider das Kapitel verbanden und auch des Biſchofs 
Bauern, wiewohl vergeblich, zum Ungehorſam aufzuwiegeln be⸗ 
muͤht waren. Umſonſt verbot ihnen das Domkapitel ihre Ver⸗ 


ſammlungen und die Erhebung eines Schloſſes von des Ka⸗ 
pitels Leuten. Man 


der Meiſter ſandte eine wuͤrdige 
Bauern; 8) fie verſchmaͤhten aber die Ver⸗ 
mittelung; auch ſein Verbot ihrer Verſammlungen wurde nicht 
geachtet. Ausfluͤchte, hoͤhnende und frevelhafte Reden waren 


— ̃ — 


1) Als ungewoͤhnliches Schaarwerk wird angeführt Holzfuhr, Holz⸗ 
flößen, Lehmfuhre, Hülfsdienſte zur Fiſcherei und dgl. 11 „ 

2) Die Urkunde, d. Elbing Freit. vor Viſitat. Mariä 1441 25 
Archiv des Domtapitels zu Frauenburg I. 19, Abſchrift im geh. Ar⸗ 
chiv zu Koͤnigsberg im Frauenburger Copiebuch p. 601. 


3) Naͤmlich den Komthur zu Balga, den Offeial von Rieſenburg, 
Hans von Czegenberg. 


16 Bauernaufruhr im Ermland. (1441.) 


die Erfolge aller friedlichen Bemuͤhungen. Selbſt in der Ge⸗ 
ſandten Gegenwart wagte es der Sprecher des Bauernvolkes 
Benedict von der Gaile die Aufrührer durch freche Worte noch 
mehr zu verhetzen. Mit dem bloßen Erlaß des ungewoͤhnlichen 
Schaarwerkes wollten ſie ſich auf keine Weiſe befriedigen.“ 
Der Biſchof wiederholte ſeine Verſuche, das Volk zum Gehor⸗ 
ſam zurückzuführen. Auf einer Tagfahrt zu Braunsberg er⸗ 
mahnte er ſelbſt die Vorgeladenen noch einmal zur Erfuͤllung 
des gefällten Spruches und vermittelte dann auch zu Melſack 
eine Verhandlung mit dem Domkapitel. Da indeß die Bauern 
jeden Vorſchlag zur Ausgleichung trotzig verwarfen, ſo ergriff 
er endlich ernſtere Mittel und ließ eine Anzahl der Aufruͤhrer 
ohne weiteres ins Gefängniß werfen. 

Der Hochmeiſter aber jetzt in Beſorgniß, die Flamme 
moͤge bald weiter greifen, berief eiligſt im Anfange des Jahres 
1442 Lande und Städte zu einer Tagfahrt nach Marienburg“ 
und legte ihnen alle bisherigen Verhandlungen vor, nicht ohne 
Hinweiſung auf die gefährlichen Folgen, die, wie das Beiſpiel 
der Boͤhmiſchen Unruhen zeige, aus ſolchem Aufruhr entſpringen 
koͤnnten, wenn nicht das wilde Feuer im Beginne erſtickt werde, 
zumal da er bereits die Nachricht hatte, daß die Bauern ſich 
auch Anhang im Gebiete des Ordens zu verſchaffen ſuchten. “) 
Allein er täufchte ſich in der Hoffnung, daß die Stände felbft 
Zwangsmittel in Vorſchlag bringen wuͤrden; es half auch 
nicht, daß er ſelbſt auf ſolche hindeutete, denn die Ritterſchaft 
ſtimmte dafuͤr: man ſolle die Sache noch bis zu einer andern 
Tagesverhandlung anſtehen laſſen und noch einmal den Weg 


1) Die Verhandlung zwiſchen den Abgeſandten und den Bauern 
im Regiſtr. X. p. 27 — 28. 

2) Nach dem Berichte Schbl. LXVI. 58. Schr. des Biſchofs an 
d. HM. d. Heilsberg Dienſt. nach Neujahr 1442 Schbl. LXXVI. 47. 

3) Sie fand Statt am Sonntage des Neujahrs 1442; Regiſtr. 
X. p. 27 — 32. Schbl. LXVI. 55. 

4) Der HM. ſagt den Verſammelten: want wir vornemen, das 
ſich dieſelbige gebure vaſt umbthun u. beſuchen in etlichen unſern ge⸗ 
bieten u. landen. 


‘ 


17 
Bauernaufruhr im Ermland. (1441.) 


der Guͤte verſuchen. Allein davon erwartete er 3 
dern Erfolg.) Mittlerweile jedoch brachte die drohende Som 
des in feinem Gebote und in feiner Pflicht als Be — 
herr mit widerſpaͤnſtigem Geiſte ene e Se f — 
und der geſtrenge Ernſt, womit auch jetz * 5 . a. 
Gefangenſetzung der Raͤdelsfuͤhrer in die Sach 0 Ar br > 
Bauernvolk mehr und mehr zur Beſinnung; un N En 
auch bald dem Rathe von Braunsberg und — ee 
Staͤdten des Bisthums durch eine Vermittelung, u. des B. 
Januar 1442 die Schultheißen und Bauern ſich nm Be 
ſchofs Gnade ergaben, ihm die Entſcheidung ohne wei b dieser 
heimſtellend. Auf einem Tage zu Heilsberg endlich ga = 

nach vielen Verhandlungen mit Rath zahlreicher Sendboten 


von Landen und Städten den Beſcheid: Schultheißen und 
Bauern ſollen den Hochmeiſter 


horſams demüthig 1 
Verleumdung oder 
ſeyn, ebenſo was 
doch ſollen ſie dieſem 
Mark zahlen und bei j 
liefern. Die Bauern 


lle Verſammlungen find unterſagt; bedarf man eine ſolche, 
8 i Un 80 Landpropſtes Beirath. Dem Vogte 
Stellvertreter ſollen die Schultheißen und 
i gehorſam ſeyn und 1 

Herrn in Wuͤrdigkeit und Ehren halten, die erſtern a ER 
Landpropſte aufs neue Treue und Gehorſam 5 85 
zu Elbing gethane Spruch ſoll in allen Punkten — a 
vung kommen, alfo nach deſſen Beſtimmung auch das Scha 1 
werk geleiſtet werden. Das Wartgeld ſoll man ebenſo HR 
andere geben, bis es uͤberhaupt allen erlaſſen wird. a 
den Landleuten nach ihrer Meinung von ihren Herren Unrecht, 


1) Die Verhandlung des HM. mit den Staͤnden im Regiſtr. X. 
b. 27 ff. Schbl. LXVI. 55. 145, 
VIII. 


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18 Bauernaufruhr im Ermland. (1441.) 


fo ſollen fie nicht eigenmaͤchtig gegen dieſe auftreten, ſondern 
es dem Biſchofe klagen, der nach Beirath einiger von Landen 
und Städten nach Recht entſcheiden wird.) Auf ſolche Weiſe 
war der Aufruhr, von welchem auch der Hochmeister für feine Lande 
nachtheilige Folgen befuͤrchtet, durch den Biſchof beſchwichtigt. 
Obgleich nun aber der Hochmeiſter auf der Tagfahrt zu 
Elbing ſeinen Zweck nicht erreicht, ſo war vor allem von 
Wichtigkeit, des Volkes Stimmung in den verſchiedenen Land⸗ 
ſchaſten naͤher zu erforſchen und zu erfahren, wie man ſeine 
Erbietungen aufgenommen habe. Die Komthure mußten daher 
uberall genaue Erkundigungen einziehen und Konrad hatte bald 
die Freude, zu vernehmen, daß ſeine Worte des Friedens und 
der Eintracht bei den Meiſten Anklang gefunden. In man⸗ 
chen Gegenden zwar, z. B. im Gebiete von Rheden und uͤber⸗ 
haupt im Kulmerlande blieb man beharrlich bei der Verwei⸗ 
gerung des Schalvenskorns und Wartgeldes; man wollte den 
Weg des Rechts einſchlagen;? in andern, wie im Lauenburgi⸗ 
ſchen und Oſterodiſchen theilten ſich die Meinungen; viele er⸗ 
klaͤtten, ſich dem Verfahren der groͤßern Staͤdte anſchließen und 
mit ihnen erſt berathen zu wollen.) Noch andere, durch des 
1) Das Original des bifchöflichen Beſcheides, d. Heilsberg am T. 
Agatha nach Purificat. 1442 im Archiv des Domkapitels zu Frauen⸗ 
burg L. 8, Abſchrift im geh. Archiv zu Koͤnigsberg; im Frauenburger 
Copiebuch p. 605. Baczko B. III. S. 375 — 380. Es enthaͤlt 
noch einige andere minder wichtige Punkte. Ueber die dem Beſcheide 
des Biſchofs vorangegangenen Verhandlungen der Bericht Schbl. LXVI. 
38. Die Geſchichte des Aufruhres erzählen auch Leo p. 259 und Tre- 
zerus de Episcop. eccles. Warm. p. 40; allein fie fuͤgen manches hin⸗ 
zu, was ſich urkundlich nicht erweiſen laßt, z. B. daß die Bauern zum 
Theil mit Landesverweiſung beſtraft worden ſeyen. Wahr aber iſt, 
daß der Biſchof, wie Treter. I. o. ſagt praecipuos eorum (rusticorum) 
Duces capi ot comprehendi praecepit et ligatos partim Allesteinium partim 
Seheburgum carcere et turri coercendos ablegavit, infimos vero quosque 
Heilspergae in turrim coniecit, paneque et aqua duntaxat sustentavit etc, 
2) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Rheden am T. Margare⸗ 
tha 1441 Schbl. LXXIII. 79. 
3) Schr. d. Vogts v. Lauenburg, d. Sonnt. nach Margaretha 1441 
Schbl. LIX. 29. Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Hohenſtein Sonnt. 
nach Jacobi 1441 Schbl. LXXVI. 62. 


Gunſtbezeugungen d. HM. gegen Lande u. Städte. (1441.) 19 


Hochmeiſters Erbietungen vollkommen zufrieden geftellt, bezeug⸗ 
ten Öffentlich, fie wuͤrden ihrem Landesherrn immerdar getreu 
bleiben und ſich dem Orden ſtets als gehorſame Unterthanen 
beweiſen, ſo in den Städten des Niederlandes Bartenſtein, 
Landsberg, Zinten, Heiligenbeil, Schippenbeil, Raſtenburg, eben: 
fo die Ritterſchaft in den Gebieten von Balga und Branden⸗ 
burg, die am Bunde gar nicht Theil nehmen wollte, D desglei⸗ 
chen im Gebiete von Brathean, auch jenſeits der Weichſel in 
den Komthurbezirken von Mewe und Tuchel. Die Städte 
Stargard und Mewe betheuerten ausdruͤcklich dem Hochmeiſter 
ihre treuſte und unwandelbare Ergebenheit.) Das Wichtigſte 
aber war, daß ſich ſelbſt in den großen Staͤdten, wie in Thorn 
und Danzig eine gemaͤßigtere Stimmung zeigte; ſie ſprach ſich 
zwar nicht ganz offen aus und man erklaͤrte immer, ohne Mit⸗ 
rath und Zuſtimmung der Lande könne in der Bundesſache 
kein wichtiger Schritt geſchehen. Allein in Thorn ſtand die 
Neuſtadt mit ihren Behörden und in Danzig die Altſtadt und 
Jungſtadt ſchon entſchieden mehr als zuvor auf des Ordens 
Seite, obgleich die letztern ſich vom Bunde keineswegs losge⸗ 
ſagt. Auch der Bürgermeifter von Kulm Tiedemann von Hir⸗ 
ken verrieth für den Orden guͤnſtigere Geſinnungen. ® 


Um ſo mehr war jetzt der Hochmeiſter bemuͤht, Landen 
und Staͤ unſti ihei i 


1) Schr. der 


Ritterſchaft und der genannten Städte o. D. Schbl. 
LXXXII. 77 


d. Tuchel am T. 5 
thes und der Gemeine von Mewe, d. Sonnab. nach Viſitat. Mariä 
1441 Schbl. LIX. 


Viſit. Mariä 1441 
3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen Mont. nach Diviſion. 


Apoſtol. 1441 Schbl. III. 43. Schr. des Fiſchmeiſters v. Putzig, d. 
Danzig Dienſt. vor Magdalena 1441 Schbl. LXXVI. 64. 


2 1 


20 Gunſtbezeugungen d. HM. gegen Lande u. Städte. (1441.) 


trauen Koͤnigsbergs zu gewinnen, ertheilte er dieſem zur Ab⸗ 
huͤlfe mehrer in einem Streite mit dem Ordensmarſchall über 
die ſtaͤdtiſche Handfeſte zur Sprache gekommenen Mißbraͤuche 
und Gebrechen verſchiedene Freiheiten in Beziehung auf freie 
Fiſcherei, Holzgerechtigkeiten und andere ſtaͤdtiſche Verhaͤltniſſe. 
Dann entwarf er mit Rath feiner Gebietiger und des Biſchofs 
von Ermland zu Einſiedel für die Niederlande ein ſ. g. Regi⸗ 
ment oder eine neue Landesordnung, theils um mehre alte Lan⸗ 
desſatzungen von neuem in Erinnerung zu bringen, theils auch 
manche neue Anordnungen feftzuftellen. Zu jenen gehörte das 
Verbot gegen das immer noch im Schwange ſeyende Unweſen 
der Zauberei, ſowie das Geſetz wegen des Beſuches des Got: 
tesdienſtes durch Preuſſiſches Geſinde. Auch in der Geſinde⸗ 
ordnung ward vieles naͤher beſtimmt und neu geſchaͤrft. Die 
Handwerksordnungen ſollten erneuert und aufs ſtrengſte beob⸗ 
achtet, die Gewerke aber unter genauer Aufſicht durch die Buͤr⸗ 
germeiſter gehalten werden. Sehr loͤblich war die Verordnung, 
daß in Staͤdten und Doͤrfern oder Bierſchenken loſes und leicht⸗ 
fertiges Volk, das noch arbeitsfaͤhig, nirgends geduldet werden 
ſolle. Zur Verhütung uͤbermaͤßiges Aufwandes bei Hochzeiten 
und Kindtaufen wurden die früheren Geſetze erneuert 2) ebenſo 
die frühere Verordnung wegen Abſtellung der altuͤblichen Bier⸗ 
bußen und deren Abaͤnderung und Verwendung der Strafgel⸗ 
der zu der Staͤdte und Dorfer gemeinem Nutzen. Andere Be⸗ 
ſtimmungen betrafen den Handel und Verkehr im Lande, die 
Einſtellung des ſ. g. blauen Montages, 3) die Landesſicherheit, 
die ſtrengere Feier der Sonn- und Feſttage u. ſ. w.“ 

1) urk. d. Königsberg am T. Jacobi 1441 Schbl. XXXII. 6. 
LVII. 90. Es geht aus ihr klar hervor, daß ſich der HM. durch die 
Bewilligung das Vertrauen der Stadt erwerben wollte. 

2) S. oben B. VII. S. 506. 

3) Die Beſtimmung wegen der Montagsfeier heißt: das die kow⸗ 
ſeligen Montage, die die handwerker pflegen zu halden, ſulten hertlich 
vorbotten u. abegelegt werden. Zwar iſt das Wort „kowſelig“ uns 
deutlich; es ſcheint damit aber offenbar der blaue Montag gemeint zu ſeyn. 

4) Diefe ſ. g. „Ausſatzung oder Regiment,“ entworfen am Abend 
Laurentii 1441 im Regiſtr. am Schluſſe. 


Gunſtbezeugungen d. HM, gegen Lande u. Städte. (1441.) 21 


Güter, die der Orden nach Ausſterben des Mannsſtammes als 
gemeine Le 


Ritterdienſt 


Wachs, Korn und Weizen liefern mußten, worüber ſchon öfter 


Klage geführt worden) die wichtige und allen erwuͤnſchte Ver⸗ 
Anderung traf, daß, wenn in ſolchen Gütern nach Ausſterben 
des männlichen Stammes (alſo im Falle des Heimfalles an 


einen ehrbaren Mann aus des Ordens Die: 
efem die Güter ohne Widerſpruch überweifen 
{ er Pflicht, die andern Jungfrauen nach Ver: 
mögen der Güter und der Herrſchaft Erkenntniß gebührend 
auszuſtatten. Sofern aber alle Jungfrauen noch unmannbar, 
ſo ſolle der Herr, in deſſen Gebiet das Gut liege, dieſes einem 
der naͤchſten Freunde übergeben, der jaͤhrlich über die Verwal: 
tung bis zur Mannbarkeit der Jungfrauen Rechnung ablegen 
ſolle. Damit war alle Mißhelligkeit, die bisher zwiſchen dem 
Orden und den erwaͤhnten Beſitzern auf Erbrecht obgewaltet, 
hingelegt.) Daſſelbe Vorrecht in Beziehung auf das Erbrecht 
— — 


1) Was unter der „Pomeſchen Bank“ zu verſtehen ſey, iſt nicht 
klar. Das Wort findet ſich bald „Pomeſche, bald Pomſche, auch Pomiſche 
Bangk“ (aber nirgends Pommerſche Bank, wie Kotzebue B. IV. 
S. 261. hat) geſchrieben. Es heißt: Dortzu gonnen wir en nach Rathe 
unſer Gebietiger die Pomiſche bangk, als man die von Alders gehal⸗ 
den hat, vordan zu halden, doch alſo beſcheidenlich das fie nach alther⸗ 
komener gewonheit, fo das keyne netofere noch eingerley newe fuͤnde 
darin getragen ader gemacht werden, werde gehalden. Der Ausdruck 
„Bank“ deutet unſtreitig auf das Gerichtsweſen hin, alſo moͤglich, daß 
bier von einer ſ. g. Ritter⸗Bank die Rede iſt; ſ. Voigt Geſch. der. 
Eidechſ. Geſellſchaft S. 191 — 192. 


2) Die Verſchreibung oder „Vereinigung“ hieruͤber, d. Preuſſiſch⸗ 


nern geben und di 
ſolle, jedoch mit d 


22 Gunſtbezeugungen d. HM. gegen Lande u. Städte, (1441). 


erhielten auch Ritter und Knechte auf Pommerellen, jedoch 
mit einigen verſchiedenen Beſtimmungen uͤber das auf die 
Guͤter zu verſchreibende Leibgeding für die Frauen.“ Dage⸗ 
gen erließ ihnen der Meifter die bisher ruͤckſtaͤndige Lieferung 
des Kuh⸗ und Schweinezehnten, woruͤber bisher Streit ges 
herrſcht, verpflichtete fie aber zu kuͤnftiger Leiſtung dieſer Ab⸗ 
gabe; dafür erhielten ſie die hohe und niedere Gerichtsbar⸗ 
keit.?) So ward auf dieſe Weiſe auch hier der Zwiſt zwiſchen 
dem Orden und der Mitterfchaft geſchlichtet und durch des 
Meiſters Klugheit und Milde die Zahl der Freunde des Or⸗ 
dens vermehrt. 

Waͤhrend aber der Hochmeifter in ſolcher Weiſe die Gaͤh⸗ 
rung in ſeinem Lande zu beſchwichtigen und die Aufregung zu 
daͤmpfen ſuchte, wandte er auch den auswärtigen Verhaͤltniſſen 
die unermuͤdlichſte Thaͤtigkeit zu. Mit dem Roͤm. Stuhle zwar 
berührte ſich jetzt der Orden nur wenig. In der damals ſtrei⸗ 
tigen Papſtwahl hielt er es auf des Procurators Anrathen 
noch mit dem Papſte Eugenius dem Vierten, denn noch konnte 
deſſen Gegner Felix der Fuͤnſte beim Orden kein Vertrauen 
finden, ) obgleich er bald nach feiner Wahl durch das Conci⸗ 
lium dieſe dem Hochmeiſter bekannt gemacht und ihn zum 
Gehorſam aufgefordert hatte.) Unerfreulich aber waren die 


Mark Sonnab. nach Nativit. Mariaͤ 1441 Schbl. LXXVII. 67, Re⸗ 
giſtr. X. p. 13. Fol. A. p. 27, gedruckt bei Kotzebue B. IV. 261; 
vgl. Baczko B. III. 218. 

1) Woruͤber die Urkunde die naͤheren Beſtimmungen enthaͤlt. 

2) Die Verſchreibung, d. Mar. am T. Exaltat. Crucis 1441 
Schbl. LIX. 77. Regiſtr. X. p. 10. Fol. A. p. 24; vgl. Baczko 
B. III. 219. 

3) Schr. des Procurators an den Statthalter, d. Florenz am T. 
Marci 1441 Schbl. I. 181. 

4) Bulle des P. Felix, d. Thononii Gebennens. Dioces. Cal, Fe- 
bruar. 1440 an. p. I. Schbl. XI. Sie iſt auch darin merkwuͤrdig, daß 
der daran hangenden Bleibulle der Name des Papſtes fehlt. Der 
Papſt ſagt ſelbſt: nec mireris, quod bulla exprimens nomen nostrum 
non est appensa presentibus, nam hii qui fuerunt hactenus in Roma- 
nos electi pontifices ante sue consecrationis et coronationis solemnia 
in suis bullandis litteris modum hunc observare cousueverunt, 


8 2 
Verhaͤltniſſe zu den Nachbarfuͤrſten. (1441.) 3 


jetzt von neuem angeknuͤpften Unterhandlungen wegen Entrich⸗ 
tung des in Preuſſen wie in Livland geſammelten Ablaßgel⸗ 
des, welches die Kurfürſten für den Erbkämmerer De Re 
Reiches Konrad von Weinsberg! als Belohnung für feinen 
früher dem Concilium zu Baſel geleiſteten Schutz auch vom 
Hochmeiſter forderten.) Er ſuchte nun zwar die Forderung 
von ſich abzuweiſen, weil nach der bei der Sammlung des 
Ablaßgeldes vorgeſchriebenen Art der Aufbewahrung nicht er, 
ſondern die Praͤlaten und Staͤdte des Landes dafuͤr aufkom⸗ 
men follten und nach des Sammlers Anordnung das — 
weder in die Hände des Hochmeisters noch des Ordens gekom⸗ 
men war; allein wir werden ſehen, daß die Verhandlungen da⸗ 
mit noch nicht geſchloſſen waren. 3 , 

Mit den Nachbarlanden ſtand der Meiſter übrigens in 
friedlichen Verhaͤltniſſen und er verſaͤumte nichts, den Frieden 
ungeſtört aufrecht zu erhalten. In dieſem Streben kam ihm 


auch der König Wladislav von Polen ſchon beim Gluͤckwunſche 
wegen ſeiner Hochmeiſterwahl freundlich entgegen ‚ weshalb er 
dieſen auch angelegentlichſt um die Anordnung eines Richtta⸗ 
ges erſuchte zur Beſeitigung aller Irrungen und Mißhelligkei⸗ 
ten ihrer beiderſeitigen Unterthanen. ® Allein ſo ſehr er auch 
beider Seits gewünſcht und fo lebhaft auch die Verhandlungen 
darüber zwiſchen dem Meiſter und dem Erzbiſchofe von Gneſen 
gepflogen wurden, ſo fand doch theils die Wahl der Richter, 
theils die Beſtimmung der zu verhandelnden Gegenſtaͤnde, 
. 

I) Der Kurfürſt 
ſem J. 1441 mit de 
Cod. diplom. Branden 

2) Schr. der Ku 
1441 Rgſtr. VII. 
wig vom Rhein 
dern Schreiben a 


iederi te ihn in die⸗ 
Friederich von Brandenburg belehn 
m Unterkaͤmmereramt des Reiches; ſ. Raumer 
b. T. I. p. 183. 


tfürften, d. Mainz Donnerſt. nach Reminiſcere 
26. Im J. 1442 wandten ſich der Pfalzgraf Lud⸗ 
und der Erzbiſchof Dieterich v. ulm noch in beſon⸗ 
n den HM., d. Heidelberg am T. Circumciſ. Ar. 
1442 u. Frankfurt Mont. nach Laurent. 1442 Schbl. LXIII. 125, 126, 
3) Die Verhandlung wegen des Ablaßgeldes Rgſtr. VII. 26— 28. 


4) Schr. des Koͤniges v. Polen, d. Bude feria II. in vigilia b. 
Jacobi 1441 Regiſtr. VII. 32 — 33. 


24 Verhältniffe zu den Nachbarfuͤrſten. (1441.) 


theils auch die Uebereinkunft über eine für beide Theile bequeme 
Zeit ſo viele Schwierigkeiten, daß die Abhaltung des Tages 
bis ins naͤchſte Jahr verſchoben werden mußte.) Indeß hat⸗ 
ten dieſe Verhandlungen doch den guten Erfolg, daß ſowohl 
der Koͤnig als der Hochmeiſter ſich uͤber die Aufrechthaltung 
des ewigen Friedens ſo beſtimmt erklaͤrten, daß darin kein 
Mißtrauen zwiſchen beiden Statt finden konnte.) Auch der 
Großfürſt Kaſimir von Litthauen, der alles aufbieten mußte, 
um die gegen ihn aufgewiegelten Samaiten zu befänftigen und 
zum Gehorſam zuruckzufuhren, bewarb ſich mit Eifer um 
des Ordens Freundſchaft, verſprechend, er werde dem Hoch⸗ 
meiſter dieſelbe Treue und Ergebenheit beweiſen, wie einſt ſein 
Vorfahr Fuͤrſt Witowd. 9 

Nur mit dem Kurfürſten Friederich dem Zweiten von 
Brandenburg kam der Hochmeiſter bald nach ſeiner Wahl in 
unangenehme Berührungen. Dieſer Fürſt nämlich, kaum zur 
Regentſchaft gelangt, beſchloß ſofort, alles was fruͤherhin das 
Haus Brandenburg in irgend einer Weiſe an ſeinem Beſitze 
aufgegeben oder verloren, in ſeine Hausmacht wieder zu ver⸗ 
einigen, wobei vor allem ſein Blick auf die Neumark gerichtet 
war, zu deren Wiedererwerbung ſchon ſein Vater Friederich der 
Erſte, wie wir hörten, wiewohl vergeblich einen Verſuch ges 
wagt.) Da der Hochmeiſter vernahm, Friederich wolle zuerſt 
den Weg des Rechts, und wenn dieſer ihn nicht zum Ziele 


1) Die Verhandlungen darüber mit dem Erzbiſchofe v. Gneſen u. 
f. w. Regiſtr. VII. 15. 20. 30 — 31. 34 — 35. 41. Der Richttag hing 
bekanntlich mit der Aufrechthaltung des ewigen Friedens zuſammen. 

2) Verhandlung zwiſchen dem Propſt von Poſen Wiſchta von 
Gorka, Sendboten des Koͤniges, und dem HM. Mont. nach Martini 
1441 Regiſtr. VII. 64 — 71. Ordens⸗Chron. p. 180 — 181. 

3) Kojalowicz P. II. p. 187 — 188. 

4) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Koͤnigsb. nach Michael. 1441 
Schbl. XVI. 32. Verhandlung des Marſchalls des Großfuͤrſten mit 
dem HM. Regiſtr. VII. 75. 

5) S. oben B. VII. S. 712. Lancizolle Geſch. der Bild. 
des Preuſſ. Staats B. I. 295. Stenzel Geſch. des Preuſſ. Staats 
B. I. 190. Raumer Codex diplom. Brandenb. T. I. p. 151. 


Verhaͤltniſſe zu den Nachbarfürſten. (1441.) 25 


führe, auch den der Gewalt gegen den Orden einſchlagen, ſo 
ſandte er den Vogt von Brathean an den Röm. Koͤnig, die 
Kurfürften und den Deutſchmeiſter, um auskundſchaften zu 
laſſen, wieweit der Kurfürſt in feinen Bemuhungen am Hofe 
gerichte und beim Concilium bereits gegangen ſey.) Da der 
Weg des Rechts, wie der Meiſter wohl erkannte, fuͤr den Or⸗ 
den nicht anders als guͤnſtig ausfallen konnte, ſo mußte er nur 
darauf denken, wie etwanige Gewaltſchritte des Kurfuͤrſten ab⸗ 
zuwehren ſeyen, und hierbei kam ihm der Wunſch des vom 
Kurfürſten ebenfalls bedrängten Herzogs von Pommern entge⸗ 
gegenſeitiges Hülfsbündniß gegen jeden, der 
len werde, anbieten ließ. Indeß ging der 
Hochmeiſter, da Friederich noch durchaus keinen feindlichen 
Schritt gethan, mit großer Vorſicht zu Werke.) Um zuvor 
des Kurfürſten Geſinnung auszuforſchen, ließ er ihn erſuchen: 
er moge des Ordens Feinde, beſonders die des Vogts der 
Neumark, die ſich in ſeinem Lande aufhielten, nicht ferner dul⸗ 
den und ihnen Schutz gewähren, wie bisher zum Schaden des 
Ordens geſchehen ſey; etwanige Spaͤne zwiſchen ihren Graͤnz⸗ 
unterthanen ſolle der Vogt richten und auf dem Wege Rech⸗ 
tens entſcheiden.s) Des Geſandten Bericht indeß ſcheint kei⸗ 
neswegs befriedigend geweſen zu ſeyn, denn ſogleich nach ſeiner 
Rückkehr erhielt der Pfleger von Buͤtow den Auftrag, ſich in 
perſoͤnlicher Verhandlung mit dem Herzog von Pommern uͤber 
die Abfaſſung des Buͤndniſſes näher zu verſtaͤndigen ) und es 
nl zn Me 

1) Ueber die Sendung des Vogts v. Brathean Rgſtr. VII. 45 — 47. 

2) Die erſten Unterhandlungen darüber begannen zu Pfingſten 
1441, indem der Herzog dem HM. durch feinen Rath Lüdecke Maſſow 
ein Buͤndniß anbieten ließ; Regiſtr. VII. 6 — 7 u. Schbl. XV. 103. 
Der Herzog ließ dem HM. fagen: man vernehme, „das des Marggra⸗ 
fen uffſatz ſey, die Marke wider cu ſich ezu czihen adir wider czu ha⸗ 
ben.“ Sell Geſchichte v. Pommern. B. II. 63. 


3) Aufträge für die Geſandten an den Kurfürften, d. Sonnt. nach 
Corp. Chriſti 1441 Regiſtr. VII. 17. Schbl. XII. 110. 


J Auftrage für den Pfleger v. Buͤtow Dieterich v. Werdenau, d. 
Dienſt vor Margar. 1441 Regiſtr. VII. 18 — 119. 


26 Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark. (1441.) 


geſchah dieß mit günstigem Erfolge.) Die beiden Fürſten 
vereinigten ſich darauf auch ſelbſt bei einer perſoͤnlichen Zuſam⸗ 
menkunft Über die weſentlichſten Punkte der gegenſeitigen Hülfsge: 
noſſenſchaft, wobei jedoch deren foͤrmlicher Abſchluß einer ſpaͤ⸗ 
tern Zeit vorbehalten ward, um zuvor auf einem angeordneten 
Richttage die Mißhelligkeiten der beiderſeitigen Unterthanen aus⸗ 
zugleichen. 

Naͤchſtdem befchäftigten den Hochmeiſter auch lange Zeit 
die Verhaͤltniſſe mit Dänemark. Bald nach feiner Wahl naͤm⸗ 
lich landete unvermuthet bei Danzig der aus ſeinen Reichen 
vertriebene Koͤnig Erich von Daͤnemark. Konrad, damals dort 
eben zur Huldigung anweſend, ritt ihm zum Empfange ent⸗ 
gegen und führte ihn ſelbſt in die Stadt. Da erhob der 
Koͤnig vor ihm und den dort verſammelten Gebietigern die bit⸗ 
terſten Klagen über die Dänen, die ihn feines Thrones, aller 
feiner Schlöffer und alles Eigenthums verratheriſch beraubt 
und aus dem Lande vertrieben. Mit dem Erbieten, den Hoch⸗ 
meiſter und den ganzen Orden als Richter in ſeiner Sache 
anerkennen zu wollen, erſuchte er jenen um Vermittlung bei 
den Daͤnen und ſeinem Schweſterſohne Chriſtoph von Baiern, 
den man bereits nach Daͤnemark gerufen und zum Koͤnige er⸗ 
nannt hatte. Sie ward ihm zugeſagt, worauf er ſich nach 
Stolpe zu feinem Vetter, dem Herzog von Pommern begab.“ 
Auch von dort aus erneuerte er ſeine Bitte, jedoch mit der 
feltfamen Erinnerung: der Orden ſey ja eben dazu geſtiftet und 


1) Verhandlungen des Pflegers v. Buͤtow, Sonnt. nach Bartho⸗ 
lom. 1441 Regiſtr. VII. 25. 


2) Die Zuſammenkunft des HM. mit dem Herzoge, Sonnt. nach 
Michaelis, Regiſtr. VII. 43 — 44. 

3) Die Landung des Koͤniges geſchah Donnerſt. nach Philippi u. 
Jacobi, Megiſtr. VII. 1. Fol. X. 17. Der Konig mußte in einem Pri⸗ 
vathauſe wohnen. Die Daͤniſchen Geſchichtſchreiber erwähnen dieſer 
Flucht Erichs nach Danzig nicht. 

4) Die Verhandlungen zwiſchen dem Könige und dem HM. Re⸗ 
giſtr. VII. 1— 4. 


— 


Verhaltniſſe zu Dänemark, (1441.) 27 


beftätigt, Für 
theidigen. D 


Mittlerweile aber erſchien beim Hochmeifter auch ein Send: . 
bote des neuen Koͤniges Chriſtoph, theils um ihm ſeine Bereit⸗ 
willigkeit zu einer Vermittlung wegen des von den Hollaͤndern 
dem Orden zugefügten Schadens (woruͤber ſchon der vorige 
Meiſter bei der Krone von Daͤnemark Klage geführt) zu bezeu⸗ 
gen, theils einen Verhandlungstag feſtzuſtellen, den die Hollaͤn⸗ 
der ſelbſt zur Entſcheidung der Sache vom Könige verlangt 
hatten. 2 Sichtbar auf des Hochmeiſters Freundſchaft großen 
Werth legend, erbot ſich Chriſtoph aufs freundlichſte zur Ver⸗ 
mittelung, ließ jedoch zugleich den Meiſter auch erſuchen, etwa⸗ 


nige Klagen des Koͤniges Erich gegen ihn nicht weiter zu be⸗ 
achten, und trug ein gegenſeitiges Buͤndniß an, in welches er 
mit dem Orden zu treten wuͤnſchte.) Daruber verlangte Kon⸗ 
rad zuvor eine nähere Mittheilung; 


ſten, Ritter und Knechte zu ſchirmen und zu ver⸗ 


hren Gebietigern und 
ſtaͤdtiſchen Bevollmächtigten über die Strei 


mthur von Danzig Nicolaus 
von Dirſchau und mehre andere nach Kopenhagen abgeſandt. 5 
Ihre Vollmacht lautete: fie ſollten von den Hollaͤndern genuͤ⸗ 
genden Schadenerſatz für alle den Unterthanen des Ordens 
weggenommenen Schiffe und vom Koͤnige von Daͤnemark Be⸗ 
ſtaͤtigung aller fruheren Handelsprivilegien für den Kaufmann 
— 

1) Schr. des Koͤniges Erich v. Daͤnemark, d. Muͤgenwalde am T. 
d. heil. Leichnams 1441 Schöl. XXXI. 46. Regiſtr. VII. 53. 

2) Der Streit betraf vorzüglich noch den Schaden „ den des HM. 
Unterthanen durch die Wegnahme der 22 Schiffe erüitten hatten, worüber 
ſchon unter Paul v. Rußdorf viele Verhandlungen Statt gefunden. 
Willebrandt Hans. Chron. Th. II. p. 93. Köhler Samml. 
Hanſ. Geſchichte v. 215. Hanſeat. Receſſe VI. 499 ff. 

3) Das Anbrir gen des Dänifchen Sendboten Mont. nach Trinit. 
1441 Rgſtr. VII. 9 


4) unrichtig ſetzt Schiaz p. 145 die Sendung dieſer Botfchafter 
noch vor die Wahl des HM. Val. Sartorius Geſchichte des Hanf. 
Bundes B. II. 271, 


28 Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark. (1441.) 


aus Preuſſen verlangen.) Dieſer verhieß ihnen auch bei 
ihrer Ankunft in Kopenhagen allen moͤglichen Beiſtand; allein 
bedenkliche Reichsverhaͤltniſſe riefen ihn ploͤtzich nach Schweden. 
Seine Raͤthe ſuchten nun zwar in den Verhandlungen mit den 
Hollaͤndern eine Ausgleichung herbeizuführen; da dieſe indeß 
ebenfalls mit harten Klagbeſchwerden gegen die Danziger und 
Elbinger auftraten, die Verhandlungen dadurch noch mehr ver⸗ 
wirrt und vom Hauptgegenſtande abgelenkt wurden, uͤberdieß 
auch die von den Ordensgeſandten geforderte Summe des 
Schadenerſatzes den Hollaͤndern viel zu hoch ſchien und dieſe 
nur die Haͤlfte boten, ſo zogen ſich die Unterhandlungen ſo in 
die Länge, daß zuletzt faſt alle Ausſicht zu einem Vergleiche 
verſchwand. ) Statt ſich zu nähern, gingen die Parteien in 
gegenfeitigen Vorwürfen immer mehr auseinander.“) Indeß 
kam endlich im September nach vielen Verhandlungen doch 
ein Vergleich zu Stande, des Inhalts: alle der genommenen 
zweiundzwanzig Schiffe wegen in Preußen oder Livland geſan⸗ 
gen geſetzten Holländer werden frei gelaſſen und ihre Güter 
oder etwanige Schatzung ihnen zuruͤckgegeben; fuͤr jene Schiffe 
und die darin befindlich geweſenen Guͤter zahlen die Holländer, 
Frieslaͤnder und Seelaͤnder den betheiligten Preuffen und Liv⸗ 
laͤndern neuntauſend Pfund Groſchen in vier Terminen; der 
Herzog von Burgund ſoll erſucht werden, dieſe Geldſumme 
ungehindert aus ſeinen Landen ausführen zu laſſen; wegen 
Ausgleichung anderer Beſchwerden und Anforderungen für 


1) Vollmacht und Inſtruction fuͤr die Sendboten, d. Dienſt. nach 
Corpor. Chr. 1441 Schbl. XXXIII. 125. Regiſtr. VII. 12 — 13. Schl. 
79. 10. 

2) Bericht der Ordensgeſandten uͤber ihre Verhandlungen Fol. A. 
29 — 32. Regiſtr. X. 15 — 17. Die Sendöoten des Ordens verlang⸗ 
ten als Entſchaͤdigung für die 22 Schiffe 15,000 Pfund; die Holaͤn⸗ 
der boten nur 8000 Pfund. Nach Fiſcher Geſch. des Deutſch. Han⸗ 
dels B. II. S. 395 ſchlug Danzig den Verluſt auf 30,000 Mark an, 
nach Kohler a. a. O. P. 215. 

3) Fol. A. 30. 

4) Nach Schütz p. 145. ſollten davon 7000 Pfund den Preuffen, 
2000 den Livlaͤndern zufallen. 


Verhaͤltniſſe zu Danemark. (1441.) 29 


genommene Schiffe und ſonſtige Verluſte ſollen der Hochmei⸗ 
ſter und der Herzog von Burgund andere Verhandlungstage 
anordnen; alle neuen Satzungen gegen den Handel der Hol⸗ 
länder in Preußen und der Preußen in Holland, Seeland und 
Friesland verlieren hiemit ihre Wirkſamkeit u. ſ. w. ) 
Inzwiſchen hatte Koͤnig Erich, bereits nach Gothland zu⸗ 
rückgekehrt, den Hochmeiſter wiederholt mit laͤſtiger Zudring⸗ 
lichkeit aufgefordert, ihm wegen der von den Daͤnen ihm zuge⸗ 
fügten Schmach und Gewalt Recht und Huͤlfe zu verſchaffen. 
Die zwar hoͤflichen, aber nichtsſagenden Antworten ſchienen 
ihn kaum zu verdrießen. > Endlich vertroͤſtete ihn der Mei⸗ 
ſter mit dem Beſcheide: er habe den Koͤnig Chriſtoph erſucht, 
ſeine Machtboten nach Danzig zu ſenden zu einem Verſuche, 
die Streitſache in Güte beizulegen.?) Bereits indeß war der 
Komthur von Danzig mit dem Entwurfe eines Buͤndniſſes zu⸗ 
ruͤckgekehrt, wonach zwiſchen dem Orden und dem Koͤnige 
Chriſtoph, der bereitwillig dem Orden und den Staͤdten Preu⸗ 
ßens alle Handelsprivilegien ſeiner Vorfahren von alten Zeiten 
her erneuert und beftätigt hatte „ eine gegenſeitige Huͤlfsge⸗ 
noſſenſchaft auf zehn Jahre geſchloſſen und darin beſtimmt 
war, daß in Kriegsgeſahr einer dem andern mit tauſend Be⸗ 
waffneten Beiſtand leiſten ſolle. War auch im Vertrage des 
Koͤniges Erich nicht erwaͤhnt, ſo zielte auf ihn doch offenbar 
die Beſtimmung, daß ein Theil des andern Widerſacher mit 


1) Der Vertrag, d. Ko 
1441 (ſehr beſchaͤdigt) Schbl 
Dumont. T. III. P. I. 


penhagen Mittw. vor Nativit. Mariä 
- XXX. 44. Regiſtr. VII. 37 — 39, 
P. 106. Liinig T. XIV. Schiitz p. 145; ſ. 
Kotzebue B. IV. 268. Die Zahlung der Summe ſollte alle Weih⸗ 
nachten von 1442 bis 1445 erfolgen. Fiſcher a. a. O. S. 396. 

2) Schr. des Kön. Erich, d. Gothland in der Burg Wisborg am 
T. Jacobi 1441 Schbl. XXXI. 35. Ngſtr. VII. 54. Antwort des HM. 


d. Rothenhaus Mont. nach Aſſumt. Marid 1441 Agſtr. VII. 55. 
Neues Schr. des Koͤn. Erich, d. Wisborg. in profesto nativit. Mariae 
1441 ebend. p. 56. 


3) Schr. des HM. an König Erich, d. Koſſebuͤde Mont. vor 
Michael. 1441 Regiſtr. VII. 57. 


4) Schiitz p. 145, 


30 Tagfahrt zu Elbing. (1441.) 


bekaͤmpfen ſolle.) Jedoch erließ der Hochmeiſter an Koͤnig 
Chriſtoph eine neue Aufforderung zu einer Sendung nach 
Danzig,? denn er hoffte, Erich werde ſich durch irgend einige 
Erbietungen und Bewilligungen leicht zufrieden ſtellen laſſen. 9 

Da nahete die Zeit einer den Staͤnden des Landes von 
neuem anberaumten Tagfahrt zu Elbing, die des Meiſters 
ganze Thaͤtigkeit wieder den innern Verhaͤltniſſen des Landes 
zuwandte.) Das Intereſſe der betheiligten Staͤdte machte 
nothwendig, daß die von den Machtboten des Ordens zu Ko⸗ 
penhagen mit den Hollaͤndern gefaßten Beſchluͤſſe auch von 
Seiten der Stände genehmigt und beſtaͤtigt wurden. Allein 
fo dankbar ſich die Ritterſchaft uber die Bemühungen aus⸗ 
ſprach, durch welche die fuͤr das Land ſo nachtheilige Zwie⸗ 
tracht mit den Hollaͤndern ausgeglichen war, ſo warfen doch 
die Bevollmaͤchtigten mehrer Staͤdte allerlei Ausſetzungen und 
Beſchwerden ein, verlangend, daß einzelne ihr ſtaͤdtiſches Sn: 
tereſſe nachtheilig beruͤhrenden Beſchluͤſſe widerrufen werden 
ſollten. Die Ritterſchaft indeß ſtimmte dem Hochmeiſter bei, 
daß auch in dieſen Punkten kein Widerruf geſchehen koͤnne, da 
man in des Komthurs von Danzig Vollmacht von Seiten der 
Stände ausdrücklich erklaͤrt habe, alle Befchlüffe der Sendbo⸗ 
ten genehmigen und aufrecht halten zu wollen. Die Beſchwerde 
der Städte über die laͤſtigen Vorladungen und Eingriffe der 
Weſtphaͤliſchen Femgerichte in das Gerichtsweſen des Landes, 
die jetzt ſchon immer haͤufiger wurden, verſprach der Hochmei⸗ 
ſter abzuwenden, ſobald ihm die geeigneten Wege dazu moͤglich 


1) Die als Grundlage zum gegenſeitigen Hülfsbuͤndniſſe vom Koͤ⸗ 
nige Chriſtoph vorgeſchlagenen Artikel, vom Komthur zu Danzig dem 
HM. am T. Kreuz Erhöhung vorgelegt, im Regiſtr. VII. 36 — 37. 


2) Schr. des HM. an Koͤn. Chriſtoph, d. Koſſebude Mittw. v. 
Michaelis 1441 Regiſtr. VII. 58. 


3) Schr. des HM. an Chriſtoph Parsberger in Daͤnemark, d. wie 
vor Regiſtr. VII. 60. 


4) Sie begann am T. Catharinä (25 Novemb.) und dauerte mehre 
Tage. 


Tagfahrt zu Elbing. (1441.) 31 


wuͤrden, zumal da er ſelbſt in ſeinem Streite mit Hans David 
durch die Freigrafen bedraͤngt werde. Jedoch gab er den 
Staͤnden zu verſtehen, daß ſie ſelbſt nicht ganz außer Schuld 
bei dieſer Belaͤſtigung durch die Feme ſeyen. » 

Da ſich dem Hochmeiſter aber auch auf dieſer Tagfahrt 
immer noch Spuren von Mißtrauen in ſeine wohlgemeinten 
Abſichten kund gaben und im Lande noch allerlei Gerüchte 
von feindſeligen Gewaltmaaßregeln des Ordens gegen die 
Verbuͤndeten verbreitet wurden, die das Vertrauen und den 
Frieden ſtoͤrten, fo fand er nothwendig, ſich auf dieſer Tag⸗ 
fahrt darüber frei und offen auszuſprechen. „Liebe Ritter und 
Knechte und liebe Getreue,“ ſagte er mit wehmuͤthiger Herzlich⸗ 
keit, „wir vernehmen, daß zwiſchen uns und euch etlicher Un⸗ 
glaube iſt, als daß wir unſere Häuſer beſpeißen aus Noth 
und weil das Getraide wohlfeil iſt, und daß wir zuſammen 


reiten. Das iſt geſchehen, weil wir von unſerem Herrn Röm. 
Koͤnige und den Kurfuͤrſten gen Frankfurt in eigener Perſon 
geladen wurden; wir mußten Sendboten ſchicken, die uns ent⸗ 
ſchuldigten, daß wir in eigener Perſon nicht kommen koͤnnten. 
Nun meinen etliche, daß wir ſolches Zuſammenreiten um nichts 
anders thun, als der Lande und Städte willen, um ihnen 
Gewalt und Unrecht zuzuſuͤgen. So kamen zwei Herren aus 
Baiern, die begehrten unſern Orden und ritten nach Gewohn⸗ 
heit in ihrem Harniſch zum Komthur von Elbing; da mein⸗ 
ten ſogleich etliche, man wolle ſie uͤberfallen und Gewalt und 
Unrecht uͤben. Liebe Getreue, wir bitten euch, ſetzet nicht auf 
uns ſolchen Unglauben und Mißtrauen. Gott weiß, wir ha⸗ 
ben ein ſolches nie Willens gehabt und iſt nie in unſere Her⸗ 
zen noch Gedanken gekommen, jemand zu uͤberfallen oder 
Wege und Weiſe zu ſuchen, um euch zu zwingen und zu 
dringen oder irgend zu beleidigen. Gott weiß, daß uns nicht 
lieb iſt Unfriede, Zwietracht und Widerwille, denn wie mag 
uns baß ſeyn, als daß wir mit euch und ihr mit uns in 


1) Fol. A. 34. Regiſtr. X. 20. Das Nähere darüber in Voigt 
Weſtphaͤl. Femgerichte in Beziehung auf Preußen S. 36 — 37. 


32 Tagfahrt zu Elbing. (1441.) 


Eintracht, Liebe und Freundſchaft lebet! Darum wendet von 
euch ſolchen Unglauben und glaubet ſolchen nicht, die euch 
ſolches ſagen, ſondern glaubet uns; wir lieben euch als un⸗ 
ſere lieben Getreuen und wollen thun bei euch als getreue 
Herren ihren getreuen Unterſaſſen nach allem unſern Vermo⸗ 
gen. Kehret euch nicht daran, ob etliche Unwiſſende und Un⸗ 
erfahrene auf den Ordenshaͤuſern etwas redeten, das da einen 
Mißglauben erzeugen oder jemand verletzen moͤchte. Wir wol⸗ 
len ſchreiben auf alle Haͤuſer und die Gebietiger ernſtlich er⸗ 
mahnen, daß ſie jedermann warnen, daß er zuſehe, was er 
redet. Geſchaͤhe es, daß die Gebietiger ſaͤumlich befunden 
winden, ſo wollen wir ſelbſt nach Klage und Antwort alſo 
viel dazu thun, als ſich das von Recht wird gebuͤhren. Darum, 
liebe Getreue, leget ab ſolchen Unglauben und vertrauet uns; 
wir wollen thun als die getreuen Herren und als wir vor 
Gott und aller Welt verantworten moͤgen.“) — So der 
Hochmeiſter mit aufrichtigen Wohlwollen. Auch der Komthur 
von Elbing Heinrich von Rabenſtein, den man im Lande am 
meiſten verunglimpfte und deſſen Abſichten an vielen Orten 
verdaͤchtigt wurden, ſprach mit eindringlicher Wärme von der 
Redlichkeit ſeiner Geſinnung gegen Lande und Staͤdte, und 
wie er, ſo erklaͤrten ſich auch alle andern anweſenden Gebie⸗ 
tiger: „haltet uns für die, wofte ihr uns billig halten ſollt; 
wir wollen euch wieder halten, als wir es euch pflichtig und 
ſchuldig ſind.“ ? 

Die Reden machten großen Eindruck auf die Verſammel⸗ 
ten und der Tag zu Elbing gewann dadurch auf viele Jahre 
die wichtigſten Folgen. Hans von Czegenberg ſprach im Na⸗ 
men der Ritterſchaft die Freude aus, die des Meiſters Wort 
durch die ganze Verſammlung verbreitet, und man verhieß, das 
aufrichtige Erbieten des Landesherrn auch an die daheim Ge⸗ 


1) Die Rede des HM. im Regiſtr. X. 22. Fol. A. 363 f. Kotze⸗ 
bue B. IV. 37 — 38, wo ſie unrichtig in die erſten Tage des HM. 
Konrad v. Erlichshauſen geſetzt wird. 

2) Regiſtr. X. 23. 


Tagfahrt zu Elbing. (1444 — 1442.) 33 


bliebenen zu bringen, damit auch bei dieſen aller Zweifel und 
Unglaube verſcheucht werde. „Wir hoffen und vertrauen,“ ſo 
endete Hans von Czegenberg feine Rede, „ daß Euere Gnade 
und euere Gebietiger uns getreulich rathen und helfen werden, 
als unſere rechten, getreuen, lieben Herren, wie ihr bisher auch 
gethan. Ihr werdet euerer getreuen Ritterſchaft daſſelbe wohl 
zutrauen, da wir an Euern Gnaden und euerm Orden, wie 
getreue Mannſchaſt bei ihrem Herrn getreulich thun ſoll, ob 
Gott will auch thun wollen, unſern Leib und Gut und unſere 
Haͤlſe fir euern Orden darreichen, wie das unſere Vaͤter und 
wir immer auch gethan haben.“ » Nachdem Hans von Cze⸗ 
genberg im Namen der Ritterſchaft an den Meiſter noch den 
Antrag gerichtet, es möge bald auf einer neuen Tagfahrt uͤber 
neue Willkühren und nothwendige Landesgeſetze, uͤberhaupt uͤber 
eine beſſere Landesverwaltung beſonders in Beziehung auf den 
armen Landmann eine Berathung angeordnet werden, ſprach 
ſich ebenſo Tiedemann von Hirken, der Bürgermeiſter von 
Kulm, im Namen der Staͤdte mit Vertrauen gegen den Mei⸗ 
ſter aus, den Wunſch der Staͤdte aͤußernd, daß ein freier 
Schiffkauf nicht bloß fuͤr die Hollaͤnder nach Laut des ge⸗ 
ſchloſſenen Vertrages, ſondern auch fir die Engländer und die 
Wendiſchen Staͤdte im Lande erlaubt werde. Der Hochmeiſter 
bewilligte es und zugleich auch das Geſuch der Ritterſchaft 
um einen freien Markttag in der Woche, an welchem jeder⸗ 
mann kaufen und verkaufen Tonne, was er wolle, obgleich die 
Staͤdte dieſe Bewilligung ungern ſahen. Damit ging die 
Tagsverſammlung zu Elbing auseinander. 
In Folge dieſer Verhandlungen beſtaͤtigte jetzt der Hoch⸗ 
meiſter den mit den Holländern geſchloſſenen Vergleich mit 
Zuziehung der wichtigſten Städte des Landes. 3) Aber zugleich 


1) Regiſtr. X. 24. Fol. A. 37. 


2) Auf der letzten Tagfahrt zu Elbing hatten die Städte ſich ge⸗ 
gen die Beſtimmung des 


Vertrages, daß die Holländer frei Schiffe 
kaufen koͤnnten, erklärt, 


3) Abſchrift der urkundlichen Beftätigung, d. Elbing Mont, nach 
VIII. 


34 Tagfahrt zu Elbing. (1441 — 1442.) 


galt es ihm nun als die naͤchſte Aufgabe aller feiner Bemuͤ⸗ 
hungen in der innern Landesverwaltung, das Vertrauen, wel⸗ 
ches Lande und Staͤdte gegen ihn ausgeſprochen, in jeder 
Weiſe zu rechtfertigen. Es gingen ſofort Sendboten an den 
Roͤm. König und an die Kurfürſten, bei denen er ſich uͤber 
die Belaͤſtigungen und Eingriffe der Femrichter beſchwerte, 
womit theils der Orden ſelbſt in ſeinem Streite mit Hans 
David, theils mehre ſeiner Staͤdte vielfach bekuͤmmert wurden; 
ſich berufend auf des Ordens Freiheit von aller fremden Ge⸗ 
richtsbarkeit bat er aufs dringendſte um Schutz fuͤr feine Unter⸗ 
thanen gegen die frechen Freiſtuͤhle.) Nich minder fuchte 
er auch den vielfachen Klagen abzuhelfen, welche ſeine Unter⸗ 
thanen gegen Polen theils wegen Hemmung der freien Han⸗ 
delsſtraßen durch das Königreich und wegen Verhinderung des 
freien Handelsverkehrs mit den Polniſchen Staͤdten, mit Kra⸗ 
kau, Sandomir, Lemberg u. a., theils wegen Erhoͤhung der 
Zölle in Polen und der vielen Beläſtigungen auf den Han⸗ 
delswegen durch die Polniſchen Hauptleute und Burggrafen 
zu führen hatten, Klagen, die insgeſammt als dem ewigen 
Frieden zuwiderlaufend angeſehen werden konnten. 2) Sie ſoll⸗ 
ten auf dem im Anfange des Jahres 1442 zu Thorn gehalte⸗ 
nen allgemeinen Richttage genau unterſucht und geſchlichtet 
werden. Allein die Wichtigkeit vieler Klagpunkte, die große 
Zahl der angebrachten Beſchwerden und die Schwierigkeit der 
Verhandlungen ließen die beiderſeitigen Bevollmaͤchtigten zu 


Catharina 1441 Schbl. XXXIII. 42. Regiſtr. X. p. 26. Die Staͤdte 
Thorn, Elbing, Danzig und Riga unterſiegelten. 

1) Aufträge an die Sendboten und Schr. des HM. an den Röm. 
König, d. Mar. am T. Concept. Mariä 1441 Regiſtr. VII. 77 — 83. 
Die dem Hauskomthur von Koͤln gegebenen Aufträge an die Kurfuͤr⸗ 
ſten, d. Sonnab. vor Lucid 1441, ebendaſ. p. 84 — 85. Die Geſchichte 
des Streites des Ordens mit Hans David in Voigt die Weſtphaͤl. 
Femgerichte u. |. w. S. 7 ff. 

2) Die Aufzaͤhlung der zahlreichen Klagpunkte der Ordensuntertha⸗ 
nen Regiſtr. VII. 96 — 103; fie find von Intereſſe, weil ſie uns man⸗ 
chen Aufſchluß uͤber den Handel Preuſſens durch Polen nach Ungern 
und ins ſuͤdliche Rußland geben. 


Tagfahrt zu Elbing. (1441 — 1442.) 35 


keinem feſten Beſchluſſe kommen. 
man wolle alles bis zu einer perfo 
Koͤniges und des Hochmeiſters um 
weil man hoffte, beide Fuͤrſten wu 
über das Wichtigſte verſtaͤndigen.“ 
Auch im Innern des Landes war der Hochmeiſter unab⸗ 
laͤſſig bemuͤht, das neuerweckte Vertrauen der Unterthanen zur 
Landesherrſchaſt noch mehr zu befeſtigen und billigen Wüͤnſchen 
und Bitten ſo viel als moͤglich Gnuͤge zu leiſten. Der Or⸗ 


densmarſchall und der Komthur von Kreuzburg mußten ſich 


mit den Freien im Gebiete von Eilau uͤber die von dieſen ge⸗ 


wuͤnſchte Erleichterung in der Lieferung des Schalvenskornes 
dahin einigen, da 


5 alle Freien, die dieſe Abgabe ſchon von 
Altersher gegeben, ſolche von jetzt an nur jedesmal im dritten 
Jahre liefern ſollten; über Recht und Verpflichtung in dieſer 
Sache ſtellte man gegenſeitig beſiegelte Zusicherungen aus, 2 
Eine gleiche freundliche Vereinigung traf man mit den Freien 
im Balgaiſchen und K 


reuzburgiſchen Gebiete, wo beſonders 
der Landesritter Hans von Ponnaw auf die Freien mit gro⸗ 
ßem Eifer in dieſer Angelegenheit für den Orden guͤnſtig 
wirkte. 3) Daneben fehlte es freilich hie und da auch nicht an 
ſolchen, die immer noch das alte Mißtrauen im Volke, wo ſie 
nur konnten, zu unterhalten oder auch neu anzuregen ſuchten, 
gegen die Obern aufhetzten, zu neuen Forderungen anreizten 


Auslieferung der aus P 
rde zwiſchen den Be 
ia IV infra octavas E. 


Es ward daher beſtimmt, 
nlichen Zuſammenkunft des 
Michaelis anſtehen laſſen, 
rden ſich leichter perfünlich 


1) Nur über die olen ins Ordensgebiet ge⸗ 
flüchteten Bauern wu vollmaͤchtigten ein Beſchluß 
gefaßt, d. Thorun Fer Piphan. 1442 Schbl. 67. 1. 
Negiſtr. VII. 101. Die urk. der Poln. Bevollmächtigten, d. Nyeschowa 
Feria III. infra octavas Epiphan. 1442 Regiſtr. VII. 95. Unter den 
Ordens bevollmächtigten befand ſich auch Hans von Baiſen, der uͤber⸗ 
haupt in den Auegleichungsverhandlungen mit Polen und Maſovien 
jetzt vielfach thaͤrig war. 


2) Schr. des Ordensmarſchalls d. Eilau Dienſt. nach Invocavit 
1442 Schbl. LXXIII. 75 (a). 

3) Schr. des Ordensma 
docav. 1442 Schbl. LXXII 
d. Eilau Sonnab. vor Dcufi 


rſchalls, d. Kreuzburg Donnerſt. nach In⸗ 
1. 76 (a). Schr. des Komthurs v. Balga, 
i 1442 Schbl. LXXIII. 83. 


3 * 


36 Tagfahrt zu Elbing. (1442.) 


und den Geiſt der Unzufriedenheit ſtets zu naͤhren wußten. Im 
Komthurbezirke von Oſterode gingen ſolche Aufhetzungen des 
gemeinen Volkes beſonders von den Staͤdten aus. Aber auch 
die Ritterſchaft hielt dort mit den Kulmern oͤſter noch Zuſam⸗ 
menkuͤnfte zur Berathung uͤber angebliche Ungerechtigkeiten und 
„Unſertigkeiten.““ Ueberhaupt hatte der unzufriedene, miß⸗ 
trauiſche Geift im Oſterodiſchen Gebiete noch am tiefſten Wur⸗ 
zel gefaßt.) 

Theils dieſe hie und da noch obwaltende mißliche Stim⸗ 
mung im Lande, theils haufig einlaufende Klagen uͤber Miß⸗ 
brauche in Staͤdten und auf dem Lande und immer neue An⸗ 
forderungen an die Landesherrſchaft bewogen den Hochmeiſter, 
um die Mitte des März Lande und Staͤdte abermals zu einer 
Tagfahrt nach Elbing zu berufen. Da trat er vor den 
Ständen mit der Vorſtellung auf: es ſey ihm unmoͤglich, das 
Hochmeiſteramt bei dem großen Geldmangel ſeines Schatzes 
mit erforderlicher Würde zu verwalten; ſeine Vorfahren in 
dieſem Amte hätten bekanntlich zur Staats⸗ und Hofhaltung 
des Hochmeiſters gewiſſe Gebiete, die man Kammergebiete 
nenne, angewieſen, uͤberdieß auch eine Schaͤfferei mit einem 
Schatze von mehr als hunderttauſend Mark gehabt; aus bei⸗ 
den habe ein Hochmeiſter ſeinen Hofſtaat und das Haupthaus 
Marienburg würdig unterhalten und Landen und Staͤdten zur 
Unterſtuͤtung noch manche anſehnliche Summe geſpendet. Das 
ſey jetzt alles anders. In den Kammergebieten ſey die Ars 
muth und Verwüͤſtung fo groß, daß die Einkünfte nicht ein⸗ 
mal zum dritten oder vierten Pfennig mehr eingingen; die 
große Schaͤfferei ſey ganz und gar zu Grunde gerichtet und im 
ganzen Lande, wie in den Staͤdten ſo auf dem Lande, ſo 


1) Schr. des Komthurs v. Oſterode an den HM., dem er mel⸗ 
det, daß es in den Staͤdten immer noch manche gebe, „die under die 
lüthe eren bozen Somen ſehen u. boze bilde In vortragen, alſo das 
das folk ungenyget wirt.“ Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Ho⸗ 
henſtein o. D. (1442) Schbl. LXXIII. 85. 

2) Sie ward am Mittwoch nach Lätare 1442 eroͤffnet; Regiſtr. 
X. 35. 


Verhandlung wegen der Zölle. (1442.) 37 


druckende Armuth und Elend, daß er auch von da her die 
noch ausſtehenden Schulden, die auf einige Jahre wohl zu⸗ 
reichen koͤnnten, nicht eingezahlt erhalte. Dieß alles noͤthige 
ihn, Gebrauch von feinen Privilegien zu machen, Zoͤlle aufzu⸗ 
legen und namentlich den Pfundzoll zu erheben. Daß er da⸗ 
zu berechtigt ſey, bewies er den Staͤnden aus dem alten Pri⸗ 
vilegium des Kaiſers Friederich des Zweiten.) Viele erklaͤr⸗ 
ten: ſie wollten den Meiſter gerne bei ſeinen Rechten und 
Privilegien laſſen, wie er ihnen die ihrigen aufrecht erhalte. 
Allein die Kulmiſche Ritterſchaft, an ihrer Spitze Hans von 
Gegenberg, Kunz von Clement, Otto von Plenchau, Nicolaus 
von Senzkau und Georg Maul ſtellten vor, daß fie zu ſolcher 
Einwilligung keine Vollmacht haͤtten und die Sache an die 
Ihrigen zuruͤckbringen mußten, obwohl an einer geneigten Zu⸗ 
ſtimmung nicht zu zweifeln ſey. Ihnen folgten darin auch 
die großen Staͤdte Kulm, Thorn, Elbing, Danzig und Königs⸗ 
berg; doch erklärte auch in ihrem Namen Tiedemann von Hir⸗ 
ken, daß auch ſie bereit ſeyen, den Orden bei ſeinen Privile⸗ 
gien zu laſſen. Er verlangte jedoch zugleich im Namen aller 
Ständer der Meiſter möge das Ablaßgeld, um welches ihn 
abermals einige Kurfürften gemahnt hatten, nicht eher aus dem 
Lande gehen laſſen, als bis man ſehe, wie es damit andere 
Fuͤrſten hielten, und die Praͤlaten des Landes billigten dieſes 
Geſuch. Um ſich die Staͤnde geneigt zu erhalten, willigte der 
Hochmeiſter auch gerne in manche andere an ihn gerichtete 
Forderungen und Wuͤnſche, ſagte ihnen den bereits verſproche⸗ 
nen Richttag auf Martini zu, verſprach auch zweckmaͤßige 
Maaßregeln zur Abhuͤlfe ihrer Klage, daß die Polen in ihrem 
Handelsverkehre nicht die alten Straßen hielten, verhieß neue 
Anordnungen zur Förderung des Handels und Verkehrs, der 
Induſtrie und uberhaupt alles deſſen, was zum Wohl und 


1) Das Vorſtellen des HM. uͤber die Lage des hochmeiſterlichen 
Amtes im Regiſtr. X. p. 33. Auch feine Schilderung von der Beſchaf⸗ 


fenheit des Landes iſt hoͤchſt traurig und unerfreulich. Vgl. Gralath 
Geſchichte v. Danzig B. I. S. 215, 


38 Verhandlung wegen der Zölle, (1442.) 


Gedeihen des Landes diene. Nur in ihre Forderung wegen 
Abſtellung des Mahlpfenniges konnte er nicht einwilligen. 
Somit war ein neuer Streitpunkt hingeworfen. Die 
meiſten kleineren Staͤdte, deren Intereſſe bei Erhebung neuer 
Zölle und beſonders des Pfundzolles weniger im Spiele war, 
wandten zwar nichts dagegen ein und erklaͤrten ebenfalls, daß 
ſie den Orden im Gebrauche ſeiner Rechte und Privilegien 
nicht beſchraͤnken wollten. Auch die Ritterſchaft und die ehr⸗ 
baren Leute des platten Landes ſprachen ſich in Berathungen 
auf ihren Tagfahrten in den meiſten Gebieten, ſelbſt in dem 
von Rheden in Ruͤckſicht der Zölle zwar gleichfalls zu Gunſten 
des Hochmeiſters aus; ) andere der kleinen Staͤdte ſchwankten 
noch und lauſchten, wie ſich die großen Staͤdte in der Sache 
verhalten wurden; einige, wie Graudenz, Leſſen u. a. erklaͤrten 
auch geradezu, daß ſie dem Beiſpiele der großen Staͤdte folgen 
wollten.) Allein in Danzig ließ man mittlerweile Engliſche 
und Flaͤmiſche Schiffe mit ihren Kaufguͤtern ohne Pfundzoll 
aus⸗ und einlaufen. Der Rath der Stadt kümmerte ſich um 
kein Verbot weder des Pfundmeiſters noch des Komthurs, 
hetzte vielmehr die dortigen Engländer und Holländer auf, ſich 
mit ihm vereint der Erhebung des Pfundzolles beharrlich zu 
widerſetzen.) Thorn und Kulm beriefen ſich auf ein altes 


1) Die Verhandlungen dieſer Tagfahrt Regiſtr. X. 35 — 36; der 
weſentliche Inhalt bei Schütz p. 146. 

2) Schr. des Komthurs von Graudenz, d. Mont. nach Judica 
1442 Schbl. LXXVI. 46. Schr. des Komthurs v. Golub, d. Mittw. 
nach Judica 1442 ebendaſ. 29. Schr. des Pflegers v. Papau, d. 
Dienſt. nach Judica 1442 ebendaſ. 37. Schr. des Komthurs v. Rheden, 
d. Donnerſt. vor Palmar. 1442. Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, 
d. Mont. vor Palmar. 1442 Schbl. LX. 128. 

3) Schr. des Vogts v. Noggenhaufen, d. am grünen Donnerſt. 
1442 Schbl. LXXVI. 50. Dieſer Vogt ſcheint ganz beſonders be⸗ 
muͤht geweſen zu ſeyn, auszuforſchen, was in den kleinen Städten 
vorging. 

4) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Sonnab. vor Palmar. 
1442 Schbl. LX. 81. Schr. des Pfundmeiſters zu Danzig, d. Freit. 
vor Palmar. 1442 ebendaſ. 97. 


Verhandlung wegen ber Zölle. (1442.) 39 


Privilegium des Herzogs Sambor von Pommern, welches ſie 
in feinem Gebiete fr frei von allen Zöllen erkläre, D obgleich 
der in der alten Landesgeſchichte wohlbewanderte Biſchof Ka⸗ 
ſpar von Pomeſanien ihnen zu erweiſen wußte, daß dieſe Be⸗ 
freiung ſich nur auf das Landgebiet von Mewe, wo jener Her⸗ 
zog geherrſcht, keineswegs aber auf ganz Pommern und alſo 
auch nicht auf das Gebiet von Danzig beziehe. 2 

Je mehr nun aber der Meiſter ſah, daß ſelbſt die Bun⸗ 
des⸗Staͤdte in Rüͤckſicht der neuen Streitfrage unter einander 
nicht einig ſeyen, um ſo wichtiger ward es fuͤr ihn, zu erfor⸗ 
ſchen, welche unter den kleinern Städten ſich für ihn erklaͤrten 
und welche dagegen ſich den großen Städten anſchließen woll⸗ 
ten, denn er ging dem Plane nach, die Uneinigkeit zu ſeinem 
Vortheile zu bemitzen, die Trennung wo möglich noch zu et: 
weitern und in ſolcher Weiſe, da die Ritterſchaft zum großen 
Theil für ihn günſtig geſtimmt ſchien, vielleicht eine völlige 
Auflöſung des ganzen Bundesverhaͤltniſſes herbeizuführen. Die 
Komthure und Voͤgte wurden daher beaufragt, die Stimmung 
und Geſinnung ſowohl der ehrbaren Leute auf dem Lande als 
der einzelnen Staͤdte aufs genauſte auszuforſchen, und der 
Meiſter vernahm bald von vielen Seiten her, daß man, dem 
Orden meiſt guͤnſtig und geneigt, den Rechten deſſelben in 
keiner Weiſe entgegentreten und der Erhebung der Zölle auch 
keine Schwierigkeiten entgegenlegen wolle.) Manche Staͤdte 


* 
1) S. oben B. III. S. 29, wo zu Kulm auch Thorn hinzugefügt 
werden muß, wie eine neuaufgefundene Urkunde ausweiſet. 
2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenburg am Palm = 


Sonnt. 1442 Schbl. LXV. 25. Die Nachweiſung geſchah theils aus 
namhaft gemachten Documenten, theils durch chroniſtiſche Angaben. 
Der Biſchof 


erwähnt einer Chronik, die er von Niklas Felgenhauer 
genommen und fuͤr ſich habe ausſchreiben laſſen. 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am guten Freit. 1442 Schöl. 
LII. 98. Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Warz am Oſterabend 
1442 Schbl. LXXVI. 40. Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Tu⸗ 
chel Freit. vor Oſtern 1442 Schbl. LIX. 126. Schr. des Komthurs 
v. Mewe, d. Stargard Dienft, vor Oſtern 1442 ebendaf. 98. Schr. 
des Vogts v. Dirſchau, d. Liebenhof Dienſt. zu Oſtern 1442 ebendaſ. 


40 Verhandlung wegen der Zölle. (1442.) 


erklaͤrten bereits offen, daß fie den Ladungen der großen Staͤdte 
auf Tagfahrten nicht mehr Folge leiſten und uͤberhaupt an 
ihrer Sache wider den Orden nicht ferner Theil nehmen wuͤr⸗ 
den.) Im Oſterodiſchen Gebiete wirkte vorzuͤglich der Lanz 
desritter Sander von Baiſen auf die Stimmung der Staͤdte 
für den Orden guͤnſtig ein, fo daß ſich auch dort bald nur 
noch eine und die andere fand, die dem Vorgange der großen 
Staͤdte folgen wollte.) Ueberhaupt ſprach ſich in den klei⸗ 
nern Staͤdten ziemlich allgemein die Meinung aus: „man 
wolle ſich dem Hochmeiſter als Landesherrn und dem Orden 
in einer Weiſe bezeigen, wie es guten, getreuen Unterthanen 
gebühre und Unterthanenpflicht es erfordere. . 

Um ſo mehr blieb auch jetzt der Hochmeiſter, ſelbſt durch 
des Ordensmarſchalls Rath dazu angeregt,“) feſt entſchloſſen, 
dem Anſinnen der großen Staͤdte nicht nachzugeben. Als da⸗ 
her ihre Machtboten im Anfange des Aprils zu Marienburg 
vor ihm erſchienen, um ihn zu vermoͤgen, von der neuen Zoll⸗ 
erhebung abzuſtehen, ließ er ſich durch keine Vorſtellung bewe⸗ 
gen, etwas von ſeinem Rechte aufzugeben. Die Verhandlung 
blieb fruchtlos, denn wie der Meiſter an den ihm zuſtehenden 
Oberhoheitsrechten und Privilegien, ſo hielten die Sendboten an 


201. Schr. des Vogts v. Leipe, d. Bothen Mittw. nach Oſtern 1442 
Schbl. LX. 110. Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Heinrichsdorf 
Dienſt. zu Oſtern 1442 Schbl. LXXVI. 44. 

1) Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. am T. Ambroſi 1442 
Schbl. LXXIII. 88. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Donnerſt. 
vor Quaſimodogen. 1442 Schbl. LX. 138. 

2) Schr. des Sander v. Baiſen an den Komthur v. Elbing, d. 
Mohrungen Dienſt. nach Palm. 1442 Adelsgeſch. B. 96. Schr. des 
Komthurs v. Elbing, d. Holland Mittw. zu Oſtern 1442 Schbl. LX. 
137. 

3) Schr. des Komthurs v. Balga, d. am Oftertage 1442 Schbl. 
LX. 138. 

4) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Brandenburg Donnerſt. nach 
Ambroſti 1442 Schbl. LXXVI. 27: der HM. möge ſich nur „hart“ 
in den Sachen halten und nichts zuſagen; man meine ſelbſt in Koͤ⸗ 
nigsberg, er werde durch Feſtigkeit feinen Willen ſchon behalten. 


Verhandlung wegen des Pfundzolles. (1442.) 41 


den ihnen gelobten Freiheiten feſt. Selbſt der Bitte der 
Danziger, die bereits fegelfertigen Schiffe zur Ausfahrt frei zu 
laſſen, gab er kein Gehör, erwiedernd: fie koͤnnen ungehindert 
ausſegeln, ſobald fie gegeben, was uns gebührt.) Dabei war 
es vor allem wichtig, daß die beiden angeſehenen Landesritter 
Hans von Czegenberg und Hans von Baiſen uberall, wo fie 
konnten, fuͤr den Orden günftig wirkten, denn jener, vorzuͤglich 
durch den Komthur von Rheden gewonnen, erbot ſich jetzt 
dem Hochmeiſter in allem, wozu er verpflichtet ſey, mit Rath 
und Hilfe zu Dienſt zu ſtehen und fein Einfluß zeigte fich 
bald bei der geſammten Ritterſchaft des Kulmerlandes, wo 
man ſchon von einer foͤrmlichen Trennung von den großen 


Städten ſprach. Auch Hans von Baiſen ſtand dem Meiſter 
treu zur Seite; er und der Komthur von Elbing gaben ihm 
den Rath, vor allem die drei Staͤ 


dte Thorn, Kulm und Grau⸗ 
denz, die ſich im Kulmerlande am meiſten widerſetzten, zu einer 
beſtimmten Erklaͤrung aufzufordern, damit dann mit Nachdruck 
irgend ein entſcheidender Schritt ge 


ſchehen koͤnne. Dem ſtimmte 
auch Hans von Czegenberg bei?) und dem Großkomthur ſchien 
es um ſo nothwendiger, weil von einem neuen Bundestage 


die Rede war, auf welchem zu Marienwerder die Staͤdte Dan⸗ 
zig, Elbing und Königsberg ſich der Ritterſchaft wieder naͤher 
anzuſchließen bofften.?) Alſo lud der Hochmeiſter zuerſt die 
Städte Kulm und Thom zu einer Tagfahrt nach Mewe. 
Von ihm dort zu einer beſtimmten Erklarung aufgefordert: ob 
ſie ihn bei ſeinen kaiſerlichen Privilegien laſſen wollten, wichen 


1) Diefe Verhandlung zu Marienburg fallt auf den Sonnt. Qua⸗ 
ſimodogen. Regiſtr. X. 36— 44. Schätz p. 147. 

2) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Hof zu Polniſch⸗Schwez 
Sonnab. vor Quaſimodogen. 1442 Schbl. LXXVI. 49. Schr. des 
Komthurs v. Elbing, d. Neuenhof bei Elbing Freit. nach Quaſimo⸗ 
dogen. 1442 u. Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Freit. nach 
Quaſimodogen. 1442, woraus die thaͤtige Einwirkung Hanſens v. 
Baiſen zu Gunſten des HM, ſehr einleuchtend wird. 

3) Schr. des Großkomthurs, d. Danzig Sonnab. nach Miſericord. 
1442 Schbl. LXXVI. 39, 


42 Verhandlung wegen des Pfundzolles. (1442.) 


ſie jedoch der Antwort aus, meinend, ſie muͤßten ſich daruͤber 
zuvor auf dem anberaumten Bundestage mit den andern 
Staͤdten berathen. Der Meiſter ließ es zu und lud, als der 
Tag zu Marienwerder gehalten war, auch die übrigen drei 
Staͤdte zur Verhandlung nach Mewe ein. Sein Streben 
ging jetzt offenbar darauf hin, Thorn und Kulm wo moͤglich 
von den andern Staͤdten zu trennen. Mit ihnen ſuchte er da⸗ 
her beſonders zu verhandeln, als Grund angebend, ſie ſeyen 
durch die Kulmiſche Handfeſte beſonders privilegirt und vom 
Pfundzolle frei, weshalb fie auch feinen Gerechtſamen um fo 
weniger widerſprechen wuͤrden. Auch Hans von Czegenberg 
ſuchte auf die Städte einzuwirken; D ſie erklaͤrten indeß: fie 
koͤnnten in der gemeinſamen Landesſache ſich nicht trennen und 
wuͤrden dem Meiſter eine gemeinſame Antwort ertheilen. Sie 
erfolgte, lautete aber dahin: die Staͤdte verlangten allzumal, 
der Orden ſolle ſie bei ihren Freiheiten laſſen und mit dem 
Pfundzolle oder andern Zoͤllen nicht beſchweren. Da dieß dem 
Hochmeiſter nicht genuͤgte, ſo trat der Buͤrgermeiſter von Dan⸗ 
zig in der Uebrigen Namen auf, um die verderblichen Folgen 
des Pfundzolles fuͤr den Handel mit den Englaͤndern und 
Hollaͤndern vorzuſtellen, weil beide den Zoll nicht entrichten 
wollten. Der Meiſter aber erwiederte: „die Holländer habe er 
bereits uͤberfuͤhrt und beruhigt und den Englaͤndern ſey von 
Zollfreiheit nichts verſprochen.“ Wohl weiß ich, fuhr er dann 
fort, was ihr argwoͤhnet. Es gehen Geruͤchte im Lande, der 
Orden wolle das Land mit allerlei Zoͤllen, Zinſen, Beden und 
andern Abgaben belaſten. Man ſucht damit das Volk nur zu 
verhetzen. Man ſagt: der Orden laſſe das Haus zu Danzig 
bemannen, um die Stadt zu uͤberfallen. Ja in Elbing geht 
die Rede, als habe das Kalb, auf deſſen Haut das alte kai⸗ 
ferliche Privilegium geſchrieben ſey, noch vor einem Jahre ge: 
weidet; der Orden habe ſich des Biſchofs von Rieſenburg und 


1) Hierüber muß Schlitz p. 147 — 148 mit dem Berichte über 
dieſe Tagfahrt im Regiſtr. X. 45 — 47 verglichen werden; beide ergaͤn⸗ 
zen einander. 


Verhandlungen wegen des Pfundzolles. (1442.) 43 


des Pfarrers zu Danzig bedient, um ein 
zu ſchmieden. Alles find Erdichtungen. D 
nen es zu glauben und ſprachen ſelbſt mi 
den Gerüchten; indeß verlangten fie doch eine Abſchrift des 
Privilegiums. Allein der Hochmeiſter verweigerte ſie und wollte 
es ihnen bloß vorleſen laſſen, ſo oft ſie es verlangten, denn 
eine Deutung, erklaͤrte er, oder eine Auslegung deſſelben ſtehe 
ihnen nicht zu. So konnte man ſich nicht vereinigen. Der 
Biſchof von Pomeſanien, mehre Gebietiger und Hans von 
Baiſen verſuchten eine Vermittlung zwiſchen dem Meiſter und 
den Bevollmaͤchtigten und ſchlugen allerlei Wege zur Ausglei⸗ 
chung vor; allein ohne Erfolg ward hin und her verhandelt. 2) 
Da trat endlich der Hochmeiſter mit den Worten dazwiſchen: 
„Wir haben den Pfundzoll angeſetzt und werden ihn nehmen. 
Unſere Rechte und Privilegien wollen wir dem Röm. Koͤnige 
zur Rechtsentſcheidung vorlegen; was er ausſpricht, ſoll uns 
genügen; wir wollen nicht Unrecht thun, jedoch auch unſer 
Recht behaupten!“ 3) 

Die Staͤdte, welche es befremdend und außer der Ord⸗ 
nung fanden, daß ſich der Hochmeiſter auf den Roͤm. Koͤnig 


berufe und ſie vor deſſen Gericht ziehe, forderten ihn auf, den 
Schritt forgfar 


falſches Privilegium 
Die Städte ſchie⸗ 
t Verachtung von 


ein neuer Zoll von den fremden Kaufleuten die Koͤnige von 
England und Daͤnemark 8 


n ihnen darin nichts entgegen und ſie 

Er blieb ſomit beharrlich bei ſeinem 
ſo viel nach, daß er die Erhebung 
Zeit anſtehen laſſen wolle, jedoch 


unbeſchadet ſeinem Rechte. So ging die Tagfahrt zu Ende, 


1) Schüiz p. 148 — 149, Regiſtr. X. 50, 


2) Das Einzelne darüber bei Schütz p. 149, Regiſtr. X. 53. 
3) Schitz 1. 0. Regiſtr. X. 54. 


44 Verhandlungen wegen des Pfundzolles. (1442.) 


denn manches Einzelne, was die Staͤdte beim Meiſter zum 
Beſten des ſtaͤdtiſchen Handels und Verkehrs beantragten, 
ward ſpaͤtern Berathungen anheimgeſtellt.) Die Spannung 
aber zwiſchen dem Hochmeiſter und den Staͤdten war durch 
dieſe Verhandlungen noch hoͤher geſteigert, ſo daß man in den 
letztern bereits daran dachte, einen Bevollmächtigten an die 
Hanſeſtaͤdte zu ſenden und fie im Fall der Noth um Hülfe zu 
bitten, zugleich auch fie zu erſuchen, ihrer Seits ebenfalls beim 
Hochmeiſter auf Abſtellung des Pfundzolles anzutragen. In 
Luͤbeck und den uͤbrigen Hanfefläbten war allerdings auch wer 
gen der Handelszölle die Stimmung fuͤr den Orden nicht die 
guͤnſtigſte, wie der Meiſter ſelbſt erfuhr. 

Obgleich nun die Ritterſchaft und die ehrbaren Leute die 
Partei der großen Staͤdte ſchon faſt ganz aufgegeben hatten, 
ſo entſank dieſen doch noch keineswegs alle Hoffnung, denn 
wenigſtens unter den kleinen Staͤdten rechneten ſie noch auf 
Anhang. Ihre Sendboten erſchienen daher bald von neuem 
in Marienburg, dort den Biſchof von Ermland und Hans von 
Baiſen erſuchend, als Vermittler ihre Wuͤnſche und Anforde⸗ 
rungen als nur des Landes Wohlſtand foͤrdernd dem Meiſter 
vorzuftellen.? Es geſchah. Dieſer indeß gab in keinem Punkte 
nach, den Städten abermals erklaͤrend, daß ihn nicht nur die 
finanzielle Noth des Ordens dringe, zur wuͤrdigen Haltung 
feines Hochmeiſteramtes den Pfundzoll zu erheben, ſondern ihm 
ſelbſt auch ſeine Amtspflicht gebiete, ſeine und des Ordens 
Rechte in keiner Weiſe verkürzen zu laſſen. Was ihm die 


1) Regiſtr. X. 60 — 61. Die Staͤdte baten z. B. um Vermeh⸗ 
rung des Geldes, weil die curſirende Muͤnze zu gering ſey. Der HM. 
entſchuldigte ſich mit der Theuerung des Silbers, daß er nicht habe 
muͤnzen laſſen Tonnen. 

2) Schr. des Ditmar Keyßer, eines Dieners des HM., an dieſen, 
d. Lübeck Freit. nach Pfingſt. 1442 Schbl. LXXVI. 33. Schr. der 
Rathsſendboten der Deutſ. Hanſe auf der Tagfahrt zu Stralſund, um 
Pfingſt. 1442. in Hanſcat. Receß VI. 508. 516 — 517. 

3) Nach Schätz p. 150 geſchah es am Sonnt, Vocem iocunditat. 
(6 Mai) 1442. 1 


Verhandlungen wegen des Pfundzolles. (1442.) 45 


Städte vom früheren Zwecke des Pfundzolles zur Befriedigung 
der See und von den früheren Mitteln zur Ausrichtung des 
hochmeiſterlichen Hofſtaates entgegneten, konnte fuͤr ihn keine 
Bedeutung haben, denn die Zeiten hatten ſich auch hierin ſeit⸗ 
dem ganz anders geſtaltet.) Wie aber auf dieſem Verhand⸗ 
lungstage, ſo kam es auch auf mehren andern im Verlaufe die⸗ 
ſes Jahres zu keiner friedlichen Ausgleichung, denn da es 
hauptſaͤchlich nur noch die fünf großen Städte waren, die ſich 
dem Rechte des Hochmeiſters widerſetzten, ſo glaubte er auch 
dieſes um ſo mehr mit aller Feſtigkeit verfolgen und vertheidi⸗ 
gen zu muͤſſen, und nicht ohne Abſicht ließ er ſich gerade jetzt 
vom Röm. Könige alle Privilegien des Ordens von neuem 
beſtaͤtigen. Da wandten ſich die großen Staͤdte ſelbſt an 
die Praͤlaten und Lande um Rath, wie die Sache auf guͤtli⸗ 
chem Wege auszugleichen ſey. Sie riethen insgeſammt, um 
der Ruhe des Landes willen ſich in den Willen des Meiſters 
zu fuͤgen; er leiſte dem Lande Schutz und Schirm; darum 
müßten fie ſich mit ihm einigen; Praͤlaten, Ritter und Knechte 
und die kleinen Staͤdte hätten ihm den Pfundzoll bereits ein⸗ 
geraͤumt, alſo müßten es nun auch die großen Staͤdte. „Gebt 
nach, ſprach der Biſchof von Ermland, denn ich vertraue euch 
insgeheim, der Hochmeiſter hat auf euch fünf Städte beſon⸗ 
dere kaiſerliche Ladungen ausgewirkt, ſie ſind ſchon unterwegs; 
um fie unkräſtig zu machen, laſſet euch zu einem Vergleiche 
gewrunen und feget auf einige Jahre andere Steuern aus, 
damit der Meiſter befriedigt werde.“ Trotz dem zoͤgerten die 
Staͤdte auch jetzt noch irgend einen Schritt zu thun, der zur 
Verſoͤhnung fuͤhren konnte. Auch ein neuer Verhandlungstag 
zu Elbing im September ward mit nutzloſem Reden hinge⸗ 
bracht und blieb erfolglos, 9 

— 

1) Vgl. die Verhandlungen darüber bei Skins p. 150, 

2) Das Beſtaͤtigungsdiplom, d. Frankfurt a. M. am 18 Juli 
144 in einem Transſumt vom J. 1452 Schbl. 21. 2. Cf. C mel 
Regeſten des Roͤm. Koͤn. Friederich p. 87. 

3) Die weitern Verhandlungen bei Schitz p. 150 — 151. 

4) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt am Abend Nativit. 
Maria 1442 Regiſtr. X. 62 — 63; fie find ohne beſonderes Intereſſe. 


46 Verhandlungen in auswärtigen Verhaͤltniſſen. (1442.) 


Mittlerweile nahmen auch andere wichtige Verhaͤltniſſc 
des Meiſters Thaͤtigkeit in Anſpruch. Am meiſten Beſorgniſſe 
erregten die bereits vom Kurfürften von Brandenburg getha⸗ 
nen Schritte. Nicht ohne Abſicht auf weitere Plane hatte er 
ſich vom Roͤm. Koͤnige zuerſt „alle ſeine Rechte, Wuͤrdigkeiten, 
Freiheiten, Gnaden, Gewohnheiten, Landgerichte und Herkom⸗ 
men“ und dabei auch ſeine „Beſitzungen, Eigenſchaften, Feſten, 
Staͤdte, Lande und Leute, Kloͤſter, Vogteien, Mannen, Mann⸗ 
ſchaften, Lehen und Lehenſchaſten,“ wie fein Vater und er fie 
vom Reiche gehabt, beftätigen laſſen.) Aber zugleich hatte er 
ſich beim Roͤm. Könige eine ſ. g. Gerichtsbefehlung gegen den 
Orden wegen des Beſitzes der Neumark ausgewirkt, wodurch 
der Herzog von Sachſen und der Erzbiſchof von Magdeburg 
in der Streitfrage uͤber die Rechtmaͤßigkeit des Beſitzes Richter 
ſeyn follten.? Jetzt erließ er an den Hochmeiſter die Erklaͤ⸗ 
rung: der Orden habe an der Oder einen Strich Landes im 
Beſitze, der von alter Zeit her zum Kurfuͤrſtenthum gehoͤrt; 
er habe die Sache ſo lange ruhen laſſen, als bis er die Lehen 
erſt, wie es gebuͤhrlich, vom Roͤm. Koͤnige empfangen habe; er 
fordere jetzt die Neumark als ſein rechtmaͤßiges Beſitzthum vom 
Orden zuruͤck.) Der Hochmeiſter ſandte bald darauf den ge⸗ 
wandten Komthur von Elbing und den rechtskundigen Pfarrer 
von Danzig an den Kurfuͤrſten, jedoch mit dem Auftrage, ſich 
zuvor zum Herzog Boguslav von Pommern zu begeben und 
mit dieſem die Unterhandlungen wegen eines gegenſeitigen 
Huͤlfsbüͤndniſſes wieder aufzunehmen. Da die beiden Fuͤrſten, 
wie erwaͤhnt, ſich uͤber die weſentlichſten Punkte ſchon verſtaͤn⸗ 
digt hatten, ſo ward die Vertragsurkunde jetzt entworfen. Der 
Herzog verſprach, dem Orden gegen jeden Fuͤrſten beizuſtehen, 


1) Das Beftätigungs- Dokument, d. Achen am After- Mont. nach 
S. Veit 1442 Schbl. XIII. 105 (Abſchrift). 

2) Schr. des Pfarrers von Danzig an den HM. d. Frankfurt 
am T. Viſitat. Mariä 1442 Schbl. XXXVI. 35. 

3) Schr. des Kurfuͤrſten Friederich v. Brandenburg an den HM. 
d. Berlin .. . 1442 Schbl. XIII. 106; leider iſt von dieſem Origi⸗ 
nalſchreiben nur noch ein Fragment vorhanden. 


Verhandlungen in auswärtigen Verhaͤltniſſen. (1442) 47 


der die Ordenslande, die Neumark, Schievelbein oder Preuſſen 
mit Macht uͤberziehen werde. Weil jedoch die Bevollmaͤchtig⸗ 
ten Über Einzelnes zuvor noch die Meinung ihrer Herren ver⸗ 
nehmen wollten, ſo ward der eigentliche Abſchluß des Buͤnd⸗ 
niſſes noch ausgeſetzt.) Beim Kurfürſten fanden die Ordens⸗ 
geſandten zwar eine ziemlich freundliche Aufnahme; allein er 
wiederholte ſeine Forderung mit ſo drohendem Ernſte und die 
Unterhandlung mit dem Komthur von Elbing nahm bald eine 
ſo bedenkliche Wendung, daß dieſer dem Hochmeiſter eiligſt 
meldete: es ſey jetzt dringend nothwendig, das Buͤndniß mit 
dem Herzog von Pommern ſchleunigſt abzuſchließen; zwar ſey 
der Kurfürft noch keineswegs zu Krieg geruͤſtet; aber ſein letz⸗ 
tes Wort ſey höchft drohend geweſen.) Vergebens hatte ihm 


der Komthur vorgeſtellt: der Orden habe einſt dem Könige 


Sigismund auf die Neumark bedeutende Summen gezahlt und 


des Kurfuͤrſten Vater habe ja den Orden auch in ruhigem 
Beſitze gelaſſen. Friederich hatte darauf lachend geantwortet: 


„ihr wiſſet wohl, unſer Vater hatte viele Laͤnder, wir haben, 
nicht mehr als ein Land.“ 3) 


Um ſo mehr mußte unter ſo bedenklichen Verhaͤltniſſen 
gegen dieſen Nachbarfürften der Meiſter bemüht ſeyn, das fried⸗ 
liche Verhältniß zu den übrigen Nachbarlanden in jeder Weiſe 
zu befeſtigen und ſeine Kraͤſte zuſammenzuhalten. Schon aus 
dieſem Grunde mußte er die dringende Bitte der Koͤnigin Eli⸗ 
ſabeth von Ungern, ihr und ihrem Sohne gegen die Bedraͤng⸗ 
niſſe des Königes von Polen Beiſtand zu leiſten, ohne weiteres 


1) Bericht des Komthurs v. Elbing u. des Pfarrers v. Danzig, 
d. Schievelbein Sonnt. nach Andre 


à 1442 Schtl. XV. 48. Roftr. VII. 
168 — 177. Aus einem Schr. der Sendboten an d. HM. d. Dram⸗ 
burg am T. Barbarä 1442 Regiſtr. VII. 177 ſehen wir, daß es beſon⸗ 
ders eine Geldforderung des Herzogs an den Orden war, die den Ab⸗ 
ſchluß verhinderte. 


2) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Berlin am T. Lucia 1442 


Schbl. XIII. 107. Bericht der Sendboten über ihre Verhandlungen 
mit den Kurfürſten Regiſtr. VII. 181. 


3) „Und beſlos fo mit ſchimpfe die Rede“ heißt es im Berichte. 


48 Verhandlungen in auswärtigen Verhaͤltniſſen. (1442.) 


zuruͤckweiſen, zumal da der ewige Friede mit Polen eine ſolche 
Hüͤlfsleiſtung nicht einmal zuließ.) Aus demſelben Grunde 
ſchlug er auch dem Herzoge Michael von Rußland das Geſuch 
ab, ihm im Ordenslande einen Aufenthalt zu geſtatten. Auch 
die erbetene Geldſumme konnte er ihm nicht darleihen, wie⸗ 
wohl er nicht ohne Theilnahme des Herzogs trauriges Schick⸗ 
ſal bemitleidete.) Mit dem Großfuͤrſten von Litthauen ſuchte 
er ſich wegen deſſen Klagen über neue Zölle in Preuſſen, 
Graͤnzdiebereien, uͤber Fortſetzung des Handelsverkehrs mit den 
wider ihn im Aufſtande begriffenen Samaiten und dergl. ſo 
viel als möglich zu verſtaͤndigen, ihm durch Auseinanderſetzung 
der Klagpunkte beweiſend, daß er davon nicht die Schuld 
trage.?) Desgleichen beſchaͤftigten den Hochmeiſter auch noch 
fort und fort die Verhaͤltniſſe mit Daͤnemark. Die Daͤniſchen 
Praͤlaten und Reichsraͤthe hatten ſich an ihn mit dem Wunſche 
einer friedlichen Unterhandlung gewandt, aber zugleich ſich auch 
beſchwert, daß Koͤnig Erich die Ihrigen beraubt und ſelbſt 
‚mehre Raͤthe des Koͤniges Chriſtoph habe in Feſſeln legen 
laſſen.) Der Meiſter ließ dem letztern den Antrag machen: 
der Orden wolle den Koͤnig Erich in Preuſſen nach Standes⸗ 
gebuͤhr unterhalten, ſofern Chriſtoph eine annehmliche Geld⸗ 
ſumme auf Gothland zu deſſen Verpflegung verſchreiben werde. 5 
Allein man lehnte das Anerbieten ab und Erich fuhr fort, die 
Unterthanen Chriſtophs mit Raͤubereien zu belaͤſtigen, weshalb 


1) Schr. der Koͤnigin Eliſabeth v. Ungern an d. HM. d. Preß⸗ 
burg Sonnt. nach Georgstag 1442 und die Antwort des HM. d. 
Marienb. Donnerſt, vor Viti u. Modeſti 1442 Regiſtr. VII. 138 — 139. 
Engel Geſch. des Ungriſch. Reichs Th. III. 1. S. 53 ff. 

2) Geſuch des Herzogs Michael beim HM. am T. Innocent. 
1442 Regiſtr. VII. 87. Antwort des HM. p. 88 — 89. 

3) Die Verhandlungen daruͤber um Jacobi 1442 Regiſtr. VII. 
147 — 150, 

4) Schr. der Stände v. Dänemark, Schweden und Norwegen, 
d. Ludhuſen Mittw. vor Viti u. Modeſti 1442 Regiſtr. VII. 144, 

5) Gewerbe des Sendboten des HM,. Friederich von Eppingen an 
König Chriſtoph Regiſtr. VII. 130, 


Verhandlungen in auswaͤrtigen Verhaͤltniſſen. (1442.) 49 


i i In gegen 
ſich dieſer zu ernſtern Maaßrege geg j 
em Den Hochmeiſter aber beſchaͤftigten bald wieder die 
naͤher liegenden Angelegenheiten des Ordens und ſeines Landes. 

Nachdem er nämlich im Verlaufe dieſes Jahres eine Viſita⸗ 

tion über den Zuſtand des Ordens durch er 5 1 

m die Maͤngel und Gebrechen owohl in 
eee - 5 Verfaſſung des Ordens 
2 berief er nach Michaelis 

die Gebietiger zu einem großen Ordenskapitel ins Haupthaus 


ihn entſchließen 


ſammlung der geſammten Ritterſcha 
um allgemein geltende Beſchlüͤſſe z 
jetzt Verſammelten zu gering ſey. 
— 


N) Schr. des Koͤniges Chriſtoph an den HM. d. Kopenhagen 
Sonnt. nach Bartholom. 1442 Schbl. XXXI. 106, Regiſtr. VII. 151. 
Pontani Rer. Danicar. 


historia p. 620, 
2) Daruͤber ein Notariatsinſtrument, d. Sachſenhauſen bei Frank⸗ 
furt 29 Mai 1442 Schl. 98. 10. 


3) S. oben B. VI im Kapitel über die Lebensweiſe und Haus⸗ 
ordnung der Ordensbrüͤder. Wir erfahren durch eine Verordnung des 
HM. über den Nachlaß der Firmariebrüder, daß das große Kapitel 
am Sonntag S. Dionyfii (6 Octob.) 1442 Statt fand. Ordensſta⸗ 
tute herausgegeb, von Hennig S. 142 ff. 


4 


50 Verhandlungen über den Pfundzoll. (1442.) 


bewies, wie wenig bisher ſolche Verſammlungen gefruchtet, fo 
trat der Ritter Paul von der Pißnitz im Namen der andern 
mit dem Vorſchlage auf: er moͤge eine aus ihrer Mitte aus⸗ 
erwaͤhlte Botſchaſt an die großen Städte ſenden, um mit ihnen 
noch einmal uͤber den Pfundzoll zu verhandeln, und der Hoch⸗ 
meiſter nahm dieſen Vorſchlag an. 1 

Mittlerweile nämlich waren die Vorladungen des Rom. 
Koͤniges an die großen Städte wirklich angelangt. Sie ſoll⸗ 
ten, ſo lautete es darin, am ſechzigſten Tage nach Empfang 
der Ladungen ſich am Richttage am koͤniglichen Hofe ſtellen, 
um auf angebrachte Klagen des Hochmeiſters wegen Verwei⸗ 
gerung ſeiner Zuſprachen und Forderungen durch bevollmaͤch⸗ 
tigte Anwalte fi) zu verantworten, indem ſelbſt widrigenfalls 
das Gericht unfehlbar feinen Fortgang haben werde.) Es 
folgte jetzt eine Verhandlung auf die andere. Bald erſchienen 
vor dem Meiſter die Sendboten ſaͤmmtlicher großen Staͤdte, 
bald die Buͤrgermeiſter der einzelnen, bald mit Klagen und 
Beſchwerden, bald mit Geſuchen um Abhilfe druͤckender Be: 
laͤtigungen. Das Mißtrauen flieg mit jedem Tage. Die 
Staͤdte klagten: man ſehe uͤberall bedenkliche Bauten unter⸗ 
nehmen, die Danziger insbeſondere, daß das Ordenshaus zu 
Danzig immer ſtaͤrker bemannt und mit Buͤchſenſchuͤtzen aus 
fremden Landen verſehen werde. Man bat den Meiſter, auf 
die Treue der Staͤdte Vertrauen zu ſetzen. Er ſuchte den 
Argwohn zu beſchwichtigen; die Anſtalten in den Burgen 
ſeyen die gewoͤhnlichen, wie ſie auch ſonſt im tiefſten Frieden 
geſchehen. Wohl aber ſehe man mit Befremden, daß die 
Städte ſich ſtaͤrker bewehrten und ihre Stadtwachen vermehr⸗ 
ten; überall ergreife man ernſthafte Maaßregeln; in Koͤnigs⸗ 
berg treffe man ſogar kriegeriſche Anſtalten; von dort her ſey 
auch bis ins Kulmerland das Geruͤcht verbreitet: der Orden 


1) Die Verhandlungen im Regiſtr. X. 63 — 66. Die Verſamm⸗ 
lung fand Statt am Donnerſt. nach Dionyſti 1442. 

2) Die Vorladungen, d. Frankfurt Mont. nach Laurentii 1442 in 
einem Transſumt vom J. 1442 Schbl. XIV. 3. LX. 89. 


> 
Verhandlungen über den Pfundzoll. (1442.). al 


wolle die Staͤdte mit feindlicher Gewalt überfallen. Der 
Hochmeiſter bot alle Gabe der Rede auf, um das verderbliche 
Mißtrauen zu beſeitigen. „Wahrlich, ſprach er 
von Sinnen und aller Vernunft beraubt ſeyn, wenn wir euch 
durch Ueberfall Gewalt anthun wollten, denn wir wurden da⸗ 
durch nicht nur euch, ſondern auch uns und unſerem Orden 
Schaden und gaͤnzliches Verderben bereiten. So Gott will, 
wollen wir gegen euch nie anders handeln, als ein gerechter 
Herr an ſeinen getreuen Unterthanen handeln muß.“ ) 


Es mußte jedoch jetzt entſchieden werden, ob die Staͤdte 
den Weg friedlicher Ausgleichung durch Nachgiebigkeit in des 
Hochmeiſters Verlangen oder den Weg Rechtens vor dem Hof⸗ 
gerichte des Roͤm. Koͤniges einſchlagen wollten. Der Meiſter 
berief ſie daher gegen Ende des Jahres 1442 noch einmal zu 
einer Verhandlung nach Elbing, um ihnen dort nochmals des 
Ordens traurige finanzielle Lage, ſeine Rechte und Privilegien, 
die bereits die Ritterſcha 
als vollguͤltig anerkannt, 
gen Verhandlungen vorz 
habe im Lande faſt ga 
Ritterſchaft, die ehrbaren Leute, 
ſich für die Rechte des 


„ wir müßten 


macht und zu naͤherer Ber 
neue allgemeine Tagfahrt 


— —— 


1) Die Verhandlungen auf der Tagfahrt zu Marienburg am T. 
Clementis 1442 


Regiſtr. X. 66 — 69, wo der HM. beſonders den 
Bürgernieifter von Koͤnigsberg ſcharf und nachdruͤcklich über das „ was 
in dieſer Stadt gegen den Orden vorgehe, zur Rede ſtellt. Wir haben 
aus dieſer Zeit ein Schr. des HM. an den Rath v. Thorn, d. Mar. 
Mittw. vor (das Datum iſt unſicher) 1443 (), worin er 
den Thornern das Gerücht von Gewaltſchritten des Ordens als eine 
nichtsnutzige Erfindung von Gegnern des Ordens darſtellt; im Raths⸗ 
archiv zu Thorn; Thorner Copiebuch im gef. Archiv S. 95, 


4 * 


52 Verhandlungen über den Pfundzoll. (1442.) 


theilen.) Sie wurde zugeſagt und in der Mitte des Decem⸗ 
bers zu Preuſſiſch⸗ Holland auch gehalten. Weil indeß die 
ſtaͤdtiſchen Bevollmächtigten hier abermals erklaͤrten, daß ſie 
ohne das gemeine Land in der Sache des Pfundzolles keinen 
Beſchluß faſſen koͤnnten, fo eröffnete ihnen jetzt der Hochmei⸗ 
ſter: ihre Ausrede ſey leer und nichtig; mit den Praͤlaten, 
Rittern und Knechten habe er keinen Streit mehr, weshalb er 
ſie auch nicht zum Tage berufen, denn ſie ſeyen des Ordens 
Rechten nicht entgegen; in ſeinem Streite mit den Staͤdten 
habe er nun lange genug den Weg friedlicher Vermittlung ver⸗ 
ſucht; feine Privilegien konne und dinfe er nicht aufgeben; 
alſo wolle er jetzt auf ſeiner Gebietiger Rath, ſo ungerne er 
es auch thue, den Weg des Rechts verfolgen. 

Es ſchien das letzte Wort der Guͤte, und es machte ſicht⸗ 
bar großen Eindruck. Man ſah, des Meiſters Wille war feſt 
und unbeugſam. Die wenigen großen Staͤdte ſtanden faſt 
ganz allein noch dem Orden gegenuͤber; ihr Unmuth ergoß ſich 
zwar in manchem Tadel und in heftigen Scheltworten gegen 
die Ritterſchaft, daß dieſe ſich in der Sache des Pfundzolles 
dem Orden zugewandt; ) allein man wurde zaghafter und 
der Muth zu fernerem Widerſtand verlor ſich mehr und mehr. 
Die Zeit der Vorladungen vor das koͤnigliche Hofgericht rückte 
überdieß heran. Da ſandten die Städte im Anfange des Jah⸗ 
res 1443 neue Bevollmaͤchtigte zum Meiſter, ihn erſuchend, 
die koͤniglichen Ladungen abzuwenden und ſie mit dieſem Ge⸗ 
richte nicht zu beſchweren. Da er jedoch darauf nicht einging, 
fo baten fie ihn wenigſtens um Verlaͤngerung der Ladungsfriſt, 
damit fie fi) unter einander berathen koͤnnten, weil ihre Privi⸗ 


1) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt am Mittw. nach Bar⸗ 
bara 1442 Regiſtr. X. 73 — 75. 

2) Die Verhandlungen der Tagfahrt zu Preuſſ. Holland am Sonnt. 
nach Lucid 1442 Regiſtr. X. 76— 77; vgl. Schütz p. 151. 

3) Regiſtr. X. 86. Beſonders beklagten ſich Hans von Czegen⸗ 
berg, Guͤnther von Peterkau, Nicolaus v. Pfeilsdorf u. a. beim HM. 
über die ihnen gemachten Vorwürfe wegen ihrer Zuſage in Ruͤckſicht 
des Pfundzolles. 


Einigung über den Pfundzoll. (1443.) 53 


legien verſchieden lauteten. Der Meiſter indeß erwiederte: er 
erkenne darin nur ihre Abſicht, ihre Partei mittlerweile noch zu 
verflärken und andere noch mit in die Sache zu ziehen. End⸗ 
lich beſtimmte er ihnen noch eine neue Tagfahrt, wo er die 
letzte entſchiedene Antwort von ihnen erwarten wolle und ent⸗ 
ließ ſie, nachdem er noch einmal mit voller Herzlichkeit zu ihnen 
geſprochen und ſie an die Eintracht und Freundſchaft erinnert, 
in der fie und feine Vorfahren immer zu einander geſtanden, 
uch an die Bebrängniffe des Ordens, in denen fie ihm jetzt 
als getreue Unterthanen zur Seite ſtehen muͤßten.“ 

Es war jedoch jetzt alle Gefahr im Verzuge. Ehe daher 
der erſte Monat dieſes Jahres endete, erſchienen die fuͤnf gro: 
ßen Städte abermals im Haupthauſe. Nachdem von ihrer 
Seite Hans von Baiſen und von Seiten des Hochmeiſters der 
Komthur von Danzig ſich über die weſentlichſten Punkte zuvor 
verſtandigt, gaben die Städte, in die Erhebung des Pfund: 
zolles einwilligend, des Meifters Verlangen nach. Er verzieh 
ihnen auf ihre Bitte ihre bisherige Widerſetzlichkeit. Man 
faßte eine Urkunde ab, worin erklaͤtt wurde: der Pfundzoll 
ſolle fortan erhoben werden wie zu Pauls von Rußdorf Zeit; 
ein Ordensbruder und einer von den Rathen der fünf Städte 
ſollten ihn zu Danzig einnehmen und mit eidlicher Treue ver⸗ 
wahren. Bei dieſes Meiſters Lebzeit ſollten die Staͤdte den 
dritten Theil erhalten, um damit die Koſten bei Ausſendung 
ihrer Botſchaften ins Ausland zu beſtreiten. Sonſt ſollten 
forthin die Staͤdte mit keinen neuen Zöllen oder ſonſtigen Neue⸗ 
rungen beſchwert werden, ſofern nicht dem Orden oder Landen 
und Staͤdten Anfechtungen zufielen, die ihnen Schaden braͤch⸗ 
ten. Wer Briefe oder Privilegien habe, die ihn vom Pfund⸗ 
zolle befreiten, möge ſich beim Hochmeiſter melden, um ſich 
mit ihm auszugleichen.) So war der lange, widerwaͤrtige 


4) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt am Donnerſt. nach 
Epiphaniä 1443 Regiſtr. X. 77—80 und Schbl. LXXVI. 86. 

2) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt am Sonnab. nach 
Converf Pauli 1443 Regiſtt. X. 80 — 82. Die Urkunde über die 


54 Einigung uͤber den Pfundzoll. (1443.) 


Streit geſchlichtet und der Komthur von Elbing, der gerichtli⸗ 
chen Ladungen wegen bereits mit einem Geſchenke von einem 
Paar ſchoͤnen Hengſten und Jagdfalken zum Roͤm. Koͤnige ge⸗ 
ſandt, erhielt den Auftrag, die Ladungen wieder abzuſtellen. „ 
Es blieb daher auch ohne Erfolg, daß ſich jetzt erſt die in Luͤ⸗ 
beck verſammelten Hanſeſtaͤdte Hamburg, Stralſund, Wismar 
u. a. an die Prälaten, Ritter und Freien in Preuſſen mit dem 
Geſuche wandten, dem Hochmeiſter vom Pfundzolle abzurathen. 2 

Man ließ nun aber die erwaͤhnte Aufforderung, daß jeder, 
den Briefe und Privilegien vom Pfundzolle zu befreien ſchienen, 
ſich noch beſonders mit dem Meiſter einigen ſollte, keineswegs 
unbenutzt; denn als dieſer bald darauf das Kulmerland bereiſte, 
erſchienen vor ihm, auf jene Aufforderung ſich berufend, die 
Ritterſchaft Kulmerlands und Bevollmaͤchtigte von Kulm und 
Thorn mit dem Geſuche, ſie uͤberhaupt bei allen ihren Privile⸗ 
gien zu laſſen und von allen Zoͤllen durchs ganze Land frei 
zu ſprechen. Er wies ſie indeß auf ihre gegebene Zuſage hin 
und ſchon um durch zu leichte Nachgiebigkeit nicht auch andere 
zu gleichen Anforderungen anzulocken, verſprach er die Sache 
zuerſt vor feine Gebietiger zu bringen.) Dennoch wagte auch 
Danzig bald ein gleiches Geſuch, worauf der Hochmeiſter aber 
gar nicht weiter einging, denn es war klar, daß jetzt die 
Staͤdte im Einzelnen zu erſchleichen ſuchten, was ſie verbun⸗ 
den hatten aufgeben muͤſſen;“) und mit des Meiſters feſtem 


Erhebung des Pfundzolles, d. Marienb. Sonnab. nach Converſ. Pauli 
1443 ebendaſ. p. 81, im Original im Nathsarchiv zu Thorn Serin. 
VII. 20, XV. 5.; der Hauptinhalt bei Schütz p. 151. Gralath 
Geſch. v. Danzig B. I. 217. 

1) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Inſpruck Mittw. vor Con⸗ 
verſ. Pauli 1443 Schbl. LXXVI. 85. 

2) Schr. des Raths v. Lubeck und der Rathsſendboten an die 
Stände in Preuſſen, d. Luͤbeck am Abend Purif. Mariaͤ 1443 Schl. 
LX. 139. 

3) Die Verhandlungen mit der Ritterſchaft und den Staͤdten Kulm 
und Thorn zu Papau Donnerft, vor Oculi 1443 Regiſtr. X. 82 — 84. 

4) Die Verhandlungen mit den Bevollmaͤchtigten von Danzig 
Sonnab. vor Palmar. 1443 Regiſtr. X. 84 — 86. 


Handelsverhaͤlrniſſe. (1443,) 55 


Beharren bei feinen Rechten und Privilegien, ſowie mit feiner 
Billigkeit und Gerechtigkeit gegen die Gerechtſame und Frei⸗ 
heiten Anderer nun wohl bekannt, ließen die Staͤdte ſich be⸗ 
ſchwichtigen. Was jedoch Danzig durch die neue Auflage des 
Pfundzolles verloren zu haben glaubte, wollte es in feinem ſtaͤdti⸗ 
ſchen Betriebe durch die Verordnung wieder gewinnen, daß forthin 
die Polen ihre nach Danzig gebrachten Handelsartikel, na⸗ 
mentlich ihr Getreide dort nicht unmittelbar an fremde, ſich 
dort aufhaltende Kaufleute, ſondern nur an Danziger verkaufen 
dürften; ebenſo ſollten die Polen alle ihre Einkaͤuſe nur von 
Danzigern entnehmen koͤnnen. Darüber beklagte ſich aber als 
uͤber eine dem Inhalte des ewigen Friedens zuwiderlaufende 
Beſchraͤnkung des Handelsverkehres beim Hochmeiſter nicht nur 
der König von Polen, ſondern auch der Großfürft von Litthauen, 
der außerdem ſich auch beſchwerte, daß der ſchwere Zoll bei 
Labiau den Handelsverkehr nach Preuſſen an ſich ſchon ſehr 
bedruͤcke.) Der Hochmeiſter berief den Rath von Danzig nach 
Marienburg, um ſich über die Gründe der neuen Anordnung 
zu verantworten und letzterer wußte allerdings eine Menge 
von Gegenklagen aufzuſtellen, woraus hervorging, daß der 
Verkehr der Danziger nach Litthauen und Polen durch man⸗ 
cherlei neue Maaßregeln beſchraͤnkt und ſo erſchwert worden, 
daß Danzig nothwendig neue Vorkehrungen habe treffen müffen, 
Immer bemüht, alle Mißhelligkeiten mit den Nachbarlanden 
zu beſeitigen, ſchlug der Meiſter eine gegenſeitige Berathung 
zur Abſtellung der beiderſeitigen Beſchwerden in einer perſoͤn⸗ 
lichen Zuſammenkunft mit dem Großſurſten vor, wozu ſich 
dieſer auch bereit erklärte; doch konnte fie vorerſt noch nicht 
Statt finden. 2) 


1) Schr. des Koͤniges v. Polen, d. Dobrocen. feria IV post jestum 
Florian. 1443 Schbl. XXV. 65. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. 
Lewen Donnerſt. nach Marci 1443 Schbl. XXXIV. 56. Die Klag⸗ 
punkte des Großfuͤrſten, vo feinem Marſchall beim HM. angebracht, Regiſtr. 
VII. 212 — 214. Die Zollabgaben bei Labiau find genau aufgezählt. 
2) Antwort des HM. auf die Klagen des Großfuͤrſten und die 
Verhandlungen mit den Danzigern Regiſtr. VII. 215 — 222. 


56 Handelsverhaͤltniſſe. (1443.) 


Wie bedeutend der Handel Danzigs mit dem Auslande 
um dieſe Zeit noch war, geht unter andern ſchon daraus her⸗ 
vor, daß bereits wenige Monate nach Eröffnung der Schiff⸗ 
fahrt in dieſem Jahre der Betrag des dort erhobenen Pfund⸗ 
zolles ſich auf viertauſend und zweihundert Mark belief.“ 
Der Hochmeiſter ließ es auch keineswegs an Bemuͤhungen 
fehlen, den Handel ins Ausland, nach den Hanfeftädten (aus 
deren Bund Kulm um diefe Zeit ſchon ausgeſchieden zu ſeyn 
fcheint), > in die Skandinaviſchen Reiche und die Niederlande 
ſo viel als moͤglich zu foͤrdern und zu beleben, und Mißwachs 
in mehren Landen hob den Getreidehandel Preuſſens bedeu⸗ 
tend empor. Auch ſchon deshalb haͤtte der Meiſter den noch 
fortdauernden, auch den Handel ſehr ſtoͤrenden Streit der bei⸗ 
den Koͤnige von Daͤnemark gerne beendigt geſehen, zumal da 
er vernahm, daß auch die Luͤbecker ſich in den Streit einge⸗ 
miſcht und dahin arbeiteten, eine Sühne zu Stande zu bringen, 
um dann, wenn ſie auf ſolche Weiſe den Koͤnig Chriſtoph 
gewonnen und ſich verpflichtet hätten, mit ihm verbunden alles 
aufzubieten, den Hochmeiſter zur Abſtellung des Pfundzolles 
zu zwingen.?) Es war dieſem indeß faſt alle Hoffnung ent⸗ 
nommen, durch eigenes Einwirken einen Vergleich zu vermit⸗ 
teln, denn Erichs Gegenpartei hatte bereits des Hochmeiſters 
Entſcheidung abgelehnt und wollte nur da Gleich und Recht 


1) Schr. des Pfundmeiſters v. Danzig an den HM. d. Danzig 
Freit. vor Maria Magdal. 1443 Schbl. LX. 136. Danzig erhielt 
von dem Betrage 1399 Mark; zur Ausrichtung der Beduͤrfniſſe des 
HM. wurden verwandt 2000 Mark. Ueber den Betrag des Pfund⸗ 
zolles im J. 1444 Schr. des Pfundmeiſters, d. Danzig Sonnt. vor 
Nativit. Mariaͤ 1444 Schbl. LX. 122. 

2) Schr. des Raths von Kulm an den Rath von Thorn, d. Kulm 
Freit. nach Nativit. Maria 1443 im Rathsarchiv zu Thorn Scrin. 
XXV. 7., worin der Rath ſagt: „So weys euwir liebe wol, das 
wir in die Henze nicht gehoren,“ er wolle daher auch keine Botſchaft 
an die Hanſe nach Luͤbeck mit ausrichten. 

3) Schr. des Komthurs von Danzig, d. am Aſchtage 1443 Schbl. 
XXXI. 66, 


Streit wegen der Neumark. (1443.) 57 


gewaͤhren, wo es ihr gebuͤhre. Da dieß nur vor dem Papſte 
und dem Kaiſer geſchehen konnte, fo erſuchte König Erich den 
Meister, ſich bei dieſen für ihn zu verwenden, ) wozu ſich 
letzterer jedoch auf keine Weiſe trotz aller Bitten und Ermah⸗ 
nungen des Koͤniges 2 entſchließen konnte, währen die Lu⸗ 
becker der Streitſache durch ihre Vermittlung eine für fie guͤn⸗ 
füge Wendung zu geben fort und fort bemüht waren. Da 
bei Koͤnig Chriſtophs geneigter Geſinnung nicht leicht zu 
fürchten war, daß er ſich gegen den Orden werde gewinnen 
laſſen, ) ſo trat von jetzt an der Hochmeiſter aus den Unter⸗ 
handlungen mehr und mehr zuruͤck. 5 
Ueberdieß beſchaͤſtigten ihn jetzt mehr als je die für ihn 
weit wichtigeren Verhaͤltniſſe in der Neumark, wo alles auf 
dem Spiele zu ſtehen ſchien. Schon im Anfange dieſes Jah⸗ 
res war Herzog Heinrich der Fette von Mecklenburg, des Kur⸗ 
fürſten Friederich von Brandenburg Schwager, plotzlich und 
ohne Kriegsankimdigung mit einem Heerhaufen unter Raub 
und Verheerung in die Neumark eingefallen und der Vogt 
hatte gegen ihn die Waffen ergriffen.“) Dieſes Ereigniß ſtand 
jedoch keineswegs vereinzelt da, denn mit jedem Tage mehrten 
ſich im Lande Fehden und Feindſeligkeiten; die Unruhen wurden 
täglich ernſtlicher; die dortigen Ordensritter, von Mitteln zur 
Gegenwehr ziemlich entbloͤßt, geriethen in immer größere Be⸗ 
draͤngniß und wie es ihnen ſchien, war alles darauf berechnet, 
daß man den Kurfürften von Brandenburg um Schutz anru⸗ 


fen und ihm ſomit Gelegenheit geben ſolle, in die Neumark 


1) Schr. des Kön. Erichs von Daͤnemark, d. Wiborg am 2. Oſter⸗ 
tage 1443 Schbl. XXXI. 51. 


2) Schr. des Koͤn. Erichs, d. Wiborg am T. Kreuz⸗Erfind. u. 
am T. Aſſumt. Mariä 1443 Schbl. XXXI. 37. 40. 


3) Schr. des Koͤn. Chriſtoph an den HM. d. Kopenhagen Sonnt. 
Trinitat. 1443 Schbl. XXXI. 108. Ueber die Bemühungen der Luͤ⸗ 
becker Schr. des Kon. Chriſtoph an die Luͤbecker, d. Kopenhagen Dienft. 
vor Aſſumt. Maria 1443 Schbl. XXX 

4) Schr. des Vo 


gts der Neumark, d. Koͤnigsberg Mittw. nach 
Neujahr 1443 Schbl. XIII. 63 


7, 


38 Streit wegen der Neumark. (1443.) 
einzuruͤcken.) Es galt alſo jetzt kein Saͤumen mehr. Der 
Großkomthur Hans von Remchingen erhielt ſofort nicht nur 
den Auſtrag, mit dem Marſchall des Herzogs von Sachſen 
wegen eines Hülfsbuͤndniſſes, wozu dieſer geneigt war, in naͤ⸗ 
here Unterhandlung zu treten, wobei auch der Deutſchmeiſter 
mit einwirkte,) ſondern er mußte ſich auch alsbald in die 
Neumark begeben, um dort, fo bald es nöthig ſey, mit ernſten 
Maaßregeln einzuſchreiten. Der Vogt der Neumark hatte ſich 
bereits mit ſeiner Wehrmannſchaft an der Oder aufgeftellt 9 
und der Hochmeiſter ſaͤumte nicht, durch Annahme von Soͤld⸗ 
nern feine Kriegsmacht in der Neumark fo viel als möglich zu 
verſtaͤrken; ) er wandte ſich deshalb auch an den Meiſter von 
Livland, denn es ſchien ihm immer mehr, als werde Herzogs 
Heinrich von Mecklenburg Einfall nur das Vorſpiel zu noch 
ernſteren Ereigniſſen feyn.® 

Der Kurfuͤrſt indeß ſcheute eben fo ſehr einen kriegeriſchen 
Gewaltſchritt, um zum Beſitze der Neumark zu gelangen, als 
einen förmlichen Rechtsgang, der vor dem Röm. Könige, dem 
Papſte oder der Kirchenverſammlung gefuͤhrt werden mußte. 
Er faßte mehr Hoffnung zu einem Gewinn durch einen Vers 
gleich mit dem Orden. Er bot daher auch gerne die Hand zu 
einem friedlichen Verhandlungstage, der zu Frankfurt a. d. 
Oder Statt finden ſollte. Die Machtboten des Ordens, der 


1) Schr. des Vogts von Leſke, d. Koͤnigsberg in d. Neumark 
Freit. vor Epiphan. 1443 Schbl. XIII. 61. 

2) Schr. des Großkomthurs an Georg von Bebenburg, Marfchatt 
des Herzogs v. Sachſen, d. Marienb. Donnerſt. nach Epiphan. 1443 
Schbl. 99. 4. 

3) Schr. des Großkomthurs an d. HM. d. Landeck am T. Purif. 
Mariä u. Drawenburg Dienſt. nach Purif. Mariaͤ 1443 Schbl. XV. 
181. XIII. 70. 

4) Soldbrief des HM. für Friederich von der Heide, d. Mar. 
Sonnab. vor Jubilate 1443 Schbl. XLII. 22, wo ausdruͤcklich v. einem 
drohenden Kriege mit dem Kurf. von Brandenburg die Rede iſt. 

5) Gewerbe des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Sonnab. 
nach Himmelf. 1443 Regiſtr. VII. 193 — 194. 211. 


Streit wegen der Neumark. (1443.) 59 


Großkomthur, der Komthur von Elbing und der Propſt von 
Frauenburg erhielten den Auftrag: koͤnnten ſie den Streit mit 
dem Kurfürften in Güte beilegen, ſo ſollten ſie ihm die Summe 
von zehn- bis funfzehntauſend Gulden bieten; wünfche er eine 
Huͤlfsverbindung mit dem Hochmeiſter, fo moͤchten fie dieſe bis 
auf dreihundert Spieße zuſagen. Wolle er jedoch die Streit⸗ 
ſache auf dem Wege Rechtens entſcheiden laſſen und den 
Röm. König als Richter anrufen, ſo ſollten ſie als Richter — 
Ordens den Papſt oder ein Concilium in Vorſchlag bringen. 

In der Mitte des Juni trafen die Machtboten des Ordens 
mit den Bevollmaͤchtigten des Kurfürften zu Frankfurt zuſam⸗ 


men und es traten jene ſogleich mit dem Erbieten auf: man 
müſſe alles anwenden, um die Streitfrage auf dem Wege der 
Guͤte auszugleichen. 


Es entſpannen ſich indeß zuerſt lange 
Verhandlungen tiber mancherlei unbedeutendere Gegenſtaͤnde, 
über Klagen wegen Friedensverletzung, Anſpruͤche an einzelne 
vom Adel in der Neumark und dgl.) Dann wurden die 
Berathungen eine Zeitlang gaͤnzlich abgebrochen. Der Hoch⸗ 


meiſter mußte ſogar wieder auf kriegeriſche Rüſtung denken, » 
er war im Begriff, durch eine Botſchaft die Beihuͤlfe des 
Roͤm. Koͤniges zur A 


ufrechthaltung ſeines Rechts in Anſpruch 
zu nehmen und hielt fie nur zuruck, weil eben mit dem Kurz 
fürften ein neuer Verhandlungstag nach Michaelis aufgenom⸗ 
men worden war.) Um das Recht des Ordens aufs gruͤnd⸗ 
lichſte an den Tag zu legen, ließ man, obgleich ſchon fruher 


1) Die Artikel der Vollmacht fuͤr die Sendboten, d. Elbing Mont. 
vor Himmelfahrt 1443 Schbl. XIII. 116. * 

2) Dieſe Verhandlungen am Mont. nach Trinitat. 1443 eröffnet 
Schbl. XIII. 136. 

) Wir erſehen dies aus einem Schr. des Pflegers v. Barten an 
den HM. d. Donnerſt. vor Margaretha 1443 Schbl. LXXVI. 76. 
Schr. des Ordensmarſchalls „d. Kaporn Dienſt. vor Margaretha 1443 
ebendaſ. 84. 


4) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Burdeyn am T. Margar. 


1443 Schbl. XII. 114. Werbeartitel für den Vogt v. Leipe, d. Holz 
land am Abend Margar. 1443. 


60 Ausgleichung m. d. Kurf. v. Vrdb. wegen d. Neumark. (1443.) 


das Gutachten verſchiedener beruͤhmter Rechtsgelehrten, z. B. 
des Johannes von Bachenſtein darüber eingeholt worden und 
fin den Orden günſtig ausgefallen war,“ durch den klugen 
und kenntnißreichen Biſchof von Kurland Johannes Thiergart, 
früher lange Zeit Ordensprocurator in Rom, eine neue Nach⸗ 
weiſung Über des Ordens völlig rechtmäßigen Beſitz der Neu⸗ 
mark gegen die Anſprüche des Kurfürſten ausarbeiten.) Man 
war überhaupt im ganzen Orden der Meinung, der Hochmei⸗ 
ſter muͤſſe feine Rechte unter allen Umſtaͤnden mit aller Kraft 
vertheidigen und man erklaͤrte ſich deshalb an vielen Orten zu 
allen Opfern bereit.) Der Hochmeiſter ließ ſich daher auch 
jetzt vier wichtige Urkunden des Röm. Königes Sigismund über 
die Neumark vom Roͤm. Könige neu beſtaͤtigen.“ 

Als jedoch in der Mitte des Octobers die Machtboten des 
Ordens, der Großkomthur, der Oberſt-Spittler Heinrich Reuß 
von Plauen, mehre Landkomthure und Komthure aus Deutſch⸗ 
land und Livland und einige aus der Ritterſchaft und den 
Staͤdten Preuſſens mit denen des Kurfuͤrſten zu Frankfurt 
abermals zuſammenkamen und auf Bitten der Ordensbevoll⸗ 
mächtigten der Kurfuͤrſt ſelbſt dort ebenfalls erſchien, vereinigte 
man ſich nach vielen Verhandlungen? endlich in folgendem 
Vertrage: der Kurfuͤrſt Friederich nebſt feinen Brüdern Johann, 
Albrecht und Friederich begiebt ſich aller Anſpruͤche und Rechte 
an die Neumark; er wird beim Röm. Koͤnige und den Kur⸗ 


1) Wir beſitzen fie Schbl. XIII. 136; vgl. Baczko B. III. 226. 

2) Das Gutachten des Biſchofs von Kurland, d. Pilten Sonnab. 
nach S. Annä 1443 Schbl. LII. 19. 

3) Schr. des Komthurs und Konvents zu Memel, d. Mont. nach 
Matthaͤi 1443 Schbl. XIII. 141. Der HM. wandte fi) auch an die 
Stadt Thorn um Rath und Hülfe in einem Schr. d. Holland Sonnt. 
nach Kreuz.⸗Erhoͤh. 1443. Eine Berathung daruͤber mit Landen und 
Städten zu Elbing am Dienſt. nach Matthaͤi 1443 Regiſtr. X. 87 — 
88. Der HM. ließ die Städte zur Beihuͤlfe gegen den Kurfuͤrſten 
auffordern. Die geneigte Antwort der Staͤdte o. D. Schbl. XIII. 121. 

4) Chmel Regeften des R. Kön. Friederich d. 154. 

5) Schr. des Großkomthurs an d. HM. d. Frankfurt Freit. nach 
Hedwig 1443 Schbl. XII. 29. 


Ausgleichung m. d. Kurf. v. Brob. wegen d. Neumark. (1443.) 61 


fürſten, jedoch auf Koſten des Ordens, Verwahrungsbriefe 
Über die Verzichtleiſtung auswirken, wie fie dem Orden von⸗ 
noͤthen find. Dieſe behaͤlt er indeß ſo lange bei ſich, bis ihm 
der Hochmeiſter eine Summe von funfzehntauſend Gulden hat 
auszahlen laſſen. Eine gleiche Summe entrichtet ihm der 
Orden in Jahresfriſt, worüber ihm der Meiſter mit zwölf ſei⸗ 
ner Gebietiger einen Verſicherungsbrief ausſtellt. Dagegen 
verpflichtet ſich der Kurfurſt zu Kuͤſtrin keine neuen Zoͤlle an⸗ 
zulegen, womit die Kaufleute oder die Schiffahrt auf der Oder 
beſchwert wuͤrden. Beide Theile ſollen dieſe Vertragspunkte 
urkundlich verbriefen und beſiegeln. ) Friederich erklaͤrte jetzt 
ausdrücklich, daß wenn er, ſeit er im Beſitze der Mark Bran⸗ 
denburg ſey, die Veraͤußerung der Neumark durch Kaiſer Si⸗ 
gismund an den Orden und die Trennung derſelben von der 
Mark Brandenburg für unguͤltig und fuͤr eine Verletzung der 
goldenen Bulle gehalten habe, jo ſey er im Irrthum geweſen 
und erkenne jetzt nach reiflicher Erwägung die Rechtmaͤßigkeit 
jener Veräußerung vollkommen an, erklaͤre den Orden fuͤr den 
vollig rechtmäßigen Beſitzer der Neumark und werde ihn nie 
im ruhigen Beſitze derſelben in irgend einer Weiſe ſtoͤren. Mit 
ihm ſtellten auch feine erwähnten Brüder gemeinſchaftlich dieſe 
Erklärung aus.) Die Beſtaͤtigung des Röm. Koͤniges und 
des Kurfuͤrſten von Mainz erfolgte jedoch erſt im naͤchſten 


Jahre, wobei ausdrücklich bemerkt wurde, daß die goldene 


Bulle den Anſpruͤchen des Kurfuͤrſten von Brandenburg weder 
ſoͤrderlich, 


| „noch auch dem rechtmaͤßigen Beſitze des Ordens in 
irgend einem Punkte nachtheilig oder hinderlich ſey. d) 


1) Das Original des Vertrages, d. Frankfurt am T. Galli 1443 
im geheim. Staatsarchiv zu Berlin, ſign. 443 F.; Abſchrift Schbl. 
XIII. 117. 118, gedruckt bei Baczko B. III. 383. 

2) Die Urkunde des Kurfürften o. D. in Abſchrift Schbl. XIII. 
136, gedruckt bei Baczko B. III. 380; vgl. Lancizolle Geſch. der 
Bild. des Preuſſ. Staats S. 296. 


3) Das Original der koͤn. Beſtätigungsurk., d. Nuͤrnberg am T. 
Exaltat. Crucis 1444 im geheim. Staatsarchiv zu Berlin, ſign. 430 
0. Abſchrift Schbl. XII. 136. 130; gedruckt in CMmel Regeſt. des 


62 Ausgleichung m. d. Kurf. v. Brdb. wegen d. Neumark. (1443.) 


Auf demſelben Tage zu Frankfurt verſprach auch der Kur⸗ 
fürft Friederich, in der Fehde zwiſchen Herzog Heinrich von 
Mecklenburg und dem Orden zum Beſten des letztern als Ver⸗ 
mittler einzutreten, wo moͤglich eine verſuͤhnende Ausgleichung 
und fuͤr den Orden Erſatz ſeines Schadens zu bewirken und 
wofern dieß nicht gelinge, den Herzog nicht nur nicht zu ver⸗ 
theidigen oder zu unterſtuͤtzen, ſondern dem Kriegsvolke des 
Ordens bei einem Angriffe des Herzogs freien Durchzug durch 
die Mark zu geſtatten, dem letztern dagegen, wenn er das 
Ordensgebiet uͤberziehen und beſchaͤdigen wolle, ſolchen Durch⸗ 
zug nicht zu erlauben.“ Gerade aber das Verhaͤltniß zwi⸗ 
ſchen Friederich und dem Herzog Heinrich von Mecklenburg 
fuͤhrte, wie es ſcheint, bald noch eine naͤhere Verbindung zwi⸗ 
ſchen jenem und dem Hochmeiſter herbei, denn die Nachricht, 
daß waͤhrend des Verhandlungstages zu Frankfurt Herzog 
Heinrich ſich auf einem Tage zu Demmin mit den Niederlaͤn⸗ 
diſchen Herzogen, auch mit dem von Stettin zu einem Huͤlfs⸗ 
buͤndniſſe gegen den Kurfuͤrſten vereinigt habe, um ihm das 
früher dem Herzog Heinrich zugehörige Land wieder abzuge⸗ 
winnen, ? ſcheint Friederichen Anlaß gegeben zu haben, mit 
dem Orden in ein engeres Vertheidigungsbuͤndniß zu treten, 
nach welchem der letztere nicht geſtatten ſolle, daß irgend je: 
mand des Kurfuͤrſten Lande aus oder durch des Ordens 
Land angreife oder beſchaͤdige. Raͤuber, Geaͤchtete und Beſchaͤ⸗ 


Moͤm. Koͤniges Friederich No. 51 p. LXIV. vol. p. 178. Das Beſtaͤ⸗ 
tigungsdokument des Kurfuͤrſten v. Mainz, d. Nürnberg am T. Mat⸗ 
thaͤi 1444 im geh. Staatsarch. zu Berlin, ſign 443. 0. P. Entwurf 
zu einem Schr. an d. Kurfürſten v. Mainz wegen Beſtaͤtigung des 
Vertrages o. D. Schbl. XIII. 110. 

1) Die Urk. darüber, d. Frankfurt Mittw. S. Galli 1443 Schbl. 
XIII. 136. 

2) Schr. des Pfarrers v. Danzig, d. Alt⸗Berlin Dienft. vor Qu: 
cià 1443 Schbl. XIII. 113, worin er verſichert, er habe obige Nach⸗ 
richt aus ſehr wahrhafter Quelle. Die erwaͤhnten Fuͤrſten haͤtten mit 
Eiden auf dem heiligen Holze geſchmworen, daß einer dem andern Hülfe 
leiſten und alle beim Herzog Heinrich gegen den Kurfürften ſtehen 
wollten. 


Ausgleichung m. d. Kurf. v. Brdb. wegen d. Neum. (1443.) 63 


diger der kurfürſtlichen Lande ſollten im Ordensgebiete nirgends 
gehauſt und geherbergt werden; geſchehe dennoch Angriff, 
Raub, Brand oder ſonſt Beſchädigung aus dem Ordensgebiete 
in des Kurfürſten Land, ſo ſollte es deſſen Vögten und Amt⸗ 
leuten erlaubt feyn, im Ordenslande die Miffethäter aufzugrei⸗ 
fen oder zu verfolgen unter Beihuͤlfe der Unterthanen des Or⸗ 
dens.) 

So war der Streit uͤber den Beſitz der Neumark beige⸗ 
legt und der Kurfuͤrſt Friederich gab ſich nun, wiewohl nicht 
ohne Rückſicht auf fein eigenes Intereſſe, auch alle Mühe, die 
Mißverhältniffe zwiſchen dem Orden und Herzog Heinrich DDR 
Mecklenburg auf guͤtlichem Wege auszugleichen. Er ſchlug as 
nen Richttag zu Berlin vor; Heinrich nahm die Vermitt⸗ 
lung an, verſprechend, dem Orden vor dem Kurfuͤrſten zu Ehre 
und Recht zu ſtehen. 3 

Den Hochmeiſter beſchaͤſtigten mittlerweile die innern Ver⸗ 
haͤltniſſe des Ordens und des Landes, eine Zeitlang ganz be: 
ſonders die beſſere Anordnung und Vervollſtaͤndigung des Or⸗ 
densgeſetzbuches, die im letzten großen Kapitel (1442) befchlof- 
ſen war. Weil man das bisherige Geſetzbuch in vielen Stuͤcken 
mangelhaft gefunden, ſo ſollten bei der neuen Abfaſſung alle 
Geſetze der Hochmeiſter von einem General⸗Kapitel zum an⸗ 
dern darin aufgenommen werden, weshalb der Hochmeiſter 
auch an alle oberſten Gebietiger und Komthure des Landes die 
Aufforderung erließ, alle hochmeiſterlichen Ordensgeſetze und die 
Satzungen der General- Kapitel in den Konvents⸗Ordensbuͤ⸗ 
chern aufſuchen zu laſſen und ihm einzuliefern. Auf ſolche 


1) Das Original des V 
rienb. am T. 
443. 6 
Sanci 


ertrages von Seiten des HM. d. Ma⸗ 
Katharina 1443 im geheim. Staatsarch. zu Berlin, ſign. 
gedruckt in Gercken Cod. Brandenb. T. V. p. 314; vgl. 
zolle a. a. O. S. 297, Koßebue B. IV. 264 — 265. 

2) Schr. des Kurfürften Friederich an den Komthur v. Elbing, d. 
Prenzlau Mittw. S. Brixen⸗Tag 1443 Schbl. XIII. 67. Er ſagt: 
er habe dem Herzog Heinrich „haͤrtlich genug“ geſchrieben. 

3) Schr. des Komthurs v. Elbing an d. HM. d. Soldin Freitag 
vor Eliſabeih 1443 Schbl. XIII. 65. 


64 Verſuch zur Auflöfung des Vundes. (1443.) 


Weiſe entſtand diejenige Abfaſſung der Ordensgeſetze, wie wir 
ſie noch jetzt haben. Es wurden drei große Exemplare nach 
des Kapitels Beſchluß angefertigt und ſuͤr Preuſſen, Livland 
und Deutſchland beſtimmt.) Aber auch auf den ſittlichen 
Zuſtand des Volkes richtete jetzt der Meiſter feine Auſmerkſam⸗ 
keit, denn hierin eroͤffneten ſich ihm die traurigſten Erfahrun⸗ 
gen. Duͤrfen wir von dem, was uns uͤber die tiefe moraliſche 
Geſunkenheit des Volkes in Marienburg ſelbſt berichtet wird, 
einen Schluß auf die Sittlichkeit der uͤbrigen Staͤdte des Lan⸗ 
des wagen, ſo tritt uns in der That in dieſer Beziehung ein 
hoͤchſt betruͤbendes Bild entgegen, denn die Ausartung und 
ſittliche Verdorbenheit in jener Stadt war wirklich bis auf den 
hoͤchſten Grad geftiegen. 2 

In den Bundesangelegenheiten der Staͤdte verfolgte der 
Meiſter jetzt mehr als je einen wichtigen Plan. Die Trennung 
der Ritterſchaft von den großen Staͤdten im Streite wegen des 
Pfundzolles hatte ihm unverkennbar den Sieg gebracht. Es 
galt alſo jetzt den Verſuch, ob ſich nicht auch die kleineren 
Staͤdte vom Bunde trennen ließen. Gelang dieß, ſo ſtanden 
die wenigen großen Staͤdte nur noch allein da und der Bund 


1) Die Aufforderung des HM. an die Gebietiger, d. Marienb. 
Freit. nach Corpor. Chriſti 1443 Schbl. LXXI. 51. Es heißt: Als 
ir wiſſet, das mans im neſtgehaldenen unſers ordens Groß⸗Capitel iſt 
eins worden, daß man Drey unſers ordens buͤcher machen und aller 
unſers ordens Meiſter geſetze von Groß⸗Capitel zu Groß⸗ Capitel ge⸗ 
fast und gemacht, dorinne ſullen ſchreiben c. — Das damals fuͤr Ma⸗ 
rienburg beſtimmte Exemplar dieſes Ordensgeſetzbuches befindet ſich noch 
jetzt im geheim. Archiv. Ueber feine damalige Redaction und über die 
ganze innere Einrichtung deſſelben ſinden ſich naͤhere Angaben in der 
Ausgabe der Ordensſtatuten von Hennig in der Einleitung. Vgl. 
auch die Vorrede zu den Ordensſtatuten ſelbſt S. 29—30. Daß auch 
das für Deutſchland beſtimmt geweſene Exemplar noch vorhanden ſey 
und in Mergentheim liege, erſieht man aus Bachem Chronolog. der 
HM. S. 9. 10. 40. 

2) Darüber das Schr. der Gewerke zu Marienburg an d. HM., 
d. Marienb. in vigilia nativit. Mariae 1443 Schl, LXI. 55, gedruckt 
in Vogt Geſchichte Marienb. S. 370, u. 566. 


Verſuch zur Auflöfung des Bundes. (1443.) 65 


war überhaupt dann aufgelöſt. Der Verſuch ward unternom⸗ 
men. Die Komthure erhielten den Auftrag, mit den kleinen 
Staͤdten ihrer Diſtricte wegen ihrer Losſagung vom Bunde zu 
unterhandeln. Es war große Vorſicht noͤthig, um nicht neues 
Mißtrauen zu erwecken. Hie und da ſchien der Plan zu ge⸗ 
lingen. Mehre Städte des Hinterlandes, Bartenſtein, Raſten⸗ 
burg, Schippenbeil, Zinten, auch Heiligenbeil u. a. wollten 
gerne dem Beiſpiele der groͤßern Staͤdte folgen, nur ſcheute 
ſich noch jede voranzutreten und ihre Antwort zuerſt zu geben. * 
An andern Orten indeß wollte man zu ſchnell zum Ziele kom⸗ 
men. Der Meiſter hatte zwar auf einem Tage zu Elbing den 
Staͤdten ſeinen Wunſch wegen des Bundes Aufloͤſung bereits 
offen mitgetheilt.) Als man jedoch in Kulm und Thorn 
wahrnahm, wie eifrig die Komthure im Kulmerlande die klei⸗ 
nen Staͤdte vom Bunde zu trennen ſuchten, als man hörte, 
daß der Komthur von Thorn und der Vogt von Leipe Ritter 
und Knechte des Kulmerlandes auf einer Tagfahrt geradezu 
zur Losſagung vom Bunde aufgefordert, die Ritterſchaft aber 
ſolches den beiden Staͤdten anzeigte und eine gemeinfame Be: 
rathung daruͤber in Vorſchlag brachte, da eilten die Raͤthe von 
Thorn und Kulm, die Danziger davon in Kenntniß zu ſetzen, 


mit der Aufforderung, auch Elbing, Braunsberg und Koͤnigsberg 
zu benachrichtigen, um ſobald als moͤglich auf einer Tagfahrt 
zu Marienwerder über die noͤthigen Schritte gemeinſam zu be⸗ 
rathſchlagen, wozu auch die kleinen Staͤdte mit zugezogen 
werden ſollten.s) Wir wiſſen nicht, ob dieſer Tag zu Stande 
kam. Allein das Mißtrauen war von neuem wach; dem Mei- 
fier gelang fein Plan jetzt nicht; er ſchob ihn auf ſpaͤtere Zeit 
hinaus, wo ſich die Verhaͤltniſſe vielleicht günftiger für ihn 
geſtalten wuͤrden. 


— — 


1) Schr. des Komthurs von Balga, d. Bartenſtein Mont. nach 
Corpor. Chr. 1443 Schbl. LXXVI. 78. 

2) Schr. des Raths von Thorn und Kulm an die Stadt Danzig, 
d. Kulm Freit. nach Petri und Pauli 1443. 

) Schr. des Raths von Thorn und Kulm a. a. O. 


4) Es geht daraus hervor, daß man nicht erſt im J. 1446, wie 
II. 


5 


56 Verhandlungen mit den Nachbarfürſten. (1444.) 


Die Folge aber war, daß im Lande, beſonders von den 
großen Staͤdten aus bald wieder allerlei ſeltſame Gerüchte von 
Gewaltſchritten, die der Meiſter gegen die Verbündeten vorbe⸗ 
reite, mit Abſicht verbreitet wurden. Da man ihm auch feind⸗ 
ſelige Maaßregeln gegen die Ritterſchaft des Landes unterſchob, 
offenbar um auch dieſe wieder feſter fuͤr den Bund mit den 
Staͤdten zu gewinnen, ſo mußte ihm alles daran liegen, das 
Grundloſe dieſer Gerſchte zu widerlegen und ſich uͤberhaupt 
über ſeine Geſinnung offen auszuſprechen, vor allem aber die 
Ritterſchaft des Kulmerlandes dem Orden geneigt zu erhal⸗ 
ten.) Als er daher im Anfange des Jahres 1444 einen 
Sendboten an den Hof des Roͤm. Koͤniges ſandte, ſtellte er 
es in Frage und ließ darüber Rath einholen: inwiefern und 
ob die Kulmiſche Handfeſte die Ritterſchaft des Kulmerlandes 
zur Entrichtung von Zoͤllen verpflichte oder nicht, denn er 
wimſchte eine unparteiiſche Auseinanderſetzung dieſes Streit⸗ 
punktes. Auch die Staͤdte mußte er fo glimpflich als moͤg⸗ 
lich behandeln, denn gerade jetzt ward es wieder ungewiß, ob 
er ihre Huͤlfe nicht bald nach außenhin werde in Anſpruch neh⸗ 
men muͤſſen. Es zeigte ſich bald, daß dem Kurfuͤrſten von 
Brandenburg trotz aller Vertraͤge noch keineswegs zu trauen 
ſey; noch ſchienen in ihm nicht alle Spuren feindli⸗ 
cher Geſinnung vertilgt; er war ſchwer erzuͤrnt worden durch 
die Nachricht, daß man zu Landsberg ſogar im Beiſeyn des 
Komthurs von Elbing ſein Wappen abgeriſſen, in den Koth 
geworfen und mit Füßen getreten habe.“) Er hatte daher auch 


nach Schiitz p. 154 gewöhnlich angenommen wird, einen Verſuch zur 
Auflöͤſung des Bundes machte; |. Baczko B. III. 231. Kotzebue 
B. IV. 77. 

1) Schr. des HM. an den Hauskomthur von Danzig, d. Mar. 
Donnerſt. vor Priſcd 1444 Schbl. LXIX. 44. Der HM. ſchickt ihm 
einen Brief an die Ritter und Knechte ſeines Gebietes, den er ihnen 
zur Widerlegung der Gerüchte mittheilen ſoll. 

2) Aufträge für den Sendboten Wilhelm von der Kemnade, Freit. 
vor Priſca 1444 Regiſtr. VII. 258. 

3) Schr. des hochmeiſterlichen Schreibers an den HM., d. Berlin 
Freit. vor Quaſimodogen. 1444 Schbl. XIII. 129. 


Verhandlungen mit den Nachbarfürſten. (1444.) 67 


zur Ausrichtung der verſprochenen Zuſicherungsbriefe beim Röm. 
Könige und den Kurfürften noch keinen Schritt gethan. Der 
Hochmeiſter ſelbſt mußte durch einen Sendboten an den Kanz⸗ 
ler Kaspar Slick die Ausfertigung zu bewirken ſuchen.) Au⸗ 
ßerdem war der durch des Kurfüͤrſten Vermittlung angeordnete 
Richttag zur Ausgleichung des Streites mit Herzog Heinrich 
von Mecklenburg nicht nur ohne den erwuͤnſchten Erfolg ges 
blieben, ſondern anſtatt ſich zu einem Schadenerſatz für den 
veruͤbten Raub, Mord und Brand im Ordensgebiete zu verſte⸗ 
hen, hatte der Herzog fuͤr angebliche Verletzungen ſeines Be⸗ 
ſitzthums einen Schadenerſatz vom Orden verlangt, wodurch 
ſich alle Verhandlungen zerſchlagen. 2 Auch die von den Her⸗ 
zogen von Pommern zur Beilegung des Streites zwiſchen bei⸗ 
den Finſten angeknuͤpften Unterhandlungen fuͤhrten zu keinem 
Erfolge; es ſolgte ein Verhandlungstag dem andern; man 
kam mitunter zwar über gewiſſe Beſtimmungen überein; allein 
es konnte doch nie ein eigentlicher Ausſpruch erfolgen. Man 
verſchob daher endlich die Entſcheidung der Sache wieder auf 
einen neuen Verhandlungstag bis ins naͤchſte Jahr hinein. 3 
Auch die Streithaͤndel mit dem Großfuͤrſten von Litthauen 
waren noch nicht ausgeglichen; ſie betrafen, wie wir hoͤrten, 


1) Auftraͤge an den Sendboten, d. am Chriſttage 1444 Regiſtr. 
VII. 246. 257. Auch in der erſten Hälfte des J. 1444 zog es der 
Kurfürft immer noch hin, die Beſtaͤtigungsbriefe vom Roͤm. Koͤnige 
auszuwirken, ſich mit ſeinem Kanzler hinter allerlei Vorwaͤnden ver⸗ 
ſteckend; Darüber mehre Briefe, d. Berlin Freit. vor Quaſimodogen. 
1444 Schbl. XIII. 129. 


2) Die Verhandlungen auf dieſem Richttage, welche die Geſchichte 
Preuſſens nur wenig berühren, d. am Sonnt. nach Converſ. Pauli 1444 
Schbl. XIII. 74. Die Verhandlungen fuͤhrte von Seiten des Ordens 
der Komthur von Elbing. 

3) Schr. des Pfiegers v. Buͤtow, d. Freit. nach Faſtnacht 1444 
Schbl. XII. 55. Die weitlaͤuftigen Verhandlungen über dieſen Streit 
während dieſes Jahres berühren Preuſſen nicht weiter; man findet ſie 
in mehren Schreiben des Pflegers v. Buͤtow, des Komthurs v. Dan⸗ 
zig, des Herzogs von Stettin u. d. in Schbl. XV. 133, 134, 106. 
x35. 


5 * 


68 Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten. (1444.) 


theils die Handelsverhaͤltniſſe zwiſchen beiden Ländern, theils 
Irrungen zwiſchen dem Großfuͤrſten und dem Meiſter von Liv⸗ 
land, um deren Vermittlung jener den Hochmeiſter erfuchte, 
Man vereinigte ſich endlich uͤber eine perfönliche Zuſammen⸗ 
kunft, die gegen die Mitte des Mai zwiſchen beiden Fürſten 
zu Chriſtmemel Statt fand. Da beide ſich mit friedlichen 
und freundſchaftlichen Geſinnungen entgegen kamen und auf⸗ 
richtig eine Beſeitigung der ſtoͤrenden Verhaͤltniſſe und der Kla⸗ 
gen ihrer Unterthanen wuͤnſchten, fo verſtaͤndigte man ſich auch 
leicht uber die Mittel und Wege, wie die Irrungen zwiſchen 
dem Großfürſten und dem Livlaͤndiſchen Meiſter geſchlichtet 
werden ſollten.) In Betreff der Handelsſtreitigkeiten brachten 
die Kaufleute aus Wilna rechtfertige Zeugniſſe der Staͤdte Kra⸗ 
kau, Poſen, Kaliſch, Lublin u. a. vor, daß der Kaufmann 
aus Polen und Litthauen vormals in Danzig völlig freien Ver: 
kehr auch mit Fremden habe treiben duͤrfen. Um daher den 
Streit zur Befriedigung der Betheiligten beizulegen, ward be⸗ 
ſchloſſen: die Kaufleute aus Litthauen ſollten dem Hochmeiſter 
vollgültige Zeugniſſe der Städte Krakau, Poſen und Warſchau 
daruber einhaͤndigen, daß der Kaufmann aus dieſen Staͤdten 
in den Zeiten des Koͤniges Wladislav und der Großfürften 
Witowd, Sigismund und Switrigal in Danzig völlig unbeſchraͤnk⸗ 
ten Handel mit fremden Kaufleuten habe treiben duͤrfen; der 
Meiſter ſollte dann auch die Gruͤnde der Danziger zu ihrer 
neuen Anordnung verhoͤren und nach Gebuͤhr und Billigkeit die 
Streitſache entſcheiden.) Den Koͤnig Wladislav von Polen 
beſchaͤftigten theils ſeine Verhaͤltniſſe in Ungern, deſſen Krone 
er bekanntlich ebenfalls auf ſeinem Haupte trug, theils ſein 
Tinkenzug, wozu er, obwohl vergeblich, auch den Hochmeiſter 


1) Berichte Über die Verhandlungen der Botſchafter im Fruͤhling 
1444 Regiſtr. VII. 247 — 257. 

2) Dieſe Verhandlungen, zum Theil auch die Verhaͤltniſſe Los 
lands und Litthauens zu Nowgorod betreffend, gehoͤren der Geſchichte 
Livlands an; Regiſtr. VII. 266 — 269. 

3) Die Verhandlungen geſchahen am Sonnt. Cantate 1444 Regiſtr. 
VII. 270, 


Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten. (1444.) 69 


um Beihülfe aufgefordert hatte,” gerade in dieſer Zeit viel zu 
ſehr, als daß er mit dem Orden beſonders in Berührung hätte 
kommen koͤnnen. Dort verbrauchte er feine beſten Streitkräfte, 
obgleich mit wenig Glück. Eine fernere Einwirkung in die 
Daͤniſche Streitſache wies der Hochmeiſter ab, obgleich er wie⸗ 
derholt darum erſucht ward und König Erich ſich auch wegen 
der Wegnahme mehrer Preuſſiſcher Schiffe zu entſchuldigen 
ſuchte.) Mit um fo lebhaſterem Eifer nahm er ſich dagegen 
feiner Unterthanen, beſonders der Danziger in ihren Klagen 
Über die Verluſte an, die ſie im Handelsverkehr von Roſtock 
und Stralſund aus ſchon ſeit laͤngern Zeiten erlitten; er drang 
mit allem Nachdruck darauf, daß die Streitſache auf einem 
Verhandlungstage zur Entſcheidung gebracht und den Seinigen 
hinlaͤnglicher Schadenerſatz geleiſtet werde und zwar um ſo 
mehr, da um dieſe Zeit eigentlich nur der Handel mit Lubeck 
in großer Bluͤthe ſtand, der Verkehr mit Roſtock, Stralſund, 
Wismar und ſelbſt mit Hamburg im Ganzen nicht bedeutend 
war. Wie aber immer in Streithaͤndeln ſolcher Art wurde die 
Ausgleichung durch allerlei Gegenklagen auch jetzt ſehr erſchwert 
und immer weiter hinausgeſtellt. v 

Dieſe und manche andere Bemuͤhungen um der Staͤdte 
Wohlfahrt und Gedeihen, wodurch der Hochmeiſter ſie fuͤr 
ſich zu gewinnen ſuchte, mochten wohl der Grund ſeyn, daß 


1) Dlugoss. T. I. p. 775 sequ. Der Koͤnig wiederholte nach p. 
787 ſein Geſuch an den HM. noch einmal, jedoch ebenfalls vergebens. 
Engel Geſch. des Ungriſch. Reichs Th. III. S. 61. 71. 

2) Diugoss. b. 708. Schitz p. 151. Schr. Albrecht Rebers an 
den HM,, d. Thorn Donnerſt. vor Invocavit 1444 Schbl. XXV. 63 
uͤber das Kriegsungluͤck des Koͤniges in ungern. 

3) Schr. des Koͤniges Erich an d. HM. d. Wisborg Sonnt. Ju⸗ 
dica 1444 Schbl. XXXI. 24. Zwei andere Schr. deſſelben ebendaſ. 
Nr. 13. 52. Vgl. Detmar Chronik herausgegeb. v. Grautoff 
B. II. 89. 


4) Schr. des Rathes v. Roſtock, d. Dienſt. nach Reminiſc. 1444 
u. Schr. des Rathes v. Stralſund, d. am T. Gregorii 1444 Schl. 
XXIV. 62 u. 20. Schr. des P 


ofundmeiſters v. Danzig, d. Donnerft⸗ 
vor Bartholom. 1444 Schbl. LX. 120. 


70 Unzufriedene Stimmung im Lande. (1444.) 


die Ritterſchaft des Kulmerlandes die Beſchwerde erhob: die 
Staͤdte wuͤrden ungleich mehr beguͤnſtigt, als die ritterſchaftli⸗ 
chen Landbewohner, deren Wohlſtand mehr und mehr zu Grunde 
gehe. Daher trat wie im Kulmerlande, ſo im Chriſtburgiſchen 
die Ritterſchaft zu Berathungen zuſammen, um ſich uͤber ein 
ſ. g. Regiment oder uͤber gewiſſe Landſatzungen zu vereinigen, 
die man vom Hochmeiſter erbitten wollte, um dem zunehmen⸗ 
den Verderben des Landes vorzubeugen.) Auf Erſuchen der 
Ritterſchaft verſprach dieſer eine nähere Berathung darüber auf 
einem allgemeinen Landtage im Herbſt dieſes Jahres, 2) denn 
daß in der Landesordnung Veraͤnderungen und Verbeſſerungen 
vonnoͤthen ſeyen, erkannte er auch ſelbſt. An vielen Orten 
wurden die Stimmen der Unzufriedenen immer lauter. In 
Thorn ging kaum ein Tag voruͤber, an dem nicht zwiſchen der 
Alt⸗ und Neuſtadt, die wie zwei Feinde einander gegenüber 
fanden, neue aͤrgerliche Auftritte vorfielen;?) ja die Altſtadt 
war keck genug, in Verbindung mit einigen nahe geſeſſenen 
Adeligen ſich allerlei Eingriffe in die Rechte des dortigen Or⸗ 
denshauſes zu erlauben und dieſem mehre ſeiner Einkuͤnfte zu 
entziehen.) In den Biſthuͤmern Kulm und Samland trat 
man den Biſchoͤfen mit der Forderung entgegen, daß die alten 
Landeswillkuͤhren gewiſſenhafter beobachtet und deshalb von 
neuem beſtaͤtigt werden möchten, und das Verlangen mußte 
erfüllt werden.? Noch unruhiger war es im Ermlaͤndiſchen 


1) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schoͤnſee Freit. nach Georgii 1444 
Schbl. LXXVI. 127. Ueber die Berathung der Nitterfchaft im Chriſt⸗ 
burgiſchen Schreiben in Schbl. LXXVI. 126. 

2) Schr. des HM. an den Vogt von Leipe, d. Marienb. Sonnt. 
nach Corpor. Chr. 1444 Schbl. LXX VI. 130. Regiſtr. X. 100101. 

3) Schr. der Neuſtadt Thorn an den HM., d. Sonnt. Reminiſc. 
1444 Schbl. LII. 97. 

4) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am 3ten Tage vor Dftern 
1444 Schbl. LIT. 69. 

5) Schr. des Biſchofs Johannes v. Kulm an d. HM., d. Loͤbau 
am Sten Tage Corpor. Chr. 1444 Schbl. LXIV. 43. Schr. des Bi⸗ 
ſchofs Nicolaus v. Samland, d. Fiſchhaufſen Mittw. vor Johanni 
1444 Schbl. LXVII. 38, 


Unzufriedene Stimmung im Lande. (1444.) 71 


Biſtbum, wo der Biſchof mit der Stadt Braunsberg im hef⸗ 
tigſten Zwiſte wegen ihres Privilegiums lag, woran jener, wie 
fie klagte, fie verkürzen wollte. Es kam fo weit, daß der Bi⸗ 
ſchof ſie vor das Concilium vorladen ließ. Da wandte ſich die 
Stadt an die Ritterſchaft des Kulmerlandes und an Thorn und 
Kulm um Rath und Hülfe in ihrer Bedraͤngniß und dieſe erſuchten 
fofort den Hochmeifter zwiſchen die Streitenden vermittelnd ein⸗ 
zutreten, um dem Eingreifen eines fremden Gerichtes vorzubeu⸗ 
gen.) Allein der Streit war ſo leicht nicht zu beſchwichtigen; 
auf beiden Seiten waren die Gemüther zu ſehr gereizt; den 
Biſchof hatte es ſchwer erbittert, daß man in Briefen an ihn 
„von Tyrannen und unehrbaren Herren“ gesprochen, die nie⸗ 
manden ihre Privilegien hielten. Der Hochmeiſter rieth dem 
Biſchofe von fremden Gerichten ab; es blieben indeß auch alle 
Vorſchlaͤge, welche dieſer ſeinen Gegnern zur Entſcheidung 
durch Schiedsrichter im Lande machte, ohne allen Erfolg, weil 
man ſie aus Mißtrauen nicht annahm, obgleich der Biſchoſ 
ſich erbot: er wolle für jede ihm rechtlich erwieſene Uebertre⸗ 
tung oder Verletzung eines Privilegiums eine Buße von zehn 
Mark bezahlen.) So trat bald hier bald dort der Geiſt der 
Unzufriedenheit von neuem hervor. Kulm und Thorn, ſich 
auf ihr Privilegium berufend, verlangten vom Hochmeiſter wie⸗ 
derholt Befreiung vom Pfundzolle, weil auch ein Spruch aus 
Magdeburg ſie davon frei geſprochen.) Der Meiſter ſchlug 
die Forderung mehrmals ab gab jedoch endlich nach, daß die 
Zulaͤſſigkeit ihres Geſuches auf einem Verhandlungstage einer 
naͤhern Untersuchung unterworfen werden ſolle. © 


1) Schr. des Landrichters, der 
des Kulmerlandes und der Städte Kulm und Thorn an den HM,, d. 
Kulm am T. Jacobi 1444 Schbl. LII. 34. 
2) Schr. des Biſchofs Franciscus v. Ermland an den HM., d. 
Heilsberg am T. Stephani Invent. 1444 Schbl. LXXVI. 128. 
3) Ein Notariatsinſtrument uͤber den Magdeburger Schoͤppenſpruch 


aus dem J. 1453 im Rathsarchiv zu Thorn serin. XVIII. 11, Thor⸗ 
ner Copiebuch p. 164, 


Ritter und Knechte, der Aelteſten 


4) Die Verhandlungen des HM. mit Kulm und Thorn wegen 


72 Verhaͤltniſſe zum Kurfüͤrſten von Brandenburg. (1444.) 


Der Meiſter bedurfte jetzt der Beihuͤlfe der großen Staͤdte 
wieder mehr als je zu bedeutenden Geldzahlungen, die der er⸗ 
ſchoͤpfte Ordensſchatz unmoͤglich allein leiſten konnte. Bereits 
im Anfange dieſes Jahres hatten anſehnliche Summen theils 
an den Biſchof von Ermland als alte Schuld zuruͤckgezahlt, 
theils an den Deutſchmeiſter geliehen werden muͤſſen, v denn 
letzterer hatte über zwei und zwanzig tauſend Gulden Schul: 
den zu tilgen, die ihm ſeine und ſeines Vorgaͤngers Sendun⸗ 
gen und Verhandlungen mit dem Hochmeiſter gekoſtet hatten. 2 
Die Ordensmuͤnze aber konnte jetzt faſt gar nichts liefern. 3) 
Ueberdieß forderten die Verhaͤltniſſe des Ordens zum Herzog 
von Mecklenburg und zum Kurſuͤrſten von Brandenburg bald 
neue bedeutende Geldſummen. Herzog Boguslav von Stettin 
war zwar fort und fort aufs eifrigſte bemüht, zwiſchen dem 
Orden und Heimichen von Mecklenburg eine Ausgleichung zu 
Stande zu bringen; allein ſein Eifer mußte von Zeit zu Zeit 
durch neue Geldſpenden belebt werden, um die Koſten ſeiner 
Bemühungen zu decken. Er brachte dabei auch das mit dem 
Orden abzuſchließende Buͤndniß zur Sprache, in welchem fuͤr 
ihn abermals neue Geldſummen zu erwarten waren; „ und 


des Pfundzolles zu Preuſſiſch-Mark am T. Bartholomaͤi u. zu Golub 
am Dienſt. zu Michaelis 1444 Regiſtr. X. 89—91. 

1) Quittung des Biſchofs v. Ermland über den Empfang einer 
Schuldſumme von 2500 Rhein. Gulden, d. Heilsberg Dienſt. nach 
Epiphan. 1444 Schbl. 96. 37. Mit dem Deutſchmeiſter hatte ſich der 
HM. wegen der 60,000 Gulden geeinigt, die einſt der HM. Konrad 
Zoͤllner von Rotenſtein dem Deutſchmeiſter geliehen und ihm eine neue 
Anleihe von 30,000 Gulden gegeben, wofür dem HM. die Ballei Ek⸗ 
ſaß verſetzt worden war, woruͤber die Urkunden Schbl. 103. Nr. 
14. 15. 

2) Kapitelsſchluß, d. Frankfurt Mittw. nach Viti und Modeſt. 
1444 in Jaeger Cod. dipl. O. T. s. h. a. 

3) Schr. des Muͤnzmeiſters zu Thorn an d. HM., d. Mont. nach 
Valentini 1444 Schbl. LXXIV. 34. 

4) Schr. des Herzogs von Stettin an den HM., d. Gultzow 
Sonnab. vor Johanni 1444 Schbl. XV. 135. Schr. des Vogts der 
Neumark an d. HM., d. Landsberg Dienft, nach Viſitat. Maris 1444 


Verhaͤltniſſe zum Kurfürſten von Brandenburg. (1444) 73 


doch kam es trotz aller Bemuͤhungen und Berathungen in der 
Streitſache mit Herzog Heinrich zu keiner völligen Suͤhne, 
denn ſelbſt der Umſtand erregte neues Mißtrauen, daß der 
Herzog einen Friedensbrief nur auf Papier und nicht auf Per⸗ 
gament hatte ſchreiben laſſen, weshalb auch der Ordensbevoll⸗ 
maͤchtigte den ſeinigen auf Pergament dem Herzog nicht ein⸗ 
haͤndigte.) Man begnügte ſich daher vorerſt nur mit einer 
neuen Friedensverlaͤngerung. 9 

Auch die Spannung mit dem Kurfürſten von Branden⸗ 
burg dauerte noch fort. Der Hochmeiſter, wahrſcheinlich um 
ſeine Geſinnung naͤher zu erforſchen, ließ ihm durch eine Ge⸗ 
ſandtſchaft ein noch engeres gegenſeitiges Huͤlfsbuͤndniß in Vor⸗ 
ſchlag bringen, ſofern ihre Lande von einem Feinde angegriffen 
werden wuͤrden. ) Allein trotz aller Bemuͤhung des Meiſters 
des Johanniter⸗Ordens, ein ſolches Buͤndniß, welches auch ihm 
von großem Nutzen ſchien, zu Stande zu bringen, zeigte der 
Kurfürft doch wenig Luft, in die Bedingungen einzugehen, 
weil ihm, wie er erklärte, eine ſolche Verbindung mit dem 
Orden nicht nöthig scheine.) So ward das Mißtrauen noch 
vermehrt. Der Meiſter ließ daher die Schloͤſſer zu Drieſen 
und Schievelbein in Eile neu befeſtigen und ſtaͤrker bewehren, ) 


Schbl. KIM. 76. 73. Schr. des Herzogs v. Stettin an d. HM., d. 
Stolpe am T. Mariä Magdal. 1444 Schbl. XV. 138. 

1) ueber die Sendung der Ordens bevollmaͤchtigten, des Treßlers 
und Komthurs v. Danzig zu einem Verhandlungstage mit dem Her⸗ 
zog v. Stettin am Sonnt. vor Jacobi zu Lauenburg Regiſtr. VII. 
272 — 275. Schr. des Vogts der Neumark an d. HM. d. Schievel⸗ 
bein Dienſt. nach Laurent. 1444. Schr. des Pflegers v. Buͤtow, d. 


Mittw. vor Aſſumt. Maria 1444 Schbl. XV. 107. g 
2) Schr. des Komthurs von Danzig, d. Sonnab. nach Lamberti 
1444 Schbl. XIII. 82. 


3) Auftraͤge des H 
1444 Regiſtr. VII. 271. 


4) Schr. des Vogts der Neumark, d. Landsberg am Abend Vin⸗ 
cula Petri 1444 Schbl. XII. 30. 


5) Schr. des Vogts v. Schivelbein, d. Schievelbein Donnerſt. 
vor Laurent. 1444 Schbl. XIV. 29, 


M. für die Geſandten, d. Sonnt. vor Pfingſt. 


74 Verhaͤltniſſe zum Kurfürften von Brandenburg. (1444.) 


denn je mehr er wahrnahm, daß der Kurfuͤrſt auch gegen die 
Herzoͤge von Wolgaſt feinem Plane nachging, alle früher ent⸗ 
aͤußerten Beſitzungen mit ſeinen Landen wieder zu vereinigen 
und ſelbſt dabei die Gewalt des Schwertes nicht ſcheute, um 
ſo beſorgter ward er auch in Beziehung auf ſeine Verhaͤltniſſe 
zum Kurfuͤrſten, ſo daß im Stillen ſogar mit den einflußreich⸗ 
ſten Praͤlaten und Hauptleuten in Polen wegen eines Buͤnd⸗ 
niſſes mit dem Orden unterhandelt wurde.) Um ſo noth⸗ 
wendiger ſchien es dem Meiſter, dem Kurfuͤrſten vor allem 
die auf Martini verſprochene erſte Zahlung von funfzehntauſend 
Gulden zu leiſten. Die Schwierigkeiten waren freilich außer⸗ 
ordentlich. Die Gebietiger wurden beauftragt, wo nur irgend 
moͤglich Geldanleihen aufzunehmen. Allein in Danzig weigerte 
man ſich unter allerlei nichtigen Ausreden und nur mit groͤß⸗ 
ter Muͤhe brachte der Komthur einige tauſend Mark zuſam⸗ 
men.) Der dortige Pfundmeiſter ging von Haus zu Haus, 
ohne etwas zu bekommen.) Elbing und Königsberg erſuchte 
der Hochmeiſter um Darleihung des auf ſie gefallenen Pfund⸗ 
zolles, erhielt jedoch von beiden Staͤdten ausweichende Antwor⸗ 
ten, obgleich er ſichere Rückzahlung verſprach.“) Dem Ordens⸗ 
marſchall lachte der Biſchof von Ermland ins Geſicht, als er 
von ihm fünftaufend Gulden verlangte, ließ ſich jedoch bereit 


1) Sell Geſch. v. Pommern B. II. S. 123. Schr. des Vogts 
v. Schievelbein, d. Freit. vor Mariaͤ Geburt 1444 Schbl. XII. 54. 

2) Schr. Eckards v. Guͤntersberg an d. HM. d. Schievelbein 
Mont. nach Maria Geburt 1444 Adelsgeſch. G. 35. 

3) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Donnerſt. nach 14,000 
Jungfr. 1444 Schbl. LX. 80. Vom Magiſtrat erhielt er nur 1000 
Mark. 

4) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Heilsberg Mont. vor Simon 
und Juda 1444 Schbl. LXXIII. 19. Schr. des Hauskomthurs zu 
Marienburg an d. HM. d. Danzig am T. Aller Heil. 1444 Schbl. 
LX. 143. a 

5) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Sonnl. vor Simon und 
Judä 1444 Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigdverg Mont. ver 
Simon und Juda 1444 Schbl. LX. 115. 118. 


Landesordnung. (1444.) 75 


finden, einige Tauſende bei guten Freunden aufzuborgen. v 
Vom Biſchofe von Samland, mit dem überdieß neue Irrun⸗ 
gen und Anſpruͤche wegen neuer Landestheilungen für ſein 
Landes = Dritttheil obwalteten, konnte man bei feiner großen 
Armuth ſchon an ſich wenig oder nichts erwarten.) Kurz 
wo ſich die Gebietiger hinwandten, auf dem Lande und in den 
großen Städten, blieben ihre Bemühungen meiſtentheils verge⸗ 
bens oder doch hinter dem erwarteten Erfolge. Der Meiſter 
hatte den Kurfuͤrſten um einige Friſt erſuchen laſſen, jedoch die 
Antwort von ihm erhalten: „er erwarte die Zahlung unge⸗ 
ſaͤumt; er werde feiner Seits am beſtimmten Tage die verhei⸗ 
ßenen Briefe zur Uebergabe bereit halten“, und der Vogt der 
Neumark warnte ernſtlich, die Sendung des Geldes ja nicht 
zu verſäͤumen.?) Der Hochmeiſter ſuchte daher durch eine 
eilige Botſchaft beim Deutſchmeiſter die fehlende Summe auf: 
zutreiben? und es gelang ihm ſomit auch wirklich, dem Kur⸗ 
fürſten zu Ende Novembers die Summe von funfzehntauſend 
Rhein. Gulden durch den Vogt der Neumark zu Frankfurt a. 
d. O. entrichten zu konnen. 9 
Nun war aber auch die Zeit gekommen, in der die Staͤnde 
die Anordnungen zu dem gewüͤnſchten beffern Regimente erwar⸗ 
teten. Da der Wunſch vorzüglich von der Ritterschaft ausge⸗ 
1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Eilau am Tage der 11,000 
Jungfr. 1444 Schbl. LXVI. 152. Schr. des Komthurs v. Balga, d. 
Dienſt. nach Aller Heil. 1444 Schbl. LXVI. 151. 
2) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Königsberg Sonnab. vor Simon 
und Juda 1444 Schbl. LXVII. 37. Der Bifchof erklärte, daß er in 
und außer dem Hauſe nicht mehr als 40 bis 50 Mark habe. Ueber 


die Theilung auf den beiden Nehringen Schr. des Marſchalls, der Kap⸗ 
porn am T. Michaeli 1444 Schbl. LXVII. 62. 


3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Küftrin Sonnab. nach Aller 
Heil. 1444 Schbl. XIII. 127. 

4) Aufträge des HM. für den Pfarrer v. Danzig am Abend 
Aller Heil. 1444 Regiſtr. VII. 286. 

5) Quittung der beiden Markgrafen v. Brandenburg Friederich 


des Aeltern und des Jüngern, d. Frankfurt a. d. O. Dienſt. nach 
Andrea 1444 Schbl. 42. 1, XIII. 125. 


76 Landesordnung. (1444.) 


gangen war, ſo erhielten die Komthure den Auftrag, dieſe und 
die vornehmſten Gutsherren ihrer Gebiete zu verſammeln und 
ihre Wuͤnſche, Klagen und Vorſchlaͤge beſonders zu vernehmen. 
Die Erfolge fielen ſehr verſchieden aus. Jedes Gebiet hatte 
ſeine beſonderen Gebrechen und Beduͤrfniſſe. Im Elbingiſchen 
verlangte man Abſtellung des Schalvenskornes, des Wartgel⸗ 
des, des Pflugkornes, freiere Verfugung beim Auskaufe der 
Güter; in dem von Danzig klagte man über Beſchwerung 
und Uebertheuerung der Landleute in ihrem Verkehre mit den 
Staͤdten, uͤberließ es aber ſonſt dem Hochmeiſter als Landes⸗ 
herrn, ein beſſeres Regiment anzuordnen.) Aehnliche Klagen 
führte die Nitterfchaft der Gebiete von Dirſchau und Schwez, 
indem alle Produkte des Landes, z. B. Getreide in den Staͤd⸗ 
ten wohlfeil verkauft, die ſtaͤdtiſchen Waaren dagegen, zumal 
von den Handwerkern aͤußerſt theuer bezahlt werden muͤßten, 
daß die Städte trotz der gegebenen Verordnung doch hie und 
da keinen freien Handel auf dem Wochenmarkt geſtatten woll⸗ 
ten, der Geſindelohn außerordentlich geſteigert werde, fremde 
Kaufleute aus Pommern und Polen die Maͤrkte mit ihren 
Waaren viel zu ſehr uͤberfüͤllten u. ſ. w.?) Im Kulmerlande 
hielten die Komthure von Thorn, Graudenz u. a. mit der 
Ritterſchaft verſchiedene Berathungstage uͤber ihre Wuͤnſche 
und Vorſchlaͤge wegen einer neuen Landesordnung; man fand 
für gut, die alte Landesordnung zum Grunde zu legen und 
noͤthige Verbeſſerungen hinzuzufügen. d Aber auch hier waren 
die Geſuche ſehr verſchieden, freier Handel fir die Holländer, 
freie Land⸗ und Waſſerſtraßen für jedermann, jedoch Beſchraͤn⸗ 
kung der Schiffahrt der Polen auf der Weichſel, freie Getreide⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland Dienſt. vor Mar⸗ 
tini 1444 Schbl. LXXIII. 93. 

2) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Freit. nach Martini 1444 
Schbl. LX. 79. 

3) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Freit. nach Eliſabeth 1444 
Schbl. LIX. 19. Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. am T. Martini 
1444 Schbl. LX XIII. 92. 

4) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mont. vor Martini 1441. 


Streit mit Kulm und Thorn wegen des Pfundzolles. (1445.) 77 


ausfuhr aus Thorn, eine zweckmaͤßige Geſindeordnung, ſtren⸗ 
gere Willkuͤhren für die Handwerker, Abſtellung des Mahl: 
pfennigs u. ſ. w. Im Gebiete von Graudenz verlangte man 
einen jährlichen Richttag und insbeſondere auch die Einwilli⸗ 
gung der Lande und Stadte in die Beſchlüſſe des Ordens 
wegen Krieg und Frieden oder andere Vertraͤge mit fremden 
Fuͤrſten und dgl. v 

Die Verſchiedenheit der Wuͤnſche, Vorſchloͤge und Be: 
ſchwerden machte natürlich eine reifliche und beſonnene Erwäs 
gung der Sache doppelt nothwendig. Allein ſo geneigt ſich 4 
auch der Meiſter zeigte, in billigen und gerechten Dingen den 
Wuͤnſchen ſeiner Unterthanen nachzugeben, ſo begann das Jahr 
1445 doch wieder mit dem erneuerten Streite der Staͤdte Kulm 
und Thorn wegen Befreiung vom Pfundzolle, die ſie auf 
Grund der Kulmiſchen Handfeſte forderten. Der Hochmeiſter 
hatte ſich vom Schoͤppenſtuhle zu Magdeburg uͤber die Streit⸗ 
ſache ein richterliches Urtheil erbeten „ jedoch ohne Erfolg, weil 
das Schöppengericht die Entſcheidung für höchft ſchwierig er⸗ 
klaͤte. Gab er indeß hier leicht nach, ſo war vorauszuſehen, 
daß man bald anderwaͤrts aͤhnliche Anſprüche erheben werde, 
was bereits hie und da geſchehen war.?) Es war ihm daher 
doppelt wichtig, mit dieſen beiden Staͤdten eine guͤtliche Ueber⸗ 
einkunft zu treffen, zumal da Thorn unter den Staͤdten noch 
einen maͤchtigen Einfluß hatte und ſein Gewicht den kleinern 
Nachbarſtaͤdten oft nachdrücklich fühlbar machte.) Es fand 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Kulmſee Dienſt. nach An⸗ 
dreä 1444 Schbl. LXXIII. 97. Die Graudenzer verlangten: „das un⸗ 
fer Homeiſter ader dy gebietiger keynen krieg noch feüntſchaft zwiſchen 
fremden hern mache ane der lande u ſtete wille.“ Der Komthur ſagt: 
„ do mag Euer Gnode achtunge uff haben, von wannen dieß her kommt.“ 

2) Schr. des hochmeiſterl. Schreibers Johannes Bentim an d. HM. d. 
Berlin am T. der Beſchneid. Chriſti 1445 Schbl. XXXV. 60, Es 
kam vorzüglich auf den Artikel der Kulmiſchen Handfeſte an: Absol- 
vimus eciam totam terram ab omni penitus theolonii exactione. 

3) Namentlich in Pommern, wie das erwähnte Schreiben ausweiſt. 

4) Daruͤber das Klagſchreiben der Neuſtadt Thorn an den HM. 
d. Dienſt. nach Valentini (1445) Schl, LU. 93. 


78 Streit mit Kulm und Thorn wegen des Pfundzolles. (1445.) 


daher im Januar eine abermalige Verhandlung über die ge⸗ 
forderte Befreiung vom Pfundzolle Statt. Die Städte erklaͤr⸗ 
ten, daß auch die Schoͤppenbank zu Magdeburg, wo ſie ein 
Urtheil geſucht, ihre Handfeſte im Sinne ihrer Forderung aus⸗ 
gelegt und ſie von jener Auflage frei geſprochen habe und 
zwar nicht nur im Kulmerlande, ſondern uͤberhaupt im ganzen 
Ordensgebiete; ) fie fügten drohend hinzu: werde der Meiſter 
ihnen dieſe Freiheit nicht bewilligen, fo müßten fie die Sache 
auch an die andern Staͤdte bringen; der Streit werde dann 
weiter gehen und vielleicht wilder werden, als er je geweſen. 
Der Hochmeiſter entgegnete: auch er habe die gelehrteſten, 
kluͤgſten und weiſeſten Männer in und außer Landes daruͤber 
befragen laſſen und von allen die Antwort erhalten: der Orden 
habe dazu Gottes Recht. Da die Staͤdte dem Meiſter vor⸗ 
ſtellten, daß Kulm und Thorn an den Enden des Landes zwei 
wichtige Schlöffer ſeyen, die jetzt arm und ſchwach taͤglich mehr 
abnaͤhmen und daher einer Beguͤnſtigung bebürften, fo ſchlug 
er verſchiedene Wege vor, wie durch ſchiedsrichterliche Entſchei⸗ 
dung der Streit auszugleichen ſey, ſtellte ſolche naͤherer Erwaͤ⸗ 
gung anheim und verſchob ſomit die Sache auf einen neuen 
Verhandlungstag. Die Klage der Thorner Über die zuneh⸗ 
mende Verarmung ihrer Stadt war allerdings gerecht; auch 
das dortige Ordenshaus litt darunter ſehr bedeutend; der Kom⸗ 
thur und Konvent unterlagen oft der druͤckendſten Noth. Da 
Zinſen und Steuern verweigert oder doch nicht entrichtet wur⸗ 
den, ſo war das Haus mit Schulden überladen; felbft die 
nothwendigen Beduͤrfniſſe des Konvents konnten kaum beſtrit⸗ 
ten werden, zumal da auch ein zweijaͤhriger Mißwachs des 
Weines bei Thorn ſeine Einnahme geſchmaͤlert hatte und die 


1) Namentlich in Betreff des erwähnten Artikels: Absolvimus etc. 


2) Die Verhandlungen über dieſen Streit am T. Priſca 1445 
Regiſtr. X. 92 — 95. 

3) Sie führen z. B. an, die Stadt koͤnne ſtatt der 400 Pferde, 
die fie ſonſt gehalten, jetzt kaum noch 40 halten. 


Streit mit Kulm und Thorn wegen des Pfundzolles. (1445.) 79 


Einkünfte vom Handelsverkehre ſehr verringert waren. ) Allein 
auch bei der naͤchſten Verhandlung kam es zu keiner Ausglei⸗ 
chung. Die beiden Staͤdte verwarfen jede ſchiedsrichterliche 
Entſcheidung; feſt auf ihrer Forderung beharrend erklaͤrten fie, 
daß fie jetzt die Streitſache nicht mehr für ſich allein behandeln, 
ſondern an Lande und Staͤdte bringen wollten. » Dieſem 
Schritte mußte der Hochmeiſter auf jede Weiſe vorzubeugen 
und das Intereſſe der Ritterſchaft und der Staͤdte auch fort⸗ 
hin ſo viel als moͤglich auseinander zu halten ſuchen. Er 
war daher eifrigſt bemuͤht, durch willfaͤhrige Vorſchlaͤge und 
Anordnungen zur Entwerfung der allgemin gewuͤnſchten ver⸗ 
beſſerten Landesordnung ſich die Stimmung der Ritterſchaft 
geneigt zu erhalten. Auf einem Landtage zu Elbing ſchlug er 
ſelbſt, nach reiflicher Erwaͤgung mit den Praͤlaten und Gebie⸗ 
tigern, einen Ausſchuß von Deputirten der Lande und Staͤdte 
vor, der alles in Berathung ziehen und den Entwurf eines 
neuen Regiments in Vorſchlag bringen ſollte, und dieſer Plan 
ward von der Ritterſchaft gebilligt.s) Eben fo bereitwillig 
gewaͤhrte der Meiſter die Bitte der Ritterſchaft des Schwezer 
Gebietes, ſie wegen ihrer zunehmenden Verarmung auf acht 
Jahre von der Leiſtung des Kuh- und Schweine⸗Zinſes frei⸗ 
zuſprechen; fie erklärte fich bereit, ihn dann wieder leiſten zu 
wollen.“) Auch das Geſuch der Ritter und Knechte in den 
Gebieten von Althaus, Rheden und Papau wegen Ablöfung 
des Getreide⸗Zinſes, die ſchon der vorige Hochmeiſter den 


1) Schr. des Komthurs 
1445 Schl. LXXXY. 82. “ 

2) Verhandlungen auf einer am Tage nach Judica zu Preuſſiſch⸗ 
Mark gehaltenen Tagfahrt Regiſtr. X. 97. 

3) Die Verhandlungen der Tagfahrt zu Elbing Freit. vor Phi⸗ 
lippi und Jacobi 1445 Regiſtr. X. 101 — 104. Jedes Gebiet ſollte 
zwei, Samland vier Deputirte ſenden. Der Bürgermeifter von Kulm 
ſchlug ſechs aus den Städten vor. Die Namen der Deputirten eben⸗ 
daf. p. 102. Schr. der Ritter und Knechte des Kulmerlandes an den 
H M., d. Kulm am Tage Tiburtii 1445. 

4) Erklärung der Ritter und Knechte des Schwezer Gebietes, d. 
Schwez am T. Corpor. Chr. 1445 Schbl. LXXIII. 59, 


von Thorn, d. Lewen Sonnab. Gregorii 


80 Verhaͤltniſſe mit Holland. (1445.) 


Kulmern verſprochen, gab er gerne zu und erwarb ſich dadurch 
bei der dortigen Ritterſchaft großen Dank.“) 

Nicht minder gab er auch den Staͤdten fort und fort 
neue Beweiſe feiner Sorgfalt und feines eifrigſten Bemühens 
um ihren Wohlſtand und ihr Gedeihen. Er bewies dieß zumal 
in der Streitſache mit den Hollaͤndern. Der Vertrag zu Ko⸗ 
penhagen hatte, wie wir hoͤrten, den Streit eigentlich beigelegt 
und den Hollaͤndern war ſeitdem die Schiffahrt nach Preuffen 
wieder erlaubt geweſen, ſo daß ſie den Hafen von Danzig, 
wiewohl noch unter ſicherem Geleite des Hochmeiſters, oft ſehr 
zahlreich mit ihren Schiffen fuͤlten. Es fehlte freilich nicht an 
Störungen im Handelsverkehre, denn man merkte bald, daß 
die Hollander ſich weiter gar nicht bemühten, den Beſtimmun⸗ 
gen des Vertrages Folge zu leiſten. Man hatte bereits im 
vorigen Jahre Bevollmaͤchtigte zum Empfange einer namhaften 
Summe des zugeſagten Entſchaͤdigungsgeldes beauftragt?) und 
der Herzog Philipp von Burgund hatte dem Hochmeiſter auch 
verſprochen, daß die im Vertrage beſtimmte Entſchaͤdigung ge⸗ 
nau in Ausführung kommen ſolle;“ beides jedoch ohne Erfolg, 
weshalb auch ſchon eine Summe Hollaͤndiſches Geldes in 
Danzig in Beſchlag genommen und unter die Städte vertheilt 
worden war. Seit aber die Ausſicht zur Vollfuͤhrung des 
Vertrages ſich immer mehr verlor, nahmen die Belaͤſtigungen 
und Bedruͤckungen der Hollaͤnder in Danzig mit jedem Tage 
zu.) Sie erhoben Klagen auf Klagen über die Stoͤrungen 
des Handels im ganzen Lande.“) Die Sache kam auch auf 

1) Schr. des Landrichters Nicolaus v. Senzkau an den HM. d. 
Leiſau am T. Margarethä 1445 Schbl. LXXVI. 24. 

2) Schr. des Raths v. Danzig an d. HM. d. Sonnab. nach 
Valentini 1444 Schbl. LX. 170. 
3) Vollmacht, d. Elbing 14 Juni 1444 im Rathsarchiv zu Thorn. 

4) Schr. des Herzogs von Burgund an den HM. d. Gent 10 
Juli 1444 Schbl. XXXIII. 8. 

5) Schr. des Raths v. Danzig an den HM. d. am T. Cathedra 
Petri 1445 Schbl. XXXIII. 128. 

6) Eine Menge von Klagartikeln der Hollander gegen die Danzi⸗ 
ger o. D. Schbl. XXXIII. 84. 


Verhaͤltniſſe mit Holland. (1445.) 81 


Tagfahrten häufig zur Sprache, denn auch die Staͤdte Preuſ⸗ 
ſens empfanden bald die Nachtheile des geſtörten Verkehres 
mit Holland. Man berieth ſich Über allerlei Mittel zur Aus⸗ 
gleichung der Irrungen.) Auf eine erneuerte Zuſage des 
Herzogs von Burgund und der Staͤnde von Holland, Seeland 
und Friesland, daß ſie den Vertrag aufrecht halten und voll⸗ 
führen wollten, und auf ihre Verſicherung, daß bisher nur die 
Widerſetzlichkeit einiger Städte, des Herzogs Abweſenheit und 
manches Kriegsungluͤck an der Vollfuͤhrung des Vertrages ge. 
hindert hätten, daß man aber Mittel finden werde, den For⸗ 
derungen der Staͤdte in Preuffen in beſtimmten Zeitfriſten Ge⸗ 
nuͤge zu leiſten, 2 ertheilte der Hochmeiſter, der das wichtige 
Handelsverhaͤltniß mit Holland ſehr ungern geſtoͤrt ſah, den 
Seefahrern aus jenen Landen von neuem ſichere Geleitsbriefe 
und der Praͤſident und Rath von Holland und Seeland ſag⸗ 
ten für die Unterthanen des Ordens daſſelbe zu.) Der Han⸗ 
del in Danzig hob ſich daher bald wieder mehr empor.“ 
Allein die bisherigen Beſchwerden und Verluſte, welche die 
Holländer in Preuſſen ſeitdem erlitten, hatten die Ausgleichung 
wieder bedeutend erſchwert, denn es ward ſelbſt uͤber Mord 
und Todtſchlag geklagt, der an Holländern im Hafen von 
Danzig verübt worden ſeyn ſollte. Die Staͤdte Hollands und 
Seelands erklaͤrten ſich nun zwar immer zur Vollſuͤhrung des 
Vertrages bereit, erhoben dabei aber die Gegenforderung, daß 
zuvor aller ihren Kaufleuten mittlerweile in Preuſſen zugefügte 
Schade und Verluſt vergütet werden muͤſſe. Die Unterhand⸗ 
lungen daruͤber zuerſt in Bruͤſſel mit dem Herzog ſelbſt, dann 
im Haag mit den Deputirten aus Holland, Seeland und 


1) Die Verhandlungen darüber auf dem Tage zu Elbing Freit. 
vor Philippi und Jacobi 1445 Regiſtr. X. 103 — 104. 

2) Die Supplication des Herzogs v. Burgund und ſeiner Lande 
Holland, Seeland und Friesland o. D. Regiſtr. VII. 413. 

3) Schr. des Praͤſidenten und Raths v. Holland und Seeland an 
den HM. d. Haag 15 Juni 1445 Schbl. XXXIII. 51. 

4) Schr. des Pfundmeiſters von Danzig, d. am Abend Jacobi 
1445. 


VIII. 6 


82 Ausgleichung mit Herz, Heinrich v. Meklenburg. (1445.) 


Friesland zogen ſich bis in den Anfang des naͤchſten Jahres 
und zerſchlugen ſich endlich ohne Erfolg, da die Holländer auf 
der erwähnten Forderung feſt beharrten. “ 

Gluͤcklicher endigten in dieſem Jahre die Verhandlungen 
zur Ausſoͤhnung mit Herzog Heinrich von Meklenburg. Nach⸗ 
dem der Herzog Boguslaw von Stettin durch Uebernahme der 
Compromiſſe der beiden Parteien ſeit dem Fruͤhling alles fo 
weit vorbereitet?) und die Streitenden ſich uͤberhaupt in ihren 
Geſinnungen mehr genähert, lud er den Hochmeiſter zu einem 
Suͤhnetag mit dem Herzog Heinrich ein.) Jener ſandte als 
Bevollmaͤchtigte den Oberſt⸗Trappier Wilhelm von Helfenſtein 
und den Domherrn Andreas Nupearti® zum Tage nach Stolpe, 
wo es in der Mitte des Auguſts durch des Herzogs von Pom⸗ 
mern Vermittelung zu einem guͤtlichen Vergleiche kam, des 
Inhaltes: Alle Fehde und Feindſchaft zwiſchen dem Orden 
und Herzog Heinrich ſeyen geſuͤhnt und beigelegt und ihre 
Lande und Leute hinfort nicht mehr feindlich. Werde der Or⸗ 
den eine Fehde zu führen oder zu jemand Mahnung haben 
und des Herzogs Heinrich dazu beduͤrfen, fo ſolle der Hoch⸗ 
meiſter es dieſem zwei Monate zuvor anzeigen und ihm denje⸗ 
nigen benennen, der ihm nicht Recht widerfahren laſſe, damit 
ſich der Herzog für den Orden um Rechtsgewaͤhrung verwen⸗ 
den koͤnne. Bleibe dieß ohne Erfolg, ſo ſolle der Herzog dem 
Orden zu Huͤlfe ſtehen und ſofern es nöthig, bewaffneten Bei⸗ 
ſtand leiſten. Beduͤrfe es der letztere in einer Fehde, ſo ſolle 


1) Der ſehr weitlaͤuftige Bericht über die Geſandſchaft des Hans 
von Walde und ſeine Verhandlungen vom Septem. 1445 bis in den 
Januar 1446 im Regiſtr. X. 105 — 112. 

2) Schr. des Herzogs v. Stettin an den Komthur v. Danzig, 
d. Stettin am T. Georgii 1445 Schbl. XV. 141. 

3) Receß über eine gehaltene Tagfahrt Sonnt. nach Bonifacii 
1445 Schbl. LX. 88. 143. 

4) Schr. des Herzogs v. Stettin an den HM. d. Ruͤgenwalde 
Sonnab. nach Viti und Modeſti 1445 Schbl. LX. 88. 143. 

5) Vollmacht für die Geſandten, d. Marienb. am T. Dominici 
1445 Schbl. 33. 2. 


Neuer Streit mit d. Kurfürſten v. Brandenburg. (1445.) 83 


ihm jener in ſeinem Lande auch ein Schloß oder eine Stadt 
einräumen, um ſich von da aus gegen den Feind wehren zu 
koͤnnen, doch ohne daß des Herzogs Lande dabei Schaden lei⸗ 
den. Alle Anſprüche, die der Herzog an den Orden zu haben 
meine, ſollen hingelegt und beſeitigt ſeyn.) — So war die 
Neumark gegen einen Nachbarfürſten, der ihr lange mit feind⸗ 
licher Macht gedroht » Ticher geſtellt, und fie bedurfte ſolcher 
Ruhe jetzt mehr als je, denn ſie hatte uͤberdieß theils in einer 
wilden Fehde mit der unruhigen Ritterfamilie von Leccow, die 
mehre ihrer Staͤdte und Schloͤſſer mit Raub und Pluͤnderung 
heimgeſucht, 2 theils durch Straßenraͤuber und Raubgeſindel 
hohen und niedern Standes ſo außerordentlich gelitten und der 
Vogt hatte ſowohl auf die beſſere Befeſtigung feiner Schlöffer, 
als auf die Sicherung der Landſtraßen gegen den raubſüchtigen 
Adel ſo viel verwenden muͤſſen, daß er dringend den Hoch⸗ 
meiſter um Hülfe aus Preuſſen zu erſuchen genoͤthigt war.“) 
Auch die letzte Forderung des Kurfürften von Branden⸗ 
burg ſollte in dieſem Jahre noch befriedigt werden. Es hatte 
ſich indeß mittlerweile ein neuer Streit uber ſechshundert Gul⸗ 
den erhoben, die der Reichskanzler Kaspar Slick vom Kurfuͤr⸗ 
ſten und dieſer wieder zur Auslöfung der erwähnten Beſtaͤti⸗ 
gungsbriefe aus der kaiſerlichen Kanzlei vom Hochmeiſter for⸗ 
derte, obgleich letzterer die Briefe ſelbſt durch dieſe Summe 
dort ſchon ausgelöſt hatte. Der Kurfuͤrſt aber, über die Ver: 
eitlung ſeines Wunſches wegen der Neumark immer noch un⸗ 
willig, beſtand dennoch auf der Zahlung dieſer Summe an 


1) Original des Vertrages, d. Stolpe in Vigilia Laurent. 1445 
Schbl. 33. 4. Unter 


8 den Anweſenden werden auch noch genannt der 
Komthur von Danzig Nicolaus Poſtar und Herzog Heinrich von Mek⸗ 
lenburg ſelbſt. 


2) Schr. des Vogts v. Schievelbein an den HM. d. am T. Pu⸗ 
rif. Mariä 1445, 


3) Schr. des Vogts der Neumark an den HM. d. Hermannsdorf 


am T. Reminiſcere 1445 Schbl. XIII. 119. Schr. des Vogts v. 
Schievelbein an den HM. d. am T. Jacobi 1445 Schbl. XIV. 55. 
Regiſtr. VII. 306. 


6 * 


854 Der Papft und der Orden. (1445.) 


ihn, weil der Reichskanzler, wie er vorgab, ſie von ihm ver⸗ 
langte und der Vertrag zu Frankfurt es auch einmal ſo feſt⸗ 
ſetzte. Man ſtritt ſich nun wieder Über dieſe Forderung hin 
und her. ) Je deutlicher aber der Hochmeiſter daraus Friede: 
richs Geſinnung erkannte, um fo mehr mußte er bemuͤht ſeyn, 
die noch übrigen funſzehntauſend Gulden am beſtimmten Tage 
entrichten zu können. Er ſandte deshalb ſchon im Sommer 
den Komthur von Althaus nach Deutſchland, um dort wo 
möglich zehntauſend Gulden bei Fuͤrſten oder den Gebietigern 
aufzubringen. Allein von dort kamen nur troſtloſe Nachrichten 
und überall abſchlaͤgige Antworten.) Indeß gluͤckte es dem 
Meiſter auf andern Wegen die nöthige Summe herbeizuſchaf⸗ 
fen und durch Borgen das Fehlende zu ergänzen, ) fo daß 
auch die letzte ‚Hälfte der vertragsmaͤßigen Abſtandsſumme puͤnkt⸗ 
lich entrichtet werden konnte. Der Streit aber wegen der ſechs⸗ 
hundert Gulden dauerte noch fort.“ 

Um dieſe Zeit trat aber auch die damalige Kirchenſpaltung, 
indem ſeit mehren Jahren zwei Paͤpſte, Eugenius der Vierte 
und Felix der Fuͤnfte im Regimente der Kirche einander gegen⸗ 


1) Daruͤber eine Botſchaft des Vogts v. Dirſchau an den Kur⸗ 
fürften zu Oſtern 1445 Regiſtr. VII. 302. Schr. des Kurfuͤrſten Friede⸗ 
rich an den Vogt der Neumark, d. Berlin Mont. Bartholom. Abend 
1445 Schbl. XII. 4. 


2) Schr. des Komthurs v. Althaus, d. Köln Mittw. nach Petri 
Vincula 1445 Schbl. XXXIM. 52. Schr. feines Dieners an d. HM. 
d. Horneck Freit. vor Aſſumt. Mariä 1445 Schbl. Deutſchmeiſt. 83. 
Er ſchildert die Geldnoth in Deutſchland als faſt beiſpiellos. 

3) Schr. des Komthurs v. Elbing an d. HM. d. Holland Sonnt. 
nach Michaeli 1445 Schbl. XIII. 145. i 

4) Aufträge des HM. an den Vogt v. Dirſchau wegen Sahlung 
der 15,000 Gulden, Freit. vor Simon u. Juda 1445 Regiſtr. VII. 
359. Man ſieht auch aus der Aengſtlichkeit des HM. wegen der aus⸗ 
zuſtellenden Quittungen, wie wenig er dem Kurfuͤrſten in der Sache 
traute. Die Quittung des Kurfuͤrſten, d. Frankfurt Mont. nach Leonis 
1445 Schbl. 44. 3. Wir haben aber ein Notariatsinſtrument vom 9 
Novemb. 1445 Schbl. 44. 4, nach welchem die Zahlung unzweifelhaft 
an dem eben genannten Tage geſchah. 


Der Papft und der Orden. (1445,) 85 


Über ſtanden, für den Orden einflußreich hervor. Wie die 
meiſten Deutſchen Fuͤrſten hatte auch der Orden zu den beiden 
Paͤpſten ſich mehre Jahre hindurch in einer gewiſſen neutralen 
Stellung gehalten, zumal da die kirchlichen Verhäͤltniſſe des 
Landes um dieſe Zeit wenig Anlaß zu Verhandlungen mit 
dem Roͤm. Hofe dargeboten. Seit dem Reichstage zu Nürn⸗ 
berg im vorigen Jahre und ſeit der durch Aeneas Sylvius be⸗ 
wirkten Annaͤherung des Röm. Königes Friederich auf die Seite 
Eugenius des Vierten D trat nicht nur von ſelbſt die Nothwen⸗ 
digkeit einer beftimmten Entſcheidung fuͤr die eine oder die an⸗ 
dere kirchliche Partei hervor, > ſondern der Roͤm. König hatte 
ſich bereits im Frühling dieſes Jahres auch ausdrücklich an den 
Hochmeiſter mit der Aufforderung gewandt, daß der Orden 
und die Prälaten Preuſſens ſich Öffentlich fur ihn und den 
Papſt oder wie es hieß „für das Reich und die heilige Roͤm. 
Kirche“ erklaͤren möchten. Was den Orden ſelbſt betraf, ſo 
hatte man im oberſten Seieign Hl zr ſchon den Be⸗ 
ſchluß gefaßt, man wolle ſich für den Papſt Eugenius und 
den Roͤm. König entſcheiden, und als der Hochmeiſter jetzt 
auch die Landesbiſchoͤfe um ihre Erklaͤrung erſuchte, ertheilten 
ſie alle die Zuſicherung, daß ſie in jeder Hinſicht des Hoch⸗ 
meiſters und feines Ordens Beiſpiel folgen würden. 3) Indeß 
gingen die kirchlichen Parteihaͤndel in Deutſchland auch noch 
im Sommer ſo wild durch einander und der Papſt Eugenius 
zeigte ſich in den Deutſchen Angelegenheiten oft noch ſo wenig 
gefügig, daß der Hochmeifter für nöthig fand, in der Kirchen: 
fache immer noch mit großer Vorſicht zu Werke zu gehen, wes⸗ 
halb er ſich auch immer die genauſte Kenntniß der Vorgaͤnge 


1) Bowers Hiſtorie der Rom. Päpfte B. IX. S. 279. 

2) Pfiſter Geſch. der Deutſchen B. III. S. 506 — 507. 

3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigsberg am Pfingſtabend 
1445 Schbl. LXXIII. 116. Schr. des Biſchofs Nicolaus von Sam⸗ 
land an d. HM. d. Königsberg am Pfingftabend 1445 Schbl. LXVII. 
35. Schr. des Biſchofs v. Kulm, d. Löbau Sonnt. nach Corpor. Chr. 


1445 Schbl. LXIV. 45; die übrigen Schreiben in der Sache Schbl. 
LXIV. 47. LXV, 3, LXVI. 179, 


86 Der Papft und der Orden. (1445.) 


in den kirchlichen Verhaͤltniſſen Deutſchlands zu verſchaffen 
ſuchte.) Der Papft ſelbſt aber wuͤnſchte den Orden fir ſich 
zu gewinnen. Als daher auch die Bewohner Pommerellens 
ſich der Leiſtung aller Zoͤlle zu entſchlagen ſuchten, behauptend, 
daß ſich die Zollfreiheit des Kulmerlandes auch auf ihr Gebiet 
erſtrecke und der Magdeburger Schoͤppenſpruch auch auf fie An⸗ 
wendung finde, ließ ſich der Papſt auf die Klage des Hoch⸗ 
meiſters ſehr bereitwillig finden, durch eine Bulle den Biſchof 
von Ermland und die Pröpfte von Brandenburg und Erm⸗ 
land mit einer gruͤndlichen Unterſuchung der Sache zu beauf⸗ 
tragen und ſie zu erſuchen, die Bewohner Pommerellens mit 
aller Strenge zu ihren Verpflichtungen anzuhalten, ſofern ſich 
ihre Befreiung von Zoͤllen nicht erweiſen laſſe.) Aber auch 
die Schlichtung des Streites zwiſchen dem Orden und den 
Kulmern hatte der Papſt den erwaͤhnten Praͤlaten uͤbertragen 
und zugleich auch den Rom. König erſucht, feiner Seits eben⸗ 
falls thaͤtig mitzuwirken, daß ein entſcheidender Ausſpruch ge⸗ 
ſchehe und deſſen Ausfuͤhrung aufrecht erhalten werde. Der 
Biſchof Franciſcus von Ermland ſtand daher jetzt vor allen 
dem Hochmeiſter mit reifem Rathe zur Seite; auf ihn legte 
dieſer immer auch beſonders großes Gewicht und ſein Urtheil 
gab in den wichtigſten Dingen meiſt den Ausſchlag.) Er 
war es auch, der den Hochmeiſter mit Rath unterſtuͤtzte, als 
in dieſem Jahre wieder neue Anforderungen theils wegen Er⸗ 
hebung des Peterspfenniges, theils wegen Einſammlung und 
Abzahlung des Ablaßgeldes von paͤpſtlichen Beamten nach 
Pomimerellen und Preuſſen ergingen, denn während der Hoch⸗ 
meiſter ſelbſt oft mit der groͤßten Geldbedraͤngniß kaͤmpfte, 


1) Schr. des Bartholom. Liebenwald an den HM. d. Leipzig 
Freit. vor Jacobi 1445. 

2) Die Bulle des Papſtes, d. Romae VII Cal. Jun. p. a. de- 
cimo quinto 1445 Schbl. XI. 10. 

3) Die an den Roͤm. König gerichtete Bulle, d. Romae Idus Ju- 
nil p. a. decimo quinto 1445 Schbl. XII. 15. 

4) Schr. des Ord. Marſchalls an den HM. d. Beiſten Dienſt. 
nach Jacobi 1445 Schbl. LXVI. 176. 


Der Hochmeifter und die Stände, (1445.) 87 


quälten jene Beamten, beſonders auch der Erbkaͤmmerer Kon: 
rad von Weinsberg ihn und das Land fort und fort mit ihren 
Forderungen.) Ja dieſer letztere, deſſen Anfprüche der Hoch? 
meifter ſchon mehrmals durch foͤrmliche Proteſtationen zuruͤckge⸗ 
wieſen, ohne auf die Mahnſchreiben der Reichsfurſten und 
ſelbſt des Nom. Königes zu achten, trat jetzt ſogar mit der 
Drohung hervor, er werde, ſofern ihn der Meiſter in ſeinen 
Forderungen nicht befriedige, ſich durch Plünderung des Eigen⸗ 
thums des Ordens und deſſen Unterthanen, wo er es finde, 
ſelbſt feine Bezahlung verſchaffen, 2) und in der That erließ 
er auch bald das Geſuch an den Herzog von Burgund, ihm 
zu erlauben, die Guͤter und Waaren aller Ordensunterthanen 
aus Preuſſen und Livland, die in ſeinen Landen Handelsge⸗ 
ſchäſte betrieben, mit Beſchlag belegen und ſich daran beſriedi⸗ 
gen zu duͤrfen, was der Herzog jedoch nicht zugab. 9 
Unterdeſſen waren auch die Städte Thorn und Kulm, jetzt 
faſt noch die einzigen, die mit dem Meiſter im Zwiſte lebten, 
in ihren Beſtrebungen nicht unthaͤtig geblieben. Da es ihnen 
nicht gelungen war, die Ritterſchaft fuͤr ihre Sache zu gewin⸗ 
nen, ſo ging ihr Bemuͤhen darauf hin, wenigſtens die kleinern 
Staͤdte wieder mehr auf ihre Seite zu ziehen. Es fand zwi⸗ 
ſchen ihnen und den Abgeordneten von Graudenz, Strasburg, 
Rheden, Neumark u. a. eine Tagfahrt zu Kulmſee wegen Be⸗ 
rathung uͤber das Landesregiment Statt; allein die kleinern 
Städte trennten ſich bald wieder, ein Beweis „daß ihnen das 
Streben jener Städte nicht zufagte. ) Als daher in der Mitte 


1) Schr. des paͤpſtl. Kaͤmmerers u. Nuntius Andreas an die Geiſt⸗ 
lichen der Dioͤceſe Leſlau, d. Posnanie XVI April 1445 Schbl. LXIII. 
27. Schr. des Pfarrers v. Danzig an den HM. d. Danzig am T. 
Annaͤ 1445 Schbl. LX. 26. 

2) Mahnſchreiben Konrads v. Weinsberg an d. HM. d. Weins⸗ 
berg Dienſt. Matthaͤi 1445 Schbl. LXIII. 128. 

3) Schr. des Herzogs Philipp v. Burgund an d. HM. d. Bergen 
im Sepr. 1445 Schbl. XXXIII. 11, 

4) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Hof Beißen am Abend 
Aſſumt. Mariä 1445 Schbl. LXXX. 41. 


88 Der Hochmeiſter und die Stände, (1445.) 


des Septembers abermals ein Verhandlungstag mit Thorn und 
Kulm gehalten ward, erklaͤrte ihnen der Meiſter mit feſtem 
Muthe: er habe ſich in ihrer Streitſache bei Geiſtlichen und ge⸗ 
lehrten Laien vielfach Rathes erholt; er werde und koͤnne nach 
ſeinen Privilegien ſie vom Pfundzolle nicht frei ſprechen, denn 
er habe ein vollkommenes Recht dazu. Auf den Spruch der 
Magdeburger, die nicht feine Richter ſeyen, koͤnne er kein Ges 
wicht legen. So ſchied man wieder ohne Suͤhne.) Obgleich 
nun aber die Staͤdte ausdruͤcklich den Wunſch erklaͤrt hatten, 
ihre Sache moͤge im Lande entſchieden werden, damit ſie nicht 
vor den Roͤm. König gebracht werden muͤſſe, fo war fie den⸗ 
noch bereits zu des Roͤm. Koͤniges Kenntniß gekommen und 
zwar, wie es ſcheint, in einem ſuͤr den Hochmeiſter nicht guͤn⸗ 
ſtigen Lichte; er war beim Koͤnige angeklagt, daß er mit ſei⸗ 
nen Landen beſtaͤndig in großem Unfrieden lebe und von allem 
Hader und Zerwuͤrfniſſe ſelbſt die Schuld trage. Da traten 
aber, als dieß in Preuſſen bekannt ward, alle Staͤnde ihn 
vertheidigend und rechtfertigend auf, ein Beweis, mit welchem 
gluͤcklichen Erfolge ihm ſein biederer, offener Character und 
feine gerechte und wohlwollende Geſinnung überall ſchon Ver⸗ 
trauen erworben. Der Biſchof Johannes von Kulm ruͤhmte 
in einem Schreiben an den Roͤm. König und die Kurfürften: 
„nachdem wir nach ſchul diger, udien und rechter Liebe 
und Freundſchaft, die wir zu dem Herrn Hochmeiſter billig 
um ſeiner uͤberſchwenglichen Guͤte willen haben, die er uns und 
allen den Unſrigen als ein guͤtiger und gnaͤdiger Herr und 
Beſchirmer von Anbeginn, auch von den Zeiten her, da er 
noch in niederem Stande und Weſen war und vielmehr, ſeit 
er in ſolch ein hochwuͤrdiges Weſen geſetzt und erhoben wor⸗ 
den, erzeigt hat und taͤglich fortfaͤhrt zu erzeigen, ſolche er⸗ 
dichtete Sagemaͤhrchen auf ſeine Liebe und Guͤtigkeit ungern 


1) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Bartenſtein am T. Augu⸗ 
ſtini 1445 Schbl. LXVI. 184. Bericht über die Verhandlungen des 
HM. mit den Staͤdten Thorn u. Kulm zu Preuſſiſch⸗Mark Donnerſt. 
nach Kreuz⸗Erhoͤh. 1445 Regiſtr. X. 97 — 99. 


Der Hochmeiſter und die Stände, (1445.) 89 


und mit ſchwerem Gemuͤthe und Bitterkeit gehört und vernom⸗ 
men haben, fo erklaͤren wir offen, daß der Herr Hochmeiſter 
mit uns und ſeinen Landen und Leuten in rechter, lauterer 
Liebe und Freundſchaft lebt und wir haben auch in Wahrheit 
vernommen und erfunden, daß ſeine Herrlichkeit nach lauterer, 
rechter Liebe, Eintracht und Freundſchaft nach ſeinem hoͤchſten 
Vermoͤgen Tag und Nacht geſtanden und gewacht hat, denn 
alle Spaͤne und Widerwillen, die in vergangenen Zeiten in 
ſeinem Orden und zwiſchen ſeinen und ſeines Ordens Landen 
und Städten erweckt worden waren, hat er mit Gottes Hülfe 
bei feinen Zeiten mit forgfältigem Fleiße hingelegt, zerſtoͤrt und 
getilgt und lautere Liebe und Eintracht gemehrt und bearbeitet, 
ſo daß, Gott ſey gelobt, ſolche große Liebe, Eintracht und Ge⸗ 
horſam in feinen Landen iſt und durch ſeine Gnade taͤglich ge⸗ 
mehrt, gehalten und regiert wird, das in Wahrheit beweislich 
iſt, als bei Menſchengedenken jemals in denſelben Landen und 
Städten gehalten und regiert geweſen iſt.“ V Aber nicht bloß 
dieſer Biſchof, ein Mitglied des Ordens, ſprach mit ſolchem 
Lobe von des Meiſters Verdienſten, ſondern auch der Landrich⸗ 
ter, der Bannerführer und die geſammte Ritterſchaft des Kul⸗ 
merlandes erſuchten gleichmaͤßig den Roͤm. Koͤnig und die Kur⸗ 
furſten, den ihnen zugebrachten Gerüchten von der Zwietracht 


zwiſchen ihnen und dem Hochmeiſter keinen Glauben zu ſchen⸗ 
ken, betheuernd, daß 


heue ſie nie mehr als jetzt bereit und willig 
feyen, ſich in aller Weiſe gegen den Meiſter als gute und ges 
treue Unterthanen zu bezeigen und alles zu leiſten „was fie 
von Rechts wegen ſchuldig ſeyen, da er ihnen taͤglich ſeine 
Liebe und Güte beweiſe. ) Selbſt Thorn und Kulm und die 
ubrigen Städte im Kulmerlande widerlegten in beſondern Schrei⸗ 
ben an den Röm. König die falſche Angabe, daß ſie mit dem 
Hochmeiſter fortwährend in Hader und Zwietracht ſtaͤnden, be⸗ 
1) Schr. des Biſchofs von Kulm an den Röm, König, die Kur⸗ 
en u. ſ. w. d. Mont. nach Martini 1445 Schbl. LXIV. 46. 

2) Schr. des Landrichters u. ſ. w. an den Roͤm. König u. a. d. 
Beltſchen im Kulmerlande am Abend Eliſabeth 1445 Schbl. LXXVI. 21, 


fürft 


90 Der Hochmeiſter und die Stände. (1445.) 


zeugend, daß dieſer ihr Herr ihnen taͤglich Beweiſe ſeiner Huld 
und feines Wohlwollens gebe und ein wahrhafter Beſchuͤtzer 
und Beſchirmer ihres Landes ſey.) 

Dieſe Zeugniſſe uber feine Geſinnung und den Geiſt ſei⸗ 
ner Verwaltung mochten gerade jetzt dem Meiſter um ſo er⸗ 
wuͤnſchter ſeyn, da ihn der Roͤm. König in einer langwieri⸗ 
gen Proceßſache mit einem gewiſſen Heinrich Scholim (die 
ubrigens geringe geſchichtliche Wichtigkeit hat) focben vor Ges 
richt geladen hatte, denn ermuthigt durch die erwaͤhnten Er⸗ 
klaͤrungen ließ er den Roͤm. Koͤnig erſuchen: er moͤge die La⸗ 
dung zurücknehmen und ihn nicht aus ſeinem Rechte draͤngen, 
zumal da auch der Gegner von ihm ans Recht gewieſen ſey 
und ſolches angenommen habe; ſeit Menſchengedenken habe 
man von keinem Kaiſer oder Koͤnige gehoͤrt, der einen Hoch⸗ 
meiſter vor Gericht geladen und aus ſeinem Rechte gedraͤngt 
habe; ſo moͤge auch er ſeiner Seits einen Hochmeiſter achten 
und halten, wie es ſeine Vorfahren gethan und beim Reiche 
herkoͤmmlich ſey. Daß der Klaͤger ihm mit ſeiner Klage un⸗ 
‚recht thue, beweiſe die Liebe und Eintracht, in der er allzumal 
mit ſeinen Praͤlaten, Gebietigern, Landen und Staͤdten lebe.) — 
Der Hochmeiſter verdiente auch dieſe Anerkennung des Landes 
in vollem Maaße, denn, um hier nur des einen zu erwaͤhnen, 
welche Verdienſte erwarb er ſich allein ſchon um Handel und 
Schiffahrt durch ſeine in Verbindung mit dem Biſchofe von 
Ermland drei Jahre lang fortgeſetzten Bemuͤhungen um die 
Verbeſſerung des Tiefs auf der Friſchen Nehring, auf welche 
ſchon in dieſem Jahre bedeutende Summen verwandt wur⸗ 
den, 9 waͤhrend zugleich auch die Nogatdaͤmme und ein gro⸗ 


1) Schr. des Rathes v. Thorn, Kulm u. anderer Städte u. Rit⸗ 
ter des Kulmerlandes an den Roͤm. König d. am Abend Elifaberh 
1445 Schbl. LXXVI. 21 — 23. 

2) Die dem Pfarrer von Danzig bei dieſer Sendung ertheilten 
Aufträge, d. Donnerſt. vor Katharina 1445 Regiſtr. VII. 368 — 387. 

3) Ueber die Verbeſſerungen des Tiefs Schr. des Biſchofs v. Erm⸗ 
land an den HM. d. Heilsberg am Aſchtage 1445 Schbl. XLV. 21. 


Verhaͤltniſſe d. Ordens zu Litthauen und Polen. (1446.) 91 


ßer Waſſerſchaden am Ordenshauſe Schwez und an der dorti⸗ 
gen Stadt nicht geringe Kraͤſte in Anſpruch nahmen, weil der 
letztern beinahe der gaͤnzliche Untergang drohte. „ 


Mittlerweile traf in Preuſſen die Nachricht von der un⸗ 
glücklichen Schlacht bei Varna ein, in welcher der König Wla⸗ 
dislav von Polen gegen die Tuͤrken gefallen war. Man hatte 
bereits auf einem Reichstage zu Siradz den einzigen noch üͤbri⸗ 
gen Bruder des genannten Koͤniges, den Großfürften Kaſimir 
von Litthauen zu deſſen Nachfolger erwaͤhlt; Bedenklichkeiten 
aber über den wirklichen Tod des Bruders hatten dieſen bisher 
abgehalten, die Krone ſofort zu übernehmen. ? Da kam im 
Anfange des Jahres 1446 eine Botſchaft des Großfuͤrſten an 
den Hochmeiſter, ihm zu verfündigen, daß eine Geſandtſchaft 
aus Polen, an deren Spitze die Koͤnigin, ſeine Mutter und 
der Erzbiſchof von Gneſen, im Herbſt zu ihm gekommen ſey, 
mit der Aufforderung, ſich nach Polen zu begeben und nach 
der Wahl der Reichsgroßen den Thron des Reiches in Beſitz 
zu nehmen; vorerſt jedoch habe er, in Ungewißheit, ob ſein 
Bruder nicht vielleicht noch lebe und weil er nicht auf deſſen 
Stuhl ſitzen wolle, den auf einem Tage zu Wilna verſammel⸗ 


ten Großen Litthauens verſprochen, das Land nicht zu verlaſ⸗ 


ſen. Des Herzogs Switrigal Sendbote meldete zugleich, ſein 
Herr ſey des Großfürften getreuer Diener geworden und erſuche 
den Hochmeiſter, daß auch er des Großfurſten Freund und 
Gönner bleiben möge, Der Meifter ſprach ſich aͤußerſt freund: 
lich uber des Herzogs gütige Geſinnungen aus. Zur Beſeiti⸗ 
gung der Klagen der Litthauer, beſonders des Kaufmannes zu 


Schr. des Ord. Marſchals an d. HM. d. Koͤnigsb. am T. Auguſtini 
1445 u. Kaporn D 


onnerſt. nach Aegidii 1445 Schbl. LXXII. 55, 
LVII. 20. Die Koſtenberechnung Schbl. LXXII. 51. 

1) Schr. des Komthurs v. Schwez an d. HM. d. Sonnt. vor 
Margaretha 1445 Schbl. LIX. 17. 18. Schr. des Komthurs v. Rag⸗ 
nit, d. Labiau Mittw. nach Aſſumt. Maria 1445 Schbl. LVIII. 11. 


2) Dlugoss. T. II. p. 3 — 6. 9 — 10. Kojalowicz P. II. 
b. 195 — 196. 


92 Berhältniffe d. Ordens zu Litthauen und Polen. (1446,) 


Wilna uͤber die ſchon fruͤher beruͤhrten Handelsbeſchraͤnkungen 
in Danzig ſchlug er einen Verhandlungstag zu Memel vor, 
wohin beide Theile ſachkundige Maͤnner ſenden ſollten, um die 
Klagen in naͤhere Berathung zu ziehen.) Dann aber ließ 
der Großfuͤrſt insgeheim dem Meiſter auch das Geſuch vorle⸗ 
gen, mit ihm in ein engeres Buͤndniß zu treten, wie es zwi⸗ 
ſchen ſeinem Vetter und dem Hochmeiſter Paul von Nußdorf 
beſtanden, alſo daß beide gleiche Freunde und gleiche Feinde 
erkennten. Aus der Bitte, man moͤge die Werbung durchaus 
geheim halten und nur an wenige Gebietiger bringen, ſchloß 
der Meiſter, daß der Großfuͤrſt dieſes Buͤndniß vorzüglich we⸗ 
gen ſeiner Verhaͤltniſſe zu Polen wuͤnſche, denn unzufrieden 
wegen ſeiner fortwaͤhrenden Weigerung in der Uebernahme der 
Krone traf man dort bereits Anſtalten zu einer neuen Koͤnigs⸗ 
wahl und dachte dabei vorzüglich an den Kurfuͤrſten Friederich 
von Brandenburg.) Schon darum ſchien dem Hochmeiſter 
die Sache hoͤchſt bedenklich; er ging mit den erſten ſeiner Ge⸗ 
bietiger zu Rath und ließ dem Großfuͤrſten die Antwort brin⸗ 
gen: „die Botſchaft greife weit; der Orden ſtehe mit Polen 
und Litthauen in ewigem Frieden, den er auch fortan zu hal⸗ 
ten gedenke; der Großfuͤrſt moͤge ſich naͤher erklaͤren, wie die 
Verbindung ſeyn ſolle; darnach werde der Meiſter ſich richten; 
werde ſie dem ewigen Frieden unſchaͤdlich ſeyn, ſo wolle man 
weiter unterhandeln.“ ?) Kaſimir indeß hielt nicht für rath⸗ 
ſam, die Unterhandlung weiter fortzufuͤhren. Doch wurde da⸗ 
durch das freundliche Verhaͤltniß beider Fuͤrſten keineswegs ge⸗ 
ſtoͤrt, vielmehr gelang es dem Hochmeiſter, auch den Herzog 
Georg, der ſich an ihn um Vermittlung gewandt, mit dem 
Großfuͤrſten auszuſoͤhnen, fo daß auf feine Fuͤrbitte jener fein 


1) Die Verhandlungen mit den Litthauiſchen Sendboten Sonnab. 
nach heil. drei Koͤnige 1446 Schbl. XVII. 106. Regiſtr. VII. 427 sequ. 
2) Dlagoss. T. II. p. 11 sequ. Kojalowicz P. II. p. 198. 

3) Die Verhandlungen Regiſtr. VII. 435 — 436. 618. Der HM. 
ließ dem Großfuͤrſten die Antwort durch den Komthur v. Ragnit über 
bringen. 


Verhättniffe d. Ordens zu Litthauen und Polen. (1446,) 93 


vaͤterliches Erbe jetzt wieder erhielt) Es glückte ihm ferner 
auch, zur Beſeitigung der obwaltenden Handelsbeſchwerden den 
Großfürften zu einem gemeinſamen Verhandlungstage zu ge⸗ 
winnen.) Er fand einige Wochen nach Pfingſten an der 
Gränze Statt, wohin der Hochmeiſter als Bevollmächtigte den 
Biſchof von Samland, den Ordensmarſchall, den Komthur 
von Ragnit u. a. geſandt hatte.) Allein die Machtboten 
des Großfürften, an deren Spitze der Biſchof von Wilna, leg⸗ 
ten das meiſte Gewicht auf die Berichtigung der Landesgraͤn⸗ 
zen, worüber man ſich auch vereinigte; in Ruͤckſicht der nicht 
minder wichtigen Handelsverhaͤltniſſe dagegen, der Zölle, der 
Handelsbeſchraͤnkungen u. ſ. w. blieb es bei bloßen Klagen; 
nur über einige unbedeutende Streitfälle wußte man ſich zu 
verſtaͤndigen.) Die Mißhelligkeiten im Handel und Verkehr 
beider Laͤnder dauerten daher auch ferner fort. Man fehien 
ſich jetzt in Litthauen durch Repreſſalien Genugthuung verſchaf⸗ 
fen zu wollen, denn die Kaufleute aus Preuſſen erlitten bald 
in Kauen und Wilna die größten Bedruͤckungen, olne daß 
des Gehrer Beſchwerden daruͤber beim Großfüͤr ken Ges 
bör zu finden ſchienen; bald wurden die Handeiswanren aus 
Preuſſen mit Beſchlag belegt oder weggenommen, lald auch 
den Kaufleuten des Ordens die Zahlung verweigert Indeß 
ward doch auch dadurch das perſönlich freundſchaftlche Ver⸗ 
hältniß beider Fuͤrſten keineswegs geftörtz ') vielmehr als der 


1) Ueber die Ausgleichung mit Herzog Georg die dem Komthur v. 
Ragnit Gerlach Mertz ertheilten Aufträge Regiſtr. VII. 47. 

2) Schr. des Komthurs v. Ragnit, d. Labiau Sonnib. vor Mi⸗ 
fericord. 1446 Schbl. XVI. 25. 

3) Schr. des HM. an den Großfuͤrſten, d. Marimb. Sonnab. 
vor Himmelf. 1446 Regiſtr. VIII. 549. Die den Geſandten ertheilten 
Aufträge d. Freit. vor Pfingſt. 1446 Regiſtr. VI. 441. Die Voll⸗ 


macht fuͤr die Geſandten, d. Mar. Pfingftabeni 1446 Regiſtr. VIII. 
51 — 52. 


4) Bericht des Ord. Marſchalls, d. Labiar am Abend Johannis 
Bapt. 1446 Regiſtr. VII. 447, 


5) Schr. des HM. an den Großfürſten, d. Marienb. Donnerſt. 
nach Jacobi 1446 Regiſtr. VIII. 559. 560, Beſondere fand ein reger 


94 Berhältniffe d. Ordens zu Litthauen und Polen. (1446.) 


Hochmeiſter durch den Großfuͤrſten felbft die Nachricht erhielt, 
daß er zur Uebernahme der Koͤnigskrone in Polen entſchloſſen 
ſey und beide Lande, Litthauen und Polen unter eine Herrfchaft 
verbinden wolle, ließ ihm jener durch eine Geſandtſchaft ſeine 
große Freude daruͤber zu erkennen geben.“ 

Mit Polen fanden jetzt faſt gar keine Beruͤhrungen Statt. 
Man brachte dort den groͤßten Theil des Jahres mit Verhand⸗ 
lungen uͤber die neue Koͤnigswahl hin. Die waͤhrenddeß 
offenbar nur zur Verdaͤchtigung des Ordens dort verbreiteten 
Geruͤchte, daß dieſer die Thronerledigung in Polen benutzen 
wolle, um das Reich mit Krieg zu uͤberziehen, widerlegte der 
Hochmeiſter leicht durch die offene und gerade Erklärung, die 
er daruber an den Großfürften von Litthauen, wie an den 
Erzbiſchof von Gneſen erließ. „Wir haben ein offenes Land, 
ſchrieb er dem letztern, man kann es die Laͤnge und Breite 
durchziehen; das iſt uns nicht zuwider, ſondern ſehen es gerne, 
damit man erfahre, ob wir irgendwo Kriegsvolk verſammeln 
oder ſonſt feindliche Ruͤſtungen vorhaben.“ 9 Gerne bewilligte 
er daher auch die vom Erzbiſchofe erbetene Erlaubniß, zum 
Beſuche des Bildes der heil. Barbara nach Althaus kommen 
zu dürfen; ja er erbot ſich, dem Erzbiſchofe zu Gefallen das 
heilige Xild ins Haupthaus Marienburg bringen zu laſſen, 
denn er tand überhaupt mit dieſem in Polen hoͤchſt einfluß⸗ 
reichen Paͤlaten in den freundlichſten Verhaͤltniſſen, beſchenkte 
ihn bald u feiner Beluſtigung mit einem Paar kleinen, jun⸗ 
gen Affen, bald mit andern angenehmen Ehrengaben. “ 


Salzhandel von Dinzig nach Litthauen Statt. Schr. des HM. an 
den Großfuͤſten, d Rothenhaus am Abend Laurentii 1446 Regiſtr. 
VIII. 561. 

1) Auftrige an den Geſandten Otto von Machwitz, d. Kiſchau 
Freit. nach Ardreü 1146 Regiſtr. VII. 446. 

2) Diugoss. T. II. p. 14 — 21. 

3) Schr. des HN. an d. Erzbiſchof v. Gneſen, d. Stuhm Freit. 
nach Aegidii 1446 Regitr. VIII. 562; ein anderes d. Mar. am Abend 
Simon u. Juda 1446 zdendaf. p. 368. VIII. 558 — 559. 

4) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Gneſen, d. Mar. am 
T. Johanni 1446 u. Stihm Sonnab. nach Maria Magdal. 1446 


Verhältniffe d. Ordens zu Pommern. (1446.) 95 


Auch mit den Herzogen von Pommern begegnete ſich der 
Orden in friedlichen und freundlichen Geſinnungen. Als einen 
beſondern Beweis von Freundſchaft nahm es der Herzog von 
Stolpe auf, daß ihm der Hochmeister auf die Nachricht von 
ſeiner Krankheit ſeine beſten Aerzte anbieten ließ; V und als 
der Herzog bald darauf krank zu Oliva lag, lud ihn jener nicht 
nur freundlichſt ein, ſich entweder zu beſſerer Pflege und Be: 
quemlichkeit ins Ordenshaus zu Danzig oder in die Groß⸗ 
ſchaͤfferei nach Königsberg zu begeben, ſondern er ſandte ihm 
auch, da der Herzog dort verblieb, ſeinen beſten Arzt und 
verſorgte ihn mit Rheinwein, gutem Meth und Erquickungen 
aller Art. Es war in jeder Weiſe die liebevollſte und auf⸗ 
richtigſte Theilnahme, die er dem Fuͤrſten in ſeinem ſchmerzli⸗ 
chen Siegthum bewies. ) Sie ſprach ſich auch gegen die Her⸗ 
zogin Maria von Stolpe aus, als der Herzog endlich ſeinem 
faſt jahrelangen Leiden erlag, denn mit inniger Ruͤhrung be⸗ 
zeugte ihr der Hochmeister, daß auch er an dem Verſtorbenen 
nicht ohne tiefen Schmerz einen wahrhaften Freund und bie⸗ 
dern Nachbar verloren. Um ſo mehr war er jetzt auch bemuͤht, 
die obwaltenden Irrungen zwiſchen ſeinen und der Herzogin 
Unterthanen fo viel als möglich auszugleichen. © 

Dagegen nahmen die Streitigkeiten mit dem Kurfüͤrſten 
Friederich von Brandenburg mehr und mehr eine ſo ernſte 
Wendung, daß der Hochmeiſter für nöthig fand, dem Vogt 
der Neumark den Befehl zu ertheilen, Lande und Staͤdte dort 
eiligſt zu einer Landſprache zuſammenzurufen, um zu beſſerer 


Regiſtr. VIII. 555. 559. Schr. deſſelben an den Erzbiſchof, d. Mar. 
am Abend Simon u. Juda 1446 ebendaf. p. 568. 

1) Schr. des pflegers v. Bütow an den HM. d. am Abend Fa⸗ 
biani u. Schaft. 1446 Schbl. XII. 59. 

2) Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Waldau Mittw. 
nach Valentini u. Mar. nach Lucd 1446 Regiſtr. VIII. 543. 567. 572. 

3) Schr. des HM. an den Herzog von Stolpe, d. Ortelsburg 
Donnerſt. vor Invocavit 1446 Regiſtr. VIII. 544. 


4) Schr. des HM, an die Herzogin Maria v. Stolpe, d. Buͤtow 
Mont. vor Lucid 1446 Regiſtr. VIII. 573, 


96 Verhaͤltniſſe d. Ordens zum Kurf. v. Brandenburg. (1446.) 


Bewehrung der Schloͤſſer und zur Beſchuͤtzung des Landes eine 
Steuer und Beihuͤlfe aufzubringen. Zu dem Streite naͤmlich 
wegen der vom Kurfuͤrſten geforderten ſechshundert Gulden, der ſo 
weit getrieben wurde, daß dieſer drohte, er werde bei fernerer 
Weigerung der Zahlung die ganze Verſchreibung uͤber die Neumark 
wieder aufheben, “ war ſeit kurzem noch ein anderer hinzuge⸗ 
kommen. Das Schloß Santock ſollte zum Verkaufe geſtellt 
werden und der Hochmeiſter war nicht abgeneigt, ſolches als 
Ordensbeſitzung zu erwerben. Der Vogt der Neumark erhielt 
daruber Auftraͤge.) Gerade in der Nähe dieſes Schloſſes 
aber hatte ſoeben der Kurfuͤrſt den Bau einer Brucke über die 
Warthe auf des Ordens Ufer begonnen, deren Zweck in jeder 
Hinſicht ſehr bedenklich ſchien.) Des Meiſters Vorſtellungen 
daruͤber blieben ohne Erfolg, denn da ſchon früher dort eine 
Bruͤcke vorhanden geweſen, ſo erklaͤrte der Kurfuͤrſt kurz: er 
habe daruͤber mit dem Orden nichts zu ſchaffen und werde den 
Bau fortführen; ſey er vollendet, fo koͤnne deshalb verhandelt 
werden. Der Meiſter ſchlug vor, die beiden Streithaͤndel zum 
rechtlichen Erkenntniſſe des Markgrafen Hans von Branden⸗ 
burg, Friederichs Bruder, zu ſtellen, deſſen Urtheil er ſich gerne 
unterwerfe.) Er erſuchte dieſen daher um gütliche Vermitt⸗ 
lung.“) Der Kurfünft erklaͤrte ebenfalls, er wolle den Streit 
gerne zu guͤtlichem Austrage kommen laſſen und ſich mit dem 
Orden verſtaͤndigen, ſobald man nur feſt an der zwiſchen ihnen 


1) Auftraͤge fuͤr den Vogt von Dirſchau bei ſeiner Sendung in 
die Neumark, d. Tapiau Donnerft, nach Valentini 1446 Regiſtr. VII. 424. 

2) Schr. des HM. an den Kurfuͤrſten v. Brandenburg, d. Bran⸗ 
denburg am T. Scholaſticaͤ 1446 Regiſtr. VIII. 1 — 2. 

3) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. Wonsdorf Freit. 
nach Valentini 1446 Regiſtr. VIII. 5. 

4) Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Mar. am T. 
Georgii 1446 Regiſtr. VIII. 547. 

5) Schr. des HM. an den Kurf, von Brandenburg, d. am T. 
Scholaſticä 1446 Regiſtr. VIII. 2. 

6) Schr. des HM. an den Markgr. Hans v. Brandenburg, d. 
Brandenburg am T. Scholafticä 1446 Regiſtr. VIII. 2. 


Verhaltniſſe d. Ordens zum Kurf. v. Brandenburg. (1446.) 97 


abgeſchloſſenen Verſchreibung halten werde. Da ihm der Mei: 
ſter dieß zuſicherte, D fo ſtellten nun beide Fürfien ihren Streit 
zur Entſcheidung des genannten Markgrafen. Allein obgleich 
der Hochmeiſter ſich alle Mühe gab, den Kurfürſten auf alle 
Weiſe, auch durch Geſchenke von ſchoͤnen Noffen und Falken 
zu friedfertigen Geſinnungen zu ſtimmen ?) und der Markgraf 
Hans ſich zur Ausgleichung der Irrungen auch bereit erklärte, 9 
fo zog fich die Sache doch noch ſehr in die Laͤnge, zumal da 
bald neue Mißhelligkeiten unter des Ordens und des Kurfürſten 
Unterthanen wegen Ueberfällen und Plünderungen einer Aus⸗ 
ſohnung abermals Hinderniſſe entgegen ſtellten. 9 

Wahrend dieſer Verhandlungen mit dem Auslande hatte 
jedoch der Hochmeiſter auch die innern Verhältniffe ſeines Lan⸗ 
des fort und fort im Auge behalten. Der Streit mit Kulm 
und Thorn mußte nothwendig bald eine Loͤſung erhalten, denn 
ſchon jetzt hatte er auf das ganze Kulmerland den allerverderb⸗ 
lichſten Einfluß; der Komthur von Thorn z. B. konnte die 
Noth und Armuth ſeines Hauſes nicht ſchrecklich genug ſchil⸗ 
dern; ſelbſt Salz und Fiſche für die Konventsbruͤder konnten 
nicht bezahlt werden, weil faſt gar keine Zinſen mehr entrichtet 
wurden, fo daß ſich der Komthur genoͤthigt ſah, Geld bei Ju⸗ 
den in Neſſau auf ſeinen Amtsbrief aufzuborgen.) Auf 
mehren Verhandlungstagen hatte der Meiſter ſich uͤber die Kul⸗ 
miſche Handfeſte mit den Siädten zu verſtaͤndigen geſucht, hatte 


1) Schr. des HM. an den Kurf. v. Brandenburg, d. Mar. au 
T. Georgii 1446 Regiſtr. VIII. 31. 


2) Schr. des HM. an den Kurf. v. Brandenburg, d. Mar. Dienſt. 
nach Trinitat. 1446 Regiſtr. VIII. 56, 


) Schr. des HM. an den Kurf. v. Brandenburg, d. Mar. Sonnab. 
nach Jacobi 1446 Regiſtr. VIII. 85. 

4) Schr. des HM, an den Markgr. Hans v. Brandenburg, d. 
Bordeinen Dienſt. nach Kreuz-Erhöh. 1446 Regiſtr. VIII. 110. 111. 

5) Schr. des AM, an den Kurf. v 
am T. Andrea 1446 Regiſtr. VIII. 143. 

6) Schr. des Komthurs v. Thorn an d. HM. d. Dienſt. nach In⸗ 
vocavit 1446 Schbl. LXXIII. 55, 

VIII. 


. Brandenburg, d. Sobowitz 


7 


98 Verſuch zur Auflöfung des Bundes. (1446,) 


den Papſt, den Roͤm. König, die Kurfuͤrſten u. a. als Schieds⸗ 
richter in Vorſchlag gebracht; alles vergeblich, weil die Staͤdte 
noch fort und fort auf den Ausſpruch der Magdeburger Schoͤp⸗ 
pen trotzten. Er wandte ſich jetzt an den Ordens⸗ Sachwalter 
in Rom, um über feine Auslegung der Handfeſte und die Ver: 
pflichtung Pommerellens zum Pfundzolle beim Papſt insge⸗ 
heim eine Bulle auszuwirken und fie vom Roͤm. Könige beſtäͤ⸗ 
tigen zu laſſen, damit auf dieſe Weiſe der Streit beendigt 
werde.) Allein der Tod des Sachwalters und die Schwie⸗ 
rigkeit, einen andern tuͤchtigen Mann fuͤr dieſes wichtige Amt 
aufzufinden, hinderten die Ausfuhrung. Während indeß der 
Meiſter durch Sendung eines Stellvertreters am Roͤm. Hofe 
alle Mittel aufbot, um durch große Ehrerbietungen des Papſtes 
Gunſt zu gewinnen und dort ſo der Entſcheidung ſeiner Sache 
den nöthigen Vorſchub zu geben,“ hoffte er vielleicht zuvor 
noch auf einem andern Wege zum erwünſchten Ziele zu ge⸗ 
langen. 

Er faßte von neuem den Gedanken, den Bund wo moͤg⸗ 
lich aufzuloͤſen, ſchlug jedoch, um ſicherer zu gehen, jetzt einen 
andern Weg ein. Nachdem er zuvor die Geſinnungen der klei⸗ 
nern Staͤdte durch die Komthure ausgeforſcht und ſie zum 
Theil zum Austritt aus dem Bunde geneigt gefunden,) hatte 
er ſich an den Ritter Hans von Baiſen mit der Bitte gewandt, 
ihm mit Rath und That zu Huͤlfe zu ſtehen in Sachen, in 
denen des Ordens Rechte beeinträchtigt würden. Obgleich Bai⸗ 
fon eine Zeitlang vom Meiſter wie zuruͤckgeſetzt, wenigſtens 
nicht mehr mit dem alten Vertrauen behandelt, auch ſo krank 
war, daß er keinen Schritt weit gehen konnte, ſo verſagte er 
dennoch ſeinen Beiſtand nicht. „Es ſind heute, antwortete er 


1) Schr. des HM. an Dr. Jacob Pleſker in Rom, d. Seeſten 
Dienſt. nach Oculi 1446 Regiſtr. VIII. 18. 

2) Schr. des HM. an den Papft, d. Mar. III April. 1446 Re⸗ 
giſtr. VIII. 532. Die zahlreichen Aufträge für den Stellvertreter des 
Procurators, d. Mont. nach Judica 1446 Regiſtr. VII. 603 — 617. 

3) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Menſchendorf Mittw. 
Annuntiat. Mariä 1446 Schbl. LX XVI. 107. 108. 


Verſuch zur Auflöfung des Bundes. (1446) 99 


dabei dem Meiſter, meine Gedanken, nimmer anders zu rathen, 
denn zu Liebe und Eintracht, jeglich Theil bei Gleich und Recht 
zu bleiben.“ Mit des Meiſters Plan, fo weit er ihn kannte, 
ſchien er nicht ganz einverſtanden; er hielt für rathſamer, daß 
der Hochmeiſter ſelbſt die Sache des Bundes an Lande und 
Städte bringe, v waͤhrend dieſer von dem Gedanken ausging, 
die Bundesſache von der kirchlich⸗religiͤſen Seite aus anzu⸗ 
greifen, worüber er ſich auch bereits mit den Pralaten des 
Landes, beſonders dem Biſchofe Franciſcus von Ermland * 
einigt.) Es war auf einer Tagfahrt zu Elbing im Anfange 
des April, als letzterer an der Spitze der Praͤlaten mit der 
Behauptung auſtrat: es ſey ihre amtliche Pflicht, zu Folge 
der ihnen obliegenden Sorge fuͤr der Seelen Seligkeit nach 
reiflicher Erwaͤgung der Sache offen zu erklaͤren, daß der Bund 
gegen göttliches und natünliches Recht, gegen paͤpſtliche und 
kaiserliche Ordnungen und Geſetze ſey. Er fügte hinzu: die 
Prälaten ſeyen bereit, den Verbuͤndeten die Gruͤnde dieſer Be⸗ 
hauptung, ſofern ſie es verlangten, ſchriſtlich zu uͤbergeben, ſie 
auch am Roͤm. Hofe oder anderswo von gelehrten Leuten un⸗ 
terſuchen zu laſſen und ſelbſt die dabei vorfallenden Koſten zu 
tragen. Die Verbündeten indeß, die ſich eine Mittheilung der 
Gründe erbeten, fühlten ſich hiedurch ſchwer beleidigt und kamen 
mit einer bittern Klage beim Hochmeiſter ein, daß man ſie 
ietzt geradezu fir Rebellen erklaͤre. Da dieſer auf ihre Frage: 
ob auch er der Behauptung der Prälaten beiſtimme? keine ge⸗ 
nuͤgende Antwort ertheilte, ſo ward die Gaͤhrung und das 
Murren im Lande bald ſo wild und bedenklich, daß der Mei⸗ 


1) Schr. des Hans v. Baiſen an den HM. d. Heſelecht Palm⸗ 
ſonnt. 1446 Schbl. LXXVII. 123. Wir erfabren aus dieſem Schrei⸗ 
ben, daß Baiſen ſchon jetzt an einer Fußkrankheit litt. Er zeigt ſich 


dem HM. noch ſehr wohlgeſinnt, obgleich er ſagt: mich beduͤcht „das 
euer gnode glouben ken mir gekürzt hat. 


2) Ganz unerweislich 
reichs Preuſſ. Ates Quart. 
des Bundes auch 
gebracht.“ 


iſt es, wenn Baczko Annalen d. Koͤnig⸗ 
S. 19 behauptet, man habe zur Aufloͤſung 
die Femgerichte gegen die Verbündeten in Anregung 


7 * 


100 Verſuch zur Aufloͤſung des Bundes. (1446.) 


ſter, um die Gemuͤther zu beruhigen, eiligſt bald nach Him⸗ 
melfahrt die Stände zu einer neuen Tagfahrt nach Elbing bes 
rufen mußte.) Der ſtürmiſche Unwille der Verſammelten 
konnte hier nur dadurch beſchwichtigt werden, daß die Prälaten 
eine Art von Ehrenerklaͤrung und Abbitte uͤberreichten, erklaͤ⸗ 
rend, daß ihre Behauptung den Bundesverwandten keineswegs 
zu Unehre und Unglimpf habe gereichen ſollen und fie in allen 
Verbündeten nur fromme und rechtſchaffene Unterthanen erkenn⸗ 
ten. Es ward dann aber eine neue Tagfahrt fuͤr alle Bundes⸗ 
verwandten anberaumt und zwar auf des Meiſters Bitte, nicht 
nach Marienwerder, wie die Verbündeten wuͤnſchten, ſondern 
abermals nach Elbing, um hier, wie dieſer beabſichtigte, die 
noͤthigen Maaßregeln zur Herſtellung der Eintracht und des 
Friedens im Lande zu ergreifen. Gegen ihn ſprach ſich daher 
auch immer noch das bisher bewährte Vertrauen aus, wäh: 
rend man der hohen Geiſtlichkeit uͤberall mit Mißtrauen ent⸗ 
gegentrat. ) 

Seit langer Zeit hatte keine Tagfahrt alles im Lande in 
ſo große Spannung und Erwartung verſetzt, als die jetzt be⸗ 
vorſtehende. Von allen Seiten wandten die Bundesverwand⸗ 
ten alle Mittel auf, ſie ſo zahlreich als moͤglich beſucht zu 
ſehen.) Alles ſtroͤmte daher zur beſtimmten Zeit in Elbing 
zuſammen. Die Stimmung gegen die Praͤlaten zeigte ſich 
zwar etwas gemaͤßigter; man nahm es dankbar auf, daß jene 
ſich fir die Erhaltung der Ehre und des guten Rufes der 
Verbuͤndeten fo genügend erklärt. Nur gegen den Biſchof von 
Ermland ſprach ſich der Haß und die Erbitterung ſo offen 


1) Schätz p. 152. Ueber die Wirkung der Vorſtellungen d. „.a= 
laten bei den Verbündeten ſpricht ſich der HM. in einem Schr. an 
den Meiſter v. Livland, d. Mar. am 8. Tage Viſitat. Mariä 1446 
Regiſtr. VIII. 71 aus. 

2) Die auf der Tagfahrt zu Elbing gehaltenen Reden der Ver⸗ 
buͤndeten weiſen dieß deutlich aus; Schätz p. 153. Schbl. LXXVI. 93. 

3) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Menſchendorf Dienſt. 
nach Hiunnelf. 1446 Schbl. LXXVI. 115. Schr. des Raths von Kulm 
an den v. Thorn, d. Kulm Mont. nach Sophia 1446, 


Verſuch zur Auflöſung des Bundes. (446) 101 


aus, daß man ihm geradezu eröffnete, man wuͤnſche ihn von 
der Tagfahrt entfernt, welchem Verlangen er auch nachgeben 
mußte.) Da trat der Hochmeifter ſelbſt mit den Worten in 
die Verſammlung. 2 „Liebe Ritter und Knechte und liebe Ge⸗ 
treuen! Wir wollen mit euch reden und bitten euch, daß ihr 
das zu gut aufnehmet, denn Gott weiß, daß wir's zu euerem 
Beſten thun. Als euch allen wohl wiſſentlich iſt, da in un⸗ 
ſerm Orden etliche Zwietracht bei unſers Vorfahren Zeit ent: 
ſtanden war, habt ihr unter euch eine Verſchreibung und Ders 
einigung gethan, darum wir euch denn nicht verdenken, wenn 
ihr das um Gefahr willen vielleicht eures Leibes gethan habt 
in ſolcher Zwietracht, als es denn ſtund in unſerm Orden. 
Sondern nun hat Gott der Allmaͤchtige feine Gnade gegeben, 
daß ſolche Zwietracht, Gott ſey gelobt, mit euerem und vieler 
andern guten Leute Rath und Hülfe getilgt und ab iſt, deß 
wir euch danken als unſern lieben Getreuen. So vernehmen 
wir, daß man binnen und außer Landes viel Rede darauf habe 
und ſpreche, daß wir mit euch und ihr mit uns nicht einig 
ſeyen um ſolcher Verſchreibung willen. Darum, liebe Ritter 
und Knechte und liebe Getreuen, bitten wir euch mit begehrli⸗ 
chem Fleiße, ihr wollet die gedachte Vereinung abthun. Wir 
wollen euch wiederum eine ehrbare, billige Verſchreibung thun, 
als man euch hie davon eine Abſchriſt leſen wird, damit wir 
hoffen, daß ihr baß verſorgt und verwahrt ſeyn ſollet als mit 
ſolcher Vereinigung, und bitten euch, daß ihr das in Guͤte 
aufnehmet und uns eine gute Antwort darauf gebet, denn 


wir hoffen und getrauen, daß davon viel Liebe und Eintracht 
kommen ſolle.“ ) 


1) Schitz p. 133 — 154. 

2) Wie der HM. ſelbſt in dem erwaͤhnten Schr. an den Meiſter 
v. Livland ſagt, geſchah es auf den Rath guter Freunde, „die auch 
im Bunde ſeyn“; er meint damit offenbar Hans von Baiſen. 

3) Die Rede des HM, im Megiftr. VIII. 541 (nicht im Fol. A., 


wie Kotzebue B. IV. 274 angiebt). Sie weicht allerdings von der 
weſentlich ab, die wir bei Schü p. 154 finden. 


102 Verſuch zur Aufloͤſung des Bundes. (1446.) 


Den Verbuͤndeten ward ſofort die vom Meiſter entwor⸗ 
fene Verſchreibung vorgeleſen, worin beſonders hervorgehoben 
war, daß fortan niemand gerichtet werden ſolle in Dingen, die 
an Hals und Hand gingen, ohne Urtheil und Recht, wie es 
jeglichem gebuͤhre.) Allein die Verbuͤndeten ertheilten keines⸗ 
wegs ſogleich eine genügende Antwort, indem ſie erklaͤrten: fie 
ſeyen hiezu von den Ihrigen nicht bevollmaͤchtigt, wollten jedoch 
des Meiſters Wunſch zu allgemeiner Berathung an ihre Ael⸗ 
teſten und Freunde bringen. Sie baten zugleich, da noch im⸗ 
mer viele Klagen im Lande uͤber Ungerechtigkeiten der Ordens⸗ 
beamte und der Praͤlaten vernommen wuͤrden, der Meifter 
möge dem ſteuern, möge jedem Gerechtigkeit widerfahren laſſen, 
die Gerichtsladungen ins Ausland abzuſtellen ſuchen und auf 
die Anordnung eines guten Regiments bedacht ſeyn, damit der 
Orden und die Lande ſich eines beſſern Gedeihens zu erfreuen 
haͤttenz er möge wenigſtens mit einem kurzen Entwurfe zuerſt 
einen Verſuch machen, ?) 

Der Hochmeiſter war voll Hoffnung, daß ſein Plan ge⸗ 
lingen werde. Hans von Baiſen that auch redlich, was er 
verſprochen und was er vermochte, und vielleicht wuͤrde auch 
des Meiſters Wunſch erfüllt worden ſeyn, hätten die Ordens⸗ 
gebietiger ſich ruhiger und beſonnener gezeigt und haͤtte er 
nicht ſelbſt ſchon in wenigen Wochen erwartet, was erſt in 
laͤngerer Zeit erfolgen konnte. Er ſelbſt aber erließ an alle 
Gebietiger den Auftrag, uͤberall aufzulauern und auszuhorchen, 
die einzelnen Staͤdte zum Austritte aus dem Bunde zu ermah⸗ 
nen, hier zu bitten, dort zu verſprechen oder auch durch Dro⸗ 
hungen zu ſchrecken. Es ward ihm allerdings auch die Freude 
zu Theil, hie und da geneigte und guͤnſtige Antworten zu er⸗ 
halten, denn manche Städte erklärten ſich nach feinem Wunſche.) 


1) Sie befindet ſich im Regiſtr. VIII. 541. 

2) Die Erwiederung der Verbündeten auf die Rede des HM. 
Schbl. LXXVI. 93, 

3) Schr. des Komthurs v. Tuchel an d. HM. d. Konitz Dienſt. 
vor Johanni 1446. Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Menſchen⸗ 
derf Mittw. vor Johanni 146 Schbl. LXXVI. 110, 119. 


Verſuch zur Aufiöfung des Bundes, (1446.) 103 


In Pommerellen, wo man überhaupt laͤngſt am Bunde wenig 
Theil genommen, ſprachen ſich Lande und Städte faſt allge⸗ 
mein ſehr günſtig für den Orden aus, mit Zuſicherung feſter 
Treue und unverbrüchlichen Gehorſams gegen den Meiſter. ) 
Andere indeß, ſchon zaghafter, weil Danzig auf ſie Einfluß 
hatte, erklärten ſich zwar zum Austritte bereit, aber nur wenn 
andere voran gingen oder der Hochmeiſter fie an Ehre und 
Glimpf genügend verwahren werde; noch andere ſtellten Fri⸗ 
ſten, nach welchen fie ihre Antworten ertheilen wollten, um 
erſt abzuwarten, was andere Staͤdte thun wuͤrden. Keine 
mochte mit einer beſtimmten Erklärung voran treten.) In 
den Gebieten von Elbing und Chciſtburg, wie in den Nieder⸗ 
und Hinterlanden, wo der Ordensmarſchall für die Sache ſehr 
thaͤtig war, ſchützten die Städte bald „ihre Einfalt in fo hohen 
Dingen“ vor, bald berief ſich auch hier die eine auf das Bei⸗ 
ſpiel der andern; ebenſo die Freien und ehrbaren Leute des 
platten Landes.) Auch im Kulmerlande, fo ſehr ſich da eben⸗ 
falls die herumziehenden Komthure bemuͤhten, die kleinen 
Städte zum Abſalle zu bewegen, fielen die Stimmen ſehr ver⸗ 
ſchieden aus, manche zweideutig und unentſchieden, andere 
wohl entſchiedener, jedoch dem Orden mehr abgeneigt, wenige 
nur des Meiſters Wünſchen guͤnſtig. Auch hier fuͤrchtete jede, 


1) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. am Abend Viſit. Mariä 
und Freit. nach Felicis et Aucti 1446 Schbl. LXXVI. 109. 116; er 
erwähnt, die Staͤdte Schlochau, Friedland und Hammerſtein ſeyen gar 
nicht im Bunde geweſen 

2) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Solmyn Sonnt. nach 
Corpor. Chr. 1446. Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. am Abend 
Corpor Chr. 1446 Schbl. LXXVI. 117. 120, Schr. des Komthurs 
v. Danzig, d. Dienſt. vor Burchardi 1446 Schbl. LXXVI. 96 wo⸗ 
nach auch noch im Herbſte die Heinen Staͤdte ihre Antwort erſt nach 
einer Friſt von ſechs Wochen abgeben wollten. 

3) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland Donnerſt. vor 
Johanni 1446 Schbl. LXXVI. 100. Schr. des Komtburs v. Chriſt⸗ 
burg, d. Liebmühl am T. Iobanni 1446 Schbl. LXXVI. 95. Schr. 


des Ord Marſchalls, d Gerdauen Donnerſt. nach Petri und Pauli 
1446 Schbl. LXXVI. 90. 


104 Verſuch zur Aufloͤſung des Bundes. (1446.) 


den erſten Schritt zu thun, jede in Beſorgniß wegen der nach⸗ 
theiligen Folgen, die der Austritt aus dem Bunde nach ſich 
ziehen koͤnne. Man berief ſich daher faſt uͤberall auf der groͤ⸗ 
Fern Städte Vorgang, beſonders Kulms und Thorns.) Auch 
die Ritterſchaft Kulmerlandes ward von den Komthuren nach 
Leiſau zu Tag berufen und zur Auflöfung ihres Bundes auf: 
gefordert; allein fo lau fie für dicſen eine Zeitlang dageſtanden, 
ſo wenig waren die Einzelnen zu bewegen, mit ihrem Beiſpiele 
vorzutreten, obgleich ſich alle der Abſtellung des Bundes nicht 
abgeneigt erklaͤrten. „Der Bund, erwiederten ſie dem Kom⸗ 
thur von Thorn, der mit Eintracht geſchloſſen ward, muß auch 
mit Eintracht wieder abgethan werden.“ 

So war die Stimmung im Lande. Allenthalben ver⸗ 
langte man eine allgemeine Tagfahrt aller Bundesverwandten, 
um eine fo wichtige Sache in reifliche Erwägung zu ziehen. ) 
Kulm und Thorn ſtanden auch hier im Eifer voran; ſie forder⸗ 
ten Danzig auf, auch die kleinen Staͤdte zu dieſem Tage zu 
gewinnen, desgleichen ſollten auch Elbing und Königsberg in. 
ihren Gebieten auf die kleinen Städte wirken.?) Die Tag⸗ 
fahrt ward endlich nach Marienwerder ausgeſchrieben. Bevor 
ſie indeß zu Stande kam, ſahen Maͤnner wie Hans von Bai⸗ 
fen ſchon klar ein, daß dich der Gebietiger ungeſtuͤmes Ber: 
fahren und der Praͤlaten unbeſonnenen Eifer des Meiſters 
Plan vereitelt ſey. „Die Sache war auf gutem Wege, ſchrieb 
er dieſem klagend, wollte Gott es waͤre dabei geblieben. Ich 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Strasburg Sonnt. in Octava 
Corpor. Chr. 1446 u. Thorn Freit. nach Corp. Chr. 1446 Schl. 
LXXVI. 87. 88. Schr. des Komthurs v. Golub, d. Neumark Dienſt. 
in Octava Corpor. Chr. 1446 Schbl. LXXVI. 102. Schr. des Kom⸗ 
thurs v. Rheden, d. Mont. nach Viſit. Maria 1446. Schbl. LXXVI. 
97, wo von den Staͤdten Strasburg, Neuſtadt Thorn, Neumark, Loͤ⸗ 
bau und Rheden die Rede ift. 

2) Schr. des Vogts v Leipe, d. Schoͤnſee Sonnt. vor Petri und 
Pauli 1446. Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Mont. vor Petri 
und Pauli 1446 Schbl LXXVI. 88 C). 103. 

3) Schr. der Staͤdte Kulm und Thorn an Danzig, d. Kulm 
Freit. nach Petri und Pauli 1446 Schbl. LX. 77. 


Verſuch zur Auflöfung des Bundes. (1446.) 105 


hab' es Ew. Gnaden oft geſagt und auch geſchrieben: man 
ſolle betrachten der Welt wilden, ungewiſſen Lauf, wie gar 
leichtlich zu verderben, was ſchwerlich oder nimmer wieder 
kommt. Ich habe getreuen Fleiß mit den Meinen gehabt, das 
zeuge ich mit Gott und will das nimmer laſſen; wo ich Ew. 
Gnaden mag Treue leiſten, da foll an mir nicht Gebrechen 
ſeyn; ſondern man mag ſo viel verderben, daß ich dazu zu 
ſchwach waͤre, es wieder zu bringen.“ Hans von Baiſen hatte 
redlich mit an des Meiſters Plan gearbeitet. Um ſo mehr 
aber war er jetzt in einer ſehr mißlichen Lage; denn „uberall, 
ſchrieb er dem Meiſter, muß ich mich nun vorſichtig halten ge⸗ 
gen die Leute, daß ich Glauben behalte.“ So gab nun 
auch der Hochmeiſter ſeine Hoffnung ſchon faſt gaͤnzlich auf. 2 

Die Gebietiger boten zwar jetzt alle Mittel auf, den Tag 
zu Marienwerder wo moͤglich zu vereiteln oder doch wenigſtens 
die kleinen Staͤdte bald durch Ermahnungen, Einreden und 
Vorſtellungen, bald ſelbſt auch durch Drohungen abzuhalten, 
dort zu erſcheinen; und manche ließen ſich auch abſchrecken, 9 


andere ſtanden zaghaft und beſorgt da, den Bund nicht weni⸗ 
ger als den Orden fuͤrchtend. © 


Als indeß die Tagfahrt im 
Juli eröffnet ward, traten zuerſt die Abgeordneten der großen 
Staͤdte, von ihren Aelteſten, Schoͤppen, Zimften und Gemeinen 
bevollmaͤchtigt, mit der Erklaͤrung auf: ſie wuͤrden den Bund 


1) Nach Kotzebue B. IV. 79, der nach S. 274 das Schr. des 
Hans v. Baiſen an den HM. d. Hezelecht am T. Viſit. Mariä 1446 
im Original beſaß. 

2) Schr. des HM, an 
8. Tage Viſit. Mariä 1446 
duͤnkt auch, das nichts 
bunde bleiben werden. 


3) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Menſchendorf am T. 
Margaretha 1446. Schr des Komtburs v. Danzig, d. am T. Mar⸗ 
garetha 1446 Schol. LXXVI. 92. 102. Schr. des Komthurs v. El⸗ 
bing, d. Holland Sonnt. vor Margar. 1446 ebendaſ. 113. 


4) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Eilau Donnerft, nach Mar: 


gar. 1446 Schbl. LXXVI. 105, berichtet von Raſtenburg, Barten⸗ 
ftein u. a. 


d. Meiſter v. Livland „ d. Marienb. am 
Regiſtr. VIII. 71, wo er ſagt: Uns ver⸗ 
darus werden wolle, ſunder das ſie bey dem 


106 Verſuch zur Aufloͤſung des Bundes. (1446.) 


in keiner Weiſe aufgeben, ſondern vielmehr zu ſeiner Erhaltung 
und Vertheidigung als redliche Leute den thaͤtigſten Beiſtand 
leiſten. Dem ſtimmten auch die kleinen Städte und die Ritter 
und Knechte aus den Landſchaſten allzumal bei, alſo daß ein⸗ 
hellig beſchloſſen ward: Alle wollten treu am Bunde feſthalten 
und ihn vertheidigen mit Leib und Gut. Sofort ging eine 
Geſandtſchaft der Ritterſchaft und Staͤdte, an ihrer Spitze 
Hans von Baiſen, zum Meiſter, ihm freimuͤthig erklaͤrend: 
nach gemeiner Berathung ſey ihr Bund erneuert, nicht wider 
des Ordens Rechte, ſondern nur wider Gewalt und Unrecht. 
Man hoͤre jedoch, daß der Biſchof von Ermland immer noch 
fortfahre, die Bundes verwandten zu verleumden. Der Meiſter 
entgegnete: „Was wir gethan, haben wir im Beſten gemeint; 
auch wir wollten durch unſere Verſchreibung euch und euere 
Kinder gegen Gewalt und Unbill ſchuͤtzen; jedoch will ich euch 
nicht härter drängen. Den Biſchof von Ermland werde ich 
zuerſt durch einen Gebietiger und, wenn es noͤthig, auch durchs 
Kapitel abmahnen laſſen, denn es iſt mir leid, daß er ſolches 
gethan und iſt ohne mein Wiſſen geſchehen.“ Der Verbuͤn⸗ 
deten Bitte um einen jährlichen allgemeinen Gerichtstag zur 
Ausgleichung alles Unrechts und um die Anordnung eines 
beſſern Regiments ſagte der Meiſter bereitwillig zu, dabei je⸗ 
doch erflärend: er finde für rathſam, vorerft mit einigen Raͤ⸗ 
then nur wenige Artikel feſtzuſtellen und deren Anwendung 
auf ein Jahr zu verſuchen, worauf dann mehre und andere 
zweckdienlich ausgeſetzt werden koͤnnten. So ſchieden die Ab⸗ 
geſandten zufrieden und wegen befürchtete Gewalt von Seiten 
des Ordens beruhigt mit Dank von dannen. 

Der Meiſter war klug genug, gegen den Bund keinen 


1) Außer Hans v. Baiſen aus dem Oſterodiſchen Gebiete, Nico⸗ 
laus von Buchwalde aus dem Chriſtburgiſchen, Nicolaus von Senzkau 
aus dem Kulmiſchen u. a., auch die Buͤrgermeiſter von Kulm, Thorn, 
Elbing, Danzig und Koͤnigsberg. Fol. B. 7. 

2) Außer dem Berichte bei Schütz p. 154 über die Sendung an 
den HM. noch ein anderer im Fol. B. 7—8, der noch vollſtaͤndigere 
Nachrichten giebt. 


Verhättniffe zum Nom. Könige, (1446.) 107 


Schritt mehr zu verſuchen, wohl einfehend, daß fein mißgluͤck⸗ 
ter Plan nur dazu beigetragen, ihn wieder ſtaͤrker zu befeſtigen. 
Auch am Hofe des Roͤm. Koͤniges oder zu Rom wider ihn 
anzukaͤmpfen, dazu waren die Zeiten jetzt nicht geeignet. Es 
iſt bekannt, in welchen Zwieſpalt in dieſem Jahre das Kur⸗ 
fürften = Kollegium mit dem Papſte Eugenius dem Vierten ge⸗ 
rathen und in welche mißliche Stellung dadurch der Roͤm. 
König zu den Kurfünften ſowie zum Papſte gekommen war. » 
Nun war bereits im Mai die von dem beruͤhmten Syndicus 
von Nürnberg Georg von Heimburg an alle Fürften der Chri⸗ 
ſtenheit erlaſſene Aufforderung, die Neutralität gegen den Rom, 
Papſt abzulegen und ſich beſtimmt fuͤr eine Partei zu erklaͤren, 
nebſt einem Schreiben des Roͤm. Koͤniges, auch an den Hoch⸗ 
meiſter und den Erzbiſchof von Riga gelangt und es galt nun 
hier die Frage: wofuͤr man ſich entſcheiden ſolle? Der Bi⸗ 
ſchof von Ermland, den man immer zuerſt zu Rath zog, war 
der Meinung: der Orden dürfe, da fünf Kurfürften in der 
Sache zu einander ſtaͤnden, ſich weder entſchieden gegen ſie, 
noch auch offen gegen den Roͤm. Koͤnig erklaͤren, ſondern muͤſſe 
gegen beide geneigte Geſinnungen ausſprechen, denn unter bei⸗ 
den habe der Orden Beſitzungen; es ſey offenbar Schaden zu 
befürchten, wenn man ſich nur dem einen oder dem andern 
zuwende.? Bald darauf erließ auch der Erzbiſchof von Riga 
an die vier Biſchöfe Preuſſens eine gleiche Aufforderung, zu 
erklaren, zu welcher Partei fie treten würden, ſofern der 
Röm. Koͤnig und das Reich ſich mit dem Baſeler Con⸗ 
cilum gegen den Papſt verbinden wunden.) Die wich⸗ 
tigſten Gebietiger ſtimmten entſchieden dafür, daß der Mei⸗ 
ſter und der Orden ſich an die Roͤm. Kirche, das Reich 


1) S. darüber das Nähere in Pfiſter Geſchichte d. Deutſchen 
B. III. 507 — 508. 


2) Schr. des Komtburs v Elbing, d. Heilsberg Dienſt. vor In⸗ 
vent. Stephani 1446 Schbl. LXXVI. 111, 


3) Schr. des Erzbiſchofs von Riga an die Biſchoͤfe in Preuſſen, d. 
Riga iſten Juli 1446 Schbl. II. 87. 


108 Verhaͤltniſſe zum Roͤm. Könige. (1446.) 


und den Roͤm. König halten ſollten.) Alſo ſandte der Hoch: 
meiſter, auch der Zuſtimmung der Biſchoͤfe gewiß, obgleich ſie 
ſich erſt ſpaͤter erklärten, ? den Vogt von Leipe als Botſchaf⸗ 
ter an den Roͤm. König mit der Zusicherung: der Orden werde 
ſtets dem Koͤnige ſich gehorſam zeigen und in der Kirchenſache 
auch auf feiner Seite ſeyn. Zugleich aber erſuchte er den Kö: 
nig, er möge den Unwillen, den er bisher wegen der Appella⸗ 
tion nach Rom in der Rechtsſache gegen Heinrich Scholim 
auf den Orden geworfen, dieſen nicht ferner fuͤhlen laſſen, denn 
der Hochmeiſter habe bei dem Schritte, den er hierin gethan, 
nur einzig die Aufrechthaltung der Freiheiten und Privilegien 
des Ordens (der nur allein dem Gerichte des Roͤm. Stuhles 
unterworfen fey) im Auge gehabt.) Dieſe Ungunſt des Roͤm. 
Koͤniges gegen den Orden wieder in Gnade und Gunſt umzu⸗ 
ſtimmen, war zugleich auch einer der wichtigſten Zwecke einer 
Geſandtſchaft des Hochmeiſters an den Reichstag zu Frankfurt, 
wo vor allem Kaspar Slick dringend erſucht ward, durch eine 
gerade und offene Darlegung der Sachverhaͤltniſſe jenes Strei⸗ 
tes des Koͤniges Geneigtheit für den Orden zu gewinnen und 
wo zudem auch vor den Reichsfuͤrſten der Hochmeiſter feinen 
Gehorſam und ſtete Dienſtwilligkeit gegen Kaiſer und Reich 
bezeugen ließ.“ 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Sonnt. zu Pfingſt. 1446 
Schbl. LXIX. 45. 

2) Schr. des Ord. Marſchaus, d. Königsberg am T. Laurentii 
1446 Schbl. LXVII. 34. Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Moh⸗ 
rungen am T Dominici 1446 Schbl. LXVI. 156. 

3) Die dem Vogt v. Leipe ertheilten Auftraͤge an den Roͤm. Koͤ⸗ 
nig, d Mittw. nach Jacobi 1446 Regiſtr. VII. 452 — 460. Schbl. V. 
21. Der Vogt von Leipe war Ludwig von Erlichshauſen. Urk. des 
Kardinals Nicolaus S. Marcelli, worin dieſer im Auftrage des Pap⸗ 
ſtes Eugenius den Heinrich Scholim und deſſen Anhang in ſeinem 
Streite vor den Roͤm. Stuhl citirt, da dieſem der Orden nach feinen 
Privilegien allein unterworfen ſey, d. Romae VII Marti 1447 Schbl 92. 5. 

4) Die den Gefandten zum Reichstage ertheilten Aufträge Regiſtr. 
VII. 469 — 477. Schr. des HM. an den Kurfürften v. Brandenburg, 
d. Marienb. am T. Dominici 1446 Regiſtr. VIII. 88. 


* 


Verhandlungen wegen des Ablaßgeldes. (1446.) 109 


Zu dieſer Sendung auf den Reichstag bewog den Meiſter 
jedoch auch noch ein anderer Grund. Wir hoͤrten, bis wie 
weit der Reichs⸗Erbkoͤmmerer Konrad von Weinsberg ſeinen 
Streit wegen ſeiner Forderung des Ablaßgeldes bereits getrie⸗ 
ben hatte. Vergebens hatte ſeitdem der Hochmeiſter zu billi⸗ 
ger Abfindung den Kurfuͤrſten von Brandenburg als Schieds⸗ 
richter vorgeſchlagen. Konrad drohte von neuem, die Ordens⸗ 
güter der Ballei zu Koblenz zu feiner Befriedigung in An⸗ 
ſpruch nehmen zu wollen, weshalb der Hochmeiſter genöthigt 
war, den Schutz der Kurfürften gegen den Draͤnger anzuru⸗ 
fen.) Indeß ließ ſich dieſer ſchlechterdings durch kein Aner⸗ 
bieten vor Schiedsrichtern zufrieden flellen,? denn er ging 
von der Behauptung aus, eine ſchiedsrichterliche Unterſuchung 
und Entſcheidung uͤber ſeine Forderung ſey unnuͤtz, weil ja der 
Hochmeiſter durch eine Bulle des Conciliums, ſowie durch 
Briefe des Roͤm. Koͤniges und der Kurfuͤrſten von der Recht⸗ 
maͤßigkeit ſeiner Forderung vollkommen unterrichtet ſey.) Der 
Meiſter jedoch laͤugnete, daß ihn die Bulle und die erwaͤhnten 
Briefe zur Entrichtung des Ablaßgeldes an Konrad von Weins⸗ 
berg geradehin verpflichteten.) Der Deutſchmeiſter rieth: man 
moͤge ſich mit Weinsberg, der Geld jetzt ſehr bedinfe, durch 
eine kleine Summe abfinden. Allein der Hochmeiſter erwie⸗ 
derte: Wir durfen nun einmal nach Laut der Bulle dieſes 
Geld nicht angreifen; es iſt uns dies verboten. Weinsbergs 
Bulle gebietet auch nur, es ſolle ihn niemand bei Erlangung 
des Geldes hindern. Das haben wir auch befolgt. Wir haben 


1) Schr. des HM. an di 


e Kurfuͤrſten von Mainz, Trier und 
Koͤln und den Pfalzgrafen v. 


Rhein, d. Stuhm am T. Kreuz⸗Erfind. 
1445 Regiſtr. VIII. 38. Schr. des HM. an den Komthur v. Koblenz, 
d. Stuhm Mittw. nach Kreuz- Erfind. 1446 ebendaf v. 39. 


2) Schr. des HM, an Konrad v. Weinsberg, d. Mar Dienſt. 
v Pfingſt. 1446. Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. wie vor 
Regiſtr. VIII. 53 — 54. 55. 59, 


3) Schr. des HM. an Konrad v. Weinsberg, 
Freit. nach Kieuz⸗Erhoͤh 2446 Regiſtr. VIII. 112 
4) Nach dem eben erwaͤhnten Schr. 


d. Mohrungen 
— 113. 


110 Finanzbedraͤngniſſe des Ordens. (1446.) 


auch in ſeines Dieners Gegenwart unſere Praͤlaten, Lande und 
Staͤdte zuſammenberufen und ihm deren Zeugniß vorgelegt, daß 
das Ablaßgeld nicht in unſerer Verwahrung iſt und wir und 
unſer Orden damit nichts zu ſchaffen haben. Der Hochmeiſter 
erfuchte daher jetzt den Deutſchmeiſter, in Verbindung mit der 
Geſandtſchaft auf dem Reichstage dem Reichs⸗Erbkämmerer 
alle Verhaͤltniſſe klar und deutlich vorzuſtellen und zu verſu⸗ 
chen, entweder auf dieſe Weiſe oder durch das wiederholte Er⸗ 
bieten eines ſchiedsrichterlichen Austrages den Streit endlich zu 
ſchlichten.) Allein auch dieſer Verſuch ſchlug fehl. 

Es gereicht dem biedern Meiſter zur Ehre, daß er ſich 
dem ſchnoͤden Ausſaugen ſeines Landes ſo ſtandhaft widerſetzte, 
denn die Geldarmuth ſowohl des Ordens als im ganzen Lande 
war in der That ſo groß, daß Sparſamkeit und Beſchraͤnkung 
in den Ausgaben ihm ſelbſt als dringendſte Pflicht galt. Die 
bedeutenden Zahlungen, die ihm ſeit einigen Jahren die Neu⸗ 
mark verurſacht, koſtſpielige Dammbaue, die in den Werdern 
bis in den Herbſt dieſes Jahres fortgeſetht wurden,? und die 
großen Ausfälle in den Zinslieferungen und ſonſtigen Einkünf⸗ 
ten hatten den Ordensſchatz ſo gaͤnzlich erſchoͤpft, daß der 
Hochmeiſter ſelbſt manche der nothwendigſten Verpflichtungen 
nicht erfüllen konnte?) und bald bei den Städten, bald bei 
den Biſchöfen Anleihen aufnehmen mußte. So drang ihn die 
Noth, die großen Staͤdte auch um den ihnen zukommenden 
dritten Theil des Pfundzolles zu erſuchen.) Es war 


1) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mohrungen am T. 
Lamberti 1446 Regiſtr. VIII. 113 — 114. Die den Geſandten zum 
Reichstage daruber gegebenen Auftraͤge Regiſtr. VII. 475 — 481. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Stangenwalde Mont. 
nach Galli 1446 Schbl. LXV. 52. 

3) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mar. Pfingſt. 1446 
Regiſtr. VIII. 54. 114 — 115. Die Koften auf die Neumark ſchlaͤgt 
der HM. auf 100,000 Mark an, die Dammbaue auf 12,000 Mark. 
Die Kammerzinſen fielen kaum zur Haͤlfte. 

4) Darüber des HM. Beſcheinigung auf 1238 Mark, d. Danzig 
au T. Commemorat. Pauli 1446 Regiſtr. VIII. 65. 


Finanzbedraͤngniſſe des Ordens. (1446.) 111 


ihm daher auch, wie er ſelbſt erklaͤrte, unmöglich, dem Deutſch⸗ 
meiſter eine Schuldſumme von 3750 Gulden und dem Biſchofe 
von Ermland die bei ihm zur Zahlung fi die Neumark ges 
machte Anleihe zur beſtimmten Zeit wieder zu entrichten. „ 
Betrug doch die Geſammt⸗Einnahme des Hochmeiſters und 
des Konvents in dieſem Jahre bis um Martini nur 6726 und 
die ganze Ausgabe 5768 Mark. Der bisherige Ordenstreßler 
Ulrich von Eiſenhofen konnte daher feinem Nachfolger Leonhard 
von Parsberg um dieſe Zeit auch nur einen Beſtand von 849 
Mark überweiſen, denn im vorigen Jahre hatte die Ausgabe 
die Einnahme ſchon merklich uͤberſtiegen.) In gleich druͤcken⸗ 
der Geldarmuth befanden ſich naturlich auch die einzelnen Or⸗ 
denshaͤuſer; wir hörten bereits, in welcher traurigen Lage ſich 
der Konvent zu Thorn ſah; ebenſo erwieſen die Verzeichniſſe 


der für die Konvente zu Koͤnigsberg und Danzig aus ihren 
Gebieten fallenden Zinſen ſehr bedeutende Ausfaͤlle.s) Mußte doch 
ſelbſt der Komthur 


von Elbing um Stundung einer Summe 
von 150 Mark bitten, die der Hochmeiſter als Beihuͤlfe zum 
Fange eines Dammbruches verlangte, weil er ſie von den 
Einſaſſen ſeines Gebietes wegen ihrer Armuth nicht aufbringen 
konnte.) Mit Ausnahme der Ritterſchaft war von Wohlſtand 
auf dem Lande kaum noch die Rede. Der Ordensmarſchall 
gab daher dem Meiſter auch den Rath an die Hand, den Or⸗ 
densbeamten es ſtreng zur Pflicht zu machen, die Amtseinfaf- 
ſen mit Schaarwerk ſo viel als moͤglich zu ſchonen, weil ſonſt 
die Landleute voͤllig zu Grunde gehen und ihre Aecker immer 


1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Braunsberg Mittw. nach Na⸗ 
tivit. Chriſti 1446 Schbl. LXVI. 155. 

2) Die Rechnung des abgehenden Treßlers, Dienſt. vor Martini 
1440 Schbl. LXXI. 31. Die Einnahme des HM. allein betrug nur 
1847 Mark, die Ausgabe 1607 Mark. 


3) Die Verzeichniſſe für beide Häufer im J. 1446 Shot. LVII. 
81. LX. 45. 36. 


4 Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland am T. der Dor⸗ 
nenkrone 1446 Schbl. LIII. 8. 


112 Sandelsverhaͤttniſſe mit dem Auslande. (1440.) 


mehr verwuͤſten müßten. Dazu kam, daß auch die Zukunft 
wenig Hoffnung zur Beſſerung verſprach. In manchen Ge⸗ 
genden hatten die ſchrecklichen Verwuͤſtungen der Waſſerdurch⸗ 
brüche für viele Jahre unerſetzlichen Schaden angerichtet; ges 
waltige Landſtrecken waren mit Sand uͤberdeckt, weshalb der 
Meiſter den Plan faßte, die zu große Waſſermaſſe der Nogat 
wieder mehr in die Weichſel zu leiten.“ In andern Theilen 
des Landes dagegen ließ eine im Fruͤhling ungewoͤhnlich lange 
anhaltende Dürre allgemeinen Mißwachs beſuͤrchten, fo daß 
der Hochmeiſter die Getreide-Ausfuhr verbieten mußte, wo⸗ 
durch wiederum der Handel nach dem Auslande eine neue Laͤh⸗ 
mung erhielt.“ 

Der Handel Preuſſens ſtand uͤberhaupt in keinem regen 
Leben mehr. Mit England hatte nur Danzig einigen Verkehrz 
er war indeß jetzt unbedeutend, denn die unaufhoͤrlichen Belaͤ⸗ 
ſtigungen in England, die man natuͤrlich in Preuſſen und na⸗ 
mentlich in Danzig an den Englaͤndern zu vergelten nicht un⸗ 
terließ, hatten ihn faſt ganz erdrückt.“ Auch mit Frankreich 
waren neue Handelsverbindungen angeknuͤpft; fie litten aber eben⸗ 
falls oft empfindliche Störungen. Am lebendigſten war ſeit 


1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Kaporn Sonnab. nach Simon 
und Judaͤ 1446 Schul. LXXIII. 9. 

2) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Mohrungen Sonnab. 
nach Kreuz.⸗Erhoͤh. 1446 Regiſtr. VIII. 115. 

3) Schr. des Raths von Danzig an d. H M., d. Danzig am T. 
Simon und Judaͤ 1446 Schbl. LXI. 79. 

4) Anordnung einer allgemeinen Betfahrt durchs Land wegen der 
großen Duͤrre, um Himmelf. 1446 Regiſtr. VIII. 49. Schr. des HM. 
an den Meiſter v. Livland, d. Mar. Dienſt. nach Palmar. 1446 
Regiſtr. VIII. 27. Die Getreideausfuhr nach Rußland, ebenſo die 
von Knochen, Adern, Horn, Leim als für Armbruſtmacher nothige 
Artikel werden verboten, Regiſtr. VIII. 62. 147. 

5) Schr. des HM. an d. Koͤnig von England, d. Danzig 27 
Jun. 1446 Regiſtr. VIII. 64. Vgl. Sartorius Geſch. des Hanſ. 
Bundes B. II. S. 309. u. die Urkunde bei 1 mer T. V. P. I. p. 72. 

6% Schr. des HM. an den Koͤnig v Frankreich, d. Marienb. 
Donnerſt. nach Bartholom. 1446 Regiſtr. VIII. 98. 


Handelsverhältniſſe mit dem Auslande. “(1446.) 113 


einigen Jahren wieder der Verkehr mit den Hanſeſtaͤdten. So 
ſehr jedoch bei ihnen der Hochmeiſter immer noch in Anſehen 
fand,» fo mußte er doch die Staͤdte Hamburg, Luͤneburg, 
Wismar, Roſtock, Stralſund und Luͤbeck wiederholt um Er⸗ 
ſtattung des alten Schadens mahnen, den ſie unter ſeinem 
Vorfahr, zum Theil in ihrem Kriege mit Erich von Daͤnemark 
den Preuſſiſchen Seefahrern, beſonders den Danzigern zuge⸗ 
fügt, ihnen entſchieden erklaͤrend: er werde ſeine Unterthanen 
auf keine Weiſe rechtlos laſſen.) Mit Holland war der Hans 
del immer noch ſehr gehemmt, denn der Streit wegen der 
Entſchaͤdigungsgelder dauerte auch jetzt noch fort. Der vom 
Hochmeiſter ſchon im vorigen Jahre nach Brügge geſandte 


Großſchaͤffer von Koͤnigsberg Hans Reppin, wegen eines 
Rechtshandels ins Ge 


faͤngniß geſetzt, brachte uͤber ein halbes 
Jahr im Kerker zu, ohne weder in ſeiner Sache vom Herzoge 
eine Antwort zu erhalten, noch ſeine Befreiung bei ihm bewir⸗ 
ken zu konnen.) Zweimal ſandte der Hochmeiſter in dieſem 
Jahre neue Botſchafter, um die Hollaͤnder zur Erfüllung des 
Vertrages zu Kopenhagen zu vermögen, verlaͤngerte ihnen auch, 


wie bisher ſchon mehre Jahre hindurch ſein ſicheres Geleit fuͤr 
ihren Handel abermals auf ein Jahr.) Je laͤnger man aber 
mit Vollführung des Vertrages zoͤgerte, um ſo mehr haͤuften ſich 
wieder neue Mißhelligkeiten, neue Klagen und neue gegenſeitige 


* * 
1) Schr. des Großſchaͤffers v. Koͤnigsberg an d. HM., d. Brügge 
Donnerſt. vor Pfingſt. (1446) Schbl. LVII. 69. Er ſagt: die Hanſe 
lege großes Gewicht auf den HM. „wen der deutſche Kaufman helt 
euwir gnode vor iren oberſten und vor das houbet der henſe.“ Vgl. 


Joh. von Müller Werke B. XI. S. 14. 


2) Schr. des HM. an die erwaͤhnten Staͤdte, d. am T. Petri u. 
Pauli 1446 Säit 


- XXXIV. 17. Regiſtr. VII. 450. Schr. des HM, 
an Luͤbeck u. Wismar, 


d. Mar. Sonnt. nach Margar. 1446 Regiſtr. 
VIII. 73. Sartorius B. II. S. 463. 


3) Schr. des Großſchäffers v. Königsberg, d. Bruͤgge Mont. nach 
heil. drei Könige u. 10ten T. nach Oſtern u. Donnerft, vor Pfingſt. 
1446 Schbl. LVII. 69. 70, 71. XXXIII. 130. 

4) Geleitsbrief für die Hollander, d. Donnerſt. nach Kreuz⸗Erſind. 
1446 Regiſtr. VIII. 40. VII. 5595 vgl. Schätz p. 154. 

VIII. 


8 


114 Handelsverhältniſſe mit dem Auslande. (1446.) 


Anſpruͤche.) Man ſchien in Holland abſichtlich die Verhand⸗ 
lungen immer mehr in die Länge zu ziehen, immer mehr 
Schwierigkeiten entgegen zu legen, um wo moͤglich auf irgend 
eine Weiſe ſich der Zahlung der beſtimmten Entſchaͤdigungs⸗ 
ſumme gänzlich zu entſchlagen, fo daß es auch jetzt noch zu 
keiner feſten Entſcheidung kam, wodurch natuͤrlich auch der 
Handel ſehr bedeutend gedruͤckt wurde.) Auch den Verkehr 
mit Rußland und Litthauen erſchwerten viele Beſchraͤnkungen; 
wahrſcheinlich war es Repreſſalie, daß man in Litthauen in 
Beziehung auf den ſo wichtigen Pelzhandel, auf den Abſatz des 
Salzes aus Danzig und mehrer andern aus Preuſſen einge⸗ 
führten Kaufwaaren verſchiedene ſehr druͤckende Handelsgeſetze 
anordnete, worüber die Städte in Preuffen ſich beim Meiſter 
hoͤchlich beſchwerten.) Den Handel mit den Skandinaviſchen 
Reichen endlich hatte, wie wir ſchon hoͤrten, die langwierige 
Fehde der beiden Könige von Daͤnemark ſchon ſeit mehren Jah⸗ 
ren gehemmt. Ueberdieß war zwiſchen Koͤnig Chriſtoph und 
dem Hochmeiſter, wenn auch das äußere Verhaͤltniß friedlich 
blieb, ſichtbar ein gewiſſes Mißtrauen und eine Kälte eingetre⸗ 
ten, die den letztern bewog, dem Meiſter von Livland das ihm 
vom Könige angebotene Bündniß ernſtlich abzurathen.“ Gerne 
nahm er daher auch die Nachricht auf, daß König Erich im 
naͤchſten Fruͤhjahr nach Preuſſen kommen wolle, hoffend, daß 
dann durch ihn und den Markgrafen Hans von Brandenburg 
die Streitſache der Könige vielleicht geſchlichtet werden koͤnne 


1) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Freit. nach 
Wiſitat. Mariä 1446. Schr. des HM. an die Raͤthe v. Holland, d. 
Mar. Freit. nach Jacobi 1446 Regiſtr. VIII. 69. 83. 

2) Vollmacht für die Sendboten nach Holland, d. Mar. am = 
Bartholom. 1446 Regiſtr. VIII. 97. Aufträge für die Geſandten Schbl. 
XXXIV. 68. Schr. des Sendboten Eberhard Pfersfelder, d. Brügge 
am T. Franciſci 1446 Schbl. XXXIII. 54. XXXIV. 67. 

3) Die von den Kaufleuten aus Litthauen und Reußen den Unter⸗ 
thanen des HM. bekannt gemachten Handelsgeſetze Regiſtr. VII. 425. 

4) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Thorn am T. 
Franciſci 1446 Regiſtr. VIII. 119. 


Handelsverhaͤltniſſe mit dem Auslande. (1447.) 115 


und auch der Handel mit den Skandinaviſchen Reichen wieder 
neues Leben erhalten werde.) Dieſe Beſchraͤnkung und Hem⸗ 
mung des Handelsverkehres nach allen Seiten hin mußte aber, 
wie begreiflich, auf die Finanzverhaͤltniſſe des Ordens und auf 
den ganzen Wohlſtand des Landes die nachtheiligſten Wirkun⸗ 
gen zur Folge haben. 

Um ſo mehr aber bot der Hochmeiſter auch im naͤchſten 
Sabre 1447 fort und fort alle Mittel auf, den Handel mit 
dem Auslande in größern Schwung zu bringen. Es ſtellten 
ſich freilich oft unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Sah 
man auch zuweilen Englaͤnder, Franzoſen, Flaͤminger und Hol⸗ 
laͤnder, Daͤnen und Hanſeaten, ſelbſt Spanier und Portugie⸗ 
ſen zu gleicher Zeit in den Preuſſiſchen Häfen liegen,“ fo 
bemmte doch den Getreidehandel, damals ſchon der wichtigſte 


für Preuſſen, die uͤberaus große Theurung und die ungewoͤhn⸗ 
lich hohen ſelbſt, fo daß eine Ausfuhr 


Getreidepreiſe im Lande ö 
Es hatte ferner auch kei⸗ 


an ſich ſchon kaum möglich war. ® 
nen Erfolg, daß der Hochmeiſter die immer erneuerten Klagen 
der Litthauer uͤber die in Preuſſen, beſonders an der Schleuſe 
bei Labiau erhobenen Zölle u. ſ. w. dadurch zu beſeitigen 
ſuchte, daß er die Beſchaffenheit und Nothwendigkeit dieſer 
ſchon ſeit alter Zeit angeordneten Zollabgaben gruͤndlich ausein⸗ 
ander ſetzte, “ denn wie man bald erfuhr, wurde den Kaufleu⸗ 
ten in Litthauen der Handel nach Preuſſen gänzlich unterſagt. w 
1) Geleitsbrief fuͤr den Koͤnig Erich, d. Mar. Donnerft. nach Al⸗ 
ler Heil. 1446. 


Schr. des HM. an den Markgr. Hans von Branden⸗ 
burg, d. Mar. Sonnt. nach Martini 1446 Regiſtr. VIII. 136. 140. 


2) Schr. des HM. an d. Erzbiſchof v. Gneſen, d. Sobowitz Freit. 
nach Cantate 1447 Regiſtr. VIII. 586. 


3) Schr. des Ord. Marſchalls, 


d. Koͤnigsberg Sonnab. vor Pal⸗ 
mar. 1447 Schbl. LXXII. 83. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. 
Palmar. 1447 Schbl. LIT. 60. LXxXII. 108. 

4) Bericht der Litthauiſchen Sendboten am Abend Purif. Maria 
1447 Schbl. XVI. 47. Die Auseinanderſetzung des HM. Regiſtr. 
VII. 553. 

5) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Köͤnigsb. Donnerſt. nach Franz 
ciſei 1447 Schbl. X. 28. 


8 * 


116 Handelsverhaͤltniſſe mit dem Auslande. (1447.) 


Den Handel mit den Skandinaviſchen Reichen, beſonders im 
umſatze von Preuſſiſchem Getreide gegen Kupfer und Eiſen 
druͤckten zwar eine Zeitlang immer noch die ungluͤcklichen Streit⸗ 
haͤndel. In Schweden ward an den Preuſſiſchen Seefahrern 
eine Gewaltthat nach der andern verübt. Koͤnig Chriſtoph 
ſelbſt aber beläftigte die Ordensunterthanen mit mehren neuen 
Zoͤllen als Repreſſalie für den in Danzig von den Daͤnen er⸗ 
hobenen Pfundzoll und ſeine Unterthanen folgten ihm in an⸗ 
dern Beeintraͤchtigungen der Danziger Seefahrer nach.“ In⸗ 
deß ſchienen ſich im Verkehre mit Skandinavien doch bald guͤn⸗ 
ſtigere Ausſichten zu eroͤffnen. Die Verhaͤltniſſe des alten 
Koͤniges Erich hatten im Fruͤhling dieſes Jahres ſich dadurch 
merklich geändert, daß ihm durch des Herzogs Boguslav Tod 
Pommern zugefallen war und wie der Hochmeiſter ihm mel⸗ 
dete, wuͤnſchten auch die Pommern ihn in ihrem Lande zu ſe⸗ 
hen.?) Erich jedoch wollte zuvor auch aus dem Beſitze Goth⸗ 
lands wo moͤglich noch einen erklecklichen Gewinn ziehen und 
erbot ſich daher, das Land dem Orden in Preuſſen abzutreten, 
ſofern ihm dieſer jährlich nach Pommern eine Geldſumme zah⸗ 
len werde, die feinen jährlichen Einkünften in Gothland gleich 
komme, „denn er wolle das Land, wie er erklaͤrte, niemand 
lieber gönnen als dem Orden, da er dem Hochmeiſter hold 
ſey.“ ) Dieſer ging auch wirklich in das Anerbieten ein und 
beſchloß, noch vor dem Winter eine Botſchaft auszurichten, 
weshalb er auch den Markgrafen Hans von Brandenburg, 
Schwiegervater des Koͤniges Chriſtoph, erſuchte, bei dieſem die 

1) Schr. des HM. an den König v. Daͤnemark, d. Mar. Freit. 
nach Oſtern 1447 Regiſtr. VII. 212. Schr. des HM. an den Kom⸗ 
thur von Balga, d. Neuenburg Mont. nach Jacobi 1447 ebendaſ. p. 
304. Schr. des HM. an den König Chriſtoph, d. Grebin am T. Ni⸗ 
colat 1447 ebendaſ. p 389. Inſtruckion für den Komthur v. Danzig, 
Mont. vor Laurentii 1447 Schbl. XXXI. 84, 

2) Schr. des HM. an Koͤnig Erich, d. Danzig Mont. nach 
Kreuz⸗Erfind. 1447 Regiſtr. VIII. 235. 

3) Schr. des HM. an Markgr. Hans v. Brandenburg, d. Mewe 
Sonnt. nach Aller Heil. 1447 Regiſtr. VIII. 375, 


Handelsverhältniſſe mit dem Auslande. (1447.) 117 


Sache vorläufig fo glimpflich als möglich anzubringen und auf 
die beſte Weiſe einzuleiten.) Als jedoch des Meiſters Send⸗ 
boten noch im Winter beim Koͤnige Erich anlangten, hatte ſic 
Diefer wieder eines andern beſonnen, laͤugnete geradezu fein 
Anerbieten ab, obgleich Graf Albrecht von Naugart Zeuge da⸗ 
von geweſen, und fügte ſogar ſpoͤttiſch hinzu: habe jemand 
eine fehöne Tochter, fo müffe, wer fie haben wolle, jenen dar⸗ 
um erſuchen; keiner pflege fie auszubieten. Ufo zerſchlug ſich 
die Unterhandlung wieder. 22 Im Handelsverkehre zeigten ſich 
bald die traurigſten Folgen, denn ſchon während dieſer Ver⸗ 
handlungen hatte der Hochmeister fort und fort beim Könige 
Klage führen müſſen über die unaufhörlichen Gewaltthaͤtigkei⸗ 
ten und Plünderungen, die ſich deffen ſ. g. Auslieger auf der 
See an Preuſſiſchen Seefahrern erlaubten. Obgleich er wie⸗ 
Sa und aufs Dringendſte den Koͤnig um Abſtellung dieſer 
Feindseligkeit mitten im Frieden erſuchte, ſo nahmen doch die 
Mißhandlungen und Raͤubereien je laͤnger je mehr zu.“) Erich 
antwortete immer kalt: er wiſſe von dem allen nichts oder die 
Danziger feyen ſelbſt Schuld an dieſer Stoͤrung des Handels⸗ 
friedens.) Der ſonſt fo rege Verkehr zwiſchen Preuſſen und 
Gothland hörte aber faſt ganz auf, als Erich dort die Neue: 
rung einführte, daß jeder in einen Hafen Gothlands einlau⸗ 
fende Schiffer, namentlich auch aus Preuſſen, eine halbe Mark 
loͤthiges Silbers in die dortige Münze liefern müffe, wofür er 


1) Schr. des HM. an Markgraf Hans von Brandenburg, d. 
Stuhm Dienſt. nach Galli 1447 Regiſtr. VII. 363. Der Markgraf 
hatte naͤmlich zu Lübeck mit König Chriſtoph eine perſoͤnliche Zuſam⸗ 
mienkunft. 

2) Schr. des HM. an Eckard von Güntersberg, d. Mar. am T. 
Innocent. 1448 Regiſtr. VIII. 396; vgl. das Schr. an den Markgr. 
Hans v. Brandenburg Regiſtr. VIII. 375. 

3) Schr. des HM. an König Erich, d. Mar. Mittw. nach Can⸗ 
tate 1447 Regiſtr. VIII. 239; andere Klagſchreiben an den König, v. 
283. 299. 

4) Schr. des Koͤniges Erich an den HM., d. Wisborg Sonnab. 
vor Dionyſ. 1447 Schbl. XXXI. 5. 


118 Handelsverhaͤltniſſe mit dem Auslande. (1447.) 


vier Mark Erſtattung erhalten ſolle, eine Maaßregel, die dem 
großen Geldmangel auf Gothland abhelfen ſollte, jedoch die 
nachtheiligſten Folgen hatte. So war alſo Skandinavien 
dem Handel Preuſſens faſt ganz verſchloſſen. 

Auch mit den Hanſeſtaͤdten dauerten die Streithaͤndel noch 
immer fort. Da die bereits erwaͤhnten Staͤdte den mehren 
Ordensunterthanen zugefügten Schaden immer noch nicht ver⸗ 
gütet hatten, ſo wandte ſich der Hochmeiſter mit einer Klage 
gegen dieſe Staͤdte an die in Luͤbeck verſammelten Hanſeatiſchen 
Geſandten und bat um nachdruͤckliche Verwendung.) Aber 
umſonſt. Dagegen erſchien bald bei ihm eine Geſandtſchaft 
von Seiten jener Tagfabrt mit dem Geſuche: er möge auch in 
ſeinen Landen gemaͤß einem gefaßten Beſchluſſe der Hanſeſtaͤdte 
den Engländern das Handelsgeleit aufkündigen und ihnen allen 
Verkehr verbieten, weil trotz aller Bitten und Bemuͤhungen 
keinem Kaufmanne der Hanſe in England die alten Privile⸗ 
gien und Gerechtigkeiten mehr gehalten wuͤrden, ja den Han⸗ 
ſeaten der Handel im Reiche ſogar unterfagt ſey. 3) Der Mei⸗ 
ſter indeß, der den Handel feines Landes an fi) ſchon überall 
beſchraͤnkt und gedruckt ſah, konnte ſich dieſer Anforderung un⸗ 
moͤglich fügen. Die Stände des Landes hatten ihm ſelbſt ſchon den 
dringenden Wunſch vorgelegt, alles aufzubieten, um den Han⸗ 
del nach England wieder mehr zu beleben ® und bereits ſtand 
er auch ſeit einigen Jahren ſchon mit dem Koͤnige Heinrich 


1) Schr. des HM. an König Erich, d. Mewe Mittw. nach Vin⸗ 
cula Petri 1447 Regiſtr. VIII. 306. Schr. des Raths v. Wisby an 
den HM. d. Mont. nach Aegidii 1447 Schbl. XXXI. 77. 

2) Schr. des HM. an die zu Luͤbeck verſammelten Hanſeſtaͤdte, d. 
Mar. Mittw. nach Georgii 1447 Regiſtr. VIII. 219. 221. 234. Han⸗ 
ſeat. Receſſ. VI. 555. 


3) Anbringen der Sendboten der Hanſe, Mar. Dienſt. vor Mar⸗ 
garetha 1447 Regiſtr. VII. 575. Schr. der Rathsſendboten auf der 
Tagfahrt zu Lübeck an den HM. d. Mittw. vor Pfingſt. 1447 in 
Hanſeat. Receſſ. VI. 559. 


4) Schr. des Vogts von Leipe an den HM. d. Bothen Donnerſt. 
vor Invocavit 1447 Schbl. LXXVI. 67. 


Handeisverhaͤltniſſe mit dem Auslande. (1447.) 119 


dem Sechſten in Verhandlungen, um die Handelshinderniſſe 
ihrer Länder hinwegzuraͤumen. Eiferfüchtig hatten die Hanſea⸗ 
ten dieſe Unterhandlungen einmal ſchon dadurch geſtoͤrt, daß 
fie eine Geſandtſchaft des Köͤniges auf der See aufgefangen, 
beraubt und nach Lübeck ins Gefaͤngniß gebracht hatten. ® 
Ueberdieß hatte der Meiſter vor kurzem erſt zu demſelben Zwecke 
eine Geſandtſchaft nach England geſchickt, jetzt den günftigften 
Erfolg hoffend, “ denn der König ſchien ſehr geneigt, die dem 
Handel mit den Hanſeaten im Allgemeinen, ſowie dem nach 
Preuſſen insbeſondere entgegenſtehenden Hinderniſſe, in beſon⸗ 
derer Rückſicht auf den Hochmeiſter (wie die Geſandten melde: 
ten) völlig zu beſeitigen.) Da nun dieſer zudem auch vom 
Könige noch eine alte Schuldſumme zu fordern hatte, die er 
in feiner Geldnoth jetzt dringend erbat, ſo wies er auch das 
neue Anſinnen der Hanſeaten zuruͤk, Schiffe und Güter der 
Englaͤnder in feinem Lande mit Arreſt belegen zu laſſen, weil 
er den Erfolg ſeiner Unterhandlungen auf keine Weiſe ſtöͤren 
mochte.?) Eben fo wenig konnte er fi in die zur Aufhüͤlfe 
des Stapels in Flandern getroffene Verordnung fügen, daß 
niemand von der Hanſe irgend welches Gut in andere Schiffe 
laden und verfrachten ſolle, als nur in ſolche, die in die Hanſe 
gehörten, auf welche Beſtimmung die Hanſeaten eine große 


1) Schr. des Koͤniges Heinrich von England an den HM. d. 
Westmonast. XVI Octobr. regnor. nostror. XXIX. Schbl. 83. 33. 
Der König beſchwert ſich aufs bitterſte über die Hanſeaten. 

) Vollmacht für die Geſandten, d. Stuhm Sonnab. vor Phi: 
lippi 1447 Schbl. 83. 34. Regiſtr. VIII. 229. Schr. des HM. an 
den Kaufmann der Hanſe zu London, d. wie vor Regiſtr. VIII. 230. 
Hanſeat. Receſſ. VI. 376. 

3) Schr. des Sendboten Johann von Aft an den HM. d. London 
Mont. vor Laurentii 1447 Schbl. XXXII. 16. 

4) Vollmacht für die Geſandten zur Einforderung der Schuld⸗ 
ſumme von 18,274 Nobeln, d. Mar. 3 Mai 1447 Regiſtr. VIII. 225. 
231. Schbl. XXXII. 28. Die Schuld ſtammte noch aus den Zeiten 
Heinrichs v. Plauen. 

5) Schr. des HM. an die Sendboten der Hanſe und an Luͤbeck, 
d. Mar. Sonnt. n. Corpor. Chr. 1447 Regiſtr. VIII. 261. VII. 581. 


120 Handelsverhaͤltniſſe mit dem Auslande. (1447.) 


Wichtigkeit legten. Der Hochmeiſter wollte ſie ſo bedeutend 
veraͤndern, daß ſie, wie die Hanſeaten meinten, fuͤr den be⸗ 
rechneten Zweck alle Wirkſamkeit verlieren mußte, worüber es 
zu vielen Verhandlungen kam.) Dagegen geſtattete er einer 
Menge anderer Hanſeatiſcher Handelsſatzungen in feinen Landen 
eine zeitweilige Gultigkeit, um zu verſuchen, ob fie ſich mit 
ſeines Ordens und der Lande Freiheiten und Gewohnheiten ver⸗ 
einigen und zu deren Wohlfahrt und Gedeihen gereichen wuͤr⸗ 
den, widrigenfalls er ſich vorbehielt, ſie ſofort wieder abzu⸗ 
ſtellen. ? 

Der Streit endlich mit den Holländern wegen Vollziehung 
des Vertrages zu Kopenhagen fand auch in dieſem Jahre noch 
keine Erledigung, denn immer noch zoͤgerten fie mit der Be⸗ 
zahlung der feſtgeſetzten Entſchaͤdigungsſumme, unter dem Vor⸗ 
geben, daß auch fie merkliche Anſpruͤche beſonders an Danzig 
haͤtten, weil dort ihre Schiffe und Güter mit Beſchlag belegt 
worden ſeyen. Nun erſchien zwar bald beim Hochmeiſter ein 
Sendbote des Praͤſidenten und Rathes von Holland mit einem 
ſchon im Anfange dieſes Jahres auf einer Tagfahrt zu Brügge 
beſprochenen Plane, nach welchem die Entſchaͤdigungsſumme 
von neuntauſend Pfund Groſchen durch einen Pfundzoll ent⸗ 
richtet werden ſolle, welcher von den Schiffen und Guͤtern der 
Hollaͤnder in Preuſſen und Livland zu erheben ſey. Der Mei⸗ 
ſter erklaͤrte ſich damit auch einverflanden;? das Nähere und 


1) Schr. Luͤbecks an den HM. und an Danzig, d. Freit. nach 
Bartholom. u. Donnerſt. nach Johannis Enthaupt. 1447. Schr. des 
Raths v. Danzig an den HM. d. Mont. vor Kreuz⸗Erhoͤh. 1447 
Schbl. XXXIV. 19. Hanſeat. Receſſ. VI. 603. 

2) Das Speciellere über dieſe Hanſeatiſchen Angelegenheiten, die 
Antraͤge der Hanfeat. Sendboten beim HM., deſſen Antworten u. die 
Handelsbeſtimmungen weitlaͤuftig im Regiſtr. VII. 575. 581. 591. 583. 

3) Daruͤber ein Notariatsinſtrument, d. Mar. 9 Juni 1447 
Schbl. X. 1. Abſchrift eines Vertrages, worin der Herzog Philipp 
von Burgund in den erwaͤhnten Plan einſtimmt, d. 10 Mai 1447 
Schbl. XXXIII. 132. Der Antrag des Hollaͤndiſchen Sendboten, nech 
mehre andere Punkte enthaltend, im Hanſcat. Receſſ. VI. 549 ff. 


Innere Landesverwaltung. (1447.) 121 


die Ausgleichung der uͤbrigen Streitpunkte ſollten auf einem 
Verhandlungstag zu Köln verhandelt werden.) Allein auch 
dieſe Hoffnung ward wieder getaͤuſcht, denn vergebens warte: 
ten dort die Ordensgeſandten auf das Erſcheinen der Bevoll⸗ 
maͤchtigten aus Holland; der Tag blieb ohne Erfolg. 2 Mit 
Recht hoͤchſt unwilfig über die abſichtliche Verzoͤgerung der 
Sache drang jetzt der Hochmeiſter wiederholt beim Herzog von 
Burgund mit allem Ernſt auf Zahlung der Schadenſumme 
und uͤberhaupt auf endliche Beilegung des aͤrgerlichen Streit⸗ 
handels, drohte widrigenfalls mit ernſten Maaßregeln und 
ſchlug deshalb einen nochmaligen Verhandlungstag auf naͤch⸗ 
ſtes Jahr in einer Stadt Preuſſens vor.) Somit zog ſich 


der vieljaͤhrige Streit abermals in das folgende Jahr hinein. 
Waͤhrend abe 


6 r der Hochmeiſter in ſolcher Weiſe fort und 
fort bemüht war, durch Beſeitigung der vielfachen Schwierig⸗ 
keiten und Hinderniſſe dem Handel nach dem Auslande rege⸗ 
res Leben zu verſchaffen, widmete er auch der Landesverwal⸗ 
tung, beſonders den innern gewerblichen Verhaͤltniſſen ſeine 
fortwaͤhrende Thaͤtigkeit, und hier verſprach er ſich glücklichere 
Erfolge. Die Gaͤhrung und Unzufriedenheit im Lande hatte 
ſich ſeit einiger Zeit bedeutend vermindert. Hie und da brach 
zwar zuweilen die Leidenſchaft und Parteiwuth noch durch. 
So hatte z. B. die Neuſtadt Thorn von den Altſtaͤdtern und 
etlichen der Kulmiſchen Ritterſchaft wegen ihres Austrittes aus 
dem Bunde mitunter noch viel zu leiden. “) 


1) Schr. des HM. an d. Herzog v. 
vor Viti und Modeſti 1447 Regiſtr. VIII. 


2) Schr. des HM. an die Stadt Köln, d. Mar. Sonnt. nach 
Viti u. Modeſti 1447 Regiſtr. VIII. 269. 270 — 273. Berichte über 
den Tag zu Köln, d. Köln am T. Margar. 1447 Schbl. XXXIII. 
57. 61. 


Zuweilen wurden 


Burgund, d. Mar. Sonnab. 
263. Hanſeat. Receſſ. VI. 551. 


3) Schr. des HM. an d. Herzog v. Burgund, d. Mohrungen am 
T. Barthelom. u. Sonnt. nach Concept. Mariä 1447 Regiſtr. VIII. 
327. 348. 391 — 394. 

4) Schr. des Raths der Neuſtadt Thorn an den Kaplan des HM. 


d. Thorn am T. Transfigurat. 1446 Schbl. LXXVI. 94, ſchildert den 
ſchrecklichen Haß der Altſtädter gegen die Neuſtadt Thorn. 


122 Innere Landesverwaltung. (1447.) 


auch noch Verſuche zu Verſammlungen und Berathungen zwi⸗ 
ſchen der Ritterſchaft und den Staͤdten beſonders im Kulmer⸗ 
lande gemacht; allein man ſuchte die Theilnahme daran immer 
moͤglichſt zu befchränfen und überhaupt die Stände fo viel 
als möglich auseinander zu halten.) Um die beſchwichtigten 
Gemüther nicht von neuem aufzureizen, erließ der Hochmeiſter 
das ſtrengſte Verbot, (was allerdings für manche unbeſonnene, 
muthwillige Ordensbrüder auch ſehr nothwendig war) daß ſich 
hinfort bei Verluſt der hochmeiſterlichen Gnade kein Ordens⸗ 
ritter irgend aͤrgerliche und anzuͤgliche Reden gegen den Bund 
oder Lande und Staͤdte erlauben ſolle, und die Bekanntma⸗ 
chung dieſes Verbotes ward jedem Komthur aufs nachdruͤck⸗ 
lichſte anbefohlen.) Konrad konnte daher auch bald mit aller 
Wahrheit nach Deutſchland melden: die Verbuͤndeten in Preuf 
fen bekennten jetzt ſelbſt, daß ſie nie einen Bund geſchloſſen 
haben wurden, wenn nicht der Hochmeiſter mit dem Deutſch⸗ 
meifter in Zwietracht geſtanden; er habe zwar die Verbündeten 
nicht bewegen koͤnnen, den Bund gaͤnzlich aufzugeben, aber er 
und der Orden ſtaͤnden in Friede und Freundſchaft mit ihren 
Landen.“) 

Und in der That bewies ſich auch der Hochmeiſter der 
Liebe und des Vertrauens ſeiner Unterthanen durch ſeine kluge 
und einſichtsvolle Verwaltung in jeder Weiſe wuͤrdig, denn 
bald war es die Feſtſtellung der Rechte und Geſetze und die 
Alufrechthaltung alter Ordnungen, bald die Belebung der Be⸗ 
niebſamkeit des Volkes im Handel und in Gewerben, bald die 
Sorge für die ſittliche und veligiöfe Bildung, bald die Ver⸗ 
mehrung der innern Staatskraͤfte, die er für die Wohlfahrt 
ſeiner Unterthanen fort und fort im Auge hatte. Er litt es 
nie, daß Rechte übertreten oder geſchmaͤlert werden duͤrften, die 


1) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Dullenſtaͤdt Mont. vor 
Purif. Mariä 1447 Schbl. LXXVI. 7 

2) Befehl an die Komthure, d. Stuhm Sonnt. Judica 1447 
Regiſtr. VIII. 187. 

3) Schr. des HM. an den Komthur von Mergentheim, d. Mar. 
Donnerſt. nach Judica 1447 Regiſtr. VIII. 193. 


Innere Landesverwaltung. (1447.) 123 


ud 


auf gerechten Anſpruͤchen beruhten. Er nahm ſich feiner 
Städte, die, wie damals häufig der Fall war, Jahrrenten von 
Staͤdten des Auslandes zu fordern hatten, ſtets mit allem 
Nachdruck an, wenn ſolche ihnen verweigert wurden und ſelbſt 
zu Gunſten des ſo widerſtrebenden Thorns bewies er darin 
oft ſeinen ernſten Eifer.) Aber eben ſo wachſam ſchůtzte und 
vertheidigte er die Unverletzlichkeit der Privilegien und Rechte 
ſeines Ordens; er drang z. B. aufs nachdrücklichſte darauf, 
daß ihm fein Lehenrecht oder Patronatsrecht uͤber die Kirchen 
zu Danzig, Leſewitz u. a., das man ihm am Hofe zu Rom 
zu entziehen ſuchte, erhalten werde.) Zur Belebung der ge⸗ 
werblichen Tätigkeit in Stadt und Land zog er häufig aus 


andern Landen geſchickte Kuͤnſtler und tuͤchtige Arbeiter herbei; 
bald waren 


es Manufacturiſten, bald Büͤchſenſchützen, welche 
die Wehran 


ſtalten und das Kriegszeug in beſſere Ordnung 
und Vervollkommnung bringen mußten, 2) bald andere zu an: 


dern Zweigen der Betriebſamkeit. In die Neumark ließ er 
Bergleute kommen, um ein dortiges nicht unergiebiges Berg⸗ 
werk beſſer zu betreiben.) Mehren Gewerben im Lande, wie 
den Goldſchmiden, Tucharbeitern, dem Riemergewerke u. a. 
gab er zweckmaͤßigere Gewerksordnungen, die manche Miß⸗ 
brauche abftellten.® Daneben aber finden wir auch, daß er 
einen aus dem Auslande gerufenen ſehr geſchickten Muͤhlen⸗ 
baumeiſter aus dem Lande wieder zu entfernen ſuchte, weil er 
den großen Städten ihre Mühlen vollkommener einrichtete und 


1) Daruͤber mehre Beiſpiele im Regiſtr. VIII. Offenes Schr. 
des HM. d. Thorn Sonnt. nach Michaeli 1446 ebend. p. 118. 

2) Schr. des HM. an den Ordensprocurator, d. Brandenburg am 
T. Apollonia u. Mar. am Abend Johannis Bapt. 1447 Regiſtr. VIII. 
168. 274. 


a1 Mehre Schr. des HM. vom J. 1446 Regiſtr. VIII. 145, 146. 
4) Eine kurze Nachricht über dieſes Bergwerk in einem Schr. des 
HM. an den Vogt der Neumark, d. Stuhm Dienſt. nach Kreuz = Erz 
böb. 1447. Es wurde dort Erz gewonnen; Regiſtr. VIII. 351. 360. 


5) Die Verordnungen, d. Mar. Dienſt. vor Margar. 1446 Re⸗ 
giſtr. VIII. 71. 


124 Ordensdisciplin. (1447.) 


dadurch dem Orden bedeutenden Schaden verunfachte, Im 
Binnenhandel förderte er den innern gewerblichen Betrieb, ſo 
viel nur irgend moͤglich war; er ſah immer darauf, daß Fabri⸗ 
cate, die man ſonſt aus dem Auslande gezogen, im Lande 
ſelbſt erzeugt wuͤrden und verbot deshalb die Ausfuhr der im Lande 
gewonnenen rohen Stoffe. 2) Mit großer Strenge verpönte 
er den geſetzwidrigen Bernſteinverkauf und deſſen unrechtmaͤßige 
Verarbeitung,?) ſuchte ebenſo dem zunehmenden Eindringen 
der falſchen Münzen, beſonders der Maͤhriſchen aus Polen 
moͤglichſt vorzubeugen u. ſ. w. 

Aber auch auf Zucht und Ordnung unter den Ordens⸗ 
brüdern hielt er ſtrenge Wachſamkeit, und bei dem ſchon ſo 
geſunkenen moraliſchen Zuſtande des Ordens war nichts noth⸗ 
wendiger, als die Ordensglieder gebietende wie gehorchende, mit 
größerer Strenge an Regel und Geſetz zu binden. Es gab 
in Preuſſen, wie in Deutſchland, eine nicht geringe Zahl von 
Ordensbrüdern, denen Zucht und Vorſchrift, wie ſie das Or⸗ 
densverhaͤltniß auflegte, die laͤſtigſten Feſſeln ſchienen, die durch 
unordentlichen Lebenswandel die Ehre des Ordens verunglimpf⸗ 
ten, den Ordenshaͤuſern entliefen und zuchtlos umherzogen. 
Wie weit ſelbſt einzelne Beamte des Ordens in moraliſcher 
Entartung geſunken waren, zeigt das Beiſpiel des Vogts von 
Brathean Heidiche von Milen. Durch ſein Prahlen mit gro⸗ 
ßen Schägen war ruchbar geworden, daß er im Beſitze einer 
Summe von zwanzigtauſend Nobeln ſey. Durch das Gerücht 
veranlaßt ordnete der Hochmeifter eine Unterſuchung an und 
ließ eine Menge von Zeugen verhoͤren. Der wichtigſte war 
der Vogt von Soldau, der unter andern vom Vogt von Bra⸗ 

1) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Thorechten⸗Hof 
Mont. nach Nativit. Mariä 1447 Regiſtr. VIII. 343. 

2) Darüber Regiſtr. VIII. 147. 363. 

3) Verordnung vom J. 1446 Regiſtr. VIII. 118. 

4) Verordnung vom J. 1446 Regiſtr. VIII. 147. 

5) Schr. des HM. an den Markgr. Hans v. Brandenburg, d. 
Mar. Sonnab. Philippi u. Jacobi 1446 Regiſtr. VIII. 37. 134. Schr. 
des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mar. Mont. zu Pfingſt. 1446 
Regiſtr. VIII. 52. 


Ordensdisciplin. (1447.) 125 


thean ſelbſt gehort hatte: man habe ihn im Verdachte, daß er 
es ſey, der ſich die Schaͤtze des letzten Hochmeiſters Paul von 
Rußdorf zugeeignet; wobei er hinzugefügt: wenn er fie wirklich 
auch beſitze, fo werde er eher hundert falſche Eide ſchwoͤren, 
als fie herausgeben. Daſſelbe beſtaͤtigte das Zeugniß eines 
Goldſchmids, bei dem der Vogt öfter goldene Ringe, Frauen⸗ 
guͤrtel und große vergoldete Knoͤpfe hatte verfertigen laſſen. 
Auf dieſe Ausſagen erhielten der Ordenstreßler und der Kom⸗ 
thur von Oſterode den Auftrag, den Vogt in ſeiner Behauſung 
zu üͤberraſchen und ihm die Schlüffel feines Hauſes abzuneh⸗ 
men. Es geſchah; man fand indeß bei ihm nur eine Summe 
von vierhundert Nobeln, die er aus einem Kornhandel geloͤſt 
haben wollte, aber dabei wirklich mehre Pretioſen, die dem 
verſtorbenen Hochmeiſter gehört hatten, namentlich einen golde⸗ 
— Ring mit einem Diamante, den jener taͤglich getragen. 
In einem Verhoͤre vor dem Hochmeiſter und einigen Gebieti⸗ 
gern ſprach der Vogt von einem vom alten Hochmeister erhal⸗ 
tenen Geldgeſchenke, was keinem glaublich war. Ueber die 
gefundenen Kleinodien gab er die Erklaͤrung ab: ſie ſeyen mit 
in dem Sacke geweſen, worin der Hochmeiſter ihm das Geld⸗ 
geſchenk zugeſandt habe.) In einem zu Marienburg verſam⸗ 
melten Ordenskapitel wurde der Beſchuldigte in Form des 
Rechts völlig uͤberwieſen, daß er dem Orden durch frevelhafte 
Wegnahme des Eigenthums des verſtorbenen Meiſters einen 
Verluſt von mehr als zwanzigtauſend Nobeln zugefuͤgt, wes⸗ 
halb er mit allgemeiner Uebereinſtimmung nach dem Ordens⸗ 
geſetze mit ſchwerer Gefaͤngnißſtrafe belegt wurde. Die Klug⸗ 
heit gebot, das Verbrechen des Ordensritters fo viel als moͤg⸗ 
lich vor der Welt geheim zu halten. Die Folge aber war, 
daß ſich bald allerlei dem Hochmeiſter nachtheilige Gerüchte 
uͤber die Urſachen der Gefangenſchaft des Vogts verbreiteten. 
Sie drangen bis zu deſſen Verwandten am Rhein und auf 
ihre Bitte verwandten ſich die Exzbifchöfe von Köln und Trier, 


1) Die ganze Verhandlung mit dem Vogt v. Brathean Regiſtr. 
VIII. 188 — 190. 


126 Innere Ordensverhaͤltniſſe. (1447.) 


der Graf Gottfried von Sayn zu Witgenſtein und mehre an⸗ 
dere Grafen und vornehme Herren beim Hochmeiſter um Frei⸗ 
laſſung des Gefangenen und Wiedereinſetzung in fein Amt.“) 
Es war daher jetzt nothwendig, zur Widerlegung der Geruͤchte 
mit der Wahrheit der Sache hervorzutreten. Der Vogt, durch 
des Hochmeiſters Gnade ſeiner Haft entlaſſen und in einem 
Konvente untergebracht, berichtete dann ſelbſt einigen ſeiner 
Goͤnner am Rhein den ganzen Zuſammenhang der Sache und 
rechtfertigte in eigenem Geſtaͤndniſſe das voͤllig geſetzliche Ver⸗ 
fahren des Meiſters. Dieſer aber ſetzte den genannten Erzbi⸗ 
ſchoͤfen auseinander, daß nicht er, ſondern das Ordensgeſetz das 
Urtheil über den Schuldigen geſprochen.“ 

Konrad benutzte jedoch dieſes Ereigniß, um den Ordens⸗ 
brüdern der Konvente manche Ermahnung und Warnung nach⸗ 
druͤcklich ans Herz zu legen, namentlich ihnen auch die ohne 
Vorwiſſen der Komthure öfter ſtattfindenden Verſammlungen 
oder Kapitel und ebenſo ihre haͤufigen Afterreden und Schmaͤ⸗ 
hungen wie gegen die Bundesverwandten, ſo gegen den Kur⸗ 
fürften von Brandenburg u. a. aufs ernſtlichſte zu unterfagen. ) 
Er ordnete ferner eine allgemeine Viſitation aller Konvente im 
Lande an, um ſich eine genaue Kenntniß wie vom oͤconomiſchen 
und finanziellen, fo auch vom moraliſchen und veligiöfen Zu: 
ſtande jedes Ordenshauſes zu verſchaffen, als Vorbereitung zu 
einem allgemeinen Ordenskapitel, welches zu Marienburg ge⸗ 
halten werden ſollte.) Er hatte dabei einen fuͤr die Ordens⸗ 


1) Schr. des Grafen Gottfried von Sayn zu Witgenſtein u. a. 
an den HM. d. am Abend Bartholom. 1447 Schbl. L. 32. Regiſtr. 
VIII. 356. 

2) Schr. des Ordensritters Heidiche von Milen an den Domde⸗ 
chant von Köln u. a. d. Mar. Sonnt. nach Matthaͤi 1447 Regiſtr. 
VIII. 352, an die Erzbiſchoͤfe von Köln und Trier p. 354. Schr. der 
Ordensgebietiger an dieſelben, d. Mar. Mont. nach Matthaͤi 1447 
P. 354 — 355. Schr. des HM. an dieſelben p. 355 — 356. 

3) Befehl an alle Komthure, d. Stuhm Sonnt. Judica 1447 
Regiſtr. VIII. 187. 

4) Viſitationsſchreiben an die Komthure, d. Stuhm Dienſt. nach 
Nativit. Mariä 1447 Regiſtr. VIII. 350. 


Innere Ordensverhaͤltniſſe. 1447.) 127 


verfaſſung wichtigen Plan. Die neue Abfaſſung des Ordens⸗ 
geſetzbuches nämlich, wobei man theils größere Volltaͤndigkeit 
in allen von frühern Hochmeiſtern gegebenen Geſetzen, theils 
eine allgemeine Uebereinſtimmung der Ordensgeſetze in Preuffen, 
Livland und Deutſchland beabſichtigt, war bereits im vorigen 
Jahre beendigt und den Meiſtern von Deutſchland und Liv⸗ 
land, ſowie dem Landkomthur von Oeſterreich in Abſchriften 
zugeſandt worden.) Der Hochmeiſter faßte jetzt von neuem 
den Gedanken, zu bewirken, daß die Statuten Werners von 
Orſeln, die in das neue Geſetzbuch wiederum nicht aufgenom⸗ 
men waren und über deren Gültigkeit er im Anfange feiner 


Regierung eigentlich nur des Friedens wegen hatte nachgeben 


muͤſſen, jetzt nach der neuen Abfaſſung des Ordensbuches foͤrm⸗ 
lich widerrufen wuͤrden. 


Die Zeit ſchien dazu jetzt guͤnſtig. 
Der Papſt Eugenius der Vierte war, zum Glück für die 
Kirche, im Februar geſtorben und an ſeine Stelle Nicolaus 
der Fünfte erkoren. Kaum von feiner Wahl durch das Kar⸗ 
dinal = Collegium benachrichtigt,) verordnete der Hochmeiſter 
ſofort durchs ganze Land eine allgemeine Betfahrt, ließ ein Te 
Deum ſingen und Proceſſionen und Meſſen halten zur Feier 
und Erhaltung des Gluͤckes, welches der Kirche durch die 
Wahl dieſes Papſtes zu Theil geworden.?) Ferner war im 
Frühling dieſes Jahres auch der Deutſchmeiſter Eberhard von 
Stetten geſtorben.) Die Gebietiger in Deutſchland ſchlugen 


1) Schr. des HM. an d. Landkomthur v. Oeſterreich, d. Mar. 
Palmſonnt. 1446 Regiſtr. VIII. 26. . 

2) Schr. des Kardinal: Collegiums an den HM. d. Romae XXI. 
Marti 1447 Schbl. 1. 209. Als Kroͤnungstag des neuen Papſtes 


wird hier der 19 März genannt. Stenzel Scriptor. rer. Silesiac. T. 
I. p. 315. 


3) Ausſchreiben an die Gebietiger und Praͤlaten wegen der Betz 
fahrt, d. Mont. nach Trinit. 1447 Regiſtr. VIII. 257. 

4) Nach einem Schr. des HM. an d. Komthur v. Mergentheim, 
d. Stuhm Sonnt. Jubilate 1447 Regiſtr. VIII. 231 hatte der HM. 
um dieſe Zeit ſchon die Nachricht vom Tode des Deutſchmeiſters Eber⸗ 
hard v. Stetten, der alſo wenigſtens vier bis fünf Wochen zuvor ge⸗ 
ſtorben ſeyn muß. Der gte Mai 1447 ſcheint wohl offenbar die rich⸗ 


128 Innere Ordensverhaͤltniſſe. (1447.) 


zu ſeinem Nachfolger den einſtweiligen Statthalter und Kom⸗ 
thur von Mergentheim Jodocus oder Joſt von Venningen 
vor; ) allein der Hochmeiſter beſtaͤtigte die Wahl nicht ſogleich, 
ſondern ſuchte die Sache in die Laͤnge zu ziehen, den Gebie⸗ 
tigern meldend: er werde ihnen ſeine Meinung, die einzig nur 
auf des Ordens Wohlfahrt hinziele, in einem Ordenskapitel 
verkuͤndigen laſſen, welches fie im September zu Frankfurt a. 
M. verſammeln follten.? Mittlerweile aber ſuchte er feinen 
Plan wegen der Statuten weiter vorzubereiten. Er wandte 
ſich deshalb an den Ordensprocurator zu Rom. „Ihr wiſſet, 
ſchrieb er ihm, welche Spaͤne, Zwietracht und Unwillen vor⸗ 
mals Eberhard von Saunsheim der Statuten wegen angeregt, 
auch wie er ſie vom Concilium zu Baſel und, wie man ſagt, 
auch vom Kaiſer Sigismund durch eine goldene Bulle habe 
beftätigen laſſen. Auch iſt euch wohl noch indaͤchtig, da wir 
zuerſt Meiſter wurden, was Anfechtung wir von demſelben 
Eberhard wegen derſelben Statuten hatten, und wollten wir 
Eintracht und Friede haben in unſerem Orden, drang er uns 
dazu, wir mußten mit unſern Gebietigern nach ſeinem Willen 
ihm ſolche Statuten zu halten verſiegeln.“ Da nun, faͤhrt 
er fort, das Ordensgeſetzbuch von neuem angefertigt und zu 
befürchten fey, daß, wenn ein neuer Deutſchmeiſter dieſe Sta⸗ 
tuten abermals hervorziehen wuͤrde, wiederum große Zwietracht 
und Irrung ſich im Orden erheben werde, ſo ſey er mit ſeinen 
Gebietigern zu Rathe gegangen, wie dem vorzubeugen ſey. 
Man habe fuͤr zweckmaͤßig befunden: er moͤge dem Papſte das 
dem Orden aus dieſen Statuten drohende Unheil und Verder⸗ 
ben vorſtellen, ihn erinnern, daß auch ſchon der Papſt Euge⸗ 


tige Zeit ſeines Todes zu ſeyn, denn dieſen Tag fuͤhrt Bachem Chro⸗ 
nolog. der HM. S. 40 aus dem A. B. an, aber das hier angege⸗ 
bene Todesjahr 1448 iſt unrichtig und ebenſo das Wahljahr 1447 bei 
Baczko B. III. S. 239. 

1) Jaeger Cod. diplom. O. T. s. h. a. 

2) Schr. des HM. an die Landkomthure und Komthure in Deutſch⸗ 
land und an den Statthalter und Komthur v. Mergentheim, d. Mar. 
am T. Divifion, Apoſtol. 1447 Regiſtr. VIII. 295 — 296. 


Streit wegen des Deutſchmeiſters. (1447.) 129 


— 


nius Eberhard'n von Saunsheim die Beſtaͤtigung verweigert, 
und dringend bitten, „daß er ſolche Statuten von Wort zu 

ort mit allen ihren Beſtaͤtigungen ſowohl von Kaiſern, de⸗ 
nen ſie nicht gebührten, als vom Concilium, ſowie unſere und 
unſerer Gebietiger eigene Verliebung und Verſchreibung, zu der 
wir gedrungen worden, aus den erwaͤhnten Urſachen ganz und 
gar widerrufe, vernichte und für unkraͤftig erklaͤre.“ Die Sache 
muͤſſe aber aufs heimlichſte betrieben werden, „auf daß die 
Deutſchlaͤnder ſie nicht erſüͤhren.“ ) Der Procurator brachte 


den Auftrag an; allein ſo geneigt ſich der neue Papſt dem 
Orden bereits auch gezeigt 


Bulle alle Ordensbrüder u 
rige Perſonen von den Urth 
gerichte und aller übrigen we 
dem Hochmeiſter und deſſen Nachfo 
ertheilt hatte, zwei Kanoni 


des Deutſchmeiſters 
bei dieſer Wahl ein Vorrecht des 


1) Schr. des HM. a 
nach Aſſumt. Mari 1447 


2) Bulle des Papſtes, d. Romae pridie Cal. Junii 1447 p. a. pri- 
mo Schbl. XIn. 1. gedruckt bei Baczko B. III. S. 390, jedoch 
ſehr fehlerhaft, auch in Voigt Geſch. der Weſtphaͤl. Femgerichte in 
Beziehung auf Preuſſen S. 214. 

3) Bulle des Papſtes, 
primo Schbl. XIII. 5, 
kommen. 


VIII. 


n d. Ordensprocurator, d. Mar. Donnerſt. 
Regiſtr. VIII. 317. 


d. Romae IV Idus Junii 1447, P. 3. 
Wir werden ſpaͤter auf dieſe Sache zurüds 


9 


130 Streit wegen des Deutſchmeiſters. (1447.) 


gebracht wurden, von denen er das Recht hatte einen zu be⸗ 
fätigen. Dieſer Gebrauch war nun aber ſchon einigemal und, 
wie man behauptete, auch bei der Wahl des Deutſchmeiſters 
Eberhard von Saunsheim nicht beachtet worden. Schon bei 
der Wahl des letzten Meiſters Eberhard von Stetten war die 
Sache ernſthaft zur Sprache gekommen, ſo daß der Hochmei⸗ 
ſter dieſen ebenfalls nur allein vorgeſchlagenen Deutſchmeiſter 
nur unter der Bedingung beſtaͤtigt hatte, daß die Gebietiger 
ausdrücklich erklaͤrten, ſich in der Folge ſtreng an die alte 
Sitte halten zu wollen. Dieſe Erklaͤrung auszuſtellen war 
aber nicht nur verabſaͤumt worden, ſondern die Gebietiger 
hatten jetzt abermals nur den Komthur von Mergentheim zur 
Beſtaͤtigung in Vorſchlag gebracht, vorgebend, ſie wollten da⸗ 
durch keineswegs die Rechte und Würde des Hochmeiſters be⸗ 
eintraͤchtigen, ſondern nur den bei einem doppelten Vorſchlage 
fo leicht möglichen Zwieſpalt verhuͤten. Der Hochmeiſter ließ 
ihnen indeß im Kapitel zu Frankfurt erklaͤren: er wolle ihrer 
Bitte zwar noch einmal willfahren und den vorgeſchlagenen 
Joſt von Venningen beſtaͤtigen, jedoch nur unter der Bedin⸗ 
gung, daß ſie zuvor eine ihnen vorgelegte Erklärung unterzeich⸗ 
neten: daß fie ſich inskuͤnftige ſtreng an die alte Sitte des 
Vorſchlages von zweien halten wollten.) Nach langen Unter⸗ 
handlungen mit den Machtboten des Hochmeiſters zu Frank⸗ 
fürt und auf einem Tage zu Mergentheim? fügten ſich end⸗ 
lich zwar die Gebietiger und ſchlugen noch den Komthur von 
Marburg Erasmus von Merrhauſen nach alter Sitte vor und 
der Hochmeifter ertheilte nun dem Erſtgewaͤhlten die Beſtaͤtigung. 
1 Auftraͤge des HM. fuͤr die Sendboten zum Kapitel in Frank 
furt Schbl. 99. 12. 

2) Die Kapitelverhandlungen zu Frankfurt in einem Berichte des 
Komthurs von Mewe Ludwig v. Erlichshauſen Schbl. DM. 19. In 
Mergentheim beriefen ſich die Gebietiger auf das Geſetz des Ordens⸗ 
buches: man ſolle keine Parteien machen. 

3) Die Beſtaͤtigungsurkunde des HM. d. Mar. Dienft. vor Si⸗ 
mon und Judä 1447 Regiſtr. VIII. 367. Schr. des HM. an alle 
Ordensbrüder in Deutſchland, d. Mar. Mittw. vor Simon und Judaͤ 
1447 ebendaſ. p. 368. 


Streit wegen des Deutſchmeiſters. (1447.) 131 


Weil er aber in die Beſiegelung einer ihm von den Gebie⸗ 
tigern zugeſandten Note, worin er erklaren ſollte, daß er 
die kuͤnſtige Art des Wahlgeſchaͤftes eines Deutſchmeiſters dem 
nächften Ordenskapitel zur Entſcheidung unterwerfen wolle, 
durchaus nicht einwilligte, vielmehr den neuen Deutſchmeiſter 
auf den Inhalt der Ordensregeln hinwies,“ fo zögerte dieſer 
nicht nur erſt lange Zeit mit der Uebernahme des Amtes, ſon⸗ 
dern bedraͤngte den Hochmeiſter ſelbſt auch mit neuen Schuld⸗ 
forderungen, 2) erklaͤrte ſogar endlich: der Hochmeiſter moͤge, 
wenn er jene Erklaͤrung nicht ausſtellen wolle, das Amt lieber 
einem andern übertragen. Da ſchien dieſem jetzt ein ernſter 
und nachdrüͤcklicher Schritt nothwendig. Weil die Wahl und 


Beſtätigung jetzt völlig dem Geſetze und Herkommen gemaͤß 
vollfuͤhrt war, fo ſandte er 


j dem Deutſchmeiſter gegen Oſtern 
des nächſten Jahres eine neue urkundliche Beftätigung zu und 
befahl ihm als oberſtes Ordenshaupt kraft der ihm zuſtehenden 
Macht das Amt ohne weiteres zu uͤbernehmen. Joſt von 
Venningen fand nun auch fuͤr gut, keine Hinderniſſe mehr 
entgegen zu ftellen. 9 


Waͤhrend aber Konrad in ſolcher Weiſe mit der innern 
Landesverwaltung und mit den Angelegenheiten des Ordens 
befchäftigt war, erfülften ihn die Streithändel mit dem Kurfuͤr⸗ 
ſten Friederich von Brandenburg immer mehr mit Sorgen, 
denn ſie nahmen ſeit dem Anfange dieſes Jahres zum Theil 
wegen eines blutigen Zuſammentreffens von Unterthanen des 
Ordens und des Kurfürften auf der Oder einen Charakter an, 
der ihm in Ruͤckſicht der Sicherheit der Neumark immer grö- 


1) Schr. des HM. an den oberſten Gebietiger in Deutſchland, d. 
Mar. Mittw. vor 


Simon und Judaͤ 1447 Regiſtr. VIII. 367. 
2) Schr. des Statthalters Joſt v Venningen an d. HM. d. am 
Stephans⸗Tag in Weihnachten 1447 Schbl. 98. 4. Er verlangte vom 
HM. die Zahlung von 10,000 Gulden. 


3) Die Beſtaͤtigungsurk. des HM. für Soft von Venningen, d. 
Mar. Donnerſt. nach Oſtern 1448 Schl. 98. 7. Schr. des HM. an 
die Gebietiger in Deutſchland, d. wie vor Regiſtr. VIII. 434 — 435. 
Abſchrift der Beſtaͤtigungsurk. ebendaſ. p. 435 — 436. 


9 * 


132 Verhandlungen mit dem Kurf. v. Brandenb. (1447.) 


ßere Bedenklichkeit erregte. Ungewiß über des Kurfuͤrſten Ab⸗ 
ſichten, erließ er daher an den Vogt der Neumark den Befehl, 
Schloͤſſer und Staͤdte dort aufs beſte in wehrhaftem Stande 
zu halten, uͤberall auf der Hut zu ſeyn und insbeſondere die 
Graͤnzen mit Zuziehung der noͤthigen Huͤlfsmannſchaſt des 
Vogts von Schievelbein ſtark zu beſetzen.!) So unbedeutend 
auch die Gegenſtaͤnde des Streites, der Bruͤckenbau bei San⸗ 
tock und die Zahlung der ſechshundert Gulden an ſich ſelbſt 
ſchienen, ſo großes Gewicht erhielten ſie doch durch die Art, 
wie der Kurfuͤrſt die ganze Sache behandelte, denn ſo oft ihn 
auch der Meiſter um Verhandlungstage zur Ausgleichung die⸗ 
ſer und der uͤbrigen Irrungen erſuchte, ſo wuͤrdigte ihn der 
Kurfürft lange Zeit ſogar nicht einmal einer Antwort. 
Markgraf Hans von Brandenburg erbot ſich zwar zur Ver⸗ 
mittlung auf einem Verhandlungstage bei ſeiner Rückreiſe aus 
Jütland (wo er den König Chriſtoph von Daͤnemark beſuchte;) 
der Hochmeiſter nahm dieß gerne an,) ſandte auch, als der 
Tag zu Frankfurt a. d. O. vom Kurfuͤrſten genehmigt war, 
als Bevollmaͤchtigte den Komthur von Tuchel Heinrich von 
Rabenſtein und einige andere dahin ab,“ ſuchte zugleich auch 
den Kurfuͤrſten durch das Geſchenk einer Anzahl der ſchoͤnſten 
Jagdfalken, die ſich dieſer gewuͤnſcht hatte, von ſeiner freund⸗ 
lichen Geſinnung zu uͤberzeugen.) Allein der Tag mußte 

1) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. Mar. Mittw. 
nach Beſchneid. Chriſti 1447. Schr. des HM. an d. Vogt v. Schie⸗ 
velbein, d. Mar. Freit. nach Narivit. Chriſti 1447 Regiſtr. VIII. 156. 
158. 

2) Schr. des HM. an d. Kurfuͤrſten v. Brandenb. d. Mar. am T. 
Epiphania Dom. 1447. Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark d. 
Mar. Sonnab. nach Epiphan. 1447 Regiſtr. VIII. 158 — 159. 

3) Schr. des HM. an den Kurfuͤrſten v. Brandenb. d. Tolkemit 
Mont. vor Purif. Mariä 1447 Regiſtr. VIII. 162. Schr. d. HM. an 
d. Vogt der Neumark, d. Balga am T. Blaſii 1447 ebenda. p. 163. 

4) Schr. d. HM. an den Kurfuͤrſten v. Brandenb. d. Barten am 
T. Mathiaͤ 1447 Regiſtr. VIII. 179. Inſtruction für die Botſchafter 
Regiſtr. VII. 541 — 552. 

5) Schr. des HM. an den Kurfuͤrſten v. Brandenb. d. Mar. 
Dienſt. nach Judica 1447 Regiſtr. VIII. 190, 


Verhandlungen mit dem Kurf. v. Brandenb. (1447.) 133 


zweimal verſchoben werden, weil Markgraf Hans, anderwaͤrts 
vielfach beſchaͤftigt, dort nicht erſcheinen konnte. Der Kurfüͤrſt 
warf mittlerweile wieder neue Streitpunkte auf, theils den Zoll 
bei Küſtrin, theils die Gränzen feines Landes betreffend. » 
Somit über deſſen Abſichten immer beſorgter hatte der Hoch⸗ 
meiſter nicht nur dem Procurator in Rom mit ſichtbarer Aengſt⸗ 
lichkeit den Auftrag ertheilt, beim Papſte eine Beſtätigungs⸗ 
bulle uͤber Friederichs Verzichtleiſtung auf die Neumark * 
wirken,“ fondem auch der Vogt der Neumark ward aufs 
ernſtlichſte von neuem gemahnt, die Schlöffer und Städte in 
ſorgſamer Verwahrung zu halten.) Der ganze Sommer ging 
nun mit Verſuchen wegen neuaufzunehmender Verhandlungs⸗ 
tage hin, die der Kurfuͤrſt immer weiter hinauszuſchieben 
wußte. Endlich kam man zwar uͤber einen ſolchen Tag uͤber⸗ 
ein;“ allein des Hochmeiſters Botſchafter waren kaum dahin 
abgegangen, als der Vogt der Neumark ciligft berichtete: es 
gehe in der Altmark überall das Geruͤcht, der Kurfuͤrſt ſinne 
auf Krieg gegen den Orden, habe über dieſen beim Koͤnige 
von Polen nicht nur ſchwer geklagt, ſondern auch um Hülfe 
nachgeſucht; er habe ſelbſt geaͤußert: er wolle ſich nur erſt mit 
den Niederlaͤndiſchen Füͤrſten friedlich verftändigen, dann ſich 
mit dieſen verbinden und darauf den Orden ſofort angreiſen. 
Wie es ſcheint, hatte der Kurfüͤrſt ſelbſt dieſes Gerücht veran⸗ 
laßt, um den Meiſter einzuſchuͤchtern, und er erreichte ſeinen 


1) Schr. des HM. an Markgr. Hans v. Brandenb. d. Mar. 
Mittw. nach Palmar. 1447. Schr. des HM. an d. Vogt v. Schievel⸗ 
bein, d. Mar. Freit nach Oſtern 1447. Schr. des HM. an Markgr. 


Hans v. Brandenb. d. Danzig am T. Stanislai 1447 Regiſtr. VIII. 
08. 215 —_ 217. 219. 2 


38. Inſtruction für die Gefandten Regiſtr. 
VII. 563. Schbl. XII. 70. 


2) Schr. des HM. an d. 
Regiſtr. VIII. 210. 224. 

3) Schr. des HM. an d. Vogt der 
nach Himmelf. 1447 Regiſtr. VIII. 245, 


40 Die vielfältigen Verhandlungen darüber in Schr. des HM. 
an d Markgr. Hans, den R 


urfürften u. a. Regiſtr. VIII. 255 — 256. 
264 — 265. 288. 292. 


Procurator, d. Mar. am Oſterabend 1447. 


Neumark, d. Mar. Freit 


134 Verhaͤltniſſe d. HM. z. d. Herzogen v. Pommern. (1447.) 


Zweck, denn mit großer Aengſtlichkeit ſandte dieſer ſeinen Bot⸗ 
ſchaftern den Auſtrag nach, aufs eiligſte und dringendſte noch⸗ 
mals die Vermittlung des Markgrafen Hans in Anſpruch zu 
nehmen und ihm zugleich auch zu entdecken, daß eben jene 
Niederlaͤndiſchen Fuͤrſten bemüht geweſen ſeyen, den Orden 
ſelbſt gegen den Kurfuͤrſten aufzuhetzen.) Indeß was auch 
an dem Geruͤchte wahr oder nicht wahr ſeyn mochte: die Folge 
war, daß die Ordensgeſandten ſich auf dem Verhandlungstage 
nachgiebiger bewieſen und in die Zahlung der ſechshundert Gul⸗ 
den endlich einwilligten, die im Verlaufe dieſes Jahres dann 
auch noch erfolgte.) Der Streit uͤber den Bruͤckenbau, uͤber 
den man ſich nicht verſtaͤndigen konnte, verblieb auch ferner 
zur Entſcheidung des Markgrafen Hans geftelit. 9 

Dieſe Stellung des Ordens zum Kurfuͤrſten war aber 
nicht ohne Einfluß auf die Verhaͤltniſſe des Hochmeiſters zu 
den Herzogen von Pommern geblieben. Mit einemnale naͤm⸗ 
lich trat Herzog Joachim von Stettin mit der Behauptung 
hervor: der Orden ſchulde ihm noch eine namhafte Geldſumme, 
die man ihm in der Zeit, als die Huſſiten in der Neumark 
gelegen, fuͤr die Verluſte, Verheerungen und Brandſchatzungen 
als Entſchaͤdigung verheißen, ſofern er den Ketzern den ver⸗ 
langten Beiſtand verweigern werde. Dem Hochmeiſter war 
die Forderung ebenſo beſremdend, als die Sache unbekannt. 9 


1) Schr. des HM. an ſeine Sendboten, d. Gerdauen Dienſt. vor 
Kathedr. Petri 1447 Schbl. XII. 71. 

2) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. M. Sonnt. nach 
Aller Heil. 1447 Regiſtr. VIII. 375. Quittung des Kurfürften über 
den Empfang der 600 Gulden, d. Spandau Mont. nach Luciaͤ 1447 
Schbl. 44. 5. 

3) Der Vertrag des Kurfuͤrſten v Brandenburg mit dem HM. 
uͤber die obenerwaͤhnten Verhaͤltniſſe, d Frankfurt a. d O. am Sonnt. 
nach Laurent 1447 in Raumer Cod. diplom. Brandenb. T. 1. 
p. 301 — 303. 

4) Schr. des Pflegers v. Buͤtow und des Komthurs v. Danzig 
an d. HM. d. Sulmyn Mont. nach Scholaſticä 1447 Schbl. XV. 
109. Schr. des HM an d. Vogt v. Schievelbein, d. Stuhm Freit. 
nach Laͤtare 1447. Schr. des HM. an den Herzog v. Stettin, d. 
Stuhm am T. Annuntiat. Mariaͤ 1447 Regiſtr. VIII. 186 — 187. 


Verhäͤltniſſe d. HM. zu d. Herzogen v. Pommern. (1447) 135 


Der Herzog indeß hatte die Forderung, wie es ſcheint, auch 
nur gethan, um einen andern Plan durchzuſetzen, denn ſein 
und der Niederlaͤndiſchen Herzoge Wunſch ging eigentlich dar⸗ 
auf hin, das frühere Buͤndniß mit dem Orden entweder feſter 
zu knüpfen oder eine neue engere Verbindung mit ihm einzu⸗ 
gehen. Wie wichtig ihm dieß in ſeiner Stellung zum Kur⸗ 
fuͤrſten von Brandenburg war, bewies die Eile, mit der er 
die Sache betrieb. ) Allein ſo erwuͤnſcht dem Hochmeiſter auch 
in feinem Verhaͤltniſſe zum Kurfürſten ein ſolches Buͤndniß 
ſeyn mußte, ſo war gerade eben dieſes Fürften wegen die 
größte Vorſicht noͤthig. Er ließ ſich daher ganz insgeheim mit 
dem Herzoge über Ziel und Zweck der neuen Verbindung in 


nähere Unterhandlung ein.) Man ſchlug ihm vor: das 
Bimdniß ſolle — 


„wie ſchon das frühere „ mit Ausnahme des 
Papſtes, des Kaiſers und der Könige von Dänemark und 
Polen, gegen jeden gerichtet ſeyn, der es wagen werde, die 
Laͤnder des Ordens oder der Herzoge von Pommern mit Krieg 
zu uͤberziehen oder irgendwie zu beſchaͤdigen. Man drang in 
den Hochmeiſter, ſich ſobald als möglich offen zu erklaͤren, 
weil widrigenfalls die Herzoge nicht abgeneigt ſeyen, ſich mit 
dem Kurfürften auf einem nahen Tage auszuſoͤhnen und mit 
ihm ein ſolches Bündniß einzugehen. Da nun der Markgraf 
Hans von Brandenburg ſich wirklich um eine Verbindung 
zwiſchen ſeinem Bruder und dem Herzoge Joachim ſehr be⸗ 
mühte, fo bedurfte es des Meiſters ganze Klugheit, um die 
Herzoge ſo lange hinzuhalten „bis feine Verhaͤltniſſe zum Kur⸗ 
fuͤrſten ſich guͤnſtiger geſtellt hatten. 3 
Auch mit dem Könige von Polen hatte fich der Kurſürſt 
dem Gerüchte nach gegen den Orden verbinden wollen; allein 


1) Das erwaͤhnte Schr. des Pflegers v. Buͤtow Schbl. XV. 109. 

2) Schr. des HM. an den Herzog v. Stettin u. an den Vogt 
v. Schievelbein, d. Stuhm am T. Annuntiat. Maria 1447 Regiſtr. 
VIII. 186 — 187. 


3) Schr. des pflegers v. Bütow an den HM. d. Donnerſt. zu 
Oſtern 1447 Schl. XV. 18. Vgl. Sell Geſchichte v. Pommern 
B. II. 64. 


136 Verhaͤltniſſe des HM. zum Könige v. Polen. (1447.) 


von da her war für dieſen wenig zu fürchten. Fielen auch 
mit den Polniſchen Graͤnzhauptleuten, beſonders denen zu Näſ⸗ 
ſau und Bromberg uͤber weggenommene Kaufguͤter, Privatver⸗ 
letzungen und Gerichtsverhaͤltniſſe der beiderſeitigen Unterthanen 
wohl haͤufig unangenehme Reibungen vor, ſo ward doch da⸗ 
durch der allgemeine Friede keineswegs geſtoͤrt.) Dafur buͤrgte 
ſchon das freundliche Verhaͤltniß des Hochmeiſters zu den hoͤhern 
Reichsbeamten und beſonders die perſoͤnliche Freundſchaft zwi⸗ 
ſchen ihm und dem beim Koͤnige in hohem Anſehen ſtehenden 
Erzbiſchofe von Gneſen, denn beide wetteiferten mit einander 
in Geſchenken, Ehrenbezeugungen und Gefaͤlligkeiten jeglicher 
Art? und der in ganz Polen ſo hochgeachtete und einflußreiche 
Praͤlat benutzte jede Gelegenheit, dem Meiſter ſeine beſondere 
Zuneigung zu erkennen zu geben und alles zu beſeitigen, was 
das friedliche Verhaͤltniß haͤtte ſtoͤren koͤnnen.) Auch mit 
dem Koͤnige Kaſimir ſelbſt, der ſchon als Großfürſt von Lit⸗ 
thauen dem Orden ſtets die friedlichſten und freundlichſten Ge⸗ 
ſinnungen bewährt, ſtand der Meiſter im beſten Vernehmen. 
Von ihm ſelbſt zur Koͤnigskroͤnung im Juni dieſes Jahres nach 
Krakau eingeladen, ſandte dieſer, durch viele Geſchaͤſte gehin⸗ 
dert, als ſeine Stellvertreter den Ordensſpittler Heinrich Reuß 
von Plauen, den Komthur von Mewe Ludwig von Erlichs⸗ 
haufen und mehre andere auserwaͤhlte Sendboten dahin, ) zu⸗ 
gleich mit dem Auſtrage, den Koͤnig und die Reichsgroßen zu 
dem im Vertrage zu Brzeſc feſtgeſetzten Eid auf den ewigen 
Frieden zu beſtimmen (weil dieſer von jedem neuen Koͤnige und 
alle zehn Jahre auch von den Reichsgroßen und den Ordens⸗ 


1) Darüber eine Menge v. Schr. des HM. an die Poln. Haupt 
leute aus dem J. 1447 Regiſtr. VIII. 551. 552. 568. 582 u. f. 

2) Schr. des Erzbiſchofs v. Gneſen an d. HM. d. Dienſt. nach 
Thomä 1446 Schbl. XXV. 74. u. ein anderes, d. am Sonnt. Re⸗ 
miniſcere 1447 Schbl. XXV. 87. Schr. des HM. an den Erzbiſchof, 
d. Raſtenburg Sonnt. Invocavit 1447 Regiſtr. VIII. 5891, 385. 600 — 
601. 618. 

3) Beiſpiele in erwaͤhnten Schreiben. 

4) lug oss. T. II. 27. 


Verhaͤltniſſe des HM. zum Könige v. Polen. (1447.) 137 


gebietigern erneuert werden ſollte), dann aber auch zur Schlich⸗ 
tung aller obwaltenden Streithaͤndel und Beſchwerden der Un⸗ 
terthanen um einen gemeinen Richttag zu bitten, wie er nach 
Inhalt des ewigen Friedens von Zeit zu Zeit Statt finden 
ſollte, v worüber jedoch im Verlaufe des Sommers noch viel⸗ 
fach verhandelt wurde.) So widerlegte der Meiſter am beſten 
die von müßigen Köpfen ſchon im vorigen Jahre in Polen 
verbreiteten Gerüchte von Kriegsruͤſtungen des Ordens zu einem 
Angriffe auf das Königreich während des jungen Koͤniges neuer 
Regentſchaſt, weshalb ſich der Hochmeiſter vom Concilium zu 
Baſel vom ewigen Frieden ſollte haben losſprechen laſſen. . Die 
Sache war dieſem auch ſo wichtig, daß er ſich vom Concilium 
ein förmlich 


es Zeugniß über die Unwahrheit der Geruͤchte aus⸗ 
ſtellen ließ. 3 


Bald darauf aber gab er dem Koͤnige noch einen andern 
Beweis ſeiner Freundſchaft und Gefaͤlligkeit. Der geächtete 
Sue Michael, laͤngſt nach dem großfuͤrſtlichen Stuhle von 

tth 


auen ſtrebend, ) hatte den Plan im Werke, entweder im 
Stillen mit nur wenigen Pferden ſich durch Preuſſen hindurch⸗ 


zuſtehlen, oder, wenn dieß nicht möglich, mit flärferer Macht 
ſich bis Litthauen freie Bahn zu brechen. Der Koͤnig von Po⸗ 
len, davon benachrichtigt, meldete dieß insgeheim dem Hoch⸗ 
meiſter, mit der Bitte, den Herzog nirgends durchzulaſſen. 9 
Konrad ertheilte ſofort auch an die Graͤnzen den Befehl, den 


1) Schr. des HM. an d. Erzbiſchof v. Gneſen, d. Sobowitz Freit. 
nach Cantate 1447 Regiſtr. VIII. 585 u. d. Mar. Dienſt. zu Pfingſt. 
1447 ebendaſ. p. 589 — 590. Auftraͤge des HM. fuͤr die Geſandten 
Schbl. XXV. 86. Vollmacht für dieſelben Regiſtr. VII. 252 — 253, 

2) Credenz- und Vollmachtebriefe für den Komthur v. Schwez, 
d. Mar. am T. Aſſumt. Mariä 1447 Regiſtr. VIII. 313 — 314. 
VII. 516. 


3) Die Bulle des Conciliums zu Baſel, d. Basilene IV Cal. 
Septemb. 1446 bei Dogiel T. IV. P. 139 — 140. Das Concilium 
widerlegt die Geruͤchte auch in einem Schr. an den Biſchof v. Krakau. 

4) Kajalowiez P. II. p. 192 — 194. 

5) Dlugoss. T. II. 34 — 35. 


138 Verhaͤltniſſe des HM. zum Könige v. Polen. (1447,) 


Fuͤrſten, wo man ihn finde, zuruͤckzuweiſen.) Dieſer kam 
nun zwar beim Meiſter bald bittend ein: ihm zu gönnen, ſich 
nach Preuſſen begeben und da verweilen zu duͤrfen oder doch ihm 
den Durchzug nach Livland zu geſtatten. Da beides abgeſchlagen 
und ihm gemeldet wurde, daß es dem ewigen Frieden wider⸗ 
ſtreite, ſo griff er zu einem Wagſtuͤck, kam mit vierzehn Pfer⸗ 
den durch die Wildniß ſuͤdwaͤrts von Allenſtein und zog heim⸗ 
lich, jedoch nicht unerkannt, durch Koͤnigsberg. Der Ordens⸗ 
marſchall? ließ ihm alsbald nachſetzen und ſechs Meilen dieſ⸗ 
ſeits der Memel ward er eingeholt. Er entkam zwar auf dem 
Ruͤckwege der Wachſamkeit feiner Führer, ritt in Wäldern und 
Bruͤchen umher mit nur vier Pferden, ließ endlich auch dieſe 
laufen und ging zu Fuße, um unerkannt zu bleiben. Er ward 
indeß dennoch in einem dichten Walde aufgegriffen und nach 
Koͤnigsberg gebracht. Von da mußte er des naͤmlichen Weges 
wieder zuruͤckreiten, auf dem er durch die Wildniß gekommen 
war. Der Meiſter gab ſofort auch dem Koͤnige Nachricht von 
dem Ereigniſſe, ) zugleich bei den Herzogen von Maſovien ſich 
entſchuldigend, daß er des ewigen Friedens, ſowie ſeines Eides 
und ſeiner Ehre wegen gegen den Herzog nicht anders habe 
handeln koͤnnen.) Man wußte nicht, wo der Fluͤchtling hin 
gekommen ſey. Erſt im Anfange des naͤchſten Jahres konnte 
der Hochmeiſter dem Koͤnige melden: der Fuͤrſt ſey kurz vor 
Weihnachten mit zwei Pferden beim Herzoge Konrad von Oels, 
dem alten weißen Fuͤrſten erſchienen, mit der Bitte, beim Koͤ⸗ 
nige um Gnade für ihn anzuſuchen. ® 


1) Schr des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Thorechten-Hof 
Mont. nach Nativit. Mariaͤ 1447 Regiſtr. VIII. 343. 

2) Dlugoss. I. c ſpricht von einem Commendator Prutenicus. 

3) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Stuhm Dienſt. 
nach Galli 1447 Regiſtr. VIII. 603. 

4) Schr. des HM. an die Herzoge Flotho u. Bolko von Maſo⸗ 
vien, d. Mar. Dienſt. vor Simon u. Judaͤ 1447 Regiſtr. VIII. 603. 

5) Schr. des HM. an d. Koͤnig v. Polen, d. Mar. Freit. vor 
heil. drei Könige 1448 Regiſtr. VIII. 609. Diugoss. T. II. 35. 


Kriegshülfe nach Livland. (1447.) 139 


Das Jahr ging jedoch nicht ganz ohne kriegeriſche Bewe⸗ 
gungen vorüber. In Folge eines Buüͤndniſſes namlich mit Koͤ⸗ 
nig Chriſtoph von Daͤnemark hatte der Meiſter von Livland 
einen Kriegszug gegen Nowgorod beſchloſſen, wozu er auch die 
Beihilfe des Hochmeiſters in Anſpruch nahm.) Der Krieg 
gegen die Ungläubigen — denn als ſolche galten noch die Ruſ⸗ 
ſen — ſchien dieſem immer noch die erſte Pflicht 95 Ordens, 
weshalb er ſich nicht nur an den Papſt mit der Bitte wo 
ihn bei dieſem Kampfe zur Demüthigung des ungläubigen Vol⸗ 
kes mit dem im Lande geſammelten Ablaßgelde zu unterſti b 
zen, ſondern auch an den Deutſchmeiſter und andere Gebie⸗ 
tiger in Deu tſchland die Aufforderung ergehen ließ, theils felbft 


mit Kriegshuͤlfe herbeizueilen, theils die Fuͤrſten und die Deutſche 
Ritterſchaft zu ermahnen 


a „zum Dienſte der Jungfrau Maria 
aufzuſtehen, wie in alten Zeiten im Kampfe gegen die Ungläu⸗ 
bigen Ritterdienſt zu üben und „die gottloſen Abtruͤnnigen an 


den Ufern des Wolchow zu demuͤthigen.“?) In Preuſſen be⸗ 
gannen kriegeriſche Ruͤſtungen, jedoch nicht ohne bedenkliche 
Schwierigkeiten. 


Schon faſt gewohnt, ſich bald dieſer bald 
jener Pflichtleiſtung gegen die Landesherrſchaſt zu widerſetzen, 
weigerten ſich in mehren Theilen des Landes die fe g. kleinen 
Freien, obgleich laut ihren Verſchreibungen jeder Zeit zum 
Kriegsdienſte verpflichtet, ſo oft und wohin der Orden ihn ver⸗ 
langte, dem Aufgebote Folge zu leiſten, bald ſich auf andere 
Gebiete berufend oder darauf, was das ganze Land thun 
werde, bald verlangend, daß man auch die Staͤdte zur Kriegs⸗ 


hülfe auffordern ſolle. Der Komthur von Elbing mußte daher 


in mehren feiner Kammeraͤmler durch ſcharfe Drohungen die 


1) Vgl. Gade buſch Lvl. Jabrb. B. I. 123. 
WM 


Karamfin 
245 — 246, wo dieſe Kriegsereigniſſe nach Mittheilungen aus 
dem geh. Archiv zu Königsberg erzählt find. 

2) Schr. des HM. an d. Procurator, d. Mar. Sonnab. vor 
Palmar. u. Sonnt. nach Judica 1447 Regiſtr. VIII. 200 — 201. 

3) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter u. den Komthur v. 


Mergentheim, d. Holland Sonnt. vor Lätare 1447 Regiſtr. VIII. 183. 
281. Karamſin a. a. O. 


140 Kriegshuͤlfe nach Livland. (1447.) 


Bewohner zu ihrer Pflicht zwingen, denn ſelbſt auch nur drei 
bis fuͤnf Gewappnete aus einem Kammeramte aufzubringen, 
koſtete oft große Schwierigkeiten.) Als es endlich gelungen 
war, einige Heerhaufen aufzuſtellen, ließ der Meiſter den einen 
unter der Fuͤhrung des Vogts von Roggenhauſen, eines kriegs⸗ 
gewandten Hauptmannes, in Danzig einſchiffen;? ein anderer 
aus Fußvolk, Reiterei und ſchwerem Gefchüße beſtehend, zog 
mit einem ſehr geſchickten Buͤchſenſchuͤtzen zu Land von Memel 
aus nach Narwa. Als man indeß bald Nachricht erhielt, 
daß auch die Moskauer, Walachen und Tataren den Nowgo⸗ 
rodern zu Huͤlfe kommen und die Macht des Feindes außeror⸗ 
dentlich verſtaͤrken würden, ſank die Hoffnung auf den Sieg 
der Ordenswaffen ſchon mehr und mehr. In allen Conven⸗ 
ten des Landes wurden feierliche Gebete für das Gluck der 
chriſtlichen Waffen gegen die Heiden angeordnet und jede Woche 
bis zum Michaelis feſte Meſſen und feierliche Umgaͤnge gehalten 
„zu Lobe Maria's der werthen Jungfrau, allen Heiligen zu 
Ehren und der ganzen Chriſtenheit zu Troſt und Mehrung, 
auf daß Gott durch ſolch inniges Gebet geſanftmüthiget den 
Seinen wider die abgeſchnittenen Ruſſen und des Kreuzes 
Chriſti Feinde feinen göttlichen Sieg verleihe.“ ) Dennoch be— 
kam der Meiſter im Auguſt die traurige Kunde, daß es auf 


1) Schr. des Komthurs v. Elbing an den HM. d. Holland am 
T. Walpurgis 1447 Schbl. X. 27. LXXVI. 66, Der Komthur weiß 
keinen andern Rath, als denen, die der Aufforderung nicht Folge lei⸗ 
ſteten, ihre Guͤter zu entziehen. 

2) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Donnerſt. 
vor Pfingſt. 1447 Regiſtr. VIII. 253. Schr. des Komthurs an den 
HM. o. D. Schbl. X. 29. 

3) Schr. des HM an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Abend 
Corpor. Chr. 1447 Regiſtr. VIII. 258 — 239. Karamſin B. V. 
366; vgl. auch Regiſtr. VIII. 261. 

4) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Sonnt. 
nach Corpor. Chr. 1447 Regiſtr. VIII. 261 — 262. 

5) Befehl des HM. an die Komthure wegen der Gebetsordnung, 
d. Mar. am T. Johannis Bapt. 1447 Regiſtr. VIII. 281. In alle 
Meſſen ſolle die Collecte contra paganos eingelegt werden. 


Ordenkapitel. (1447.) 141 


der Narwa, an deren beiderſeitigen Ufern die Streitheere ſich 
aufgeftellt, zu einem ſchweren Kampfe gekommen ſey, die Rufs 
fen mehre den Strom hinaufſegelnde Schiffe des Ordens über: 
fallen, die Mannſchaft theils erſchlagen, theils gefangen ge: 
nommen, alles ausgepluͤndert und verheert und dann ſich in 
ihr Land zurückgezogen haͤtten. Ueber hundert „Mann vom 
Kriegsvolke aus Preuffen waren im Gefechte geblieben oder in 
Gefangenſchaft gerathen, ein Verluſt, der durch eine bedeutende 
Jahl von gefallenen Livlaͤndern noch erhoͤht, durch die vom 
Avländiſchen Meiſter bei einem Einfalle ins feindliche Land 


verübte zehntaͤgige Verheerung und Plünderung keineswegs auf⸗ 
gewogen ward.» 


Da berief der Hochmeiſter gegen Ende des Jahres ins 
Haupthaus Marienburg 


ein allgemeines Ordenskapitel, denn 
es waren für das kommende Jahr 1448 ſehr wichtige Ver⸗ 
haͤltniſſe zu berathen. 2 Zunaͤchſt hatte man durch die veran⸗ 
ſtaltete Viſitation der Ordenskonvente manchfache Unordnungen, 
Geſetzwidrigkeiten und Vernachlaͤſſigungen im Wandel und in 
der Lebensweiſe der Ordensbrüder entdeckt, denen nothwendig 
entgegengewirkt werden mußte. Der Gottesdienſt, wie ihn die 
Regel verlangte, ward in vielen Ordenshaͤuſern ſehr ſaͤumig, 
in manchen wenig oder gar nicht gehalten; in mehren Ordens⸗ 
konventen banden ſich die Bruͤder wenig an die vorgeſchriebenen 
Hausgeſetze; man ließ haͤufig die Ordensburgen unbekümmert 


1) Es ſind hier dieſe Erei 
ciellere Nachrichten, die 
Schr. des HM. an den 


gniſſe nur kurz berührt worden. Spe⸗ 
jedoch der Geſchichte Preuſſens fern liegen, in 


Procurator zu Rom, d. Mar. Donnerſt. nach 
Himmelf. Maria 1447 Regiſtr. VIII. 315 und mehren andern. Auf⸗ 


fallend iſt, daß Karamfin B. V. 246 — 247 über die für ihn fo 
wichtige Niederlage des Ordensvoltes nichts ſagt, vielleicht weil man 
ihm, obgleich er S. 363 — 367 ſo vieler aus dem Koͤnigsberg. Archiv 
erhaltenen Nachrichten über dieſe Ereigniſſe erwähnt, gerade die über 
den Erfolg der Unternehmung ſprechenden Schreiben des HM. nicht 
mitgetheilt hatte. 

2) Ausſchreiben des HM. zum großen Kapitel, d. Tuchel Sonnt. 
nach Martini 1447 Regiſtr. VIII. 379 — 380. Das Kapitel folte ge: 
halten werden am Sonntage nach Lucia. 


142 Ordenskapitel. (1447.) 


in Verfall gerathen, waͤhrend aus Eigennutz die Waͤlder durch 
Verkauf des beſten Bauholzes oder durch zu große Vermehrung 
der Pechoͤfen immer mehr verwuͤſtet und verwahrloſt wurden.“ 
Zur Abſtellung dieſer und anderer Unordnungen ward im Or⸗ 
denskapitel feſtgeſetzt: es ſolle fortan jedes Jahr in allen Kon⸗ 
venten zweimal genau unterſucht werden, ob man den vorge⸗ 
ſchriebenen Gottesdienſt fleißig und puͤnktlich halte;?) der Kom⸗ 
thur jedes Hauſes ſolle darauf ſtreng achten und ſeine Kon⸗ 
ventsbruͤder zum ordentlichen Beſuche der gottesdienſtlichen Zei⸗ 
ten mit Ernſt und Nachdruck ermahnen mit ſtrenger Ahnung 
gegen die Saͤumigen. Desgleichen ſolle darauf geſehen wer⸗ 
den, daß am Sonntage Kapitel und uͤber Tiſch die Lection 
gehalten, Spazieren ohne Urlaub abgeſtellt, den Ordensbruͤdern 
ihre Speiſen und Getraͤnke gut bereitet, hinreichend und wohl 
genießbar dargereichet wuͤrden und zwar ſtets auch zu rechter 
Zeit. Die Spitale der Ordenshaͤuſer ſollten einer genaueren 
Aufſicht unterworfen und alle Maͤngel und Gebrechen dem 
Meiſter von Zeit zu Zeit angezeigt werden. Die Gebietiger 
und Amtleute ſollten ihre Haͤuſer und Gebaͤude ſtets in gutem 
Stande halten, Waͤlder und Heiden, die zu ihren Aemtern 
gehörten, durch Holzverkauf nicht zu Grunde richten, ſondern 
daraus nur fo viel nehmen, als zu ihrer Haufer Beduͤrfniſſen 
nothwendig ſey; nur beſtimmte Holzgattungen und was die 
Ordenshaͤuſer entbehren koͤnnten, moͤchten zum Verkaufe ge⸗ 
bracht werden. Pechoͤfen ſolle man ganz abſtellen, mit Aus⸗ 
nahme derer in der Naͤhe der Wildniß, wo ſie dem Lande un⸗ 
ſchaͤdlich ſeyen.) Ueberall ſolle man die Wälder ſchonen, „Das 


1) Rundſchreiben des HM. an die Gebietiger u. Amtleute v. J. 
1448 Schbl. LXXI. 52, 

2) Die genaueren Beſtimmungen uͤber die Abhaltung des Gottes⸗ 
dienſtes Regiſtr. VIII. 400. Schbl. LXXI. 52. 

3) Namentlich bei Ragnit, Inſterburg, Gerdauen, Angerburg, 
Loͤtzen, Lyck und Johannisburg. Schr. des Komthurs v. Elbing an 
d. HM. d. Mohrungen Donnerſt. nach Epiphan. 1448 Schbl. LXXII. 
20. Schr. des Vogts v. Dirſchau an d. HM. d. Neuenburg Donnerft. 
nach Margar. 1448 Schbl. LXIV. 


Innere Ordensdisciplin. (1448.) 143 


mit die, die nachkommen, auch nach Nothdurſt zu hauen ha⸗ 
ben.“ Von dem in den Ordensburgen aufgeſchuͤtteten Getreide 
follten die Gebietiger und Amtleute nichts verkaufen und was 
fie verkauft, aus eigener Rechnung wieder ersetzen, denn fie 
haͤtten es nur in Verwahrung und ſeyen dem Meiſter dafür 
verantwortlich. Endlich forderte der Hochmeiſter die Gebietiger 
und Ordensbeamten auf, auf dieſe und uberhaupt alle Geſetze 
und Ordnungen mit aller Strenge zu wachen. 


Nichts ſchien überhaupt dem Hochmeiſter zur Auftechthal⸗ 
tung der Sittlichkeit und Ordnung nothwendiger als Strenge 
in der Diſciplin. Je mehr er daher Über den Zuſtand des ſitt⸗ 
lichen Lebens im Orden oft. die unerfreulichſten Erfahrungen 
machte, um ſo ernſter und nachdruͤcklicher glaubte er, wohlbe⸗ 
kannt mit den Folgen, welche das ſittliche Verderbniß für den 
ganzen Ordenbau herbeiführen müſſe, ſtets auf die alten Ne 
geln und Geſetze des Ordens zuruͤckweiſen und mit ſcharfem 
Nachdruck den Abirrungen und Geſetzwidrigkeiten entgegentreten 
zu muͤſſen. Haͤufig wurden deshalb von ihm unordentliche Or⸗ 
densbrüͤder aus ihrer Umgebung entfernt und zur Beſſerung in 
andere entfernte Konvente verſetzt.) Da es oft, ja wie der 
Hochmeiſter ſelbſt fast, faft täglich geſchah, daß ungehorfame 
Ordensritter, die fich Vergehungen und Verbrechen hatten zu 
Schulden kommen laſſen, um den Strafen zu entgehen, zu 
Biſchöſen, Fuͤrſten, Rittern oder zu ihren Verwandten entwi⸗ 
chen und von dieſen aufgenommen und beherbergt gegen den 
Orden aufhetzten, ſie zu Feindſeligkeiten anreizten und ſo den 
Balleien und Ordensburgen oft unermeßlichen Schaden und 
dem Orden Schmach und Schande zuzogen, ſo ſah ſich der 
Meiſter genoͤthigt, beim Papſte um eine Bulle nachzuſuchen, 


1) Die Verordnungen, d. Mar. am T 
VIII. 400 — 401. Schl. LXXI. 52. 
zelne Beſtimmungen. 


2) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Tuchel Dienſt. nach 
Martini 1447 Regiſtr. VIII. 380. Der unordentliche Ordensritter 


Heinrich von Witzleben wird aus Deutſchland nach Livland verſetzt. 


. Epiphania 1448 Regiſtr. 
Sie enthalten noch mehre ein⸗ 


144 Innere Ordensdiſciplin. (1448.) 


wodurch den hohen Geiſtlichen, Fuͤrſten und uͤberhaupt jedem 
die Aufnahme und Beherbergung ſolcher ungehorſamen und ab⸗ 
truͤnnigen Ordensbruͤder unter Strafe des Bannes mit allem 
Nachdruck unterſagt wuͤrde. Er ſelbſt ahnete das Entlaufen 
ſolcher Ritter ſtets mit aller Strenge; ſelbſt Fuͤrbitten von Fuͤr⸗ 
ſten konnten die Flüchtlinge von ihren Strafen nicht befreien, 
wenn auch zuweilen der Meiſter fie milderte.) Er duldete es 
daher auch unter keiner Bedingung, ſelbſt auch nicht in Krank⸗ 
heitsfaͤllen, daß ſich Ritterbruͤder außerhalb der Konvente, etwa 
bei ihren Verwandten aufhalten konnten.) Um bei der Auf⸗ 
nahme neuer Ordensbruͤder die nöthige Sorgfalt bei einer ſtren⸗ 
gen Pruͤfung ihres ſittlichen und unbeſcholßenen Lebenswandels 
nicht aus dem Auge zu laſſen und auch hierbei die alten Ge⸗ 
ſetze und Ordnungen in Wirkſamkeit zu erhalten, erlaubte er 
den Gebietigern in Deutſchland keineswegs, hierin nach eige⸗ 
nem Gutduͤnken zu verfahren, ſondern verlangte, daß ihm dar⸗ 
uber zuvor die nöthigen Berichte zugeſandt wuͤrden, denn auch 
hier ſollte keine Willkuͤhr eines Gebietigers geltend werden duͤr⸗ 
fen. Selbſt gegen Komthure verfuhr er mit ſcharfem Ernſte 
und forderte ſie vor das Kapitel, wenn ſie ſich Geſetzwidrig⸗ 
keiten zu Schulden kommen ließen“ und ſogar dem Deutſch⸗ 
meiſter wollte er nicht geftatten, daß er Gebietiger in Deutſch⸗ 
land ohne fein Wiſſen und Willen zu Tagen vorladen dürfe. 9 


1) Schr. des HM. an den Procurator zu Rom, d. Holland Mont. 
nach Gregorii 1448 Regiſtr. VIII. 432, wo wir des HM. Klage uͤber 
die erwähnten Ungebührlichfeiten leſen. 

2) Schr. des HM. an den Herzog Adolf von Kleve, d. Mar. 
Freit. vor Beſchneid. Chr. 1448 Regiſtr. VIII. 397. 

3) Schr. des HM. an den Ordensbruder Fritz von Wieſenthau, 
d. Mar. Mont. vor Barnaba 1448 Regiſtr. VIII. 500. 

4) Schr. des Grafen Albrecht von Wertheim an d. Erzbiſchof v. 
Koͤln u. an Eberhard Thyn von Slenderhain, ehemaligen Komthur v- 
Koblenz, d. Grebin Dienſt. nach Corpor. Chr. 1448 Regiſtr. VIII. 494. 

5) Schr. des HM. an den Komthur v. Koblenz, d. Mar. am 
Abend Aſſumt. Maris 1448 Regiſtr, VIII. 508. 


Verhaͤltniſſe d. Ordens z. Könige v. Polen. (1448.) 145 


Außer dieſen innern Verhaͤltniſſen des Ordens aber kamen 
auch deſſen aͤußere Angelegenheiten im Ordenskapitel vielſach 
zur Berathung. Man hatte Nachricht, daß der Koͤnig von 
Polen ſich noch nicht zur Beſchwoͤrung des ewigen Friedens 
habe verſtehen wollen. Unter mancherlei Ausſetzungen war die 
wichtigſte ſeine Klage uͤber das Verhalten des Meiſters von 
Livland, welches dem Inhalte des ewigen Friedens keineswegs 
zu entſprechen ſchien. Der Ordensmarſchall und der Komthur 
von Ragnit wurden zur Ausgleichung der Irrungen zum Koͤ⸗ 
nige geſandt und es gelang ihnen, dieſen und die bei ihm ſeyen⸗ 
den Reichsgroßen zur Beſchwoͤrung des Friedens zu bewegen, 
oögleich Kaſimir erklärte, er werde, wenn der Hochmeiſter nicht 
ſelbſt wirkſam eingreife, den Ungerechtigkeiten des Livlaͤndiſchen 
Meiſters keineswegs mehr nachſehen. ) Konrad unterließ da⸗ 
her nicht, dieſen warnend darauf aufmerkſam zu machen, in 
welche ſchwere Gefahr er den ganzen Orden ftürzen werde, 
wenn er den König zum Kriege reize und ihn, den Hochmei⸗ 
ſter, dann nöthige, den Livlaͤndern gegen den Koͤnig Huͤlfe zu 
leiſten, fo daß ſomit der ewige Friede für Livland wie für 
Preuſſen gebrochen werde, denn der bittere Zorn, mit dem 
der König über des Livlaͤnders Eingriffe in ſeine Gebiete ge⸗ 
ſprochen, ließ in der That das Schlimmſte erwarten. Der 
Hochmeiſter bot daher alles Moͤgliche auf, um durch Vermitt⸗ 
lung den Streit wieder auszugleichen. 9 Indem er ſich ſelbſt 
bemühte, dem Könige eine liebenswuͤrdige Gemahlin zu ver⸗ 
ſchaffen, war es vor allem deſſen Gunſt, die er ſich dadurch 
zu erhalten ſuchte, denn als der Statthalter der Ballei in 
Sachſen, Friederich von Polenz ihm ſchrieb: Herzog Heinrich 


1) Bericht des Ord. 
Zyeßmor Sonnt. nach N 
Koͤnig befand ſich um 
ten mit großer Auszei 


Marſchalls u. des Komthurs v. Ragnit, d. 
ativit. Chr. 1448 Schbl. XXV. 78. 84. Der 
dieſe Zeit in Wilna, wo er die Ordensgeſand⸗ 
chnung behandelte. Dlugoss. T. II. 36. 
2) Schr. des HM. an den Livland. Meiſter, d. Mar. Mont. nach 
Epiphan. 1448 Regiſtr. VIII. 404. 

Schr. des HM, an den Livland. Meiſter, d. Pellen Sonnab. 
nach Eonverf. Pauli 1448 Negifir, VIII. 418— 419. 429, 

VIII 


€ 10 


146 Berhättniffe d. Ord. z. Konige Erich v. Danemark. (1448.) 


von Braunſchweig, der erfahren habe, daß der Koͤnig von Po⸗ 
len noch ein junger Herr und unvermaͤhlt ſey, habe ihm ge⸗ 
meldet, daß ſein Vetter Herzog Friederich von Braunſchweig 
eine Tochter habe, „die ſchoͤn und gerade von Leib und von 
der Mutter her eine Markgraͤfin von Brandenburg ſey, und 
Herzog Heinrich wuͤnſche ſeines Vetters wegen, daß der Hoch⸗ 
meiſter eine Verbindung mit dem Koͤnige einleite, erklaͤrte er 
ſich ſehr bereit, die Sache bei dieſem anzubringen.) Da die⸗ 
ſer Plan aber nicht gelang, ſo verfolgte der Hochmeiſter gegen 
Ende des Jahres einen andern, den Koͤnig naͤmlich fuͤr eine 
Verbindung mit der jungen verwittweten Koͤnigin Dorothea 
von Daͤnemark, Gemahlin des Koͤniges Chriſtoph und Tochter 
des Markgrafen Hans von Brandenburg, zu gewinnen. Aber 
auch dadurch verdiente er ſich nur des Markgrafen Dank, 
denn der Koͤnig vermaͤhlte ſich mehre Jahre nachher mit Eliſa⸗ 
beth, der Tochter des Kaiſers Albrecht des Zweiten. 


Außerdem kamen in dem Ordenskapitel auch die Daͤni⸗ 
ſchen Verhaͤltniſſe zur Sprache. Seitdem König Erich die Un: 
terhandlung wegen Gothlands gaͤnzlich abgebrochen und des 
Koͤniges Chriſtoph Tod im Anfange dieſes Jahres ihm wieder 
mehr Hoffnung zum Beſitze der Krone gegeben, waren gegen 
fumfhundert Seeräuber um ihn verſammelt, die bald die Kuͤſten 
Daͤnemarks, Schwedens und Norwegens, bald die Wendiſchen 
Kuͤſtenſtaͤdte und die Strandgebiete Preuſſens und Livlands mit 


1) Schr. des HM. an Friederich v. Polenz, d. Mar. am Sten 
Tage Epiphan. 1448 Regiſtr. VIII. 411 — 412. Kotzebue 2. IV. 
57 ſpricht hier faͤlſchlich von einer Tochter des Herzogs Heinrich ſelbſt, 
da doch im erwähnten Schreiben von einer Tochter des Herzogs Frie⸗ 
derich die Rede iſt. Erſterer iſt offenbar Heinrich der Friedfertige (der 
1473 ſtarb) und letzterer Herzog Friederich der Eifrige von Braunſchweig⸗ 
Luͤneburg, vermaͤhlt mit Magdalene, Tochter des Kurfürften Friederich I 
von Brandenburg. Ihre Tochter, von welcher oben geſprochen wird, 
war wahrſcheinlich Margaretha, nachherige Gemahlin des Herzogs Hein⸗ 
rich von Meklenburg. 

2) Schr. des Markgr. Hans v. Brandenburg an d. HM. d. Paf- 
ſenberg Sonnt. nach Thomaͤ 1448 Schbl. XII. 64. 


Verhoͤltniſſe d. Ord. z. Könige Erich v. Daͤnemark. (1448.) 147 


ihren Pluͤnderungen heimſuchten, bald die Schiffe auf der See 
auffingen und überall Raub und Mord uͤbten; ja Erich hatte 
gedroht, daß im naͤchſten Sommer noch tauſend Mann aus 
ommern zu ihm ſtoßen ſollten, mit denen er alles vernichten 
werde, was ihm nicht huldige. Es kamen die bitterften Kla⸗ 
gen vor den Hochmeiſter.) Auf Anfuchen der Danziger, die 
mehr als alle andern litten „ wandte er ſich an die wichtigften 
Hanſeſtadte mit dem Antrage: man moͤge insgemein allen — 
delsverkehr mit Gothland aufheben und nirgendswoher dorthin 
Zufuhr geſtatten, um fo den Koͤnig zu zwingen, von ſeinem 
auch den Hanſeſtaͤdten fo hoͤchſt nachtheiligen Raubweſen abzu⸗ 
ſtehen. Keuͤbeck fand zwar fuͤr rathſamer, bewaffnet einzu⸗ 
ſchreiten und forderte den Hochmeiſter auf, dreihundert Kriegs⸗ 
leute mit den noͤthigen Schiffen auszuruͤſten, um fie, ſobald 
die See offen ſey, nit den ihrigen zu verbinden und die See 
zu ſaͤubern. Da indeß mehre der Ceeftädte ſich dem Vor⸗ 
ſchlage des Hochmeiſters zuneigten und ihm ſelbſt jenes Mittel 
der Gewalt aus manchen Gruͤnden auch bedenklich ſchien, ) ſo 
beharrte er feſt bei ſeinem Plane, ſandte jedoch, um noch ein⸗ 
mal den Weg friedlicher Ausgleichung zu verſuchen, Botſchaf⸗ 
ter an den König, um ihn aufzufordern, dafuͤr zu forgen, daß 
den Ordensunterthanen, beſonders den Danzigern, die von ſei⸗ 
nen Ausliegern genommenen Schiffe und Güter wiedererſtattet, 


1) Schr. des HM. an den Markgr. Hans v. Brandenburg, d. 
Mar. Mittw. nach heil. drei Koͤn. 1448 Regiſtr. VIII. 398. Schittz 
b. 155. Köhler Samml. Hanſ. Geſchichte p. 220. 


2) Schr. des HM. an die Städte Hamburg, Lubeck, Luͤneburg, 
Wismar, Noſtock u. Stralſund, d. Mar. am T. Epipban. 1448 Me: 
giſtr. VIIL 402. Die Seeräuber Erichs nennt der HM. gewoͤhnlich 
„des Koͤniges Erichs Ußlegers.“ Schr. des HM. an den Livlaͤnd. 
Meiſter, d. Mar. Mont, nach Epiphan. 1448 Regiſtr. VIII. 405. 

3) Schr. des HM. an Luͤbeck, d. Elbing am S. Fabiani 1448 
Regiſtr. WII. 416. Schr. des Raths v. Stralſund an den HM., d. 
am T. Purif. Mariä 1448 Schbl. XX XIV. 69. Schr. des Raths 
v. Roſtock an den HM. d. Mittw. vor Purif. Maria 1448 Schbl. 
XXXI. 79, 


. 


10 


148 Verhaͤltniſſe zu Danemark u. Schweden. (1448.) 


aller Schade verguͤtet und inskuͤnſtige aller Unbill ſolcher Art 
gewehrt und vorgebeugt werde. Allein der Koͤnig antwortete 
dem Botſchafter in trotziger Sprache: „die Auslieger hätten 
nichts anders, als was fie nahmen; er gebe ihnen ſonſt nichts“; 
und als dieſer den Koͤnig warnte: es werde auf die Laͤnge wohl 
kein gutes Ende nehmen, fuhr Erich fort: „ſage deinem Herrn, 
daß er die Haͤnde in den Buſen ſtoße und laſſe mich allhier 
mein Abenteuer beſtehen.“ Da der Sendbote ſich dann im Na⸗ 
men des Hochmeiſters uͤber die von jedem aus Preuſſen nach 
Gothland ſegelnden Schiffe zu zahlende Abgabe einer halben 
Mark Silber beſchwerte, erwiederte der Koͤnig: „das geſchieht 
mit Recht; Lubeck nimmt Acciſe, der Orden einen Pfundzoll, 
die ungewöhnlicher und gröber find als dieß. Wir ſind ein 
armer, vertriebener Koͤnig und unſer Koͤnigreich iſt klein. Wir 
muͤſſen doch etwas haben, davon wir uns ernähren. Wer da 
kommt, der gebe; wer das nicht mag, der bleibe daheim.“ 
Auf dieſe Antwort erließ der Meiſter in ſeinem Lande den Be⸗ 
fehl, daß fortan niemand Getreide oder ſonſtige Lebensmittel 
nach Gothland ausführen ſolle, und daſſelbe Geſuch erging auch 
an den Meiſter von Livland.) 

Binnen einem Monat aber änderte ſich die ganze Geſtalt 
der Dinge. Karl Knutſon, der Reichs-Truchſes, bemaͤchtigte 
ſich Stockholms und ward bald nachher auf Schwedens Thron 
erhoben. Die Dänen erwaͤhlten Chriftian den Erſten von DI: 
denburg zu ihrem Koͤnige.) So gingen Erichs Hoffnungen 


1) Schr. des HM. an Koͤnig Erich, d. Mar. Mittw. nach Pal⸗ 
mar. 1448 Regiſtr. VIII. 433. Schbl. XXXI. 43. Schütz b. 155. 

2) Nach Kotzebue B. IV. 62, der nach S. 267 den Bericht des 
WBotſchafters Heinrichs Hattenik an den HM. in einer gleichzeitigen 
Abſchrift beſaß. 

3) Schr. des HM. an den Livl. Meiſter, d. Mar. Sonnt. Qua⸗ 
ſimodog. 1448 Regiſtr. VIII. 441. Durch eine Gefandtfchaft an die 
Koͤnigin von Daͤnemark ließ ſich der HM. bei dieſer wegen ſeines Ver⸗ 
haltens gegen König Erich entſchuldigen, Schbl. XXXI. 84. Schütz 
b. 155. 

4) Geijer Geſchichte Schwedens B. I. 212 — 214 ſetzt die Koͤ⸗ 
nigswahl Karl Knutſons erſt auf den Mai 40; wahrſcheinlich iſt 


Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark u. Schweden. (1448.) 149 


ſchnell wieder unter. Um Gothlands Beſitz nun von neuem 
beſorgt, trat er mit dem Hochmeiſter in neue Unterhandlungen 
wegen Abtretung des Eilandes an den Orden, dem er es aber⸗ 
mals durch einen Sendboten aus Pommern hatte anbieten laſ⸗ 
fen. Er forderte dafür eine Summe von dreißigtauſend No⸗ 
beln, wovon ihm der Orden jährlich, fo lange er lebe, fünf 
tauſend Rhein. Gulden, als die jahrlichen Einkuͤnſte aus Goth⸗ 
land, entrichten ſolle. Allein der Meiſter erklaͤrte in Ueber⸗ 
einſtimmung mit allen feinen Gebietigern: wenn der Orden 
gend auf die Sache eingehen ſolle, fo koͤnne dies nur mit 
Willen und Genchmigung der Reichsraͤthe aller drei Reiche 0 
— dieſe müſſe Erich vor allem auszuwirken ſuchen, damit 
nachma 


chmals niemand Anfprüche an das Land erheben koͤnne.“ 
Die Unterhandlungen dauerten zwar 
Erich 


25 noch bis zum Auguſt und 
rich bot gemaͤßigtere Bedingungen; allein die vornehmſten 
Gebietiger, beſonders der Ordensſpittler widerriethen dem Mei⸗ 
ſter immer entſchiedener, ſich in die gefaͤhrliche Sache nicht weis 
ter einzulaffen.? Als nun üͤberdieß die Nachricht kam, daß 


dieſes Jahr ein Druckfehler, denn er laßt die Wahl Karl Knutſons 
ſelbſt vor der Wahl Chriſtians 1 geſchehen, deſſen Koͤnigsverſicherung 
in Daͤnemark ſchon vom 1 Sept. 1448 iſt. Wir haben auch ein Schr. 
des HM an den Markgr. Hans v. Brandenburg, d. Mar. am T. 
Aegidii 1448 Regiſtr. VIII. 529, worin er dieſem meldet: Nachdem 
der allerdurchl. fürfte etezwan konig Criſtoffer czu Dennemarken iſt ver⸗ 
ſtorben, ſo haben die Sweden Karl Knutſon ufgeworfen und en am 


tage Petri u. Parli czu eyme konige u, ſeyne frawe (zu eyner koni⸗ 
gynne czu Sweden gecronet. 


1) Die Verhandlung des HM. mit den Sendboten des Koͤniges 
Erich Luͤdicke Maſſow, Hofmeiſter des Landes zu Stolpe u. a., d. 
Pfingſt. 1448 Schbl. XXXI. 12. 71. Schr. des Komthurs v. Ehrift- 
burg, d. Preuſſ. Mark Pfingſt. 1448 Schbl. XXX. 4. Schr. des 
Komthurs v. Elbing d. Pfingſt. 1448 Schbl. XXXI. 78. 


2) Unterhandlung eines Ordens-Sendboten beim Könige Erich 
Schbl. XXXI. 70. Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Elbing am Abend 
Aſſumt. Mariä 1448 Schbl. XXXI. S0. Ein gleiches Schr. des Kom 


thurs v. Chriſtburg, d. wie vor Schbl. XXXI. 67. 


Kantzow Pe- 
nierania B 


„ II. S. 66 — 07 ſtellt die Verhandlung anders dar. 


150 Verhaͤltniſſe zu Dänemark u. Schweden. (1448.) 


eine Schwediſche Flotte Gothland mit ſtarker Macht umlagere, 
wich dieſer allen weitern Verhandlungen mit dem Könige aus. !) 
Ueberhaupt fand er es auch im Intereſſe ſeines Landes, ſich 
jetzt den neuen Beherrſchern Schwedens und Daͤnemarks mit 
geneigten Geſinnungen zuzuwenden. Als daher Karl von Schwe⸗ 
den an Danzig die Aufforderung erließ, weder Gothland, noch 
die trotzende Stadt Wisby mit Zufuhr und Lebensmitteln zu 
verſorgen,? begrüßte ihn der Hochmeiſter nicht nur mit feinem 
Gluͤckwunſche zu ſeiner Erhebung auf den Koͤnigsthron und bat 
um ſeine Freundſchaft und um Schutz fuͤr die Kaufleute aus 
Preuſſen, ſondern verſprach ihm auch, ſeinen Wunſch in Be⸗ 
ziehung auf Gothland zu erfuͤllen und von neuem alle Zufuhr 
dorthin zu unterſagen.?) Erich, Anfangs feſt entſchloſſen, Wisby 
durch jedes Opfer zu behaupten, rief zwar bald den Hochmeiſter 
um Beiſtand zur Entſetzung an; auch ſeine Verwandten, die 
Herzoge von Pommern, die Herzogin Maria von Stettin und 
Herzog Adolf von Schleswig u. a. baten um Huͤlfe zur Be⸗ 
freiung Erichs aus feinen Bedraͤngniſſen;“) der Meiſter indeß 
ſchlug alle Bitten ab, ſtellte jedoch dem Koͤnige auf deſſen 
Geſuch einen ſichern Geleitsbrief durch ſein Land aus und ver⸗ 
ſprach, wenn er es wuͤnſche, ſeine Vermittlung zur Ausglei⸗ 
chung mit Karl von Schweden.) Dagegen gab er ſich alle 


1) Schr. des HM. an den Bürgermeifter v. Ruͤgenwalde, d. Freit. 
nach Aſſumt. Mariä 1448 Schbl. XXXI. 57; vgl. Geijer Geſchichte 
Schwedens B. I. 213 — 214. 

2) Schr. des Koͤniges Karl v. Schweden an den Rath v. Dan⸗ 
zig, d. Bornholm am Abend Aſſumt. Mariaͤ 1448 Schbl. XXXI. 31. 

3) Schr. des HM. an den König Karl v. Schweden, d. Mar. 
Mittw. vor Bartholom. 1448 Regiſtr. VIII. 527. Schr. des HM. an 
den Markgr. v. Brandenburg, d. Mar. am T. Aegidii 1448, ebend. 
b. 529. 

4) Schr. der Herzoge Wartislav u. Barnim v. Stettin an den 
HM. d. Freit. nach Martini 1448 Schbl. XV. 43 Schr. d. Herzo⸗ 
gin Maria v. Stettin an den HM. d. Schloß Rügenwalde am Abend 
Andrea 1448 Schbl. XV. 62. Schr. des Herzogs Adolf v. Schleswig, 
d. Lubeck Freit. nach Martini 1448 Schbl. XXXI. 109. 

5) Schr. des HM. an die eben genannten Fuͤrſten, d. am T. 


Verhandlungen wegen Ablaßgeld. (1448.) 151 


Mühe, des letztern volle Gunſt und Freundſchaſt zu gewinnen, 
ertheilte ihm die Mitbruͤderſchaft des Ordens, hob auf fein 
Anſuchen das Verbot der Zufuhr nach Gothland wieder auf, 
geſtattete jedem, Karls Kriegsleuten dort Lebensmittel und Ver⸗ 
ſtärkung jeglicher Art zuzuführen und erklaͤtte ſich überhaupt zu 
allen feinen Wimſchen bereit.) Aber auch dem neuen Könige 
Chriſtian von Daͤnemark bezeugte er ſeine Freude über feine 


Thronerhebung und ſuchte ſich auch deſſen Gunſt und Huld zu 
gewinnen. ) 


Endlich kam in dem erwaͤhnten Ordenskapitel auch der 
treit we 


gen des Ablaßgeldes von neuem zur Sprache, uͤber 
welches der Hochmeiſter, wie wir uns erinnern, ſchon Jahre 
lang mit dem Erbkaͤmmerer Konrad von Weinsberg hin und 
hergeſtritten. Er wuͤnſchte ſehnlichſt dieſen aͤrgerlichen Zwiſt 
bald beſeitigt zu ſehen, denn auch während des letztverfloſſenen 
Jahres war fortwaͤhrend über die Sache verhandelt worden. 
Da ſeitdem wieder neue Anforderungen wegen dieſes Geldes 
vom Concilium angelangt, ein Theil aber bereits auf den Krieg 
gegen die Ruſſen verwandt war, fo ließ der Hochmeiſter noch⸗ 
mals am paͤpſtlichen Hofe das Geſuch anbringen, das noch 
Übrige Geld zur Fortführung des Krieges anwenden zu bir 


fen. 9 Lange war dort keine Entſcheidung zu erlangen. Erſt 
als dem dortigen Ordens⸗ Sachwalter insgeheim der Auftrag 
ertheilt worden war, dem Papſte oder, wofern es zweckmaͤßi⸗ 
ger, dem die Sache bearbeitenden Kardinale vom Ablaßgelde 


Eripban. 1449 Regiſtr. IX. 395, Der HM. aͤußert immer noch eine 
ſehr große Theilnahme an Erichs Schickſal. 

1) Schr. des HM. an König Karl von Schweden, d. Nheden 
Freit. vor Dionyfii 1448 Regiſtr. IX. 28. 

2) Schr. des HM, an Koͤnig Chriſtian von Daͤnemark, d. Dan⸗ 
zig am Abend Thomä 1448 Regiſtr. IX. 56. 

3) Ueber die Verhandlungen in dieſer Streitſache eine Menge von 
Schreiben im Regiſtr. VIII. 194 — 195. 278. 310 — 311. Schl. 
LXVI. 173. LXV, am 

4) Schr. des HM, an den Procurator zu Rom, d. Mar. Don: 
nerſt. nach Aſſumt. Maria 1447 Regiſtr. VIII. 315. 377. 


152 Verhandl. wegen Ablaßgeld u. Peterspfennig. (1448.) 


ein= bis zweitauſend Ducaten zu verſprechen, eröffnete ſich 
eine guͤnſtige Ausſicht.) Schon daraus laͤßt ſich auf eine 
ziemlich bedeutende Summe des geſammten geſammelten Gel⸗ 
des ſchließen.“ So erſchien endlich nach einigen Schwierig⸗ 
keiten, weil man in Rom auf eine noch reichere Erndte gerech⸗ 
net hatte, eine guͤnſtige Bulle Nicolaus des Fuͤnften, worin 
er mit Ruͤckſicht auf des Hochmeiſters Erklaͤrung, daß bereits 
ein Theil der Ablaßgelder auf den Krieg gegen die Ruſſen 
verwandt ſey, und auf deſſen Bitte, im fernern Kampfe des 
Ordens gegen die Unglaͤubigen zum Schutze des Glaubens in 
Preuſſen und Livland durch das Ablaßgeld unterſtuͤtzt zu wer⸗ 
den, dem Orden in dieſen Laͤndern zwei Theile der geſammel⸗ 
ten Gelder zu dem erwaͤhnten Zwecke bewilligte, den dritten 
aber zur Huͤlfsſteuer der Ungern wider die Tuͤrken fuͤr die 
paͤpſtliche Kammer in Anſpruch nahm, indem er zugleich den 
Meiſter und den Orden gegen alle weitern Anſorderungen und 
ſonſtige üble Folgen ſicher und frei erklärte und endlich auch 
die vorgeblichen Anſpruͤche Konrads von Weinsberg ohne wei 
teres zur Seite wies.) 

Mittlerweile aber war vom Roͤm. Hofe eine andere neue 
Belaͤſtigung für Preuſſen ausgegangen. Was man nämlich 
am Ablaßgelde eingebuͤßt, wollte man durch Erhebung des 
Peterspfenniges wieder gewinnen. Ein paͤpſtlicher Legat Bap⸗ 
tiſta von Rom meldete von Polen aus, er werde mit Bullen 
und Machtbriefen des Papſtes verſehen auch nach Preuſſen 


1) Schr. des HM. an Bartholomaͤus Liebenwald in Rom, d. 
Brandenburg am T. Purif. Maria 1448 Regiſtr. VIII. 422. 

2) Ueber die an den HM. eingelieferten Summen einzelner Staͤdte 
die Reverſe des HM. Regiſtr. VIII. 434. 477. 488; Auszuͤge daraus 
bei Kotzebue B. IV. 276. Danzig ſandte 1000 Mark Ablaßgeld. 
Nach einem Verzeichniſſe über das in den J. 1448 und 1449 nach 
Marienburg gelieferte Ablaßgeld betrug die ganze eingegangene Summe 
2391 gute Mark, oder da Danzig noch mit 500 Mark und Koͤnigsberg 
noch mit 350 Mark reſtirten, im Ganzen 3241 gute Mark. Schbl. 
LXIII. 63. 131. 132. 

3) Original der paͤpſtl. Bulle, d. Romae V Cal. Septemb. 1448 
Schbl. XIII. 9. 10. 


Verhandlungen wegen des Peterspfennigs. (1448.) 153 


kommen, um den Orden „zu viſitiren“ und den Peterspfennig 
eunzunehmen. Der Meiſter wandte ſich eiligſt nach Rom, um 
die Sache zu hintertreiben, denn er fuͤrchtete, wenn der Legat 
wirklich im Lande ſich zeigen werde, viel Unheil und Zwieſpalt, 
da eine ſolche Viſttation auf päpſtlichen Befehl in der Ge⸗ 
ſchichte des Ordens bisher unerhoͤrt war.) Zugleich aber trat 
auch der Biſchof Johannes von Oeſel auf, dem Legaten mel⸗ 
dend: daß er kraft einer Bulle des Papſtes Eugenius nur 
allein ermächtigt ſey, in Pommerellen und einigen andern Ge⸗ 
bieten des Ordens das erwähnte Geld einzuſammeln und der 
paͤpſtlichen Kammer zuzuſenden, was er bisher auch gewiſſen⸗ 
baft gethan, weshalb er ihn erſuchen muͤſſe, von feinen Vor⸗ 
nehmen abzuſtehen. 2 Allein der Legat legte darauf kein Ge⸗ 
wicht und beharrte bei ſeinem Vorſatze. Der Biſchof von 
Oeſel appellirte an den Papſt; der Hochmeiſter ſuchte am 
Röm. Hofe einen Widerruf eines etwanigen paͤpſtlichen Be⸗ 
fhls an den Legaten auszuwirkenz s' er ſchlug deshalb vor: 
man wolle dem Papſte vom Ertrage des Peterspfenniges in 
Pommerellen und Kulmerland, den er auf vierthalbhundert 
Mark angab, etwa zweihundert Mark abtragen und das Uebrige 
für den Orden behalten. ) Dieſer Angabe traute indeß der 
Papſt nicht, da er von bedeutenden Summen vernommen 
hatte, die vom Ablaßgelde und Peterspfennig in Preuſſen und 
Baiern eingeſammelt liegen ſollten. Ueberdieß durch die große 
Erſchöpfung der paͤpſtlichen Schatzkammer auch ſehr bedraͤngt, 


1) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Sonnt. vor 
Barnabä 1448 Regiſtr. VIII. 499. 

2) Schr. des Biſchofs v. Oeſel an den paͤpſtl. Nuntius Baptiſta 
in Polen, d. Mar. am T. Barnabä 1448 Regiſtr. VIII. 501. Schr. 
des Biſchofs v. Pomeſanien an den HM. d. Rieſenburg am T. Diviſ. 
Apoſtol. 1448 Schbl. LXV. 4. Schr. des HM. an den papſtl. Nun⸗ 
tius, d. Mar. am T. Barnabä 1448 Regiſtr. VIII. 502. 

3) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. am T. Vincula 
Petri 1448 Regiſtr. VII. 521. 


4) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar, am T. Remigii 
1448 Regiſtr. IX. 24 — 25. 


154 Verhandlungen mit dem Biſchofe v. Ermland. (1448.) 


beauftragte er den Koͤlner Kleriker Gerhard von Dyeck als 
paͤpſtlichen Nuntius mit der Vollmacht, die in beiden Ländern 
geſammelten, der Roͤm. Schatzkammer zukommenden Summen 
an Ablaßgeld und Peterspfennig in Empfang zu nehmen und 
nach Rom zu ſenden. Der Nuntius erſchien auch wirklich im 
naͤchſten Jahre zu Marienburg und erhielt da nicht unbedeu⸗ 
tende Summen für den Papſt ausgezahlt. D 

Und das geſchah, waͤhrend der Ordensſchatz und die ein⸗ 
zelnen Komthurhaͤuſer fortwährend den druͤckendſten Mangel 
an Geld litten. Der Deutſchmeiſter mahnte den Hochmeiſter 
wiederholt um die alte Schuld, mit deren Abzahlung er ſchon 
mehre Jahre hingehalten war und die Mahnungen wurden 
immer dringender, weil die Balleien in Deutſchland, beſonders 
die in Thüringen, denen der Deutſchmeiſter aufhelfen wollte, 
unter ihrer Schuldenlaſt beinahe zu Grunde gingen; und doch 
konnte der Hochmeiſter immer noch keine Zahlung leiſten. 2 
Zur Abtragung der fruͤhern Anleihe beim Biſchofe von Erm⸗ 
land mußte, weil anders die Schuld nicht getilgt werden 
konnte, mehre Jahre lang von allen Komthuren und Ordens⸗ 
beamten ein Schoß erhoben werden, und doch waren manche, 
wie der Komthur von Strasburg u. a. nicht einmal im Stande, 
einen maͤßigen Beitrag von einigen achtzig Gulden beizu⸗ 
ſteuern.) Nur mit großer Mühe konnten in dieſem Jahre 


1) Bulle des Papſtes Nicolaus V, d. Romae Idib. Novemb. 1448 
Schbl. XII. 10, Abſchrift Schbl. LXIM. 28. Die urkunde enthält 
zugleich auch auf Grund der vom Papſte uͤber das Ablaßgeld ertheil⸗ 
ten Bulle die Quittung des paͤpſtl. Nuntius über 2109 Preuſſ. Mark 
vom Reſte des Ablaßgeldes und uͤber 2495 Mark vom Peterspfennig. 
Es ging alſo aus Preuſſen die Summe von 4604 Mark nach Rom. 
Die Quittung iſt d. Marienb. die tertia Augusti 1449. 

2) Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Horneck Sonnt. 
nach Bernhardi 1448 Schl. 103. 23. 24. Er verlangt die ganze 
Summe von 9250 Rhein. Gulden auf heil. drei Koͤnige. Schr. des 
HAM. an denſelb. d. Mar. am T Remigii 1448 Regiſtr. IX. 15. 
16. VIII. 511. 

3) Ausſchreiben des HM. an die Komthure, d. Mar. am T. 
Martini 1448 Regiſtr. IX. 43. Die Verzeichniſſe des in den J. 1448, 


Verhandlungen mit dem Biſchofe v. Ermland. (1448.) 155 


dem Biſchofe dritthalbtauſend Rhein. Gulden auf Abſchlag 
gezahlt werden, weil viele mit ihren Beiträgen ruͤckſtaͤndig 
blieben. D 
Mit dem Biſchofe von Ermland ſtand aber der Hoch⸗ 
meiſter gerade jetzt keineswegs in dem Vernehmen, in welchem 
er von ihm viel Nachſicht erwarten durfte. Wir hoͤrten be⸗ 
reits, daß der letztere, wie es ſcheint, auf ſeine beſondern Vor⸗ 
ſtellungen und Bitten durch eine Bulle das Recht erhalten für 
ſich und feine Nachfolger, zwei Kanonikate und eben ſo viele 
Präbenden im Biſthum Ermland bei eintreffenden Erledigun⸗ 
gen beſetzen zu dürfen. So weit hergeholt die Grunde waren, 
womit man beim Papſte die Billigkeit dieſes Rechts zu be⸗ 
weiſen geſucht, ſo klar lag der Zweck vor Augen, auf dieſe 
em Domſtifte Ermlands, wo bisher ſelten ein Ordens⸗ 
mitglied Domherr werden konnte, dem Hochmeiſter größern 
Einfluß zu eröffnen. 9 Nun wollte dieſer ſchon im Anfange 
dieſes Jahres bei einer eingetretenen Erledigung Gebrauch von 
jenem Rechte machen und wandte ſich, da das Domkapitel die 
Stelle eiligſt wieder beſetzt hatte, nach Rom, um beim Papſte 
die Verleihung für feinen Secretär Johannes Bentim auszu⸗ 
wirken.) So geheim dieß auch betrieben werden ſollte, ſo 
war es doch dem Biſchofe und Domkapitel bald bekannt ge⸗ 
worden und ſie boten nun durch eine Botſchaft an den Papſt 
alles auf, um durch ihn das ertheilte Privilegium widerrufen 
zu laſſen, behauptend, es ſtreite die neue Anordnung nicht nur 
gegen des Landes Wohlfahrt, ſondern ſie werde unfehlbar auch 
1449 und 1451 von den Komthuren erhobenen Schoſſes, ebendaf. 
P- 383 — 386, Schbl. LXVI. 165. Schr. des Komthurs v. Strasburg, 
d. Freit. nach Präſentat. Maria 1448 Schbl. XXV. 80. 
1) Schr. des Ord. Marfchatls an den Sreßler, d. Koͤnigsb. Mont. 


nach Lucid 1448 Schul. LXVI. 163. 172. Quittung des Biſch. von 


Ermland, über 2500 Rhein. Gulden, d. Heilsberg Donnerſt. vor heil. 
drei Könige 1448 Schul, LXVI. 162. 


2) Original der Bulle, d. Romae IV Idus Jun. 1447 p. a. primo 
Schbl. XIII. 5. 

3) Schr. des HM. an Anshelmus Corrector in Rom, d. Mar. 
Sonnt. nach dem Sten T. Epiphan. 1448 Regiſtr. VII. 412 — 413. 


156 Verhandlungen mit dem Biſchofe v. Ermland. (1448.) 


großen Haß und Unfrieden zur Folge haben. Der Hochmei⸗ 
ſter indeß, dieß gruͤndlich widerlegend, trug ſeinem Sachwalter 
in Rom auf, das Privilegium unter jeder Bedingung und 
mit allen Gründen aufrecht zu erhalten, es koſte auch, was es 
wolle.) Das alte Theilungsprisllegium des erſten Ermlaͤn⸗ 
diſchen Biſchofs Anſelmus, welches er nach Rom ſandte, ſollte 
den Beweis ſtellen, daß ſchon damals ein Ordensbruder Bi⸗ 
ſchof von Ermland geweſen ſey und ihm der Orden nach der 
Landestheilung ſeinen Biſchofstheil nach paͤpſtlicher Anordnung 
zu Lehen gegeben, er alſo als ein Ordensbruder die Domherrn⸗ 
ſtellen geſtiftet habe.) Da jedoch dem Hochmeiſter alles daran 
gelegen ſeyn mußte, ſich mit dem Biſchofe, einem fir ihn fo 
wichtigen Rathgeber, uͤber die Sache friedlich auszugleichen, 
wozu vor allem auch der Ordensſpittler rieth, fo erhielt der 
Ordensmarſchall den Auſtrag, den Biſchof wo moͤglich durch 
die Verſicherung zu beguͤtigen, daß der Meiſter zu den Dom⸗ 
herrnſtellen immer ſolche in Vorſchlag bringen werde, die des 
Biſchofs Wuͤnſchen entſprechen wuͤrden, ſo daß das Privilegium 
keineswegs zum Nachtheil des Biſchofs und Kapitels gereichen 
ſolle; es ſolle nie eine Beſetzung wider ihren Willen geſchehen.“ 
Dieß blieb jedoch ohne Erfolg. Der Ermländiſche Official 
hatte vielmehr uͤber die kirchlichen Verhaͤltniſſe in Preuſſen fo 
viele Unwahrheiten und Erdichtungen verbreitet, um die Wi⸗ 
derrufung des Privilegiums zu bewirken, daß der Hochmeiſter 
es noͤthig fand, durch die Praͤlaten des Landes über den wah⸗ 
ren Zuſtand der kirchlichen Angelegenheiten in Preuſſen einen 
Bericht abfaſſen zu laſſen und ſolchen nach Rom zu ſenden, 


1) Schr. des HM. an den Procurator, d. Holland Sonnt. Ju⸗ 
dica 1448. Schr. an denſelb. d. Mar. Mont. nach Marci 1448 Re⸗ 
giſtr. VIII. 431. 455. 469. 

2) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Dienſt. nach 
Philippi und Jacobi 1448 Regiſtr. VIII. 471. 

3) Schr. des Ord. Spittlers an d. HM. d. Reichertswalde Don⸗ 
nerſt. nach Marcellini 1448 Schbl. LIV. 96. 

4) Schr. des Ord. Marſchalls an den HM. d. Königsb. Dienft, 
nach Johanni Bapt. 1448 Schl. LXVI. 49. 


Verhandlungen mit dem Viſchofe v. Ermland. (1448.) 157 


um den Papſt von der Unrichtigkeit der Vorſtellungen des 
Officials zu überzeugen. ) Es erfolgte daher im Februar des 
nächſten Jahres eine neue Bulle, worin der Papſt das dem 
Hochmeiſter ertheilte Recht mit ſeinen früher gegebenen Bes 
ſtimmungen über die Beſetzung der Ermlaͤndiſchen Kanonikate 
und die Verleihung der Präbenden mehr in Einklang brachte, 
den darin obwaltenden ſcheinbaren Widerſpruch aufklarte und 
das dem Meiſter verliehene Recht von neuem beftätigte. ® 
Damit aber war der Streit noch keineswegs beendigt und 
der Biſchof wurde gewiß einen noch ſtaͤkkern Widerſtand ent⸗ 
gegengeftellt haben, hätte er nicht mit der Stadt Braunsberg 
in einem Zwiſte geſtanden, zu deſſen Beſeitigung er des Hoch⸗ 
meiſters Beiſtand und Vermittlung bedurfte. Die Brauns⸗ 
berger nämlich waren von neuem gegen ihn mit der Beſchwerde 
aufgetreten, daß er ihr redliches Herkommen und ihre ſtäͤdti⸗ 
ſchen Privilegien und Rechte immer mehr zu beſchränken ſuche 
und ſie bereits darin ſehr beeinträchtigt habe. Der Biſchof, 
dieß läugnend, behauptete dagegen, daß fie den Gerechtfamen 
ſeiner Kirche taͤglich mehr Abbruch thaͤten, waͤhrend er noch 
keins ihrer Rechte auch nur um einen Buchſtaben verkuͤrzt 
habe. So ging der Streit hin und her; es kam ſo weit, daß 
der Biſchof die Braunsberger nach Rom vorladen laſſen, dieſe 
dagegen ihre Sache an die großen Bundesſtädte bringen woll⸗ 
ten. Beides ſchien dem Hochmeiſter ſehr bedenklich. Er ließ 
daher den Biſchof erſuchen, von ſeiner Vorladung abzuſtehen, 


wozu dieſer auch bereit war, jedoch wuͤnſchte, der Meiſter möge 


1) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. am T. Remigli 
1448 Regiſtr. IX. 18 

2) Original der Bulle, d. Romae sexto Idus Februar. 1448 p- 
a. secundo Schbl. XIII. 6. Was das Datum dieſer Bulle betrifft, 
To gehort fie, obgleich fie die Jahrzahl 1448 hat, doch ins J. 1449, 
denn Helwig in feiner Zeit = Rechnung zur Erläuter, d. Daten in 
Urk. S. 138 hat nachgewieſen „ daß Nicolaus V die Pontificatsjahre 
von ſeiner Kroͤnung zaͤhle und das Jahr nach Art der Florentiner vom 


25 Maͤrz angefangen habe. Sein Jahr 1448 reicht alſo vom 25 März 
1448 bis zum 24 Maͤrz 1449. 


158 Verhandlungen mit dem Biſchofe v. Ermland. (1448.) 


in dem Streite ins Mittel treten.) Allein obgleich er durch 
letztern den Braunsbergern gewiſſe Erbietungen vorlegen ließ, 
auf deren Grund man ſich ausgleichen wollte, ſo konnte man 
fi) doch darüber nicht vereinigen, denn immer ſuchten die 
Stimmfuͤhrer die großen Bundesſtaͤdte mit in den Streit zu 
ziehen.) Der Biſchof ſchlug Schiedsrichter vor, darunter 
auch den Hochmeiſter; allein ſie verwarfen dieſe, ſowie jeden 
andern Weg der Ausgleichung, obgleich man ihnen ſogar das 
noͤthige Geld zur Verfolgung des Rechtsganges anbot.) So 
zog ſich der Streit auch ins naͤchſte Jahr hinein, denn alle 
Verſuche des Biſchofs, ihn auf dem Wege des Rechts oder 
einer guͤtlichen Ausgleichung zu beſeitigen, blieben ohne Erſolg, 
nicht minder die des Hochmeiſters, der durch Ermahnungen 
und Vorſtellungen bald bei der einen, bald bei der andern 
Partei eine Vereinigung zu bewirken bemuͤht war, denn am 
meiſten beſorgte er, die großen Bundesſtaͤdte möchten in der 
Sache wieder zu weiterer Thaͤtigkeit angeregt werden. „Euere 
Herrlichkeit, ſchrieb er dem Biſchofe, mag aus dem Grunde 
der Sachen immer wohl merken und erkennen, wuͤrde irgend 
etwas verſucht durch den Bund wider euere Vaͤterlichkeit, es 
wuͤrde beſorglich auch alſo fortan durch die Unſern verſucht 
und gebreitet; was Unglimpfes, Aergerung, Schaden und Ver⸗ 
derbniß die Länge daraus entſtehen möchte, geben wir euerer 
vaͤterlichen Güte zu erkennen.“) Auch der Biſchof theilte 
dieſe Beſorgniß und ſo wurde endlich, wahrſcheinlich durch den 
Erz-Biſchof von Riga, der ſich eben damals einige Zeit zu 


1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Eilau Mittw. zu Pfingſt. 1448. 


2) Schr. des Biſchofs v. Ermland an d. HM. d. Heils berg 
Mittw in der h. Leichnamswoche und Freit. nach heil. Leichn. 1448 
Schbl. LIV. 45 LX VI. 161. 

3) Schr. des Viſchofs v. Ermland an d. HM. d. Heilsberg Freit. 
nach heil. Leichn. 1448 Schbl. LXVI. 166. 168. 

4) Schr. des HM. an d. Biſchof v. Ermland, d. Mar. Mittw. 
zu Pfingſt. 1449. Schbl. LXVI. 6. 


Handelsverhaͤltniſſe im Lande u. mit dem Auslande. (1448.) 159 


Braunsberg und beim Biſchofe aufhielt, der Streit durch eine 
gütliche Ausgleichung beigelegt.“ 
Des Meiſters Beſorgniſſe aber wegen neuer Aufregungen 
im Bunde waren keineswegs ungegründet, denn es zeigten ſich 
bald wieder neue Spuren von allerlei Reibungen und Bewe⸗ 
gungen im Lande. Die Neuſtadt Thorn ward im Auftrage 
der Bundesverwandten von Kulm mit der Aufforderung be⸗ 
drängt, ſich beſtimmt zu erklaͤren: ob und warum ſie aus dem 
Bunde ausgeſchieden ſey, und die Art der Aufforderung ſetzte 
die Statt in große Bekümmerniß, denn man fürchtete irgend 
dien Gewaltſchritt.) Man ſprach ferner im Lande wieder 
viel von Parteien und heimlichen Verbindungen unter den Or⸗ 
denstittern verſchiedener Konvente, beſonders auch in Koͤnigs⸗ 
berg. Der Hochmeiſter ließ fie uͤberall aufs ſtrengſte unterſa⸗ 
gen, weil auch dadurch die Verbündeten von neuem in Be⸗ 
ſorgniß gerieten. Zwar ſuchte der Ordensmarſchall ihn dar⸗ 
allein es fanden unter der Ritterſchaft 
an deren Spitze immer noch der Banner⸗ 
zegenberg ſtand, bald wieder mehre Ver⸗ 
ſammlungen Statt, und von dort aus ward von den Bun⸗ 
deshaͤuptern eine neue allgemeine Bundestagfahrt nach Ma⸗ 
rienwerder ausgeſchrieben und die Nitterfchaft aus allen Land⸗ 
ſchaften dorthin eingeladen.) Man bemühte ſich zwar, dem 
Meiſter den Zweck dieſer Bundesverſammlung als ziemlich un⸗ 


Uber zu beruhigen; 
des Kulmerlandes, 
führer Hans von C 


1) Schr. des Komthurs v. Balga an d. HM. d. Donnerſt. nach 
Exaudi 1449 Schbl. LXVI. 4. 

2) Schr. des Raths v. Kulm an die Neuſtadt Thorn, d. am T. 
Jubilate 1448. Schr. des Komthurs v. Thorn an d. HM d. Thorn 
Mont. nach Jubilate 1448 Schbl. LXXVI. 10. Antwort der Neu⸗ 
ſtadt Thorn, d. Donnerſt. Valeriani 1448 Schbl. LXXVI. 5. 

3) Schr. des HM. an alle Konvente, d. Mar. Mittw. vor Pfingſt. 
1448 Regiſtr. VIII. 486. Schr. des Ord. Marſchalls an d. HM. d. 
Koͤnigsb. Mont. zu Pfingſt. 1448 Schbl. LXXVI. 17. 


4) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Sonnab. vor Primi u. Feliciani 
1448 Schbl. LXXVI. 20. 


160 Handelsverhaͤltniſſe im Lande u. mit dem Auslande. (1448.) 


wichtig darzuſtellen und es erklaͤrten auch die Ritter und 
Knechte und ehrbaren Leute mehrer Landſchaſten, z. B. aus 
den Gebieten von Bartenſtein, Balga, Koͤnigsberg, auch 
manche aus dem von Elbing: fie würden auf dem Tage nicht 
erſcheinen, weil ſie dem Meiſter die Zuſage gegeben, ohne ſeine 
Aufforderung und Einladung keine Tagfahrt mehr zu beſu⸗ 
chen. Auch die ehrbaren Leute des Gebietes von Oſterode 
wollten ihre Bevollmaͤchtigten, unter denen Hans von Baiſen 
und Georg von der Delau, nur dann ſenden, wenn der Mei⸗ 
fir fie zur Tagfahrt berufe. Sie kam indeß dennoch zu 
Stande und ſchon dieß erregte beim Hochmeiſter, der gerade 
damals durch eine ernſtliche Krankheit in ſeiner Thaͤtigkeit ſehr 
gehemmt war, nicht geringe Beſorgniſſe.) Auf dem Tage 
ward nun zwar nichts gegen den Orden verhandelt und bes 
ſchloſſen; allein von der unzufriedenen Stimmung im Lande 
zeugte doch die Klage, welche nach der Tagfahrt einige Abge⸗ 
ordnete der Ritterſchaft, als Hans von Czegenberg, Hans von 
Heimſode u. a. vor den Meiſter brachten, betreffend die großen 
Beſchwerden, die ſie ſeit langer Zeit ſchon und immer noch 
von den großen Städten und beſonders von Danzig täglich zu 
erleiden hätten. Sie gingen vorzuͤglich darauf hin, daß man 
ſeit langer Zeit ſchon den Holländern und andern Kauffahrern 
kein Geleit mehr gewähren wolle, den gemeinen Markt verbiete, 


1) Die Kulmiſche Ritterſchaft hatte ſelbſt dem Vogt von Leipe 
eine Mittheilung aller Verhandlungen zugefagt. 

2) Schr. des Ord. Marſchaus, d. Koͤnigsb. Donnerſt. vor Jo⸗ 
Hanni 1448 Schbl. LXXVI. 2. Schr. des Landrichters v. Bartenſtein 
Kunz v. Kunzeck an Hans v Ezegenberg, d. Bartenſtein Donnerſt. vor 
Petri u. Pauli 1448, ebend. 10. 21. 100 Schr. des Komthurs von 
Elbing, d. Mohrungen am T. Barnabä 1448 Schbl. LXXVI. 9. 3. 

3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Vierzig-Huben am T. 
Petri u. Pauli 1445 Schbl. LXXVI. 18. Hans v. Baiſen ſtand noch 
entſchieden auf der Seite des Ordens. Schr. des Viſchofs v. Pomeſanien, 
Rieſenburg Mittw. nach Michaeli 1448 Schbl. LX XVI. 8. 

4) Schr. des HM. an d. Vogt v. Schievelbein, d. Mar. am T. 
Johannis 1448 Regiſtr. VIII. 509, wo er auch von ſeiner Krankheit 
ſpricht. 


Handelsverhältniſſe im Lande u. mit dem Auslande. (1448.) 161 


die Bewohner der kleinern Städte uͤbervortheile und die Ge⸗ 
treidepreiſe nach Belieben ſtelle, indem man oft für den Schef⸗ 
el nur zwei Scot biete u. ſ. w.) Der Hochmeiſter ſchrieb 
einen von der Ritterſchaſt gewuͤnſchten Berathungstag nach 
Elbing aus, jedoch ausdrücklich gebietend, daß von der Ritter⸗ 
ſchaft aus jedem Gebiete nur zwei und aus jeder großen Stadt 
ebenfalls nur zwei Bevollmaͤchtigte erſcheinen ſollten. 15 Zu⸗ 
gleich benutzte er auch die, wie es ihm ſchien, jetzt guͤnſtige 
Gelegenheit, ſich an die Ritterschaft abermals mit dem Geſuche 
nt ff möge jetzt die ihr fruͤher gethane Erbietung zu 
Derzen nebmen, ihren Bund auflösen und ihre Sendboten bes 
bolmächtigen, die ihr bereits von ihm angebotene Verſchrei⸗ 
ung uͤber ihre Sicherheit und Rechte von ihm aufnehmen. ) 
i * Tagfahrt ſelbſt aber ſcheint dieſer Antrag, viel⸗ 
leicht wegen der Anweſenheit der ſtaͤdtiſchen Abgeordneten, nicht 
weiter zur Sprache gekommen zu ſeyn; wir hören werigſtens 
nichts von Verhandlungen darüber. Wohl aber geſchah man⸗ 


ches zur Foͤrderung des gewerblichen Betriebes im Lande. Zur 


eſeitigung der erwaͤhnten Mißbraͤuche ward z. B. fuͤr zweck⸗ 
maͤßig erachtet, daß in jeder Woche in den Staͤdten ein Frei⸗ 
markt gehalten werde, wo auch der Landbeſitzer beim Verkaufe 
ſeiner Erzeugniſſe durch keine ſtaͤdtiſchen Verordnungen beſchraͤnkt 
ſeyn dürfe. Bei den großen Städten indeß fand dieſer Be⸗ 
ſchluß nicht nur nachdruͤcklichen Widerſpruch, weil man in ihm 
den Grund zum größten Schaden und Verderben ſowohl fuͤr 
den Staͤdter als für den gemeinen Landmann finden wollte, 
ſondern Danzig bot auch durch ſeinen Einfluß bei den uͤbrigen 
Städten alles auf, um die Annahme dieſer Anordnung durch⸗ 
aus zu hintertreiben. ) Außerdem aber hatte der Hochmeiſter 


1) Bericht vom Tage zu Marienwerder Sonnt. nach Petri und 
Pauli 1448 Schbl. LXXVI. 13. 


2) Rundſchreiben des HM. durchs Land, d. Mar. am Abend Al⸗ 
ler Heil. 1448 Regiſtr. IX. 39. 

3) Schr. des HM. an die Ritter u. 
Aller Heil. 1448 Regiſtr. IX. 39 — 40. 


4) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Sonnt. vor heil. Chriſttag 
VIII. 11 


Knechte, d. Mar, am Abend 


162 Handelsverhöltniſſe im Lande u. mit dem Auslande. (1448.) 


im Verlaufe dieſes Jahres zur Belebung des Binnenhandels 
und der Induſtrie, ſowie zur Vertilgung herrſchender Miß⸗ 
brauche mit Beirath der Städte ſchon manche zweckmaͤßige Be⸗ 
ſtimmung entworfen. Der Verkauf der Pferde außer Landes 
bis zu einem gewiſſen Preiſe ward verboten. Das verderbliche 
Gewerbe der Roßtaͤuſcher ſollte in Stadt und Land forthin 
unterbleiben, nur mit Ausnahme der großen Staͤdte, wo die 
Roßtäuſcher wohnten. Nürnberger und andere Kaufleute 
aus der Mark und Meißen, die mit Venetianiſchen Waaren 
u. dgl. hauſirten, ſollten fortan nur auf zwei Maͤrkten zu Ma⸗ 
rienburg und Danzig und auch da nur mit redlicher Waare, 
ſonſt nirgends im Lande mehr Handel treiben, auch keine 
Spezereien mehr ins Land einfuͤhren bei Verluſt der Waare. 2) 
Die feit alter Zeit beſtehende Niederlage zu Thorn betreffend, 
ſollte es Verſuchsweiſe jedermann erlaubt ſeyn, nach Gewohn⸗ 
heit erlaubte Waaren nach den Beſtimmungen Konrads von 
Jungingen dort niederzulegen, jedoch ſonſt nirgendswo nieder⸗ 
waͤrts; daſſelbe ſollte vom Anlegen der Schiffe gelten, fo daß 
mit keinem anderwaͤrts angelegten Schiffen Handelsgeſchaͤfte 
oder ſonſtige Gemeinſchaft Statt finden ſollten bei Strafe 
ewiger Landesverweiſung. 

Dem Verkehre mit dem Auslande ſtanden faſt nach allen 
Seiten hin noch die alten Hinderniſſe und Stoͤrungen entgegen. 
Im Handel nach Polen und Litthauen fanden immer noch die 
alten hemmenden und beſchraͤnkenden Handelsſatzungen und ge⸗ 
genſeitigen Belaͤſtigungen, und folglich auch die immer wieder⸗ 
holten Klagen und Beſchwerden wie des Koͤniges, ſo des Hoch⸗ 
meiſters Statt, denn ſo oft auch Mittel und Wege zur Hin⸗ 


1448. Schr. des Ord. Marſchalls, d. Waldau Mittw. vor Lucia 1448 
Schbl. LXXIII. 95. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mittw. vor 
Barbara 1448 Schbl. LXXII. 102. 

1) Namentlich Kulm, Thorn, Elbing, Koͤnigsberg, Danzig und 
Marienburg. 

2) Zu Marienburg auf Walpurgis und zu Danzig auf Dominik. 

3) Die Verordnungen, d. Mar.... nach Kreuz⸗Erfind. 1448 
Schbl. LXXIII. 99. 


Handelsverhältniſſe im Lande u. mit dem Auslande. (1448.) 163 
wegräumung der alten Hemmungen in Vorſchlag gebracht 
wurden, ſo mochte doch keiner irgend einen Vortheil aufopfern, 
der für ihn aus einer beſtehenden Anordnung oder Satzung 
hervorging. v Auch die Verwickelungen der Preuſſiſchen Staͤdte 
mit den Hanſeſtaͤdten Hamburg, Luͤneburg, Roſtock, Wismar 
und Stralſund wegen gegenſeitiger Anforderungen an Scha⸗ 
denvergütungen waren noch nicht ausgeglichen. Vergebens 
wandte ſich der Hochmeiſter an Lübeck um deſſen Vermitt⸗ 
lung, 2 denn der Rath von Hamburg wollte von allem nichts 
niſſen und verlangte, der Hochmeister ſolle die Schuldigen nen⸗ 
nen; die Rostocker warfen alle Schuld, daß der Streit noch 
icht geſchlichtet ſey, auf des Ordens Sendboten.s) Es blieb 
letzt nichts anderes uͤbrig, als daß die benachtheiligten Unterthanen 
des Ordens die Städte Wismar und Roſtock beim Röm. Kö⸗ 


nig in Anklage verſetzten und vor deſſen hoͤchſtes Gericht vor⸗ 
laden ließen. Zwar legte ſich Herzog Heinrich von Mellen⸗ 
bung ins Mittel, um die Ladung beim Hochmeiſter ruͤckgaͤngig 
zu machen; dieſer indeß ließ ſich dazu auf keine Weiſe gewin⸗ 
nen, ſondern beſtimmte nur eine Friſt, binnen welcher die bei⸗ 
den Städte durch Sendung eines Bevollmaͤchtigten die Sache 
auszugleichen ſuchen müßten, wenn nicht die Ladung ihren 
Fortgang haben ſollte. © 


Glücklicher endigte dagegen jetzt der langwierige Streit 


1) Schr. des Koͤniges v. Polen an d. HM. d. Cracoviae feria 
quinta infra octav. visitat. Mariae 1448 Schbl. XXV. 79. Schr. des 
KM. an den König v. Polen, d. Mar, Sonnt. nach Marci 1448 
Regiſtr. VIII. 613. Schr. des HM. an Krakau, d. Mar. am Ab. 
Bartholom. 1448 ebend. p. 6193 andere Verhandlungen Schbl. XX. 
82. 77. 


2) Schr. des 
1448 Megiſtr. VIII 


HM. an Luͤbeck, d. Brandenburg am T. Blafit 
423, 

3) Schr. des Raths von Hamburg an den v. Luͤbeck, d. Dienſt. 
nach 


Palmar. 1448 Schbl. XXXIV. 2. Schr. des Raths v. Roſtock 
an den v. Luͤbeck, v. Dienſt. nach Palmar. 1448 Schbl. XXXIV. 3. 
Schbl. 87. 27. 


4) Schr. des H 


M. an Herzog Heinrich von Meklenburg, d. Ro⸗ 
thenhaus Freit. 


nach Urbani 1448 Regiſtr. VIII. 496, 
11 * 


164 Handelsvertrag mit Holland. (1448.) 


mit den Hollaͤndern wegen des Schadenerſatzes für die zwei 
und zwanzig genommenen Schiffe. Der Herzog von Burgund 
und der Hochmeiſter hatten ſich endlich naͤmlich dahin geeinigt 
und letzterer hatte auch, wiewohl nicht ohne Muͤhe, ſeine Staͤdte 
dafür gewonnen, daß der Schadenerſatz von neuntauſend Pfund 
Groſchen durch Auflegung eines Pfundzolles auf die Schiffe 
und Guͤter der Unterthanen des Herzogs abgezahlt werden 
ſolle.) Ueber die zweckmaͤßigſte Art der Erhebung dieſes Zol⸗ 
les, ſowie uͤber die Beſeitigung der uͤbrigen Streitpunkte in 
den Handelsangelegenheiten ſollte auf einem beſondern Bera⸗ 
thungstage das Noͤthige verhandelt werden.) Er fand zu 
Bremen auch wirklich Statt und es kam dort zwiſchen den 
Bevollmaͤchtigten des Herzogs und ſeiner Lande Holland, See⸗ 
land und Friesland, und denen des Hochmeiſters und ſeiner 
Lande Preuſſen und Livland?) durch Vermittlung der drei 
Bürgermeifter und eines Rathsherrn von Bremen am ſiebzehn⸗ 
ten December dieſes Jahres folgender wichtiger Handelsvertrag 
zu Stande. 1. Die Suͤhne zu Kopenhagen bleibt in Kraft, 
nur mit Veraͤnderung der Zahlung der Entſchaͤdigung, woruͤber 
die Fürſten ſich vereinigt. 2. Die Klagen beider Theile Über 
den ſpaͤter nach Wegnahme jener Schiffe erlittenen Schaden 
ſollen vorerſt dahin geftellt bleiben, ohne daß irgend ein Theil 
etwas darin thut, ſei es durch Arreſtation oder andere Beſcha⸗ 
dung, ſo daß wenigſtens ſechs Jahre die Unterthanen beider 
Lande die andern Lande mit ihren Schiffen und Kaufwaaren 
ruhig und friedlich beſuchen duͤrfen. In den letzten zwei Jah⸗ 
ren dieſer Friſt werden beide Fuͤrſten ſich uͤber eine Tagfahrt 


1) Schr. des HM. an den Herzog v. Burgund, d. Mar. Sonnab. 
nach Marci 1448 Regiſtr. VIII. 465. 

2) Uebereinfommen des HM. mit den Bevollmächtigten des Her⸗ 
zogs v. Burgund, d. Mar. 2. Aug. 1448 Schbl. 84. 2. Regiſtr. VIII. 
522. 523. Schr. des HM. an den Livlaͤnd. Meiſter, d. Mar. Sonnt. 
nach Aſſumt. Mariä 1448 Regiſtr. VIII. 525. 

3) Vollmacht des HM. fuͤr die Sendboten, d. Mar. Mont. nach 
Aegidii 1448 Regiſtr. IX. 5. Schr. des HM. an den Komthur von 
Bremen, d. wie vor, ebendaſ. p. 2. 


Handelsvertrag mit Holland. (1448.) 165 


zur Beilegung dieſer Streithoͤndel vereinigen. 3. Zur Bezah⸗ 
lung der neuntauſend Pfund Groſchen ſoll der Pfundzoll wie 
von allen ein⸗ und ausgeführten Gütern, fo auch von unge⸗ 
Minztem Golde und Silber entrichtet werden, nur nicht von 
gemuͤnztem Gelde. 4. Zur jährlichen Berechnung des erhobe⸗ 
nen Pfundzolles ſollen der Herzog, der Hochmeiſter und die 
Stadt Danzig jeder einen Bevollmaͤchtigten ſenden. 5. Unter⸗ 
ſchleif in der Entrichtung des Pfundzolles ſoll vom Schuldigen, 
wenn er entdeckt wird, mit dem Dreifachen des Betrages ges 
buͤßt werden. 6. Auf den Antrag der Hollaͤnder, Seelaͤnder 
und Frieslaͤnder, daß ſie in des Hochmeiſters Landen von der 
kaiſerl. Acht und der Feme frei und ungemuͤhet ſeyn follten, ſagten 
die Sendboten aus Preuſſen zu, daß der Hochmeiſter, obgleich 
c e ae e en, fe, 
x huͤlflich und ſoͤrderlich zeigen werde, die mit der 

cht oder Feme Belaſtigten zu befreien und davon zu entbin⸗ 
den. 7. Des Meiſters Verbot betreffend, daß kein Hanſeate, 
Engländer, Schotte, Spanier, Holländer u. f. w. bis Ping: 
ſten des Jahres 1450 in Preuſſen oder Livland Schiffe bauen, 
kaufen oder verkaufen duͤrfe, fo fol den Hollaͤndern vergönnt 
ſeyn, bis zur genannten Zeit in beiden Laͤndern zehn Schiffe 
zu kaufen. 8. Keinem braven Manne aus Holland, Seeland 
und Friesland ſoll in Danzig der König⸗Artushof zum Ver⸗ 
kehre verſchloſſen ſeyn, jedoch zur Verhütung von Mißhelligkei⸗ 
ten der Beſuch erſt dann zugeſtanden werden, wenn ſich die 
beiden Fuͤrſten Über alles werden vertragen haben. 9. Beim 
alten Pfundgelde, welches in Danzig von allen Fremden und 
Eingeſeſſenen erhoben wird, ſollen die Hollaͤnder, Seelaͤnder 
und Friesländer nicht anders als alle andern Völker behandelt 
werden. 10. In Entrichtung des ſ. g. Lobegeldes, ) im nur 
mittelbaren Handel mit den Polen, im Verkaufe des Herings 
und Salzes in Livland und Preuſſen u. ſ. w., worin die Hol⸗ 
laͤnder bisher manchen Beſchraͤnkungen unterworfen geweſen, 
ſollen ſie fortan dieſelben Freiheiten genießen, wie andere be⸗ 


1) Vgl. daruͤber oben B. VII. S. 470. 


166 Handelsverhaͤltniſſe mit England. (1448.) 


freundete Nationen. 11. Dagegen ſollen die Preuſſen und 
Livlaͤnder wegen ihrer Klagen uͤber erhöhte Zölle und an vielen 
Orten ihnen aufgebuͤrdete Abgaben und Auflagen, ſo wie 
uͤberhaupt wegen aller ihrer Gebrechen im Handel mit Holland 
einen Bevollmaͤchtigten an den Statthalter und Rath von Hol⸗ 
land ſenden, welche Kläger und Beklagte verhoͤren, ihre Be⸗ 
weiſe unterſuchen und jeglichem ſein Recht zuweiſen werden, 
damit der Kaufmann bei ſeinen alten Privilegien und Gewohn⸗ 
heiten erhalten werde. 12. Alle dieſe Beſtimmungen ſollen je⸗ 
doch noch der Genehmigung und dem Willen des Herzogs und 
des Hochmeiſters anheimgeſtellt bleiben, alſo daß ſie ſich dar⸗ 
uͤber bis zu naͤchſtem Johannis⸗Tage ſchriſtlich erklaͤren ſollen. 
Das ſichere Geleit fuͤr die Seefahrer und Kaufleute aus den 
beiderſeitigen Landen ſoll daher bis zum erſten October kuͤnfti⸗ 
ges Jahres verlaͤngert ſeyn, auch ſelbſt wenn die Genehmigung 
der Fuͤrſten nicht erfolgte.“ 


An dieſe Verhandlungen zu Bremen ſchloſſen ſich andere 
mit einigen bevollmaͤchtigten Sendboten aus England an. Der 
Handel zwiſchen dieſem Lande und Preuſſen war beſonders in 
den letztern Jahren durch eine Menge von gewaltthaͤtigen Ein⸗ 
griffen und perſoͤnlichen Verletzungen fo vielfach geftört, es 
waren bereits fuͤr eine große Zahl Preuſſiſcher Kauffahrer bald 
durch Beſchlagnahme ihrer Guͤter, bald durch Aufgreifen ihrer 
Schiffe in England ſelbſt und auf der See ſo außerordentliche 


1) Das Original uͤber dieſen bisher noch ganz unbekannten Han⸗ 
delsvertrag, d. Bremen am 17 Decemb. 1448 Schbl. LXXXIII. 35, 
in Abſchrift Schbl. XXXIII. 59. 106. Die aͤußerſt breit und wortreich 
abgefaßte Urkunde enthält noch einige Punkte mehr als oben mitge⸗ 
theilt find, Am Schluſſe erflären die beiderſeitigen Sendboten noch 
ausdruͤcklich, daß fie alle Punkte und Beſtimmungen nicht als Depu⸗ 
tirte oder kraft ihrer Vollmachten, ſondern allein aus Freundlichkeit, 
um ſie auf Behagen an ihre Herren zu bringen, vorlaͤufig abgefaßt 
und ſich daruͤber verſtaͤndigt haͤtten. Ueber die dem Vertrage vorange⸗ 
gangenen Verhandlungen mehre Berichte Schbl. XXXIII. 70. 134. 
64 — 69. 


Handelsverhältniffe mit England. (1448.) 167 


Verluſte erfolgt,) kurz es herrſchte im Handelsleben zwiſchen 
England und Preuſſen ein fo wilder, ordnungsloſer, raubſuͤch⸗ 
tiger Geiſt, daß trotz des friedlichen und freundlichen Verhaͤlt⸗ 
niſſes zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Koͤnige ſelbſt kein 
Schiffer eine Fahrt nach England mehr unternehmen konnte. 
Man vergalt natürlich in Preuſſen, um die Verluste einiger⸗ 
maßen zu erſetzen, an Engliſchen Schiffen und Kaufleuten mit 
Gleichem, wozu ſelbſt auch die Ordensbeamten oftmals die 
Hand boten.) Dieſer Zuſtand der Dinge konnte, . Koͤnig 
Heinrich von England ſelbſt einſah, unmoͤglich ſo bleiben. Er 
gab daher den Sendboten, die er im Sommer dieſes Jahres 
an ahnlichen Gefchäften nach Dänemark ſandte, zugleich auch 
den Auftrag und die Vollmacht, zur Aufrechthaltung der frü⸗ 
beren Verträge zwichen den Koͤnigen Englands und den Hoch⸗ 
meiſtern alle Irrungen und Mißverhaͤltniſſe wegen Verluſte, 
Beraubungen oder ſonſtiger Gewalthaten unter den beiderſeiti⸗ 
gen Unterthanen wo moͤglich auszugleichen, ſowie zur Erhal⸗ 
tung des Friedens und zur Feſtſtellung und Sicherheit eines 
geordneten Handelsverkehres mit dem Hochmeiſter neue Ver⸗ 
träge abzuſchließen, indem er zu Allem im voraus ſeine Ge⸗ 
nehmigung ertheilte.) Dieſe Sendboten trafen jetzt mit des 
Hochmeiſters Machtboten in Bremen zur Verhandlung zuſam⸗ 
men. Allein weiter als über die Anberaumung eines andern 
Verhandlungstages zu Lubeck konnte man ſich nicht vereini⸗ 


1) Ein Verzeichniß der den verſchiedenen Preuſſ. Staͤdten durch 
die Engländer in verſchiedenen Jahren, beſonders 1448 — 1449 wegge⸗ 
nommenen Schiffe u. Güter mit Angabe des Schadens Schbl. XXXII. 
112. Willebrandt Hanf, Ehren. Th. II. p. 97. 

2 Es geſchah hoͤchſtens noch auf einen beſondern Schub: und 
Euipfehlungsbrief des HM. an den König v. England, Regiſtr. 
VIII. 494. 


3) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Sonnt. vor Philippi u. 
Jacobi 1448 Schbl. XXXIV. 8I. 

4) Vollmacht des Köoͤniges v. England für feine Geſandten, d. 
Wesimonast. XXIV Jai 1448 Schbl. XXXII. 32. XXXIV. 22. 


vgl. Rymer T. V. p. 2. 4. Willebrandt Hanſ. Chron. Th. III. 
b. 58 — 59. 


168 Handelsverhaͤltniſſe mit England. (1448.) 


gen.) Die koͤniglichen Bevollmächtigten wandten ſich darauf 
von Luͤbeck aus auch an den Meiſter ſelbſt, unterrichteten ihn 
vom Zwecke ihrer Sendung,? und König Heinrich, um der 
Sache Nachdruck zu geben, wiederholte in einem Schreiben an 
den Hochmeiſter alle ſeine Klagen, beſonders daß gewiſſe Be⸗ 
ſtimmungen, uͤber die man fruͤher mit Bevollmaͤchtigten des 
Ordens in London ſich geeinigt, von ihm immer noch nicht 
beſtaͤtigt, der engliſche Kaufmann in feinem Handel in Preuſ⸗ 
ſen fort und fort den groͤßten Belaͤſtigungen ausgeſetzt ſey, 
niemals Erſatz ſeines Schadens und Verluſtes erhalten koͤnne, 
vielmehr taͤglich ſchimpflicher behandelt werde, ſo daß durch 
ſolche bittere Beſchwerden bewogen das Parlament bereits den 
Beſchluß gefaßt habe, alle Privilegien der Deutſchen und 
Preuſſen in England gaͤnzlich aufzuheben, und dieſen Beſchluß 
muͤſſe er als König auch in Ausführung bringen.) Der Hoch⸗ 
meiſter machte dagegen dem Koͤnige die angemeſſenſten Vorſtel⸗ 
lungen, ihn erſuchend, ehe man dieſen Schritt wage, doch 
lieber erſt friedliche Wege zur Ausgleichung einzuſchlagen, in⸗ 
dem er ſich erbot, bis dahin dem Engliſchen Kaufmanne in 
Preuſſen Freiheit und Sicherheit im Verkehre zu gewaͤhren, 
denn er wuͤnſchte das zwiſchen dem Könige und dem Orden 
beſtehende freundliche Verhaͤltniß in jeder Weiſe aufrecht zu er⸗ 
halten.) Nun geſchah aber, daß die Englaͤnder nicht weni⸗ 
ger als hundert und dreißig Schiffe, die theils nach Frankreich, 
Spanien, Flandern und Holland, theils auch in die Hanſe⸗ 
ſtaͤdte gehörten, an der Kuͤſte von England mit bewaffneter 
Hand angriffen und wegnahmen. Da auch vierzehn derſelben, 
mit Salz und andern Gütern befrachtet, nach Danzig gehoͤr⸗ 


1) Schr. der Sendboten des HM. d. Bremen Mittw. nach Mar: 
tini 1448 Schbl. XXXIV. 22. 

2) Schr. der Engliſchen Sendboten an den HM. d. Lubeck 1ſten 
Decemb. 1448 Schbl. X XXII. 31. 30. 

3) Schr. des Koͤniges v. England an den HM. d. Westmo- 
nast. secundo die Decemb. 1448 Schbl. XXXII. 29. 

4) Schr. des HM. an den Koͤnig v. England, d. Mar. am T. 
Georgii 1449 Regiſtr. IX. 125. 


Verhandl. m. d. Kön. v. Dänemark u. Schweden. (1449.) 169 
ten, fo ließ der Hochmeiſter fofort auf die erſte Nachricht von 
dieſer neuen Gewaltthat alle in Danzig und ſonſt in Preuſſen 
beſindlichen Engliſchen Kaufleute gefangen ſetzen und zum Er⸗ 
ſatz der Verluſte alle ihre Güter und Waaren in Beſchlag neh⸗ 
men.) Die gefangenen Englaͤnder wandten ſich zwar alsbald 
an ihren König und dieſer ſtellte auch dem Hochmeiſter ihre 
ſchwere Klage über die erlittene Behandlung vor; allein Kon⸗ 
rad antwortete ganz kalt: „man handle jetzt in Preuſſen an 
den Englaͤndern in eben der Art, wie in England an ſeinen 
Unterthanen gehandelt ſey. Sorge der König dafuͤr, daß den 
Unterthanen des Ordens in England das Ihrige erſtattet wer⸗ 
de, ſo werde er in feinem Lande daſſelbe thun.“ So lag 
der Handel mit England jetzt ganz darnieder. f 

Auch in den Skandinaviſchen Angelegenheiten waren die 
Unterhandlungen im Jahre 1449 wieder ziemlich lebhaft. Nach⸗ 
dem ſich König Karl von Schweden der Stadt Wisby auf Gothland 
bemaͤchtigt, wandte er ſich an den Hochmeiſter, den er wegen 
des den Preuffifchen Seefahrern durch Koͤnig Erich veranlaßten 
großen Schadens und Verluſtes ſehr erzuͤrnt wußte, mit der 
Bitte, die Stadt Wisby die unglücklichen Verhaͤltniſſe nicht 
entgelten zu laſſen und ihren Einwohnern nach alter Gewohn⸗ 
heit auch fernerhin die freie Aus- und Einfahrt in die Haͤfen 
Preuſſens zu geſtatten. ) Der Hochmeiſter, wegen der großen 
Nachtheile des fortwaͤhrenden Haders fuͤr den Handel ſeines 
Landes eine Ausgleichung des nutzloſen Streites ſchon laͤngſt 
herbeiwuͤnſchend, erbot ſich durch eine Botſchaft beiden Koͤnigen 


1) Schr. der Alterleute des gemeinen Kaufmanns der Deutf. Hanſe 
zu Bruͤgge an di 


e Stadt Danzig, d. 2 Juni 1449 Schbl. XXXIV. 
71. Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Schlochau Freit. 
nach Diviſion. Apoſt. 1449 Regiſtr. IX. 163. 
2) Schr. des HM. an den König v. England, d. Roggenhauſen 
12 Octob. 1449 Regiſtr. IX. 491. Der Brief iſt überhaupt mit un⸗ 
gewoͤhnlichem Ernſte gegen den König abgefaßt. Ueber dieſe Handels⸗ 
verhaͤltniſſe mit England Hanſeat. Receſſ. VI. 637 ff. 
3) Schr. des Koͤniges Karl v. Schweden an den HM. d. Stock⸗ 
holm Sonnt, Septuageſ. 1449 Schbl. XXXI. 35. 


170 Verhandl. m. d. Kön. v. Dänemark u. Schweden. (1449.) 


zu einer Vermittlung.) Karl von Schweden, der ſich bereits 
mit Erich uͤber manche Punkte geeinigt, nahm das Anerbieten 
an, denn auch er ſehnte ſich nach Frieden. Allein nun miſchte 
fi) auch der König Chriſtian von Dänemark in die Sache ein, 
von Karen verlangend, er ſolle fein Kriegsvolk aus Gothland zu⸗ 
rückziehen, weil dieſes Eiland der Krone Dänemarks gehöre. 2 
Der Hochmeiſter, ſtets nur vom Intereſſe feines Landes gelei⸗ 
tet, wandte ſich jetzt durch eine Geſandtſchaſt auch an ihn, bat 
um ſeine Freundſchaft und Gunſt und beſonders um Schutz 
für den Seefahrer und Kaufmann aus Preuſſen, zumal da 
dieſe in Daͤnemark wieder neue Belaͤſtigungen in ihrem Ver⸗ 
kehre hatten erdulden müfjen. ® Chriſtian ſagte ihm alles 
freundlich zu, jedoch unter der Bedingung, daß die Preuſſiſchen 
Seefahrer fortan nicht mehr wie bisher gegen das Verbot Eng⸗ 
liſche Guͤter in ſeine Stroͤme und Gebiete einfuͤhren, den 
Schweden durchaus keine Zufuhr zubringen und der Hochmeiſter 
mit dahin zu wirken ſuchen ſolle, daß Karl Knutſon, der ſich 
Schwedens Krone unterwunden, Gothland von ſeinem Kriegs⸗ 
volke raͤume, um es dem Daͤniſchen Reiche wieder zu verbin⸗ 
den. 9 Der Hochmeiſter befand ſich ſomit jetzt in einer be— 
denklichen Lage. Da er indeß bald erfuhr, daß Erich den 
Daͤnen das Schloß Wisby, welches ſich bisher gegen die 
Schweden noch gehalten, eingeraͤumt und ſich nach Pommern 
in ſein Herzogthum begeben habe, um von da im Sommer 
nach Dänemark uͤberzuſetzen, weil er ſich mit König Chriſtian 
dahin geeinigt habe, daß er ihm bei feiner Krönung alle drei 
Reiche foͤrmlich abtreten und dagegen drei Schlöſſer und eine 
jährliche Leibrente erhalten ſolle; da ferner auch Nachricht kam, 


1) Schr. des HM. an König Erich und Koͤnig Karl von Schwe⸗ 
den, d. Mar. am Palmſonnt. 1449 Regiſtr. IX. 115. 

2) Schr. des Koͤniges v. Schweden an den HM. d. Stockholm 
3ten Sonnt. nach Oſtern 1449 Schbl. XXXI. 103. 

3) Aufträge des HM für die Geſandten, d. Mittw. vor Philippi 
u. Jacobi 1449 Schbl. XXXI. 103. 

4) Schr. des Koͤniges Chriſtian v. Daͤnemaik an den HM. d. 
Kopenhagen Dienft. nach Cantate 1449 Schbl. XXXI. 10 (a). 


Verhandl. m. d. Kön. v. Daͤnemark u. Schweden. (1449.) 171 


daß Chriſtian ſich mächtig rüſte, um Schweden zu erobern 
und Karls Kriegsvolk aus Gothland zu vertreiben, D fo wil⸗ 
ligte der Meiſter zwar in des letztern wiederholte Bitte, den 
Wisbyern den freien Handelsverkehr in ſeinen Landen zu er⸗ 
lauben, ) fo daß der Handel zwiſchen Preuſſen und Wisby 
bald wieder neues Leben gewann, da der König jede Schaden: 
verletzung Preuſſiſcher Schiffe und Kaufwaaren aufs ſtrengſte 
verpoͤnt hatte; 2) allein er trug doch mehr und mehr Beden⸗ 
ken, ſich in weitere Verhandlungen mit den Koͤnigen einzulaf- 
ſen, um nicht irgendwie in den Krieg, der zwiſchen ihnen 
drohte, verwickelt zu werden und rieth daſſelbe auch dem Mei⸗ 

er von Livland. ) Erſt auf wiederholte Geſuche beider Köͤ⸗ 
nige an ihn, durch Vermittlung und wo moͤglich durch einen 
mit Beihülfe der Hanſeſtaͤdte einzuleitenden friedlichen Austrag 
ihres Streites dem drohenden Kriege vorzubeugen, der auch dem 
Handel Preuſſens wieder neue Nachtheile bringen mußte, ver⸗ 
hieß er ihnen feine Beihülſe in der Friedensſache, ſofern ein 
Verhandlungstag angeordnet werde, auf welchem auch die 
Hanſeſtaͤdte zu gruͤndlichem Verhoͤre der Streitigkeiten erſchei⸗ 
nen koͤnnten.?) Allein in denſelbigen Tagen ward unter Chri⸗ 
ſtians eigener Anfüh rung die Schwediſche Beſatzung in Wisby 


1) Schr. des HM. an den Markgr. Hans v. Brandenburg, d. 
Mar. Dienſt. nach Pfingſt. 1449. Schr. des HM. an den Meiſter v. 
Livland, d. Danzig Mont. nach Himmelf. 1449 Regiſtr. IX. 151. 140. 

2) Schr. des HM. an König Karl v. Schweden, d. Grebin 
Dienſt. nach Himmelf. 1449 Regiſtr. IX. 141. Der HM. giebt hier 
den Verluſt, 


den ſeine Unterthanen von Wisby aus erlitten hatten, 
auf 40,000 Mark an. 


3) Schr. des Koͤnfges Karl v. Schweden an den HM. d. Stock⸗ 
holm Freit. nach Nativit. Johannis 1449 Schbl. XXXI. 32. Ueber 
die Zunahme der Schiffahrt nach Wisby Regiſtr. IX. 149. 

4) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Mont. zu 
Pfingſt. 1449. Schr. des HM an den Konig v. Schweden, d. Tuchel 
am T. Margaretha 1449 Megiftr. IX. 150. 161. 163. 

5) Schr. des HM. an die Koͤnige v Daͤnemark u. Schweden, d. 
Mar. Mont. nach Laurent. u. Dienft, nach Bartholom. 1449 Regiſtr. 
IX. 177. 179. 


172 Verhandl. m. d. Koͤn. v. Dänemark u. Schweden. (1449.) 


(verraͤtheriſch, wie Karl von Schweden klagte) uͤberfallen, die 
Stadt angezündet und ganz Gothland fir die Krone Daͤne⸗ 
marks wieder gewonnen.) Da bald darauf Karl von Schwe⸗ 
den dem Meiſter den Abſchluß eines Beifriedens, den er mit 
den Daͤnen hatte eingehen muͤſſen, uͤberſandte und ihm fuͤr 
ſeine Bereitwilligkeit zur Vermittlung dankte, ſo brach dieſer 
nun die Verhandlungen völlig ab,? denn auf ein Buͤndniß, 
welches ihm Karl zur Bekaͤmpfung der Daͤnen durch eine 
heimliche Botſchaft antragen ließ, ließ er ſich nicht weiter ein, 
obgleich er gegen Koͤnig Chriſtian wegen Verletzung der den 
Preuſſiſchen Seefahrern zugeſagten Sicherheit und Freiheit und 
wegen der daraus entſtandenen Verluſte fuͤr die Unterthanen 
des Ordens ſchwere Klagen zu führen hatte. 

Ueberall alſo druͤckten den Handel mit dem Auslande Be⸗ 
Yäffigungen und Hemmungen nieder. In Luͤbeck hatte man 
auf die Einfuhr des Bernſteins einen neuen Pfundzoll gelegt, 
der natürlich auch dem Handel mit dieſem Produkte großen 
Eintrag that. Der Meiſter beſchwerte ſich daruͤber und bat 
um Aufhebung der Abgabe, „weil der Bernſtein, wie er ſagt, 
nicht eine Kaufmannſchaft, ſondern eine Gabe Gottes ſey.“ “ 
Allein auch in dieſem Jahre wurde der Zoll dort noch fort er⸗ 
hoben und der Hochmeiſter mußte ſeine Klage uͤber dieſe Ver⸗ 
letzung des alten Herkommens und der Privilegien des Ordens 
erneuern.?) Und doch war die Zunft der Bernſtein-Paterno⸗ 


1) Schr. des Koͤniges v. Schweden an den HM. d. Stockholm 
am Abend Bartholom. 1449 Schbl. XXXI. 73. Geij er Geſch. Schwe⸗ 
dens B. I. 214; vgl. Mallet Geſchichte v. Daͤnemark B. II. 113. 
Kantzow Pomerania B. II. S. 67. 

2) Schr. des Koͤniges v. Schweden an den HM. d. Stockholm 
Dienſt. nach Nativit. Marià 1449 Schbl. XXXI. 79. 

3) Antwort des HM. auf das Anbringen der Schwediſ. Sendbo⸗ 
ten, d. Sonnab. Matthaͤi 1449 Schbl. XXXI. 84. 

4) Schr. des HM. an die Stadt Luͤbeck, d. Mar. am T. Aſſumt. 
Mariä 1448 Regiſtr. VIII. 524. 

5) Schr. HM. an ſeine Sendboten Johann Aſt Pfarrer zu Thorn 
und die Bürgermeifter zu Danzig und Elbing, d. Waldau Donnerſt. 
vor Petri Kathedra 1449 Schbl. LXXXIII. 56. Der HM. macht es 


Verhaͤltniſſe zu Polen. (1449.) 173 


ſter⸗Macher zu Luͤbeck neidiſch und eiferſüchtig daruͤber, daß in 
Preuſſen auch für Venedig Bernſtein aufgekauft und dort, ihr 
und der Paternoſter⸗Macher-Zunſt zu Brügge zum Nachtheil, 
verarbeitet werde, weshalb auf ihre Klage der Rath von Lü⸗ 
beck ſich an den Hochmeiſter mit der Bitte wandte, den 
Bernſteinverkauf nach Italien zu verbieten und zu hindern.) 
Da num wie Lübeck auch der Erzbischof von Trier, die Zoll⸗ 
freiheit des Ordens nicht achtend, die Weine und ſonſtigen 
Guͤter der Ordensherren wie alle uͤbrigen mit Zoͤllen und Ab⸗ 
gaben belegte, fo mußte der Hochmeiſter, nachdem er fich 
mehrmals theils durch den Röm. König, theils auch ſelbſt, 
wiewohl immer vergebens, an den Erzbiſchof gewandt hatte, 
die Beihilfe des Papſtes zur Aufrechthaltung des alten Or⸗ 
densprivilegiums, welches ihn von allen Zoͤllen frei ſprach, in 
Anſpruch nehmen. 2 

a Was die uͤbrigen Verhaͤltniſſe des Ordens zum Auslande 
betrifft, ſo ſtand er gegen den Koͤnig von Polen jetzt vollkom⸗ 
men geſichert da. Der ewige Friede war ſchon im Februar 
des Jahres 1448 zu Raſtenburg ſowohl vom Hochmeiſter ſelbſt, 
als vom Biſchofe Nicolaus von Samland, dem Ordensmar⸗ 
ſchall, vielen andern Gebietigern und ehrbaren Leuten aus dem 
Lande beſchworen worden. 3 Ueberdieß beſchaͤftigten auch den 
König von Polen theils die innern Verhäͤltniſſe feines Reiches, 
insbeſondere Litthauens, theils auch ſeine Kriegshaͤndel in der 
Moldau. Im Sommer des genannten Jahres hatte er auch 
bereits in Verbindung mit den Herzogen von Maſovien eine 
ſehr ſtarke Kriegsmacht an die Tatariſche Graͤnze legen muͤſ⸗ 


als Privilegium u Recht des Ordens geltend, daß man von keinen 


Guͤtern des Ordens Zoll fordern ſolle. Der Bernſtein ſey in Flandern 
und an allen Orten zollfrei. 


1) Schr. des Raths v. Lübeck an den HM. d. Sonnt. vor Si⸗ 
mon u. Judä 1449 Schbl. 87. 29, 


2) Schr. des HM. an den Ordensprocurator, d. Mar. Mont. 
zu Pfingſt. 1449 Regiſtr. IX. 148. 


3) Bericht darüber, Mont, nach Reminiſcere 1448 Schbl. XXV. 


174 Berhättniffe zu Polen. (1449.) 


fon, ) denn fein Gegner, Herzog Michael hatte ſich aus Schle⸗ 
ſien nach Zarnow begeben, um ſich von dort zum Chan der 
Tataren zu flüchten, der ihm verſprochen hatte, ihm zum Wie⸗ 
dererwerb ſeiner Beſitzungen in Litthauen gegen den Koͤnig von 
Polen mit aller Macht beizuſtehen.) Mit Beginn des Win⸗ 
ters war ein ſtarkes Tataren⸗Heer wirklich in Litthauen einge⸗ 
brochen, hatte das Land durch Raub und Feuer fürchterlich 
verwuͤſtet und eine große Zahl der Bewohner als Gefangene 
mit hinweggeſchleppt.) Im Juni dieſes Jahres ward dann 
ein zweiter Einfall ins Land gewagt, dießmal vom Herzoge 
Michael ſelbſt geleitet, der an der Spitze der Tataren ſtand. 
Der König war zwar, hinlaͤnglich gerüftet, dem Raubvolke 
entgegengezogen; allein der größte Theil der Polen wollte, als 
ſie vernahmen, daß Herzog Michael den Feind anfuͤhre, ſich 
in keinen Kampf einlaſſen, weil ſie Michaels Vater einen 
feierlichen Eid geleiſtet, daß die Krone Polens nie gegen ihn 
ſtreiten ſolle. Auch die Herzoge von Maſovien bezeigten wenig 
Luſt, fuͤr den Koͤnig Opfer zu bringen.) Nun gelang es 
dieſem zwar dennoch, das Tatarenvolk aus den Graͤnzen 
Litthauens wieder zuruͤckzuwerfen und dem Herzoge Michael die 
gewonnenen Graͤnzburgen wieder abzunehmen; allein glaͤn⸗ 
zend war dieſes Kriegsgluͤck keineswegs, denn er war fo wenig 


1) Schr. des Vogts v. Soldau an d. Komthur v. Oſterode, d. 
am T. Praxedis 1448 Schbl. XXV. 85. 

2) Schr. des Vogts v. Soldau an d. Komthur v. Oſterode, d. 
Sonnab. nach Corpor. Chr. 1448 Schbl. XXV. 81. 

3) Schr. des HM. an d. Grafen Hans von Oettingen, d. Mar. 
Sonnt. nach heil. Chriſt. 1449 Regiſtr. IX. 68. 2 

4) Schr. des Vogts v. Soldau an d. HM. d. Sten T. nach 
Frohnleichn. 1449 Schbl. XXV. 58. Schr. des HM. an den Meiſter 
v. Livland, d. Mar. Sonnab. nach Corpor. Chr. 1449 Regiſtr. IX. 
155. 

5) Schr. des Koͤniges v. Polen an den HM. d. in Novogrodeck 
feria VI in festo b. Jacobi 1449 Schbl. XXV. 55. Schr. des HM. 
an den König, d. Mar. am T. Laurent 1449 Regiſtr. IX. 409. 
Schr des Livl. Meiſters an den HM. d. Riga am T. Petri Vincula 
1449 Schbl. XVI. 16. Vgl. Diugoss. T. II. p. 45—49. 


Verhäͤltniſſe zu dem Kurfürften v. Brandenb. (1449,) 175 


im Stande, wirkſamen Widerſtand zu leiſten, daß Herzog 
Michael im Spätherbſte mit vermehrtem Kriegsvolke einen 
dritten Einfall wagen konnte, wobei das Land abermals der 
furchtbarſten Verheerung Preis gegeben war. » Dieſe Ver⸗ 
haͤltniſſe erklaͤren es auch, wie es kam, daß der König von 
Polen uͤber die Klagpunkte in Handelsangelegenheiten dem 
Hochmeiſter ein ganzes Jahr lang nicht einmal eine Antwort 
gegeben hatte. 2 


Die meiſten Sorgen machten dem Meiſter immer noch 
die Verhältniſſe z 


um Kurfuͤrſten von Brandenburg; ſie waren 
zvar keineswegs mehr feindlich, denn Friedrich ſprach ſogar 
berkenen Streithändeln mit feinen eigenen Unterthanen, beſon⸗ 
e e Rath und die Beihuͤlſe des Hochmei⸗ 
6 ſchien auch nicht abgeneigt, ihm folche im 
Fall der Noth zu leiſten.s) Allein feſtes Vertrauen konnte 
Konrad zum Kurfürſten nie gewinnen, denn die paͤpſtliche 
Beſtaͤtigung über ſeine Briefe wegen der Neumark hatte immer 
noch nicht erwirkt werden Tonnen, ) der Streit wegen der 
Brücke bei Santock war auch jetzt noch nicht beigelegt; verge⸗ 
bens erſuchte der Hochmeiſter den Markgrafen Hans um end⸗ 
liche Entfeheidung; ® vergebens ſandten dieſer und feine Brit 
der Friederich und Albert den Vetter des Hochmeiſters Georg 


1) Schr. des Livl. Meifters an den HM. d. Riga am T. Katha⸗ 
rina 1449 Schbl. XVI. 15, 

2) Ueber die Handelsverhaͤltniſſe mit Polen Schbl. XXV. 54. 56. 
60. Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Mar. am T. Felicis 
1449 Regiſtr. IX. 413. 


3) Schr. des HM. an den Vogt der Neumark, d. Mar. am T. 
der heil. drei Koͤn. 1448 Regiſtr VIII. 403. Schr. des HM. an den 
Kurfuͤrſten, d. Mar. am T. Aegidii 1448 Regiſtr VIII. 528. 

4) Schr. des HM. an den Procurator, d Stuhm Dienſt nach 
Tiburtii und Valerian. 1448 Regiſtr. VIII. 454; ein anderes Schr. an 
den Procurator, d. Rheden am T. Dionyſ. 1448 Regiſtr. IX. 29. 

5) Schr. des HM. an den Kurfürften v. Brandenburg, d. Mar. 


am Abend Viſit. Mariä 1448 Regiſtr. VIII. 511. Schr. des HM. an 
den Markgr. Hans v. Brandenb. d. Mar. am T. Aegidii 1448 ebend. 
v. 528. 


176 Barhättniffe zu dem Kurfürften v. Brandenb. (1449,) 


von Erlichshauſen, Domherrn zu Wuͤrzburg, zur Beſeitigung 
des Streites nach Preuſſen.) Das Wichtigſte aber war, daß 
der Kurfuͤrſt mit den Herzogen Barnim und Warzlav von 
Pommern und dem Biſchofe von Kamin ein Huͤlfsbuͤndniß 
geſchloſſen hatte gegen jeden, der wider einen von ihnen irgend 
einen Anſpruch erheben werde; ja es war unter ihnen ſogar 
von einem Einfalle in die Neumark die Rede geweſen. Man 
durfte alſo dort kriegeriſche Ereigniſſe befuͤrchten, denn der 
bloßen Verſicherung, daß das Buͤndniß auf keinen Angriff 
gegen den Orden ziele, konnte der Meiſter kein rechtes Ver⸗ 
trauen ſchenken. Man arbeitete daher auch von Seiten des 
Ordens mit Eifer an einem Gegenbuͤndniſſe mit dem Herzog 
von Stettin und den Oberſwiniſchen Herren, wobei des Herz 
zogs kluger und gewandter Rath Luͤdeke von Maſſow ſich 
außerordentlich thätig bewies.) Da indeß der Hochmeifter 
auf einem Tage zu Hammerſtein, wo die Sache zum Schluß 
kommen ſollte, nicht perſoͤnlich erſcheinen konnte, fo zog ſich die 
Verhandlung immer weiter hin, obgleich die Urkunde uͤber das 
Buͤndniß bereits entworfen war.“ Sie zerſchlug ſich endlich 
ganz, als der Vogt der Neumark Georg von Eglofſtein dem 
Herzog von Stettin in einem Streite mit den Niederlaͤndiſchen 
Herren einen Reiterhaufen Zu Huͤlfe, ſandte, denn dieſe traten 
nun gänzlich zuruck und wie man hörte, freuten fie ſich, daß 
ſie dadurch einen Anſpruch an den Orden erhalten. Der Vogt 
ward deshalb zwar ſeines Amtes entlaſſen und dieſes dem bis⸗ 


1) Schr. des HM. an den Grafen Albrecht v. Wertheim, d. Mar. 
am T. Aegidii 1448 Regiſtr. IX. 2. 4. 

2) Schr. des Pflegers v. Bütow, d. Sonnt. nach Viti u. Modeſti 
1448 Schbl. XV. 44 

3) Schr. des Pflegers v. Buͤtow, d. Sonnt. nach Jacobi 1448 
Schbl. XV. 26. Schr. des HM. an Luͤdeke Maſſow, d. Mar. Mittw. 
vor Laurent. 1448 Schbl. XV. 20. 32. 

4) Der Entwurf zum Büͤndniſſe o. D. Schbl. XV. 19. Schr. des 
Pflegers v. Buͤtow, d. Freit. nach Johan. Enthaupt. 1448 Schbl. XV. 
21. 25. 27. Schr. der Herzoge v. Pommern an die Ordensgeſandten 
zu Hammerſtein, d. Guͤltzzow Freit. nach Michaeli 1448 Schbl. XV. 23. 


Kaspar von Iſenburg. (1449,) 177 


herigen Vogt von Leipe Hans von Dobeneck uͤbertragen; v 
allein auch er trat nur mit großem Widerwillen und nur erſt 
auf des Meiſters nachdrücklichen Befehl in die jetzt mit der 
Verwaltung der Neumark verbundenen mißlichen Verhaͤlt⸗ 
niffe ein. 2) 

Aber nicht bloß vor dem Kurfuͤrſten wurde der Meiſter 
von auswärts her fort und fort gewarnt, ohne daß man recht 
wußte, was er eigentlich im Werke habe,“ ſondern es kam 
auch bald die Nachricht, daß Herzog Heinrich von Meklen⸗ 
burg, durch die Klagen feiner Städte Roſtock und Wismar 
gegen den Orden veranlaßt, ſich mit Kaspar von Iſenburg 
verbunden habe, um ſobald die Oder mit Eis beſtehe, mit 
Heeresmacht in die Neumark einzufallen, eine Gefahr, zu deren 
Abwehr es dem Vogt ſowohl an der nöthigen Mannſchaft als 
an Geld und Lebensmitteln gebrach.) Erſtere ſandte der 
Meiſter ſofort aus Pommerellen, um die Staͤdte und Graͤn⸗ 
zen der Neumark ſtaͤrker zu beſetzen.“) Daß Heinrich von 
Meklenburg aber mit dem Kurfuͤrſten Friederich im Einver⸗ 
ſtaͤndniſſe ſtehe, ſchien dem Hochmeiſter gewiß und es konnte 
ihn nicht taͤuſchen, daß ihm dieſer im Anfange dieſes Jahres 
J) Sar. des HM. darüber, d. Elbing Freit. vor Eliſabeth 1448 
Regiſtr. IX. 44. 


2) Schr. des Vogts Hans v. Dobeneck an d. HM. d. Schoͤnſee 
Sonnt. vor Martini 1448 Schbl. XIII. 39. 

3) Schr. des HM. an den Statthalter in Sachſen, d. Mar. am 
T. Eliſabeth 1448 Regiſtr. IX. 46. In einem Schr. des HM. an 
den Vogt der Neumark, d. Koͤnigsb. Sonnt. zu Faſtnacht 1448 Regiſtr. 
VIII. 424 und einem andern ebend. p. 450 unterſagt er dem entlaſſe⸗ 
nen Vogt der Neumart, ſich unter keiner Bedingung wie der Kurfürſt 
gewünſcht hatte) in deſſen Dienſte als Rath zu begeben und übers 
haupt vertrauten Umgang mit ihm zu pflegen. 

4) Schr. des HM. an Herzog Heinrich v Meklenburg, d. Sobo⸗ 
witz Mitw, nach Katharina 1448. Schr. des HM. an den Vogt der 
Neumark, d. Kiſchau Freit, vor Andrea 1448 Regiſtr. IX. 48. 49. 54. 
Schr. des 2 


Vogts der Neumark an den HM. d. Landsberg Mittw. 
nach Lucia 1448 Schbl. XIII. 35. 


5) Schr. des Komthurs v. Clbing, d. am T. Johannis in Weih⸗ 
nacht. 1448. Schbl. X. 10, 


VIII. 12 


178 Kaspar von Iſenburg. (1449.) 


einen Boͤhmiſchen Panzer als Neujahrsgeſchenk uͤberſandte. 
Die Neumark wurde daher immer ſtaͤrker mit Kriegsmann⸗ 
ſchaft beſetzt; der Komthur von Tuchel erhielt Befehl, ſich mit 
einer Streitſchaar an die Oder zu legen, ſich dort moͤglichſt 
zur Gegenwehr zu ruͤſten und zugleich auch Kuͤſtrin beſſer zu 
bemannen.? Während aber der Hochmeiſter bemüht war, den 
Herzog Heinrich wegen der Klage feiner Staͤdte zu beguͤtigen, 
indem er eine genaue Unterſuchung der Sache verſprach, 
hatten nicht nur Kaspar von Iſenburg und eine große Zahl 
von raufluſtigen Rittern aus Meklenburg und aus den Lan⸗ 
den der Herzoge von Wolgaſt und Barth dem Orden ihre 
Fehdebriefe bereits zugeſandt, ſondern es war auch ſchon die 
Zeit beſtimmt, in der ſie ihren Einfall in die Neumark zu 
Raub und Brand ausführen wollten.) Um dem Sturme 
ſo viel als moͤglich vorzubeugen, wandte ſich der Hochmeiſter 
ſowohl an Kaspar von Iſenburg ſelbſt, als an die Herzoge 
Heinrich von Meklenburg, Joachim von Stettin (mit dem der 
Hochmeiſter immer noch im freundlichſten Vernehmen ftand), ® 
Barnim von Barth und Warzlaw von Wolgaſt, ihnen vor⸗ 
ſtellend, wie leichtfertig Kaspar von Iſenburg fruͤher empfan⸗ 
gene Wohlthaten vergeſſen und die feierlichſten Verſprechungen 
und Zuſagen gebrochen, wie undankbar er am Orden handele, 
da einer ſeiner Soͤhne ſelbſt den Ordensmantel trage und in 
welche Strafe des Bannes und anſehnliche Geldbuße er unfehl⸗ 
bar verfalle, ſofern er ſich erkuͤhne, das Ordensgebiet feindlich 


1) Schr. des Kurfuͤrſt. Friederich an den HM. d. Berlin Don⸗ 
nerſt. nach Neujahrstag 1449 Schbl. XII. 35. 

2) Schr. des HM. an den Vogt der Neumark, d. Mar. Don⸗ 
nerſt. zu Weihnacht. 1449 Regiſtr. IX. 64 73. 

3) Schr. des HM. an Herzog Heinrich v. Meklenb., d. Elbing 
Dienft, nach Converſ. Pauli 1449 Regiſtr. IX. 91. 

4) Schr. des HM. an den Komthur v. Tuchel und den Vogt 
der Neumark, d. Mar. am T. Vincentii 1449 Regiſtr. IX. 82. Schr. 
des HM. an Lübeck, d. Elbing Mittw. vor Purif. Mariaͤ 1449 ebend. 
P. 92. 

5) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. Mar. Dienſt. 
nach Pfingſt. 1449 Regiſtr. IX. 151. 


Kaspar von Iſenburg. (1449,) 179 


zu überziehen, da ſich der Orden in allen Anforderungen, die 
er etwa haben moͤge, vor erwaͤhlten Schiedsrichtern zu Gleich 
und Recht erbiete. Der Hochmeiſter ſchlug mehre Mittel und 
Wege vor, wie die Irrungen mit Kaspar von Iſenburg auf 
rechtlichem Wege ausgeglichen werden koͤnnten, mit der drin⸗ 
gendſten Bitte an die genannten Fuͤrſten, wie an den Kurfuͤr⸗ 
ſten von Brandenburg, als Vermittler einzutreten und wenn 
ihnen die Vermittlung nicht gelingen ſollte, den Verſchmaͤher 
des Rechts in ihren Landen nicht zu hegen und zu dulden, 
auch den Rittern aus ihren Landen, die dem Orden entſagt 
hatten, den Zuzug zur Beihülfe Kaspars von Iſenburg mit 
Strenge zu verbieten.) Den Rittern Otto und Joachim von 
Blankenburg und allen andern, die dem Orden Fehdebriefe zu⸗ 
geſandt, machte der Meiſter die ernſtlichſten und nachdrüͤcklich⸗ 
ten Vorſtellungen über ihren verwegenen Schritt, mit Hin⸗ 
weiſung auf die aͤußerſt nachtheiligen Folgen, die fin fie daraus 
hervorgehen würden; und der Ernſt und Nachdruck, mit 
dem der Hochmeiſter auftrat, hatte die erwuͤnſchte Wir: 
kung, daß, ſo lange er lebte, jedes feindliche Unternehmen gegen 
die Neumark unterblieb und ſelbſt Herzog Heinrich von Mek⸗ 
lenburg dem Orden wieder Friede und Freundſchaft entgegen⸗ 
bot.) Nur mit dem Kurfürften von Brandenburg gelang 
durchaus noch keine Ausgleichung. Der Markgraf Hans von 
Brandenburg, der mit dem Hochmeiſter immer noch im ver⸗ 
trauteſten Vernehmen ſtand, war zwar zu dieſem Zwecke in 
die Mark gekommen; allein kriegeriſche Ereigniſſe riefen ihn 


1) Schr. des HM. an die genannten Herzoge, d. Oſterode Dienſt. 
nach Oculi 1449 Regiſtr. IX. 400 — 401. Schr. an den Kurfürften v. 
Brandenburg, d. Mar. Mittw. nach Palmar. 1449 ebendaſ. p. 118 — 


120. Aufträge des HM. für einen Sendboten an die erwaͤhnten Für: 
ſten Schbl. XII. 5, 


2 Schr. des HM. an die oben genannten Ritter, d. Oſterode 
Dienft. nach Oculi 1449 Regiſtr. IX. 402 — 403. 


Schr. des Herzogs Heinrich von Mellenburg an den HM. d. 
Guͤſtrow Sonnt. Jubilate 1449 Schbl. VL. 113. 


12” 


180 Schluß d. Streites mit den Hollaͤnd., Seel. u, Friesl. (1449.) 


ſchnell nach Franken, ohne daß in der Streitſache irgend etwas 
geſchehen konnte.“) 

Um dieſelbe Zeit erhielt endlich der langwierige Streit 
mit den Hollaͤndern, Seelaͤndern und Frieslaͤndern dadurch 
ſeinen Schluß, daß der Hochmeiſter den auf der Tagsverhand⸗ 
lung zu Bremen am Ende des vorigen Jahres entworfenen 
Beſtimmungen ohne weitere Veraͤnderungen ſeine Genehmi⸗ 
gung ertheilte und den Holländern auf ſechs Jahre Schutz und 
Sicherheit in allen ihren Handelsverhaͤltniſſen in den Ordens⸗ 
landen zuficherte.? Auf Luͤbecks Aufforderung war er auch 
bereit, durch Sendung eines Bevollmächtigten auf einem Ver: 
handlungstage zu Bremen die obwaltenden Streithaͤndel der 
Hanſeſtaͤdte mit dem Herzoge von Burgund beſeitigen und 
zugleich auch bei dieſem durch einen Botſchafter die Aufrecht⸗ 
haltung der den Hanſcaten ertheilten Privilegien und Handels⸗ 
rechte bewirken zu helfen,“ denn auf des Hochmeiſters Theil⸗ 
nahme und Mitwirkung in ſolchen Verhandlungen legten die 
Hanſeaten immer noch ganz beſondern Werth. Der Buͤrger⸗ 
meiſter von Danzig Reinhold Niederhof ward dazu mit der 
noͤthigen Vollmacht verſehen, zugleich mit der Befugniß, den 
Stapel des Deutſchen Kaufmanns der Hanſe, ſofern ſich der 
Herzog den Wuͤnſchen der Hanſeſtaͤdte in Ruͤckſicht ihrer alten 
Handelsrechte nicht geneigt zeigen werde, von Bruͤgge nach 


1) Schr. des Markgr. Hans v. Brandenburg an den HM. d. 
Berlin Mittw. vor Himmelf. 1449 und Schr. des Kurfürft. an den 
HM. d. Berlin Freit. nach Himmelf. 1449 Schbl. XII. 37. 68. 36. 
Schr. des HM. an Hans v. Brandenburg d. Mar Donnerſt. nach 
Pfingſt. 1449 Regiſtr. IX. 152. 


2) Schr. des HM. an den Herzog v Burgund, d. Danzig am 
Himmelfahrtstage 1449 Regiſtr. IX. 139; in einem andern Schr d. 
Mar. am T. Petri und Pauli 1449 Regiſtr. IX. 159 erſucht er den 
Herzog, ihm feinen Willen wegen Genehmigung des Receffes kund zu 
thun, da er bis dahin daruͤber von ihm noch nichts vernommen hatte. 


3) Schr. des HM. an Luͤbeck, d. Danzig Himmelf. 1449 Regiſtr. 
IX. 139. 


Verhandlungen w. d. Statuten Werners v. Orſeln. (1449.) 181 


Antwerpen oder anderswohin zu verlegen, zumal mit Brügge 
in Folge von Beſchlagnahme Preuſſiſcher Handelsguͤter Strei⸗ 
tigkeiten obwalteten, zu deren Entſcheidung auf den Antrag 
des Ordensmarſchalls der Magiſtrat dieſer Stadt nach Rom 
citirt worden war. 2 Uebrigens aber gewann der Handel 
zwiſchen Holland und Preuſſen nun neues Leben, denn erfolg⸗ 
ten auch bisweilen in einzelnen Fällen noch gewaltthätige Ein⸗ 
griffe, wie es vor dem Swen in Flandern einem aus Portu: 
gal kommenden Schiffe des Ordens geſchah, fo wurden doch 
ſolche Einzelnheiten bei dem ernſten Streben beider Füͤrſten 
zur Aufrechthaltung der Sicherheit und Ruhe immer leicht 
beſeitigt. 9 
So weit ordnete der Hochmeiſter, ſo viel es ihm moͤglich 
die Verhaͤltniſſe mit dem Auslande. Aber auch den in: 
nern Angelegenheiten des Ordens wie ſeines Landes wandte 
er fort und fort feine ganze Thätigkeit zu. Vor allem wandte 
er alles an, um den neuen Umtrieben des Deutſchmeiſters ent: 
gegen zu arbeiten. Der früher erwahnte Verſuch des Hoch 
meiſters, am paͤpſtlichen Hofe einen förmlichen Widerruf der 
Statuten Werners von Orſeln auszuwirken, war damals, wie 
wir hörten, nicht nach Wunſch gelungen.“ Bald darauf bot 
dagegen der Deutſchmeiſter durch ſeine Sachwalter in Rom 
alle Mittel auf, vom Papſte wo möglich eine Beſtaͤtigung ge⸗ 
wiſſer Beſtimmungen zu erhalten, die ohne Zweifel dieſe Sta⸗ 
tuten betrafen, denn er wußte wohl, daß der Hochmeiſter ſei⸗ 
nen Plan noch nicht aufgegeben. Der Ordensprocurator hatte 
jedoch den Verſuch des Deutſchmeiſters beim Papſte hintertrie⸗ 


war, 


1) Vollmacht fuͤr den Buͤrgermeiſter v. Danzig, d. Mar. am T. 
Johannis Bapt. 1449 Regiſtr. IX. 158. 


2) Die Eitations = Urkunde, d. Romae XVI April. 1449 Schbl. 
84. 1. 


3) Schr. des HM an den Herzog v, Burgund, d. Wartz Sonnt. 
nach Jacobi 1449 Regiſtr. IX. 165. 


4) S. oben S. 129. 


182 Verhandlungen w. d. Statuten Werners v. Orſeln. (1449.) 


ben.) Hatten ſchon dieſe Verhaͤltniſſe und die fortwaͤhrenden, 
immer dringenderen Geldmahnungen an den Hochmeiſter wegen 
der alten Schuld eine ſtarke Kaͤlte und Spannung zwiſchen 
beiden angeregt,?) fo wuchs das Mißtrauen des Hochmeiſters 
noch mehr, als ſich auch von Wien aus die Nachricht ver⸗ 
breitete, daß der Deutſchmeiſter auch dort Mane verfolge, die 
den ganzen Orden in große Zwietracht bringen und zum Ver⸗ 
derben gereichen muͤßten;?) und man erfuhr bald, daß er auch 
beim Roͤm. Koͤnige eine Beſtaͤtigung der Statuten zu erhalten 
geſucht. Auch der Meiſter von Livland hatte dieſe Nachricht 
erhalten, gab jedoch dem Hochmeiſter die Verſicherung, daß er 
und der ganze Orden in Livland auf keinen Fall an der Sache 
Theil nehmen und dem Hochmeiſter ſtets feſte Treue und Ge⸗ 
horſam beweiſen wuͤrden.) Das Wichtigſte aber war, daß 
es mittlerweile der Ordensprocurator durch feine wiederholten 
Vorſtellungen der großen Gefahr eines neuen aͤrgerlichen Zwie⸗ 
ſralts im Orden beim Papſte dahin gebracht, eine Bulle aus⸗ 
zuwirken, in welcher dieſer die Biſchoͤfe von Ermland und Po⸗ 
meſanien beauftragte, aufs gründlichſte und gewiſſenhafteſte zu 
unterſuchen, ob und in welcher Weiſe die Statuten Werners 
von Orſeln dem Orden wirklich heilſam und vortheilhaft oder 
wegen Unfrieden und Zwietracht, die daraus hervorgehen koͤnn⸗ 
ten, gefaͤhrlich und verderblich ſeyn wuͤrden. Im letztern Falle 
erhielten die Biſchoͤfe zugleich die Vollmacht, die Statuten 
ſammt deren Beſtaͤtigungen und darauf geſchehenen Verpflich⸗ 


1) Schr. des Ordensprocurators an den HM. d. Rom Mittw. 
nach Jacobi 1448. Er erfuhr die Sache heimlich. Der Papſt hatte 
ihm aber verſprochen, „er wolle ſolches nit zugeben noch beftätten, 
ſunder der orden ſolle hinfuͤro als bisher in ſeiner freiheit und lobli⸗ 
cher gewonheit bleiben.“ 

2) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mar. am T. Inno⸗ 
cent. 1449 Regiſtr. IX. 67. 132 — 133. 178. 

3) Schr. des HM. an Nicolaus Weißenburg zu Wien, d. Mar. 
Pfingſt. 1449. Schr. deſſ. an den Komthur zu Wien u. an den Ordens⸗ 
procurator, d. wie vor Regiſtr. IX. 146 — 147. 

4) Schr. des Livlaͤnd. Meiſters, d. Riga Sonnab. vor Marga⸗ 
retha 1449 Schbl. XX. 40, 


Innere Landesverhaͤltniſſe. (1449.) 183 


tungen ohne weiteres für unkraͤftig und nichtig zu erklaͤren, 
die Widerſpaͤnſtigen aber ſofort mit dem Banne zu beſtrafen. 
Indem es endlich der Papſt ausdruͤcklich als ſeinen Willen 
ausſprach, daß nur das ſ. g. Ordensbuch die geltende Norm 
und das Geſetzbuch für den Orden ſeyn ſolle,“ hob er die 
geſetzliche Gültigkeit der Statuten an ſich ſchon auf, weil fie, 
wie erwaͤhnt, ins Ordensbuch nicht mit aufgenommen waren. 
Um ſich jedoch für jeden Fall ſicher zu ſtellen, hatte bereits 
der Hochmeiſter dem Ordensprocurator den Auftrag ertheilt, 
den Papſt um die geſetzliche Beſtimmung zu erſuchen, daß alle 
Ordensbrüder, die dem Hochmeiſter Ungehorſam beweiſen oder 
ſich fonft des Ordens Regeln, Statuten, Gewohnheiten oder 
Privilegien widerſetzen würden, ohne weiteres im Banne 
ſeyen. Die beiden Biſchoͤſe von Pomeſanien und Ermland 
nahmen nun zwar noch eine genaue Unterſuchung in Bezic⸗ 
hung auf das Ordensbuch und die Statuten vor;? allein der 
Deutſchmeiſter gab von ſelbſt ſeinen Plan ohne weiteres auf. >) 

Ohnedieß aber würde er bei feinem Vornehmen in Preuſſen 
etzt auch nicht den Anklang und die Beihuͤlfe gefunden haben, 
wie früher geſchehen war. Seit langen Zeiten hatte das Land 


1) Dieſe wichtige Bulle, d. Romae pridie Calend. Maji 1449 p. 
a. tertio im Original und mehren Abſchriften Schbl. XIII. 16. Kotze⸗ 
buc B. IV. 296 — 298. 


2) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. am Pfingſtabend 
1449 Regiſtr. IX. 147. 

3) Schr. des Biſchofs v. Ermland an den HM., d. Heilsberg aum 
T. Hieronymi 1449 Schbl. LXXI. 50; er bittet den HM. um jemand, 
der über den alten Streit wegen der Statuten gut unterrichtet ſey. 
Wir haben auch noch eine Urkunde der Biſchoͤfe von Pomeſanien und 
Ermland, worin fie in Folge der erwähnten paͤpſtlichen Bulle mehre 
Gebietiger, den Ordensſpittler Heinrich Reuß v. Plauen, den Komihur 
von Thorn u. a. nach Elbing vorladen ad verificationem narratorum. 
Die Sache betraf ebenfalls die Statuten; allein die Urkunde, d. in 
opido Elbing... . Octobr. 1449 Schbl. II. 6, iſt fo vermodert, daß 
ihr naͤherer Inhalt nicht mehr zu entziffern iſt. 

4) In einem Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Horneck 


Freit. vor Simon und Judä 1449 Schbl. 98. 44 iſt von der Sache 
gar nicht mehr die Rede. 


184 Innere Landesverhaͤltniſſe. (1449.) 


kein ruhigeres Jahr geſehen als dieſes. In Thorn regte ſich 
zwar in einigen Verſammlungen, durch einige vornehme Wort⸗ 
führer “ angereizt, der alte Geift des Widerſtrebens und der 
Unzufriedenheit von Zeit zu Zeit immer wieder. Sie wollten 
dort keinen freien Markt dulden; er ſey, erklaͤrten ſie, keines⸗ 
wegs auf Betrieb des Landes oder der Ritterſchaft, ſondern 
nur auf Gutduͤnken der Landes herrſchaft angeordnet. Sie klag⸗ 
ten ferner auch: ſonſt habe der Hochmeiſter durch die Stadt⸗ 
gemeine eine gewiſſe Quantität Korn und Hafer aufkaufen 
und für Zeiten der Noth auf die Ordensſpeicher aufſchuͤtten 
laſſen; jetzt ſey dieſes einigen Gebietigern und dem Biſchofe 
von Ermland zugewieſen und auch dadurch die Nahrung der 
Stadt geſchmaͤlert worden; uͤberhaupt leide ihre „freie Stadt“ 
durch ihre eigene Landesherrſchaft allerlei Beſchwerden und 
Helaͤſtigungen, ſelbſt durch neue Zoͤlle; deshalb ſchon ſeyen 
ſie auch keineswegs geneigt, ihren Bund abzuthun. Freilich 
habe man ſonſt großes Vertrauen auf Hans von Czegenberg 
als den Vornehmſten des Bundes geſetzt gehabt; ſeitdem die⸗ 
fer aber zu Elbing zum Hochmeiſter geſagt: „Gnädiger Herr 
Meiſter, gelobet, und hilft das nicht, ſo richtet! gehe ihnen 
dieß ſehr nahe. Im Uebrigen aber gab ſich bei den Bundes⸗ 
verwandten, ſelbſt auch bei denen, die ſonſt am eiftigften für 
den Bund geſprochen und gewirkt, uͤberall eine gewiſſe zag⸗ 
hafte und muthloſe Stimmung wie in ihren Reden ſo in 
ihren Handlungen kund.) Wie man auf Hans von Czegen⸗ 
berg nicht mehr viel vertrauen zu wollen ſchien, ſo hemmte 
fortwährende Krankheit auch Hanſens von Baiſen Thaͤtig⸗ 
klit.) Ueberdieß gab man jetzt kluͤglicher Weiſe auch alle 


1) Als ſolche werden noch genannt Johann von der Linden, Phi⸗ 
lipp von Loe, Lucas Watzelrode, Johann von der Leype u. a. 

2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Beſchneid. Chr. 1449. 

3) Schr. des HM. an den Hauptmann Kratkowsky zu Neſſau, 
d. Nothenhaus am T. Felicis Confeſſ. 1449 Regiſtr. IX. 396; er bit⸗ 
tet den Hauptmann, dem jüdifchen Arzt Meiſter Meygen, der wegen 
Hanſens von Baiſen Krankheit nach Marienburg kommen ſolle, ſicheres 
Geleit zu geben. 


Innere Landesverhaͤltniſſe. (1449.) 185 


weitere Verſuche auf, den Bund mit Gewalt aufzulöfen oder 
die Verbündeten durch Mittel der Liſt oder auf andere Weiſe 
von einander zu trennen, denn wenngleich ſich unter den Or⸗ 
densgebietigern allerdings immer noch manche fanden, die, den 
Bund als Aufruhr betrachtend, die Theilnehmer gerne mit 
Feuer und Schwert zum Gehorſam hätten bringen mögen, fo 
ſtand dieſer Partei im Orden doch mit uͤberwiegendem Ein⸗ 
fluffe eine andere gegenüber, die, mit dem Hochmeiſter an ihrer 
Spitze, jetzt von der Anſicht geleitet wurde: der Bund werde 
ſich endlich von ſelbſt auflöfen, wenn ein gutes und geordnetes 
Regiment allgemein im Lande herrſchend werde, wenn N 
überall und ohne Anſehen der Perſon Recht und Gerechtigkeit 
handhabe und das Volk in Landen und Städten wieder allge: 
mein Zuneigung und Vertrauen zur Landesherrſchaft gewonnen 
habe. Dieß aber hatte ſich der Hochmeiſter jetzt zur wichtigſten 
Aufgabe geſtellt und von dieſer Ueberzeugung geleitet wußte 
er auch die ſtürmiſchere Gegenpartei immer im Zügel und 
Zaum zu halten. » 

Je mehr ſich aber unter dieſer friedlichen Ruhe des Lan⸗ 
des die Ausſicht eines immer gluͤcklicheren Gedeihens ſeines 
Wohlſtandes eröffnete, um fo mehr hielt ſich der Meiſter auch 
verpflichtet, einer Gefahr vorzubeugen, die wenigſtens auf einige 
Zeit für das Land verderblich wirken und ihm einen Theil 
feiner beſten Kräfte entziehen konnte. Schon im Mai naͤmlich 
meldete der Deutſchmeiſter, daß in den Deutſchen Konventen 
viele Ordensbrüder geſonnen ſeyen, im naͤchſten Jubeljahre nach 
Rom zu pilgern und dort Ablaß zu ſuchen. Die Nachtheile 
davon dem Hochmeiſter vorſtellend, ertheilte er ihm den Rath, 
durch eine vom Papſte auszuwirkende Bulle in jedem Ordens⸗ 
gebiete einige Perſonen bevollmaͤchtigen zu laſſen, den Ordens⸗ 
brübern, die es verlangen wuͤrden, Beichte zu gewaͤhren und ſie 
eben ſolches Ablaſſes theilhaftig zu machen, als wenn fie ihn 
perſoͤnlich in Rom ſuchten.) Der Hochmeiſter, nicht ohne 

1) Vgl. darüber Schürz p. 160. 


2) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Horneck Mont. nach Jocundit. 
1449 Schul. 98. 82, 


186 Innere Landesverhaͤltniſſe. (1449.) 


Beſorgniß, daß in Preuſſen außer den Ordensbruͤdern auch 
eine große Menge Volkes die Wanderung nach Rom antre⸗ 
ten, die ſtaͤdtiſchen Aemter zum Theil unverwaltet und das 
Land hie und da unbebaut bleiben werde, folgte dem Rathe 
und gab dem Ordensprocurator darüber die noͤthigen Auſ⸗ 
traͤge.) Weil indeß die Bulle ſo bald nicht erwartet werden 
konnte, fo fand der Meiſter mit Beirath der Landes = Praͤlaten 
für zweckmaͤßig, dem Volke überall bekannt machen zu laſſen, 
daß man beim Papſte eine Gnadenbulle zur Ertheilung des 
Ablaſſes im Jubeljahre erwerben werde, es dürften alſo die 
Unterthanen des Ordens des Ablaſſes wegen das Land nicht 
verlaſſen, denn jeder werde ihn an den Orten erhalten koͤnnen, 
die der Papſt ſelbſt näher beſtimmen werde. Auf der Praͤla⸗ 
ten Rath erließ der Hochmeiſter dann auch einen Befehl an 
die Gebietiger und Amtleute an den Graͤnzen, daß ſie vorerſt 
bis Weihnachten keinen Pilgrim uͤber die Graͤnze gehen laſſen, 
ſondern jeden, der nach Rom wandern wolle, wieder zuruͤck⸗ 
weiſen ſollten, bis die paͤpſtliche Ablaßbulle angekommen fey. 
Der Procurator in Rom erhielt daher die Weiſung, die Sache 
aufs moͤglichſte zu beſchleunigen.) 

Gerne haͤtte ſich jetzt der Hochmeiſter auch mit dem Erm⸗ 
„ändiſchen Domkapitel wegen der ihm zugeſtandenen Beſetzung 
von zwei Domſtiſtsſtellen ausgeglichen; allein allerlei Aufhetzun⸗ 
gen, meiſt von den erbitterten Geiſtlichen aus Riga ausgehend, 
hatten das Mißtrauen des Kapitels gegen des Meiſters Abſich⸗ 
ten und Plane noch geſteigert. Man moͤge ſich, hieß es von 
dorther, gegen den Orden moͤglichſt vorſehen, denn wie er ſich 
jetzt die Beſetzung von zwei Domherrnſtellen anmaße, ſo gehe 
offenbar fein ganzes Streben dahin, nach des jetzigen Bijchofs 
Tode zu bewirken, daß das ganze Domſtift zu Frauenburg, 
wie zu Dorpat, dem Orden einverleibt und mit Ordensbruͤdern 


1) Schr. des HM. an den Ordensprocurator, d. Mar. Mont. vor 
Dominici 1449 Regiſtr. IX. 171 — 172. 

2) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Mont. nach 
Franciſci 1449 Regiſtr. IX. 188 — 189. Ausſchreiben des HM. an 
die Komthure und Anıtleute an den Graͤnzen o. D. Schbl. LXIII. 130. 


m 


Innere Landesverhaͤltniſſe. (1449.) 187 


beſetzt werde. Der Hochmeiſter, wohl erkennend, daß dieſe 
aufhetzende Erdichtung nur darauf berechnet ſey, dem Unfrieden 
und der Erbitterung des Domkapitels neue Nahrung zu geben, 
hielt für nothwendig, ſich in einer Mittheilung an dieſes letz⸗ 
tere uͤber die Quelle und den unredlichen, feindſeligen Zweck, 
aus welchem das verbreitete Gerücht gefloſſen und wozu es 
berechnet ſey, offen und frei auszusprechen, mit der wahrhafte⸗ 
ſten Verſicherung, daß nie ein entfernter Gedanke ſolcher Art 
in feiner Seele erwacht ſeyi.) Da indeß die dem Hochmeiſter 
vom Papſte ertheilte nähere Erklaͤrung über das verliehene 
Privilegium den Biſchöfen von Pomeſanien und Samland zur 
Öffentlichen Bekanntmachung aus Rom bereits zugeſandt war, 
zugleich mit der Aufforderung, dem Meiſter bei Ausübung der 
darin enthaltenen Befugniß auf alle Weiſe, noͤthigenfalls ſelbſt 
mit Zwangs mitteln beizuſtehen, und da der Biſchof und das 
Domkapitel von Ermland davon auch ſchon die nöthige Kennt 
niß erhalten, ) fo machte er jetzt von dem ihm ertheilten 
Rechte auch ohne weiteres Gebrauch, indem er ſeinem vieljaͤh⸗ 
rigen getreuen und kenntnißreichen Gefchäftsträger, dem Doctor 
Lorenz Blumenau eine vacante Domherrnſtelle zuertheilte, 9 
obgleich er wohl wußte, daß man von Seiten des Domkapi⸗ 
tels durch Sachwalter in Rom immer noch mit allem Eifer 
daran arbeitete, ihm das verliehene Privilegium durch eine 


1) Schr. des HM. an den Dompropſt und das Kapitel zu Frauen⸗ 
burg, d. Brandenburg Donnerft, vor Valentini 1449. 


2) Bulle des Papſtes an die Biſchoͤfe von Vaſa (Vasatensi) Po⸗ 
meſanien und Samland, d. Romae VI Idus Februar. p. a. secundo 
(1449) Schbl. XI. 7. urk. des Biſchofs Bernhard von Vaſa, worin 
er dem Biſchofe und Kapitel von Ermland die erwähnte Declaration 


des Papſtes bekannt macht, d. Romae XXVIII. Maji 1449 Schbl. 
XIII. 8. 


3) Schr. der Gebietiger an den Procurator, d. Mar. am Abend 
Eliſabeth 1449 Regiſtr. IX. 200. Notariatsinſtrument über die Ver⸗ 
leihung eines Kanonicats an Laurentius Blumenau, d. Stunis penul- 
timo die Octobr. 1449 Schbl. LI. 31. 


188 Konrads v. Erlichshauſen Krankheit u. Tod. (1449.) 


daſſelbe widerrufende Bulle des Papſtes wo möglich wieder zu 
entziehen.) 

Bereits aber ſtand der Hochmeiſter am Abend ſeiner Tage. 
Laͤngſt hatte ſein reger und ſtets thaͤtiger Geiſt mit ſeinem 
ſchwachen Körper wie im Kampfe gelegen. Schon lange hatte 
er in Rom um die Verguͤnſtigung bitten muͤſſen, an Faſttagen 
Fleiſch und Milch genießen zu duͤrfen, weil Fiſch- und Faſten⸗ 
ſpeiſen feiner ſchwachen Geſundheit nicht zufagten.? Es war 
das zunehmende Gefühl feiner Hinfaͤlligkeit und der innere 
Drang frommer Geſinnung, der ihn bewog, vom Papſte die 
Losſprechung von allen Sünden, „darauf wir, wie er ſagt, ein 
Gewiſſen haben wuͤrden, wie die auch waͤren, groß oder klein,“ 
zu erbitten. „Ihr duͤrft euch nicht befahren, ſchrieb er daruͤber 
dem Procurator, daß wir durſtig oder mit Vorſatz darauf ſuͤn⸗ 
digen wollten, denn wir uns ſelbſt ungern verleiten moͤgen.“ “) 
Seit einiger Zeit ſchon war ſein Koͤrper doppelt ſtark angegrif⸗ 
fen. Es wird berichtet, daß feine Kraͤnklichkeit dadurch ſehr 
vermehrt worden ſey, daß er eine Fiſtel, die lange Zeit fließend 
geweſen, habe zuheilen laſſen.) Schon einmal hatte ihn im 
Herbſt dieſes Jahres der Schlag geruͤhrt; dennoch konnte man 
ihn nicht bewegen, ſich zu ſchonen und ſeine jaͤhrliche Umreiſe 
durch einen Theil des Landes auszuſetzen. Er trat ſie im 
Anfange des Octobers an, und ging über Roggenhauſen nach 
Graudenz, wo ihn der Schlag zum zweitenmal traf. Da er 
ſein Roß nicht mehr beſteigen konnte, ließ er ſich nach Papau 
fahren. Hier verſuchte er es aber dennoch wieder, den Weg 


1) Darüber mehre Schr. des HM. an den Procurator aus dieſem 
Jahre Regiſtr. IX. 101 — 102. 153. 173. 

2) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. am T. Innocent. 
1447 Regiſtr. VIII. 154. 

3) Kotzebue B. IV. S. 108. 

4 Ordens-Chron. p. 179. Einige Chroniſten, wie Preuſſ. Chro⸗ 
nica, Henneberger p. 306 ſchreiben ſeine Krankheit und ſeinen 
Tod feiner Gewiſſenhaftigkeit im Geluͤbde der Keuſchheit zu, jedoch wie 
ſchon pauli B. IV. S. 310 vermuthet, wird von Henneberger Kon⸗ 
rad von Erlichshauſen mit Konrad von Jungingen verwechſelt; vgl. 
oben B. VI. 377. Die Ordens⸗Chron. p. 179 ſpricht ebenfalls davon. 


Konrads v. Erlichehaufen Krankheit u. Tod. (1449.) 189 


bis nach Thorn und Schoͤnſee, „wie wohl gar uͤbel und gegen 
den Rath feiner Kompane“ reitend zuruͤckzulegen.) Von da 
aber konnte er die Reife nicht mehr fortfegen. Er kehrte nach 
Stuhm zurück; n hier ſchwanden feine Kräfte täglich mehr 
und mehr, fo daß man ihn nur noch mit großer Mühe nach 
Marienburg bringen konnte. 

Da die Krankheit des Meiſters mit jedem Tage bedenk⸗ 
licher ward, ſo fanden die vornehmſten Gebietiger es rathſam, 
ſich im Haupthauſe zu verſammeln, um feinen Rath zu hören 
wegen eines wuͤrdigen Nachfolgers. Sie begannen das Ge⸗ 
ſpräch mit tröſtenden Worten über feine Krankheit, ihn hinweis 
ſend auf Gottes Macht, die leicht alles wieder zum Beſten 
führen koͤnne. Konrad aber erwiederte die ſtrafende Worte: 
„die Freude, die ich waͤhrend meiner Regierung von euch und 
andern gehabt, muͤßte mich wohl krank machen, wenn ich es 
nicht ſchon waͤre. Mir iſt ſo wohl, daß ich nichts anderes 
begehre, als zu ſterben. Gott vergebe mir meine Suͤnden!“ 
Als ihn darauf die Gebietiger um Rath fragten: wen man 
im Falle feines Hinſcheidens zum Verweſer des armen, betruͤb⸗ 
ten Landes erwaͤhlen ſolle? antwortete er: „es waͤre wohl ein 
weiſer, verſtaͤndiger Verweſer dem armen Lande groß Noth, 
wenn man ihn nur hören wollte. Es find vor andern zwei 
unter euch, die nach der Ehre des Meiſteramtes ſtreben. Nehmt 
ihr Heinrich Reuß von Plauen, ſo habt ihr einen Aufſtand der 
Unterthanen. Waͤhlt ihr meinen Vetter Ludwig, ſo weiß ſich 
dieſer ſelbſt nicht zu rathen und muß thun, was ihr und an⸗ 
dere wollen. Ich duͤrfte euch wohl rathen zu Herrn Wilhelm 

1) So die alte Preuſſ Chron. p. 46. Sie ſtimmt mit den Orts⸗ 
angaben der letzten Schreiben des HM. im Regiſtr. IX. 190 — 194 
völlig überein. Sein Schreiben aus Schoͤnſee hat das Datum: Mitt⸗ 
woch nach Luca 1449. Die erwähnte Chronik ſchreibt feine Kraͤnklich⸗ 
keit zum Theil auch dem Umſtande zu, „daz her nymer of den abend 
as, ſundern des andern tagis as her denne deſte mehr.“ Ordens = 
Chron p. 179. Schütz p. 161 ſagt: er fiel „aus herzlicher Wehmut 
in Schwachheit.“ Jaenichit Meletemata Thorun. T. II. p. 226. 

2) Von hier aus iſt ſein letztes Schreiben datirt: Stuhm am T. 
Simon und Juda (28 Octob.) 1449 Regiſtr. IX. 194. 


190 Konrads v. Erlichshauſen Krankheit u. Tod. (1449) 


von Eppingen, Komthur zu Oſterode, der, ein fanftmüthiger, 
friedliebender Mann, das Land mit Treuen meinet. Aber was 
nuͤtzt es, daß ich euch rathe; es iſt alles umſonſt, denn ich weiß 
wohl, daß juͤngſt die meiſten Gebietiger zu Mewe verſammelt be⸗ 
ſchloſſen haben: wer von ihnen zum Hochmeiſter erkoren werde, 
ſolle den Bund vernichten, ſollte man auch das Land daruͤber 
verlieren. Uns ſteht großes Unheil bevor um unſerer Suͤnde 
willen. Auf Gottesdienſt achten wir nicht, leben alle in Ueber⸗ 
muth und jeder thut, was ihn geluͤſtet. Wollte Gott, ich waͤre 
in ein Karthaͤuſerkloſter gezogen, mir wäre nun viel beſſer. 
Gott kehre den Jammer dieſes armen Landes ab! Mit Got⸗ 
tes Huͤlfe iſt es durch unſere Vorfahren von den Heiden ge⸗ 
wonnen; ſehet zu, daß man es durch Gottes Verhaͤngniß aus 
Uebermuth nicht wieder verliere. Gott erbarme ſich feiner!” » 

Nach dieſen Worten tiefer Wehmuth kehrte er ſich zur 
Seite, jammerte und ſeufzte. Da geſegneten ihn die Gebieti⸗ 
ger und gingen davon, einige ihn kleinmuͤthig ſcheltend, andere 
voll banger Beſorgniß wegen der unheilvollen Zukunft.?) Mes 
nige Tage nachher, am ſiebenten November Abends um fuͤnf 
Uhr verſchied Konrad ruhig in ſeiner Kammer und ward am 
Abend vor Martini aufs feierlichſte beſtattet, ) der letzte Meiſter, 
der feine Ruheſtaͤtte in der S. Annen-Gruft in Marienburg 
fand. Neun Jahre hatte er dem Orden vorgeſtanden; ſo 
ſchwer fuͤr ihn die Zeit dieſer Regentſchaft auch geweſen war, 


1) Die ganze Verhandlung bei Schütz p. 161. Ordenschron p. 
239. 270. 182. 

2) Schütz I. o. Ordens⸗Chron. p. 182 — 183. 

3) Die alte Preuſſ. Chron. a. a. O. u. Ordens-Chron. p. 179. 
giebt den S. Leonards= Tag oder 16 Novem. als Todestag an, Ba⸗ 
chem Chronol. der HM. S. 44 den Eten Novem.; beides unrichtig. 
Wir haben die genauſte Nachricht daruͤber im Regiſtr. IX. 195, wo 
es heißt: In der Jarczal unſers Herren 1449 am ſebenden tage des 
Menden November, das was der neſte freitag vor dem tage ſant Mar⸗ 
tini, den hatten wir darnach am Dinſtag, ken den Abendt umb des 
zeigers fuͤnfe vorſtarb der Erwirdige herre Conrad von Erlichshuſen Ho⸗ 
meiſter deutſchs Ordens uffem Huwze Marienburg in feyner kamer. 


Konrads v. Erlichshauſen Verdienſte. (1449.) 191 


ſo bezeugten doch die Gebietiger: nur Eine gemeinſame Liebe 
des Volkes folge dem Meiſter ins Grab nach. » 

Und fürwahr Konrad ſteht in der Geſchichte wie als 
Menſch, fo als Ordens⸗Meiſter und Landesfuͤrſt gleich ehrwür⸗ 
dig und hochachtungswerth da. Sein feſter, unbeſtechlicher 
Sinn, fein ruhiger Ernſt und feine unerſchütterliche Entſchloſ⸗ 
ſenheit und Beharrlichkeit in jeglicher Lage des Lebens und un⸗ 
ter den ſchweren Stürmen ſeiner Zeit, gepaart mit milder und 
ſchonender Geſinnung, mit wahrer, aͤchter Froͤmmigkeit im 
Geiſte ſeines Zeitalters, erheben ihn in die Reihe der edelſten 
Fuͤrſten feines Jahrhunderts.) Vor allem prägt ſich in allen 
ſeinen brieflichen Mittheilungen ganz beſonders ſein frommes, 
ſtets gottvertrauendes Gemuͤth aus. Er hielt daher auch im⸗ 
mer ſtreng auf fleißigen Beſuch des Gottesdienſtes und gottes⸗ 
dienſtliche Uebungen. Schon als Komthur von Ragnit ließ er 
ſich der Gnadenwirkungen frommer gottesdienſtlicher Uebungen 
theilhaftig machen.?) Ueberall, wo menſchliches Leiden zu lin⸗ 
dern war, zeigte ſich ſeine vaͤterliche Sorgfalt ſelbſt bei den 
Geringſten ſeiner Unterthanen. Noch in den letzten Jahren 
ſeincs Lebens war er eifrigſt bemuͤht, dem von ihm bei Preuſ⸗ 
ſiſch⸗Holland geſtifteten Hospital für Arme und Leidende durch 
eine paͤpſtliche Beſtaͤtigung feiner Freiheiten für die Zukunft 
Dauer zu verfchaffen. Auch für die Vicare der S. Adal⸗ 
berts⸗Kapelle bei Lochſtaͤdt verwandte er ſich gerne wegen Er⸗ 
neuerung des der Kapelle vom paͤpſtlichen Stuhle ertheilten Ab⸗ 
laſſes, der zu ihrem Unterhalte diente.“) Freilich waren ſei⸗ 
ner Freigebigkeit und Mildthaͤtigkeit, wie er ſelbſt ſchmerzlich 


1) Schr. der Gebietiger an die Praͤlaten, Aebte u. ſ. w. d. Mar. 
am Abend Martini 1449 Regiſtr. IX. 195. 

2) Auszug aus der Preuſſ. Chronica. 

3) S. oben S. 5. f. urk. des Priors u. Konvents des Kloſters 
Paradieß, d. Carthusie an. 1426 Schbl. LIV. 19. 17. 

4) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Sonnt. Judica 
1448 Regiſtr. VIII. 431. 


5) Schr. des HM. an den Procurator, d. Hohenſtein Sonnt. 
Oculi 1449 Regifte, IX. 103. 


192 Konrads v. Erlichshauſen Verdienſte. (1449.) 


klagte, durch die Finanzbedraͤngniſſe des Ordens haͤuſig zu enge 
Graͤnzen geſteckt; aber er half ſtets, ſo viel er konnte, erließ 
Zinſen und gewaͤhrte Mittel zur Aufhuͤlfe, ſo viel ihm irgend 
moͤglich war.) Sprechende Beweiſe ſeiner milden Sorgfalt ſind 
eine große Menge ſ. g. Tiſchverſchreibungen, durch die er alte, 
getreue Diener des Ordens in ihrem Alter mit Wohnung, Be⸗ 
koͤſtigung und Kleidung in den Ordenshaͤuſern bis an ihr Le⸗ 
bensende verſorgte, um ihnen die Tage ihres Alters zu erleich⸗ 
tern.) Den Kindern des treuen Anhaͤngers des Ordens 
Eckards von Guͤntersberg gab er nicht nur die von ihrem Va⸗ 
ter dem Orden verpfaͤndeten ſilbernen Geraͤthe ohne weiteres 
zurück, ſondern beſchenkte fie auch zur Belohnung der Ver⸗ 
dienſte ihres Vaters mit mehrern Hundert Mark.) Wie er 
mit großer Sorgfalt ſich des mildthaͤtigen und zahlreich beſuch⸗ 
ten Brigitten⸗Kloſters zu Danzig annahm und deſſen ſpaͤrliche 
Einkünfte zu vernehmen fuchte,® fo verbot er dagegen mit 
aller Strenge auf des Ordensſpittlers Rath das faule Bet⸗ 
teln oder ſ. g. Terminiren der Moͤnche zu Elbing, die mit 
ihren Bettelfaden durchs ganze Land zu ziehen pflegten, 
zumal da ſie einen kranken Ordensbruder durch ihre Gie⸗ 
rigkeit zu einer ſchweren Geſetzwidrigkeit verleitet hatten.) 
Streng und ernſt uͤbte er uͤberall Recht und Gerechtigkeit 
und dieß vorzüglich erwarb ihm auch immer wieder das 
Vertrauen ſeiner Unterthanen. Um ſo entſchiedener aber 
konnte er auch alle Verſuche zuruͤckweiſen, welche die Weſtphaͤ⸗ 


1) S. die Urkunden v. J. 1449 Regiſtr. IX. 28 60. 124 — 125. 
160. 183. 

2) Beiſpiele im Regiſtr. IX. 5. 10. 33. 107. 109. 145. 162 u. a. 

3) Schr. des HM. an d. Waldmeiſter v. Schievelbein, d. Mar. 
Sonnt. nach Aller Heil. 1448 IX. 41. 

4) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Freit. nach Dio⸗ 
nyf. 1449 Regiſtr. IX. 190; ebenſo ein Schr. Ludwigs von Erlichs⸗ 
baufen an den Procurator vom J. 1450 ebendaſ. p. 225. 

5) Schr. des Ordensſpittlers , d. Elbing Mont, vor Mariaͤ Him⸗ 
melf. 1448 Schbl. LIX. 20. 


Konrads v. Erlichshauſen Verdienſte. (1449) 193 


liſchen Femgerichte zur Geltendmachung ihrer Gerichtsgewalt im 
Ordensſtaate jetzt ſchon fo oft wiederholten, D wie er denn 
auch den Häufig vorkommenden Vorladungen des Röm. Köni⸗ 
ges an Ordensunterthanen vor das koͤnigliche Hofgericht zur 
Verantwortung gegen ihre Klaͤger ſich ſtets widerſetzte, zu⸗ 
mal da fie immer die Freiheiten des Ordens verletzten. 2 
Da Konrad ſtets darauf drang, daß jedem, der Klage 
zu führen hatte, vor ſeinem geſetzlichen Richter und auf 
dem geordneten Wege des Rechts und Geſetzes Recht wis 
derfahre, ſo ließ er auch zwei Zweikaͤmpfer im Kulmer⸗ 
lande, die gegen fein ausdruͤckliches Erbieten, ihnen durch 
Berufung einer Ritterbank nach Ritterrecht Recht ſprechen zu 
laſſen, dennoch ein Duell vollzogen hatten, in Haft nehmen 
und nur auf ſeiner Gebietiger Fuͤrbitte nach einiger Zeit auf 
Bürgschaft wieder frei geben.?) Endlich darf unter Konrads 
vielen ruͤhmlichen Eigenſchaften feine Friedensliebe und fein 
verſoͤhnlicher Sinn kaum noch einmal erwähnt werden, denn 
dieſe Tugenden praͤgen, wie wir bereits geſehen, allen ſeinen 
Handlungen und ſeinem geſammten Wirken wie in den wir⸗ 
ren Verhaͤltniſſen zu feinen Unterthanen, fo in denen zum Aus⸗ 
lande den durchgreifenden Charakter auf. Immerdar und über⸗ 
all war es Friede, gedeihliche Ruhe, Verſoͤhnung und Aus⸗ 
gleichung widerſtrebender Intereſſen, denen er als Zielen ſeines 
Wirkens entgegenging. Er war, wie ihn die Chronik nennt, 
ein wahrhafter Friedensfürſt. 

Als Oberhaupt des Ordens erkannte wohl keiner ſo gut 
wie er die ſüͤndlichen Verirrungen, Maͤngel und Gebrechen, die 
ſo tief ſchon am Herzen des Ordens nagten und ihn der in⸗ 
nern Aufloͤſung und dem Untergange immer näher entgegen⸗ 


1) Vgl. Voigt die Weftphätif. Femgerichte in Beziehung auf 
Preuſſ. S. 63 ff. 

2) Schr. des HM, an d. Komthur zu Wien, d. Mar. Donnerſt. 
nach Remigii 1449 Regiſtr. 186 — 187. Schbl. VI. 38. 

3) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Preuſſiſch⸗Mark am 
Abend Margaretha 1449. Schr. des Vogts v. Leipe, d. Dienſt. nach 
Trinitat. 1449 Schbl. LXII. 1. 3. 


VIII. 13 


194 Konrads von Erlichshauſen Verdienſte. (1449.) 


fuͤhrten. Wir hoͤrten bereits, wie faſt kein Jahr ſeiner Amts⸗ 
verwaltung vorüberging, in welchem er nicht bemüht war, die 
zuchtloſen und verwilderten Ordensbruͤder zur alten Regel, zu 
ſittlicher Zucht, zum Gehorſam, zur Entſagung des Eigen⸗ 
thums und uͤberhaupt zur Obſervanz ihrer Geluͤbde zuruͤckzu⸗ 
fuͤhren;) und in dieſem Streben war er auch noch in den 
letztern Jahren unermuͤdlich thaͤtig. Noch im Jahre 1448 er⸗ 
ließ er an die Gebietiger eine Anzahl von Verordnungen, die 
theils den Beſuch des ſo ſehr vernachlaͤſſigten Gottesdienſtes, 
theils die ſtrengere Hausordnung und ſittliche Lebensweiſe der 
Ordensbruͤder zum Ziele hatten.) Er hielt dafuͤr, daß beſon⸗ 
ders bei der Aufnahme junger Ordensritter mit groͤßerer Strenge 
und Vorſicht auf ihren ſittlichen Wandel, ihren moraliſchen 
Werth, Reife des Urtheils und uͤberhaupt ihre ganze Tauglich⸗ 
keit fuͤr das Leben und ihre Beſtimmung im Orden geſehen 
werden muͤſſe. Dieß ſchien ihm um ſo nothwendiger, da in 
Deutſchland der Zudrang zum Orden immer noch ſehr groß 
war, denn von allen Seiten her meldeten ſich von Jahr zu 
Jahr zahlreich Soͤhne edler Familien zum Eintritt in den Or⸗ 
den?) oder ſie wurden auch haͤufig von Fuͤrſten zur Aufnahme 
dem Hochmeiſter empfohlen, wie der junge Graf von Dohna 
vom Herzog Flotko von Teſchen.) Konrad, deſſen wach⸗ 
ſamem Auge die großen Nachtheile der leichtfertigen und ohne 
gehörige Prüfung erfolgten Aufnahme junger Leute nicht ent: 
gangen waren, gebot daher, es ſolle fortan kein Landkomthur 
oder Komthur in Deutſchland junge Edelleute in den Orden 
aufnehmen und einkleiden; er wolle nach alter Gewohnheit im⸗ 


1) Schr. des HM an den Landkomthur von Oeſterreich, d. Stuhm 
Donnerſt. nach Judica 1449 Regiſtr. IX. 114, woraus zugleich her⸗ 
vorgeht, daß es mit dem Gehorſam der Ordensbrüder anderwaͤrts nicht 
beſſer ſtand als in Preuſſen. 

2) Die Verordnungen des HM. vom J. 1448 Schbl. LXXI. 52. 

3) Schr. des HM. an den Landkomthur von Bieſſen, d. Grebin 
Dienft. nach Himmelf. 1449 Regiſtr. IX. 143. 

4) Schr. des Herzogs Flotko zu Teſchen, Herr zu Großglogau an 
den HM. d. Großglogau Oſtermont. 1449 Schbl. Adels geſch. D. 37. 38. 


Konrads von Erlichshauſen Verdienſte. (1449.) 195 


mer ſelbſt Bevollmaͤchtigte ausſenden, die dieſes Geſchaͤſt ſtreng 
nach Regel und Geſetz und nach gewiſſenhafteſter Prüfung 
ausführen follten. Er ſtellte dabei aber noch ein höheres Ziel. 
Bisher war es Gewohnheit, daß jemand, der in den Or⸗ 
den eingekleidet werden ſollte, zuvor das Geluͤbde des Ge⸗ 
horſams ablegen mußte; in die Kirche zum Amte der Meſſe 
gefuͤhrt, legte man ihm dann nach vorgeſchriebenem Ritus die 
Ordenskleidung an. Konrad indeß, der in ſeinem Orden nicht 
bloß gehorſame Kirchengaͤnger, fondern auch gebildete Menſchen 
in ſeinen Ordensbruͤdern ſehen mochte, zugleich auch von der 
richtigen Anſicht geleitet, daß unter den jungen aufgenomme⸗ 
nen Ordesrittern ohne eine gewiſſe hoͤhere Bildung auch keine 
Sittlichkeit und kein geordneter Lebenswandel herrſchend wer⸗ 
den koͤnne, wandte ſich nach Rom, um durch eine paͤßſtliche 
Bulle die Erlaubniß auszuwirken, daß tauglich befundene Per⸗ 
ſonen auch nach geleiſtetem Geluͤbde des Gehorſams noch drei 
bis vier Jahre oder ſo lange man es zweckdienlich finde, in 
weltlichen Kleidern bleiben und waͤhrend der Zeit auf Univerſi⸗ 
täten geſandt oder als Sendboten und Bevollmaͤchtigte in 
fremden Laͤndern gebraucht werden koͤnnten, um ſich auf dieſe 
Weiſe mehr auszubilden,? denn Konrad hatte wohl erkannt, 
daß die Zeit voruͤber ſey, in welcher der weiße Ordensmantel 
allein ſchon Achtung und Ehrfurcht erweckte, und daß der Or⸗ 
den nur durch Bildung und Intelligenz aus ſeiner Geſunken⸗ 
heit wieder emporgehoben werden muͤſſe; er hatte wohl er⸗ 
kannt, daß die bloßen Formen und Aeußerlichkeiten ohne in⸗ 
nern geiſtigen Gehalt keine Geltung mehr fanden. Er zog 
daher nicht nur haͤufig gelehrte oder ſonſt gebildete Maͤnner 
ins Land, wenn fie ihm vom Deutfchmeifter oder von Goͤn⸗ 
nern des Ordens empfohlen wurden,?) ſondern wie fein Vor⸗ 


1) Schr. des HM. an den Landkomthur v. Bieſſen a. a O. 
Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Mont. nach 
Palmar. 1449 Regiſtr. IX. 118. 
3) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mar. am T. Re 
migii 1448 Regiſtr. IX. 16. 
13 * 


196 Konrads von Erlichshauſen Verdlenſte. (1449.) 


gaͤnger unterftüßte er auch immer eine Anzahl talentvoller Juͤng⸗ 
linge auf auslaͤndiſchen hohen Schulen. Auf Koſten des Or⸗ 
dens ſtudirten junge Leute aus Preuſſen zu Bologna, Siena, 
Loͤwen, Krakau, Wien u. ſ. w.) Nach vollendeten Studien 
wurden ſie dann in Geſchaͤften des Ordens bald im Haupt⸗ 
hauſe Marienburg oder anderwaͤrts als Sachwalter angeſtellt 
oder als Geſandte zu Verhandlungen ausgeſandt. 

Betrachten wir endlich Konrad von Erlichshauſen als wal⸗ 
tenden Landesfuͤrſten, ſo ſehen wir auch hier ſein wachendes 
Auge ſtets auf des Landes Wohlfahrt und Gedeihen, auf Ruhe 
und Ordnung im Volke und Abſtellung herrſchender Maͤngel 
und Gebrechen gerichtet. Sind aber Geſetze immer gewiſſer⸗ 
maßen ein Maaßſtab für den Stand der Bildung und Sitt⸗ 
lichkeit eines Volkes, fo dinften die vielen Verordnungen und 
Geſetze dieſes Meiſters eben kein ruͤhmliches Zeugniß fuͤr die 
Geſittung ſeiner Zeit ſtellen und im ſittlichen Zuſtande des Vol⸗ 
kes in Marienburg tritt uns auch in der That, wie ſchon er⸗ 
waͤhnt, das traurigſte Bild der tiefſten moraliſchen Geſunken⸗ 
heit entgegen. Gewinnſucht und Geldgier, Vergnuͤgungsluſt 
und Genußſucht, Verachtung alles Hehren und Heiligen, Be⸗ 
trug im Handel und Wandel, Kleiderlurus, Unzucht und 
Schamloſigkeit, Abtreiben der Frucht, Kindermord, Voͤllerei und 
gewaltſame Entfuͤhrungen ehrbarer Frauen, Ehebruch, Verach⸗ 
tung der Prieſter und des Gottesdienſtes, Entweihung der 
Sonn⸗ und Feiertage find die Suͤnden und Verbrechen, über 
die ſelbſt der Handwerksmann in Marienburg beim Meiſter ſich 
aufs bitterſte beklagte.“ Häufig wurden im Lande wie in den 
Staͤdten Mordthaten, Diebereien und andere Verbrechen be⸗ 
gangen; es fehlte nicht an Beiſpielen moͤrderiſcher Ueberfaͤlle 
ſelbſt von Preuſſiſchen Edelleuten. Ueberall herrſchte im Volke 
noch finſterer Aberglaube; haufig ſchlichen im Lande noch Zau⸗ 


1) Mehre Beiſpiele in Voigts Geſch. Marienb. S. 385; Res 
giſtr. IX. 38. 42. 46. 59. 487. 502. Schbl. 105. 223. 

2) S. oben S. 15. Voigts Geſch. Marienb. S. 369 — 372. 
566. 


Konrads von Eklichshauſen Verdienſte. (1449.) 197 


berer und Zauberinnen umher, die den Buͤrger und Landmann 
auf alle Weiſe zu umſtricken und zu betruͤgen wußten; noch 
immer waren im gemeinen Volke allerlei heidniſche Gebraͤuche 
im Schwange und um fo weniger ward der chriſtliche Gottes⸗ 
dienſt beſucht. Sonn⸗ und Feſttage entheiligte man durch al⸗ 
lerlei grobe und laͤrmende Arbeiten, durch Handel und Kraͤme⸗ 
rei oder ſelbſt durch Saufen und Wöllerei. Und wie der Herr, 
ſo der Knecht; ſo oft auch Geſindeordnungen entworfen und 
daran gebeffert wurde, das Geſinde in Stadt und Land hielt 
ſich wenig an Ordnung und Geſetz. Vorkauf druckte Arme 
und Dürſtige immer tiefer ins Elend, und Luxus bei Hochzei⸗ 
ten und Kindtaufen, Schmauſereien, Saufgelage, Zarme und 
Spielwuth machten Reiche arm. Auf dem Lande ſaß der 
Bauer bis tief in die Nacht in Bierhaͤuſern. Bettelei nahm 
immer mehr uͤberhand. Verſchuldeten Bauern mußte oft das 
Ackervieh abgepfaͤndet werden.) Kaum ein halbes Jahrhun⸗ 
dert hatte hingereicht, das Land aus ſeinem Wohlſtande und 
feiner Bluͤthe unter Konrad von Jungingen in dieſes Elend 
und Verderbniß zu bringen. 

Konrad von Erlichshauſen war aufs ernſtlichſte bemüht 
geweſen, dieſem ſittlichen Verfalle auf alle Weiſe entgegenzu⸗ 
arbeiten und durch ſtrenge Geſetze die Gebrechen und Uebel, 
die alle Lebensnerven zerrütteten, wieder auszurotten. Alle be 
waffneten Sufanmenfünfte, Laͤſterungen und Schmaͤhreden ges 
gen die Landesherrſchaft oder ſtaͤdtiſchen Magiſtrate wurden 
ſcharf verpoͤnt. Es ward geboten, jeder Herr ſolle ſeine Un⸗ 
terſaſſen, Untergebenen und Geſinde zu Beicht und Gottesdienſt 
anhalten und vor Zauberei und Aberglauben warnen; am 
Sonntage und auf dem Kirchhofe ſolle fortan kein Markt oder 
Verkauf mehr Statt finden; kein Kauf oder Tauſch um Erbe 
oder Grundſtücke, am Abende geſchloſſen, ſolle gültig ſeyn, 
wenn er des Morgens nicht von neuem genehmigt werde. Der 
Entfuͤhrer einer Frau oder Jungfrau wider ihren Willen und 


1) Das Einzelne geht aus des HM Geſetzen u. Landesordnungen, 
zum Theil auch aus mehren Schreiben der Komthure hervor. 


198 Konrads von Erlichshauſen Verdienſte. (1449.) 


nicht minder die Gehuͤlfen follten ihres Eigenthums und Erb⸗ 
rechts verluſtig ſeyn und gleiche Strafe die entfuͤhrte Jungfrau 
treffen; kehre fie zuruck, fo folle fie nur ihre Nahrungsnoth⸗ 
durft erhalten. Auch uͤber Handwerksunfug, den ſich haͤufig 
Geſellen erlaubten, wurden verſchiedene Geſetze verfügt. Alle 
Amtleute ſollten die Deutſchen und Preuſſiſchen Dorfbewohner 
ernſtlich zum Gottesdienſt anhalten und darauf ſehen, daß das 
Preuſſiſche Geſinde das Pater⸗Noſter und den Glauben erlerne. 
Bei Hochzeiten, Kindtaufen, in der Kleidung u. ſ. w. ſchrieb 
der Meiſter zweckmaͤßige beſchraͤnkende Beſtimmungen vor und 
verfügte überhaupt eine Menge heilſame Verordnungen, die 
das Leben mehr regeln und veredeln, die Sitten reinigen und 
verbeſſern und den Zuſtand der religiöfen und ſittlichen Bil: 
dung des Volkes mehr und mehr emporheben ſollten.) Kon⸗ 
rad indeß warf ſeinen Samen in einer Zeit aus, in welcher 
unter den nachfolgenden wilden Stürmen aus ihm keine ge⸗ 
deihliche Frucht hervorgehen konnte. 


1) Dieſe Landesordnung u. Geſetze Konrads v. Erlichshauſen im 
geh. Archiv, gedruckt bei Baczko B. III. 407429, Auszüge bei Ko⸗ 
gebue B. IV. 95 ff. Sie enthalten außer dem oben Mitgetheilten 
noch manche intereſſante Notiz über den ſittlichen Zuſtand der Seit, 


Satzungen der Gebietiger. (1450) 199 


Zweites Kapitel. 


Wie gewoͤhnlich bei eines Meiſters Tod ging die Landesver⸗ 
waltung, bevor ein Statthalter erkoren war, zunaͤchſt auf den 
oberſten Gebietiger⸗Rath uͤber. Ihn bildeten jetzt der Groß⸗ 
komthur Heinrich von Richtenberg, der Ordensmarſchall Kilian 
von Exdorf, der Oberſt⸗Spittler Heinrich Reuß von Plauen, 
der Oberſt⸗Trappier Wilhelm von Helfenſtein und einige an⸗ 
dere Rathsgebietiger. In ſolchen Zeiten wurden ſtets nur die 
dringendſten Angelegenheiten in Berathung gezogen. Nichts 
aber war jetzt dringender als die Sorge fin die von den Nach⸗ 
barlanden abermals bedrohte Sicherheit der Neumark. Dem 
Vogte wurde daher aufs ſchleunigſte die ſorgſamſte Bewachung 
der Burgen und Graͤnzen anempfohlen und der Kurfuͤrſt Frie⸗ 
derich von Brandenburg im nöthigen Falle um Schutz und 
Schirm gebeten.) Um die Gunſt des Rom. Königes und der 
vornehmſten Reichsfürſten warb man durch Zusendung der ſchoͤn⸗ 
ſten Falkengeſchenke, die ihnen ſchon der verſtorbene Meiſter 
zugedacht.) Erſt im Anfange des Decembers erkoren die 
Rathsgebietiger den Großkomthur Heinrich von Richtenberg zum 


1) Schr. der Ordensgebietiger an den Vogt der Neumark u. den 
Kurfürften v. Brandenburg, d. Mar. am T. Martini 1449 Regiſtr. 
IX. 195. 

2) Schr. der Gebietiger an d. Roͤm. König u. andere Fuͤrſten, 
d. Mar. Donnerft, nach Martini 1449 Regiſtr. IX. 196. 


200 Satzungen der Gebietiger. (1450.) 


Statthalter!) und beriefen nun auch erſt die Meiſter von 
Deutſchland und Livland und die Landkomthure und Komthure 
von Oeſterreich, Elſaß u. a. zur neuen Meiſterwahl ins Haupt: 
haus Marienburg auf den Sonntag Laͤtare naͤchſtes Jahres. 2 
Wichtig aber war es, daß man jetzt ſchon uͤber gewiſſe Be⸗ 
ſtimmungen, eine Art von Wahlkapitulation, einig ward, deren 
Aufrechthaltung und Befolgung der kuͤnftige Hochmeiſter unbe⸗ 
dingt verſprechen ſollte.“) Es hieß darin: der kuͤnftige Mei⸗ 
ſter folle nicht ſich allein, ſondern dem ganzen Orden huldigen 
laſſen, wie von Alters her gewoͤhnlich; er ſolle keinem Gebiete 

oder Amte etwas von ſeinen Zinſen, Fiſchereien oder ſonſti⸗ 
gem Einkommen entziehen, beſonders was zu einem Konvente 
gehöre, ferner auf Gebietiger oder Ordensbruͤder keinen Schoß 
ausſetzen ohne ſeines innerſten Rathes Wiſſen. Der Nachlaß 
verſtorbener Konventsbrüder ſolle dem Gebietiger des Konvents 
ſelbſt zufallen und nur der der alten Gebietiger, „die zum 
großen Silber ſitzen“,) dem Treffel, deſſen Treßler ihr Kam⸗ 
mergeräth in Empfang nehmen ſolle nach Verordnung des Or⸗ 
densbuches. Der Fünftige Meiſter ſolle kein Amt unter ſich 
ſchlagen, und Preuſſiſch⸗Mark und Mewe wieder Konvente 
erhalten, wie fruͤherhin.“) Wuͤrden dem Meiſter von den Ge⸗ 

1) Spaͤter beſchwerten ſich die Staͤnde, daß man ſo lange Zeit 
a ee eines Statthalters habe hingehen laſſen; Regiſtr. 

2) Schr. der Gebietiger an die Meiſter v. Deutſchland u. Livland, 
d. Mar. Freit. nach Barbara 1449 Regiſtr. IX. 201. 

3) Es heißt: Am Tage Barbare im XLIX Jare haben alle Ge⸗ 
bietiger diſſe nochgeſchreben Artikel alle eyntrechticlichen gelowbet bey 
Iren trewen und eren ſtete, veſte und unvorbrochlichen czu halden, ſo das 
der, der under en zum Homeiſter gekoren und gemachet werde, welcher 
der auch ſey, die alſo czu halden. 

4) D. h. die oberſten Gebictiger. 

5) Preuſſiſch⸗Mark jedoch erſt nach zwei Jahren, damit binnen 
der Zeit das Haus Küftrin gebaut werden koͤnne. Daß der Konvent 
aufgehoben war und wieder eingerichtet werden ſollte, ſagt auch ein 
Schr. des Komthurs v. Schwez an d. Statthalter, d. Dienft, nach 
Concept. Mariä 1449 Schbl. LXX. 45, 


Satzungen der Gebietiger. (1450.) 201 


bietigern, Amtleuten oder Bruͤdern „Klaͤffereien oder unendliche 
Reden“ angezeigt, ſo ſolle er die Beſchuldigten vor ſich rufen, 
die Sache unterſuchen und den, der ſich nicht zu rechtfertigen 
wiſſe, nach dem Rechte beſtrafen. Er ſolle ferner aus den 
Rheinlaͤndern, Meißnern und denen aus den nahen Landen 
Drei in ſeinen innerſten und Drei in ſeinen aͤußerſten Rath auf⸗ 
nehmen, desgleichen auch je Drei von den Schwaben, Franken 
und Baiern in jenen und dieſen Rath und alle Aemter ſollten 
fortan gleich getheilt werden. Jeder Gebietiger ſolle hinfort 
ſeinen Hauskomthur und alle andern Amtleute ſelbſt anſtellen 
und der Meiſter ſich nicht damit befaſſen. Er ſolle auch kei⸗ 
nen Ordensbruder in die Eiſen ſchlagen oder in den Thurm 
ſetzen laſſen; verbreche ein Bruder etwas, ſo ſolle er nach dem 
Ordensbuche in der Kappe buͤßen. Keinem Ordensbruder duͤrfe 
er ſein Geld oder Gut mit Gewalt nehmen oder abtrotzen, 
ſondern man folle jeglichem das Seine zu des Ordens Nutzen 
für fein Leben laſſen; wenn er ſterbe, ſolle es an den Kom⸗ 
thur ſeines Konventes fallen. Gegen Ordensbruͤder ſollten auch 
nur Ordensbruͤder, nie weltliche Leute zeugen dürfen. Sobald 
der Deutſchmeiſter ins Land komme, ſollten ihn alle bitten und 
allen Fleiß anwenden, daß er ſie bei der Meifterwahl bei 
ihrem Ordensbuche und der alten Gewohnheit bleiben laſſe. 
Die Landkomthure und Komthure in Deutſchland ſollten fort⸗ 
hin nur Grafen, Freiherren, Ritter und Knechte, nach alter 
guter Gewohnheit, nicht aber Buͤrger oder Bauern um ihrer 
Guͤter oder ihres Geldes willen in den Orden aufnehmen; 
ſchicke man ſolche oder uͤberhaupt Leute von nicht guter Geburt 
inskuͤnſtige nach Preuſſen, fo ſolle man fie wieder zuruͤckſen⸗ 
den, von wo fie gekommen ſeyen.“ So lauteten die wichtig⸗ 
ſten Beſtimnumgen; man ſieht, wie die meiſten darauf berech⸗ 
net waren, des Hochmeiſters Gewalt zu beſchraͤnken und die 
Gebietiger gegen ihn freier zu ſtellen. 


1) Die Beſtimmungen, überſchrieben: „Vorbundt der Gebietiger 
im Orden etlicher Artitel, die ein konftiger Hohmeiſter czu halten vor⸗ 
ſprechen und czuſagen fol“, in zwei gleichzeitigen Abſchriften Schbl. LXXI. 


202 Verhandlungen wegen des Jubeljahres. (1450.) 


Da brach das Jubeljahr 1450 an und mit ihm kam auch 
in Preuſſen alles in Bewegung; uͤberall traf man Anſtalten 
zur Pilgerreife nach Rom. Die Ordensgebietiger geriethen in 
Verlegenheit, was zu thun ſey, denn trotz aller Bemuͤhungen 
des Ordensprocurators, für Preuſſen einen beſondern Ablaß 
auszuwirken, war der Papſt nur dahin zu bewegen geweſen, 
einen Kardinal⸗Legaten fuͤr Deutſchland zu ernennen, der dort 
den Ablaß des gnadenreichen Jahres ertheilen ſollte; es blieb 
ungewiß, ob er auch nach Preuſſen komme; der Papſt hatte 
nur verſprochen, dem Hochmeiſter auch abweſend den Ablaß 
und zwar billig geben zu wollen. Bevor man indeß dieß 
in Preuſſen erfuhr, mußten hier Maaßregeln getroffen werden, 
weil das Pilgern aus dem Lande nur bis Weihnachten unter⸗ 
ſagt war. Die Biſchoͤfe waren daruͤber verſchiedener Meinung; 
der Kulmer und Pomeſanier riethen, das Volk am Pilgern 
nicht zu hindern, weil man ſonſt nach des Papſtes Bulle in 
große Buße verfalle, der Samlaͤnder dagegen, die Gebietiger 
moͤchten ſich mit den Magiſtraten der Staͤdte dahin vereinigen, 
dem Volke die gerade jetzt ſo große Gefahr der Reiſe durch 
Polen und Deutſchland vorzuſtellen und es zu bereden ‚ bie 
Pilgerſchaft noch aufzuſchieben bis zur neuen Meiſterwahl; der 
neue Meiſter werde dann wohl Mittel finden, den Ablaß noch 
ins Land zu bringen.) Bald indeß kam vom Ordensprocu⸗ 
rator die Nachricht an: er habe den Papſt für die Gewaͤhrung 
ſeines Geſuches keineswegs geneigt gefunden; für die Ordens⸗ 
brüber und das Geſinde hoffe er noch eine Gnadenbulle aus: 
zuwirken, nur für des Ordens Unterthanen werde es ihm nicht 
gelingen. Der Rom. Hof nämlich hatte, wie man erfuhr, 


1) Schr. des Procurators, d. Rom am T. Nicolai (1449) Schbl. I. 42. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien an d. Statthalter, d. Rie⸗ 
ſenb. Mittw. nach h. drei Könige 1450 Schbl. LXIII. 45. Schr. des 
v. Kulm, d. Loͤbau Freit. nach Epiphan. 1450 Schbl. LXIV. 52. 
Schr. des v. Samland, d. Fiſchhauſen Sonnab. vor Epiphan. 1450 
Schbl. LXIII. 44. 

3) Schr. der Gebietiger an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Freit. 
vor Valentini 1450 Regiſtr. IX. 214. 


Verhandlungen wegen des Jubeljahres. (1450.) 203 


es ſchon übel aufgenommen, daß man im Ordenslande das 
Pilgern nach Rom bereits unterſagt; es kam hinzu, daß der 
Papſt den erledigten Biſchofsſtuhi von Leſlau einem gewiſſen 
Laſſowski verliehen und den Orden aufgefordert hatte, ihn auch 
in die unter dem Orden gelegenen Güter einzuweiſen. Der 
verſtorbene Hochmeiſter hatte dem auch Folge geleiſtet.) Nun 
ließ aber der Koͤnig von Polen den Gebietigern melden, daß 
er im Einverſtaͤndniſſe mit dem Kapitel zu Leſlau den Johan⸗ 
nes Gruſchinski zum Biſchofe von Leſlau ernannt habe, ſie 
auffordernd, den Guͤnſtling des Papſtes auf keine Weiſe zu 
unterſtuͤtzen, und dabei drohend, er werde ſeine und des Kapi⸗ 
tels Wahl mit aller Kraft, ſelbſt auch unter Blutvergießen 
aufrecht zu erhalten ſuchen. Die Gebietiger, des Koͤnigs Worte 
auf feindliche Maßregeln gegen den Orden deutend, ließen ihm 
antworten: fie würden die unter dem Orden gelegenen Guͤter 
dem laſſen, den der König ſende. Um jedoch auch des Pap⸗ 
ſtes Zorn abzuwenden, trugen ſie dem Procurator auf, ihm 
die durch den König bedraͤngte Lage des Ordens vorzuſtellen 
und zu verhuͤten, daß er des Ordens Unterthanen mit Bann 
und Interdict ſtrafe. 

Um ſo mehr wuͤnſchte man jetzt ſo bald als moͤglich wie⸗ 
der ein Haupt an der Spitze des Ordens zu ſehen, zumal da 
auch Verhandlungen mit dem Koͤnige von England wegen 
eines Tages zu Utrecht obwalteten, wobei ſich die großen 
Staͤdte des Landes nicht eben fuͤgſam zeigten, indem ſie alle 
Beiträge zu den Koſten der Botſchaft verweigerten,) uͤberdieß 


1) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Mar. am T. 
Lamberti 1449 Regiſtr. IX. 412. 

2) Schr. der Gebietiger an d. Procurator, d. Mar. Donnerſt. vor 
Purif. Maria 1450 Regiſtr. IX. 208. Schr. des HM. an denſelben, 
d. Mar. Mittw. nach Oſtern 1450 Regiſtr. IX. 229. 

3) Schr. der Gebietiger an d. Koͤnig v. England, d. Mar. 27 
Januar 1450 Regiſtr. IX. 207. Schr. der. an Luͤbeck, d. Mar. au 
T. Agatha 1450 ebendaſ. p. 211. Schr. der Stadt Kulm und der 
uͤbrigen Staͤdte an den Statthalter, d. am T. Apollonia 1450 Schl. 
XXX. 111. 139 — 141. 


204 Wahl des HM. Ludwig v. Erlichshauſen. (1450.) 


auch der alte Koͤnig Erich wieder Unterhandlungen anknuͤpfen 
wollte, die, wie er vorgab, von Wichtigkeit ſeyn ſollten.) Da 
bereits im Maͤrz die beiden Meiſter von Livland und Deutſch⸗ 
land ihre Herankunft zur Meiſterwahl gemeldet, erſterer ſchon 
ſehr kraͤnkelnd, letzterer mit dem Wunſche, den Wahltag etwas 
weiter hinauszuſchieben,?) ſo erging ſofort an alle Praͤlaten 
und Konvente die Verordnung, daß am Tage der Meifterwahl 
in Kloͤſtern und Kirchen des ganzen Landes in feierlichem Got⸗ 
tesdienſte Gott zum Gelingen einer guten Wahl angerufen wer⸗ 
den ſolle.) Die Wahl war jetzt auf den Tag S. Benedicts 
oder den einundzwanzigſten Maͤrz feſtgeſetzt.) Da erkoren die 
Gebietiger, uneingedenk der Warnung des verſtorbenen Mei⸗ 
ſters ſeinen Brudersſohn Ludwig von Erlichshauſen, kurz zu⸗ 
vor noch Komthur zu Mewe, zum Hochmeiſter völlig einſtim⸗ 
mig, denn von einer zwieſpaͤltigen Wahl reden nur ſpaͤtere 
Berichte. Warum die Stimmen ſich alle in ihm vereinigten, 
iſt ungewiß, “ vielleicht weil er ſich am leichteſten in die vor⸗ 
erwaͤhnten Beſtimmungen fuͤgte oder auch weil er vielen nach⸗ 
giebiger und geſchmeidiger ſchien, als ſich der letzte Meiſter be⸗ 
wieſen. In einem großen Gebietigeramte hatte ſich Ludwig 


1) Schr. des Koͤniges Erich an d. Komthur v. Danzig, d. Ruͤ⸗ 
genwalde Dienſt. vor Faſtelabend 1450 Schbl. XXXI. 48. 

2) Schr. des Livl. Meiſters an d. Statthalter, d. Tuckem Mont. 
nach Invocavit 1450 Schbl. LV. 24. Schr. des Deutſchmeiſters, d. 
Berlin Donnerſt. vor Reminiſcere 1450 Schbl. DM. 85. 

3) Rundſchreiben an die Praͤlaten und Konvente, d. Mar. Mont, 
nach Reminiſcere 1450 Regiſtr. IX. 216. 

4) Im Fol. A. 139 heißt es uͤber den Wahltag „am tage des 
heil. Abtes Benedicti, do die ſonne war in Ariete und der Mond in 
Cancro, das die Astronomi nennen eyn czuruͤckegehende zeychen.“ 

5) Ueber den 21 Maͤrz als Wahltag kann kein Zweifel ſeyn; wir 
haben darüber die beſtimmteſten Angaben im Regiſtr. IX. 217 u. X. 
114; vgl. Schitz b. 161. Bachem a. a. O. S. 44; ebenſo über die 
Einſtimmigkeit in der Wahl; Schr. d. HM. an den Procurator, d. 
Mar. Donnerft. nach Oſtern 1450 Regiſtr. IX. 227. Es iſt daher 
unrichtig, daß viele im Wahlkapitel ibre Stimmen dem Heinrich Reuß 
v. Plauen gegeben hätten, wie Kotzebue B. IV. 111 anfuhrt; vgl. 
Fol. A. 139. 


Verhandlung wegen der Huldigung. (1450.) 205 


noch keineswegs für ausgebreitete Geſchaͤftsverwaltung tüchtig 
und bewährt gezeigt. Früher meiſt nur geringern Aemtern, wie 
dem Vogtamte zu Leipe vorſtehend, war er auch nachmals nur 
zum Amte eines Komthurs gelangt. Sein Vetter, der vorige 
Meiſter, hatte ihm einigemal auswaͤrtige Sendungen, nament⸗ 
lich auch zum Rom. Könige Übertragen; er ſelbſt ſcheint ihn zu 
einem hoͤhern Ordensamte nicht für fähig gehalten zu haben. » 
Alsbald erließ der neue Meiſter an die Ritterſchaft und 
Städte ein Umſchreiben, ihren Abgeordneten einen Tag beſtim⸗ 
mend zur Berathung uͤber die zu leiſtende Huldigung. Sie 
kamen, aus jedem Gebiete zwei der Angeſehenſten von der 
Ritterſchaft und zwei aus jeder großen Stadt; aber ſie traten 
ſogleich mit der Erklaͤrung auf: es ſey Herkommen, daß ein 
Meiſter bei der Huldigung ſtets die geſammte Ritterſchaft, 
Arme wie Reiche, Geringe wie Vornehme zuſammenberufe, die 
aus ihrer Mitte Bevollmaͤchtigte geſandt, denen ſich dann auch 
die großen und kleinen Staͤdte angeſchloſſen haͤtten. Da ſol⸗ 
ches jetzt nicht geſchehen ſey, ſo moͤge der Meiſter durch ein 
neues Umſchreiben zuvor auch die Uebrigen zur Verſammlung 
auffordern. Ludwig indeß widerſetzte ſich der Neuerung, be⸗ 
hauptend, daß auch unter ſeinem Vorfahr nur die Angeſehen⸗ 
ſten der Ritterſchaft und nur die großen Staͤdte berufen wor⸗ 
den ſeyen; auch alte Schriften, in denen man nachforſchte, 
wieſen nicht aus, daß je die kleinen Staͤdte verſammelt wor⸗ 
den. Allein Lande und Städte beharrten bei ihrer Forderung, 
obgleich auch der Deutſchmeiſter und die oberften Gebietiger ſich 
ins Mittel legten. So mußte der Meiſter endlich nachgeben, 
da man ihm zuſagte, daß ſonſt nichts Unbilliges auf dem Vers 


handlungstage vorgenommen werden ſolle. Er ſollte zu Elbing 
Statt finden. 2 


1) Im J. 1434 war Ludwig v. Erlichshauſen Kompan des Kom⸗ 
thurs v. Brandenburg, vom J. 1436 bis 1439 Kompan des HM., 
von da bis 1447 Vogt von Leipe; als ſolcher ward er 1446 zum Roͤm. 
König geſandt; im J. 1447 wurde er Komthur zu Mewe. 

2) Die Verhandlungen im Regiſtr. X. 114 — 116. Schbl. LXXVII. 
76. Ordens⸗Chron. p. 184. 


206 Verhandlung wegen der Huldigung. (1450.) 


So erweckte ſchon Ludwigs erſter Schritt wieder neues 
Mißtrauen; es ward bald noch vermehrt, als er die Stadt 
Marienburg durch guͤnſtige Zuſagen bewog, aus dem Bunde 
auszutreten, denn man ſah auch dieſes als eine feindliche 
Maaßregel gegen die Verbuͤndeten an.) Alſo traten nun auch 
von allen Seiten die Intereſſen der Parteien wieder ſchaͤrfer 
hervor. Die Staͤnde, wieder vereint, beſchloſſen in ihren Be⸗ 
rathungen: man wolle dem Meiſter zwar huldigen, jedoch nur 
mit demſelben Eide wie ſeinen Vorfahren, dabei aber auf Zu⸗ 
ſicherung ihres Bundes, auf Abſtellung der oft geruͤgten, ſeit⸗ 
dem noch vermehrten Beſchwerden und auf einen jährlichen 
Richttag mit allem Ernſte dringen.) Viele im Orden riethen 
zum Nachgeben, wenigſtens zum Schein, um die Stände des 
Bundes wegen vorerſt zu beruhigen. Andere widerſprachen mit 
bitterer Heftigkeit, an ihrer Spitze der Deutſchmeiſter, der jede 
freundliche Verhandlung und alle Nachgiebigkeit aufs entſchie⸗ 
denſte verwarf, zu offener Gewalt gegen die Meuterer anreizte 
und kraͤftige Vertretung der Rechte des Ordens beim Papſte, 
Kaiſer und Reich verhieß, ſobald es nur der Hochmeiſter nicht 
daran fehlen laſſe, die Widerſpaͤnſtigen mit aller Kraft im 
Zaume zu halten. ® 


Er verrieth indeß nur zu bald unredliche Abſichten, als 
daß ſein Wort beim Meiſter haͤtte Vertrauen erwecken koͤnnen; 
denn in denſelben Tagen brachte er auch von neuem die Streit⸗ 
ſache wegen der Statuten Werners von Orſeln zur Sprache, 
ſich beim Hochmeiſter beklagend, daß der Meiſter von Livland 
unter dem vorigen Hochmeiſter einen Widerruf dieſer Statuten 
ausgeſtellt habe, und verlangend, er ſolle dieſen Widerruf wie⸗ 
der zuruͤcknehmen. Der Livlaͤndiſche Meiſter aber, vorausſehend, 


1) Die urkundliche Zuſage des HM. fuͤr die Stadt Marienburg 
bei ihrem Austritt aus dem Bunde, d. Mar. Mittw. vor Oſtern 1450 
Schbl. 42. 4. u. LXXVII. 74 (Abſchrift), gedruckt in Voigt Geſch. 
Marienb. S. 573 vgl. S. 396. 

2) Schlitz p. 161. 

3) Schütz I. c. Ordens⸗Chron. p. 184. 


Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 207 


daß hier eine neue Quelle zu Hader und Zwietracht eroͤffnet 
werde, war dazu keineswegs geneigt. Der Deutſchmeiſter 
dagegen ging offenbar darauf aus, den Statuten wieder volle 
Geltung zu verſchaffen? und darum eben mußte er auch wuͤn⸗ 
ſchen, daß der Zwiſt des Hochmeiſters mit den Staͤnden vor⸗ 
erſt wenigſtens noch fortdauere. 

Im Frühling aber war im Lande alles in voller Bewe⸗ 
gung, ein Theil des Adels, der Buͤrger und des Landvolkes, 
ſelbſt viele von den Dienern und dem Hofgeſinde des Hoch⸗ 
meiſters im Begriffe, die Pilgerfahrt nach Rom anzutreten, 
denn des Papſtes Zorn fuͤrchtend hatte der Meiſter es jetzt jedem 
frei geſtellt, die Heimat zu verlaſſen und die Zahl der Auswan⸗ 
dernden war bald ſo groß, daß man fuͤrchtete, das Land werde 
halb verwuͤſtet liegen bleiben und der groͤßten Gefahr ausge⸗ 
fett feyn.? Ein anderer Theil der Ritterſchaft und der Buͤr⸗ 
ger eilten nach Elbing hin, wo am einundzwanzigſten April 
die wichtige Tagfahrt eroͤffnet ward. Der Hochmeiſter ließ zu⸗ 
erſt die Staͤnde um ihre Erklaͤrung befragen, wie ſie die Hul⸗ 
digung zu leiſten gedaͤchten, ſeiner Seits verlangend: man 
ſolle ihm huldigen, wie man es ſeinem Vorfahr gethan. Allein 
die Staͤnde, ihre Antwort verſchiebend, traten dem Meiſter 
mit der Forderung entgegen: er ſolle, damit die Verhandlung 
uͤber die Huldigung und andere Dinge „ohne allen Verfang“ 
geſchehe, zuvor ſeine Schreiber und Gelehrten aus der Ver⸗ 
ſammlung entfernen. Der Meiſter fand das Verlangen um ſo 
befremdender, da die Gelehrten ſeine geſchworenen Raͤthe und 


1) Schr. des Livl. Meiſters, d. Koͤnigsb. Dienſt. zu Oſtern 1450 
Schbl. XX. 39. 

2) Aus dem erwähnten Schr. des Livl. Meiſters dürfte man faft 
ſchließen, daß der HM. vom Deutſchmeiſter ſchon halb und halb für 
die Statuten gewonnen geweſen ſey. 

3) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Freit. nach 
Quaſimodogen. 1450 Regiſtr. IX. 231 — 232. Schr. des HM. an 
den Kurfürſten v. Brandenburg, d. Mar. Sonnt. vor Michaelis 1450 
Regiſtr. IX 273. Fol. A. 139 — 140, wonach ſehr viele Menſchen, 
Reiche u. Arme, Maͤnner u. Frauen nach Rom ausgewandert waren. 


208 Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 


die Schreiber ſeine beſtaͤndigen Begleiter auf ſolchen Tagfahr⸗ 
ten waren, zumal da auch die Stände ſelbſt ſolche unter fich 
hatten, welche Fremde und nicht einmal ſeine Unterthanen 
waren. Allein ſo entſchieden er ſich auch widerſetzte, ſo be⸗ 
harrten die Staͤnde doch mit ſolcher Hartnaͤckigkeit darauf, daß 
er dennoch endlich nachgeben und feine Doctoren und Schrei⸗ 
ber entlaſſen mußte.) Nun traten die Staͤnde mit ihm, dem 
Deutſchmeiſter und den Gebietigern in unmittelbare Verhand⸗ 
lungen, klagend über allerlei Gebrechen und Schmaͤlerungen 
ihrer Privilegien und Freiheiten, „denn, ſagten fie, wir find 
hieher gekommen, um unſere Gebrechen vorzubringen.“ „Ihr 
wollet nichts als Neuerungen“, unterbrach ſie der Deutſchmei⸗ 
ſter. „Was nennet ihr Neuerungen, wuͤrdiger Herr? rief ihm 
Hans von Czegenberg, der Wortführer der Stände, zu; ihr habt 
geaͤußert, würden wir ſolche Dinge nicht abthun, fü muͤſſe man 
darauf denken, wie man ſich ihnen entgegenſtelle. Uns aber 
bedimket, ihr fangt Neuerungen mit dem Gelde an, das ihr 
dem Hochmeiſter verweigert; bedenket jedoch, es giebt im Lande 
noch manche Leute, die wie ich, Herr Hans von Baiſen und 
andere die Landesſitte wohl kennen. Ihr regt nur Mißtrauen 
gegen uns an.“ Der Hochmeiſter, das Geſpraͤch unterbrechend, 
brachte jetzt die Sache der Huldigung wieder zur Sprache; 
allein die Staͤnde wichen der Verhandlung aus, indem ſie dem 
Meiſter eine Schrift uͤberreichten, voll von Klagen uͤber eine 
Menge von Mißbraͤuchen und Gebrechen in der Landesordnung, 
mit Bitten und Vorſchlaͤgen zu ihrer Abſtellung. Sie klagten, 
daß denen im Bunde ſelbſt in rechtfertigen Sachen vor der 
Landesherrſchaft nie ſolches Recht widerfahre, wie denen, die 
nicht im Bunde ſeyen; ſie haͤuften eine Menge von Beſchwer⸗ 
den und Anforderungen Über den laͤngſt verſprochenen Richttag, 
Belaͤſtigung der Güter mit Zins und Zehnten, freien Guͤter⸗ 
verkauf, Beſtrafung nur nach Recht und unparteüſchem Ge⸗ 


1) Es heißt: „ſo das der Herre Homeifter, uff das her ſtillen 
mochte ire ungebertigkeit und ſenftigen ire geſtrengikeit, obirgab durch 
ſolchen gedrang mit ganzer bitterkeit ſeyne Doctores.“ 


* 


Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 209 


richt und nie ohne Urtheil und Spruch; ſie beſchwerten ſich 
auch, daß Handel und Wandel, Maͤlzen und Brauen, was 
ſonſt nur Sache der Ordensſchaͤffereien geweſen, jetzt tägliches 
Geſchaͤft der Ordensherren ſey, wodurch den Staͤdten ihre Nah⸗ 
rung entzogen werde. Dem entgegnete aber ſogleich der Mei⸗ 
ſter mit den Worten: „Je mehr Kaufleute, deſto beſſer für das 
Land; was Ruſſen, Polen und Fremden uͤberhaupt erlaubt 
iſt, muß auch den Ordensbrüdern frei ſtehen.“ Aehnliche For⸗ 
derungen haͤuften ſich dann noch in großer Zahl; jede Stadt 
erhob ihre eigenen Klagen, Elbing über Störung in ihrer Fi⸗ 
ſcherei, Braunsberg uͤber Verkürzung ihrer Gerechtſame durch 
den Biſchof, Königsberg uͤber die Malzſteuer, ebenſo Danzig, 
die Städte in Pommerellen, Kulmerland und Niederland u. ſ. w.“) 

Der Hochmeiſter antwortete auf alle diefe Klagpunkte bald 
zuſagend, bald auf ſpaͤtere Zeiten vertröͤſtend, bald nähere Un⸗ 
terſuchung verheißend. Zunaͤchſt aber verlangte er der Staͤnde 
Antwort Über die Huldigung. Otto von Plenchow indeß und 
Auguſtin von der Schewe entgegneten im Namen der Ritter⸗ 
ſchaft: des Meiſters Antworten auf ihre Beſchwerden ſeyen zu 
kurz und ungenügend; werde er ſich befriedigend Über die Ab⸗ 
ſtellung der Landesgebrechen aͤußern, dann wollten ſie ihm auch 
gerne die Huldigung zuſagen. Da brach zornig der Hochmei⸗ 
ſter in die Worte aus: „Ihr habt auf dem Tage zu Marien⸗ 
burg mir verſprochen, daß hier nur uͤber die Huldigung und uͤber 
Beſtellung der neuen Regierung verhandelt werden ſolle. Jetzt 
bringt ihr allerlei Haͤndel vor, die unſerem Orden Schaden 
thun, aber das will ich euch gedenken, lebte ich auch zehn 
Jahre noch und laͤnger; ich werde es euch nie vergeſſen.““ — 


1) Dieſe Beſchwerden und Anforderungen der Lande und Staͤdte 
im Regiſtr. X. 118 — 122 mit des HM. Antworten und ohne diefe 
Schbl. LXXVII. 71. Die Klagen der einzelnen Städte find zum 
Theil von Intereſſe, indem ſie uͤber den ſinkenden Wohlſtand im Lande 
manchen Aufſchluß geben, nur würde ihre Mittheilung hier zu weite 
laͤuftig ſeyn. 

2) In dieſem Zuſammenhange ſprach der HM. die obigen Worte 
und ſo erhalten ſie auch eine beſtimmtere Beziehung, als in der Art, 

4 


210 Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 


Da erſchien am andern Tage die ganze Verſammlung der Ber 
vollmächtigten vor dem Meiſter, ihn befragend: was es mit 
diefen Drohworten zu bedeuten habe? Er laͤugnete jedoch, daß 
es Drohungen geweſen und ſuchte die aufgeregte Stimmung 
durch Milde wieder zu beſchwichtigen. Man glaubte nun darin 
ein Mittel zur Ausgleichung zu finden, daß man von beiden 
Theilen zwoͤlf Bevollmaͤchtigte ernannte, die ſich uͤber die wich⸗ 
tigſten Punkte berathen und verſtaͤndigen ſollten; allein es kam 
bald auch zwiſchen ihnen zu heſtigen Erklaͤrungen, zumal durch 
den Komthur von Elbing. Man brachte den Richttag zur 
Sprache, indem die Staͤnde verlangten, daß auch die Ordens⸗ 
herren, die Praͤlaten und Domherren vor dem Richttage ver⸗ 
klagt werden koͤnnten. Die Ordensbevollmaͤchtigten wieſen dieß 
als den Ordensprivilegien widerſtreitend zuruck. Man konnte 
in nichts zur Entſcheidung kommen. Da ward auf Hanſens 
von Baiſen Vorſchlag die Zahl der beiderſeitigen Bevollmaͤch⸗ 
tigten auf vier vermindert und die der Staͤnde legten jetzt dem 
Meiſter gewiſſe Beſtimmungen vor, die er den Ständen ver: 
ſchreiben ſollte. Da er fie aber veränderte, fo kam es auch 
hierüber trotz aller Verhandlungen zu keiner Vereinigung. Auch 
eine Verſchreibung des Hochmeiſters, worin er ihnen verſprach, 
ſie bei allen ihren Rechten und Freiheiten zu laſſen und zum 
Verhoͤre ihrer Klagen uͤber Verkuͤrzung ihrer Rechte jaͤhrlich 
eine allgemeine Tagfahrt zu halten, ward als ungenuͤgend zu⸗ 
ruͤckgewieſen, ebenſo ſein Anerbieten, ihre Streitſache durch 
ſchiedsrichterliches Urtheil des Roͤm. Koͤniges, des Papſtes oder 
der Kurfürften entſcheiden zu laſſen. Endlich legten die Stande 
dem Meiſter noch einmal eine Anzahl von Artickeln uͤber Ge⸗ 
brechen und Maͤngel vor, deren Abſtellung ſie unbedingt ver⸗ 
langten.) Er ſah ſich genöthigt, in ihr Verlangen zu willi⸗ 


wie fie Kotzebue B. IV. 112, der hier nur Schütz p. 162 vor ſich 
hatte, anführt. Ueberhaupt iſt Kotzebue in feinem Berichte über 
dieſe Tagfahrt hoͤchſt unvollſtaͤndig. 

1) Namentlich die Forderung wegen Zinsabloͤſung, ferner daß alte 
Leute ihre Guͤter verkaufen duͤrften, niemand gerichtet werde ohne Ur⸗ 
theil und Recht, freies Mahlrecht u. ſ. w. 


Huldigung. (1450.) 211 


gen, um vorerſt wenigſtens wegen der Huldigung an das er⸗ 
wuͤnſchte Ziel zu kommen. Da erhob ſich aber ein neuer Zwiſt 
uͤber die Form des Huldigungseides; der Meiſter verlangte ihn 
wie zu Pauls von Rußdorf Zeit; die Staͤnde dagegen wollten 
ihn nur leiſten wie zur Zeit Winrichs von Kniprode, wo Or⸗ 
den und Land in Bluͤthe geſtanden. Sie wagten endlich ſelbſt 
einen Huldigungseid vorzuſchreiben, den fie leiſten wollten, und 
der Meiſter und die Gebietiger mußten ſich bequemen, ihn an⸗ 
zunehmen, „da es ja anders nicht ſeyn konnte.“ Aber voll 
Zorn verließ alsbald der Deutſchmeiſter die Tagfahrt.“ 


Marienburg huldigte zuerſt, ſchwur jedoch noch den alten 
Eid, wie unter den fruͤhern Hochmeiſtern. Darauf trat Lud⸗ 
wig nach Oſtern ſeine Huldigungsreiſe durchs Land an. Ueberall 
aber leiſteten ihm die Bundesverwandten in Stadt und Land 
die Huldigung auf die zu Elbing verfaßte Eidesformel, wor⸗ 
auf er dann jedesmal die Verſicherung gab: er werde die 
Staͤnde allzumal bei allen ihren Privilegien, Freiheiten und 
Rechten laſſen, die fie von feinen Vorfahren erhalten, und fie 
eher vermehren und verbeſſern als verkuͤrzen. Haͤufig wurden, 
wie zu Danzig und andern Orten die Klagen uͤber Maͤngel 
und Gebrechen und die Bitten um Abaͤnderung und Verbeſſe⸗ 
rung der Landesordnung wiederholt.) Der Meifter aͤnderte 
und verbeſſerte auch, ſo viel er konnte, erwarb ſich auch da⸗ 
durch manchen Freund, daß er eine große Zahl von Begnadi⸗ 
gungsbriefen für Geächtete ausſtellte, die ſich auf feiner Hul⸗ 
digungsreiſe bei ihm einfanden und wie auch ſonſt ſchon Sitte 
war, unter feinem Schutze in die Städte zuruckkehrten, aus 
denen ſie gefluͤchtet waren. Es geſchah jedoch ſtets nur unter 


1) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt ſehr vollſtaͤndig im 
Regiſtr. X. 116 — 132 u. Schbl. LXXVII. 76. Schitz p. 162 hat 
darüber wenig; noch weniger erfährt man bei Baczko B. III. 242 — 
243 u. Kotzebue B. IV. 112 über die Vorgänge auf dieſer Tagfahrt. 

2) Ueber die Huldigungsreiſe und die Art der Huldigung die ge⸗ 
nauſten Angaben im Regiſtr. IX. 374 — 378. X. 132 — 133; vgl. 
Ordens⸗Chron, p. 184, 


14 * 


212 Der Biſchof v. Ermland u. d. Deutſchmeiſter. (1450.) 


der Bedingung, daß ſie ſich mit ihren Gegnern ausgleichen 
würden, D 


Die Gaͤhrung im Lande aber war noch keineswegs be⸗ 
ſchwichtigt. Im Ermland vorzuͤglich erhielt ſie durch den Bi⸗ 
ſchof neue Nahrung. Die Klagen der Staͤdte, beſonders 
Braunsberg uber vielfältig von ihm erduldetes Unrecht kamen 
von neuem vor den Hochmeiſter, deſſen Schutz und Huͤlfe ſie 
in Anſpruch nahmen. Allein der Biſchof wollte vor keinem 
andern Richter ſtehen als dem Papſte und feinem Erzbiſchofe. 
Auch er ſtimmte, wie der Deutſchmeiſter, für ernſte Strenge 
gegen die Aufrührer und ſchrieb deshalb mit bittern Vorwuͤrfen 
dem Biſchofe von Leſlau: „Hart, aber wahrhaft iſt der Aus⸗ 
ſpruch des heiligen Auguſtin: ein Praͤlat, der nicht der Unter⸗ 
thanen Laſter züchtigt, iſt mehr einem ſchamloſen Hunde als 
einem Biſchofe zu vergleichen. Wer zu bekannten Verbrechen 
ſchweigt, der hat darein gewilligt. Unwiſſenheit entſchuldigt 
den Hirten nicht, deſſen Schafe der Wolf verzehrt, denn er 
ſoll wachen!“ Durch ſolche Aeußerungen erbittert, erklärten 
die Stände dem Hochmeiſter in kuͤhner Sprache: „Könnt ihr 
nicht des Biſchofs Richter ſeyn, ſo ſeyd ihr auch ſein Beſchir⸗ 
mer nicht, fondern wir wollen ſelbſt mit ihm zu thun haben, 
ſollte es ſogar auch Haͤlſe koſten.“ So drohten die Stände 
ſchon offen mit bewaffneter Selbſthuͤlfe.“) 


Vor allem aber hatte der Deutſchmeiſter auf die Stim⸗ 
mung im Lande hoͤchſt nachtheilig eingewirkt. In ſeiner zwei⸗ 
deutigen Stellung hatte keine Partei Vertrauen zu ihm faſſen 
koͤnnen. In den Konventen ging von ihm das Geruͤcht um⸗ 
her: er eigentlich habe im Stillen den Huldigungseid, den die 


1) Die Lifte dieſer Geächteten und die Formel der für fie ausge⸗ 
ſtellten Begnadigungsbriefe Regiſtr. IX. 378 — 379. Ihre große Zahl 
wirft ebenfalls kein guͤnſtiges Licht auf den ſittlichen Zuſtand des Lan⸗ 
des. Wir finden z. B. als Geächtete aufgezaͤhlt für Elbing 25, für 
Danzig 53, für Thorn 43, für Königsberg 37 u. ſ. w. 

2) Kotzebue B. IV. S. 112. 

3) Schülz p. 162. 


Der Biſchof v. Ermland u. d. Deutſchmeiſter. (1450.) 213 


Stände dem Hochmeiſter vorgeſchrieben, angerathen und geneh⸗ 
migt; er wandte ſich deshalb auch an mehre Komthure, um 
feine Unſchuld zu betheuern.) Dem Meifter aber erklärte er: 
er werde die Art, wie Lande und Staͤdte durch den Huldi⸗ 
gungseid (obgleich er ibn für den Augenblick gebilligt )) des 
Ordens Privilegien und Rechte geſchwaͤcht, keineswegs unge⸗ 
tügt laſſen und fey entſchloſſen, fie deshalb hinaus ins Reich 
vor Gericht zu laden. Der Hochmeiſter, ihn auf die Gefahr 
und Erbittterung, die er dadurch anregen werde, hinweiſend, 
rieth aufs entſchiedenſte ab, wandte ſich aber zugleich auch an 
den Meiſter von Livland, denn auch dieſen und die Gebietiger 
in Livland hatte jener um Beiſtand in ſeinem Plane angeſpro⸗ 
chen. Er bat ihn aufs dringendſte, ſeine Gebietiger vor dem 
Unternehmen des Deutſchmeiſters nachdruͤcklich zu warnen, da 
es offenbar zu des Ordens Schaden und Schande fuͤhren muͤſſe, 
denn noch immer waren es eigentlich die Statuten Werners 
von Orſeln, denen er auf irgend eine Weiſe waͤhrend der Be⸗ 
wegungen und Wirren in Preuſſen neue Geltung zu verſchaffen 
füchte. 9) Mittlerweile indeß hatte er ſich, ohne ſich uͤber ſeine 
Plane weiter auszulaſſen, voll Groll und Erbitterung aus dem 
Lande entfernt. Um ſo erfreulicher war für den Hochmeiſter 
die Erklarung des Meiſters von Livland: er habe dem Deutſch⸗ 
meiſter aufs entſchiedenſte ſein Vorhaben, „Lande und Staͤdte 
mit geiſtlichem und weltlichem Rechte anzuſtrengen“, abgerathen 
und ihm vorgeſtellt: was jetzt bei dieſer Huldigung geſchehen 
ſey, konne kuͤnftig auf paſſendem Wege und mit Glimpf wies 
der anders gemacht werden; verfahre man jetzt mit Landen 
und Städten in der Art, wie er wolle, fo ſey unfehlbar 
ſchwere Bedraͤngniß und großes Verderben für den Orden zu 


1) Schr. des Deutſchmeiſters an die Komthure d- Brandenburg, 
Elbing, Balga, Danzig u. Thorn, d. Dienſt. nach Jocunditat. 1450 
Schbl. DM. 86. 

2) Schr. des HM. an den Livland. Meiſter, d. Preuſſiſch⸗Mark 
Mittw. nach Himmelf. 1450 Regiſtr. IX. 241. 

3) Der HM. ſagt dieß im erwähnten Schr. an den Livlaͤnd. Mei⸗ 
ſter ausdruͤcklich. 


214 Auswärtige Verhaͤltniſſe. (1450.) 


fürchten. Die Sache möge alſo jetzt in Ruhe geſtellt bleiben, das 
ſey aller Gebietiger Meinung.) So mußte auch der Deutſch⸗ 
meiſter, zumal vom noͤthigen Gelde zur Ausführung feines 
Planes entblößt und durch andere Verhaͤltniſſe in Deutſchland 
bedraͤngt, fein Vornehmen jetzt aufgeben. 2 


So trat jetzt im Lande eine gewiſſe Stille ein und der 
Meiſter gewann Zeit, ſeinen Blick auch auf die aͤußern Ange⸗ 
legenheiten hinzuwenden. Die Verhältniffe zu Polen hatten 
ſich zwar nicht merklich geaͤndert; indeß konnte man im Orden 
doch nie rechtes Vertrauen zum Koͤnige gewinnen, denn bei 
jeder Nachricht von Ruͤſtungen und beabſichtigten Heerfahrten 
in Polen ließ man aͤngſtlich ausforſchen, was man damit be⸗ 
zwecke.) Die Handelsverhaͤltniſſe zwiſchen Polen, Litthauen 
und Preuſſen ließen immer noch reichlichen Stoff zu allerlei 
Klagen und Beſchwerden uͤbrig.) Die Streithaͤndel zwiſchen 
Daͤnemark und Schweden beruͤhrten den Orden jetzt weniger 
als früher. Da die Streitfrage uͤber Gothlands Beſitz auf 
einem Verhandlungstage zu Calmar endlich ihre Loͤſung erhal 
ten ſollte, ſo erſuchte Karl von Schweden den Hochmeiſter, ver⸗ 
trauend auf deſſen Huld und Freundſchaft, den Tag durch 
zwei Gebietiger zu beſenden, die mit andern kundigen Herren 


1) Schr. des Livländ. Meiſters an d. HM. d. Riga Sonnt. sub 
octav. corpor. Chr. 1450 Schbl. X. 23. Dankſchreiben des HM. an 
den Livl. Meiſter, d. Schlochau Donnerſt. nach Viti u. Modeſti 1450 
Megiſtr. IX. 249. 

2) In ſpaͤtern Schreiben gedenkt der Deutſchmeiſter der Verhaͤlt⸗ 
niſſe in Preuſſen nicht weiter. Uebrigens hatte er dem Livlaͤnd. Mei⸗ 
ſter vorgeſchlagen, ſeinen Plan auf gemeinſchaftliche Koſten auszufuͤh⸗ 
ren. Den Deutſchmeiſter beſchaͤftigte in Deutſchland beſonders der 
hoͤchſt traurige Zuſtand der dortigen Balleien, wie ſeine Schreiben 
Schbl. DM. 43. 44. u. Schbl. 98. 8 ausweiſen. 

3) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Dienſt. nach Viſitat. 
Mariaͤ 1450 Schbl. LIX. 80. j 

4) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Mar. Mittw. 
nach Kreuz⸗Erhoͤh. 1450 Regiſtr. IX. 420 — 422. 


Auswärtige Verhaͤltniſſe. (1450.) 215 


in der Rechtsſache Schiedsrichter ſeyn ſollten.“ Der Beſitz 
des Eilandes war für das Handelsintereſſe Preuſſens viel zu 
wichtig, als daß der Meiſter des Koͤniges Wunſch nicht haͤtte 
erfüllen follen, ? zumal da ohnedieß der Handel mit Schwe⸗ 
den und nach Skandinavien Überhaupt noch fort und fort haͤufigen 
Störungen ausgeſetzt war, denn noch gar zu oft verlor der 
Preuſſiſche Seefahrer dort Schiff und Waare. Allein der 
Tag zu Calmar blieb ohne Erfolg.)“ Auch der alte, durch 
Krankheit gebeugte König Erich, jetzt als Herzog von Pom⸗ 
mern zu Ruͤgenwalde lebend, mochte ſich immer noch durch 
eine Verbindung mit dem Orden an dieſem eine Stühe ver⸗ 
ſchaffen und knüpfte mit dem Komthur und dem Rathe von 
Danzig Unterhandlungen an, beide erſuchend, ſich bei Schwe⸗ 
den und Lubeck fir ihn zu verwenden und ſie aufzufordern, 
ihm in ſeiner Sache Ehre und Recht widerfahren zu laſſen 
oder widrigenfalls die Handelsverbindung mit ihnen aufzuhe⸗ 
ben. ) Natürlich wies der Hochmeiſter dieſes fuͤr Danzig nur 
hoͤchſt nachtheilige Anſinnen ohne weiteres zuruck; “) ſelbſt auf 
eine perſoͤnliche Zuſammenkunft, die Erich wuͤnſchte, ließ er 
ſich nicht ein. Indeß fuhr dieſer dennoch fort, durch allerlei 
freundliche Zuſicherungen fuͤr den Kaufmann und Seefahrer 


1) Schr. des Koͤniges Karl v. Schweden an den HM. d. Stock⸗ 
holm am T. Jacobi 1450 Schbl. XXXI. 101. 

2) Schr. des HM. an d. Konig v. Schweden, d. Stuhm am T. 
Hieronymi 1450 Regiſtr. IX. 274. 

3) Schr. des HM. an die Stadt Stockholm, d. Mar. Sonnt. 
nach Viſit. Maria 1450 und Schr. deſſelben an Olav Axelſon Haupt⸗ 
mann auf Wiborg, d. Einſiedel Mont. vor Margar. 1450 Regiſtr. 
IX. 255. 257. Schbl. XXXI. 8. 

4) Geijer Geſch. Schwedens B. I. S. 215. 

5) Schr. des Koͤniges Erich an den Komthur v. Danzig, d. Ruͤ⸗ 
genwalde Freit. vor Johanni 1450 Schbl. XXXCI. 32. Schr. deſſelb. 
an den Rath von Danzig, d. Donnerſt. nach Nativit. Mariä 1450 
Schbl. XXXI. 16. So fill, wie Kantzow Pomerania B. II. S. 
67 —68 meint, lebte alſo Erich in Rügenwalde nicht. 

6) Schr. des HM. an Koͤnig Erich, d. Mar. Donnerſt. nach 
Mauritii 1450 Regiſtr. IX. 271. 


216 Ausroärtige Verhaͤltniſſe. (1450,) 


aus Preuſſen um des Hochmeiſters Gunſt zu buhlen, denn 
von ihm allein hoffte er noch Ehre und Recht in ſeiner Streit⸗ 
ſache mit Luͤbeck und Schweden. D 


Auch mit dem Herzog Philipp von Burgund kam Lud⸗ 
wig bald nach ſeiner Wahl in neue Unterhandlungen, denn 
jener machte den Antrag: das von ſeinen Unterthanen zur 
Entſchaͤdigung der Preuſſiſchen Staͤdte zu entrichtende Pfund⸗ 
geld möge, weil dieſe allmaͤhlige Bezahlung zum großen Nach⸗ 
theile des Handels ſich ſo lange hinziehe, wenigſtens auf drei 
Jahre eingeſtellt bleiben, da der Seefahrer durch dieſe Abgabe 
von der Fahrt nach Preuſſen ſehr abgeſchreckt werde; man 
wolle auf andere Mittel zur Entſchaͤdigung denken, doch moͤge 
vorerſt dem Kaufmanne aus Holland und Seeland auch fer⸗ 
ner Schutz und Sicherheit zugefichert werden. Die Gebietiger 
und die Stände, die der Meiſter daruber zu Rathe zog, ſtimm⸗ 
ten zwar keineswegs dafuͤr; um indeß ſich dem Herzog geneigt 
zu zeigen, willigten ſie doch mit dem Meiſter in die Einſtellung 
des Pfundzolles auf drei Jahre ein, ſofern ſechs Staͤdte des 
Herzogs ſich durch Schuldbriefe für die Bezahlung der Ent⸗ 
ſchaͤdigung binnen drei Jahren verbuͤrgen würden. Der Her: 
zog aber nahm dieß ohne weiteres fin eine unbedingte Zuſage, 
fand die fortdauernde Forderung des Pfundgeldes von ſeinen 
Unterthanen in Danzig ſehr befremdend und beſchwerte ſich des⸗ 
halb beim Hochmeiſter, meinend, die Sache ſey mit ſeinem 
Vorſchlage ſchon abgemacht.) Dieſer war jedoch um ſo we⸗ 
niger zu gefügiger Nachgiebigkeit geneigt, da trotz der vom Her⸗ 
zoge erſt vor kurzem den Hanſeſtaͤdten und insbeſondere auch 
den Kaufleuten aus Preuffen von neuem gegebenen Beſtaͤtigung 


1) Schr. des Königes Erich an d. HM. d. Ruͤgenwalde am Abend 
Aller Heil. 1450 Schbl. XXXI. 50. 

2) Schr. des HM. an d. Herzog v. Burgund, d. Mar. Mittw. 
vor Oſtern 1450 Regiſtr. IX. 220. 

3) Schr. des Herzogs v. Burgund an d. HM. d. Bruͤſſel 5 Mal 
1450; Schr. deſſelben an den Kaufmann aus Preuſſen in Brügge vom 
naͤmlichen Dat. Schbl. XXXIII. 20, 21. 


Auswärtige Verhaͤltniſſe. (1450.) 217 


aller ihrer alten Privilegien und Freiheiten die letztern doch 
wieder in ſeinen Landen durch raͤuberiſche Angriffe an Schif⸗ 
fen und Gütern bedeutende Verluſte erlitten und die Zuſage 
des herzoglichen Schutzes ihnen keine Sicherheit gewährt hatte.“) 
Es wurde hin und her verhandelt;? allein der Meifter blieb 
feſt dabei, daß nur nach wirklicher Einhaͤndigung der verlang⸗ 
ten, vom Herzoge beftätigten Buͤrgbriefe die fernere Erhebung 
des Pfundgeldes eingeſtellt werden koͤnne,“ was auch darum 
um ſo nothwendiger ſchien, da die Stadt Amſterdam ſogar 
Einſpruch that, daß man den Pfundzoll in Danzig bisher kei⸗ 
neswegs nach den darüͤber feſtgeſtellten Beſtimmungen erhoben 
habe.) Da der Herzog auch noch am Schluffe dieſes Jah⸗ 
res ſich mit ſeinen Städten nicht verſtaͤndigt hatte, ſo kam es 
vorerſt noch zu keiner Vereinigung. 

Auch mit England wurden neue Unterhandlungen begon⸗ 
nen. Koͤnig Heinrich, die Nachtheile der gaͤnzlichen Sperre 
des Handelsverkehres mit Preuſſen erkennend, kam ſelbſt mit 
dem Vorſchlage eines neuen Verhandlungstages zu Utrecht. 
entgegen und obgleich damals noch kein Hochmeiſter an der 
Spitze des Ordens ſtand, ſo nahmen die Ordensgebietiger das 
Anerbieten doch gerne an.) Von Seiten des Ordens aber 
wuͤnſchte man auch Luͤbecks und der andern Hanſeſtaͤdte Theil⸗ 


1) Schr. des HM. an den Herzog v. Burgund, d. Danzig Dienſt. 
nach Kreuz⸗Erfind. 1450 Regiſtr. IX. 238. Schr. des Raths v. Lubeck 
an den HM. d. Sonnt. nach Philippi und Jacobi 1450 Schöbl. 86. 6. 

2) Schr. des HM. an den Herzog v. Burgund, d. Graudenz 
Mont. nach Trinitat. 1450 Regiſtr. IX. 244. 

3) Schr. des HM. an den Herzog v. Burgund, d. Mar. Sonnt. 
nach Viſit. Maria 1450 und Schr. des HM. an die Alterleute zu 
Brügge, d. wie vor Regiſtr. IX. 253. 255. 281. 

4) Schr. der Stadt Amſterdam an den HM. o. D. Schbl. 
XXXIII. 74. Antwort des HM. o. D. Regiſtr. IX. 282. 

5) Schr. des Herzogs v. Burgund an d. HM. d. Bergen 25 
Decem. 1450 Schbl. XXXIII. 17; andere hieher gehörige Schr. Schbl. 
XXXII. 94. XXXIII. 18, 19. XXXIV. 72. 


6) Schr. der Gebietiger an d. Koͤnig v. England, d. Mar. 27 
Januar 1450 Regiſtr. IX. 207. 


218 Auswärtige Verhaͤltniſſe. (1450.) 


nahme an den Verhandlungen.) Der König war dem zwar 
nicht entgegen, fand es jedoch wuͤnſchenswerth, daß ſeine Be⸗ 
vollmaͤchtigten ſich zuvor zu einer beſondern Verhandlung mit 
dem Orden nach Preuſſen begeben möchten, denn auch in Eng⸗ 
land betrachtete man den Hochmeiſter als „das Haupt von 
der Hanſe.“ Letzterer fertigte fir die Englaͤnder die Geleits⸗ 
briefe aus,? benachrichtigte aber zugleich auch Luͤbeck von die: 
fer Sendung, erwaͤhnend, daß der König am liebſten in Preuf- 
ſen ſelbſt habe unterhandeln wollen, und zugleich bittend, die 
Hanſeaten möchten ihre Bevollmächtigten auch hieher ſenden; 
damit, wie unter ihnen feſtgeſetzt ſey, ihre Streithaͤndel mit 
den Englaͤndern gemeinſam verhandelt und ausgeglichen wer⸗ 
den koͤnnten.) Die Luͤbecker indeß, mißtrauiſch und eiferſuͤch⸗ 
tig wegen des Zutrauens des Koͤniges zum Hochmeiſter, wuß⸗ 
ten dieſe Verhandlung nicht anders zu vereiteln, als daß ſie 
den Engliſchen Geſandten auf der See auflauern, fie aufgreiz 
fen und ins Gefaͤngniß legen ließen, zum großen Verdruß 
ſowohl des Hochmeiſters, der ſofort den Buͤrgermeiſter von 
Thorn Thielemann von Wege als Botfchafter deshalb nach 
Luͤbeck ſchickte,) als auch des Königes ſelbſt, der es in der 
That jetzt ernſtlich und redlich mit einer friedlichen Ausglei⸗ 
chung mit dem Orden gemeint hatte, wie man ſie uͤberhaupt 
in ganz England wuͤnſchte. Aus Zorn ließ er daher auf die 
Nachricht von der Frevelthat alsbald in London alle Kauf⸗ 
mannsguͤter der Hanſeaten mit Beſchlag belegen.“ 


1) Schr. der Gebietiger an Lubeck, d. Mar. am T. Agatha 1450 
und Schr. derſelb. an d. Koͤnig v. England, d. Mar. 5 Febr. 1450 
Regiſtr. IX. 211. 

2) Geleitsbrief des HM. für die Sendboten des Kön, v. England, 
d. Mar. 1 April 1450 Regiſtr. IX. 223 — 225. 

3) Schr. des HM. an Lubeck, d. Mar. Oſtern 1450 Regiſtr. IX. 
226. 

4) Schr. des HM. an Luͤbeck, d. Stuhm am T. Nativit. Mariä 
1450 Regiſtr. IX. 266. 

5) Schr. des Geſandten des HM. Hans Winter, d. London am 
Abend Matthaͤi 1450 Schbl. XXXII. 5. Er ſagt ausdruͤcklich, daß 
der Koͤnig den HM. als Haupt der Hanſe anſehe. 


Innere Verhaͤltniſſe. (1450.) 219 


Waͤhrenddeß aber ward des Meiſters Thaͤtigkeit von neuem 
durch die innern Verhaͤlniſſe des Ordens und des Landes in 
Anſpruch genommen. Im Auguſt war endlich der lange 
kraͤnkelnde Meiſter von Livland Heidenreich Finke von Over⸗ 
berg geſtorben zu großer Trauer aller ſeiner Gebietiger, die 
ihn ungemein hoch ſchaͤtten. Als Nachfolger beſtaͤtigte der 
Hochmeiſter von den zwei ihm Vorgeſchlagenen den bisherigen 
Komthur von Reval Johann von Mengden genannt Oſthof. » 
Es waren ferner wie in Livland bei Beſetzung der Ordens⸗ 
Ämter, wobei ſich die Rheinlaͤnder ſehr über Zuruͤckſetzung be⸗ 
klagten, fo in Preuſſen und Deutschland theils bei der Auf⸗ 
nahme neuer Ordensbrüder, indem man ſogar einen Italiener 
oder Verſchuldete in den Orden eingekleidet, theils auch in 
der Zucht und im Lebenswandel mehrer Ordensritter ſo viele 
Unregelmaͤßigkeiten und aͤrgerliche Auftritte vorgefallen,“ daß 
der Meiſter es nöthig fand, zur Abſtellung ſolcher Ungeſetzlich⸗ 
keiten ein Generals Kapitel in Marienburg zu verſammeln. 
Auf des Deutſchmeiſters Antrag indeß ward es ins naͤchſte 
Jahr verſchoben, ) denn ohnedieß herrſchte eine zuerſt in Thorn 
ausgebrochene peſtartige Seuche uͤber ganz Preuſſen, beſonders 


1) Schr der Gebietiger v. Livland, d. Wenden Mittw. nach Ti⸗ 
burtii 1450 Schl. IV. 39. Beſtätigungsurkunde des HM. d. Mar. 
Mittw. nach Kreuz- Erhöh. 1450 Megiſtr. IX. 267 — 268; vgl Index 
corp. histor. diplom. Livoniae T. II. p. 2— 3. Unter dem Tage Ti⸗ 
burtii iſt hier nicht der Tag der Maͤrtyrer Tiburtius, Valerianus und 
Maximus (14 April), ſondern der Tag des Roͤm. Maͤrtyrers Tiburtius 
(11 Auguſt) gemeint, wie ſchon die Stellung der Briefe im Regiſtr. 
ausweiſt. 

2) Schr. des HM. an den Livländ. Meiſter, d. Mar. Donnerſt. 
nach Kreuz⸗Erhoͤh. 1450 Regiſtr. IX. 268. 

3) Schr. des HM. an den Landkouthur v. Bießen, d. Mar. 
Donnerſt. vor Oſtern 1450 Regiſtr. IX. 219. Der in den Orden auf⸗ 
genommene Italiener war ein Graf von Naem, noch dazu gebrechlich. 
Ein Entlaſſungsbrief des HM. für einen mit Schulden beladenen auf⸗ 
genommenen Ordensbruder Regiſtr. IX. 230. 

4) Schr. des Komthurs v. Rheden an d. HM. v. J. 1450. 

5) Schr. des Deutſchmeiſt an d. HM. d. Horneck Mont. nach 
Aſſumt. Mariä 1450 Schbl. DM. 44. Regiſtr. IX. 284. 


220 Der paͤpſtl. Legat Ludwig Biſchof von Siives. (1450.) 


unter dem juͤngern Geſchlechte mit ſo außerordentlicher Heftig⸗ 
keit, daß z. B. in Danzig, wo ſich die meiſten Kaufleute ge⸗ 
flüchtet, nicht weniger als ſechzehntauſend Menſchen durch ſie 
hingerafft worden ſeyn ſollen. D 

Da kam inmitten dieſer Trauerzeit aus Rom die Nach⸗ 
richt, daß der Papſt, deſſen Zorn wegen des vom vorigen 
Meiſter angeordneten Verfahrens gegen das Pilgern nach Rom 
vom Procurator nur mit großer Muͤhe hatte beſchwichtigt wer⸗ 
den koͤnnen, auf des letztern Bericht uͤber die Zwietracht 
zwiſchen dem Orden und deſſen Unterthanen nach dem Rathe 
mehrer dem Orden ſehr geneigten Kardinaͤle beſchloſſen habe, 
einen Legaten in der Perſon des Biſchofs Ludwig von Silves 
in Portugal nach Preuſſen zu ſenden, um durch ihn eine 
gruͤndliche Unterſuchung der Streithaͤndel anordnen und den 
Swift beilegen zu laſſen, weshalb er auch den Roͤm. König 
erſucht habe, zu fuͤglicher Verhandlung der Sache dem Lega⸗ 
ten einige feiner Näthe beizugeben.? Da bei der Ankunft 
dieſer Nachricht die Staͤnde zu Elbing eben Tagfahrt hielten, 
fo eröffnete ihnen der Meifter: nach der Mittheilung feines 
Procurators (die er Öffentlich vorleſen ließ) ſey ein paͤpſtlicher 
Legat unterweges, „um merkliche Sachen in Preuſſen zu ver⸗ 
hören”, die man dem Papfte vorgebracht, beſonders daß Lande 
und Städte etliche Artikel aufgeſtellt hätten, die wider die 
Kirche und den chriſtlichen Glauben ſtritten. Erſchrocken frag⸗ 
ten die Staͤnde: welches dieſe ſeyen? Der Meiſter erklaͤrte: er 
kenne ſie ſelbſt nicht. Aus einem andern Berichte des Procu⸗ 
rators theilte er jedoch mit: der Papſt ſey darüber hoͤchlich er⸗ 
zuͤrnt, daß in Preuſſen verboten worden ſey, in dieſem Jubel⸗ 
jahre nach Rom zu ziehen. Endlich baten die Staͤnde: er 
moͤge ſie auch ferner von allem unterrichten, was in der Sache 


1) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſt. d. Mar. Sonnt. vor 
Michaelis 1450 Regiſtr. IX. 273. 285. 

2) Schr. des Procurators, d. Fabriano 28 Aug. 1450 Schöbl. 1. 41. 

3) Schr. des Kardinal ⸗Presbyters S. Vitalis an d. HM. d. 
Fabriani IX Septem. 1450 Schbl. I, 208. 


Der paͤpſtl. Legat Ludwig Biſchof von Silves. (1450.) 221 


vorgehe; fie wenden gegen ihn handeln, wie es getreuen Man⸗ 
nen gegen ihren Herrn gezieme. 

Beim Roͤm. Könige, zu dem ſich der Legat zuerſt begab, 
erhielt er abſchlaͤgigen Beſcheid, denn Friederich erklärte, er 
werde ſich ohne beſondere Aufforderung des Hochmeiſters (der 
ihm ſeine Meiſterwahl noch nicht einmal gemeldet) um die 
Streithändel in Preuſſen vorerſt gar nicht weiter befümmern, 2) 
So langte alfo der Legat, von Thorn an durch einen ihm da⸗ 
hin entgegengeſandten Domherrn von Frauenburg begleitet, allein 
am 23. November beim Hochmeiſter zu Marienburg an. Wie 
in allen Staͤdten, die er durchzogen, ward er auch hier mit 
einer Proceſſion und Vortragung von Heiligthuͤmern vom 
Hochmeiſter ſelbſt aufs feierlichſte empfangen. 3) Sofort eroͤff⸗ 
nete er dieſem in einer Veiſammlung der Gebietiger, wozu 
auch mehre von der Ritterſchaft aus dem Lande berufen wa⸗ 
ren, ) den Zweck feiner Sendung, und legte feine Beglaubi⸗ 
gungs⸗ und Vollmachtsbriefe nebſt einem beſondern Empfeh⸗ 
lungsſchreiben vor, worin der Papſt erklaͤrte: er ſende dieſen 
ſeinen Botſchafter, um einige in Preuſſen gegen die Freiheit 
der Kirche aufgeſtellten Artickel gruͤndlich zu unterſuchen, mit 
aller Kraft Friede und Ruhe in dieſen Landen wieder herzu⸗ 
ſtellen und mit dem Hochmeiſter ſich über die Mittel zu bera⸗ 
then, „wie dieſe Peſt im Lande auszurotten ſey“, wozu der 
Papſt dieſen zu eifrigſter Mithilfe aufforderte.) In andern 


1) Schitz p. 162. Daß Kotzebue B. IV. 113 den HM. bei 
dieſer Verhandlung der Heuchelei beſchuldigt, iſt unrecht, denn was 
ihm der papſt über die Sache geſchrieben, war damals noch nicht in 
feinen Händen; er erhielt es erft durch den Legaten ſelbſt. 

2) Schr. des Procurators an den HM. d. Rom 21 Novem. 1450 
Schbl. I. 14. 

3) Schr. des HM, an den Deutſchmeiſter, d. Mar. Dienft, nach 
Thoma 1450 Regiſtr. IX. 288. Fol. A. 140. 

4) Fol. A. 128. 140; es find genannt Gabriel v. Baiſen, Sege⸗ 
nand v. Wapels, Paul v. Theßmesdorf u. a. 

5) Originalbulle des Papſtes, d. Fabrian a, d. 1450 Calend 
Septemb. p. a. quarto Schbl. XIII. 20. 


222 Der päpftt. Legat Ludwig Biſchof von Silves. (1450.) 


Bullen, wovon die eine an den Erzbiſchof von Riga gerichtet 
war, machte er dem Orden die nachdruͤcklichſten Vorwürfe uͤber 
ſein ſchlechtes Regiment. „Der Hochmeiſter, hieß es, die Lan⸗ 
des⸗Praͤlaten, die Gebietiger haben ſich in der Verwaltung 
der Kirche und des Landes, wie in der Sorge fuͤr ihre Unter⸗ 
thanen laͤſſig bewieſen und beharren auch jetzt noch in ſolcher 
Fahrlaͤſſigkeit. Statt die Unterthanen mit vaͤterlicher Milde 
zu behandeln, habe man ſie fruͤher wie jetzt mit allerlei Laſten 
und Beſchwerden bedruͤckt; daher der Verfall des Gottesdien⸗ 
ſtes, daher aus ſolchem boͤſen Regimente der Bund unter der 
Ritterſchaft und den Staͤdten, denn die Unterthanen ſeyen ge⸗ 
zwungen worden, zu ihrer Vertheidigung ſich zu vereinigen und 
gewiſſe Beſtimmungen feſtzuſtellen, die der kirchlichen Freiheit 
und kaiſerlichen Rechten widerſtritten, woraus nun unſaͤgliches 
Unheil zu beſorgen ſei.“ Der Legat hatte eine ſehr ausge⸗ 
dehnte Vollmacht ſowohl in Beziehung auf den Orden wegen 
des Verfalls des Gottesdienſtes, Nachlaͤſſigkeit in der Verwal: 
tung und wegen des uͤblen Regimentes, als auch gegen die 
Unterthanen wegen ihrer Anmaßung, verderblichen Satzungen, 
Buͤndniſſe u. ſ. w. Es war ihm die ſtrengſte und gewiſſen⸗ 
hafteſte Unterſuchung alles deſſen, was verdammlich und nach⸗ 
theilig, und die eifrigſte Sorge zur Herſtellung der Ruhe und 
des Friedens aufs nachdruͤcklichſte ans Herz gelegt, mit der 
Vollmacht, durch Bann und Interdict, ſelbſt mit Beihuͤlfe 
des weltlichen Armes alles anzuwenden, um das ihm aufge⸗ 
tragene Geſchaͤft mit erwuͤnſchten Erfolgen auszuführen. Der 
Erzbiſchof von Riga erhielt die Weiſung, dem Legaten, im Fall 
er durch irgend ein Mißgeſchick in feinen Aufträgen gehindert 
werde, aufs thaͤtigſte zu Huͤlfe zu ſtehen.) Der Hochmeiſter 
beantwortete die dem Orden gemachten Vorwuͤrfe von Punkt 
zu Punkt, zuletzt erklaͤrend: durch Unterſuchung der Verhaͤlt⸗ 


1) Originalbulle des Papſtes an den Erzbiſch. v. Riga, d. Fa- 
briani a. d. 1450 IV Nonas Angusti p. a. quarto Schbl. XIII. 19. 
Kotzebue B. IV. 300. Aeneas Sylvius Comment. ſagt ebenfalls, 
daß der Papſt popularium fedus daumavit utque ab eo discederent 
anathema interminatus imperavit. 


Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 223 


niſſe ſelbſt, womit der Legat ja eben beauftragt ſey, werde 
klar an den Tag kommen, ob der Orden mit Recht oder Un⸗ 
recht eines boͤſen Regimentes und der Verſaͤumlichkeit in feinen 
Pflichten beſchuldigt werden koͤnne.) 

Auf des Legaten Erſuchen kuͤndigte jetzt der Hochmeiſter 
den Prälaten, Gebietigern, Landen und Staͤdten eine Tagfahrt 
zu Elbing an, um da den Zweck der paͤpſtlichen Botſchaſt zu 
verhören und dem Legaten auf fein Anbringen zur Antwort zu 
ſtehen. Das erregte unter den Bundesverwandten eine gewal⸗ 
tige Gaͤhrung und Bewegung. Wo man zuſammen kam, in 
Kloͤſtern zum Ablaß, in Staͤdten zu Berathungen, auf Land⸗ 
tagen unter der Ritterſchaft galt es überall nur die Frage: 
was gegen den Legaten zu beachten und zu thun ſey? Man 
waͤhlte Bevollmaͤchtigte.) Im Kulmerland, wo die Aufre⸗ 
gung am größten, wurden täglich Berathungen und Verſamm⸗ 
lungen gehalten, bald zu Leiſau, bald zu Thorn, zu Kulm u. 
ſ. w. Allein ſo verſchieden auch die Meinungen, ſo einig war 
man doch allenthalben in dem Entſchluſſe, den Bund unter 
keinen Umſtaͤnden aufzugeben und lieber ſich der groͤßten Noth 
und Bedraͤngniß zu unterwerfen. „Will der Legat, ſprach 
einer der Vornehmſten im Bunde zu Thorn, des Bundes we⸗ 
gen mit uns teidingen, fo haben wir ja wohl auch noch eins 
oder zweitauſend Mark im Hofe zu Rom zu verzehren.“ 3 
Mittlerweile bereiſte der Legat Ermland und Samland, um da, 
wie er bereits auf ſeiner Reiſe von Thorn her in Kulmſee und 
Marienwerder gethan, die dortigen Kirchen zu viſitiren und 
den Zuſtand des Kirchenweſens genauer kennen zu lernen.“ 

Am zehnten December ward die Tagfahrt zu Elbing 


1) Die Erklärung des HM. über die paͤpſtl. Bulle Schbl. LXXXII. 
140. 

2) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Preuſſiſch⸗Mark am 
Abend Nicolai 1450 Schbl. XXXIX. 33, 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen am T. Nicolai 1450 
Schbl. LXXVII. 88. 
„ 9) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mar. Dienft, nach 
Thoma 1450 Regiſtr. IX. 288. 


224 Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 


aͤußerſt zahlreich eröffnet. Im ganzen Lande war man voll 
geſpannter Erwartung und Beſorgniß. In einer langen Rede 
ſprach der Legat zuerſt den Zweck ſeiner Sendung aus, erzaͤhlte 
dann, was der heil. Vater durch Pilgrime in dieſem Jahre 
vom Verfalle des Gottesdienſtes, von dem verbrecheriſchen und 
ſtraͤlichen Bunde eines Theiles der Unterthanen, von dem 
böfen Regimente und der Fahrlaͤſſigkeit in der Verwaltung, von 
der Gefahr fuͤr den Glauben u. ſ. w. vernommen, wodurch er 
bewogen worden ſey, ihn in dieſe Lande zu ſenden, „ein ſol⸗ 
ches abzulegen, zu unterſtehen, zu wandeln und zu ſtraſen nach 
Laut feines Machtbriefes.“) Auf des Papſtes Nachſicht und 
Milde hinweiſend legte er dann drei Wege vor, auf denen die 
geruͤgten Gebrechen und Mängel abgethan werden konnten, 
den der Inquiſition oder der ſtrengen Unterſuchung der Wahr⸗ 
heit, den des Rechts und Verhoͤrs beider Theile, und den der 
Liebe, des Friedens und der Eintracht oder des freundlichen 
Vergleiches. Unter dieſen ſtellte er die Wahl und forderte eine 
beſtimmte Antwort.) Nachdem ſich der Legat entfernt, hielt 
der Meiſter mit den Staͤnden Berathung uͤber die Antwort 
auf die Beſchuldigungen in der paͤpſtlichen Bulle, ihnen an⸗ 
heim ſtellend, ob ſie mit dem Orden und den Praͤlaten eine 
gemeinſame oder fir ſich eine beſondere Erklärung ertheilen 
wollten, in welchem letztern Falle er ſich erbot, ihnen die des 
Ordens zuvor vorzulegen, damit ſie aus deren Inhalte erſehen 
koͤnnten, daß ſie nichts zu ihrem Nachtheile enthalte. Die 
Stände baten um die Mittheilung, erklaͤrten jedoch: fie hätten 
keine Vollmacht von den Ihrigen, dem Legaten irgend eine Ant⸗ 
wort zu ertheilen, ſondern nur ihn zu hoͤren, und nun ſie ihn 
gehört, wollten fie ihn nicht weiter hören.” „Jedoch Herr 
Meiſter, ſprach einer von den Landen, ihr wiſſet, wir haben 
euch als getreue Manne gehuldigt; ihr ſeyd nun ſchuldig, uns 


1) Fol. A. 140. Schütz p. 162. 

2) Fol. A. 140. 141. Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter 
a, a. O. 

3) Schr. des HM, an den Deutſchmeiſter a. a. O. 


Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 225 


zu beſchirmen und gegen des Legaten Gedrang zu ſichern; habt 
ihr Klagen wider Lande und Staͤdte, bringt ſie vor, nennt 
uns die Verleumder, die uns beim Papſte angeklagt.“ Der 
Meiſter erwiederte: „wohl iſt es des Oberherrn Schuld und 
Pflicht, die Unterthanen zu vertreten; jedoch ein anderes iſt s 
in Glaubensſachen; darin dem Papſte zu widersprechen, gilt 
für Todſünmde. Leſet des Papſtes Bulle, da finde ihr leicht, 
weſſen man euch beſchuldigt.!) „Sit darin der Bund ge⸗ 
meint, entgegneten ſie, ſo wiſſet ihr wohl, daß wir ihn gegen 
Gewalt und Unrecht und mit Wiſſen und Willen des Hoch⸗ 
meiſters Paul von Rußdorf, der Gebietiger und Praͤlaten ge⸗ 
ſtiftet und euer Vorfahr und Vetter Konrad von Erlichshauſen 
ihn beſtaͤtigt hat. Ihr ſelbſt habt uns, ohne Einrede wegen 
des Bundes, unſere Freiheiten und Privilegien zugeſagt. Der 
Bund iſt nicht gemacht wider unſern rechten Herrn, den wir 
ſelbſt gegen unrechtmaͤßige Gewalt vertheidigen wollen. Der 
Biſchof von Ermland iſt der Anſtiſter aller uns aufgeblurdeten 
Beſchuldigungen; er will nicht nur feine Unterthanen unter⸗ 
druͤcken, ſondern möchte auch über die des Ordens herrſchen. 
Wir bitten nochmals: vertretet und ſchuͤtzet uns gegen des Le⸗ 
gaten Gedrang und Bann; wir muͤſſen ſonſt vor dem Papfte, 
dem Kaiſer und den Fuͤrſten offenbaren, welche Urſachen un⸗ 
ſerer Noth uns ſchon ſeit langen Zeiten zu dem Bunde bewo⸗ 
gen, was wir ungern thun würden, denn es würde dem Or⸗ 
den nicht ſonderlich zur Ehre gereichen.“? 

Da brach voll Zorn der Meiſter in die Worte aus: 
„Euer treuloſes Buͤndniß, welches ihr, gegen euere Herren 
gemacht, ſogar noch vertheidigen wollet, hat noch kein redlicher 
Mann jemals gebilligt und ich ſelbſt werde es nimmermehr 
billigen. Glaubt ihr Klagen wider uns fuͤhren zu koͤnnen, ſo 
wiſſet, wir haben wohl noch gerechtere wider euch wegen eueres 
Ungehorſams und euerer Widerſpaͤnſtigkeit. Wollt ihr vom 


1) Fol. A. 141. Schaitz p. 162. 


2) Fol. A. 142, womit Schütz p. 163 immer uͤbereinſtimmt, oft 
ganz woͤrtlich. 
vu. 15 


226 Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 


Legaten keinen Bann befuͤrchten, ſo zeigt euch gehorſam.“ 
Mehr als einmal forderte jetzt Ludwig die Staͤnde auf, dem 
Legaten irgend eine verſtaͤndige Antwort zu geben oder ſich doch 
zu entſchuldigen, daß ſie auf der Stelle keine ertheilen koͤnnten, 
weil ſie aus mangelnder Vollmacht die Sache erſt an die 
Ihrigen bringen muͤßten; er ermahnte ſie, den Legaten nicht 
ſo ganz unwuͤrdig aus den Augen zu ſetzen, denn es werde 
dieß als Ungehorſam, ſelbſt als Verachtung des heil. Vaters 
gedeutet werden und Folgen haben, die ſie zu bereuen haͤtten; 
nicht einmal Koͤnige und Fuͤrſten wieſen paͤpſtliche Legaten in 
ſolcher Weiſe wie ſie zuruͤck. Trotz dem beharrten die Staͤnde 
bei ihrem Benehmen; es fruchtete auch nicht, daß der Meiſter 
ihnen des Ordens und der Praͤlaten Antwort an den Legaten 
zur Kenntnißnahme vorlegte. Auf ihr Erſuchen bat er dieſen 
zwar um eine laͤngere Friſt, damit ſie die Sache zuvor mit 
den Ihrigen berathen koͤnnten. Allein der Legat verweigerte 
das Geſuch; er ſey, erklaͤrte er, jetzt ſchon lange genug im 
Lande; er habe ſie mit Vollmacht zur Tagfahrt einladen laſſen, 
ſie haͤtten ſich laͤngſt berathen und beſprechen koͤnnen; ihre 
Bitte bezwecke nur Verzoͤgerung und deute auf Ungehorſam 
und Verachtung des paͤpſtlichen Befehles; wie ſie, werde kein 
König oder Fuͤrſt ihn behandeln.) 

Der Hochmeiſter, die Praͤlaten und Gebietiger uͤbergaben 
nun ohne Saͤumen dem Legaten ihre Antwort, darin erklaͤrend: 
ſie genehmigten jeden der vorgeſchlagenen drei Wege zur Stil⸗ 
lung des Streites; durch den der Unterſuchung und des Rechts 
werde zwar ihre Unſchuld am klarſten an den Tag kommen, 
doch gerne naͤhmen ſie auch den des Friedens und Vergleiches 
an; weiſe man ihnen Fahrlaͤſſigkeit nach, ſie wuͤrden die Strafe 
nicht fliehen, ſondern als Soͤhne des Gehorſams thun, was 
das Recht der Vernunft erheiſche.) Da hob der Legat ſeine 
Haͤnde auf und dankte, daß er an ihnen ſo gehorſame Soͤhne 


1) Fol. A. 144. 
2) Fol. A. 144 — 145. Bei Schiitz fehlen hier die Verhandlun⸗ 
gen. Einiges davon im Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter a. a. O. 


Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 227 


und Brüder gefunden und verſprach, es ihnen hoch vor dem 
heil. Vater zu gedenken, daß ſie ihm „eine ſo guͤtige und an⸗ 
daͤchtige Antwort“ ertheilt. Als er darauf auch von den 
Ständen eine Antwort verlangte, entſchuldigte fie der Meiſter, 
ſo gut er konnte, mit ihrer mangelnden Vollmacht. Allein der 
Legat erwiederte zornig: nein, nicht aus mangelnder Vollmacht, 
aus Verſchmaͤhung deſſen, deſſen Stelle ich hier vertrete, ant⸗ 
worten ſie nicht; ich kann ſie darin nicht anders erkennen, denn 
als ungehorſame Söhne des Papſtes und der Kirche. So 
aber wuͤrden ſie nicht ſeyn, wenn ſie in ihrem Frevel am 
Hochmeiſter ſelbſt nicht einen Ruͤckhalt hätten, der fie in ihrer 
Hartnaͤckigkeit noch befeſtigt.) Ihr, Herr Meiſter, ſeyd ein 
eben fo mächtiger Herr in dieſem Lande als ein Koͤnig in ſei⸗ 
nem Reiche. Nun ſteht aber in den paͤpſtlichen Briefen mei⸗ 
ner Legation, daß außer den geiſtlichen Strafen wir gegen 
Frevler auch das weltliche Schwert anrufen Tonnen, ſofern es 
Noth thut. So rufen wir an euere Großmaͤchtigkeit als einen 
Handhaber des weltlichen Schwertes in dieſen Landen. Rich⸗ 
tet euch auf wider ſie mit dem Schwerte weltliches Zwanges 
mit ſolchem Ernſte, daß ſie gezwungen werden, uns eine Ant⸗ 
wort zu geben. 

Lande und Städte erſuchten jetzt den Meiſter um eine 
andere Tagfahrt nach Neujahr, um ſich zuvor mit den Ihrigen 
berathen und dann eine Antwort geben zu koͤnnen. „Das iſt 
nicht unſere, erwiederte der Hochmeiſter, ſondern des Lega⸗ 
ten Sache; es ziemt uns nicht, in feine Macht einzugreifen, 
denn ſo weit dieſe reicht, liegt die unſere darnieder. Erlaubten 
wir euch jetzt beſondere Verſammlungen, ſo griffen wir ihm 
in ſeine, d. h. in des Papſtes Macht ein.“ Da erſchienen vor 
ihm am andern Tage ſaͤmmtliche Staͤnde mit den Worten: 
„Hier ſtehen Lande und Städte, euere getreuen Manne und 
ſprechen, daß ſie dem Herrn Legaten auf dieſe Zeit keine Ant⸗ 
wort geben koͤnnen.“ Sie baten nochmals um eine andere 
Tagfahrt. Ploͤtzich aber trat des Legaten Schreiber in die 


1) Fol. A. 145. Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter a. a. O. 
15 


228 Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 


Verſammlung, erklaͤrend: Mein Herr, der Legat, ſendet mich 
hieher, euch zu fragen, ob ihr ihm eine Antwort geben wollt 
oder nicht? Als niemand antwortete, fuhr er fort: Der Legat 
gebeut euch bei der Poͤn feiner päpftlichen Briefe, daß keiner 
von euch von hinnen ziehe, ihr habt ihm denn eine Antwort 
ertheilt; er gebeut euch bei derſelben Poͤn, daß ihr ihm die 
Bundesacte überliefert; wird er darin finden, was mit Gott 
und Recht beſtehen kann, ſo wird er es beſtaͤtigen, was aber 
wider Gott, die kirchliche Freiheit und kaiſerliches Recht iſt, 
wird er abthun, wie ihm der Papſt befohlen. Auch hierauf 
erfolgte keine Antwort. Die Stande baten nur den Meiſter, 
der ſie aufs neue zum Gehorſam ermahnte, er moͤge die Poͤn 
wo möglich noch abwehren und eine andere Tagfahrt berau⸗ 
men, dann wollten ſie gerne „eine bequeme Antwort“ ein⸗ 
bringen. Den Staͤnden vorſtellend, in welchem Verdachte er 
ohnedieß ſchon beim Legaten ſtehe, ließ er ſich nur ſchwer be⸗ 
wegen, das Geſuch bei dieſem anzubringen, ſandte jedoch end⸗ 
lich zu ihm den Biſchof von Ermland, den Großkomthur, 
Ordensmarſchall und Ordensſpittler, und es gelang ihren Vor⸗ 
ſtellungen, den Legaten zu bewegen, den Staͤnden eine neue 
Tagfahrt in Elbing in den letzten Tagen dieſes Jahres zu be- 
willigen.“ Es ward dann vom Legaten noch verlangt, daß 
mittlerweile ſein Machtbrief und des Hochmeiſters Antwort 
von den Kanzeln dem Volke bekannt gemacht werde, damit 
es erfahre, welche Pon bei fernerer Widerſetzlichkeit der Stände 
dem Lande drohe, keiner ſich mit Unwiſſenheit entſchuldigen 
und der Legat ſich beim Papſte gegen Vorwuͤrfe der Saum⸗ 
ſeligkeit rechtfertigen koͤnne. Der Hochmeiſter erließ deshalb 
an die Komthure und Amtleute ſofort die noͤthigen Befehle. 

Jetzt wurden in Eile unter den Verbündeten Überall Ver⸗ 
ſammlungen gehalten; hie und da zeigten ſich allerdings bei 


10 Fol. A. 147. Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter a. a. O. 

2) Fol. A. 147. Verordnung des HM. d. Mar. Dienſt. nach 
Lucid 1450 Schbl. LXXVII. 72. Schr. des Vogts v. Leipe, der Bo⸗ 
then Dienſt. nach Lucid 1450. Schr. des HM. an den Deutſchmei⸗ 
ſter a. a. O. 


Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 229 


des Legaten Macht zaghafte und ſchwankende Gemuͤther; “ 
es gab manche, die gerne aus dem Bunde ausſcheiden moch⸗ 
ten; allgemein indeß ward auf den Tagfahrten der Beſchkuß 
gefaßt: man wolle treu und feſt beim Bunde bleiben; Alle 
wollten für einen ſtehen und Drohung und Bann ſollten ſie 
nicht trennen; Gut und Blut wolle man daran ſetzen und 
den Ausgang Gott und der Gerechtigkeit anheimſtellen. Das 
alles war aber dem Legaten und dem Hochmeiſter ſchon be⸗ 
kannt, als ſich Lande und Staͤdte gegen Ausgang des Jahres 
zur neuen Tagfahrt in Elbing einfanden.? Sie begannen 
die Verhandlungen mit der Anfrage beim Hochmeiſter: ob er 
fie bei der Antwort, die fie dem Legaten geben würden, auch 
gegen ihn ſchüͤtzen und beſchirmen wolle? Seine Antwort war 
unentſchieden, deutete jedoch darauf hin, daß er ſich der Macht 
des Legaten, die keine andere als die des Papſtes ſelbſt ſey, 
in keiner Weiſe widerſetzen koͤnne. Da uͤbergab am andern 
Tage Hans von Baiſen dem Legaten der Staͤnde Antwort, 
eine Abſchriſt ihres Bundesbriefes und eine Declaration ihres 
Bundes,?) worin fie erklärten: es ſey ihnen ſchweres Unrecht 
geſchehen, daß man ſie beim Papſte wegen Verfalles des Got⸗ 
tesdienſtes und Beeintraͤchtigung der Kirchenfreiheit angeklagt, 
9) Daß Marienburg, Neuſtadt Thorn und Konitz erſt jetzt in 
Folge der Drohungen des Legaten vom Bunde abgefallen ſeyen, wie 
Schütz p. 163 und nach ihm Baczko B. III. 243 u. Kotzebue 
B. IV. 114 erwaͤhnen, iſt unrichtig, denn wir wiſſen beſtimmt, daß 
Neuſtadt Thorn laͤngſt nicht mehr im Bunde und Marienburg ſchon 
um Oſtern 1450 ausgetreten war. 

2) Schütz p 163. Schr. des Vogts v. Leipe an den HM. d. 
Schoͤnſce Sonnt. nach Neujahr 1451 Schbl. LXXVII. 13: Die ſchwar⸗ 
zen Moͤnche in Thorn hetzten mit frevelhaften Worten das Volk an; 
in Thorn werde viel unnützes geredet; die ehrbaren Leute fluͤchteten 
ſchon Habe und Gut in die Staͤdte. 

3 Fol. A. 148. Das urkundliche Zeugniß des Legaten über die 
ihm uͤbergebene Abſchrift des Bundesbriefes, d. in castro Elbing se- 
eundu die Januar. 1451 Schbl. XV. 38 Hans von Baiſen ſuchte 
durch eine lange Rede die Stände wegen ihres Verhaltens auf der 
letzten Tagfahrt beim Legaten zu entſchuldigen. 


230 Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 


vielmehr haͤtten ſie die in Kriegen mit ihren Nachbarn zer⸗ 
ſtoͤrten Kirchen und Klöſter nach allen Kräften wieder aufge⸗ 
baut, den Gottesdienſt wieder eingerichtet und den chriſtlichen 
Glauben bei den benachbarten Heiden uͤber hundert Meilen 
weit ausgebreitet. Viel Volks aus Preuſſen ſey im vergange⸗ 
nen Jubeljahre nach Rom gepilgert, aus Danzig allein bei 
zweitauſend Menſchen, die dort nicht wenig Geld gelaſſen. 
Mit gleichem Unrecht ſeyen ſie als Verſchwoͤrer und Wider⸗ 
ſpaͤnſtige gegen ihre Landesherrſchaft angeſchuldigt. Ihr Bund 
ſey aus ehrlichen, redlichen und nothwendigen Urſachen geſchloſ⸗ 
fen; fein Zweck widerſpreche weder dem Rechte, noch der Bil⸗ 
ligkeit, noch ihrer Unterthanenpflicht; er ziele einzig dahin, dem 
Hochmeiſter getreu und hold zu ſeyn, ihm gebuͤhrlichen Gehor⸗ 
ſam zu leiſten und aller Ungerechtigkeit und Gewalt zu ſteuern 
und zu wehren.“ ) Ein Theil dieſer Antwort indeß gefiel 
dem Legaten nicht. „Habt ihr etwas, ſprach er, fuͤr den Got⸗ 
tesdienſt oder dem Papſte zu Ehren gethan, ſo war das euere 
Schuldigkeit. Daß ihr aber Biſchoͤfe und Geiſtliche an euer 
Geſetz und euere Ordnung binden wollet, iſt wider Gottes Ge⸗ 
bot.“ Nein, entgegnete Hans von Baiſen, wir werden uns 
allzumal als gehorſame Soͤhne der Kirche finden laſſen und 
gegen Gott und unſern Herrn nie anders handeln, als wir 
nach Ehre und Recht ſchuldig ſind. Iſt irgend ein Gebrechen 
und Zwiſt zwiſchen uns und dem Meiſter und ſeinem Orden, 
ſo wollen wir uns guͤtlich und freundlich mit einander vertra⸗ 
gen und verfländigen. 2 

Froh vernahm der Meiſter dieſe letzten friedlichen Worte; 
auch der Legat aͤußerte ſich erfreut uͤber der Staͤnde friedferti⸗ 
ges Erbieten, doch fügte er vermahnend hinzu: „euere Worte 
ſind gut und lauten wohl; ſehet aber zu, daß ſie auch in der 
That und mit den Werken alſo befunden werden.“ Als er 
hierauf aber verlangte, man folle ihm das Erkenntniß über 


1) Die Antwort der Stände volftändig bei Schutz p. 163 — 164. 
Der Fol. A. 148 weiſt nur auf alte Regiſter hin, wo man fie finde. 
2) Schütz I. c Fol. A. 148, 


Tagfahrt zu Elbing. (1450.) 231 


den Bund unbedingt anheimſtellen und auch von Seiten der 
Staͤnde einen der drei von ihm vorgeſchlagenen Wege waͤhlen, 
der die Sache zur Entſcheidung bringe, entgegnete Hans von 
Baiſen: „Sollte es dabei zum Disputiren kommen, ſo wuͤr⸗ 
den viele Dinge auf die Bahn gebracht werden, die dem Papſte 
ſelbſt unlieb zu hören wären, dem Orden aber nicht zu Ehre 
und Glimpf gereichen wuͤrden.“ “) Lande und Staͤdte erſuch⸗ 
ten daher den Meiſter: ſey irgend Mißbelligkeit zwiſchen ihnen, 
ſo wollten ſie gerne als getreuen Manne ſich in Guͤte mit 
ihm vertragen, alſo daß jedem Recht widerfahre; nur möge er 
fie von den Bedraͤngungen des Legaten befreien. Da Ludwig 
jetzt ebenfalls keine weitere Einmiſchung des letztern in die 
Verhaͤltniſſe des Landes wuͤnſchen konnte, ſo verſprach er, ſich 
für fie beim Legaten zu verwenden? und ſandte an ihn ſofort 
auch eine Geſandtſchaſt mit der Bitte: er moͤge die Kraft und 
Strafe feiner Bulle nicht in Anwendung bringen und die Un: 
terthanen mit der Beſchwerung ſeiner Machtbriefe verſchonen, 
denn Lande und Städte hätten ihm jetzt vollkommen genuͤgende 
Zuſagen gethan; es werde ſich nun alles leicht ausgleichen und 
zum Beſten ſuͤgen, denn man werde ſich in Liebe und Ein⸗ 
tracht verſtaͤndigen. Der Legat trug Anfangs Bedenken, in 
das Geſuch zu willigen; er ſchuͤtzte vor: er koͤnne nicht eigent⸗ 
lich mit Freude zum heil. Vater zuruͤckkehren, da er noch keine 
voͤllige Eintracht herbeigeführt; von feinen vorgeſchlagenen We⸗ 
gen haͤtten trotz aller ſeiner Ermahnungen die Staͤnde doch 
eigentlich keinen angenommen; das Verſprechen, ihrem Herrn 
alles zu thun, was ſie ihm von Ehre und Rechts wegen 
ſchuldig ſeyen, ſey ſeit Beginn des Bundes von Landen und 
Staͤdten oft gegeben; es frage ſich, wenn er dem Lande den 
Rücken zeige, ob fie es auch ausführen wuͤrden? Jedoch auf 
des Meiſters, der Praͤlaten und Gebietiger Bitten wolle er 
nachgeben und kein Störer des Friedens ſeyn, wenn ihn der 
Meiſter auf dieſe Weiſe herzuſtellen hoffe; er werde dem Papſte 


1: Schütz p. 164. Fol. A. 148 — 149. 
2) Schülz I. c. Fol, A. 149, 


232 Abreiſe des Legaten. (1451.) 


den ganzen Verlauf berichten. „Aber, fuͤgte er hinzu, das 
ſollt ihr wiſſen, daß ich durchaus Willens geweſen bin, der 
Ausführung der Cenſuren mit Strenge nachzugehen, nachdem 
ich der Leute Hartnäckigkeit in ihrem Irrthum geſehen und 
erfahren, ſollte ich auch um der Gerechtigkeit willen Schaden 
an meinem Leibe genommen haben und ſelbſt Maͤrtyrer gewor⸗ 
den ſeyn.“!) Nachdem er darauf noch ein urkundliches Zeug⸗ 
niß uͤber den ganzen Verlauf ſeiner Verhandlungen auf beiden 
Tagfahrten fuͤr den Hochmeiſter ausgeſtellt?) und dieſer die 
Stände ernſtlich ermahnt hatte, „daß fie alle Mißhaͤglichkeit 
und Bitterkeit ausſchlagen, Liebe und Freundſchaſt in ihrem 
Herzen gründen und forthin den Ohrenblaͤſern keinen Glauben 
mehr ſchenken moͤchten,“ ward die Tagfahrt aufgehoben und 
der Legat trat nach wenigen Tagen feine Ruͤckreiſe nach Rom an. 3) 

So allgemein erfreut man aber über des Legaten Entfer⸗ 
nung war, ſo erfuhr der Meiſter doch nur zu bald, wie ſehr 
er ſich in ſeinen Friedenshoffnungen getaͤuſcht habe. Es kam 
ihm das Geruͤcht zu, daß die Verbuͤndeten eine Botſchaft an 
den Röm. Koͤnig geſandt haͤtten. Je weniger er aber jetzt 
bei dieſem auf beſondere Gunſt und Beiſtand rechnen durfte, 
um ſo aͤngſtlicher trug er dem Landkomthur von Oeſterreich 
auf, im Stillen den Grund und Zweck dieſer Sendung auszu⸗ 
forſchen,“ denn daß die Stände wirklich geheime Plane ver⸗ 
folgen müßten, wurde bald auch daraus klar, daß ſie auf 
Lande und Staͤdte einen Schoß ausſchrieben, angeblich zu ge⸗ 
meinem Nutzen für Verarmte und Abgebrannte, womit ſie 
aber, wie man erfuhr, ihre Zwecke für den Bund liſtig zu 


1) Fol. A. 150; faſt gleichlautend ein Bericht uͤber das Weſent⸗ 
liche der Tagfahrt Schbl. LXXVII. 47. 

2) Urkunde, d. in castro Elbing seta mensis Januar. 1451 Schbl. 
XIV. 4. 

3) Fol. A. 150. Ordens = Chron. p. 185. 

4) Schr. des HM. an d. Landkomthur v. Oeſterreich Johann v. 
Pommersheim, d. Elbing am T. Beſchneid Chr. 1451 Schbl. LXXVII. 
131. 5 


Abreiſe des Legaten. (1451.) 233 


verſtecken ſuchten.) Dazu kamen neue Beſorgniſſe wegen des 
Legaten. Er war nicht ohne Unwillen und Verdruß aus Preuſ⸗ 
ſen abgereiſt. Die Hartnaͤckigkeit der Verbuͤndeten als eine 
Schmach und Verachtung ſeiner Legatenwuͤrde betrachtend hatte 
er ſelbſt geäußert, daß er von dieſem Geſichtspunkte aus die 
Sache auch dem Papſte vorſtellen werde, damit dieſer zur Be⸗ 
ſtrafung ſolches Trotzes die weltliche Macht in Anſpruch nehme. 
Wandte man ſich nun aber von Rom aus an den Roͤm. 
Koͤnig oder an andere Fuͤrſten zu Gewaltmaaßregeln gegen die 
Verbündeten, fo war für das Land großes Unheil zu befuͤrch⸗ 
ten. Der Hochmeiſter bot daher alles auf, ſowohl am paͤpſt⸗ 
lichen Hofe, als an dem des Roͤm. Koͤniges die Sache im 
mildeſten Lichte darſtellen zu laſſen.) An den letztern ſandte 
er theils zu dieſem Zwecke, theils um ihm nachtraͤglich ſeine 
Meiſterwahl ankuͤndigen zu laſſen, einen beſondern Botſchaſter, 
zugleich mit dem Erſuchen, die Ordensunterthanen gegen die 
noch immer fortdauernden Vorladungen und Belaͤſtigungen 
durch die koͤnigl. Hofgerichte in Schutz zu nehmen.?) Und 
der Hochmeiſter hatte bald die Freude, zu erfahren, daß der 
Koͤnig mildere Geſinnungen gegen ihn hege, ſeine Entſchuldi⸗ 
gung gnaͤdig aufgenommen und verſprochen habe, dem Orden 
ebenſo wie unter ſeinen Vorfahren in allem, was ſeinem Heil 
entgegen ſey, Schutz und Schirm widerfahren zu laſſen. ® 
Auch im Innern des Landes konnte die Aufregung der 
Gemuͤther ſo leicht nicht wieder beſchwichtigt werden. In den 
Gebieten von Schlochau, Konitz und Tuchel waren zwar in 
Folge der Anweſenheit des Legaten viele vom Lande und die 


1) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Liebmuͤhl Donnerſt. vor 
Antonii 1451 Schbl. LXXVII. 62. 

2) Schr. des HM. an d. Procurator, d. Danzig am T. Agnes 
1451 Schbl. LXXVII. 8. Schr. deſſelb. an d. Landkomthur v. Oeſter⸗ 
reich, d. Mar. Donnerſt. vor Valentini 1451. Schbl. 105. 51. 

3) Vollmacht für den Botſchafter, d. Donnerſt. nach Scholaſticä 
1451 Schbl. XXXV. 74. 

4) Schr. des Landkomthurs v. Oeſterreich an d. HM. d. Neuſtadt 
Freit. vor Petri Stuhlfeier 1451 Schbl. DM. 87. Der HM. hatte 


234 Die Eidechſen⸗Ritter. (1451.) 


Städte felbft aus dem Bunde ausgekreten; um fo unruhiger 
aber und gereizter war die Stimmung im Kulmerland, Unter 
den Staͤdten ſtanden dort immer noch Kulm und Thorn voran, 
der Sammelplatz aller Unzufriedenen. Unter der Ritterſchaft 
aber waren es vor allen die Mitglieder der alten Eidechfen = 
Geſellſchaft, die, nachdem ſich ihr Verein lange Zeit im Stillen 
und ohne rege Theilnahme an den oͤffentlichen Angelegenheiten 
ziemlich verborgen gehalten, jetzt von neuem wirkſam in die 
Verhaͤltniſſe des Landes eingriffen. In ihrem Bunde hatten 
ſich gerade jetzt die angeſehenſten und einflußreichſten Maͤnner 
des Landes vereinigt oder verſtaͤrkten ihn durch ihren Beitritt 
von Tag zu Tag. Zu den Vornehmſten gehoͤrten Hans von 
Czegenberg, Auguſtin von der Schewe, Georg Maul, Gabriel 
von Baiſen, Hanſens von Baiſen Bruder, Thielemann von 
Wege, der beredte Bürgermeifter von Thorn, 2) Jocuſch oder 
Jacob von Swenten, Michael von Buchwalde, Ramſchel von 
Krixen genannt von Ludwigsdorf, einige Zeit Landrichter im 
Gebiete von Rieſenburg und mehre andere.) Seit Ludwigs 
von Erlichshauſen Antritt des Meiſteramtes traten dieſe Eidech⸗ 
ſen-Ritter wie zu neuem Leben auf die Bühne der Ereigniſſe 
hervor.) Ihres eigenen Bundes urſpruͤnglicher Zweck fiel ja 
im Ganzen mit dem der Staͤnde in eins zuſammen. Daher 
erſcheinen auch jetzt ihre Haͤupter auf den Tagfahrten und bei 
Berathungen als die erſten Sachfuͤhrer und Sprecher. Sie 
vorzüglich hatten ſich den Wuͤnſchen und Bemühungen des 
Legaten mit kecker Beharrlichkeit widerſetzt, ihm manches kuͤhne 
Wort geſagt und den Zweck ſeiner Sendung mit vereitelt; 


ſich wegen der ſpaͤten Ankuͤndigung ſeiner Wahl mit der Einnehmung 
der Huldigung und dgl. entſchuldigen laſſen. 
1) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Sonnab. Purif. Maria 
1451 Schbl. LIX. 60. Goͤdtke Geſchichte der Stadt Konitz S. 33. 
2) Pal über Thielemann von Wege Prätorius Thorner Ehren⸗ 
tempel S. 17 — 19. 
3) ueber den Beitritt dieſer Männer und mehrer anderer zur Ei: 
dechſen⸗Geſellſchaft ſ. Voigt Geſch. der Eidechſen⸗ Geſellſchaft S. 61 ff. 
4) Voigt Geſch. der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 79. 


Die Eidechſen⸗Ritter. (1451.) 235 


fie waren es, die zu Leſſen eine eigene Berathung Über die 
Frage veranſtaltet: wie der Legat wieder aus dem Lande zu 
ſchaffen ſey? ) Sie waren es auch jetzt, die nach der Abreiſe 
des Legaten die Spannung der Gemuͤther von Tag zu Tag 
neu aufregten und ſteigerten. 

Schon wenige Wochen darauf eilten die Eidechſen-Ritter 
zu einer Verſammlung nach Rheden, ihrem Hauptberathungs⸗ 
orte, dem Scheine nach zur Wahl eines Vicars für die dortige 
Vicarie ihrer Geſellſchaft. Allein man erfuhr nicht näher, was 
fie bei verſchloſſenen Thuͤren berathen und beſchloſſen.) Es 
ward eine neue Verſammlung berufen und dazu auch Thorn 
und Kulm eingeladen. Es ſchien nothwendig, Geldmittel auf⸗ 
zubringen, um die Bundesſache uͤberall zu vertheidigen, zu 
ſchützen und zu foͤrdern, wo und wie es die Noth erfordere. 
Man berieth ſich daher uͤber die Erhebung eines Schoſſes, 
über die Verwendung des Pfundzolles und die Wahl gewiffer 
Geſchaͤftsfuͤhrer, die, ſechs oder acht an der Zahl, ein Jahr 
lang die wichtigſten Angelegenheiten des Bundes im In- und 
Auslande beſorgen follten. Es kam darüber zwar noch zu Feis 
nem feften Beſchluſſe; ?) allein nicht ohne Abſicht verbreiteten die 
Eidechſen⸗Ritter das Geruͤcht: der Orden habe im Auslande 
Soldnerhaufen beſtellt, auch vom Meiſter von Livland Kriegs⸗ 
volk erbeten, um damit das Land zu uͤberfallen. Dabei war 
ihr Plan, ſobald als moͤglich eine große Tagfahrt aller Bun⸗ 
desverwandten zu veranſtalten. Hans von Czegenberg ward 
erſucht, als Hauptmann und oberſter Leiter aller Verhandlungen 
an die Spitze zu treten und von Thorn und Kulm aus alles 


1) Vgl. das Nähere in Voigt Geſch. d. Eidechſ. Geſellſch. S. 
82 — 84. 

2) Geſch. d. Eidechſ. Geſellſch. S. 91. Schr. des Komthurs v. 
Rheden, d. Mont. nach Valentini 1451 Schbl. XLV- 19. 

3) Schr des Komthurs v. Thorn, d. Lewen Mont. nach Ambroſii 
1451 Schbl. LXXVII. 7. Aufträge für Thielemann v. Wege auf den 
Tag zu Leiſau am Sonnt. Laͤtare 1451 im Rathvarchiv zu Thorn 
Scrin. XVIII. 24, im Thorner Copiebuch p. 124. 


236 Neue Gährung im Lande. (1451.) 


in Bewegung zu feßen.? Wohl nicht ohne Abſicht hatten 
auch zwei Eidechſen⸗Ritter Albrecht von Czippelin und Ludwig 
von Mortangen einen langwierigen Rechtsſtreit mit dem Bi⸗ 
ſchofe von Kulm wegen der Fiſcherei in einem dem letztern zu⸗ 
gehörigen See begonnen und fuhrten ihn mit ſolcher Heftigkeit, 
daß weder der Biſchof von Pomeſanien, noch der Hochmeiſter 
die Sache ausgleichen konnten oder vielleicht auch nicht woll⸗ 
ten, fo daß fie bis an den Roͤm. Hof gebracht werden 
mußte, 2 

Auch die Gaͤhrung im Volke nahm zu, als ſich die Nach⸗ 
richt verbreitete und ſelbſt von den Kanzeln herab im Ermland 
verkündigt wurde, daß der Legat bei ſeiner Abreiſe erklaͤrt 
habe: alle Theilnehmer am Bunde ſeyen in Todſuͤnden befan⸗ 
gen und im paͤpſtlichen Banne, die bereits Verſtorbenen aber 
in ewiger Verdammniß. Der Biſchof von Ermland hatte die 
Erklärung öffentlich beſtaͤtigt; in Heilsberg kam es daruͤber 
um die Oſterzeit zur größten Aufregung, obgleich der Biſchof 
es noch nicht gewagt, die Sacramente zu unterſagen, ſondern 
Abſolution anbot.?) Die Lage des Hochmeiſters ward noch 
bedenklicher, da auch in Livland in Verſammlungen und Be⸗ 
rathungen unter den Staͤdten Riga, Reval, Dorpat und Wen⸗ 
den ſich ein unzufriedener Geiſt kund gab und ſchon die Be⸗ 
ſorgniß entſtand, ſie moͤchten ſich mit den Bundesſtaͤdten in 
Preuſſen in nähere Verbindung ſetzen, denn bereits war wirt 
lich von dort ein Sendbote an dieſe abgegangen.) Der Erz⸗ 
biſchof von Riga rieth dem Hochmeiſter: er möge ſich ja nicht 
zu nachgiebig zeigen und auf keine Weiſe von des Ordens 


1) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Mittw. nach Laͤtare 
1451 Schbl. LXXVI. 69. 

2) Das Naͤhere daruͤber in Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. 
S. 165 ff. 

3) Schr. des Raths v. Heilsberg an den Rath der Altſtadt Kö⸗ 
nigsberg, d. Dienſt. zu Oſtern 1451. Schr. des Komthurs v. Balga, 
d. Oſtern 1451 Schbl. LXXVII. 54. 

4 Schr. des Livl. Meiſters an den HM. d. Riga Sonnab. vor 
Palmar. 1451 Schbl. XXI. 4. 


Neue Gährung im Lande. (1451.) 237 


Privilegien und Gerechtigkeiten dringen laſſen; je mehr er bes 
willige, je mehr werde man fordern; er moͤge zuerſt noch Mit⸗ 
tel der Guͤte verſuchen, und blieben ſie erfolglos, dann die 
Hauptleute des Bundes aus Landen und Staͤdten nach Rom 
laden laſſen und die Bedingung ſtellen, daß der Bund binnen 
beſtimmter Friſt aufgeloͤſt werde. Durch guͤtliche Vermittlung 
koͤnne ja der Meiſter den Staͤnden immer noch feine landes⸗ 
vaͤterliche Geſinnung beweiſen und bewirken, daß die Ladung 
wieder aufgehoben werde.) Auch der Deutſchmeiſter rieth jetzt 
nach des Legaten Erſcheinen zu einer gütlichen Einigung mit 
den Bundesverwandten, weil er von der Strenge des Rechts 
und von den Strafen des Papſtes gegen die Bundeshaͤupter 
nur Unheil fir das Land befürchten zu muͤſſen glaubte.) Und 
doch waren es gerade ſeine Schritte in Deutſchland, welche die 
Gaͤhrung und Spannung der Gemuͤther bald noch bedeutend 
ſteigerten. 

Wie naͤmlich der paͤpſtliche Legat in Deutſchland die Han⸗ 
ſeſtaͤdte dringend aufforderte, die Danziger als die Haͤuptlinge 
des Bundes (denn ſie galten in Deutſchland allgemein als die 
Oberſten oder als „die Hauptleute“ deſſelben) mit ſtrengem 
Ernſte zur Aufhebung ihres Bundes zu ermahnen, fo wandte 
ſich auch der Deutſchmeiſter an den Roͤm. Koͤnig, den Mark⸗ 
grafen Hans von Brandenburg und durch dieſen an den Kur⸗ 
fürften Friederich von Brandenburg, ſowie an den Erzbiſchof 
von Koͤln und andere Fuͤrſten mit der Bitte, an die Verbuͤn⸗ 
deten in Preuſſen ebenfalls nachdruͤckliche Mahnſchreiben ergehen 
zu laſſen, daß fie dem Bunde entſagten; widrigenfalls follte 
ihnen der Roͤm. König einen Richttag beſtimmen, auf welchem 
ihre und des Ordens Bevollmächtigten erſcheinen und nach 


1) Schr. des Erzbiſchofs v. Riga, d. Kokenhauſen Dienſt. zu 
Oſtern 1451 Schbl. XXVI. 13. 

2) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Horneck Dienſt. zu Oſtern 1451 
Schbl. DM. 94. 

3) Schr. des paͤpſtl. Legaten Kardinal S. Petri ad Vincula an 
Lubeck und Bremen, d. Würzburg 17 Mai 1451 Schbl. LXXVII. 
21. 43. 49. 


238 Neue Gaͤhrung im Lande. (1451.) 


Verhoͤr der Klagen und Gebrechen Mittel gefunden werden 
follten, um die Zwiſtigkeiten auszugleichen und den Bund auf⸗ 
zulöfen, denn nur in dieſer Weiſe ſchien es dem Deutſchmeiſter 
noch möglich, durch einen guͤtlichen oder rechtlichen Austrag, 
vermittelt durch jene Fuͤrſten, die immer zunehmende Spaltung 
und buͤrgerliche Zerriſſenheit zu beſeitigen.) Die Schreiben 
dieſer Fuͤrſten, alle an Danzig gerichtet, kamen auch bald an; 
ſie ſtellten den Verbuͤndeten in ernſter, jedoch wohlwollender 
Sprache die Gefahr vor, die ihnen wegen der verachtenden Zu⸗ 
ruͤckweiſung der paͤpſtlichen Vermittlung durch den Legaten ſo 
wohl vom Papſte als vom Roͤm. Koͤnige drohe, da ſie alle Wege der 
Ausgleichung ſtraͤflich verworfen; ſie zur Beſinnung uͤber ihre 
bisherigen Schritte gegen ihre Landesherrſchaft ermahnend, for⸗ 
derten ſie ſie dringend auf, jetzt wo es noch moͤglich ſey, auf 
Mittel und Wege zu denken, wie die Irrungen und Beſchwer⸗ 
den, die ſie gegen ihre Herrſchaft haben moͤchten, freundlich 
und gütlich auszugleichen ſeyen. Insbeſondere rieth der Erz⸗ 
biſchof von Koͤln: ſie moͤchten ihre Sache gegen den Orden 
nicht ſelbſt fuͤhren wollen, ſondern ſie lieber zu guͤtlichem Aus⸗ 
trage vor den Papſt oder den Roͤm. König und die Kurfürften 
bringen; er wolle ſelbſt, wenn ſie Zwang und Gedrang litten, 
als Vermittler eintreten und alles thun, was irgend zum Frie⸗ 
den führen koͤnne u. ſ. w.) 

Dieß alles aber hatte nicht nur keineswegs den erwuͤnſch⸗ 
ten Erfolg, ſondern die Danziger erhoben, indem ſie nicht ohne 
Entſtellung der wohlgemeinten Abſichten der Fuͤrſten den Inhalt 
der Schreiben Landen und Staͤdten bekannt machten, uͤberall 


1) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Horneck Donnerſt. vor Miſeri⸗ 
cord. 1451 Schbl. DM, 93. 

2) Die Schr. des Kurfuͤrſten Friederich v. Brandenburg, des Erz⸗ 
biſchofs v. Koͤln und des Markgraf. Hans v. Brandenburg Schbl. 
LX. 60. 71. 72. LXXVI. 18. 20. 48. Schbl. 106. 90 Es erwaͤhnen 
ihrer auch der Fol. A. 151 und Schifta p. 166, wiewohl hier der Ins 
balt etwas anders lautet. Das Schr. des Kurfuͤrſten v. Brandenburg, 
d. Koͤln a. d. Spree Sonnab. nach Urbani 1451 in einer Original- 
Copie im Rathsarchiv zu Thorn; in Thorner Copiebuch P. 99 — 101. 


Spaltung im Bunde. (145 1.) 239 


großes Geſchrei, als hätten die Fürften ihnen den Frieden 
ſchon foͤrmlich aufgekuͤndigt. Durchs ganze Land lief das Ges 
ruͤcht: der Meiſter habe bereits dreihundert Glevenien Söldner 
bei Schlochau, vierhundert erwarte er noch aus der Mark, um 
dann die Bundesverwandten zu uͤberfallen. So grundlos dieß 
auch war, ſo ſetzte es im Bunde doch alles in Bewegung; in 
Danzig traf man Anſtalten zur Vertheidigung, befeſtigte die 
Thuͤrme und gebot, daß jeder Burger ſich auf ein Jahr mit 
Harniſch und Koſt wohl verſorge.) Im Kulmerland, wo 
Hans von Czegenberg und Auguſtin von der Schewe unter 
den Eidechſen⸗Rittern und Kulm und Thorn unter den Staͤd⸗ 
ten am thaͤtigſten wirkten, hielt man eine Verſammlung nach 
der andern; es ward endlich beſchloſſen: man wolle alle Bun⸗ 
desverwandten zu einer großen Tagfahrt nach Marienwerder 
berufen, um zu berathen, was dem Hochmeiſter uͤber den In⸗ 
halt der fuͤrſtlichen Schreiben zu ſagen und was den Fuͤrſten 
zu antworten ſey. Alsbald ergingen auch Einladungen an alle 
Glieder des Bundes. 

Allein um eben dieſe Zeit war eine Spaltung im Bunde 
ſelbſt entſtanden. Nicht ohne einen wichtigen Zweck hatte eben 
damals der Hochmeiſter Hanſen von Baiſen ins Kulmerland 
geſandt, der ihm aus Thorn berichtete: jetzt ſcheine ihm die 
rechte Zeit, dahin zu wirken, daß der Bund aufgeloͤſt werde; 
er wolle es dabei an Eifer und Fleiß nicht mangeln laſſen 
und er hoffe, es werde ihm gelingen.) Niemand kannte den 


1) Fol. A. 151. 

2) Schr. des Landrichters Nicolaus v. Senzkau und anderer Rit- 
ter und Knechte zu Kulmſee verſammelt an den Landrichter und Rit⸗ 
ter und Knechte im Gebiete von Schlochau, d. Sonnt. vor Margare⸗ 
tha 1451 Schbl. LXXIX. 120. Schr. des Vogts v. Roggenbauſen 
an den Treßler, d. Sonnt. vor Margaretha 1451 Schbl. XLV. 12. 
Aufträge für Thielemann v. Wege und Johann v. Lobe zur Tagfahrt 
in Marienwerder auf Maria Magdal. 1451 im Thorner Copiebuche 
p. 114. 

3) Schr. des Hans v. Baiſen an d. HM. d. Thorn Sonnab. 
nach Margar. 1451 Schbl. LXXVII. 138. 


240 Spaltung im Bunde. (1451.) 


Zweck ſeines Aufenthaltes in Thorn; er ſelbſt gab vor, große 
Sterblichkeit? habe ihn aus feinen Beſitzungen verſcheucht.“ 
Ohne Zweifel war er beauftragt, die Geſinnungen der Einzel⸗ 
nen auszuforſchen und die Schwankenden fuͤr den Orden zu 
gewinnen. Hoͤchſtwahrſcheinlich war es ihm gelungen, auch 
das wichtige Bundeshaupt Hans von Czegenberg von der Ge⸗ 
meinſache des Bundes merklich zu entfremden, denn ſchon auf 
einem Berathungstage zu Leißau, wo von den Bundes- Aelte⸗ 
ſten nur Auguſtin von der Schewe erſchien, ſprach ſich gegen 
dieſen die groͤßte Erbitterung aus. Man gab ihm Schuld, 
daß er und einige andere den Bund in große Verwickelung 
gebracht und „nun zoͤgen ſie das Haupt aus der Schlinge.“ 
Man ſchalt ihn oͤffentlich einen Boͤſewicht und Verraͤther und 
man beſchloß, ihm auf allen Wegen aufpaſſen zu laſſen, da⸗ 
mit er nicht allein zum Hochmeiſter kommen koͤnne. Jacob 
von Swenten ward beauftragt, ihn Tag und Nacht zu beob⸗ 
achten. Die ganze Ritterſchaft im Kulmerlande gerieth in große 
Beſorgniß, denn wie die Mitglieder der Eidechfen= Gefellfchaft, 
ſo ſtand mit ihnen zugleich auch ein großer Theil des Bundes 
in zwei Parteien da, an ihrer Spitze Hans von Gzegenberg 
und Auguſtin von der Schewe, die eine offenbar bemüht, ſich 
dem Orden mehr zu naͤhern. Auch der Vogt von Roggenhau⸗ 
fen, der dieß alles auskundſchaftet, rieth dem Meiſter, die 
eine Partei auf alle Weiſe zu gewinnen, wo moͤglich auch zu 
verhindern, daß auf der Tagfahrt zu Marienwerder die Send⸗ 
boten des ganzen Bundes erſchienen, weil da leicht wieder eine 
Verſoͤhnung zu Stande kommen koͤnne. 2 

Dieſem Rathe folgend, dem auch die andern Gebietiger 
beiſtimmten, wandte ſich der Meiſter theils an einzelne wichtige 
Bundesglieder mit dem Geſuche, an den Verſammlungen der 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Sonnab. nach Margar. 
1451 Schbl LXXVII. 122. 

2) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Sonnab. nach Margar. 
1451 Schbl. LXXVII. 66. Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. 
S. 93. 


Verhandlungen mit den Verbündeten. (1451.) 241 


Verbuͤndeten ferner nicht mehr Theil zu nehmen, ) theils ließ 
er durch die Komthure den Vornehmſten die Ermahnungsſchrei⸗ 
ben der Fuͤrſten mittheilen, um ſie mit dem wahren Inhalte 
und ihrem wohlgemeinten Zwecke bekannt zu machen.) Die 
Danziger ließ er aufs ernſtlichſte warnen, von ihren feindlichen 
Anſtalten abzulaſſen, obgleich man ſehr bemuͤht war, dieſen 
einen andern Zweck unterzufchieben.? Aus mehren Gebieten, 
wie von Schwez, Chriſtburg u. a. erhielt er auch erfreuliche 
Berichte uber die dortige Gefinnung für den Orden; man ber- 
ſprach, auf dem Tage zu Marienwerder gewiß nur das Beſte 
des Ordens zu foͤrdern und in jeder Weiſe ſich dem Meiſter 
treu und gehorſam zu beweifen. *) 

Auf der Tagfahrt ſelbſt faßte man nach vielfältigen Bes 
rathungen zunaͤchſt eine Antwort auf die Schreiben der er⸗ 
wähnten Fürften ab, worin man erklärte: es ſey ein unge⸗ 
rechter Vorwurf, daß fie des Legaten Vorſchlaͤge zur Einigung 
verachtet hätten, vielmehr ſey von ihnen der Weg freundlicher 
Ausgleichung angenommen und dem Orden alles dargeboten 
worden, was ſie ihm von Ehre und Rechts wegen ſchuldig 
ſeyen. Mehr habe der Meiſter nie von ihnen verlangt. Freund⸗ 
liche Tage zur Ausgleichung und Suͤhne habe keiner von ihnen 
je verworfen und noch zur Stunde ſeyen ſie bereit, jede etwa⸗ 
nige Irrung mit dem Meiſter auf guͤtliche Weiſe zu beſeiti⸗ 
gen.” Dieſe Antwort legten die Staͤnde durch eine Botſchaft 
auch dem Hochmeiſter vor, wiederholten aber bei ihm zugleich 


1) Schr. des Komthurs v Strasburg, d. Freit. nach Divifion. 
Apoſtol. 1451 Schbl. XXXIX. 32 

2) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Preuſſ. Mark Sonnt. 
nach Divifion. Apoſtol. 1451, Schbl. LXXVII. 58. 

3) Verhandlung des HM. mit d. Danziger Sendboten, am T. 
Diviſion. Apoſtol. 1451 Fol. A. 92. Regiſtr. X. 134 — 135. 

4) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Preuſſ. Mark Mont. 
vor Maria Magdal. 1451 und Schr. des Komthurs v. Schwez, d. 
Dienſt. vor Maria Magdal. 1451 Schbl. LXXVII. 32. 35, 

5) Schr. der Ritterſchaft und Rathsſendboten der Städte zu Ma⸗ 
rienwerder verſammelt an die genannten Fuͤrſten, d. Marienwerder in 
crastino Mariae Magdal. 1451 Schbl. Varia 139, 

VIII. 16 


242 Verhandlungen mit den Verbündeten. (1451.) 


auch das Geſuch wegen Abhaltung eines Richttages zur Ab⸗ 
ſtellung vieler Beſchwerden, die ſich ſeit mehren Jahren gehaͤuft 
hatten.) Schon im Mai dieſes Jahres naͤmlich hatte Ludwig, 
um die Hauptbeſchwerde der Verbuͤndeten aus dem Wege zu 
raͤumen, einen Richttag ausgeſchrieben, auf welchem alle ſeit 
Beginn ſeines Meiſteramtes erhobenen Klagen und Zwiſte 
ausgeglichen werden ſollten. Die Staͤnde waren zwar damals 
zu Elbing erſchienen, hatten aber der Abhaltung des Gerichtes 
widerſprochen, vorgebend: das Gericht ſey nicht ſo beſetzt, wie 
es bedungen worden, auch muͤßten nicht bloß die ſeit zwei 
Jahren erhobenen, ſondern auch die unter des Meiſters Vor⸗ 
fahr zur Sprache gebrachten Beſchwerden zur Verhandlung 
kommen. Da ſich damals aber der Hochmeiſter auf dieſe For⸗ 
derung nicht eingelaſſen, die Staͤnde jedoch dabei beharrt hat⸗ 
ten, ſo war der angeordnete Richttag ohne Erfolg geblieben 
und zwar wie der Meiſter und die Gebietiger ausdruͤcklich er⸗ 
klaͤrten, durch Schuld der Staͤnde ſelbſt.) Ludwig ging das 
her auch jetzt auf ihr wiederholtes Geſuch nicht weiter ein, 
vorgebend, ſeine Gebietiger ſeyen ihm jetzt nicht zur Hand, um 
einen neuen Richttag anzuordnen. 3) 

Die Bundesverwandten wurden aber bald von neuem in 
Beſorgniß geſetzt. Es war den Sendboten des Deutſchmeiſters 
naͤmlich gegluͤckt, auch beim Roͤm. Koͤnige ein ernſtes und 
nachdruͤckliches Ermahnungsſchreiben an Danzig und die uͤbri⸗ 
gen Verbuͤndeten auszuwirken. Außerdem hatte auch ein 
Sendſchreiben des Hochmeiſters ſelbſt dem Koͤnige die Bun⸗ 
desſache in dem nachtheiligſten Lichte geſchildert, ſo daß dieſer 
„an ſolchem Vornehmen und Handlung des Bundes großes 
und erſchreckliches Mißfallen gefaßt.“ Dem gemäß lautete auch 
die Sprache feines Schreibens; er erklaͤrte den Bund als gegen 
geiſtliches und weltliches Recht ſtreitend; die Reichsfuͤrſten haͤt⸗ 


1) Verhandlungen des HM. mit den Sendboten am T. Jacobi 
1451 Regiſtr. X. 135 — 136. Fol. A. 93, 151. 5 

2) Darüber Schütz p. 165. 166. 

3) Fol. A. 94. Regiſtr. X. 136. 


Verhandlungen mit den Verbündeten. (1451.) 243 


ten ihn aufgefordert, mit allem Nachdruck gegen ihn aufzutre⸗ 
ten, jedoch wolle er aus Guͤte und in Betracht, daß das 
Verderben der Verbündeten dem Orden keinen Nutzen bringen 
koͤnne, zuerſt warnen, ſie ermahnen und ihnen befehlen, den 
Bund in Güte abzuthun und fich nicht gegen Geſetze, Frei⸗ 
heit, Recht und loͤbliche Ordnung aufzulehnen, ſondern ſich 
ihrer Herrſchaft gehorſam zu beweiſen, wo nicht, ſo werde er 
ſolche Uebertretung geiſtlicher und weltlicher hochverpoͤnter Ges 
ſetze nicht laͤnger dulden.) In Folge dieſer ernſten Verwar⸗ 
nung ward eine neue Tagfahrt zu Marienwerder angeordnet, 
um einen gemeinſamen Beſchluß zu faſſen. Nach kurzer Be⸗ 
rathung ward von dort abermals eine Botſchaft, an ihrer 
Spitze Hans von Czegenberg, an den Hochmeiſter geſandt, ihn 
um Rath zu fragen, wie man ſich gegen den Koͤnig verant⸗ 
worten ſolle.) Er erwiederte: wir rathen euch gerne, was 
uns ziemt und Recht iſt. Da der Koͤnig euch ſchreibt, daß 
euer Bund gegen Recht, Freiheit und Geſetz ſtreitet, und euch 
befiehlt, den Bund guͤtlich abzuthun, ſo rathen wir euch mit 
allen unſern Gebietigern, dem Gebote des Koͤniges und der 
Kurfürſten ohne weiteres zu gehorchen und dem Bunde zu ent⸗ 
ſagen, euch bei ihnen entſchuldigend, daß ihr bei Schließung 


1) Schr. des Komthurs v. Virnsberg Martin v. Eibe an d. HM. d. 
Wien Samſtag nach Diviſion. Apoſtol. 1451; dabei auch eine Abſchrift 
des Schr. des Rom. Königes an die Danziger und Verbündeten, d. 
Wien Donnerſt. nach Diviſion. Apoſtol. 1451 Schbl. DM, 883 in 
Abſchrift mit dem Dat. Wien Mittw. nach Margaretha 1451 im Raths⸗ 
archiv zu Thorn Litt. A. 26; Thorner Copiebuch p. 108. Auch Schütz 
P. 166 erwähnt des koͤnigl Schreibens; indeß von Leibes- und Geld⸗ 
ſtrafen, mit denen der Koͤnig gedroht haben ſoll, iſt in dem Schreiben 
nichts enthalten. Schr. des HM. an den Markgr. Hans v. Branden⸗ 
burg, d. Tolkemit Sonnt. vor Purif. Mariä 1452 Schbl. LXXVII. 
16. Fol. A. 95. 

2) Nach Fol. A. 151 fand dieſe Tagfahrt am Abend Nativit, 
Mariä Statt. Die Aufträge für Thielemann v. Wege und Johann 
v. Lohe bei ihrer Sendung an den HM. d. Sonnt. vor Nativit. Ma⸗ 
rid 1451 im Rathsarchiv zu Thorn Serin. XVIII. 24, Thorner Co⸗ 
piebuch p. 112. 

16 * 


244 Verhandlungen mit den Verbuͤndeten. (1451.) 


deſſelben nicht gewußt, daß er gegen Freiheit, Recht und Ge⸗ 
ſetz ſey, denn nur fo koͤnnt ihr der Gefahr und den Strafen 
entgehen, die in den Briefen gedroht ſind. Er verwies es da⸗ 
bei den Staͤnden als gegen Ordnung und Herkommen, daß 
ſie ohne Wiſſen und Erlaubniß der Herrſchaft Tagfahrten und 
Verſammlungen anordneten, wann und wo ſie wollten. Die 
abermalige Bitte um Abhaltung eines neuen Richttages ſchlug 
er ohne weiteres ab, beſchied ſie jedoch zu einer neuen Tag⸗ 
fahrt, die naͤchſtens zu Elbing gehalten werden ſollte. ) 

Sie fand zu Ende des Septembers Statt. „Vergleicht 
euch, ſprach der Meiſter zu den Verbuͤndeten, wie ihr es uns 
geſagt, mit uns in Guͤte uͤber euere Klagen und legt den 
Bund ab, das iſt mein und aller Gebietiger letzter Rath und 
Bitte. Wir wollen euch eine Fraftige Verſicherung und Verſchrei⸗ 
bung geben, die euch gegen Ueberfall, Gewalt und alles Un⸗ 
recht ſicher ſtellen ſoll. Auf der Stände Erſuchen ward ihnen 
ſolche auch alsbald zugeſtellt, denn fie war bereits entworfen. > 
Es hieß darin: aller Streit und Unwille zwiſchen dem Orden 
und den Staͤnden ſolle hingelegt und vergeſſen ſeyn zu ewiger 
Zeit; niemand ſolle vom Orden gerichtet werden ohne Urtheil 
und Recht; wer dem erweislich zuwider handle, uͤber den ſolle 
der Meiſter Gericht ſprechen, entweiche er aus dem Lande, ſo 
ſolle ihn kein Ordenshaus herbergen, bis er nach des Ordens 
Regel und Recht gerichtet ſey. Jedes Jahr ſolle ein Richttag 
gehalten werden, auf dem man jeden, der gegen einen Gebie⸗ 
tiger, Beamten oder Ordensbruder über Gewalt und Unrecht 
klagen werde, verhoͤren wolle. Auch uber die Abhaltung des 
Gerichtes ſelbſt waren die nöthigen Beſtimmungen gegeben. 3) 
Allein die Stände fuhren in ihrer Antwort fort, den Bund in 

1) Die Verhandlungen des HM. mit den Sendboten der Staͤnde 
am Abend Nativit. Maria 1451 Fol. A. 95—96. u. 152. Die Forde⸗ 
rung wegen eines Richttages war ſchon in den vorangehenden Ver⸗ 
ſammlungen beſchloſſen; Schbl. LXXVII. 5. 

2) Fol. A. 97— 98, 

3) Die vom HM. ausgeſtellte Verſchreibung bei Schütz p. 167 
u. Fol. A. 106. 153. 


Verhandlungen mit den Verbündeten. (1451.) 245 


feinem Zwecke immer wieder auf die gewohnte Weiſe zu recht: 
ſertigen und zu vertheidigen, beriefen ſich dabei auf das gleiche 
Beiſpiel Schwedens, bemerkten auch, daß ſolche Zuſicherungen 
und Erbietungen bereits auch von des Hochmeiſters Vorfahr 
gegeben ſeyen. Die ihnen jetzt vorgelegte fanden ſie zu kurz 
und unvollſtaͤndig, erklaͤrten ſich jedoch bereit, ſie zu naͤherer 
Prüfung an die Ihrigen zu bringen. Es kam alſo auch 
jetzt wieder zu keiner Einigung.? Nicht ohne Abſicht, wahr⸗ 
ſcheinlich um die Stände einzuſchuͤchtern, ließen jetzt der Mei⸗ 
ſter und der Biſchof von Ermland in öffentlicher Verſammlung 
die paͤpſtlichen Bullen vorleſen, worin dem erſtern die nach⸗ 
druͤcklichſten Vorwuͤrfe wegen feiner Nachſicht und Schonung 
gegen die Verbündeten gemacht und er deshalb ſogar ein Feind 
der Roͤm. Kirche und Verfolger des paͤpſtlichen Stuhles ge⸗ 
nannt,) die Biſchoͤfe aber, an welche ebenfalls dergleichen 
Bullen gekommen waren,“) beauftragt wurden, die Bundes⸗ 
glieder in ihren Dioͤceſen zu verſammeln, fie mit den durch 
die Kirchengeſetze und beſonders durch die Carolina gegen ſolche 
Bunde feſtgeſtellten ſchweren Strafen genau bekannt zu ma⸗ 
chen, ſie von ihrem Ungehorſam und dem Bunde abzumahnen, 
die zum Gehorſam Zurückkehrenden von den Strafen frei zu 
ſprechen, ihnen nur eine heilſame Buße für ihre Schuld auf⸗ 
zulegen, fie ihres Bundeseides zu entbinden und dieſen als 
einen gegen gute Sitte und Freiheit begonnenen Wahnſinn fuͤr 
nichtig und unmaͤchtig zu erklaͤren; ſofern fie jedoch ſolchen 


1) Schlitz p. 168. Fol. A. 99-100. 154. . 

2) Fol. A. 100. 

3) Die Bulle an d. HM iſt im Original nicht mehr verhanden, 
in Abſchrift im Fol. A. 99 mit dem Dat. Rome 1451 octavo Cal. 
Junii P. a. quinto, dabei eine deutſche Ueberſetzung. Der HM. ſpricht 
von ihr Fol. A. 153, auch in einem Schr. des HM. an d. Landkom⸗ 
thur v. Oeſterreich, d. Stuhm am T Hedwigs 1451 Schbl. LXXVIII. 32. 

4) Die papſtl. Bullen an die Biſchoͤfe v Kulm und Samland, d. 
Kome 1451 octavo Cal. Junii b. a. quinto Schbl. XIII. 23. 24, beide 
gleichlautend; der an d. Biſchof v. Ermland wird Fol. A. 100-101. 
u. 134 erwaͤhnt. 


246 Verhandlungen mit den Verbündeten. (1451. 


Ermahnungen nicht folgen würden, ſo werde der Papſt zum 
Schreckensbeiſpiele fuͤr Andere fie als in alle feſtgeſetzten Stra⸗ 
fen verfallen erklaͤren muͤſſen, damit ſie ſaͤhen, daß nicht allein 
er, ſondern alle Chriſtenfuͤrſten und Völker mit Macht und 
Nachdruck gegen ſie aufſtehen wuͤrden. 

Allein auch dieſe drohende Sprache des Papſtes hatte 
keineswegs die erwuͤnſchte Wirkung, vielmehr vernahm man 
deshalb unter den Verbuͤndeten viele wilde Reden „und viele 
Herzen wurden noch mehr als fruͤherhin erbittert.“ ) Die 
Chriſtburger und Dfteroder nebſt einigen ihnen anhangenden 
kleinen Staͤdten uͤbergaben zwar dem Hochmeiſter den Entwurf 
einer Verſchreibung, wie ſie ſie wuͤnſchten; allein die Art, wie 
fie den jährlichen Richttag gehalten wiſſen wollten, konnte er 
nicht genehmigen. Die Kulmer wollten ſich auf gar nichts 
weiter einlaſſen; daher entließ der Hochmeiſter die Verſammel⸗ 
ten und beſtimmte nach Michaelis eine neue Tagfahrt in El⸗ 
bing, wo man ihm die Antwort der Staͤnde einbringen ſollte. 2 
Ihrem Verſprechen indeß wenig vertrauend, ſandte er ſofort 
Gebietiger in alle Städte umher, um den Bürgern den wah⸗ 
ren Inhalt ſeiner Verſchreibung genau bekannt zu machen. 9 
Allein auch davon ſah er keinen ſonderlichen Erfolg, denn 
wenn auch einige kleinere Staͤdte ihm ihre fernere Treue und 
Ergebenheit bezeugen ließen, ) fo trat dagegen die Nitterfchaft 
mit den groͤßern Staͤdten in ihren Verſammlungen um ſo fe⸗ 
ſter zu dem Beſchluſſe zuſammen: man wolle den Bund un⸗ 
ter keiner Bedingung aufgeben und beim Rom. Koͤnige ſich in 
einer buͤndigen Antwort rechtfertigen. Es wachte ſogar der 
Gedanke wieder auf, man muͤſſe ſich wie vormals an die 
Konvente wenden und von ihnen Huͤlfe erbitten, wenn die 


1) Fol. A 154. 

2) Das Nähere Fol. A. 102 — 104. 155. 

3 Fol. A. 155. 105. Schr. des HM. an die Gebietiger, d. Hol: 
land Sonnab. nach Michaelis 1451 ibid. 

4) Z. B. die Stadt Neumark; Schr. der Rathsmanne v. Neu: 
mark an d. HM. d. Sonnab. vor Matthaͤi 1451 Schbl. LXXVII. 38. 


Verhandlungen mit den Verbündeten. (1451.) 247 


Gefahr fie nöthig mache) Am ſtaͤrkſten war auch jetzt die 
Aufregung im Kulmerland, wo jeder geradezu fuͤr ehrlos er⸗ 
klaͤtt wurde, der aus dem Bunde austreten wuͤrde. Die Ver⸗ 
ſchreibung des Meiſters ward dort auch allgemein verworfen. 
„Wüßten wir einen Bürger in Thorn, ſprach der Buͤrgermei⸗ 
ſter Thielemann von Wege in einer Verſammlung der Lande 
und Städte, der des Meiſters Brief aufnähme, wir wollten 
ihm den Kopf abſchlagen und ihn vor die Hunde werfen. An 
Geld zu Tagfahrten ſoll es uns nicht fehlen; wir ſetzen einen 
Schoß aufs Land, wovon jeder erhält, was er ausgegeben. 
Wird es noͤthig, ſo koͤnnen wir auch an den Roͤm. Koͤnig ap⸗ 
pelliren, denn große Gelehrte, die wir um Rath gefragt, ha⸗ 
ben uns erklart, daß wir den Bund mit allem Rechte behaup⸗ 
ten können und daß er nicht wider die heilige Kirche ſey.“ 2 
Derſelbe Geiſt ſprach ſich auch in Danzig aus; nur die ehr⸗ 
baren Leute der Umgegend wollten mit dem Bunde nichts mehr 
zu ſchaffen haben.) Ueberdieß war es dem Eidechſen- Ritter 
Jacob von Swenten bereits gelungen, zwiſchen den beiden 
Parteien der Geſellſchaſt eine Suͤhne zu bewirken, denn die 
erwähnten Ereigniſſe hatten in allen das Gefühl der nothwen⸗ 
digen Einigkeit und der Verſöhnung von neuem rege gemacht. 
Hans von Czegenberg und Auguſtin von der Schewe hatten 
fich wieder genähert und erſterer ſich wieder an die Spitze der 
Verbuͤndeten geſtellt.“ 

Von dem allem, vom Ausfalle der Antwort der Verbuͤn⸗ 
deten, von ihrer Sendung an den Noͤm. König, den fie zu 
einer mildern Meinung vom Urſprunge und Zwecke ihres Bun⸗ 
des zu gewinnen ſuchen wollten, von Hanſens von Czegenberg 
veränderter Geſinnung war der Hochmeiſter bereits unterrich⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Althaus, d. Donnerſt. nach Mauritii 
1431 und Schr. des Pfiegers v. Papau, d. Freit. nach Franciſci 1451 
Schbl. LXXVII. 4. 68. Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 96. 

2) Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. Freit. vor Dionyſ. 1451. 

3) Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. am T. Galli 1451 
Schbl. LXXVII. 52. 57. 

4) Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 96 — 97. 


* 


248 Verhandlungen mit den Verbündeten. (1451.) 


tet,) als er im October auf der Tagfahrt zu Elbing abermals in 
die Mitte der Verbündeten trat. In einer Rede, aus deren 
Herzlichkeit deutlich hervorging, daß ſie der aufrichtigſten und 
redlichſten Geſinnung entquoll, ermahnte er nochmals zu Friede 
und Einigkeit; hinweiſend auf den im Zwiſt und Hader immer 
zunehmenden, unaufhaltſamen Verfall des Landes, warnte er 
vor den Laͤſterungen und Aſterreden, durch die man das Volk 
immer mehr verhetze und machte dabei auch aufmerkſam auf 
den Wankelmuth und die Zweideutigkeit, die Hans von Cze⸗ 
genberg bisher bewieſen.) Allein des Meiſters Wort blieb 
ohne Wirkung. Die Staͤnde ſchoben ihre Antwort wegen An⸗ 
nahme der angebotenen Verſchreibung bis in den November 
des folgenden Jahres hinaus, vorgebend, bis dahin gebrauch⸗ 
ten ſie Zeit, um auf Tagfahrten die ſo wichtige Sache in 
reifliche Erwägung zu ziehen.) Ihrer Bitte, fie bis dahin 
gegen alle Bedraͤngungen ſowohl im In- als Auslande in 
Schutz zu nehmen, gab der Meiſter gerne Gehoͤr, doch gegen 
den Papſt, wie er ausdruͤcklich erklaͤrte, nur inſofern er koͤnne. 
So führte auch dieſe Tagfahrt zu keiner Annäherung; ® viel⸗ 
mehr hatten ihre Verhandlungen von neuem gezeigt, daß es 
vorzuͤglich die Ritterſchaft des Kulmerlandes, beſonders die 
dort am meiſten ausgebreitete Geſellſchaft der Eidechſen-⸗Ritter 
und die fünf mit ihnen enge verbundenen großen Staͤdte wa⸗ 
ren, die am hartnaͤckigſten am Bunde feſthielten und deren 
Feindſchaſt die Uebrigen beim Austritt aus dem Bunde auch 
am meiſten fürchteten. Vom Kulmerlande aus wurden auch 
ſchon mit dem Landvolke beſonders in den Werdern Verbin⸗ 
dungen angeknuͤpft, wenn Gegenwehr gegen Gewalt nothwen⸗ 


1) Schr. des HM. an d. Landkomthur v. Oeſterreich, d. Stuhm 
am T. Hedwigs 1451 Schul, LXXVIII. 32, 

2) Fol. A. 107. 156. 

3) Auftraͤge für Ruͤticher v. Birken aus Thorn zur Tagfahrt in 
Elbing, Mittw. vor 11,000 Jungfr. 1451 im Rathsarchiv zu Thorn 
Serin. XVIII. 24, Thorner Copiebuch p. 120. 

4 Fol. A. 106 — 108. 156, Schr. des HM. an d. Procurator, 
d. Mar. am T. Martini 1452 Schbl. DM. 97. 


Verhandlungen mit den Verbündeten. (1451.) 249 


dig werden ſollte. An die Kulmer ſchloſſen ſich am meiſten 
die Oſteroder an, doch fehlte es hier noch an einem rechten Verei⸗ 
nigungspunkte,) denn Hans von Baiſen ſtand immer noch 
vermittelnd da, haͤufig bemuͤht, die Intereſſen gegenſeitig aus⸗ 
zugleichen; feine Thaͤtigkeit hemmte indeß immer noch ſeine 
fortwaͤhrende Kraͤnklichkeit. 

Ueberdieß waren diefe Zeiten der Stuͤrme im Lande ſelbſt 
nicht ohne Beſorgniſſe eines Krieges mit einigen Nachbarſuͤr⸗ 
ſten hingegangen. Aus Polen kamen mehrmals Nachrichten 
von bedenklichen Kriegsruͤſtungen, nicht ohne die Vermuthung, 
daß ſie auf einen Einfall ins Ordensgebiet berechnet ſeyen, 
denn der Krieg wurde in Polen gewuͤnſcht und der Koͤnig 
wollte, wie man hörte, nur noch abwarten, welchen Erfolg 
die Verhandlungen des Ordens mit den Verbuͤndeten haben 
wuͤrden, um dann vielleicht die Partei dieſer letztern zu ergreĩ⸗ 
fen. Ganz ſicher war daher der Orden gegen Polen jetzt ſchon 
keineswegs.“) Noch ernſtlicher drohte eine Zeitlang eine Fehde 
mit Herzog Joachim von Stettin, der bedeutenden Schadener⸗ 
ſatz dafur verlangte, daß der Vogt der Neumark ſeine Feinde 
und allerlei Raubgeſindel und Mordbrenner hauſe und hege, 
die ſeinem Lande außerordentlichen Schaden zugefügt. Da 
ſich der Hochmeiſter in des Herzogs Forderung gar nicht ein⸗ 
ließ, fo begann dieſer fo ſtarke Kriegsruͤſtungen, daß man es 
noͤthig fand, mit Herzog Heinrich von Meklenburg wegen 


1) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Dienft. vor Simon und 
Juda 1451 Schbl. LXXVII. 39. 

2) Schr. des Hans v. Baiſen an d. HM. d. Heſelecht Mont. 
vor Thomä 1451 Schbl. LXXVII. 121. Die Kraͤnklichkeit Hanſens 
v. Baiſen mochte wohl auch Urſache ſeyn, daß er ſeinem Bruder Sti⸗ 
bor einen anſehnlichen Theil feiner Güter zu Codyn, Rehberg, Schar⸗ 
fenberg u. a. kaͤuftich überließ; Regiſtr. IX. 363. 

3) Schr. des Komthurs v. Tuchel, d. Mont. nach Johannis Ent⸗ 
haupt. 1451; Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. am T. Galli 
1451 Schbl. LXXVII. 65. 52. Daß der HM. und der Koͤnig von 
Polen auch nicht im beſten Vernehmen ſtanden, beweiſt ein Schr. des 
M. an den Papſt, d. Mittw. vor Dominici 1451 Regiſtr. IX. 337. 


250 General = Kapitel zu Marienburg. (1451.) 


eines Hülfsbüͤndniſſes in Unterhandlung zu treten. Indeß ge⸗ 
lang es den Bevollmächtigten des Hochmeiſters mit einigen 
Raͤthen des Herzogs auf einem Verhandlungstage zu Naulin 
die Irrungen noch gluͤcklich zu beſeitigen.) Uebrigens konnte 
ſich jetzt der Hochmeiſter um die auswärtigen Verhäͤltniſſe 
wenig bekuͤmmern. Nur auf die ausdruͤckliche Aufforderung 
des Papftes, zur Beendigung des Streites zwiſchen den Koͤni⸗ 
gen Chriſtian von Daͤnemark und Karl von Schweden mit 
zu wirken,“ erklärte er ſich bereitwillig.) Die beiden Könige 
nahmen auch ſein Anerbieten gerne an, der von Daͤnemark 
jedoch mit der Bemerkung, daß zwiſchen den bevollmaͤchtigten 
Raͤthen beider Koͤnigreiche unlaͤngſt ſchon eine Suͤhne und 
Ausgleichung der wichtigſten Streitpunkte zu Stande gekom⸗ 
men ſey und uͤber die noch unentſchiedenen Artikel auf einer 
Tagfabrt zu Calmar naͤchſtens eine Einigung getroffen werden 
ſolle.) Der Hochmeiſter fand es daher auch nicht mehr noͤ⸗ 
thig feine Gebietiger dahin zu ſenden. d) 

Wichtiger wurden für den Hochmeiſter ſeine Verhandlun⸗ 
gen mit dem Deutſchmeiſter Joſt von Venningen. Es waren 
ſeit einiger Zeit in den innern Verhaͤltniſſen des Ordens fo 
wichtige Fragen zur Sprache gekommen, daß man es noth⸗ 
wendig fand, die oberſten Gebietiger zu einem General⸗Kapitel 


1) Schr. des Herzogs v. Stettin an d. HM. d. Alt = Stettin 
Donnerſt. vor Eſtomihi 1451 Schol. XV. 112. Schr. des Vogts der 
Neumark, d. Soldin Pfingſtabend 1451 u. andere Berichte über die 
Sache Schbl. LXXVII. 11. 25. 26. 31. Schr. des Komthurs von 
Elbing, d. Holland Freit. nach Corpor. Chr. 1451 Schbl. X. 11. 
Vollmacht des HM. für feine Sendboten Schbl. 47. 3. 

2) Die paͤpſtl. Bulle an den HM. d. Romae sexto Idus Junii 
1450 p. a. quarto Schbl. XIII. 18. 

3) Schr. des HM. an den Koͤnig Chriſtian v. Daͤnemark, d. 
Sobowitz Sonnt. vor Converſ. Pauli 1451 Regiſtr. IX. 291. 

4) Schr. des Koͤniges v. Daͤnemark an d. HM. d. Odenſee Mittw. 
nach Mitfaſten 1451 u. Schr. des Koͤniges v. Schweden an d. HM. 
d. Stockholm Sonnt. Invocavit 1451 Schbl. XXXI. 11. 102. 

5) Schr. des HM. an d. Koͤnig v. Schweden, d. Montau Sonnt. 
Cantate 1451 Regiſtr. IX. 321. 


General = Kapitel zu Marienburg. (1451) 251 


in Marienburg zu verſammeln. Wie gewoͤhnlich hatte zuvor 
der Hochmeiſter den Zuſtand der Ordenshaͤuſer und die Lebens⸗ 
weiſe der Konventsbruͤder im ganzen Bereiche der Ordensbe⸗ 
ſitzungen durch ſ. g. Viſitirer genau unterſuchen laſſen; “ 
der Vogt von Leipe Georg von Eglofſtein war zu dieſem 
Zwecke bis nach Italien gegangen, wo ihn der Doge von Ve⸗ 
nedig Franz Foscari mit vieler Huld aufnahm. 2) Bei dem 
traurigen Zuſtande der meiſten Balleien und Konvente ſowohl 
in öconomiſcher als fittlicher Hinſicht hatte ſich manches gefun⸗ 
den, was durchaus einer Abhülfe bedurfte; es war z. B. ein 
ſtrengeres Geſetz nothwendig uͤber die Verwendung des Nach⸗ 
laſſes verſtorbener Ordensbruͤder, beſonders der Beamten, denn 
trotz der beſtehenden Verordnungen daruͤber?) war der Miß⸗ 
brauch eingeriſſen, daß jeder, wer konnte, ſich des Nachlaſſes 
bemaͤchtigte und ihn zu feinem Nutzen verwandte.) Außer: 
dem hatte der Johanniter⸗Orden ſchon im vorigen Jahre und 
jetzt von neuem durch einen beſondern Sendboten dem Hoch⸗ 
meiſter den Vorſchlag machen laſſen, die beiden Orden in 
einem zu verbinden oder doch, wenn dieß nicht geſchehen koͤnne, 
die Güter des Johanniter-Ordens in Deutſchland gegen die 
des Deutſchen Ordens in Neapel und Sicilien auszutauſchen, 
was für beide Orden von Nutzen ſeyn koͤnne. Das Erſtere 
wuͤnſchte man von Seiten des Johanniter⸗Ordens am meiſten, 
doch eigentlich nur in Italien, denn die Johanniter-Ritter in 
Deutſchland, von denen man Widerſpruch befuͤrchtete, hatte man 
davon noch gar nicht unterrichtet. Der Hochmeiſter theilte da⸗ 


1) Vollmachten für die Viſitirer Regiſtr. IX. 292. 353. Schbl. 
106. 4. 
2) Das Empfehlungsſchreiben des Doge v. Venedig, d. in ducali 
Palatio III August. 1451 im Raths ⸗ Archiv zu Thorn Serin. XV. 8. 
3) Namentlich Konrads v. Erlichshauſen. 
4) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter v. J. 1451 Schbl. 98. 
32. Schr. der oberſten Viſitirer Deutſcher und Wälſcher Lande an den 
Landkomthur von Oeſterreich, d. Laubach Sonnab. nach Divif. Apoſtol. 
1451 im Rathsarchiv zu Thorn Serin. XV. 6. Thorner Copiebuch 
b. 102. 


252 General = Kapitel zu Marienburg. (1452.) 


her die Sache dem Deutſchmeiſter auch als Geheimniß mit, 
um ſie mit einigen ſeiner vertrauteſten Gebietiger reiflich zu 
berathen und dann ſein Gutachten darüber auf dem General⸗ 
Kapitel abgeben zu koͤnnen.) Endlich aber — und das war 
das Wichtigſte — hatte dieſer auch die Frage uͤber die Guͤl⸗ 
tigkeit der Statuten Werners von Orſeln abermals zur Sprache 
gebracht. Der Hochmeiſter hatte ihm verſprochen, die Sache 
auf dem Kapitel noch einmal zur Berathung zu nehmen, um 
entſcheiden zu laſſen, ob die Statuten, wie Ludwig wünſchte, 
ein- für allemal gaͤnzlich verworfen oder in der Art modiſicirt 
werden ſollten, daß ſie keinen Nachtheil bringen und nieman⸗ 
den in feinen Rechten beeinträchtigen koͤnnten.) Der Deutſch⸗ 
meiſter, der die Bedraͤngniſſe des Hochmeiſters zur Ausführung 
ſeines Planes jetzt benutzen wollte, erzielte durchaus eine un⸗ 
veränderte Annahme derſelben, fand jedoch in feinem Geſuche, 
man moͤge ihm die einzelnen Punkte, die dem Orden nach⸗ 
theilig ſeyn ſollten, näher bezeichnen, beim Hochmeiſter kein 
Gehör, denn bicfer antwortete ihm bloß: eine Vergleichung 
der Statuten mit dem Ordensbuche werde ſie ihm leicht auf⸗ 
finden laſſen. 3 

Der Deutſchmeiſter trat mit dem Beginne des Jahres 
1452 ſeine Reiſe nach Preuſſen an, jedoch nur unter einem 
ſichern Geleitsbriefe des Hochmeiſters, denn wie er ſelbſt er: 
Härte, wagte er es nach feinem letzten Abſchiede vom Tage der 
Verbuͤndeten nicht, ohne ſolchen in Preuſſen zu erſcheinen. “ 


1) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Stuhm Donnerſt. 
nach Lucia 1451 Schbl. LXXI. 75. Schr. des Precurators an den 
HM. d. Rom Breit. nach Aſcher-Mittw. 1450 Schbl. I. 40. 44, 

2 Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mewe Sonnt. nach 
Corpor. Chr. 1451 Schbl. 98. 32. 

3) Schr. des Deutſchm. an den HM. d. Speier am T. Laurentii 
1451 Schbl. 98. 33. Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Mar. 
Sonnt. nach Aller Heil. 1451 Schl. 104. 4, 

4) Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Horneck Mittw. 
nach Kzeuz ⸗Erboh. 1451 Schbl. DM. 89. LXXVII. 50. Schr. des 
M. an den Deutſchmeiſter d. Mar. Sonnt. nach Aller Heil. 1451 
Schbl. 104 4. 


General = Kapitel zu Marienburg. (1452.) 253 


Er fand das Land wieder in großer Aufregung und innert 
Zerriſſenheit. Die unter den Mitgliedern des Bundes und 
der Eidechſen⸗Geſellſchaft wiederhergeſtellte Eintracht ward fuͤr 
den Orden jetzt darum noch gefährlicher, weil fi nun die 
Zahl der Eidechſen-Nitter durch den Eintritt neuer Mitglieder 
noch bedeutend vermehrte.) Auch in den Bund ſelbſt traten 
jetzt wieder neue Staͤdte und Ritter ein, beſonders in den Nie⸗ 
derlanden. Dabei nahm aber auch die Hartnaͤckigkeit und die 
Widerſpaͤnſtigkeit der Bundesverwandten mit jedem Tage zu. 
Den Vorladungen der Ordensbeamten leiſteten ſie ſchon faſt 
gar keine Folge mehr,? hielten Tagfahrten und luden dahin 
vor, wen ſie wollten, beſchloſſen da, was ihnen beliebte, gaben 
Verordnungen, wie es ihnen gut duͤnkte, alles ohne Wiſſen 
und Erlaubniß des Hochmeiſters, denn ſeine Verbote wurden 
beinahe ſchon gar nicht mehr beachtet, und wenn es von einigen 
hie und da zum Scheine noch geſchah, ſo hielten es doch auch 
dieſe im Stillen mit dem Bunde.“ 

Nun ward das General-Kapitel zu Marienburg, jedoch 
erſt gegen Ende des März eröffnet. Der wichtigste Gegenſtand 
der Verhandlungen war die Frage uͤber die erwahnten Statu⸗ 
ten. Der Hochmeiſter erklaͤrte ſogleich frei heraus, ſie muͤßten 
als dem Orden in aller Hinſicht ſchaͤdlich, für Ruhe und Frie⸗ 
den nachtheilig jetzt völlig aufgehoben und vernichtet werden, 
und bat auch den Deutſchmeiſter, ſich darin willig zu zeigen. 
„Mit nichten, erwiederte dieſer, haben die Statuten dem Or⸗ 
den in fruͤherer Zeit Schimpf und Schaden gebracht; dieſer 
erwuchs vielmehr aus böfem Regimente und aus eigener Schuld, 
nicht aber aus jenen, die an ſich ehrlich, redlich und nuͤtzlich, 
vom Concilium beſtätigt und von unſern Vorfahren für zweck⸗ 


J) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. am Neujahrstage 1452 
Schbl XL. 15. Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 98. 

2) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Dienſt. Timothei 1452 Schl. 
LXXVII. 135. 

3) So ſchildert der HM. ſelbſt den Zuſtand der Dinge in einem 
Schr. an d. Markgr. Hans v. Brandenburg, d. Tolkemit Sonnt. vor 
Purif. Mariä 1452 Schbl. LXX VII. 16. 


57 


254 Verhandlungen mit den Standen. (1452.) 


dienlich und heilſam befunden worden ſind. Vor allem muͤßte 
man doch nachweiſen, in welchen Punkten ſie dem Orden 
nachtheilig geweſen ſeyen.“ Es wurden darauf elf ſolcher 
Punkte vorgelegt, die theils die richterliche Gewalt des Deutſch⸗ 
meiſters uͤber den Hochmeiſter in Fällen, wo dieſer ſeinen 
Amtspflichten nicht ſtreng genug nachgekommen ſey, theils des 
erſtern Einfluß auf die Hochmeiſter⸗Wahl und deſſen Eingrei⸗ 
fen in des Hochmeiſters Amtsgewalt, theils auch ſolche Be⸗ 
ſtimmungen betrafen, die den Geſetzen des Ordensbuches ent⸗ 
weder widerſprachen oder dieſe als unnütz und unnoͤthig er⸗ 
ſchienen ließen. Man ſuchte zu erweiſen, wie unvermeidlich 
aus dieſen Punkten Hader und Unfriede im Orden und Scha⸗ 
den und Verderb fuͤr das Land hervorgehen muͤßten, ſobald ſie 
in Anwendung kommen wuͤrden. Der Deutſchmeiſter indeß 
ließ ſich weiter auf keine Erörterungen ein, vorgebend, er 
habe ſich mit ſeinen Gebietigern in Deutſchland uͤber die Sache 
nicht zuvor berathen koͤnnen, weil ihm der Hochmeiſter die ans 
geblich nachtheiligen Punkte nicht früh genug bekannt gemacht, 
obgleich er darum gebeten habe. Die Sache muͤſſe demnach 
der Entſcheidung eines andern kuͤnftigen Kapitels anheimgeſtellt 
bleiben. Somit konnte alſo jetzt keiner der beiden Meiſter feis 
nen Zweck erreichen.) Ueber den Erfolg der übrigen Bera⸗ 
thungen dieſes Kapitels ſind wir weiter nicht unterrichtet. 

Die Staͤnde aber hatten ſchon vor der Verſammlung 
des Kapitels beſchloſſen, die Anweſenheit der Meiſter von 
Deutſchland und Livland zu benutzen, um ihre Klagen 
und Beſchwerden gegen den Orden in deren Gegenwart frei 
und offen auszuſprechen; ſie baten daher von Marienwerder 
aus, wo ſie ſich verſammelt, um eine Tagfahrt, auf welcher 
auch die beiden Meiſter und alle Landes⸗Praͤlaten erſcheinen 
mochten.) Der Hochmeiſter indeß gab darauf keinen Bes 


1) Die Verhandlungen über die Statuten vollſtaͤndig Schbl. Va- 
ria nr. 94. 

2) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Mont. nach Reminiſcere 1452 
Schbl. LXXVII. 107. Fol. A. 109, 156. 


Verhandlungen mit ben Ständen. (1452.) 255 


ſcheid, ) zumal da er durch Hans von Baiſen erfuhr, daß die 
Stände den Plan gefaßt hätten, auf der erbetenen Tagfahrt 
den Hochmeiſter, die Praͤlaten und Gebietiger wegen der viel⸗ 
fachen Gewaltthaͤtigkeiten und Ungerechtigkeiten vor jenen beiden 
Meiſtern förmlich in Anklage zu verſetzen, um dann auch die 
Frage zu verhandeln, ob unter ſolchen Berhältniffen ein Bund 
gegen Gewalt und Unrecht nicht rechtmaͤßig ſey??? Da Lud⸗ 
wig überhaupt aus mehren Gründen eine Zuſammenkunft des 
Deutſchmeiſters mit den Verbuͤndeten ſcheute und zu vermeiden 
ſuchen mußte, ſo ließ er jenen, ohne weiter einen Schritt zu 
thun, ſo bald als moͤglich aus Preuſſen wieder abreifen. ) 
Dieſes Verfahren des Meiſters regte jedoch die Erbitterung 
der Verbuͤndeten nur noch heſtiger auf; man warf ihm vor, 
daß er jetzt ſichtbar allem Frieden entgegenarbeite.) Wo nur 
eine Klage, eine Forderung gegen den Orden möglich war, da 
wurde ſie laut. Danzig trat ſogar wieder mit ſeinem alten 
Streithandel wegen Brechung des biſchoͤflichen Hauſes her⸗ 
vor, um vom Orden eine Entſchaͤdigungsſumme von zwoͤlfhun⸗ 
dert Unger. Gulden zu fordern; der Hochmeiſter mußte ſich 
ſelbſt nach Rom wenden, wo fruͤher die Sache verhandelt 
war. 8) Am eifrigften zeigten ſich auch jetzt wieder die Eidech⸗ 
ſen⸗Ritter im Kulmerlande thaͤtig. Es ward im Mai eine 
allgemeine Versammlung derſelben zu Rheden gehalten theils 
zur Aufnahme neuer Mitglieder in ihren Verein, theils zur 
Berathung uͤber mancherlei Klagen und Beſchwerden in Sachen 
des Bundes gegen den Hochmeiſter. Auf Hanſens von Cze⸗ 


1) Fol. A. 156. 

2) Schr. des Hans v. Baiſen an d. HM. d. Kloſterchen Mont. 
nach Judica 1452 Schbl. LXXVII. 116. Er klagt noch immer über 
ſeine Krankheit; er habe ſich unter großen Schmerzen von Marienwer⸗ 
der nach Kloſterchen bringen laſſen, koͤnne ſich aber gar nicht rühren. 

3) Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Soldin Freit. vor 
Jubilate 1452 Schbl. 98. 19. 

4) Fol. A. 156. 

5) Schr. des HM. an den Procurator, d. am T. Dominici 1451 
Regiſtr. IX. 338. Schr. des HM. an Hans v. Baiſen, d. Mar. 
Dienft, nach Stanislai 1452 u, die Antwort Schbl. LXXVII. 117. 


256 Verhandlungen mit den Ständen. (1452.) 


genberg Rath ward eine allgemeine Tagfahrt um Pfingſten 
befchloffen, auf welcher jeder der Eingeladenen bei Verluſt von 
Ehre und Treue erſcheinen ſollte. Dort wollte man ſich daruͤber 
berathen, um zu erfahren, „wie man mit dem Orden und dem 
Meiſter daran ſey und wie man nun der Streitſache ein Ende 
machen koͤnne.“ Man ſchien jetzt mit dem entſchiedenſten 
Ernſte gegen den Orden auftreten zu wollen und ging daher 
von deman auch mehr und mehr darauf aus, das Landvolk 
und den gemeinen Mann mit in die Sache des Bundes zu 
ziehen und für fein Intereſſe zu gewinnen. 2 

Alſo kamen in der Mitte des Juni die Bundesverwand⸗ 
ten in großer Zahl zu Marienwerder zur Tagfahrt zuſammen, 
an ihrer Spitze die vornehmſten der Eidechſen-Ritter, Hans 
von Czegenberg, Auguſtin von der Schewe, Jacob von Swen⸗ 
ten, Gabriel von Baiſen, Michael von Buchwalde, Thielemann 
von Wege u. a. Von dort brachten Abgeordnete dem Hoch⸗ 
meiſter, der damals auf einer Reiſe zu Mewe war, eine auf 
der Tagfabrt abgefaßte Schrift, worin man zuerſt für die, 
welche Klagen zu führen häften, um einen Richttag bat, auf 
dem fie verhoͤrt werden und Abhülfe erlangen koͤnnten. Der 
Meiſter erwiederte: „Zwei Jahre haben wir Richttage gehal⸗ 
ten und jeden verhoͤrt, der vor uns kam. Wir ſind zwar jetzt 
wegefertig auf einer Reiſe durch Pommerellen, doch wollen wir 
auch jetzt noch jeden verhören, der vor uns Klage führen will.“ 3 
Darauf klagten aber die Sprecher des Bundes weiter: „Wir 
vernehmen von unſern Freunden, daß man ſich im Lande hin 
und wieder viel Muͤhe giebt, Viele von unſerem Bunde durch 
Geſchenke, Beſtechung und Drohung zu trennen. Man hat 


1) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. zum Zehnden Mittw. 
vor Himmelf. 1452 Schbl. XLV. 16; über die Wichtigkeit dieſes 
Berichtes für die innere Geſchichte der Eidechſ. Geſellſchaft, |. Voigt 
a. a. O. S. 99 — 100. 

2) Im erwähnten Schreiben; f. Eidechſ. Geſellſch. S. 101. 

3) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. am T. Martini 
1452 Schbl. DM. 97. Schr. des HM. an den Livl. Meiſter, d. 
Mar. Freit. vor Dionyſ. 1452 Schbl. DM. 95. 


Verhandlungen mit den Ständen. (1452.) 257 


uns verklagt beim Papſte, beim Kaiſer, bei den Fuͤrſten; ihr 
wiſſet ſelbſt, daß ihr uns in unſerer Vereinigung frei und un⸗ 
beſchwert geſunden und daß ihr ſelbſt verſprochen habt, uns 
unſere Freiheiten zu erhalten, und dennoch draͤngte uns der 
paͤpſtliche Legat, bedraͤngen uns des Papſtes Bullen. Von 
den Kanzeln herab werden wir als untreue und untuͤchtige 
Chriſten geſcholten. Wir find vor dem Roͤm. Koͤnige und bei 
den Fuͤrſten verleumdet und ihr wiſſet, welche drohende Briefe 
wir empfangen. Wir ſind hieher geſandt, euch zu bitten, uns 
von dieſen Beſchwerungen und Beläftigungen zu befreien. Wir 
haben durch Heiden und andere Feinde im Kriege, durch Raub 
und Brand viel gelitten, unſere Frauen und Kinder geopfert; 
wir ſelbſt haben für euere Vorfahren vor den Zaͤunen gelegen, 
um euere Ordenshaͤuſer zu ſchuͤtzen und zu retten; das Ge⸗ 
ſchmeide wurde unſern Frauen von den Kleidern geſchnitten, 
um euere Gefangenen auszuloͤſen; aber wir haben leider des 
wenig Dank verdient in dieſen Laͤufen. Als euer Vorfahr 
Paul von Rußdorf mit den Konventen in Zwiſt lag, haben 
ſie Landen und Staͤdten die Sache anheimgeſtellt und dieſe um 
Hülfe angerufen. Damals wurde durch dieſe Friede und Ruhe 
wiederhergeſtellt; fie verſprachen uns damals wiederum Huͤlfe, 
worüber wir noch Brief und Siegel haben. Verdenket es uns 
alſo nicht, wenn wir uns jetzt an ſie wenden. Darum bit⸗ 
ten wir mit aller Demuth, uns vor Laͤſterungen zu ſchuͤtzen. 
Geſchieht folches nicht, fo verargt es uns auch nicht, daß wir 
uns da verantworten, wo es Noth wird ſeyn und worin die 
Noth uns dringt. 

Der Meiſter gab darauf keine Antwort, ſchuͤtzte feine Reiſe 
durch Pommerellen vor, verſprach jedoch nach ſeiner Ruͤckkehr 
weitern Beſcheid zu ertheilen.) Da wandten ſich die Ver⸗ 
bündeten, erbitterten Gemuͤthes, alsbald an die Konvente zu 
Koͤnigsberg, Balga und Brandenburg, ſie an den Schutz er⸗ 


1) Dieſe Verhandlung vollſtaͤndig Fol. A. 109 — 113. 156— 157. 
Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 102 — 103. Schr. des HM. 
an d. Procurator, d. Mar, am T. Martini 1452 Schbl. DM. 97. 

VIII. 17 


258 Verhandlungen mit den Ständen. (1452.) 


innernd, den ſie ihnen einſt unter Paul von Rußdorf gewaͤhrt, 
und ſie jetzt um gleichen Beiſtand bittend, indem ſie beim 
Papſt, Kaiſer und Reich verklagt, vom Hochmeiſter aber ohne 
Huͤlfe gelaſſen ſeyen.) Die Nachricht hievon erregte beim 
Hochmeiſter die größte Beſorgniß; aͤngſtlich ſuchte er bei ver⸗ 
ſchiedenen Gebietigern naͤher auszuforſchen was es mit dieſer 
Zuſage des Beiſtandes von Seiten der Konvente fuͤr eine Be⸗ 
wandtniß habe, denn die Sache ſchien ihm allerdings hoͤchſt 
bedenklich. Mittlerweile erließen die Haͤupter des Bundes 
die ernflichfien Warnungsſchreiben an die unter den Anhaͤn⸗ 
gern des Ordens, welche, wie der Ritter Segenand von Wa⸗ 
pels im Chriſtburgiſchen, ſich vielfältig bemuͤhten, in den Ge: 
bieten von Oſterode, Chriſtburg, Elbing u. ſ. w. die Theilneh⸗ 
mer am Bunde ſcheu zu machen und zum Abfalle zu bewe⸗ 
gen, indem ſie vorgaben, „die Buͤndiſchen gingen nur mit 
Lug und Trug um und haͤtten nur mit Liſt und Schalkheit 
Viele in den Bund gebracht.“ So wurden die Gemuͤther 
immer mehr entflammt. Die Gaͤhrung nahm noch zu, als 
bald darauf eine neue Bulle des Papſtes ankam, worin dieſer 
nicht nur den Bund fuͤr null und nichtig und alle Beſtim⸗ 
mungen und Satzungen, worauf er beruhte, für völlig unguͤl⸗ 
tig und kraſtlos erklärte, ſondern auch allen feinen Anhängern 
und Foͤrderern mit dem Bannſtrahle drohte, wofern ſie den 
gegen alle Kirchenfreiheit ftreitenden Bund nicht fofort aufge⸗ 
ben und zum Gehorſam gegen den Orden und die Landes⸗ 
Praͤlaten zurückkehren wurden. ) Die Aufregung im ganzen 


1) Schr. der Ritter u. Knechte u. der großen Staͤdte an die drei 
Konvente, d. Sonnab. nach Viti 1452 Schl. LXXVII. 135. 

2) Schr. des Komthurs v. Memel an d. HM. d. am T. der 
11,000 Ritter 1452 Schbl. LXXVII. 139. 

3) Schr. der Ritter, Knechte u. Staͤdte an den Ritter Segenand 
von Wapels, d. Mewe Sonnab. nach Viti u. Modeſti 1452 Schbl. 
LXXVII. 129. 

4) Wir haben dieſe Bulle nur in einem Transſumt vom J. 1455 
mit dem Dat. Rome VIII Cal. Maji 1452 p- a. sexto Schbl. XIV. 
6, eine deutſche Ueberſetzung Schbl. LXXVIL 96. Der Papſt führt 
darin die Sprache des ſtrengſten Ernſtes. 


Verhandlungen mit den Ständen. (1452) 259 


Lande war außerordentlich, als dieß bekannt wurde; uͤberdieß 
verbreitete ſich ſchnell im Kulmerlande das Geruͤcht: der Mei⸗ 
ſter habe den Komthuren jener Gegenden bereits heimlich den 
Befehl ertheilt, ſich der Bundeshaͤupter und Stimmfuͤhrer ſo⸗ 
bald als moͤglich zu bemaͤchtigen und wo man ſie finde, auf⸗ 
zuheben. Man beſchloß jetzt, an den Hochmeiſter eine Bot⸗ 
ſchaft zu ſenden, um ihn deßhalb mit ſtrengem Ernſte zur Rede 
zu ſtellen.“) 

Nun geſchah aber, daß der Meiſter gegen Ende des Juli 
auf des Koͤniges von Polen Einladung, die er nicht ausſchla⸗ 
gen konnte, eine perſoͤnliche Zuſammenkunſt mit ihm bei Thorn 
hielt, um ſich über mancherlei Verhaͤltniſſe, beſonders über die 
Handelsſtreitigkeiten mit ihm auszugleichen, die bisher immer 
noch zwiſchen Polen und dem Orden, namentlich zwiſchen Kra⸗ 
kau und Danzig obgewaltet und den Verkehr beider Laͤnder 
faſt ſchon ganz erdruͤckt hatten. Die Verhandlungen hatten 
durch Beſeitigung mehrer Handelsbeſchraͤnkungen manchen guͤn⸗ 
ſtigen Erfolg.) Der König und der Meiſter begegneten ſich Übers 
haupt mit der größten Freundlichkeit, luden einander zu Gaſt, 
beſchenkten ſich gegenſeitig, wie es damals Sitte war, der 
Hochmeiſter den Koͤnig mit zwei ſeiner ſchoͤnſten Hengſte und 
trennten ſich dann nach ihren Verhandlungen mit allen Be⸗ 
weiſen von Freundſchaſt. Da erſchien nun aber beim Hoch⸗ 


1) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schönfee Sonnt. nach Apoſt. 
Theil. 1452 Schbl. LX XVII. 118. In einem Schr. des HM. an den 
Rath v. Kulm, d. Roggenhauſen Dienſt. nach Diviſion. Apoſt. 1452 
im Rathsarchiv zu Thorn, Thorner Copiebuch p. 134 widerlegt er das 
verbreitete Gerücht. 

2) Die Verhandlungen über die Handelsſtreitigkeiten zwiſchen Pos 
len und den Danzigern zu Neſſau, d. Sonnab. Jacobi 1452 Schbl. 
LXXVII. 118. Schr. des Koͤniges v. Polen an d. HM. d. Gam- 
bitcze feria VI post festum Petri vincula 1452 Schbl. XXVI. 28. 


3) Schr. des HM. an d. Procurator, d. Mar. Martini 1452 
Schbl. DM. 97. Schr. des HM. an d. Livl. Meiſter, d. Mar. Freit. 
vor Dionyſ. 1452 Schbl. DM. 95. Dlugoss. T. II. 92. Zernecke 
Thorniſ. Chron. p. 52. 

17 * 


260 Verhandlungen mit den Staͤnden. (1452,) 


meiſter auch eine Geſandtſchaft der Bundeshaͤupter, an ihrer 
Spitze die Eidechſen-Ritter Gabriel von Baiſen, Jacob von 
Swenten und Thielemann von Wege, theils um ihn uͤber die 
angeblich feindliche Maaßregel zu befragen, theils ihn um eine 
eniſchiedene Antwort auf das ihm zu Mewe vorgelegte Geſuch 
anzugehen. Er wies fie indeß mit allerlei Ausflüchten ab; 
man drang immer ſchaͤrfer auf Antwort, denn man wollte ſich 
nicht laͤnger hinhalten laſſen; endlich verſprach er ſie nach ſei⸗ 
ner Heimkehr den Ständen zu ertheilen. » 

Wohl aber mochte damals der König von Polen den er: 
ſten klaren Blick in die wirren Verhaͤltniſſe Preuſſens gethan 
und daraus vielleicht mancherlei Hoffnungen fir die Zukunft 
entnommen haben. Es konnte ihm kaum unbekannt bleiben, 
daß hie und da im Kulmerlande ſchon Stimmen laut wurden: 
wolle der Meiſter ſeine Unterthanen nicht bei ihren Rechten 
laſſen, ſo ſey man ſehr geneigt, ſich den Polen näher anzu: 
ſchließen.“ Auch bewies ſchon die Aengſtlichkeit und die bange 
Beſorgniß der Anhaͤnger des Ordens unter der Ritterſchaft, 
daß wichtige Plane im Schwange gingen, zu deren Ausfüh⸗ 
rung man nur die geeignete Zeit erwartete.) Der Meiſter 
ſelbſt hatte ſchon faſt keine Hoffnung mehr, mit den Staͤnden 
bei der obwaltenden Leidenſchaſtlichkeit und Erbitterung ſich 
je güflich ausgleichen zu koͤnnen.) Er hatte ſich an den alten 
Freund ſeines Hauſes, den Markgrafen Hans von Branden⸗ 
burg mit der Bitte gewandt, bei einigen angeſehenen Reichs⸗ 
fürften noch einige Briefe an die Verbuͤndeten, wie die des 
Kurfuͤrſten von Brandenburg und des Erzbiſchoſs von Koͤln zu 
bewirken; der Markgraf verſprach auch, bei dem naͤchſtens ſtatt⸗ 


1) Fol. A. 113 — 114. 157, 

2) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Pfingſtabend 1452 Schöl. 
LXXVII. 55, 

3) Schr. Segenands v. Wapels u. einiger andern Anhänger des 
Ordens an d. HM. d. Chriſtburg Mont. nach Dominici 1452 Schbl. 
LXXVII. 121. 

4 Schr. des HM. an d. Procurator, d. Mar. Martini 1452 
Schbl. DM. 97. 


Verhandlungen mit den Ständen, (1452.) 261 


findenden Turniere zu Bamberg einige Fürſten dazu zu gewin⸗ 
nen.) Aber was konnten ſolche Briefe noch viel fruchten, 
da der Deutſchmeiſter die ſchon bei feiner Abreiſe aus Preuſſen 
gegebene beſtimmte Erklaͤrung jetzt wieder erneuerte, daß er zu 
der Art, wie der Hochmeiſter durch die erwaͤhnte Verſchreibung 
ſich mit den Verbuͤndeten abfinden wolle, niemals ſeine Zu⸗ 
ſtimmung geben, viel weniger, wie man verlangt, ſie mit be⸗ 
ſiegeln werde, wenn nicht mehre weſentliche Punkte, beſon⸗ 
ders in Beziehung auf die Gerichtsverhaͤltniſſe darin veraͤndert 
würden. ? 

Ueberhaupt aber ſchienen auch die Verbuͤndeten ſelbſt ſchon 
keine Ausgleichung auf friedlichem Wege mehr zu erwarten. 
Der Kaiſer Friederich, an den ſie ſich gewandt, hatte an ſie 
das ernſt drohende Gebot erlaſſen, fie follten den Bund ſchlech⸗ 
terdings abthun, ihren Streit beilegen und dem Orden Gehor⸗ 
ſam leiſten oder es werde nöthig ſeyn, wider ſie nach Reichs⸗ 
rechten zu verfahren.) Kaum war dieſes Schreiben ange⸗ 
langt, als der Meiſter erfuhr: es ſeyen von den Verbuͤndeten 
Auguſtin von der Schewe, Ramſchel von Kriren, Vogt des 
Pomeſaniſchen Domſtiftes,) Thielemann von Wege und An⸗ 
dreas Brunau, ein Burger aus Königsberg als Sendboten 
zum Kaiſer erkoren, ) um bei dieſem den Hochmeiſter und den 
Orden zu verklagen; ſchon ſey ein Regiſter aller Klagbeſchwer⸗ 
den gegen die letztern ausgefertigt, die großen Theils „ſeltſam 
und grob“ lauteten; am meiſten beſchuldige man den Meiſter 
und den Ordensſpittler Heinrich Reuß von Plauen, welcher letztere 


1) Schr. des Markgr. Hans v. Brandenburg an d. HM. d. Plaſ⸗ 
ſenburg Mont. vor Jacobi 1452 Schbl. LXII. 13. 

2) Schr. des Deutſchmeiſters an d. HM. d. Horneck am T. Lau⸗ 
rentii 1452 Schbl. DM. 99. 

3) Schr. des Kaiſers an die Verbuͤndeten, d. Neuſtadt Samſtag 
nach Petri u. Pauli, des Reiches im 13ten, des Kaiſerth. im eiſten 
Jahre, im Rathsarchiv zu Thorn Cist. II. 44, 

4) Er legte ſein Amt als Stiftsvogt bald nieder; Schbl. LXV. 94. 

5) Ueber die Wahl ein Schr. des Viſchofs Kaspar v. Pomeſanien, 
d. Rieſenburg am T. Nativit. Maria 1452. 


262 Verhandlungen mit den Ständen, (1452.) 


arme Waiſen ihrer Güter beraubt und arme Kinder in die 
Bichhöfe geſteckt habe; vom Hauskomthur zu Preuſſiſch⸗Mark 
ſage man, daß er drei Menſchen graͤulich gemartert und dann 
heimlich im Thurm ermordet haben ſolle, und ſolcher ſchaͤndli⸗ 
chen Dinge wuͤrden dem Orden eine Menge angedichtet. Auf 
den Kaiſer ſetzten die Verbuͤndeten immer noch Vertrauen, denn 
ſie meinten, der Brief, den der Meiſter als des Kaiſers Brief 
Landen und Staͤdten mitgetheilt, ſey vom Biſchofe von Erm⸗ 
land geſchrieben und untergeſchoben. ) Ludwig traf ſofort An⸗ 
ſtalt, zu ſeiner Verantwortung den Vogt von Leipe Georg von 
Eglofſtein als Botschafter an den Kaifer zu ſenden, nicht ohne 
große Schwierigkeit, denn der Ordensſchatz war fo erſchoͤpft, 
daß die dazu noͤthige Geldſumme von den Komthuren und 
Voͤgten zuſammengebracht werden mußte und von dieſen waren 
mehre nicht einmal im Stande, zwanzig bis dreißig Gulden 
beizuſteuern, ja der Ordensmarſchall wagte nicht einmal ſeine 
Amtleute dazu aufzufordern, aus Beſorgniß, ſie moͤchten ihm 
alle ihre Aemter aufſagen. > 

Bevor jedoch der Meiſter den Botſchafter ausſandte, be⸗ 
rief er die Staͤnde zu Ende des Auguſt zu einer Tagfahrt 
nach Marienburg, um ihnen die verlangte Entſcheidung zu ge⸗ 
ben. Sie verſammelten ſich zu Marienwerder und ſandten von 
da, um weitern Zwiſt zu vermeiden, nur eine Botſchaft von 
ſechs Perſonen zum Hochmeiſter. Er ſprach zu ihnen mit gro⸗ 
ßer Milde: „Wir haben ſeit etlichen Jahren unter einander 
ohne Richter ſchriftlich und muͤndlich Klage und Antwort auf⸗ 


1) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Dienſt. vor u. I. Frauen⸗ 
Tag 1452 Schbl. LXXVII. 132. Es heißt auch: Ich vorneme och, 
das ſy dem keyſer zuſchryben uͤber die heren des ordens, wy das man 
In ir wiber beſchlaf und In die manne vorföffe oder vortrenke und 
der artykel fyl ſchentlichen. 

2) Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. am T. Bartholont. 
1452 Schbl. LXXVII. 117. Schr. des Ordens marſchalls, d. Koͤnigsb. 
Dienſt. vor Bartholom. 1452 Schbl. LXX VII. 109; ähnliche Schrei⸗ 
ben anderer Gebietiger, die erflären, fie Könnten gar nichts oder nur 
die Hälfte, etwa 15 Gulden beiſteuern ebendaſ. Nr. 113. 114. 


Verhandlungen mit den Ständen. (1452.) 263 


genommen, find aber dadurch nicht zu Ruhe und Friede ges 
kommen, denn was uns Recht duͤnkte, ſchien euch Unrecht. 
Niemand iſt in eigener Sache unparteiiſcher Richter. Wären 
die Klagen vor einen gerechten Richter gebracht, ihr wäret 
längſt zur Ruhe gekommen. Nun heißt es aber in euerem 
Bunde ausdrücklich: er ſey wider Gewalt und Unrecht geſtiftet, 
ſo daß jedermann bei Recht bleiben ſolle; werde jemand uͤber 
Unrecht klagen, der ſolle ſich zu Recht berufen und am Rechte 
genügen laſſen. Faſſet alſo alle euere Klagen wider uns zu⸗ 
ſammen, wie wir desgleichen die wider euch; wir wollen dann 
beide vor einen gebuͤhrlichen Richter treten. Was dieſer als 
Recht ausſpricht, wollen wir euch feſt und unverbruͤchlich hal⸗ 
ten. Waͤhlet den Richter ſelbſt; iſt euch der Papſt, unſer ge⸗ 
buͤhrlicher Richter zu ferne, fo waͤhlet den Kaiſer, einen Kur⸗ 
fürſten, einen Fuͤrſten in Deutſchland, einen Erzbiſchof oder 
Biſchof, den Erzbiſchof von Riga oder die Praͤlaten unſeres 
Landes oder auch vier von beiden Theilen erkorene gottesfuͤrch⸗ 
tige und weiſe Maͤnner aus unſern Unterthanen, die unter ſich 
einen Obmann ernennen mögen. Sie mögen nach Gott und 
Recht alles enden und entſcheiden.“) 

Mit dieſem Erbieten gingen die Sendboten nach Marien⸗ 
werder zu den Ihrigen zuruͤck. Allein das friedliche Wort fand 
kein Gehör; vielmehr fandten die Bundesverwandten nach we⸗ 
nigen Tagen „durch einen ſchlechten Boten“ dem Meiſter eine 
neue Klagfchrift zu, ſich bitter darin beſchwerend, daß fie nicht 
nur auswaͤrts vom Kaiſer, Papſt und von Fuͤrſten wegen 
ihres Bundes fort und fort bedraͤngt und verfolgt, ſondern 
auch im Lande ſelbſt von den Kanzeln herab verleumdet, von 
den Ordensamtleuten mit Drohungen, Geſpoͤtt und unziemli⸗ 
chen Reden aufs ſchwerſte verletzt, beleidigt und auf alle Weiſe 
zum Abfalle vom Bunde durch die Gebietiger bedraͤngt wuͤr⸗ 
den, und zuletzt erklaͤrend: der Hochmeiſter koͤnne es ihnen 
nicht verdenken, daß fie fi darüber an gebuͤhrenden Orten 


1) Fol. A. 114 — 116. 157 — 158. Schr. des HM. an den Pro- 
curator, d. Mar. Martini 1452 Schbl. DM. 97. 


264 Verhandlungen mit den Ständen. (1452,) 


verantworten würden. Damit deutete man auf die Sen⸗ 
dung an den Kaiſer hin. Eine Suͤhne mit dem Orden war 
jetzt kaum noch denkbar, denn die Erbitterung der Gemuͤther 
wuchs nun mit jedem Tage mehr, da auf der Tagfahrt zu 
Marienwerder eine Menge der groͤbſten Gewaltthaten und 
Graͤuel mehrer Gebietiger gegen die Unterthanen zur Sprache 
gekommen waren, die, obgleich meiſt offenbar nur zu dem 
Zwecke erdichtet, um gegen den Orden aufzuhetzen „dennoch all⸗ 
gemein geglaubt wurden und alles gegen die Ordensherren er⸗ 
bittern und empoͤren mußten. Nun konnte keiner ſchon mehr 
gleichgültig und parteilos bleiben; die Spaltung ward immer 
groͤßer, die Feindſchaften immer ſchneidender, die Gaͤhrung im⸗ 
mer wilder. Die Verbuͤndeten verfolgten die aus dem Bunde 
Ausgeſchiedenen mit ſchaͤndlichen Schelt⸗ und Schimpfworten, 
Verleumdungen und Drohungen und ſo dieſe wiederum jene. 
Freunde ſtanden gegen Freunde, Brüder gegen Bruͤder auf; 
da war kein Ort und keine Stadt mehr, wo nicht Hader und 
Zwietracht herrſchte.) Selbſt die engſten Banden verloren 
ihre Kraft. Kam doch aus Thorn ſogar die Nachricht, daß 
ſelbſt hie und da Ordensbruͤder, ſelbſt einige Konvente den 
Verbuͤndeten nicht abgeneigt ſeyen; ſogar auf einige Komthure 
im Kulmerlande und Pommerellen fing man an mißtrauiſche 
Blicke zu richten, denn ihr Hin- und Herreiten und ihre heim⸗ 
liche Thaͤtigkeit ſchienen hoͤchſt verdaͤchtig. 


1) Schr. der Ritter u. Knechte u. der Bundes⸗Staͤdte an d. HM. 
d. Marienwerder Donnerft, vor Aegidii 1452 Fol. A. 117. 159. Schr. 
des HM. an den Procurator, d. Mar. Martini 1452 Schbl. DM. 97. 


2) So in einem Schr. des Komthurs v. Thorn an d. HM. d. 
Thorn Mittw. vor Nativit. Mariä 1452 Schbl. LXXVII. 33. 


3) Schr. des Muͤnzmeiſters v. Thorn an d. HM. d. Thorn am 
T. Nativit. Mariä 1452 Schbl. LXXVII. 113. Er nennt als ſolche, 
deren Zuſammenkuͤnfte ihm ſehr verdaͤchtig ſchienen, den Hauskomthur 
von Thorn, den v. Schlochau und die Komthure von Althaus und 
Schwez. Er ſagt ebenfalls: Schelten und Fluchen iſt kein maß uff 
dem lande denjenigen, dy von dem bund getreten ſint. 


Verhandlungen mit den Ständen. (1452) 265 


Auch des Meiſters letztes Erbieten erzeugte neue Spaltun⸗ 
gen und Feindfchaften, denn hier ward es für billig gefunden 
und angenommen, dort dagegen verworfen. Im Danziger Ge⸗ 
biete erklaͤtte eine bedeutende Anzahl der ehrbaren Leute: es 
thue ihnen leid, daß die Buͤndiſchen des Meiſters Erbieten 
zurückgewieſen; da nun ſchon die drei Gebiete von Elbing, 
Chriſtburg und Oſterode aus dem Bunde ausgetreten ſeyen, 
ſo wollten auch ſie ferner nichts mit ihm zu ſchaffen haben; 
nur möge der Hochmeiſter auch ihnen, wie jenen, mit Rath 
und Huͤlfe beiſtehen, wenn fie deshalb zur Rede geſetzt wur 
den.) Auch im Oſterodiſchen Gebiete fand es faſt allgemei⸗ 
nen Beifall, ſelbſt auch bei dem Theile der Ritterſchaft, die 
noch im Bunde war,? denn im ganzen dortigen Gebiete gab es 
nur noch dreizehn dem Bunde angehörige Ritter, freilich aber wa⸗ 
ren dieß die reichſten und angeſehenſten, einige derſelben, wie 
Albrecht vonghippelin und Georg von Kynthenau zugleich auch 
Mitglieder der Eidechſen⸗Geſellſchaft. Der Komthur von Oſte⸗ 
rode war eifrigſt bemuͤht, auch von dieſen mehre zum Abfalle 
vom Bunde zu bewegen und Sander von Baiſen ſtand ihm 
darin treulich bei.) g 


Je mehr aber in ſolcher Weiſe in einzelnen Theilen des 
Landes der Bund geſchwaͤcht zu werden ſchien, je mehr man 
wahrnahm, wie die Komthure insgeheim bei den Freien, den 
Schultheißen und wo ſie konnten, alle Mittel auf boten, vo 
der Theilnahme am Bunde abzuſchrecken oder die Theilnehmer 
abtruͤnnig zu machen, hier mit Gewalt und Drohungen, dort 
durch heimliche Verlockung, Liſt und Verſprechungen, um ſo 


1) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. am Abend Nativit. Ma⸗ 
rid 1452 Schbl. LXXVII. 102; er nennt 36 ehrbare Leute, worunter 
der Landrichter, 12 Landſchoͤppen, theils von Adel, theils Buͤrgerliche. 


2) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Hohenſtein Donnerſt. vor 
Nativit. Maria 1452 Schbl. LXX VII. 64. 


3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Gilgenburg am T. Crucis 
1452 Schbl. LXXVII. 108. 


266 Verhandlungen mit den Ständen. (1452.) 


nothwendiger ſchien es den Oberhaͤuptern der Bundesverwand⸗ 
ten, das Band ihrer Genoſſenſchaft feſt und enge zuſammen⸗ 
zuhalten, zugleich aber auch im Auslande eine Stuͤtze zu ſuchen, 
bei der ſie unter der immer ſtaͤrker drohenden Gefahr Halt und 
Hülfe finden koͤnnten. Sie verſammelten zu ſolchem Zwecke 
im September einen neuen Bundestag zu Kulm. Von dort 
aus ſandten fie zuerſt dem Hochmeiſter eine fchriftliche Erklaͤ⸗ 
rung, worin fie das erwähnte Erbieten deſſelben Punkt vor 
Punkt durchgingen, theils um zu beweiſen, daß ſie ſeit des 
paͤpſtlichen Legaten Anweſenheit ſtets dahin gearbeitet hätten, 
Ruhe und Eintracht, Liebe und Freundſchaſt wieder herzuſtel⸗ 
len und daß ſie nichts ſuchten als Freiheit und Gerechtigkeit, 
theils auch um darzuthun, daß der vom Meiſter vorgeſchlagene 
Weg der ſchiedsrichterlichen Entſcheidung zu nichts nützen konne. 
„Unſer Land, ſagten ſie, ſteht theils im Magdeburgiſchen theils 
im Luͤbeckiſchen Rechte, vor welchen jeder gerichtet werden kann; 
auch iſt jeder von uns an ein beſtimmtes Gericht gewieſen, vor 
dem er gerichtet werden muß. Mißfaͤllt ihm deſſen Urtheil, ſo 
haben wir ein Mittelgericht zu Kulm und dann zu Magdeburg, 
in deren Rechte wir ſitzen. Es iſt alſo niemand bei uns Rich⸗ 
ter in eigener Sache. Und gebricht es uns an den Mittelge⸗ 
richten, ſo bekennen wir den Kaiſer als unſern oberſten Rich⸗ 
ter.“ Des Meiſters Erbieten wieſen ſie daher endlich mit den 
Worten zurück: „Die Wege, die ihr uns gebt, das Recht zu 
ſuchen, ſind weit und breit; würden wir einen aufnehmen, ſo 
beſorgen wir, daß ihr ſowohl als wir zu großer Unruhe kom⸗ 
men wuͤrden.“ Darauf aber traten ſie mit der Erklaͤrung her⸗ 
vor: weil der Meiſter ihnen auf ihr zu Mewe eingegebenes 
Geſuch auch jetzt noch keine genuͤgende Antwort gegeben, ſo 
duͤrfe er es ihnen nicht verdenken, daß ſie jetzt an den Orten, 
wo ſie angeklagt worden, namentlich beim Kaiſer, ſich zu ver⸗ 
antworten, zu rechtfertigen und offen darzulegen ſuchen muͤß⸗ 
ten, welche dringende Gruͤnde ſie zur Schließung ihres Bun⸗ 
des bewogen, und daß ſie zugleich auch da und bei ſolchen 
Freunden ſich um Rath, Hülfe und Beiſtand bemühen wuͤr⸗ 
den, wo ſie ſolche zu finden hofften, zumal da ihnen durch die 


Verhandlungen mit den Ständen. (1452.) 267 


Gebietiger ihre Freunde binnen und außerhalb Landes immer 
mehr entzogen wuͤrden.) 

Wen man hiebei im Auge hatte, ward dem Meiſter bald 
kund gethan, denn der Komthur von Thorn meldete ihm: die j 
beiden Eidechfen=Nitter Gabriel von Baiſen und Thielemann 
von Wege ſeyen beim Erzbiſchofe von Gneſen geweſen, ihn zu 
bitten: er möge beim Könige von Polen bewirken, daß er die 
Gundesverwandten in Preuſſen in ſeinen Schutz und Schirm 
nehme, und man ſage, der Koͤnig habe ihnen durch Brief und 
Siegel Schutz und Huͤlfe zugefichert.? Auch der Biſchof von 
Pomeſanien hatte in dieſe Verhaͤltniſſe ſchon einen tiefern Blick 
gethan und warnte den Meifter vor dem Könige, dem Erzbi⸗ 
ſchofe von Gneſen und den Polniſchen Prälaten.? Es war 
alſo unzweifelhaft jetzt die erſte Verbindung der Verbuͤndeten 
mit Polen ſchon angeknuͤpft; es war der erſte Ring der Kette 
von Ereigniſſen gegeben, die nach wenigen Jahren den Ver⸗ 
luſt des ganzen weſtlichen Preuſſens für den Orden herbeifüͤhr⸗ 
ten; es war der erſte Schritt zum Abfalle vom Orden gethan, 
der mit der Reihe der ihm folgenden das Schickſal dieſer Lande 
auf Jahrhunderte hinaus beſtimmte. Der Einfluß des Koͤni⸗ 
ges von Polen auf die innern Verhaͤltniſſe Preuſſens war von 
jetzt an unverkennbar. 

Neuermuthigt erließen jetzt die Kulmer ein Ausſchreiben 
an alle Bundesverwandten, worin ſie dieſen anzeigten, daß 
man fin nöthig befunden, vier namhafte Männer an den Kai⸗ 
fer und wohin es ſonſt nothwendig ſeyn werde, auszuſenden. 
„Auch wiſſet, hieß es dann, daß etliche von den Landen ihre 
Ehre und Treue an Landen und Staͤdten ſehr vergeſſen haben; 
wie man die behandeln ſoll, wird euch noch bekannt werden. 
Jetzt iſt von Landen und Staͤdten beſchloſſen worden, daß 


1) Die Verhandlungen ſpecieller Fol. A. 118 119. 159 — 160. 

2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen Mont. vor Matthaͤi 
1452 Schbl. LXXVII. 109. Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 106. 

3) Schr. des Biſchofs von Pomeſanien, d. Rieſenburg am T. 
Nativit. Maria 1452 Schbl. LXXVII. 131. 


268 Steigende Gaͤhrung der Parteien. (1452.) 


man der Staͤdte Marienburg, Konitz und der Neuſtadt Thorn 
Geſinde nirgends mehr fürdern und ihre Siegel fuͤr unguͤltig 
und werthlos halten ſoll. Wird jemand aus unſerem Bunde 
irgendwo bedraͤngt, ſo nehmt ihn in euere Stadt auf und ge⸗ 
waͤhrt ihm Zuflucht und Huͤlfe zu Tag und Nacht. Kehrt 
euch nicht mehr an Drohungen; handelt als brave Leute, wie 
ihr uns mit Hand und Mund zugeſagt habt, denn wir hoffen, 
daß unſere Sache gut ausſchlagen werde. Was euch wider⸗ 
faͤhrt und was ihr von unſerem Bunde vernehmet, meldet ſo⸗ 
gleich an die naͤchſte große Stadt.“ » 

Seit dieſer Tagfahrt zu Kulm geſchah nun ein Schritt 
nach dem andern, um die Spaltung unheilbar, jede Verſoͤh⸗ 
nung unmoͤglich zu machen. Man hatte von der Tagfahrt aus 
die Nachricht verbreitet: man habe ſichere Kunde, daß der 
Hochmeiſter bereits in Boͤhmen eine ſtarke Macht von Sold⸗ 
truppen in Dienſt genommen, die ins Land einrücken werde, 
ſobald er es verlange. Daruͤber erſchreckt wandten ſich ſofort 
die Bundeshaͤupter an den Polniſchen Hauptmann zu Di⸗ 
bau; ) in Danzig beeilte man ſich, die Stadt auf ein ganzes 
Jahr mit Lebensmitteln zu verſorgen; aller Orten traf man 
Anſtalten zur Gegenwehr.) Daß man ſich beim Ausbruche 
eines Kampfes dem Könige von Polen in die Arme werfen 
wolle, ward bald im ganzen Lande allgemein bekannt.) Zu⸗ 
gleich ward mit emſiger Eile die Abſertigung der Sendboten 
an den Kaiſer betrieben, ſo daß drei Schreiber Tag und Nacht 
beſchaͤftigt waren, um alle Klagen und Beſchwerden von der 
Zeit der Tannenberger Schlacht bis auf den letzten Tag zu⸗ 


1) Ausſchreiben der Kulmer an die Bundesverwandten, d. Kulm 
Sonnab. nach Matthaͤi 1452 Schbl. LII. 27. 

2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Cleophaͤ 1452 Schbl. 
LXXVII. 110. 

3) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. am T. Michaelis 1452 
Schbl. LXXVII. 94. 

4) Schr. des Komthurs v. Tuchel, d. Sonnt. vor Franciſci 1452 
Schbl. LXXVII. 128, 


Steigende Gaͤhrung der Parteien. (1452.) 269 


ſammenzuſtellen.) Auch dieß ward eigentlich meiſt nur von 
den Bundesverwandten im Kulmerlande, beſonders von den 
Eidechſen⸗Rittern ins Werk geſetzt, denn viele von den übri⸗ 
gen, ſelbſt Danzig, ſahen auf dieſe Sendung an den Kaiſer 
nicht ohne bange Beſorgniß hin.) Auch Hans von Baiſen 
hatte durch ſeine Freunde auf dem Tage zu Kulm ſie zu hin⸗ 
tertreiben geſucht; allein die Nachricht von auswaͤrtiger Trup⸗ 
penwerbung und das Bemühen der Gebietiger, das Landvolk 
gegen den Bund zu gewinnen, hatten ſeine Gruͤnde nicht durch⸗ 
dringen laſſen. Er rieth mit Ernſt jetzt dem Meiſter: er moͤge 
einlenken; was man jetzt beim Landvolke betreibe, werde zu 
großem Verderben führen, „denn die Laͤufe der Welt ſind un⸗ 
gewiß und wild. Setzet eiligſt eine Tagfahrt nach Elbing an, 
verſprechet dort den Verbuͤndeten jaͤhrlich eine Tagfahrt und 
einen Richttag, leiſtet den Klagenden Genuͤge und bringt ſie 
zur Ruhe. Wir ſelbſt wollen mit aller Macht zum Beſten 
mit einwirken.“) 


Dieſer Rath indeß ward nicht beachtet, ward als Schwaͤche 
eines kranken Mannes gedeutet. Und doch trieb im Kulmer⸗ 
lande die Erbitterung der Gemuͤther von Tag zu Tag zu wei⸗ 
tern Schritten. Auf Thielemanns von Wege und anderer Raͤthe 
Antrag erging von Thorn aus das Gebot: es ſolle niemand 
von den Bundesverwandten mit den aus dem Bunde Ausge⸗ 
tretenen irgend welche Gemeinſchaft haben weder in Handels⸗ 
geſchaͤften noch in andern Angelegenheiten; man ſolle fie als 
Meineidige verachten und niemand ihr Geſinde in Dienſt neh⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn a. a. O. 

2) Schr. des Komthurs v. Danzig a. a. O. Schr. des Raths v. 
Danzig an den Rath v. Thorn, d. am T. Leodegarii 1452 im Raths⸗ 
archiv zu Thorn, Thorner Copiebuch p. 1365 der Rath von Danzig 
unterhandelte durch den dortigen Komthur mit dem HM., ob man die 
Streitſache nicht im Lande beilegen koͤnne, um die Sendboten des Bun⸗ 
des nicht an den Kaiſer gehen zu laſſen. 

3) Schr. des Hans v. Baiſen an d. HM. d. Heſelecht Dienſt. 
vor Michael. 1452 Schbl. LXXVII. 120, 


270 Steigende Gaͤhrung der Parteien. (1452.) 


men; ihre Briefe und Siegel ſollten nirgends mehr Gültigkeit 
finden, ſondern verachtet und verworfen werden. So war es 
auf dem Tage zu Kulm beſchloſſen und fo behandelte zunaͤchſt 
der Rath der Altſtadt Thorn die ſchon laͤngſt befeindete dor⸗ 
tige Neuſtadt.) Mochte alſo jetzt immerhin der Papſt durch 
einen Kardinal die Bundes verwandten, beſonders die Anſtifter 
und Wortfuͤhrer im Kulmerlande und die fuͤnf großen Bun⸗ 
desſtaͤdte mit allem Nachdrucke abermals ermahnen laſſen, von 
ihrem Bunde abzuſtehen, 9 mochten in den Gebieten von El⸗ 
bing, Chriſtburg und Oſterode, beſonders von der Ritterſchaft 
ſich viele von der Bundesſache ſchon förmlich losgeſagt haben, 
im Gebiete von Danzig nur noch aͤußerſt wenige, in dem von 
Dirſchau nur der kleinere Theil noch Bundesglieder ſeyn; mochte 
daraus der Hochmeiſter immer noch einige Hoffnung faſſen, 
es werde alles noch zum Beſten enden, ) mochte auch Hans 
von Baiſen immer noch nicht ermuͤden, die Erbitterung der 
Gemüther wo moͤglich noch zu beſchwichtigen, dem Hochmeiſter 
kluge Nachgiebigkeit, den Verbuͤndeten auf einer Tagfahrt zu 
Graudenz Maͤßigung und Beſonnenheit anzurathen und von 
der Sendung an den Kaiſer abzumahnen, um auf einer Tag⸗ 
fahrt die Irrungen vielleicht noch zu beſeitigen und die Ruhe 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Hieronymi u. am 
T. Fides 1452 Schbl. XXVI. 31. LXXVII. 50, Geſch. der Eidechſ. 
Geſellſch. S. 107. 


2) Ermahnungsſchreiben des Kardinals Ludwig s. Laurentii in 
Damasco an die Verbündeten, d. Romae die Veneris sexto Octobr. 
1452 Schbl. XIV. 5. 


3) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Martini 1452 
Schbl. DM. 97. Schr. deſſ. an den Livlaͤnd. Meiſter u. den Erzbi⸗ 
ſchof v. Riga, d. Mar. Freit. vor Dionyſ. 1452 Schbl. DM. 95. 
Er ſagt: faſt alle Ritter und Knechte in den Gebieten von Elbing, 
Ehriſtburg und Oſterode ſeyen in Gegenwart mehrer Gebietiger und 
fünf Notaren aus dem Bunde getreten, fo daß im Elbingiſchen nur 
noch einige, im Chriſtburgiſchen nur noch fuͤnf, im Oſterodiſchen nur 
noch neun im Bunde, im Danziger Gebiete aber alle bis auf Drei 
ausgetreten ſeyen. 


Sendung an den Kaiſer. (1452,) 271 


im Lande wiederherzuſtellen; y — es war bei dem aller Ban⸗ 
den des Gehorſams ſich entſchlagenden, wilden Geiſte, der noch 
in einer großen Zahl der Bundesverwandten nicht bloß im 
Kulmerland, ſondern ſelbſt in Koͤnigsberg vorherrſchte, ) bei 
dem Trotze, der noch uͤberall allen Vermittlungsverſuchen ent⸗ 
gegentrat, und bei der mit dem Koͤnige von Polen angeknuͤpf⸗ 
ten Verbindung, die durch die Thaͤtigkeit der Eidechſen⸗ Ritter 
mit dem Kanzler des Koͤnigreiches Polen (der ſich bereits zu 
Thorn, angeblich wegen Krankheit, befand) s) eifrigſt unterhal⸗ 
ten ward, an eine ruhige Ausgleichung der gegenſeitigen An⸗ 
ſpruͤche, Forderungen und Klagen durchaus nicht mehr zu 
denken. 

Alſo traten nun im October die erwaͤhnten Sendboten 
der Verbuͤndeten mit dreißig Pferden ihre Reiſe zum Kaiſer an, 
in ihrer Begleitung auch eine Anzahl Anderer, die ebenfalls 
in ihren Privatverhältniffen (wie jetzt wieder häufig geſchah) am 
Kaiſerhofe gegen den Orden Klage führen wollten.) Aber zu 
gleicher Zeit ging auch, nachdem man in Thorn mit dem 
Reichskanzler, dem Dompropſte von Krakau und dem Provin⸗ 
zial des Prediger⸗Ordens in Polen (die wegen der Peſt in 
Polen nach Thorn geflüchtet zu ſeyn vorgaben) täglich Unter: 
handlungen gehabt, eine Geſandtſchaft, an ihrer Spitze Ga⸗ 
briel von Baiſen, zum Erzbiſchofe von Gneſen und von da 
nach Krakau zum Könige, um ſich deſſen Beihuͤlfe im Fall 


1) Schr. des Hans v. Baiſen an d. HM. d. Heſelecht Mittw. 
vor Simon. u. Judaͤ 1452 Schbl. LXXVII. 119. 

2) Schr. des Ord. Marſchalls an d. HM. d. Waldau am Abend 
Simon. u. Juda 1452 Schbl. LXXVII. 106. 

3) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. Sonnt. vor Simon. u. 
Judaͤ 1452 Schbl. LXXVII. 106. 

4) Schr. des Komthurs v. Althaus, d. Mittw. vor Simon. u. 
Juda 1452 Schbl. XI. V. 17. Schr. des HM. an den Procurator, d. 
Mar. Martini 1452 Schbl. DM. 97. Schr. des Hauekomthurs v. 
Thorn a. a. O. Der Auszug der Geſandten geſchah am 20 Octob. 
Das Creditiv für fie im Mser, über den Preuſſ. Bund R. 108. Schitz 
b. 171. Zernecke Thorniſ. Chron. P. 52. 


272 Sendung an den Kaiſer. (1452.) 


der Noth zu verſichern.) Schon vordem aber hatte der Hoch⸗ 
meiſter, um den Anklagen der Verbuͤndeten zuvorzukommen, 
wie bereits erwaͤhnt, den Vogt von Leipe Georg von Eglof⸗ 
ſtein an den Kaiſer abgeſandt, mit zahlreichen Documenten, 
Schreiben und Machtbriefen verſehen, um daraus des Ordens 
Sache zu vertheidigen und das Ungerechte der Klagen der Geg⸗ 
ner darzuthun.) Er fand ſchon auf dem Wege Gelegenheit, 
den Umtrieben der Verbuͤndeten zu begegnen; er erfuhr zu 
Leipzig, daß ſich dieſe bereits auch an die Doctoren des Rechts 
der Univerfitäten zu Leipzig, Erfurt und Koln durch Zuſendung 
ihrer Bundesacte gewandt hatten, um bei ihnen guͤnſtige 
Rechtsurthel über die Rechtmaͤßigkeit und Zuläffigkeit ihres 
Bundes zu bewirken, jedoch in Leipzig wenigſtens ohne Erfolg, 
weil man dort mißtrauiſch über den Zweck des Bundes bar- 
über Antwort zu geben Bedenken trug. 

Mittlerweile verlief die Zeit in Preuſſen unter den wilde⸗ 
ſten Bewegungen; jeder Tag ſchon ließ einen Ausbruch des 
Kampfes befuͤrchten. Die Bundesſtaͤdte ſah man raſtlos mit 
Anſtalten zur Gegenwehr beſchaͤftigt; die Bundesritter ſorgten 
fin Harniſch und Waffen; der Orden verſah in eiligſter Thaͤ⸗ 
tigkeit die Burgen mit Kriegsbedarf und Lebensmitteln; die 


1) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. Mittw. vor Simon. 
u. Judaͤ 1452 Schbl. LXXVII. 112. Schr. des Komth. v. Thorn, d. 
Mittw. vor Simon. u. Judaͤ 1452 ebend. 119. Schr. des Vogts v. 
Roggenhauſen, d. Dienſt. vor Simon. u. Juda 1452 ebend. 120. 
Vgl. Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 109— 110. 

2) Fol. A. 160. Bericht über die dem Vogt gegebenen Aufträge, 
d. Mar. Dienſt. vor Kreuz- Erhöͤh. 1452 LXXXIL. 93. Das Credi⸗ 
tiv und der Geleitsbrief Schbl. 25. 4. LX. 69. 

3) Dazu trugen auch die Vorſtellungen des Vogts ſelbſt nicht we⸗ 
nig bei. Schr. des Vogts v. Leipe an d. HM. d. Leipzig Mont. nach 
Michaelis 1452 Schbl. LX XVII. 130; er giebt einen vollſtaͤndigen 
Bericht uͤber ſeine Verhandlungen mit einem Doctor der Juriſten⸗Fa⸗ 
cultaͤt zu Leipzig. Von Jena aus ſchrieb er auch an die Univerfität 
zu Erfurt und ſandte zugleich einen Kaplan dahin, der die falſchen 
Angaben der Verbündeten widerlegen ſollte; Schr. deſſelb. d. Jena 1452 
Schbl. LXXVII. 93, 


Sendung an den Kaiſer. (1452.) 273 


Geruͤchte von auswaͤrtiger Truppenwerbung wurden immer lau⸗ 
ter wie beim Orden fo bei den Verbuͤndeten; dabei täglich auf 
beiden Seiten neue Schmaͤhungen, Verhetzungen und die ſelt⸗ 
ſamſten Beſchuldigungen der Parteien gegen einander. „Ge⸗ 
heinde, meineidige Schaͤlke“ hießen im Bunde die aus ihm 
Ausgetretenen; „buͤndiſche Hunde“ nannte man haͤufig im Or⸗ 
den die Bundesglieder.) Man warf den Gebietigern vor: fie 
haͤtten die Preuſſen für leibeigene Knechte erklaͤrt, die fie einſt 
mit dem Schwerte gewonnen oder im Kriege gefangen genom⸗ 
men. Man beſchuldigte dagegen die Verbuͤndeten: ſie nennten 
die Ordensherren nicht ihre Vorgeſetzten, ſondern Tyrannen, 
die man aus dem Lande jagen müffe.? Und dieſer Geiſt der 
wildeſten Aufregung fand vom Kulmerlande aus immer neue 
Nahrung. Als die Geſandten aus Polen, wo ſie uͤberall mit 
freundlicher Aufnahme und froͤhlichen Hoffnungen beim Erzbi⸗ 
ſchofe von Gneſen, beim Kardinal und Biſchofe von Krakau, 
bei mehren andern Biſchoͤfen und Woiwoden umhergezogen 
waren, nach Thorn zuruͤckkehrten und den Erfolg ihrer Sen⸗ 
dung bekannt machten, verbreitete ſich von dort aus ein wah⸗ 
rer Hohnjubel unter den Verbuͤndeten. „Sie ließen, meldet 
der Komthur von Thorn, ſogleich nach ihrer Heimkunſt eine 
Meſſe auf den Orgeln ſingen und gaben allen Prieſtern Voti⸗ 
ven; überall war große Freude, denn ſie ſprachen, daß man 
ſie allenthalben freundlich empfangen habe und es ſey ihnen 
wohl gegangen auf ihrem Zuge.“) Offenbar alſo hatte Ga: 
briel von Baiſen in Polen mehr geſucht und bewirkt als bloß 
freies Geleite fir die Sendboten an den Kaiſer, denn dieſen 
Zweck ſchob man unter, um den wahren zu verſchweigen. Da⸗ 


1) Die Ausdrucke kommen bei mehren Gelegenheiten vor. 

2) Schütz p. 171. 

3) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. am T. Martini 1452 
Schbl. LXX VII. 132. Schr. des Raths v. Kulm an den Rath v. 
Thorn, d. am T. Catharind 1452 im Rathsarchiv zu Thorn, Shore 
ner Copiebuch p. 139, woraus wir ſeben, daß die oben erwaͤhnten 
Praͤlaten eine Geſandtſchaft der Verbündeten an den Koͤnig v. Polen 
angerathen und dabei ihre Huͤlfe verſprochen hatten. 

VIII. 18 


274 Sendung an den Kaiſer. (1452.) 


her blieben auch die Nachforſchungen der Komthure vorerſt ganz 
fruchtlos.“ 


Bereits war nun die Zeit gekommen, in welcher in der 
Mitte des Novembers die Bundesverwandten dem Meiſter eine 
beſtimmte Erklaͤrung Über die Fortdauer ihres Bundes zu ge⸗ 
ben verſprochen. Da aber taͤglich bei dieſem die bedenklichſten 
Berichte uͤber die feindlichen Anſtalten und Vorbereitungen der 
Bundesſtaͤdte einliefen, daß z. B. in Thorn jede Nacht ein 
Viertheil der Stadt zur Wache beſehligt, Geſchoß und Har⸗ 
niſch in fertigen Stand geſetzt, die Gaſſen und Wege von der 
Burg in die Stadt jeden Abend mit Ketten und Riegeln ver⸗ 
ſchloſſen, heimliche Wachpoſten ausgeſtellt winden,? daß El⸗ 
bing fuͤr ſich zweihundert Soͤldner angeworben und einen Theil 
derſelben bereits in feinen Mauern habe,) daß man in Dan⸗ 
zig bedeutende Getreide⸗Maſſen für die Verbuͤndeten aufkaufe 
und dort das Geruͤcht gehe, man wolle ſich zunaͤchſt der bei⸗ 
den Burgen zu Danzig und Thorn bemaͤchtigen ) u. ſ. w., 
fo ſchrieb er den Verbündeten eine Tagfahrt nach Marienwer⸗ 
der aus und ſandte dahin den Biſchof von Pomeſanien, den 
Großkomthur und einige Komthure, um von den Staͤnden 
Antwort über ihr ferneres Verhalten gegen den Orden zu for⸗ 
dern. Allein fie wichen mit der Erklarung aus: jetzt da ihre 
Sendboten beim Kaiſer ſcyen, koͤnnten ſie dem Meiſter in 


1) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Mittw. vor Eliſabeth 
1452 Schbl. LXXVII. 134. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Le⸗ 
wen Mittw. vor Eliſabeth 1452 Schbl. LXXIX. 125 vgl. Geſch. der 
Eidechſ. Geſellſch. S. 111 — 112. 

2) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. am T. Martini 1452 
Schbl. LXXVII. 132. Schr. des Komth. v. Thorn, d. Donnerſt. vor 
Eliſabeth 1452 Schbl. LII. 38. Schr. des HM. an den Rath v. 
Thorn, d. Mar. am Abend Katharina 1452 im Rathsarchiv zu Thorn, 
Thorner Copiebuch p. 146. 

3) Schr. des Hauskomthurs v. Elbing, d. am Abend Elifaberh 
1452 Schbl. LXXVII. 92. 

4) Schr. des Fiſchmeiſters zu Putzig, d. Mont. nach Eliſabeth 
1452 Schbl. LXXVII. 110. 


Sendung an den Kaiſer. (1452. 275 


nichts zur Rede ſtehen; ſie wuͤrden Antwort geben, wenn jene 
heimkehrten. ) Der Hochmeiſter ward noch beſorgter, da in 
denſelben Tagen auch die Nachricht kam, daß man bemüht ge⸗ 
weſen ſey, ihn ſelbſt beim Könige von Polen und den Reichs⸗ 
großen auf alle Weiſe anzuſchwaͤrzen. Eine neue Botſchaſt 
der Verbündeten hatte fie gewarnt, fi) vor dem Meiſter und 
dem Orden zu huͤten; ſie ſuchten Krieg gegen Polen. Es wa⸗ 
ren dieß alles Umtriebe und Verhetzungen, die, wie man bald 
erfuhr, vorzuͤglich durch die Eidechſen-Ritter und zwar am mei⸗ 
ſten von Gabriel von Baiſen angeſtiſtet wurden. Fand man 
es doch ſogar nothwendig, den Hochmeiſter zu warnen, ſich 
im Eſſen und Trinken wohl in Acht zu nehmen, in Küche 
und Keller auf getreue Diener zu halten, damit man ihm nicht 
etwa durch Gift beikommen koͤnne; und es war kein anderes 
als Eidechſen⸗Gift, vor welchem er ſich hüten ſollte.) Mochte 
die Sache Grund haben oder nicht, mochte ſie wahr oder zu 
irgend einem Zwecke erſonnen ſeyn, fie zeigt, bis wohin die 
Erbitterung der Parteien bereits geſtiegen war. 

Da leuchtete, freilich nur ſchwach und fern, noch ein 
Strahl der Hoffnung auf eine beſſere Wendung der Dinge. 
Der Kurfuͤrſt Friederich von Brandenburg und Herzog Friede⸗ 
rich von Sachſen, beide beſorgt, die Sache des Bundes in 
Preuſſen könne wohl leicht auch in andern Ländern um ſich 
greifen und als Beispiel wirken, erboten ſich zu guͤtlicher Ver: 
mittlung, kundigten dem Hochmeiſter die Sendung ihrer Raͤthe 
an? und wandten ſich deshalb auch mit Ermahnungen zur 
Nachgiebigkeit und Maͤßigung an die Bundesverwandten ſelbſt. 
Schon in den erſten Tagen des Jahres 1453 langten von 


1) Fol. A. 160 — 161. Schr. des Großkomthurs, d. Marienwer⸗ 
der Mont. nach Eliſabeth 1452 im Fol. A. 120 — 122. 

2) Schr des Komthurs v. Golub, d. Donnerſt. nach Lucia 1452 
Schbl. XI. V. 15 (a). Geſch. der Eidechf. Geſellſch. S. 110 — 111. 

3) Schr. des Kurfürſt. Friederich v. Brandenburg an den HM. d. 
Köln a. d. Spree Sonnt. nach Katharina 1452 u. Schr. des Herzogs 
v. Sachſen an d. HM. d. Torgau Mittw. vor Andreä 1452 Schbl. 
XII. 39. LXXVII. 98. 123. Fol. A. 120. 161. 

18 * 


276 Verhandlungen vor dem Kaiſer. (1452 — 1453.) 


Seiten des Kurfürſten der Biſchof Johannes von Lebus, der 
Ritter Both von Eulenburg, der Rath Heinepful, von Seiten 
des Herzogs der Obermarſchall Hildebrand von Einſiedel und 
der Ritter Nicolaus von Schoͤnberg beim Hochmeiſter wirklich 
an, von ihm aufs freundlichſte aufgenommen.) Er erklaͤrte 
ſich auch zu allem, was zum Frieden führen Eönne, bereit. 2 
Auf die Aufforderung der Geſandten indeß an die Stadt Kulm, 
fie möge eine Tagfahrt der Bundesverwandten veranlaſſen, wo 
man die Vorſchlaͤge zur Vermittlung vorlegen wolle, erfolgte 
zuerſt eine nichtsſagende Antwort,) und als ſpaͤter die Send⸗ 
boten der Verbuͤndeten zuruͤckgekehrt waren, erklaͤrte man den 
Geſandten unter hoͤflichen Worten: Lande und Staͤdte dankten 
den Fuͤrſten fuͤr ihre guͤtigen Bemuhungen; da der Kaiſer, wie 
man durch die Sendboten vernommen, in Gegenwart der Or⸗ 
densgeſandten einen Ausſpruch gethan habe, fo ſeyen fie ents 
ſchloſſen, ihm Folge zu leiſten und dem Meiſter alles zu ge⸗ 
waͤhren, was ſie ihm pflichtig und ſchuldig ſeyen. Dieß be⸗ 
richteten ſie dann auch dem Meiſter ſelbſt, ohne ſich mit den 
fürſtlichen Näthen in weitere Verhandlungen einzulaſſen. ® 
Bevor indeß dieſe das Land verließen, ward insgeheim zwiſchen 
ihnen und dem Hochmeiſter ein Huͤlfsvertrag verabredet, nach 
welchem auf des Ordens Verlangen der Kurfürſt Friederich 
ihm zweihundert Mann reiſige Soldtruppen und der Herzog 
von Sachſen tauſend gutgeruͤſtete Reiſige und ebenſo viel Tra⸗ 
banten auf ſechs Monate oder zwei Jahre zuſenden ſollten, 


1) Fol. A. 121. 161. Schol. VI. 9. XII. 16. XI. 3. Kotzebue 
B. IV. 119 ſetzt unrichtig ihre Ankunft in den Anfang des J. 1452. 
Ordens-Chron. p. 185. 

2) Fol. A. 121. 161. 

3) Schr. der Stadt Kulm an d. Biſchof v. Lebus, d. am T. 
Agnes 1453 u. Schr. des Raths v. Kulm an die Räthe des Herzogs 
v. Sachſen, d. Mittw. vor Converſ. Pauli 1453 Schbl. LXXVIII. 
25. 164. 

4) Dieſe Erklaͤrungen der Verbuͤndeten erfolgten erſt am Mittw. 
vor Purif. Maris 1453 Fol. A. 123. 124. 161. Schr. des HM, 
an den Livl. Meiſter d. Koͤnigsb. Sonnt. Oculi 1453 Schbl. LXXVIII. 
162. 


Verhandlungen vor dem Kaiſer. (1452— 1453.) 277 


wofür der Orden eine namhafte Geldſumme verhieß. Doch 
ward die Beſtaͤtigung des Vertrages den Fuüͤrſten ſelbſt noch 
vorbehalten.“ 


Mittlerweile waren Georg von Eglofftein und der ihm 
ſpaͤter nachgeſandte Pfleger von Raſtenburg Wolfgang Sauer, 
noch vor der Ankunft der Bundesgeſandten, am Kaiſerhofe an⸗ 
gelangt. Das dem Kaiſer vorgelegte Erbieten des Meiſters 
an die Verbuͤndeten war nicht bloß von dieſem, ſondern von 
allen dort verſammelten Finften, den Herzogen Albrecht von 
Oeſterreich und Ludwig von Baiern, dem Markgrafen Albrecht 
von Brandenburg u. a. ſehr gnaͤdig und guͤtig aufgenommen 
und aufs freundlichſte beantwortet worden. So faßte man 
auch die beſten Hoffnungen, zumal da unter den Fuͤrſten und 
kaiſerlichen Raͤthen nur Eine Stimme war, daß der Staͤnde⸗ 
Bund in Preuſſen durchaus gegen Recht und Geſetz ſtreite.? 
Der Kaiſer erließ daher in denſelben Tagen noch einmal ein 
nachdrückliches und ernſtes Ermahnungsſchreiben an Danzig 
und die uͤbrigen Bundesverwandten, ſie nochmals an ihre 
Pflichten und an Gehorſam gegen den Orden erinnernd und 
mit ſtrengſter Ordnung des Rechts drohend, ſofern ſie nicht 
willfahren wurden. Der Orden, gegen fie als Ungehorſame 
klagend, habe jetzt das Recht angerufen und der Meiſter ſich 
zu Recht erboten. Er befehle ihnen ſomit aufs ernſtlichſte aus 
kaiſerlicher Macht, den Bund ſofort abzuthun und nach des 
Meiſters Erbieten, ſich am rechtlichen Austrage genügen zu 
laſſen; er ſey bereit, einen Tag auszuſchreiben, die Streitſache 
zu verhoͤren und in Güte beizulegen. Werde dieß verſchmaͤht, 


1) Der Entwurf dieſes Vertrages mit den Brandenburgiſ. Raͤ⸗ 
then, d. am T. Agathaͤ 1453 und mit den Saͤchſiſ. Rathen, d. am 
T. Dorotheä 1453 Schbl. XII. 43 LXXVIII. 4. Beide find für das 
Soͤldner- und Kriegsweſen der Zeit nicht unwichtig. Der HM. ver⸗ 
ſprach für die 2000 Kriegsleute aus Sachſen auf 2 Jahre 55,000 
Rhein. Guͤlden. 

2) Schr. des Landkomthurs v. Oeſterreich und des Vogts v Leipe, 
d. Neustadt am T. Andrea 1452 Schbl. LXXVII. 97. 


278 Verhandlungen vor dem Kaiſer. (1452 — 1453.) 


ſo muͤſſe er als Kaiſer nach des Reichsrechts Ordnung wider 
ſie als Ungehorſame und Widerſpaͤnſtige verfahren. ) 

Nachdem erſt kamen auch die Bundesgeſandten am ſech⸗ 
ſten December zu Wien an, uͤberreichten dem Kaiſer anſehnliche 
Ehrengeſchenke, ſprachen dann viel tiber des Bundes Zweck 
und Urſprung waͤhrend der Zwietracht unter Paul von Ruß⸗ 
dorf, uͤber ſein ruhiges Verhalten unter deſſen Nachfolger und 
Über die Urſachen und Anläffe, warum unter dem jetzigen 
Meiſter der Bund zur Vertheidigung ſeiner Ehre und Sicher⸗ 
heit in die feindliche Stellung gegen den Orden habe treten 
muͤſſen. Sich zu rechtlichem Erkenntniſſe erbietend erſuchten 
ſie dann den Kaiſer um richterliche Entſcheidung, da der Orden 
ſelbſt ſich auf ihn als oberſten Richter berufen. Der Kaiſer, 
von zu vielen Geſchaͤften mit mehren Fürften uͤberladen, ver⸗ 
ſprach, die Parteien ſpaͤter zu verhoͤren und, wenn ſie nicht 
gütlich zu vergleichen fe, nach dem Rechte zu entſcheiden. 
„Nein, erwiederten die Ordensgeſandten, es bedarf keines 
Rechtstages, denn die Urſachen des Bundes ſind todt, ſo muß 
der Bund auch ſelbſt todt ſeyn; der Kaiſer halte die Staͤnde 
nur an, den Bund ſofort ganz abzuthun.“ Die Bundesge⸗ 
ſandten widerſprachen; da jedoch die des Ordens erklaͤrten: ſie 
haͤtten jetzt keine Vollmacht, ſich auf eine rechtliche Erörterung 
mit ihren Gegnern einzulaſſen, fo legte der Kaiſer den Parteien 
einen Rechtstag auf Johanni des naͤchſten Jahres.) Die 
Ordensgeſandten beſchieden ſich des, meldeten aber dem Hoch⸗ 
meiſter: „es iſt der Fuͤrſten und anderer Herren Rath, daß ihr 
wohl thut, wenn ihr in einer Hand das Schwert, in der an⸗ 
dern das Recht habt; laſſet euch ja nicht wehrlos finden, be: 
mannet vor allem euere Haͤuſer. Fürfien und Herren erklaͤren: 
wie ihre Aeltern einſt Preuſſen haben gewinnen helfen und 
deshalb ihr Blut vergoſſen, fo muͤſſe es auch jetzt erhalten 


1) Schr des Kaiſers an den Rath v. Danzig und an die Mann⸗ 
ſchaft und Städte des Bundes, d. Neuſtadt Freit. nach Andrea 1452 
Schbl. LXXVII. 133. 

27 Darüber weitlaͤuftig Schütz p. 171 — 173. 


Verhandlungen vor dem Kaiſer. (1452 — 1453.) 279 


werden, der Orden dinfe es nicht verlieren. Man rathe aber, 
der Meiſter möge alsbald einige Tauſend Trabanten in Boͤh⸗ 
men oder Maͤhren aufnehmen, um ſich gegen den Bund vorerſt 
wenigſtens ſicher zu ſtellen.“ 

Indeß gelang den Bundesgeſandten doch noch ein aͤußerſt 
wichtiger Schritt. Sie bewirkten nicht nur für die Städte 
Kulm und Thorn eine kaiserliche Beſtaͤtigung aller ihrer Frei⸗ 
heiten, Privilegien und ihres alten loͤblichen Herkommens 
(— und dieß gewiß nicht ohne Abſicht auf ihr Bundesverhaͤlt⸗ 
niß, obgleich davon im Beſtaͤtigungsbriefe nicht weiter die 
Rede war —) ) fondern fie erhielten vom Kaiſer für die Bun⸗ 
desverwandten in Preuſſen ſogar auch die Vollmacht und Be⸗ 
rechtigung, daß dieſe ſich in ihren Bundesangelegenheiten, fo 
oft ſie wollten, ingeſammt oder im Einzelnen verſammeln, Tage 
und Berathungen halten, Anwalte waͤhlen, ſie zur Verhand⸗ 
lung ihrer Sache mit Vollmachten verſehen und zur Aufbrin⸗ 
gung der Koſten bei Sendung ihrer Machtboten und zur Voll⸗ 
führung ihrer Rechtsſache „eine ziemliche Schatzung und Schoß“ 
ausſchreiben und erheben duͤrften. Dabei gebot der Kaiſer, 
man ſolle die Staͤnde Preuſſens in dieſen ihnen ertheilten Be⸗ 
gnadigungen und Beguͤnſtigungen bei Vermeidung feiner ſchwe⸗ 
ren Ungnade auf keine Weiſe irren oder hindern.“ Man 


1) Schr. des Vogts v. Leipe u. des Landkomth. v. Oeſterreich, d. 
Neuſtadt Donnerſt. nach Nicolai 1452 Schbl. LXXVII. 111. 

2) Das Original-Document der Beſtaͤtigung, d. Neuſtadt Freit. 
nach Lucia 1452 im Rathsarchiv zu Thorn, gedruckt bei Schütz p. 
173. Eine Vergleichung ergiebt, daß dieſer Abdruck nicht ganz getreu 
und wie es ſcheint, abſichtlich zu Gunſten des Bundes manches darin 
verändert iſt. Im Original iſt z. B. nur die Rede von den Staͤdten 
Kulm und Thorn, bei Schiltz iſt dagegen hinzugeſetzt „und ihre mit⸗ 
verwandten Städte der Lande Preuſſen,“ welcher Zuſatz freilich dem 
Privilegium eine größere Ausdehnung und Wichtigkeit giebt. Kotze⸗ 
vue B. IV. 124 ſpricht ſogar von einer Bejtätigung der Privilegien 
„der Staͤnde,“ wovon ganz und gar nicht die Rede iſt; vgl. Gra⸗ 
Loth Geſch v. Danzig B. I. 231. 

3) Das Driginal- Document dieſer kaiſ. Verleihung, d. Neuſtadt 
Freit. nach Thoma 1452 im Rathsarchiv zu Thorn (ohne Siegel, wel⸗ 


280 Verhandlungen vor dem Kaiſer. (1453.) 


muß fuͤrwahr erſtaunen fiber die wichtigen Vortheile, die Frie⸗ 
derich, der kurz zuvor die Abſtellung des Bundes mit ſolchem 
Ernſte befohlen, in ſolcher Weiſe den Bundesverwandten ein⸗ 
raͤumte. Wohl mochte er vielleicht ſelbſt die ertheilte Berech⸗ 
tigung nur auf den obwaltenden Rechtshandel beziehen; allein 
wir erfahren doch, daß es ein Geſchenk von fünftaufend vier⸗ 
hundert Gulden war, welches die Bundesgeſandten ihm auf 
nächſte Oſtern zu ſenden zugefagt, und zwar, wie ſie die kai⸗ 
ſerl. Verleihung ausdrücklich deuteten, „dafür, daß der Kaiſer 
vorlaͤngſt eine Freiheit und jetzt von unſerer fleißigen Bitte 
wegen den Städten Kulm und Thorn eine Confirmation gege⸗ 
ben und dieſelben Staͤdte damit gnaͤdiglich fürgefehen hat, auf 
ſolche Meinung: ob ſich dieſelben Staͤdte mit andern Städten, 
auch Rittern und Knechten im Lande zu Preuſſen vereint und 
verbunden hätten oder hinfuͤr vereinen und verbinden wuͤrden, 
daß ſie des ganze und vollmaͤchtige Gewalt haben nach Laut 
der Briefe, ihnen von dem genannten Kaiſer darum gegeben.“ 
Alſo deuteten die Bundesgeſandten offenbar, was ſie ſelbſt 
„die Freiheit und Confirmation für die beiden erwaͤhnten 
Städte nannten, als eine förmliche kaiſerliche Beſtaͤtigung des 
Bundes, an deſſen Spitze dieſe Städte ſtanden,) und nicht 
ohne Schlauheit war in ihrer Schrift alles ſo geſtellt, daß Un⸗ 
kundige ihrer Deutung Glauben ſchenken konnten. 2 Endlich 


ches verloren it) Original Abſchrift ebendaſ. Litt. A. 29. Thorner 
Copiebuch p. 126. Im Original ſteht: „under unſerm Inſigel, ſo wir 
vor unſerer kayſerlicher kroͤnung gebrauchet haben und noch brauchen.“ 
Bedenklich iſt dabei der Umſtand, daß die ebenerwaͤhnte Beſtaͤtigungs⸗ 
urkunde für Thorn und Kulm doch ſchon beſiegelt wurde „mit unſerer 
kayſerlichen maieſtat anhangenden J ſigel.“ Gedruckt iſt die Urkunde 
in Preuſſ Samml. B. II. S. 686. 

1) Das Original dieſer urkundlichen Zuſage von 5400 Gulden, d. 
Neuſtadt am S. Stephans⸗Tag zu Weihnacht. 1453 im Rathearchiv 
zu Thorn mit den Siegeln Auguſtins v. der Schewe, Ramſchels v. 
Krixen, Thielemanns v. Wege u, g. Gedruckt iſt die urk. in Preuſſ. 
Samml. B. III. S. 242. 


2) Darauf weiſt eine aufmerkſame Lectuͤre der Urkunde ſelbſt 
klar hin. 


Umtriebe der Parteien im Lande. (1455) 281 


hatten ſie beim Kaiſer auch einen Befehl an den Biſchof von 
Kamin ausgewirkt, durch welchen dieſer beauftragt ward, Lande 
und Städte, Bürger, Landgeſeſſene und Bauern in Preuffen, 
ſo lange der Hochmeiſter mit den Verbuͤndeten in Zwiſt lebe, 
gegen die Anmaßungen und Anfechtungen der Weſtphaͤliſchen 
Femgerichte nach dem Inhalte ſeiner im Jahre 1442 erlaſſenen 
Reformation in Schutz zu nehmen und vor Belaͤſtigungen auf 
alle Weiſe zu ſichern. ) 

Aber es galt jetzt vor allem, in den Bundes verwandten 
in Preuſſen Muth und Vertrauen aufrecht zu erhalten. Da⸗ 
her meldeten die Geſandten der Stadt Thorn: „gebt vorerſt 
dem Hochmeiſter keine weitere Antwort, bis wir euch unſere 
Werbung eingebracht haben, die durch Gottes Gnade gut iſt, 
denn der Kaiſer hat unſer Vorbringen wohl aufgenommen und 
uns mit unſerm Widerpart vor Biſchoͤfen, Fuͤrſten, Grafen 
und Rittern zu unſerm Willen gnaͤdig entſchieden, wie ihr kuͤrz⸗ 
lich weiter von uns hoͤren ſollt. Macht dieſes unſer Schreiben 
allen Freunden, Landen und Staͤdten zum Troſte allgemein 
bekannt und haltet euch in guter Hut.“ Nachdem nun der 
Kaiſer beiden Parteien einen Ladungsbrief auf den angeſetzten 
Gerichtstag ausgeſtellt und zugleich beiden ernſtlich unterſagt 
hatte, bis dahin nichts zu unternehmen, was als Feindſeligkeit 
betrachtet oder auch nur als unfreundlich aufgenommen werden 
muͤſſe, ) kehrten die Geſandten nach Preuſſen zuruͤck. Aber 


1) Dieſes fuͤr die Geſchichte des Femgerichtsweſens in Preuſſen 
intereſſante kaiſerl. Mandat an den Biſchof v. Kamin, d Neuſtadt 
Freit. nach Thomaͤ 1452 iſt mir leider erſt nach dem Erſcheinen meiner 
Schrift uͤber die Femgerichte in Beziehung auf Preuſſen zugekommen. 
Großen Einfluß hatte indeß dieſes Mandat wohl nicht, denn die nach 
Preuſſen gehenden Vorladungen der Femrichter hatten ſich ohnedieß 
ſchon im J. 1452 ſehr vermindert; ſ. in der erwähnten Schrift S. 130. 

2) Schr. der Bundesgeſandten an d. Bürgermeifter u. Rath von 
Thorn, d. Neuſtadt Dienſt. nach Weihnacht. 1453 Schbl. XLV. 13. 

3) Die Originale dieſer Urkunden, d. Neuſtadt 27 Decem. 1452 
im Rathsarchiv zu Thorn und Danzig, zwei Abſchriften, beide mit der 
Jahrzahl 1453 Schbl. LXXVIII. 55. Die Vorladung des HM. auf 
den anberaumten Gerichtstag, d. Neuſtadt 21 Decem. 1452 Schbl. 


282 Umtriebe der Parteien im Lande. (1453,) 


ſo viel war gewiß und es kam auch bald zu des Meiſters 
Kenntniß, daß vorzuͤglich das Geld der Bundesgeſandten am 
kaiſerl. Hofe und beſonders in der kaiſerl. Kanzlei für ihre 
Sache fo guͤnſtig gewirkt hatte, denn faſt alle irgend einfluß⸗ 
reichen Näthe am Hofe waren durch ihre Geld- und Ehren: 
geſchenke gewonnen worden.) Allerdings hatten auch die 
Ordensgeſandten, um ihre Sache nicht Preis zu geben, ſich zu 
ſolchen Mitteln entſchließen müffen, „denn, ſagen fie ſelbſt, um 
große Ungnade, Schaden und Schmach fuͤr den Meiſter und 
den ganzen Orden zu vermeiden, mußten auch wir in die 
Kanzlei eine Summe Geldes geben; Gott weiß, daß ſich der 
Vogt von Leipe ſchwerlich deshalb gemuͤhet und bekuͤmmert 
hat.“? Allein der Orden konnte durch ſolche Mittel keines⸗ 
wegs mit dem Nachdruck wirken, wie ſeine Gegner. Seine 
Einkuͤnfte waren bereits außerordentlich verringert; weder die 
Städte noch die Ritterſchaft des Bundes leiſteten ihre Abga⸗ 
ben; die andern druͤckte Armuth und Elend darnieder. Man 
hatte zwar auf Land und Staͤdte wieder einen Schoß ausge: 
ſchrieben; allein wenn es auch einigen Gebietigern gelang, 
einzelne Staͤdte, ſchlechte Freien und Bauern zur Zahlung zu 
bewegen, ſo erklaͤrten Ritter und Knechte, daß ſie, uͤbermaͤßig 
belaſtet, nichts mehr leiſten wurden, ſofern der Orden nicht 
auch von den Kulmern fordere, was er von andern verlange, 
Von der Kulmiſchen Ritterſchaft aber konnte der Orden na⸗ 
tuͤrlich gar nichts erwarten. 3) 

Unter ſolchen Verhaͤltniſſen nahm es der Hochmeiſter auch 
ſchon als gewiß an, daß die Verbuͤndeten ihren Bund unter 


LXXVIII. 55, gedruckt in Preuſſ. Samml. B. II. 680 — 685; vgl. 
Fol. A. 124 — 125. 

1) Schr. des Landkomth v. Oeſterreich, d. Neuſtadt Sonnt. vor 
Neujahr 1453 Schbl. LXXVIII. 27. Schiitx p. 174 erwahnt, daß 
die Koſten durch Beiträge der großen Staͤdte und auferlegte Steuern 
beſtritten wurden. 

2 Schr. des Landkonith. v. Oeſterreich a. a. O. 

3) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Eilau Donnerſt. nach Epi⸗ 
phan. (1453), 


Umtriebe der Parteien im Lande. (1453.) 283 


keiner Bedingung aufgeben und, wenn der Kaiſer ihnen nicht 
ganz zu Willen ſeyn werde, auch, wie man ſchon allgemein 
ſagte, einen Verſuch beim Papſte oder irgend einen andern 
Ausweg nicht ſcheuen winden. Zwar meinte der Biſchof 
von Ermland, der Bund habe ſich wohl nur deshalb an den 
Kaiſer gewandt, um nach der Heimkehr ſeiner Sendboten ſich 
mit dem Orden leichter zu vertragen, da man den Irrthum 
erkannt und des Ordens Gerechtigkeit vor Papſt, Kaiſer und 
vielen Fuͤrſten nun offen dargelegt habe. ) Viel richtiger aber 
urtheilte der Deutſchmeiſter: nur auf dem Wege der Güte 
und durch freundliches Verſtaͤndniß ſey es noch moͤglich, den 
Frieden wiederherzuſt ellen; auf dem eingeſchlagenen Wege der 
Rechtsentſcheidung dagegen ſcheine ihm wenig oder nichts für 
die Ruhe des Landes gewonnen. 

Das bewaͤhrte ſich auch alsbald nach der Heimkehr der 
Bundesgeſandten, die wie im Triumph von einer großen Menge 
Volkes eingeholt in Thorn einzogen. ® Die Bundesverwand⸗ 
ten, bald darauf zu einer Tagfahrt in Marienwerder verſam⸗ 
melt, erklaͤrten jetzt dem Hochmeiſter: fie konnten, da ihre Sache 
nun am kaiſerl. Hofe haͤnge, ihm in Beziehung auf ihren 
Bund weiter keine Antwort geben, obgleich fie ihm als ihrem 
Herrn auch ferner thun winden, was fie ihm nach Ehre und 
Recht, nach ihren Freiheiten und Privilegien ſchuldig ſeyen. 
Zugleich aber waren die Bundeshaͤupter, beſonders die Eidech⸗ 
ſen⸗Ritter eifrigſt bemüht, ihre Aufnahme und Verhandlung 
am Kaiſerhofe uͤberall im guͤnſtigſten Lichte darzuſtellen, um 


1) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Mar. Sonnt. 
vor Antoni 1453 Schbl. LXXVIII. 34. 

2) Schr. des Biſchofs v. Ermland, d. Wartenberg am T. Marcelli 
1453 Schbl. LXVI. 190; vgl. damit ein Schr. des Biſchofs v. Po⸗ 
meſanien, d. Rieſenburg Dienſt. vor Priſcä 1453 Schbl. LXXVIII. 
140. 

3) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Horneck am T. Converſ. Pauli 
1433 Schbl. DM. 107. 

4) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Dienft, vor Converſ. Pauli 
1453 Schbl. LXXVIII. 69. 

5) Fol. A. 161, 


284 Umtriebe der Parteien im Lande. (1453.) 


den Muth friſch zu erhalten. Zu Thorn auf dem Rathhauſe 
erklaͤtte Thielemann von Wege: es ſey wohl eines halben 
Landes werth, daß die Sendboten beim Kaiſer geweſen, denn 
nun habe man volle Gewißheit, daß der Bund ferner beſtehen 
werde; der Kaiſer habe fie an feiner Seite ſitzen laſſen, die 
des Ordens dagegen haͤtten ſtehen muͤſſen und ſeyen von eini⸗ 
gen Fürften verlacht und verhoͤhnt worden.) Ein anderer 
brachte das Geruͤcht aus: der Kaiſer habe zum Deutſchmeiſter 
geſagt: ihr Kreuzherren macht mir viel Unwillen; laſſet ihr 
nicht davon, ſo wird fuͤr euch nichts Gutes daraus entſtehen. 
Der Vogt von Leipe ſey kreuzweis vor dem Kaiſer niederge⸗ 
fallen, mit großen Ehrengeſchenken, die dieſem aber ſehr unan⸗ 
genehm geweſen, weshalb er nichts davon habe nehmen wol⸗ 
len.? Ramſchel von Krixen erzählte: der Kaiſer habe ihn 
und die Seinigen aufs wuͤrdigſte empfangen, ihnen entgegen⸗ 
gehend freundlich die Hand gereicht und erlaubt, zu ihm zu 
kommen, ſo oft ſie wollten. Die Ordensgeſandten dagegen 
hätten nur auf geſchehene Vorladung erſcheinen dürfen, und 
als ſie einmal vor dem Kaiſer auf der Bundesgeſandten Kla⸗ 
gen nicht hätten antworten koͤnnen, habe dieſer in die Hand 
gelacht.) Das waren die Mittel der Bundeshaͤupter, um 
die Leichtglaͤubigen zu gewinnen und zu feſſeln. Aber man 
ließ es auch nicht an Bemuͤhungen fehlen, die kleinern Staͤdte 
bald durch Neckereien und Belaͤſtigungen, bald auf andere 
Weiſe in den Bund zu ziehen.) Die Bundesoberſten hatten 
zu dem Zwecke eine neue Tagfahrt in Marienwerder ausge⸗ 
ſchrieben und dazu auch die kleinen Staͤdte geladen. Man 
war im Orden bemuͤht, dieſem Plane auf alle Weiſe entgegen⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Agathaͤ 1453 Schbl. 
LXXVIII. 165. 

2) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Konitz Sonnab. nach 
Purif. Marid 1453 Schbl. LIX. 88. 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen Donnerſt. vor Eſto⸗ 
mihi 1453 Schbl. LXXVIII. 47. 

4) Wie dieß z. B. mit der Neuſtadt Thorn geſchah; vgl. Schbl. 
LXXVIII. 119, 


Umtriebe der Parteien im Lande. (1453.) 285 


zuwirken; die Komthure riethen ihren Städten vom Erſcheinen 
abz y die Biſchöfe gaben den Rath: der Hochmeiſter möge, 
die Städte vor dem Eintritt in den Bund warnend, ihnen die 
wahre Beſchaffenheit deſſen, was am Kaiſerhofe geſchehen ſey, 
zur Widerlegung der verbreiteten Geruͤchte offen bekannt ma⸗ 
chen, zugleich ihnen aber auch gebieten, den von den Verbin- 
deten ausgeſchriebenen Schoß ſchlechterdings nicht zu entrich⸗ 
ten. 2 Allein die Bundeshaͤupter und großen Staͤdte boten 
alle Mittel auf, ihren Zweck zu erreichen. Mehre, wie Thie⸗ 
lemann von Wege, Hans von Lohe? u. a. ritten von einer 
Stadt zur andern, um ſie zum Eintritt in den Bund zu ge⸗ 
winnen.) Hans von Czegenberg zog im Kulmerlande, und 
im Oſterodiſchen Gebiete in den Dörfern umher und „gloſ⸗ 
ſirte“ den kleinen Freien ihre Handfeſten alſo, daß ſie ſich 
überall dem Bunde zuwarfen.“) Da wandte ſich der Hoch⸗ 
meiſter ſchwer bekümmert an Hans von Baiſen mit der Bitte: 
„helfet rathen, daß ſolcher Widerwille und Zwietracht unter⸗ 
nommen und hingelegt werde, denn wenn das nicht geſchieht, 
fo koͤnnet ihr wohl erkennen, daß uns ein ſolches die Laͤnge 
ſchwerlich ſtünde zu dulden; wir müßten auf andere Wege 
denken, um den Unſrigen Ruhe und Friede zu verſchaffen.“ “) 
Allein auch dieſer ſo allgemein geachtete und einflußreiche Mann 
war jetzt nicht mehr im Stande, das drohende Ungewitter zu 


1) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Dienſt. vor Valentini 1453 
Schbl. LXXVIII. 93. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien an d. HM. d. Rieſenburg 
Donnerſt. vor Faſtnacht 1453 und Schr. des Biſchofs v. Samland an 
d. HM. d. Fiſchhauſen Sonnt. Eſtomihi 1453 Schbl. LXXVIII. 134. 
132 (a) 130 (a). 

3) S. Praͤtorius Thorner Ehrentempel S. 19. 

4) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. Mittw. vor Kathedra 
Petri 1453 Schbl. LXXVIII. 30. 

5) Schr. des Komthurs v. Osterode, d. Hohenſtein Dienſt. vor 
Invocavit 1453 Schbl. LXXVIII. 122; vgl. Geſch. der Eidechſ. Ge⸗ 
ſellſch. S. 119. r 

60 Schr. des HM. an Hans v. Baiſen, d. Balga am T. Ma⸗ 
thiä 1453 Schbl. LXXVIII. 121. 


286 umtriebe u. Bewegungen der Parteien im Lande. (1453.) 


beſchwoͤren; der Sturm der Leidenſchaften tobte ſchon zu wild 
und maͤchtig, als daß eines Menſchen Wort ihn haͤtte be⸗ 
ſchwichtigen koͤnnen. 

Der Tag zu Marienwerder kam heran. Da legten die 
Bundeshaͤupter den kleinen Städten zuerſt einen Bericht ihrer 
Sendboten uͤber die Verhandlung mit dem Kaiſer vor, wonach 
dieſer und die Fuͤrſten den Bund als nicht wider Gott, die 
Kirche oder die rechtmaͤßige Herrſchaſt ſtreitend erklaͤrt und er⸗ 
ſterer ihn auch ohne weiteres beftätigt habe. Dieß zu erwei⸗ 
fen, las man den zahlreich Verſammelten eine Schrift vor, die 
allerdings einer Beſtaͤtigung aͤhnlich lautete; man fuͤgte hinzu: 
wer es nicht glauben wolle, moͤge nach Thorn kommen, wo 
man ihm das Document ſelbſt zeigen koͤnne. Man nahm in⸗ 
deß allgemein fuͤr wahr an, der Bund ſey wirklich vom Kai⸗ 
fer beſtaͤtigt.) Die Bundeshaͤupter verlangten dann zur Deckung 
der Koſten fuͤr die Reiſe der Sendboten von den kleinen Staͤd⸗ 
ten eine verhaͤltnißmaͤßige Beiſteuer, deren Leiſtung ſie auch 
allgemein verſprachen.) Auf die Nachricht hievon wandte ſich 
der Hochmeiſter alsbald an die Stadt Thorn mit der Auffor⸗ 
derung, man moͤge ihm die kaiſerliche Beſtaͤtigung zuſenden. 
Sie wurde indeß verweigert.) Erſt in den letzten Tagen des 
Februars bei der Heimkehr der Ordensgeſandten, die zugleich 
des Kaiſers Schreiben uͤberbrachten, erhielt Ludwig die erſte 
nähere Kenntniß Über den Stand der Verhaͤltniſſe.) Zunaͤchſt 
erhielt nun der Procurator in Rom den Auftrag, den Orden 
beim Papſte zu entſchuldigen, daß er, von den Verbuͤndeten 


1) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Mittw. vor 
Oſtern 1453 Schbl. LXXVIII. 28. 

2) Schr. des Hauskomthurs v. Holland an den Komthur v. El⸗ 
bing, d. Donnerſt. nach Mathiä 1453 Schbl. LXXVIII. 139. 

3) Schütz p. 174. 

4) Fol. A. 124 — 125. 161. Einiges hatte der HM. ſchon eine 
Woche früher erfahren durch ein Schr. der Ordensgeſandten, d. Neu⸗ 
ſtadt Freit. nach Thema 1452, worüber ein Notariatsinſtrument, d. 
Stargard 17 Febr. 1453 Schbl. XIV. 6. Die Verhandlung des Vogts 
v. Leipe am Kaiferhofe Schbl. LXXXII. 93. 


Umtriebe u. Bewegungen der Parteien im Lande. (1453.) 287 


dazu gedrängt, die Streitſache, in welcher eigentlich er aller⸗ 
dings der rechtmaͤßige Richter ſey, an den Kaiſerhof gebracht 
habe, was keineswegs „aus Willensmuth oder aus Verſäum⸗ 
niß des heil. Vaters oder ſeines Gerichtes“ geſchehen ſey. U 
Dieß war um ſo nothwendiger, weil man in Erfahrung brach⸗ 
te, daß die Verbündeten heimlich auch in Rom eifrigſt darauf 
hinarbeiteten, eine paͤpſtliche Beſtäͤtigung ihres Bundes auszu⸗ 
wirken, zumal da man wußte, daß es der Papſt keineswegs 
beifällig aufgenommen habe, daß die Sache aus ſeinen Haͤn⸗ 
den an den kaiſerl. Hof gekommen ſey.) Da ſich ferner 
aber die Nachricht von der kaiſerl. Zuſtimmung und Beſtaͤti⸗ 
gung des Bundes im Lande immer allgemeiner verbreitete, die 
Gemüther immer mehr irre führte, der Bund ſich jetzt durch 
neue Theilnehmer immer mehr verftärfte, fo erließ der Mei⸗ 
ſter an den Hauskomthur zu Wien den Befehl, dort überall, 
in der kaiſerl. Kanzlei, bei den Raͤthen des Kaiſers und bei 
dieſem ſelbſt die genaueften Erkundigungen einzuziehen, ob 
wirklich etwas der Art dort ausgefertigt worden ſey, widrigen⸗ 
falls aber beim Kaiſer ein Schreiben auszuwirken, worin die⸗ 
ſer ſelbſt das Gerücht widerlege, denn dies hielt man für die 
beſte Waffe zur Bekämpfung der luͤgneriſchen Umtriebe. ar 

Es begann jetzt aber zwifchen dem Orden und den Ver⸗ 
bindeten ein neuer Streit Über den von dieſen ausgeſchriebenen 
Schoß, den der Meiſter nothwendig als einen neuen wider⸗ 


1) Schr. des HM. an d. Procurator, d. Mar. Freit. vor Faſt⸗ 
nacht 1453 Schbl. LXXVIII. 5. Notariatsinſtrument, d. Marienb- 
29 April 1453 Schbl. XIV. 12. über eine Vollmacht für den Procu⸗ 
rator, die Sache des Ordens gegen die Verbündeten am paͤpſtl. Hofe 
zu fuͤhren. 

2) Schr. des Procurators an d. HM. d. Rom 3 Maͤrz 1453 
Schbl. LXXVIII. 2. 

3) Schr. der Komthure v. Mewe, Oſterode u. a. Schbl. LXXVIII. 
111. Schr. des HM. an d. Livl. Meiſter, d. Koͤnigsb. Sonnt. Oculi 
1453 Schbl. LXXVIN. 162. Schr. des HM an d. Deutſchmeiſter, 
d. Tapiau Mittw. nach Oculi 1453 Schbl. DM. 103. 

4) Schr. des HM. an d. Hauskomthur zu Wien, d. Elbing Freit. 
vor Reminiſcere 1453 Schbl. LXXVIII. 25. 


288 umtriebe u. Bewegungen der Parteien im Lande. (1453.) 


rechtlichen Eingriff in ſeine landesherrliche Gewalt betrachten 
mußte, zumal da die Verbuͤndeten ſeine Erhebung ſo weit 
ausdehnten, daß auch die Aermſten, Hirten, Maͤgde, Spin⸗ 
nerinnen u. ſ. w. dabei angezogen werden ſollten.) Der 
Meiſter erließ zwar auf den Rath der Praͤlaten und Gebietiger 
das ſtrengſte Verbot gegen die Erhebung der Abgabe; allein 
es hatte wenig Erfolg, denn wenn ſich von den funfzig Staͤd⸗ 
ten, die auf dem Tage zu Marienwerder ihre Sendboten hat⸗ 
ten, manche auch gerne der Entrichtung der Steuer entſchlagen 
haͤtte, ſo fuͤrchtete ſich doch jede einzelne, zuerſt mit ihrer Ver⸗ 
weigerung aufzutreten.) Ueberdieß hatte man auf dem Tage 
durch allerlei Vorgebungen, durch Vorleſung einiger kaiſerl. 
Briefe, durch Berichte von des Kaiſers guͤtigen Geſinnungen 
gegen den Bund die Gemuͤther fo befangen, man behauptete 
fort und fort mit fo kecker Zuverläffigkeit, der kaiſerl. Beſtäti⸗ 
gungsbrief liege auf dem Rathhauſe zu Thorn, man bot ſo 
vielfältig alle erſinnlichen Mittel auf, die Sache des Bundes, 
wie fie am Kaiſerhofe verhandelt ſey, im allerguͤnſtigſten Lichte 
darzuſtellen und dadurch zur Theilnahme an demſelben anzu⸗ 
locken, man ſtellte endlich die Erhebung des Schoſſes, der 
zweimälhunderttaufend Mark betragen ſollte, für des Bundes 
Wohlfahrt als fo höchft nothwendig vor, daß auch deshalb 
ſchon des Meiſters Verbot wenig Beachtung fand.) Dazu 
kam die raſtloſe Thaͤtigkeit der Bundeshaͤupter, die Aufmunte⸗ 
rungen und Anfeuerungen, das Hin- und Herreiten der Ei⸗ 


1) Schr. des Biſchofs Kaspar v. Pomeſanien, d. Rieſenburg 
Mittw. nach Reminiſcere 1453 Schl. LXXVIII. 59. 

2) Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. Sonnt. vor Oculi 1453 
Schbl. LXXVIII 67 (a). Er ſagt, daß Strasburg und Neumark 
ſich nur hoͤchſt ungern zum Schoß verſtanden hätten. 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen Donnerſt. vor Oculi 
1453 Schbl. XXIII. 35. Schr. des Vogts v. Roggenbauſen, d. En⸗ 
geleburg Donnerſt. vor Oculi 1453 und mehre andere Schr. der Kom⸗ 
thure hieruͤber Schbl. LXXVIII. 120. 147. 111. 146. Schr. des 
HM. an den Procurator, d. Mar. Mittw. vor Oſtern 1453 Schl. 
LXXVIII. 28. 


Umtriebe u. Bewegungen der Parteien im Lande. (1453.) 289 


dechſen⸗Ritter, hier drohend, daß man jeden als ehrlos und 
meineidig verfolgen werde, der jetzt vom Bunde abfalle, dort 
durch ſchoͤne Worte und Verheißungen zum Eintritt in denſel⸗ 
ben anlockend,“ während von den uͤbrigen Landesrittern faſt 
keiner mehr ſuͤr den Orden wirkſam auſtrat. Selbſt Hans 
von Baiſen ſank in des Hochmeiſters Vertrauen ſchon mehr 
und mehr. Seit längerer Zeit ſchon für des Ordens Intereſſe 
vollig unthätig, hatte er ſich jetzt wieder nach Thorn begeben, 
zwar immer noch leidend, jedoch taͤglich in Berathungen und 
Verhandlungen mit dem dortigen Rathe beſchaͤftigt, ohne daß 
man erfahren konnte, was ſie eigentlich betrafen.) Am mei⸗ 
ſten aber brachte die Gemuͤther das wiederholte Geruͤcht in neue 
Umuhe, daß der Orden mehr als je auf blutige Gewaltmaaß⸗ 
regeln denke, bereits in Deutſchland Söldner anwerbe und bei 
mehren fremden Fuͤrſten, wie bei den Herzogen von Maſovien 
um Huͤlfsvolk gebeten habe. Gabriel von Baiſen ward be⸗ 
auftragt, in Maſovien ſelbſt daruber genaue Kunde einzuzie⸗ 
hen.) 


Somit galt es jetzt die Loͤſung zweier Streitfragen, die mehre 
Monate lang das ganze Land in allgemeiner Bewegung hielten. 
Die eine war: ob wirklich eine Beſtaͤtigung des Bundes vom 
Kaifer vorhanden ſey? Da die Bundeshaͤupter fort und fort 
kein Mittel unverſucht ließen, ihrer Behauptung Glauben zu 
verſchaffen, da fie die Beſiegelung und die ganze Beſchaffen⸗ 
heit des wichtigen Documents aufs genauſte beſchrieben, da 
ſie ferner vielen, die nach Thorn kamen, wirklich einen kaiſerl. 
Brief vorzeigten und wenn auch niemanden ihn leſen ließen, 
doch etwas, was nach Beſtaͤtigung lautete, daraus ſelbſt vor⸗ 


1) Nach den erwähnten Berichten der Komthure. 


2) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. Sonnab. vor Oculi 
1453 Schbl. LXXVIII. 107. 


3) Fol. A. 161 — 162. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen 
—— vor Oculi 1453 Schbl. XXIII. 35. Schr. des * 

. Mewe, d. Sonnt. Oculi 1453 Schbl. LXX VIII. 146. 

VIII. 19 


290 umtriebe u. Bewegungen der Parteien im Lande. (1453.) 


® laſen, v fo konnte natürlich für den Hochmeiſter nichts wich⸗ 
tiger ſeyn, als zu erforſchen, ob ſich ein ſolches Document 
wirklich in Thorn befinde oder ob alles nur Trug und Taͤu⸗ 
ſchung ſey. Der Komthur von Thorn ward daher beauftragt, 
vom Rathe der Stadt eine Abſchrift des Beſtaͤtigungsbriefes zu 
verlangen. Sie ward Anfangs unter dem Vorwande verwei⸗ 
gert, es ſtehe nicht in der Macht eines einzelnen Bundesglie⸗ 
des, das Document zu veröffentlichen; ? bald darauf indeß 
verſprach auf wiederholtes Geſuch der Rath von Thorn: der 
Meiſter ſolle, wenn er darnach ſende, die gewuͤnſchte Abſchrift 
erhalten; der Beſtaͤtigungsbrief ſey bisher nur wenigen im 
Bunde bekannt geweſen; jetzt da man zur Ausſendung einer 
neuen Botſchaft an den Kaiſerhof und zu andern Bundesan⸗ 
gelegenheiten einen Schoß ausgeſchrieben habe, muͤſſe man ihn 
bekannt machen, um im Volke Geneigtheit zur Entrichtung die⸗ 
fer Steuer zu erwecken.“ Nun erfuhr der Meiſter auch bald: 
der neue kaiſerl. Beſtaͤtigungsbrief betreffe nur die Privilegien 
von Thorn und Kulm, vom Bunde ſey darin mit keinem 
Worte die Rede; ) wohl aber ſey allerdings auch ein Beſtaͤti⸗ 
gungsbrief uͤber den Bund vom Jahre 1441 vorhanden, wel⸗ 
chen damals die Staͤdte Kulm und Thorn vom Roͤm. Koͤnige 
erworben, worin dieſer ihnen wirklich die Erlaubniß zur Stif⸗ 
tung eines Bundes gegen Gewalt und Unrecht zuerkannt und 
zugleich freigeſtellt habe, in den Bund Ritter und Staͤdte auf⸗ 


1) Schr. des HM. an d. Procurator, d. Mar. Mittw. v. Oſtern 
1453 Schbl. LXXVIII. 28. 

2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mont. nach Oculi 1453 
Schbl. LXXVIII. 145. Dieſelbe Antwort erhielt auch des HM. Se⸗ 
cretaͤr, den er zu dieſem Zwecke nach Thorn ſandte. Fol. A. 162. 
Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Mittw. vor Oſtern 4453 
Schbl. LXXVIII. 28. Zernecke Thorniſ. Chron. p. 53. 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mittw. nach Oculi 1453 
Schbl. LXXVIII. 148. 

4) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schoͤnſee am T. Gertrudis 1453 
und Schr. des HM. an d. Procurator, d. Mar. Mittw. vor Oſtern 
1453 Schl, LXXVIII. 131. 28. 


Streit wegen Schoß⸗Erhebung. (1453.) 291 


zunehmen, ſo viel ſie wollten, jedoch mit der ausdruͤcklichen 
Beſtimmung, daß des Hochmeiſters Unterthanen dieſem ihrem 
Herrn leiſten ſollten, was ſie ihm von Rechts wegen und nach 
Inhalt feiner Privilegien ſchuldig ſeyen.) Dieſes Document 
hatte man in Königsberg dem Ordensmarſchall insgeheim vor⸗ 
geleſen; auch der Biſchof von Pomeſanien bezeugte, daß eine 
ſolche Beſtaͤtigung vorhanden fey.? So Härte ſich dem Hoch⸗ 
meiſter dieſe ganze Sache auf. 

Die andere Streitfrage, Über die man mit ungleich groͤ⸗ 
ßerer Heftigkeit ſtritt, betraf die Erhebung des von den Bun⸗ 
desoberſten ausgeſchriebenen Schoſſes. Der Hochmeiſter, die 
Praͤlaten und Gebietiger behaupteten: dieſe Anmaßung des 
Bundes ſey nicht nur eine offenbare Verletzung des gelei⸗ 
ſteten Huldigungseides und der dem Hochmeiſter zustehenden 
landesherrlichen Rechte, ſondern widerſtreite auch dem letzten 
Gebote des Kaiſers, daß bis zum Gerichtstage kein Theil ge⸗ 
gen den andern irgend eine Neuerung anheben ſolle; ſchon 
darum habe man volles Recht, die Erhebung der Steuer zu ver⸗ 
bieten, zumal da der Bund nur darauf ausgehe, unter Vor⸗ 
ſpiegelung ſeines Beſtaͤtigungsbriefes den armen Bürgern der 
kleinen Städte das noͤthige Geld fuͤr feine Zwecke abzupreſſen;?) 
zudem haͤtten auch die großen Staͤdte bei der Anweſenheit des 
paͤpſtlichen Legaten ausdruͤcklich zugeſagt, daß die kleinen 
Staͤdte fortan frei und unbeſchwert bleiben ſollten. Dieſe 
Gruͤnde bewogen jetzt auch mehre Staͤdte, wie Preuſſiſch⸗Hol⸗ 


1) S. oben S. 2. 

2) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Koͤnigsb. Mittw. nach Oſtern 
1453 Schbl. LXXVIII. 107. Eine Abſchrift des Beſtaͤtigungsbriefes 
hatte der Rath v. Koͤnigsberg ebenfalls verweigert. Der Marſchall un⸗ 
terſcheidet aber ganz richtig zwei Documente, die man ihm vorgeleſen, 
das eine von 1441, das andere die neuerworbene Beſtaͤtigung der Pri⸗ 
vilegien, worin vom Bunde nicht die Rede war. Schr. des Bifchofs 
v. Pomeſanien, d. Marienwerder am guten Freit. 1453 Schl. 
LXXVIII. 44. 

3) Schr. des Biſchofs Franciſcus v. Ermland, d. Wartenberg 
Freit. nach Oculi 1453 Schbl. LXXVIII. 7. 2 

1 


292 Streit wegen Schoß» Erhebung. (1453.) 


land, Muͤhlhauſen, Tolkemit, Mohrungen, Liebſtadt, Raſten⸗ 
burg u. a. zu der Erklaͤrung: ſie wuͤrden ſich ſchlechterdings 
zu keiner Leiſtung verſtehen, wenigſtens nicht ohne Willen des 
Hochmeiſters; auch auf dem Lande erregte in vielen Gegenden 
des Meiſters erneuertes Verbot gegen den Schoß große Freu⸗ 
de.) Dagegen erklaͤrten die Verbuͤndeten zu ihrer Rechtferti⸗ 
gung: der Orden habe ſie auswaͤrts vielfach verunglimpft und 
angeklagt; dieß noͤthige ſie, ſich zu vertheidigen und Sendbo⸗ 
ten zum Gerichtstage auszufertigen; um die dadurch veranlaß⸗ 
ten Koſten zu beſtreiten, habe man nothwendig einen Schoß 
ausſchreiben muͤſſen; der Orden habe dazu ſelbſt den erſten 
Anlaß gegeben. So ſprachen beſonders die Stimmfuͤhrer des 
Bundes in Thorn und anderswaͤrts im Kulmerland.? Weil 
ſich indeß in andern Städten auch andere Meinungen kund 
thaten, in Danzig der Schoß nur unter Zwang und Strafen 
beigetrieben werden konnte, in andern Orten man ſich auf die 
gebietende Macht der Bundeshaͤupter berief, in noch andern 
ein Theil der Buͤrgerſchaft fuͤr, der andere gegen die Erhebung 
ſtimmte, manche ſich der Abgabe uͤberhaupt ganz zu entſchla⸗ 
gen ſuchten, ) ſo hielten die Bundesoberſten und namentlich 
die Eidechſen-Ritter für nothwendig, auf einer Tagfahrt zu 
Kulmſee ſich über durchgreifende Maßregeln gemeinſam zu be⸗ 
rathen. 

Als der Tag eroͤffnet ward, trat unter allen Gabriel von 
Baiſen mit ungezuͤgelter Heftigkeit behauptend auf: was des 
Meiſters Verbot wegen des Schoſſes betreffe, fo ſey man uͤber⸗ 
haupt gar nicht ſchuldig, ihm den Huldigungseid zu halten, 
denn er ſelbſt habe ja dem Lande auch nichts von dem gelei⸗ 


1) Schr. der Komthure und Voͤgte v. Elbing, Leipe u. a. Schl. 
LXXVIII. 57. 92. 98. 45. 131. 

2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Freit. vor Judica 1453 u. 
Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Sonnab. vor Judica 1453 Schl. 
LXXVI 64. 84. 

3) Schr. der Komthure v. Danzig, Mewe, Althaus, Graudenz 
Schbl. LXXVIII. 70. 88 95. LII. 29. Schr. des Biſchofs v. Erm⸗ 
land, d. Wormditt Dennerft, vor Palmar. 1453 Schbl. LXXVIII. 76. 


Annäherung des Bundes an Polen. (1453.) 293 


fit, was er ihm zugeſagt. Dieß ſcharfe Wort gab weitern 
Anlaß zur Berathung über die nachdruͤcklichſten Maaßregeln 
gegen alle Diejenigen, welche den Schoß bisher verweigert. 
Gabriel von Baiſen ſchlug vor, man muͤſſe drohen, alle Wi⸗ 
derſpaͤnſtigen ohne weiteres für ehrlos zu erklaͤren. Vor allem 
wichtig aber war der auf dieſer Tagfahrt angeregte Plan, Pol: 
niſche Große mit in den Bund gegen den Orden aufzunehmen 
oder wofern dieß des Koͤniges von Polen Verhaͤltniß zum Hoch⸗ 
meiſter nicht zulaſſe, ſo viele Polniſche Herren als moͤglich in 
die Eidechſen-Geſellſchaft hereinzuziehen, „auf daß, wie es hieß, 
man deſto mehr Rath und Hülfe von ihnen moͤchte haben.“ 
Unter dem Vorwande, daß der Meiſter die Bundesverwandten 
bei den Großen in Polen und bei den Herzogen von Maſo⸗ 
vien ſchwer verleumdet und angeklagt, brachte darauf Gabriel 
von Baiſen eine Gefandtfchaft nach Polen in Vorſchlag, die 
er ſich ſelbſt zu übernehmen erbot, um den Bund zu verant⸗ 
worten und zu vertheidigen. Offenbar aber lag dabei vor al⸗ 
lem der Zweck zum Grunde, den Bund in Preußen mit Po⸗ 
len in naͤhere Verbindung zu bringen und den Koͤnig oder 
vorerſt doch wenigſtens die Reichsgroßen Über ihr Intereſſe an 
des Bundes Erhaltung näher zu unterrichten; “ es ging ja 
laͤngſt ſchon das Gerücht: falle des Kaiſers Spruch nicht guͤn⸗ 
ſtig, ſo wolle der Bund ſich den Polen in die Arme werfen. 


Gabriels von Baiſen Vorſchlag fand williges Gehör. 
Thielemann von Wege war ſchon vordem mit einem Danziger 
Rathsherrn nach Breslau ausgezogen, um von da, wie man 
erſuhr, an den Kaiſerhof zu eilen.) John von der Jene, 
der Eidechſen⸗Ritter, von einer Neife nach Polen zurückgekehrt, 
fiand ſeitdem mit dem Polniſchen Hauptmanne zu Bromberg 


1) Schr. des Vogts v Leipe, d Schoͤnſee Sonnt. Palmar. 1453 
Schbl. XI. v. 37; Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 149 — 120. 
2) Schr. des Pflegers v. Lochſtaͤdt an d. Komthur v. Elbing, d. 
Lochſtädt Donnerſt. nach Miſericord. 1453 Schbl. LXXVIII. 11. 
Zernecke Thorniſ. Chron. p. 53. e 


294 Annaͤherung des Bundes an Polen. (1453.) 


in der engſten Verbindung.) Der Polniſche Hauptmann von 
Brzeſe war laͤngſt unablaͤſſig thaͤtig, das Feuer der Zwietracht 
in Preuſſen immer mehr anzuſchuͤren und die Unterthanen ge⸗ 
gen den Orden aufzuhetzen. Schon hoͤrte man im Kulmerlande 
haͤuſig die Drohung: werde der Bund den Bundesverwandten 
vom Kaiſer abgeſprochen, ſo wollten ſie eine Verbindung ſchlie⸗ 
ßen, die noch ſeſter ſey als dieſer Bund und in der ſie weni⸗ 
ger zu dulden haͤtten.)“ Nun begab ſich auch Gabriel von 
Baiſen mit einem Thorner Rathsherrn zuerſt zum Biſchofe von 
Kujavien, um dann ſeine eigentliche Geſandtſchaft nach Polen 
anzutreten.) Nachdem allem ahnete man auch im Orden, 
daß wichtige, gefahrvolle Plane im Werke ſeyen.) Der Or: 
densſpittler gab nach einer heſtigen Unterredung mit Ramſchel 
von Kriren dem Meiſter den Rath: er möge eiligſt, da die 
Verbündeten jetzt offenbar nichts Gutes im Werke hätten, durch 
vorſichtige Boten in Polen und Schleſien ausforſchen laſſen, 
ob ſie nicht etwa „mit Buͤbereien umgingen“ und vielleicht 
heimlich ſchon Kriegsvolk anwerben ließen,?) denn das Bun⸗ 
deshaupt Hans von Czegenberg hatte dem Hauskomthur von 
Rheden geradehin erklaͤrt: der Bund ſey nun einmal vom 
Kaiſer in voller Macht mit ſeinem Majeſtaͤts⸗Siegel in Gold 
beſiegelt und beſtaͤtigt; der Kaiſer ſelbſt habe geſagt: ehe der 
Bund und ſeine Beſtaͤtigungsbulle zuruͤckgingen, ſollten lieber 
alle Privilegien des Ordens vernichtet werden. Komme es 
aber zur Gewalt, ſo haͤtten die Staͤdte ſich bereits erboten, 
der Nitterfchaft dreiundzwanzigtauſend Mann zu ſtellen; dieſe 


1) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Donnerſt. nach Judica 1453 
Schbl. LXXVIII. 14. 

2) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. Mittw. v. Laͤtare 1453 
Schbl. Adelsgeſch. B. 37. Schr. des Hauptmanns v. Brzeſe an den 
HM. d Bidgoſt am Sonnt. Laͤtare 1453 Schbl. XXVI. 60. 

3) Schr. des Vogts v. Leipe a. a. O. 

4) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Marienw. guten Freit. 
1453 Schbl. LXXVIII. 44. 

5) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. am grünen Donnerſt. 1453 
Schbl. LXXVIII. 147. 


Annaherung des Bundes an Polen. (1453.) 295 


werde dann auch ihre Kriegsmacht ſammeln und einen ſtarken 
Heerſchild aufſtellen, um den Orden aus dem Lande zu ver⸗ 
treiben, „denn, hatte er hinzugefügt, unſere Herren verderben 
uns und wir zuletzt auch ſie; wenn wir Freunde würden, ſo haben 
wir nichts und unſere Herren ebenfalls nichts, um uns zu 
helfen; jeder muͤßte zuſehen, wie er ſich berge, wir mußten 
rauben und Uebels thun, was unſere Väter nie gethan.“ ) 
So ging man in Haß und Feindſchaft von Schritt zu 
Schritt weiter. Auch das gemeine Volk und der große Haufe 
wurden wie in Danzig, ſo in den andern großen Staͤdten, 
durch die ſtaͤdtiſchen Behoͤrden immer mehr gegen den Orden 
aufgehetzt; um den gemeinen Buͤrger feſter fuͤr den Bund zu 
gewinnen, verſprach man die Abſtellung druͤckender Abgaben, 
Abſchaffung des Pfundzolles u. ſ. w., und es gelang ſo an 
vielen Orten, den gemeinen Mann und namentlich auch die 
Gewerke mit in die Bundesſache hineinzuziehen.? Es ſchien 
dem Hochmeiſter unmoͤglich, den immer wilder anwachſenden 
Sturm auch nur irgendwie wieder zu beſchwichtigen. Selbſt 
von der Entſcheidung am Kaiſerhofe war jetzt ſicherlich kein 
Friede mehr zu erwarten. Da wandte ſich des Meiſters letzte 
Hoffnung wiederum nach Rom; der Biſchof von Pomeſanien 
hatte auch laͤngſt gerathen: man möge Wege einſchlagen, die 
Sache wieder in des Papſtes Haͤnde zu bringen, er werde 
kraͤftiger eingreifen, als der Kaiſer. Die taͤglich mehr hervor⸗ 
tretende Einmiſchung der Polniſchen Großen in die Sache des 
Bundes ſchien es dem Meiſter nothwendig zu machen, hiege⸗ 
gen zunaͤchſt am Rom. Hofe einen Schritt zu thun. Er ließ 
dem Papſte vorſtellen: wie ſehr der bereits verſtorbene Erzbi⸗ 
ſchof von Gneſen und jetzt immer noch der Kardinal und Bis 
ſchof von Krakau alle Mühe aufgewandt, dem Frevel der 


1) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Sonnt. Judica 1453 
Schbl. LXXVIII. 10. 

2) Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. Mittw. nach Judica 
1453 Schbl. LXXVIII. 138. 

3) Schr. des Biſchofs Kaspar v. Pomeſanien, d. Rieſenburg 
Donnerft. nach Purif, Mariä 1453 Schbl. LXV. 11. 


296 Tagfahrt zu Marienwerder. (1453,) 


Verbuͤndeten durch Rath und That Vorſchub zu leiſten, wie 
Gabriel von Baiſen mit dieſem Praͤlaten noch fort und fort 
in Unterhandlung ſtehe und wie im Vertrauen auf dieſe Bei⸗ 
huͤlfe aus Polen der Bund ſich immer wilder und trotziger ge⸗ 
gen die Landesherrſchaft auflehne. Er ließ daher bitten: der 
Papſt moͤge den Polniſchen Praͤlaten, beſonders dem Biſchofe 
von Krakau aufs ernſtlichſte, unter Androhung des Bannes 
und Verlustes ihrer Aemter, verbieten, ſich ferner in die Bun⸗ 
desſache irgendwie einzumiſchen.) Der Hochmeifter fühlte fich 
bald noch um ſo mehr gedrungen, ſeine und des Ordens 
Sache dem Papſte anheimſtellen zu muͤſſen, da er erfuhr, daß 
Thielemann von Wege zu Wien mit Lug und Trug umgegan⸗ 
gen ſey, den Hochmeiſter beſchuldigt habe, er wolle durchaus 
den ewigen Frieden mit Polen brechen, waͤhrend die Staͤnde 
entſchloſſen ſeyen, ihn aufrecht zu erhalten und ihrem Eide ge⸗ 
treu zu bleiben oder lieber ſelbſt dem Koͤnige von Polen alle 
Schloͤſſer und Städte einzuräumen, daß ferner der Kaiſer 
zwar von einer Beſtaͤtigung des Bundes durchaus nichts wiſ⸗ 
ſen wolle, aber doch keine offene Erklaͤrung darüber auszuſtel⸗ 
len geneigt ſey, und endlich auch daß dem Kaiſer und deſſen 
Raͤthen wirklich vom Bunde anſehnliche Geſchenke gemacht 
worden und am Kaiſerhofe überhaupt Unterfchleife vorgegan⸗ 
gen ſeyen. ? 

So ſtanden die Verhaͤltniſſe, als zu Anfang des Aprils 
die Vornehmſten des Bundes zu einer Tagfahrt in Marien⸗ 
werder zuſammenkamen. 3) Von da aus legten ſie dem 
Hochmeiſter durch eine Botſchaft, an deren Spitze Hans von 


1) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Sonnt. vor 
Oſtern 1453 Schbl. LXXYIU. 28. 

2) Schr des Hauskomthurs v. Wien, d. Wien Sonnab. nach 
Oſtern 1453 Schbl. LXXVIII. 29. Er ſagt unter andern: „Ich rat 
euch, verlaſt euch nicht gar fer auf des kaiſers Rat oder feiner Räte, 
das gelt iſt lieb, die welt iſt krank und hat gern gelt.“ Er fuͤgt hin⸗ 
zu, daß der Kaiſer insgeheim ein Geſchenk von 2000 Gulden erhalten 
habe. 

3) Fol. A. 162, Schütz p. 174, 


Tagfahrt zu Marienwerder. (1453.) 297 


Czegenberg und Stibor von Baiſen ſtanden, in Marienburg 
die Klage vor: die Gebietiger hätten faſt in allen Städten und 
Gebieten Bürger und Volk verſammelt und oͤffentlich behaup⸗ 
tet, daß alles, was die Bundesgeſandten zu Wien verhandelt, 
unter Lug und Trug geſchehen und die kaiſerliche Bundesbe⸗ 
ſtätigung eine offenbare Erdichtung ſey. Es ſcheine ihnen nun 
auch gar nicht nöthig, dem Hochmeiſter die kaiſerl. Briefe vor⸗ 
zuweiſen, ſondern vielmehr rathſamer, ſie auf dem angeſetzten 
Rechtstage vorzubringen und den Kaiſer ſelbſt über ihre Guͤl⸗ 
tigkeit urtheilen zu laſſen. Auch thue ihnen ſchmerzlich leid, 
daß der Meiſter Landen und Städten unter den nachdruͤcklich⸗ 
ſten Strafen an Leib und Gut die Beiſteuer zur Kostendeckung 
für die Geſandtſchaft an den Kaiſer verboten. Warum ſollten 
ſolche, deren eigene Sache es ſey und denen es an Ehre und 
Glimpf gehe, nicht zu den Unkoſten mit beitragen? Sie ſeyen 
ja keine Pachtbauern oder Leibeigene, die mit dem Ihrigen 
nicht thun dinften, was fie wollten. Sie beſchwerten ſich 
ferner, daß man fie in allen Zuſammenkuͤnſten an Eid und 
Huldigung mahne, als hätten fie dieſe uͤbertreten und verletzt. 
Der Meiſter moͤge doch wohl erwaͤgen, daß er ihnen ſo viel 
ſchuldig ſey, als ſie ihm, nämlich Gerechtigkeit, um die ſie ihn 
bisher fo oft gebeten und gefleht hätten. Statt deſſen wuͤrden 
ſie täglich von den Ordensrittern und Anwalten verunehrt, ge⸗ 
Yäftert und geſcholten; fie baͤten daher, der Meiſter möge ſol⸗ 
cher Beſchimpfung und Verleumdung Einhalt thun, damit ſie 
nicht gezwungen ſeyen, ihr ſelbſt zu ſteuern, woraus viel Un⸗ 
rath entſtehen werde. — Der Hochmeiſter antwortete auf jeden 
diefer Punkte; allein man kam ſich natürlich auch durch dieſe 
Verhandlung nicht im mindeſten näher. D 

Auf dieſer Tagſahrt aber hatten ſich die Bundeshaͤupter 
auch Über die Wahl der neuen Sendboten an den Kaiſerhof 
vereinigt.) Seitdem wurden in Thorn und andern Orten 


1) Vollſtaͤndig die Verhandlungen Fol. A. 162 — 163, Mscr. B. 
über den Preuſſ. Bund p. 136. Schütz p. 174 — 175. 
2 Fol. A. 162. 


298 Tagfahrt zu Marienwerder. (1453.) 


Verſammlungen auf Verſammlungen gehalten, beſonders um 
da Klaͤger gegen den Orden zu verhoͤren und eine moͤglichſt 
große Zahl von Klagen und Beſchwerden einzuſammeln, die 
man dem Kaiſer vorzulegen gedachte, wovon man abſichtlich 
manche zuvor dem Hochmeiſter uͤberreichte, um auch deſſen 
Antworten damit zu verbinden.) Nicht minder thaͤtig war 
man auf Seiten des Ordens. Der Biſchof von Ermland ließ 
es ſich angelegen ſeyn, die Volksſtimmung auf religioͤſem Wege 
aufzuregen; er verordnete zur Wiederherſtellung der Ruhe im 
Lande Meſſen und feierliche Proceſſionen und verhieß jedem 
Theilnehmer eine vierzigtägige Indulgenz.) Der Meifter ſelbſt 
lud den hochberuͤhmten Johann von Capiſtrano nach Preuffen 
ein, um theils durch ſeine hinreißenden Predigten auf das 
Volk zu wirken, theils ſich in der Bundesſache ſeines Rathes 
zu bedienen. Dieſer entſchuldigte ſich indeß mit ſeiner ſchwaͤch⸗ 
lichen Geſundheit und den vom Papſte ihm in Boͤhmen aufge⸗ 
tragenen Geſchaͤften.) Dagegen gelang es dem Orden, zwei 
ſehr kenntnißreiche und gewandte Rechtsgelehrte, den Doctor 
Peter Knorr Propſt zu Wetzlar und den Doctor Gregor Heym⸗ 
burg aus Nürnberg durch namhafte Jahrgehalte dafür zu ge⸗ 
winnen, die Sache des Ordens als Rechtsanwalte am Kaiſer⸗ 
hofe zu vertreten und zu verfechten.) Ein Geſchaͤftstraͤger des 
Ordens erhielt den Auftrag, bei der hohen Rechtsſchule zu Bologna 
ein juriſtiſches Gutachten uͤber den Bund einzuholen und wirkte 
ſolches auch aus, obgleich man es dort nicht gerne gab.) Die 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Sonnt. Miſericord. 1453 
Schbl. XL V. 31. L XXVII. 149. 

2) Die Verordnung des Biſchofs, d. Braunsberg 16 April 1453 
Schbl. LXIII. 124. 

3) Schr. des Johann von Capiſtrano an den HM. d. Breslau 
IV feria infra octavam Johanis bapt. 1453 Schbl. LXXVIII. 25. 

4) Schr. der Komthure Hartung v. Eglofſtein zu Nuͤrnberg und 
Martin v. Eybe zu Virnsberg, d. Nürnberg Sonnt. vor Jubilate 1453 
Schbl. DM, 105. 108. Peter Knorr erhielt ein Jahrgehalt von 1200 
Rhein. Gulden. 

5) Schr. des Geſchaͤftstraͤgers Paul Einwalt an d. HM. d. Bo⸗ 


Neue Umtriebe der Verbündeten. (1453.) 299 


Ritterſchaft der Gebiete von Chriſtburg, Neuenburg N Dirſchau 
u. a. ernannte die Ritter Sander von Baiſen und Segenand 
von Wapels zu ihren Bevollmaͤchtigten, um ſie am Kaiſerhofe 
wegen ihres Austrittes aus dem Bunde gegen die etwanigen 
Beſchuldigungen der Verbündeten zu rechtfertigen.) Der 
Hochmeiſter beauftragte zugleich auch den Deutſchmeiſter, zur 
guten Fuͤhrung der Sache am Kaiſerhofe ſich perſoͤnlich um 
die Gunſt und den Beiſtand mehrer Reichsfurſten, des Erzbi⸗ 
ſchofs von Köln, des Pfalzgrafen vom Rhein, des Markgrafen 
von Baden, des Erzbiſchofs von Mainz u. a. zu bewerben 
und ſie zu erſuchen, daß jeder von ihnen zwei ſeiner Raͤthe, 
namentlich einen Doctor des Rechts zur Vertheidigung der 
Rechte des Ordens an den Kaiſerhof ſende,“ denn bereits 
hatte ſich, offenbar durch die Bundeshaͤupter aufgehetzt, auch 
eine merkliche Zahl von Klaͤgern aus Preuſſen in Privathaͤn⸗ 
deln gegen den Orden an den Kaiferhof gewandt, von wo 
aus der Hochmeiſter fuͤr jeden einzelnen Fall vorgeladen ward, 
um am beſtimmten Rechtstage entweder in Perſon oder durch 
Bevollmächtigte ſich zu verantworten. 

Dabei ließen die Bundeshaͤupter kein Mittel unverſucht, 
um im Volke den dem Orden ſo trotzig widerſtrebenden Geiſt 
wach und rege zu erhalten und ihn immer mehr anzufeuern. 
Der Rath von Danzig erließ das Verbot, daß kein Buͤrger 


logna Mittw. nach Corpor. Chr. 1453 Schbl. I. 201. Das einge⸗ 
holte Gutachten koſtete 44 Ducaten. 


1) Erklärung der Ritterſchaft im Chriſtburgiſchen, d. Preuſſ. Mark 
Sonnt. vor Georgii 1453 Schbl. XIV. 11. LXXVIII. 41. 26. Schr. 
des Vogts v. Dirſchau, d. Sobowitz Freit. nach Georgii 1453 Schöl. 
LXXVIII. 77. Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Freit. nach Marci 
1453 ebend. 64. 


2) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter d. Mar. am T. Georgii 
1453 Schbl. DM. 106. 

3) Beiſpiele dieſer Vorladungen in einzelnen Klagſachen finden 
ſich in Menge. Am 12 Maͤrz allein fertigte der Kaiſer ſolcher Vorla⸗ 
dungen an den HM. mehr als 15 aus; Schöl. VI. 7. 8. 10 — 17. 
18. 19. 21. 22. 25. 


300 Neue Umtriebe der Verbuͤndeten. (1453.) 


oder Handwerker mit ſeiner Kaufwaare den Markt von Ma⸗ 
rienburg beſuchen ſolle, weil der Hochmeiſter, wie man vorgab, 
den Danzigern alle Sicherheit in Marienburg verweigert habe, 
was nur dazu dienen ſollte, das Volk in Danzig noch mehr 
gegen den Meiſter zu erbittern.) Es wurde ferner trotz des 
Sochmeiſters feſter Zuſicherung das Gerücht von auswärtigen 
Truppenwerbungen und von einem beabſichtigten feindlichen 
Ueberfalle der Bundesſtaͤdte immer wieder in Umlauf gebracht 
und meiſt mit ſo beſtimmten Einzelnheiten, daß es immer 
mehr Glauben fand als des Meiſters Widerſpruch.) Es 
wurden Briefe des Kaiſers an den Hochmeiſter und die Bun⸗ 
deshaͤupter erdichtet, mit der ausdruͤcklichen Weiſung, daß kein 
Prälat, Hochmeiſter oder Gebietiger der Einnahme des Schoſſes 
irgend ein Hinderniß in den Weg legen ſolle, und es glückte, 
mehre kleine Städte zur Entrichtung der Abgabe zu bewegen. 3) 
In den Unterhandlungen mit dem Koͤnige von Polen und den 
Herzogen von Maſovien ſuchten die Bundesoberſten ihre Bun⸗ 
deseinigung mit allerlei Scheingruͤnden auf jede Weiſe zu recht⸗ 
fertigen, unter andern als Hauptgrund zur Stiſtung des Bun⸗ 
des vorgebend, daß der Hochmeiſter beim Tode der Aeltern die 
Toͤchter auf den Guͤtern ohne weiteres wegnehme, ſie nach 
Willkühr verheirathe und den Beſitz einziehe, um Diener und 
Freunde damit zu belohnen.) Selbſt bis in die Hanſeſtaͤdte 
gingen Verleumdungen und Beſchuldigungen, um den Orden 
allenthalben zu verunglimpfen und ins übelfte Licht zu ſtellen, 
weshalb der Biſchof von Ermland und der Ordensſpittler an⸗ 
riethen, an die Hauptſtaͤdte der Hanſe Luͤbeck und Bremen 


1) Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. Dienſt. nach Miſeri⸗ 
cord. 1453 Schbl. LX. 67. 

2) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Mittw. vor Palmar. 
1453 Schbl. XXIII. 33 

3) Schr. des Hauskomthurs v. Elbing, d. am T. Johannis ante 
Dorta:n 1453 Schbl. LXXVIII. 16 Schr. des Hauskonthurs v. Hol⸗ 
land, d. Sonnab. nach Himmelf. 1455 Schbl. LIII. 79. 

4) Schr. des Pflegers v. Neidenburg, d. Sonnab. Kreuz: Erfind. 
1453 Schl. LXXVIII. 53. 


Neue Umtriebe der Verbuͤndeten. (1453.) 301 


eine vollſtaͤndige Mittheilung uͤber das Bundesverhaͤltniß und 
die Bundesurkunde ſelbſt zu ſenden, damit man dort eine 
richtige Vorſtellung von der Sache gewinnen koͤnne. d 

Es ward daher auch um ſo nothwendiger, jeden Schritt 
der Verbuͤndeten ſorgſam zu beobachten. In des Meiſters 
Auftrag legte der Muͤnzmeiſter zu Thorn auf alle Straßen 
nach Breslau und Krakau insgeheim Kundſchafter aus, um 
insbeſondere auch zu erfahren, was Hans von Baiſen im 
Werke führe, denn man traute ihm ſchon laͤngſt nicht mehr. 
Sein Bruder Gabriel hatte, um ſich Geldmittel zu verſchaffen, 
alle feine Güter verkauft und ließ jetzt auch ſein goldenes und 
ſilbernes Geraͤthe in der Münze zu Thorn verſetzen oder an 
Juden verpfaͤnden.) Auch auf die fortdauernden Geſandt⸗ 
ſchaften der Bundeshaͤupter nach Polen und Maſovien mußte 
ſcharf geachtet werden, und da man erfuhr, daß der Koͤnig 
mit dem größten Theile feines Reichsadels einen Verſamm⸗ 
lungstag halten, die Verbuͤndeten aber ebenfalls Machtboten 
dahin ſenden wollten,) fo fertigte auch der Meiſter einen ge⸗ 
heimen Kundſchafter aus, der ihm berichtete: der Koͤnig und 
die Maͤchtigſten vom Adel hätten erklärt, daß fie auch fortan 
den ewigen Frieden unverbruͤchlich halten wollten. Sicherlich 
aber hatten nur die zwiſchen Litthauen und Polen gerade ob⸗ 
waltenden Mißhelligkeiten, die ja den Koͤnig bei ſeiner Anwe⸗ 
ſenheit in jenem Lande ſogar in große Lebensgefahr gebracht, 
ihn unaufgefordert zu dieſer Erklärung bewogen.) Indeß 


1) Schr. des Biſchofs v. Ermland und des Komthurs v. Elbing, 
d. Dramburg Dienft. Rogat. vor Himmelf. 1455 Schbl. LXVI. 192. 

2) Schr. des Muͤnzmeiſters zu Thorn, d. Mont. vor Himmelf. 
1453 Schbl. LIT. 35. Schr. des Komthurs v. Thorn, d Dienſt. vor 
Invocavit 1453 Schbl. Adelsgeſch. B. 38. Gabriel verkaufte feine Guͤ⸗ 
ter dem HM. fuͤr 1850 Mark; das Verkaufsinſtrument Schbl. 93. 12. 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mont. zu Pfingſt. 1453 
Schbl. XIX. 41. Schütz p. 176. 

4) Nähere Nachrichten über die Verhältniſſe zwiſchen Polen und 
Litthauen in e. Schr. eines gewiſſen N. S. an den HM. d. Thorn 
Donnerft- vor Pfingſt. 1453 u. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. wie 
vor. Schbl. XXVI. 50. 51. Der Koͤnig war bei einem Volkstumult 


302 Geſandtſchaften an den Kaiſerhof. (1453.) 


gab Ludwig ſein Vertrauen auf den Koͤnig noch nicht ganz 
auf, denn auch der Biſchof von Ermland rieth: er moͤge ſich 
ja noch an ihn und an die Litthauiſchen Herren halten, um 
im Nothfall ihre Beihuͤlfe anzuſprechen, „immer ſeyen Freund⸗ 
fchaften an der Thuͤre die beſten. “!) Was ſollte dagegen der 
Meiſter davon halten, wenn ihm der Rath von Thorn ſein 
Bedauern daruͤber aͤußerte, daß er beim Orden ſo ſehr in Un⸗ 
gnade ſtehe und nichts mehr als ſeine Gunſt und Geneigtheit 
wuͤnſche, oder wenn die Thorner den dortigen Komthur und 
Hauskomthur gnaͤdige und gütige Herren nannten oder auch 
wenn jetzt der Buͤrgermeiſter von Danzig dem Komthur er⸗ 
Härte: man winfche nichts mehr, als daß die Bundesſache in 
Güte beigelegt und wo möglich wieder ins Land zuruͤckgebracht 
werde, wo man ſie am beſten durch ſchiedsrichterliche Erkennt⸗ 
niffe befeitigen koͤnne?? 

Mittlerweile waren die zum kaiſerl. Rechtstage erkorenen 
Ordensbevollmaͤchtigten, der Biſchof Franciſcus von Ermland, 
der Oberſtſpittler Heinrich Reuß von Plauen, der Vogt von 
Leipe Georg von Eglofſtein, der Ermlaͤndiſche Domherr und 
hochmeiſterliche Rath Laurentius Blumenau ſchon zu Ende des 
Mai in Wien glücklich angelangt, mit Vollmachten und zahl⸗ 
reichen andern Schriften uͤber den ganzen Verlauf des Bun⸗ 
desſtreites hinreichend verſehen, um ſich am Kaiſerhofe mit dem 
Landkomthur von Oeſtrreich, dem Komthur von Wien und den 
bereits erwähnten Rechtsgelehrten zuvor noch zu bevathen. 9 


in Litthauen ſchwer verwundet worden; man wollte dort einen neuen 
Großfuͤrſten an die Herrſchaft bringen. Schr. des HM. an d. Biſchof 
v. Ermland, d. Stargard Dienſt. nach Viti u. Modeſti 1453 Schbl. 
LXXVIII. 58. 

1) Schr. des Biſchofs v. Ermland, d. Graͤz Pfingſt. 1453 Schbl. 
LXXVIII. 93. 

2) Schr. des Muͤnzmeiſters zu Thorn, d. Papau am Abend des 
Himmelf. Tag 1453 Schbl. Adelsgeſch. B. 43. Schr. des Komthurs v. 
Danzig, d. Dienſt. zu Pfingſt. 1453 Schbl. LXXIX. 54. 

3) Vollmacht für die Ordensgeſandten vom 23 April in Preuſſ. 
Samml. B. II. S. 519. 


Geſandtſchaften an den Kaiſerhof. (1453.) 303 


Die Bevollmaͤchtigten des Bundes dagegen, Gabriel von Bai⸗ 
fen, Ramſchel von Kriren, Hans von Thauer, Thielemann von 
Wege, Hans Mazkow, der Bürgermeiſter von Kulm und der 
von Danzig Wilhelm Jordan zogen um dieſe Zeit erſt aus 
Preuſſen aus, ) denn lange hatte die Aufbringung der noͤthi⸗ 
gen ansehnlichen Geldmittel (wobei ſelbſt der Muͤnzmeiſter zu 
Thorn fo viel als möglich hinderlich war) ihre Abreiſe ver⸗ 
zögert. Wie aber längft Thielemann von Wege, der in 
Wien geblieben war, dort ſich alle Muͤhe gegeben, durch aller: 
lei unnuͤtzes Reden, Schelten und Schänden über den Orden 
die Meinung und das Urtheil der Hofbeamten zu befangen 
und zu beftechen, ? fo verbreiteten die Verbündeten auch in 
Preuſſen allerlei Geruͤchte und Nachreden, um den Muth des 
Volkes immer neu anzufriſchen und des Ordens Sache zu ver⸗ 
dächtigen. Da hieß es bald: der Biſchof von Ermland ſey 
auf der Reiſe erſchlagen worden und der Ordensſpittler kaum 
noch gerettet; andere wollten wiſſen, dieſe beiden haͤtten ſich 
auf dem Wege gepruͤgelt, jener ſey gefangen genommen, dieſer 
an ſeinen Wunden geſtorben, und wie die Geruͤchte weiter 
lauteten, ſo daß der Hochmeiſter dabei einſt ausrief: „der 
müßte viel Mehl haben, der aller Leute Mund ſtopfen wollte!“ ® 


1) Original des Vollmachtsbriefes, d. Altſtadt Thorn d. 26 Mai 
1453 im Rathsarchiv zu Thorn Lie. A. 32; Preuſſ. Samml. B. II. 
717 — 718, die ebendaſ. S. 527 befindliche Vollmacht von fpäterem 
Datum iſt nur eine Erneuerung der fruͤhern. Schütz p. 176. Runau 
Historia des groß. Dreizehnjaͤhr. Krieges, Vorrede p. 19. 

2) Schr. des Muͤnzmeiſters v. Thorn, d. am Abend Trinitat. 
1453 Schbl. LXXVIII. 58. 

3) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Wien Dienſt. nach heil. 
Leichnam 1453 Schbl. LXXVIII. 9; er nennt den Thielemann „ einen 
gar böfen Leichnam,“ auf den man ganz beſonders Acht haben müffe. 

4) Schr. an den HM. d. Königsb. am heil. Leichnamst. 1453 
Schbl. LXXVIII. 74. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Sonnab. 
vor Barnabd 1453 Schbl. Adelsgeſch. B. 44. Schr. des HM. an den 
Biſchof v. Ermland, d. Mar. Dienft. nach Barnabä 1453 Schbl. 
LXXVIII. 89. Ueber den Biſchof verbreiteten ſich die meiſten Ge: 
rüchte. S. Voigt Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 126 — 127. 


304 Geſandtſchaften an den Kaiſerhof. (1453.) 


Wohl aber beſtaͤtigte ſich bald die Nachricht von einem ſchwe⸗ 
ren Unfalle der Bundesgeſandten, die auf ihrer Reiſe durch 
Mähren vier Meilen von Brünn von einem Maͤhriſchen Edel⸗ 
manne, dem Herrn von Miltitz überfallen, zum Theil ſchwer 
verwundet, ihrer meiſten Papiere und Gelder beraubt und ge⸗ 
fangen genommen worden waren. Mehre ihrer Diener hatten 
bei der Gegenwehr ihr Leben geopfert.) Nur Gabriel von 
Baiſen hatte ſich wacker durchgeſchlagen und war, obgleich 
verwundet, durch Huͤlſe ſeines ſchnellen Roſſes aus der Nie⸗ 
derlage entkommen und in Wien angelangt. Hans von 
Thauer, die Buͤrgermeiſter von Kulm und Danzig und zwei 
andere Begleiter wurden gefangen auf das Schloß Miltitz 
gebracht. Die That machte gewaltiges Aufſehen, zumal da 
Gabriel von Baiſen nicht nur am Kaiſerhofe behauptete: das 
Bubenſtuͤck ſey auf des Ordens Anſtiſten geſchehen, damit die 


1) Aenene Sylvii Epist. 162 bezeugt dieß ebenfalls, nennt aber 
auch Maͤhren terram latronibus inhabitatam, ubi tanto quisqne nobi- 
lior ducitur, quanto spolia maiora commisit. 

2) Die Berichte hieruͤber weichen in einzelnen Angaben von einan⸗ 
der ab. Hans Krauß von Eſchenbach meldet dem HM. in einem 
Schr. d. Brünn Mont. nach Veitstag 1453 Schbl. Ndelsgefch. C. 35: 
der Ueberfall ſey am S. Veitstage geſchehen; alles ſey den Geſandten 
genommen und ſie ſelbſt gefangen aufs Schloß Miltitz gebracht. Schr. 
des Hans Winter an den HM. d. am T. Petri und Pauli 1453 
Schbl. LXXVIII. 91: die Geſandten hätten ſich beim Ueberfall fehr 
gewehrt, drei Herren aus Mähren hätten ihn ausgeführt. Schr. des 
Komthurs von Nuͤrnberg Hartung v Eglofſtein, d. Nürnberg Don⸗ 
nerft. nach Diviſion. Apoſt. 1453 Schbl. 108. 28: den Geſandten ſoll⸗ 
ten 18,000 Gulden, viele Kleinodien, Zobel, Privilegien u. a. geraubt 
und 24 bis 26 dabei erſchlagen worden ſeyn. Nach einem Schr. des 
Biſchofs v. Pomeſanien, d. Stangenwalde Freit. vor Magdalena 1453 
ſollte Gabriel v. Baiſen einen Schuß in die Seite bekommen haben; 
Schütz p. 177 ſpricht ebenfalls von einer ſchweren Verwundung; der 
Komthur v. Elbing in einem Schr. an den HM. d. Graͤtz Mittw. vor 
Margar. 1453 Schbl. LXXVIII. 161 fagt dagegen: er könne an Ga: 
briel nicht merken, daß er verwundet oder frank ſey. 

3) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Graͤtz am T. Margar. 
1453 Schl. LXXVIII. 130. 


Geſandtſchaften an den Kaiſerhof. (1453.) 305 


Geſandten nicht zum beſtimmten Rechtstage hätten kommen 
koͤnnen, ſondern auch ſofort nach Preuſſen meldete: der Vogt 
von Leipe ſolle ſelbſt an der Sache Theil genommen haben; 
man moͤge in Cile aus Preuſſen einen Reitertrupp ſenden, um 
die Gefangenen zu beſreien.) Ob dieſe Beſchuldigungen ge⸗ 
gründet waren, läßt ſich ſchwer entſcheiden; aber gewiß iſt, 
daß der Komthur von Thorn kurz vor der Geſandten Abreiſe 
aus Preuſſen dem Hochmeifter wirklich den Plan an die Hand 
gegeben hatte: er moͤge, wenn es mit Fug geſchehen Fonne, 
„den Böfewichtern ” nachſtellen und fie niederlegen laffen.? 
Das Ereigniß aber hatte manche wichtige Folgen. Vor 
allem gewannen die Ordensgeſandten durch die verſpaͤtete An⸗ 
kunft ihrer Gegner hinlaͤnglich Zeit, am Kaiſerhofe fuͤr ihr In⸗ 
tereſſe wirkſam zu ſeyn. Sie wußten es ferner am Roͤm. 
Hofe dahin zu bringen, daß der Papſt offen erklärte: er habe 
des Ordens Sache noch keineswegs aus der Hand gegeben, 
ſondern nur auf ſechs Monde verſchoben, um zu ſehen, wie ſich 
der Kaiſer dabei benehme; dieſem aber hatte der Papſt die 
Freiheiten und Privilegien des Ordens aufs dringendſte em⸗ 
pfohlen. Es gelang ihnen uͤberdieß, bei Nicolaus auch ein 
Ermahnungsſchreiben an die Koͤnige von Polen, Ungern, Daͤ⸗ 
nemark und Schweden und an die Herzoge von Maſovien und 
Burgund auszuwirken, worin es dieſen aufs nachdruͤcklichſte 
ans Herz gelegt wurde, die in Preuſſen durch den gottloſen 
Bund ſo ſchwer angefochtene Freiheit der Kirche mit Eifer zu 
ſchuͤtzen und zu vertheidigen, denn man wußte bereits auch in 
Rom recht gut, daß den Verbuͤndeten von Polen aus viel 
Vorſchub geleiſtet werde.) Am Kaiferhofe ſelbſt gewannen 
die Ordensgeſandten bald die beſten Hoffnungen. Mit beſon⸗ 
derer Huld nahm ſich ihrer der junge König Ladislav von Un⸗ 


1) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Stangenwalde Freit. 
vor Magdal. 1453 Schbl. XLV. 23 Schütz I. o. 

2) S. die Stelle aus dem Schr. des Komthurs v. Thorn in 
Voigt Geſch der Eidechſ. Geſellſch. S. 126 

3) Schr. des Precurators, d. Rom 12 Juni 1453 Schbl. LXXVIII. 
6. 49 LIX. 90. 

VIII. 20 


306 Geſandtſchaften an den Kaiſerhof. (1453.) 


gern und vorzüglich deſſen hoͤchſteinflußreicher Hauptmann So: 
hann Giskra von Brandeis an.) Aber auch der Kaiſer, den 
fie zu Graͤtz trafen, bewies ſich ihnen ſehr guͤnſtig. In Be 
ziehung auf ſeine angebliche Beſtaͤtigung des Bundes erklaͤrte 
er ſogleich im erſten Geſpraͤche: es ſey nie etwas dergleichen 
von ihm ausgegangen und er wiſſe von nichts der Art. 2 
Und dieſe Erklaͤrung nebſt der Angabe, daß er durch ſeine 
Kanzler und Schreiber auch alle Buͤcher und Regiſter deshalb 
vergeblich habe durchſuchen laſſen und daß auf ſein Anfordern 
Gabriel von Baiſen und Ramſchel von Krixen jetzt ebenfalls 
geſtanden hätten, fie wuͤßten nichts von einem ſolchen Beftäti- 
gungsbriefe, ließ Friederich alsbald öffentlich bekannt machen, 9 
mit der ernſtlichen Warnung an die Bundesverwandten in 
Preuſſen, daß fie ſich ferner nicht mehr unterſtehen ſollten, ſich 
einer ſolchen kaiſerl. Beftätigung zu ruͤhmen.) Man faßte 
nun wieder volles Vertrauen zum Kaiſer und die Ordensge⸗ 
ſandten berichteten dem Meiſter: es gehe alles auf beſtem Wegez 
er moͤge daher auch in den Verhandlungen mit den Verbuͤn⸗ 
deten ſich nicht zu mild und nachgiebig zeigen, wohl aber die 
Burgen und Haͤuſer gut verwahren, denn je geneigter der 
Papſt, je guͤnſtiger der Kaiſer ſich dem Orden beweiſe und je 


1) Ueber Johann Giskra v. Brandeis vgl. Engel Geſch. des 
Unger. Reiches B. III. Abth. 1. 

2) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Graͤtz Dienſt. vor Johanni 
1453 Schbl. LXXVIII. 67. 144. Schr. des Biſchofs v. Ermland u. 
des Komtburs v. Elbing, d. Gratz Donnerft, vor Nativit. Johannis 
1453 Schbl. LXXVIII. 92. 

3) Notariatsinſtrument uͤber die Verhandlung mit dem Kaiſer v. 
28 Juni 1453 Schbl. XIV. 13 — 15. LXXVIII. 46. Fol. A. 164. 
Schiitz p. 177 — 180. Bericht über die Verhandlungen der Ordens⸗ 
geſandten am Kaiſerhofe um Johanni Schbl. LXXX. 47. 

4) Das Warnungsſchreiben des Kaiſers, d. Gratz Mittw. vor 
Maria Magdal. 1453 Schbl. XIV. 16. LXXVIII. 3. Dabei ein 
Zeugniß von vielen Edelleuten, Rittern und fürftlihen Rathen, d. 
Graͤtz Freit. nach Jacobi 1453 Schbl. XIV. 17. LXXVIII. 50; Ori⸗ 
ginal⸗Copie im Rathsarchiv zu Thorn Scrin. II. 45, im Thorner Co: 
piebuch p. 177. 


Geſandtſchaften an den Kaiſerhof. (1453.) 307 


ſicherer man dem erwünfchten Ziele am Katferhofe entgegen⸗ 
ſehe, um ſo mehr wuͤrden auch Nachrichten nach Preuſſen 
kommen, die den Bund zu ernſtlichen Schritten treiben koͤnnten. ! 

Hier aber hatte die Nachricht von dem raͤuberiſchen Ueber⸗ 
falle der Bundesgeſandten unter den Verbuͤndeten alles mit 
Erbitterung erfüllt, weil man die That allgemein der heimli⸗ 
chen Veranſtaltung des Meiſters zuſchrieb. Man hielt Tags 
fahrten zu Kulmſee, Graudenz und andern Orten, theils um 
Über die Art und Mittel zu berathen, die zur Befreiung der 
gefangenen Sendboten zu ergreifen ſeyen, theils auch um die 
Berichte zu vernehmen, welche Jacob von Swenten über feine 
fortdauernden Unterhandlungen mit den Polniſchen Großen ab⸗ 
zuftatten hatte.) Dieſe immer häufiger hin und her ziehen⸗ 
den Geſandtſchaften der Verbuͤndeten nach Polen, zumal in 
der Zeit, als der Koͤnig mit den zahlreich verſammelten Reichs⸗ 
großen zu Petrikau eine neue Tagsberathung hielt, machten den 
Hochmeiſter jetzt am meiſten beforgt.? Zwar ließ ihm jener 
von dorther die Verſicherung bringen: er bedauere die zwiſchen 
dem Hochmeiſter und deſſen Unterthanen obwaltende Uneinig⸗ 
keit und verſpreche, ſich der letztern, die vielfach bei ihm Rath 
und Hllfe geſucht, ſtets nur als Vermittler annehmen zu wol⸗ 
len, weshalb er auch rathe, der Meiſter möge zur Herſtellung 
des Friedens auf Aufrechthaltung der Freiheiten, Privilegien 
und Gerechtſame der Staͤnde mit allem Ernſte bedacht ſeyn. 
Allein ſelbſt in dieſer Mittheilung und in der Art ihrer Abfaſ⸗ 
ſung fand Ludwig Gruͤnde genug zum Mißtrauen gegen den 


1) Schr. des Biſchofs v. Ermland, d. Graͤtz Mittw. vor Johanni 
1453 Schbl. LXXVIII. 108. 


2) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. am T. Commemorat. 
Pauli 1453 Schbl. LXXVIII. 158. 


3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Hohenſtein Sonnt. nach 
Viſit. Mariä 1453 und Schr. eines gewiſſen N. S. an d. HM. d. 
Thorn Mittw. vor Johanni 1453 Schbl. LXXVIII. 145. 160. Dig oss. 
T. II. p. 112. 


20 * 


308 Drohende Bewegungen im Lande. (1453.) 


Koͤnig, vor dem er auch laͤngſt gewarnt war.) Ohne daher 
die angebotene Vermittlung anzunehmen, ließ er ihm durch den 
Ordenstreßler eine zweckmaͤßige Darſtellung des ganzen Strei⸗ 
tes uͤberbringen und dabei kund thun, daß der Bund bereits 
vom Kaiſer und Papſt fuͤr ſtraͤflich und geſetzwidrig erklaͤrt ſey, 
mit dem Erſuchen, den Verbuͤndeten von ſeinem Reiche aus 
keine Huͤlfe und Vorſchub gewähren zu laſſen.) Ueberdieß 
machten die Bundesoberſten jetzt neue Verſuche, wo moͤglich 
noch die zahlreichſten Ordenskonvente mit in ihr Intereſſe zu 
ziehen.) Zu Thorn legten die Eidechſen-Ritter Auguſtin von 
der Schewe und Stibor von Baiſen den dortigen Konvents⸗ 
brüdern gewiſſe Artikel vor, die offenbar eine Annäherung be⸗ 
wirken ſollten; gleiches gefchah zu Danzig und Königsberg; 
allein man wies überall die Anträge ohne weiteres zuruͤck. “) 
Bald indeß drohten von Seiten der Verbuͤndeten ſchon 
kriegeriſche Gefahren. Die Befreiung der gefangenen Geſand⸗ 
ten und die von neuem verbreiteten Geruͤchte, daß der Orden 
im Auslande Söldner geworben und zu Gewaltmaaßregeln 


1) Schr. des Koͤniges v. Polen an d. HM. d. in Pyotıkow feria 
III in crastino visitat. Mariae 1453 Schbl. LXXVIII. 118. Er ſagt 
zuletzt: ad quorum (privilegiorum etc.) eciam ampliorem conservatio- 
nem Militares, Cives et populus prefati vigore inscriptionum pacis 
perpetue defensionis nostre tutelam precantur et requirunt, quorum 
eisi zusta legittimaque sit precatio, nullatenns tamen vellemus 
inter vos ordinemque vestrum prefatosque militares, Burgenses et po- 
pulum aliaın interpositionem facere, nisi veri et pacifici mediatores. 
Vol Schitz p. 176. Dlugoss. T. II. 113. 

2) Auftraͤge fuͤr den Treßler an den Koͤnig v. Polen, d. Sonnab. 
nach Mariaͤ Himmelf. 1453 Schbl. LXXVIII. 114. 

3) Schr. des Raths v. Elbing an den Rath v. Thorn, d. Mont. 
nach Maria Magdal. 1453 mit den Schr. der Verbuͤndeten an die 
Konvente zu Balga, Brandenburg und Koͤnigsberg und deren Ant- 
worten im Rathsarchiv zu Thorn Cist. III. 22, Thorner Copiebuch 
P. 186. 

4) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am Abend Margar. 1453. 
Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. am Abend Viſit. Maria 1453 
Schl. LXXVIII. 39. 133 Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigob. 
am Abend Margar. 1453 Schbl. LVII. 31, 


Drohende Bewegungen im Lande. (1453.) 309 


ſchreiten wolle, v hatten hinlaͤnglich Vorwand gegeben, die 
Ausruͤſtung von funfzehnhundert Reiſigen zu beſchleunigen, zu 
deren Hauptleuten der Eidechſen⸗ Ritter Nicolaus von Tergo⸗ 
witz und Karl von Firdung ernannt wurden.) Es ward 
uͤberdieß bekannt, es werde naͤchſtens eine Tagfahrt der Bun⸗ 
desverwandten zu Graudenz Statt finden, zu welcher jeder⸗ 
mann von Landen und Staͤdten in voller Ruͤſtung und be⸗ 
waffnet erſcheinen ſolle.) Da die Bundeshaͤupter Nachricht 
hatten, daß der Ritter Georg von Schlieben aus Sachſen als 
Soͤldnerhauptmann an der Spitze eines Söͤldnerhaufens bereits 
bei Konitz lag, mit dem Auftrage, ſeine Schaar durch neue 
Werbungen in Deutſchland moͤglichſt noch zu verſtaͤrken,“ 
ſo hatten auch ſie einen Haufen von Schuͤtzen herbeigezogen 
und ins benachbarte Dobrinerland gelegt, um ihn im Nothfall 
um die Zeit der Tagſahrt zu Graudenz zu ihrem Schutze her⸗ 
beizurufen. Stibor von Baiſen, den man deshalb zur Rede 
ſetzte, laͤugnete zwar jede feindliche Abſicht gegen den Orden; 
allein ſeine Worte waren zweideutig? und da dem Hochmei⸗ 
ſter ſogar die Nachricht zukam: es folle auf naͤchſter Tagfahrt 
beſchloſſen werden, dem Orden zuerſt die Huldigung aufzukuͤn⸗ 
digen, dann ſich der Burg zu Graudenz und darauf auch 
mehrer anderer Ordenshaͤuſer zu bemächtigen, ® fo wandte er 


1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigsb. am Abend Jacobi 
1453 Schl. LVII. 30. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Stangenwalde Freit. 
vor Margar. 1453. 

3) Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. am T. Maris Magdal. 
1453 Schbl. LXXVIII. 113. Fol. A. 164. 

4) Schr. Georgs v. Schlieben an den HM. d. Konitz Mont. 
nach Jacobi 1453 Schbl. KLVIE. 2. Nachrichten v. einigen Haͤuſern 
des Geſchlechts v. Schlieben S. 377. Nach Kotzebue B. IV. 307 
hatten um Johanni auch ſchon die Herzoge Balthaſar und Rudolf von 
Schleſien dem Orden Kriegshuͤlfe zugeſagt. 

6) Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. am T. Dominici 1453 
Schbl. LXXVIII. 43. 62. 

6) Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. am Abend Petri 1453 
Schbl. LXXVIII. 38. 


310 Drohende Bewegungen im Lande. (1453.) 


ſich mit einem offenen Schreiben an Danzig und die übrigen 
Bundesſtaͤdte, ihnen mit ernſtem Nachdruck erklaͤrend: er ver⸗ 
nehme nicht ohne hoͤchſtes Befremden, daß Lande und Städte 
auf naͤchſter Tagfahrt zu Graudenz in Waffenruͤſtung erſchei⸗ 
nen wollten, was bisher nie geſchehen ſey. Deshalb und auch 
um anderer wunderlichen Nachrichten willen muͤſſe auch er 
darauf denken, die Ordensburgen zu bemannen und in guter 
Hut zu halten, womit er keineswegs Arges, ſondern des Or⸗ 
dens und Landes Heil und Beſtes bezwecke, wie man dieß 
den Bürgern in feinem Namen verſichern möge.D In der 
That beeilte man ſich ſofort, die wichtigſten der Landesburgen, 
Thorn, Rheden, Elbing, Koͤnigsberg, Danzig u. a. mit ſtaͤrke⸗ 
rer Maͤnnſchaft und den noͤthigen Vertheidigungsmitteln moͤg⸗ 
lichſt zu verſorgen.) Vor allem war im Kulmerlande eine 
fiärkere Bemannung und beſſere Bewehrung der Ordenshaͤuſer 
hoͤchſt nothwendig, denn dort drohte die Gefahr am meiſten 
und doch waren die dortigen Burgen am wenigſten gut ver⸗ 
ſorgt. Thorn z. B., dem faſt alle ſeine Einkuͤnfte ſchon ent⸗ 
zogen waren, hatte nur noch zwölf Ordensbrüder, auf die ſich 
der Komthur verlaſſen konnte; die übrige Beſatzung beſtand 
aus unzuverläffigen Dienern, die zum Theil unter den Ver⸗ 
buͤndeten ihre Freunde und Verwandten hatten; und bei dieſer 
ſchwachen Beſatzung war uͤberdieß das Haus von Lebensmit⸗ 
teln und Harniſch faſt ganz entblößt und der Komthur nicht 
einmal im Stande zur Erndtezeit feine Arbeitsleute gehörig 
auszulohnen. Das Haus Papau hatte keine einzige brauch⸗ 
bare Armbruſt?) und der Komthur von Rheden erklaͤrte: er 


1) Schr. des HM. an Danzig, d. Preuſſ. Mark am T. Domi⸗ 
nici 1453 bei Schätz p. 182. 

2) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Dienſt. vor Vincula Petri 
1453. Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Dienſt. nach Dominici 
1453. Schr. des Ord. Marſchalls „ d. Koͤnigsb. am T. Sixti 
1453. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Ciriaci 1453 Schr. 
des Pflegers v. Papau, d. Sonnab. vor Weihnacht. 1453 Schbl. 
LXXVIII. 118. 123. 136. 142. 154. 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Ciriaci 1453 Schhl. 


Drohende Bewegungen im Lande. (1453.) 311 


könne fi) bei feiner ſchwachen Beſatzung auf keinen ſeiner 
Diener mehr verlaſſen; um nicht von ihnen noch mehr als 
von den Feinden ſelbſt zu befürchten, muͤſſe er fie alle ſchwöͤ⸗ 
ren laſſen und wer dieß nicht wolle, aus der Burg verweiſen.“ 

Mit jedem Tage nun drohte der Sturm gefahrvoller, 
wurden die Leidenſchaſten ungezügelter, die Verhetzungen gehaͤſ⸗ 
figer, die Verunglimpfungen immer bitterer, fo daß der Meiſter 
gebieten mußte, wer fortan den Orden der Theilnahme an der 
Niederlage der Bundesgeſandten, boͤswilliger Plane bei Anz 
werbung fremder Soldtruppen u. dgl. beſchuldige, folle verhaf⸗ 
tet und ihm eingeliefert werden.“ Noch wilder wurden die 
Bewegungen, als auf ſeinen Beſehl die Komthure die erwaͤhn⸗ 
ten Zeugniſſe und Dokumente über die falſchen Angaben und 
die Ablaͤugnung der Bundesgeſandten in Betreff des angeb⸗ 
lichen kaiſerl. Beſtaͤtigungsbriefes in allen Gebieten und Staͤd⸗ 
ten bekannt machten. Die Bundeshaͤupter und Eidechſen⸗ 
Ritter boten jetzt alle Mittel auf, ihrer Behauptung Glauben 
zu verſchaffen, erklaͤrend: der Kaiſer koͤnne keine Unwahrheit 
ſagen, alles ſeyen nur „trockene Teidingen,“ die Bundesge⸗ 
ſandten Eönnten fo etwas unmoͤglich geläugnet haben.)“ Am 
meiſten traf die Erbitterung und der Haß der Bundeshaͤupter 
den Biſchof von Ermland und den Oberſtſpittler, ſo daß einige 
ſogar den Plan gefaßt haben ſollten, ihnen bei ihrer Rückkehr 


LXXVIII. 142. Der Komthur giebt ſchon um dieſe Zeit alle Kofi: 
nung auf, das Haus Thorn in dieſem Zuſtande gegen die Stadt ver⸗ 
theidigen zu koͤnnen. 


1) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. am T. Transfigurat. Do⸗ 
mini 1433 Schbl. LXXVIII. 156. Schr. des Ordensritters Heinrich 
v. Pfolſpent an d. HM. d. Rheden Samſtag nach Laurent. 1453 
Schbl. LXXVIII. 97; er giebt von der Bewehrung des Hauſes Rh: 
den die troſtloſeſte Schilderung. 


2) Schr. des Hauskomthurs v. Elbing, d. Dienſt. vor Vincula 
Petri 1453 Schbl. XXIII. 39. 

3) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Dienſt. vor Vincula Petri 
1453 Schbl. LXXVIII. 118. 


312 Tagfahrt der Verblindeten in Graudenz. (1453.) 


in Groß- Polen auflauern, fie dort überfallen und ermorden 
zu laſſen, um ſich zugleich aller ihrer Schriften zu bemächtigen. D 

So nahte der Tag zu Graudenz. Daß dort wichtige 
Plane und Beſchluͤſſe gefaßt und irgend etwas Entſcheidendes 
ins Werk geſetzt werden ſolle, ſchloß man ſchon aus dem ſtren⸗ 
gen Gebote: jedes Bundesglied ſolle bei Vermeidung nachdruͤck⸗ 
lichſter Strafen entweder ſelbſt oder durch Bevollmaͤchtigte all⸗ 
da erfeheinen.? Es ging das Geruͤcht, die Bundesverwandten 
wuͤrden von dort aus dem Orden die Huldigung aufſagen, die 
aus dem Bunde ausgetretenen Ritter und Staͤdte mit Macht 
uͤberfallen und damit aus Haß gegen den Biſchof von Erm⸗ 
land im Gebiete von Heilsberg den Anfang machen.?) Der 
Meiſter erließ daher an das Domkapitel die Warnung, die 
Burgen in Ermland, beſonders Allenſtein in guter Obhut zu 
halten.) Die Bewehrung der Ordensburgen ward ohne Raſt 
Tag und Nacht fortgeſetzt. Zur Bemannung Koͤnigsbergs 
und der naͤchſten Haͤuſer berief der Ordensmarſchall bewaffnete 
Huͤlfe aus Livland.?) Selbſt das Heiligthum S. Barbara's 
hielt man auf Althaus nicht mehr fuͤr ſicher und rieth dem 
Meiſter, es nach Marienburg oder in die feſtere Burg zu 
Graudenz bringen zu laſſen. ® 

1) Schr. des Pflegers v. Neidenburg, d. Mont. nach Dominici 
1453 Schbl. LXXVIII. 92. Die Nachricht von dem erwaͤhnten Plane 
batte der Landrichter des Oſterodiſchen Gebietes dem Bannerfuͤhrer Kas⸗ 
par Matern und dieſer dem Pfleger mitgetheilt. 

2) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Mont. vor Stephani 
1453 Schbl. XXIII. 36. Es war geboten, auf der Tagfahrt zu er⸗ 
ſcheinen „bey leybe, bey gute, bey Kue, bey pferde und werde, und wer 
dahin nicht komme, der ſal leib und gut vorfallen ſeyn.“ 

3) Schr. des Hauskomthurs v. Koͤnigsberg, d. am T. Dominici 
1453 Schbl. LVII. 34. 

4) Schr. des HM. an den Dompropſt Arnold v. Datteln, d. 
Dollſtaͤdt am Abend Laurent. 1453 Schbl. LXXVIII. 52. 

5) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigsb. am T. Sixti 1453 
Schbl. LXXVII. 135. 136, 

6) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Sonnab. nach Laurentii 
1453. Schbl. LXXVIII. 129. Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schoͤnſce 
am T. Laurent. 1433 Schbl. LXXVIII. 109, 


Tagfahrt der Verbündeten in Graudenz. (1453.) 313 


Alles, was buͤndiſch hieß, ſtroͤmte nun nach Graudenz 
hin, wo am S. Lorenz = Tage (am zehnten Auguſt) die Tag⸗ 
fahrt eröffnet ward. Sie war aͤußerſt zahlreich, unter den 
Häuptern des Bundes die Eidechſen⸗ Ritter Hans von Cze⸗ 
genberg, Auguſtin von der Schewe, Jon von Eichholz, Nico: 
laus von Tergowitz, Michael von Buchwalde, Stibor von Bai⸗ 
ſen u. a. Der Komthur von Graudenz war vom Meiſter be⸗ 
auftragt, theils alles, was dort verhandelt werde, aufs genauſte 
auszuforſchen, was ihm jedoch bei der Geheimhaltung der Be⸗ 
rathungen ſehr ſchwer wurde, theils den Verſammelten in des 
Meiſters Namen gewiſſe Erklaͤrungen vorzulegen, die er in 
Betreff der Nüftung und Bewehrung der Ordensburgen bereits 
den Danzigern und andern Verbuͤndeten zugefandt, ) in denen 
er aber auch die Wahrheit des von den Ordensgeſandten zu 
Wien eingeſandten urkundlichen Berichtes über die Ablaͤugnung 
des kaiſ. Beſtaͤtigungsbriefes zu erweiſen und zu erhaͤrten 
ſuchte, da, wie bereits erwaͤhnt, bei der öffentlichen Bekannt⸗ 
machung die Aechtheit dieſer Erklärung hie und da in Zweifel 
gezogen worden war.) Es gingen mehre Tage unter man⸗ 
cherlei Verhandlungen hin.?) Darauf begab ſich eine zahl⸗ 
reiche Geſandtſchaft nach Marienburg, dem Hochmeiſter theils 
vorzuſtellen, daß Landen und Staͤdten von den von ihm bei 
der Huldigung gegebenen Zuſagen wegen Aufrechthaltung ihrer 
Privilegien und Freiheiten, wegen Schutz gegen Gewalt und 
Unrecht, wegen des jährlichen Richttages u. ſ. w. noch durch⸗ 
aus nichts gehalten und erfuͤllt ſey, theils ſich daruͤber nach⸗ 
drüͤcklichſt zu beſchweren, daß fie ſelbſt während des obſchwe⸗ 
benden Rechtstages am Kaiſerhofe von den Gebietigern und 
Ordensbeamten fort und fort an Ehre und Glimpf beleidigt, 
außer Landes gelaͤſtert, der Untreue und Falſchheit beſchuldigt, 
Eidgenoſſen und Buͤndner geſcholten und Fuͤrſten und Herren 


1) Der Inhalt, wie ihn der Fol. A. 165 mittheilt, iſt der naͤm⸗ 
liche, wie in dem Schr. an die Danziger bei Schütz P. 182. 

2) Fol. A. 164 — 165. 

3) Ueber die Verhandlungen an dieſen Tagen Mser. über den 
Preuſſ. Bund B. Auszug in der Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 127. 


314 Tagfahrt der Verbündeten in Graudenz. (1453.) 


dadurch gegen ſie erbittert wuͤrden. Solche Laͤſterungen ſeyen 
ohne Zweifel auch der Anlaß zur Niederlegung ihrer Geſand⸗ 
ten in Mähren. Der Meiſter, klagten fie ferner, laſſe, wie 
der Komthur von Graudenz ihnen angezeigt, ſeine Burgen be⸗ 
wehren, angeblich dem Orden und dem Lande zum Beſten; 
das moͤge man abſtellen, es zeuge nur von großem Mißtrauen 
gegen ſie, die ſolches um den Orden nicht verdient. Suche 
jemand beim Meiſter oder ſeinen Gebietigern Recht in ſeiner 
Sache, ſo werde er unter Spott und Hohn an den Kaiſer 
und an die Bundesherren gewieſen. Der Hochmeiſter aber 
wies in ſeiner Antwort auf dieſe Klagen die meiſten als nich⸗ 
tig und grundlos zuruͤck. Da trat endlich Stibor von Baiſen 
mit der Forderung hervor: der Meiſter ſollte ihnen den Mann 
nennen, der ihm die Nachricht zugebracht, daß Lande und 
Staͤdte den Koͤnig von Polen zu ihrem Herrn aufgenommen 
haͤtten oder doch aufnehmen wollten, daß die Bundesſtaͤdte die 
Ritterſchaft mit Geld unterflügt, damit fie Harniſch und Roſſe 
kaufen, mit ihnen aber auch treu am Bunde feſthalten moͤchten, 
daß fie die Ordensburgen beſtuͤrmen und einnehmen und die 
ſie nicht gewinnen koͤnnten, mit Feuer vernichten und endlich 
mit Kriegsmacht ins Feld ruͤcken und dem Orden den Huldi⸗ 
gungseid auffagen wollten. Der Hochmeiſter indeß erwiederte 
bloß: er habe das alles durchs Geruͤcht erfahren. So kehrte 
die Geſandtſchaſt unbefriedigt zuruͤck. “) 

So weit die oͤffentlichen Verhandlungen, ſo viel wir ſie 
kennen. Die Tagfahrt ward jedoch auch noch in anderer Hin⸗ 
ſicht von Wichtigkeit. Bei der großen Zahl der auf den ge⸗ 
meinen Tagfahrten verſammelten Bundesglieder war es bisher 
unmöglich geweſen, die Berathungen, Beſchluͤſſe, Vorſchlaͤge 
und Meinungen, die zur Sprache kamen, immer ſo geheim zu 
halten, als es das Intereſſe des Bundes oſt erforderte. Die 
erwaͤhnte Anfrage Stibors von Baiſen an den Meiſter war 


1) Die Berichte uͤber dieſe Verhandlungen in mehren Abſchriften 
Schbl. LXXVIII. 62 (a). 73. 116. 134. Die Antwort des HM. ebend. 
13. Fol. A, 165 — 166. Schütz p. 182. 


Tagfahrt der Verbündeten in Graudenz. (1453.) 315 


ein neuer Beweis, wie vieles von den geheimen Unterhand⸗ 
lungen des Bundes dem Orden ſchon bekannt geworden. 
Man hatte ferner ſchon im Verlaufe dieſes ganzen Jahres das 
dringende Beduͤrfniß gefuͤhlt, die Hauptleitung der wichtigſten 
Bundesangelegenheiten, zumal bei den oſt ſchnell zu faſſenden 
Befchlüffen einer kleinern auserwaͤhlten Zahl von Bundes⸗ 
haͤuptern anzuvertrauen und es war bereits bisher auch das 
Wichtigſte in der Bundesſache immer im Kreiſe dieſer geringern 
Zahl von Bundesoberſten berathen und geleitet worden. Da 
cs indeß bis jetzt daruͤber an eigentlich feſten Beſtimmungen 
gefehlt, fo ward auf dicſer Tagfahrt der Beſchluß gefaßt: es 
ſolle hinfort die Hauptleitung aller Bundesſachen, „damit nicht 
alles durch den gemeinen Haufen verhandelt werden dürfe,” 
einem geheimen Ausſchuſſe von Bundesgliedern, den man „den 
engen Rath oder den heimlichen oder geheimſten Rath,“ die Ael⸗ 
teſten oder Oberſten des Bundes nannte, übertragen und in ſeine 
Zahl die angeſehenſten und wichtigſten Männer und die eiſrigſten 
Verfechter des Bundes erwählt werden. Ihrer waren zehn bis 
zwoͤlf und unter ihnen die Eidechſen-Ritter Hans von Czegenberg, 
Gabriel und Stibor von Baiſen, Auguſtin von der Schewe, 
Thielemann von Wege, Jon von Eichholz.“ Auch Hans von 
Baiſen ward bald nach ſeiner Ruͤckkehr von Breslau in ihre 
Zahl aufgenommen, denn dieſer wichtige Mann, obgleich eine 
Zeitlang aus Kraͤnklichkeit meiſt unthaͤtig, aber bis zu ſeiner 
Reiſe nach Schleſien als Mitglied des engern Rathes des 
Hochmeiſters immer noch am Orden feſthaltend, war jetzt ſchon 
entſchieden der Sache des Bundes zugethan und trat nun auch 


1) Was hier uͤber den engern Bundesrath geſagt iſt und inwie⸗ 
fern die Nachrichten darüber bei Schätz p. 175 — 176 mit den zuver⸗ 
laͤſigen Archivs⸗ Quellen zu vereinigen find, iſt genauer in Voigt 
Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 131 — 133 nachgewieſen, weshalb hier 
eine weitere Auseinanderſetzung überflüffig ſcheint. Schr. des Muͤnz⸗ 
meiſters v. Thorn, d. Mittw. nach Pfingſt. 1453 Schbl. LII. 6. 
Schr. des Ord. Marfhaus, d. Koͤnigsb. Donnerſt. nach Barnabä 
1453 Schbl. LXXVIII. 43 beftätigen die a. a. O. gegebene Anſicht 
der Sache. Hiernach iſt nicht alles richtig, was Kotzebue B. IV. 
127 von dem heimlichen Rathe ſagt. 


316 Ausbruͤche der Parteiwuth. (1453.) 


in die Geſellſchaft der Eidechſen-Ritter ein. Er konnte nicht 
mehr ſtehen bleiben, wo er bisher geſtanden hatte. Schon 
vor ſeiner Entfernung aus dem Lande fuͤhlte er ſich vom 
Meiſter viel zu ſehr zuruͤckgeſetzt, ſah feinen Rath viel zu wenig 
beachtet, die Macht des Ordens ſchon viel zu tief geſunken und 
geſchwaͤcht, als daß er Muth hätte behalten koͤnnen, fur deſſen 
Sache ferner noch zu wirken. Gleichguͤltig und theilnahmlos 
durfte und konnte er nicht daſtehen in dem Sturme, wo jeder 
betheiligt war. Er ergriff jetzt das Intereſſe des Bundes, 
denn er fuͤhlte, ſeine Kraft gehoͤre mehr dem Lande, als dem 
hinſinkenden Orden an.“) 

Der Meiſter vermuthete aber ſelbſt, daß ſeine Verhand⸗ 
lung mit den Verbündeten auf fie nicht den guͤnſtigſten Ein⸗ 
druck gemacht. Die Komthure wurden daher beauftragt, alles 
was vom Erfolge der Tagfahrt zu erfahren ſey, aufs genauſte 
auszuſorſchen. Allein ihre Berichte waren nichts minder als 
erfreulich, denn alles nahm ſchon mehr und mehr eine kriege⸗ 
riſche Wendung. Der Umſtand, daß der Meiſter das Geſuch 
wegen Abſtellung der Bewehrung der Ordensburgen nicht nur 
zuruͤckgewieſen, ſondern vielmehr die Wehranſtalten und die 
Verſorgung der Burgen mit Eifer und Eile fortſetzen ließ, 


1) Es iſt durchaus unrichtig, wenn Baczko B. III. 248 und 
Kotzebue an mehren Stellen annehmen, Hans von Baiſen habe ſchon 
lange vor dem J. 1453 auf der Seite des Bundes geſtanden und ſey 
nur zuweilen vom HM. wieder fuͤr die Sache des Ordens gewonnen 
worden; daher es Baczko a. a. O. auch ſchwer findet, Hanſens von 
Baiſen plan zu durchſchauen. Keineswegs! Hans v. Baiſen fand 
bis in den Anfang und einen Theil des Jahres 1453 immer noch auf 
der Seite des Ordens; das weiſen ſeine und des Hochmeiſters Briefe 
unwiderleglich aus. Erſt waͤhrend oder nach ſeiner Anweſenheit in 
Breslau im J. 1453 tritt er entſchieden zur Sache des Bundes uͤber 
und wird nun auch Eidechſen- Ritter; |. Geſch. der Eidechſ-Geſellſch. 
S. 70 — 73. Seitdem wird er auch den Ordensgebietigern verdaͤchtig. 
Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am Vorfeſte Viſit. Maria 1453 
Schbl LXXVIII. 103, wo berichtet wird, daß Hans von Baiſen den 
Orden bei „dem andaͤchtigen Manne zu Breslau“ (Johann von Ca⸗ 
piſtrano !) ſehr verunglimpft haben ſolle. 


Ausbrüche der Parteiwuth. (1453.) 317 


brachte Angſt und Schrecken durchs ganze Land, denn nun 
ſchien es unzweifelhaft, daß der Orden auf Zwang und Ge⸗ 
walt denke.!) Wohlgeſinnte riethen dem Hochmeiſter, er moͤge 
den unheilvollen Geiſt des Mißtrauens moͤglichſt zu beſchwich⸗ 
tigen ſuchen, und manche Staͤdte ließen ſich auch beruhigen 
und erklaͤrten, dem Orden auch ferner dienſtwillig und gehor⸗ 
ſam bleiben zu wollen, fo Schwez, Graudenz, Preuſſiſch⸗Mark, 
Stargard u. m. a. Anders aber in den großen Bundes⸗ 
ſtaͤdten. In Königsberg drohte man dem Ordensmarſchall 
ſchon mit entſchiedener Gegenwehr, ſofern der Meiſter irgend 
etwas Feindliches beginne.) In Elbing arbeitete man zum 
Schutze der Stadt mit groͤßter Thaͤtigkeit an ſtarken Boll⸗ und 
Treibwerken, bewehrte die Thuͤrme mit Buͤchſen und der Rath 
erklaͤrte dem Hauskomthur geradezu: man werde die Wehran⸗ 
ſtalten fortſetzen, ſo lange dieß auch auf der Burg geſchehe. “ 
Der Meiſter fandte zwar bald darauf den Treßler, um die 
Bürger zu beruhigen; da man indeß die Bewehrung der Burg 
gegen die Seite der Stadt hin immer noch fortſetzen und das 
ſchwere Geſchütz gerade gegen die Stadt richten ſah, fo gerieth 
das Volk in ſo wilde Bewegung, daß es kaum noch von Ge⸗ 
waltſchritten zurückzuhalten war und der Rath den Meiſter 
aufs dringendſte um Einſtellung der Ruͤſtungen erſuchen mußte, 
wenn nicht ein fürmlicher Aufruhr entſtehen follte. ® 


1) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Sonnt. nach Aſſumt. Ma⸗ 
rid 1453 Schbl. LXXVIII. 138. 

2) Schr. des Pferdemarſchalls v. Leſke, d. Schwez Sonnab. nach 
Laurent. 1453. Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Sonnab. nach Lau⸗ 
rent. 1453 Schr. des Hauskomthurs v. Preuſſ. Mark, d. Sonnab. 
nach Laurent. 1453. Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. am T. 
Aſſumt Mariä 1453 Schbl. LXXVIII. 127. 82. 123. 72 

3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigsd. am T. Hippolyti 
1453 Schbl. LXXVIII. 115. 

4) Schr. des Hauskomthurs v. Elbing, d. Sonnab. nach Laurent. 
1453 und Freit. nach Aſſumt. Maria Schbl. LXXVIII. 40. 154, 
LIV. 7. 

5) Schr. des Rathes v. Elbing an den HM. d. Mont. vor Bar: 
tholen, 1453 Schbl. LXXVIII. 139. a 


318 Ausbruͤche der Parteiwuth. (1453.) 


Noch wilder war die Gaͤhrung im Kulmerlande. In 
Thorn gab ein in der S. Lorenz Nacht in der Altſtadt aus⸗ 
brechendes Feuer Anlaß zu einem allgemeinen Volksaufſtand 
in beiden Staͤdten. Man ſtuͤrmte vor die Burg und die Or⸗ 
densmuͤnze; ſelbſt ein Theil des Rathes und der Schoͤppen 
nahmen daran Antheil und brachen gegen den Hochmeiſter in 
die aͤrgſten Scheltworte und Schmaͤhungen aus, vorgebend, er 
habe die Stadt durch Verraͤtherei uͤberfallen wollen. Gegen 
den dortigen Münzmeiſter fand die Volkswuth kaum eine 
Graͤnze; er mußte aus der Muͤnze auf die Burg fluͤchten, 
weil man ihn ſeines Spionirens und Schmaͤhens wegen in 
der Stadt nicht mehr dulden wollte.) Hundert Bewaffnete 
hielten die ganze Nacht die Burg und Muͤnze beſetzt. Am 
andern Tage mußte der Rath aus der Neuſtadt mit allen 
aus dem Bunde Ausgetretenen Zuflucht auf der Burg ſuchen, 
um ſich gegen einen drohenden Ueberfall aus der Altſtadt zu 
retten, denn das Volk hatte dort ſtuͤrmend das Rathhaus 
umlagert und vom Buͤrgermeiſter Harniſch, Geſchoß und Pul⸗ 
ver gefordert. Auf des Komthurs ernſtlichſte Warnung an den 
Rath wurde aus dieſem und der Gemeine ein Ausſchuß von 
ſechzehn Maͤnnern ernannt, welcher das Geſchoß in Obhut 
nehmen und jeden aufs ſtrengſte beſtrafen ſollte, der die Ruhe 
der Stadt irgendwie durch Wort oder That fernerhin ſtoͤren 
wurde. So ward der Aufruhr zwar wieder geſtillt; überall 
aber herrſchte Angſt und Bangigkeit vor Raub und Brand 
des Poͤbels und jeder, der etwas zu verlieren hatte, fluͤchtete 
mit dem Seinigen, wohin er konnte.) Die Burg zu Thorn 
aber war auch jetzt noch ſo wenig mit Lebensmitteln, Harniſch 
und andern Beduͤrfniſſen zur Vertheidigung verfehen, daß der 


1) ueber das Schimpfen und Schelten des Muͤnzmeiſters gegen 
den Rath v. Thorn und die Bundeshaͤupter ſ. Thorner Copiebuch p. 
155 — 156. 

2) Schr. des Muͤnzmeiſters v. Thorn, d. Sonnt. vor Aſſumt. 
Mariaͤ 1453 Schbl. LII. 34. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am 
T. Hippolyti 1453 Schbl. LXXVIII. 150. Geſch. der Eidechſ. Geſell⸗ 
{haft S. 134— 135. 


Ausbrüche der Parteiwuth. (1453.) 319 


Komthur fort und fort aufs dringendſte um Huͤlfe flehen 
mußte.) Gleich frechen Uebermuth bewies auch ein großer Theil 
der Kulmiſchen Ritterſchaft. Der trotzige Bundesritter von 
Beyerſee, der auf dem Tage zu Graudenz es durchaus hatte 
durchſetzen wollen, daß man dem Hochmeiſter den Huldigungs⸗ 
eid aufkümdigen ſolle, ſcheute ſich nicht, oͤffentlich die Drohung 
auszuſprechen: er wolle Habe und Gut daran ſetzen, daß der 
Meiſter nicht ein Jahr mehr uͤberleben ſolle. Faſt kein Tag 
ging mehr vorüber, an dem nicht irgend ein kühnes Wagſtück 
oder gefahrdrohende Nachrichten neue Angſt und Beſorgniß 
erregten. So ſprengten eines Abends, nachdem Hans von 
Czegenberg den Vogt von Roggenhauſen durch allerlei friedliche 
Worte zur Entlaſſung ſeiner Burgmannſchaft zu bewegen ge⸗ 
ſucht, plötzlich einige zwanzig Neifige gegen des letztern Burg 
an, ſchoſſen auf das Burgvolk und wuͤrden das Thor erſtuͤrmt 
haben, wäre der Vogt nicht auf feiner Huth geweſen.) Aus 
dem Kulmerlande erhielt der Meiſter die Nachricht: der Koͤnig 
von Polen ruͤſte mit Macht zum Kriege; der Polniſche Haupt⸗ 
mann Scherlenski habe bereits den Verbuͤndeten viertauſend 
Reiter zu Huͤlfe verſprochen und auch vom Biſchofe von Po⸗ 
fen ſey ihnen Beiſtand zugeſagt.) Geſchreckt durch dieſes ſich 
immer wilder auſthuͤrmende Gewitter hatte der Meiſter dem 
Vogt der Neumark ſchon den Befehl ertheilt, ſich mit ſeiner 
Mannſchaft jeden Tag fertig zu halten, um beim erſten Gebote 
nach Preuſſen aufzubrechen; ſelbſt mit dem Kurfuͤrſten von 
Brandenburg waren wegen Huͤlſsvolkes Unterhandlungen an⸗ 
geknuͤpft. 

1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mittw. vor Bartholom. 
1453. Schbl. LIT. 58, vgl. LXXVIII. 150. 

2) Schr. des Pfiegers v. Papau, d. Sonnt. nach Laurent. 1453 
Schbl. LXIX. 2. Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. Sonnt. nach 
Laurent. 1453. 

3) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. am T. Hippolytl 1453. 
Schbl. LXXVIII. 52. 

4) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Sonnab. nach Laurent. 
1453. Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. Dienft. nach Aſſumt. Ma⸗ 
rid 1453 Schbl. LXXVIII. 171. 89, Schütz b. 188. 


320 Ausbruͤche der Parteiwuth. (1453.) 


Das wußte aber auch ſchon der Bundesrath.) Um fo 
nothwendiger ſchien es ihm jetzt, den ſchon auf dem Tage zu 
Graudenz eingeleiteten Plan zu beſchleunigen, die Ritterſchaft 
und Staͤdte der Niederlande, die bisher am Bundesintereſſe 
noch weniger Theil genommen, allgemeiner fuͤr daſſelbe zu ge⸗ 
winnen. Es ward deshalb eine Tagfahrt zu Braunsberg ver⸗ 
anſtaltet, wo im Auftrage der Kulmiſchen Ritterſchaft der Ei⸗ 
dechſen⸗Ritter Michael von Buchwalde und mehre andere Be⸗ 
vollmächtigte des Bundesrathes erſchienen, um eine engere 
Verbindung zu bewirken. Zwar ward dieſer Zweck keineswegs ſo, 
wie man gewuͤnſcht, erreicht, denn der Ordensmarſchall und 
die Komthure von Balga und Brandenburg hatten die angeſe⸗ 
henſten Maͤnner ihrer Gebiete dahin zu bewegen gewußt die 
Tagfahrt nicht zu beſuchen, ſo daß namentlich aus Samland 
niemand dort zugegen war. Indeß die dort Verſammelten 
fagten doch faft alle dem Bunde Theilnahme zu ? und daß fie 
auch bald fuͤr deſſen Sache thaͤtig wirkten, bewies das von 
mehren kleinen Staͤdten des Niederlandes ausgehende Beſtreben, 
das Landvolk beſonders die Preuſſen auf dem platten Lande 
durch das Vorgeben gegen den Orden aufzuhetzen, daß der 
Hochmeiſter im Lande die Acciſe einfuͤhren und Zins und 
Schaarwerk noch erhoͤhen wolle. Die Wirkung dieſer Aufwie⸗ 
gelungen fehlte nicht, denn wie im Balgaiſchen Gebiete zeigte 
ſich bald mehr und mehr auch anderwaͤrts eine immer zuneh⸗ 
mende Annaͤherung der ehrbaren Leute zur Bundesſache. Es 
ſchlichen Bundesglieder von Stadt zu Stadt, von Dorf zu 
Dorf, um zu Theilnahme anzulocken, ſo daß die Komthure 


1) Schr. des Vogts der Neumark, d. Landsberg Donnerſt. nach 
Aſſumt. Maria 1453 und Soldin Sonnt. Calixti; Schr. des 
Komthurs v. Thorn, d. Freit. nach Aſſumt. Maria 1453 Schl. 
LXXVIII. 46. 78. 103. 

2) Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. Kreuzburg Mittw. 
vor Barthol. 1453. Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigsb. Abend 
Bartbol. 1453 Schbl. LXXVIII. 143. 110. 48. Schr. des Propſtes 
v. Frauenburg an d. HM. d. Sonnt. nach Barthol. 1453. Schr. des 
Hauskomthurs v. Balga, d. Mont. nach Barthol. 1453 Schbl. XV. 32. 


Hans von Baifen als Bundeshaupt. (1253.) 321 


alle Mittel aufbieten mußten, um den aufwachenden gefaͤhrli⸗ 
chen Geift im Volke niederzuhalten. 

Gerne haͤtten die Bundeshaͤupter jetzt auch ihre Ver⸗ 
bindung mit dem Koͤnige von Polen noch enger geknuͤpft, 
denn wie der Hochmeiſter den Treßler, ſo ſandten ſie den ge⸗ 
gen den Orden ſo heftig erbitterten Ritter von Beyerſee zum 
Könige, um ſich deſſen Beiſtand noch ſeſter zu verſichern. Al⸗ 
lein fo geneigt dieſer der Bundesſache auch ſchon ſeyn mochte, 
ſo gab er dem Treßler doch eine begütigende Antwort, denn 
offen durfte er ſich noch für keine Partei erklären, da feine 
Verhaͤltniſſe in Littauen, wo die Großen des Landes ſich der 
unmittelbaren Unterthaͤnigkeit unter der Krone entſchlagen und 
ihren eigenen Großfurſten haben wollten, immer noch ſehr be⸗ 
denklich waren.“) Sie fandten ſogar eine Klagbeſchwerde uͤber 
den Koͤnig an den Hochmeiſter, der ihnen zwar ſeine Theil⸗ 
nahme und ſelbſt auch ſeine bereitwillige Mithuͤlfe zur Veraͤn⸗ 
derung ihrer Verhaͤltniſſe zum Könige zuſicherte, jedoch ohne 
dieſen dabei irgendwie zu verletzen. 

Mittlerweile aber war Hans von Baiſen, von Breslau 
nach Thorn zurückgekehrt, ſeit kurzem an die Spitze des Bun⸗ 
des getreten. Hans von Czegenberg hatte fich in der letztern 
Zeit, wenn auch keineswegs vom Bunde ganz getrennt, fo 
doch von der oberſten Leitung der Bundesangelegenheiten mehr 
und mehr zurückgezogen. Wie es ſcheint, hatte er ſchon laͤngſt in 
feinen Entſchluͤſſen geſchwankt. Wohl mochten ſich ihm auf der Hö⸗ 
he, auf die er unter dem Sturme der wilden Volksbewegungen 


1) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Pellen Freit. vor Aegidii 
1453 Schbl. LXXVIII. 117. 

2) Schr. des Treßlers, d. Klobia (in der Nähe von Brzeſc) Sonnt. 
nach Nativit. Mariä 1453 Schbl. LXXVIII. 37. 

3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigsb. Mont. nach Nativit. 
Mariä 1453 Schbl. XXVI. 52. 

4) Das Anbringen der Litthauiſ. Sendboten an den HM. und 
deſſen Antwort am Sonnab. nach Kreuz⸗Erhoͤh. 1453 Schbl. LXXVIII. 
140. Die Litthauer ſuchten offenbar eine Annaͤherung an den Orden, 
da „man ſie von Polen aus zu Leibeigenen machen wolle.“ 

VIII. 21 


322 Hans von Baiſen als Bundeshaupt. (1453.) 


emporgeſtiegen war, bange Zweifel erheben, ob und wie die 
hochgeſteigerte Spannung und Gaͤhrung der Gemuͤther ſich noch 
ohne Mord und Blut und ohne die Graͤuel eines offenen Buͤr⸗ 
gerkrieges werde loͤſen koͤnnen; es ift moͤglich, daß auch die 
letzten wilden Ereigniſſe im Kulmerlande maͤchtig auf ihn ein⸗ 
gewirkt oder vielleicht auch ſeine eigene Taͤuſchung uͤber den 
kaiſerl. Beſtaͤtigungsbrief ihn irre gemacht und bewogen habe, 
als Bundeshaupt vom Schauplatze der Ereigniſſe mehr und 
mehr zuruͤckzutreten. So übernahm jetzt Hans von Baiſen, 
der bisher immer noch einen Gehalt von hundert Mark aus 
der hochmeiſterlichen Kammer gezogen und ſich auch jetzt noch 
des Hochmeiſters Rathsgeſchworener nannte,? die oberſte Lei⸗ 
tung der Bundesſache. Da ward auf ſeinen Rath in einer 
Bundesverſammlung zu Thorn der Beſchluß gefaßt: man 
wolle, bevor man weitere Schritte wage, dem Hochmeiſter noch 
einmal die auf dem Tage zu Graudenz zuſammengefaßten Lan⸗ 
desbeſchwerden vorlegen und nochmals dringend um Abhülfe 
bitten.) Es fand eine Tagfahrt in der Mitte des Septem⸗ 


1) Es laͤßt ſich über die Urſachen des Zuruͤcktretens Hanſens v. Cze⸗ 
genberg nicht ganz zur Gewißheit kommen, wie ſchon in der Geſch. der 
Eidechſ. Geſellſch. S. 146 angedeutet iſt. In einem Schr. des Komthurs 
von Rheden an d. HM. d. am T. Transfigurat. Domini 1453 Schbl. 
LXXVIII. 156 meldet dieſer: Hans v. Czegenberg habe zu des Kom⸗ 
thurs. Dienern geäußert: wuͤrden die Dinge zu arg werden, fo wolle 
er nirgend anderswohin als nach Rheden aufs Haus, wo er auch vor⸗ 
mals wohl gelegen habe. Der Komthur fragt beim HM. an, ob er 
ihm oder andern Bundesherren wohl Zuflucht auf dem Haufe gönnen 
ſolle. Wir haben aus denſelben Tagen auch noch ein Notariatsinſtru⸗ 
ment, worin bezeugt wird, daß Hans v. Czegenberg auf die Frage 
des Vogts v. Roggenhauſen: ob der Bund vom Kaiſer beftätigt ſey? 
in Gegenwart mehrer Zeugen bejahend geantwortet und erklart habe, 
daß er die Beſtaͤtigungsurkunde in Thorn ſelbſt geſehen und geleſen 
habe; d. Roggenhauſen 5 Aug. 1453 Schbl. XIV. 18. 19. 

2) Der Komthur v. Elbing trägt erſt im Decemb, 1453 darauf 
an, die hundert Mark dem Hans v. Baiſen nicht mehr zu zahlen, da 
er ſich nicht mehr „als gehuldeter Mann und geſchworener Rath“ be⸗ 
weiſe; Schbl. XLVI. 23. 

3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Waldau Mont. nach Kreuz⸗ 


Hans von Baiſen als Bundeshaupt. (1453.) 323 


bers zu Rothenhaus Statt, nachdem kurz zuvor die beiden 
Bundesgeſandten Gabriel von Baiſen und Ramſchel von Kri⸗ 
ren vom Kaiſerhofe zuruͤckgekehrt waren. Eine Botſchaft 
von dort erklaͤrte zuerſt dem Hochmeiſter, daß die beiden Bun⸗ 
desgeſandten mit der Richtigkeit der von ihm bekannt gemach⸗ 
ten urkundlichen Erklaͤrung keineswegs einverſtanden ſeyen; 2 
dann uͤbergab ſie ihm die ſchon von Graudenz aus bei ihm 
angebrachten Landesbeſchwerden und die Geſuche wegen Ab⸗ 
ſtellung der Bewehrung der Ordenshäuſer, wegen des Ueber⸗ 
muthes der Ordensgebletiger u. ſ. w. Man beſchwerte ſich, 
daß Ordensritter auf der Jagd oft mitten durch das Getreide 
ritten, daß die Ordensbevollmaͤchtigten am Kaiſerhofe fich die 
groͤbſten Laͤſterungen und Schmaͤhungen gegen den Bund er⸗ 
laubt, daß ſich der Meiſter um Schutz und Unterſtuͤtzung des 
inlaͤndiſchen Kaufmannes ſchon Tängft nicht mehr bekuͤmmere, 
daß man mit großem Unrecht Hanſen von Baiſen beſchuldige, 
er ſey nach Breslau geſandt worden, um dort den Orden zu 
verunglimpfen. Man klagte dann aufs bitterſte uͤber den 
Münzmeiſter zu Thorn, der den Buͤrgern nur Unwillen und 
Ungemach zuziehe, die Landesbewohner mit einem neuerdachten, 
unerhörten Muͤnzrechte beſchwere und Wucher treibe, fo daß 
der Münzhammer habe niedergelegt werden muͤſſen, daß er ſich 
die freche Drohung erlaubt, er wolle den Thornern wo moͤg⸗ 
lich noch das Aergſte zufügen, ihre Abgeordnete in Stücke zer⸗ 
hauen und in Saͤcken heimtragen laſſen. Dieſer und aͤhnlicher 
Klagen wurden eine Menge vorgelegt. Des Meiſters Antwor⸗ 
ten aber waren theils die naͤmlichen, wie fruͤherhin, theils wies 
derum ausweichend, ablaͤugnend, unbefriedigend und zuruͤckwei⸗ 


Erhoͤh. 1453 Schbl. LXXVIII. 54. Er meldet: Hans v. Baiſen habe 
in Thorn offen erklaͤrt, daß er nur feiner Geſundheit, ſonſt keiner an⸗ 
dern Sache wegen in Breslau geweſen ſey. 

1) Schr. des Raths v. Thorn an den Doctor Martin Meyer, d» 
Sonnt. nach Nativit. Mariä 1453 im Nathsarchiv zu Thorn Serin, 
XVII. 43, Thorner Copiebuch p. 150. 

2) Wie auch das eben erwähnte Schreiben ausſagt; Thorner Cor 
piebuch p. 151 — 152. 

21 


324 Hans von Baifen als Bundeshaupt. (1453.) 


ſend. So hatte auch dieſe Verhandlung den boͤſen Geiſt des 
Mißtrauens und die bittere Feindſchaft nicht daͤmpfen koͤnnen; 
vielmehr man trennte fich abermals mit Groll und neuer Er⸗ 
bitterung.“ 

Es war jetzt keine Suͤhne mehr denkbar. Die durch Eu⸗ 
ropa verbreitete Prophezeiung von einer gewaltigen Umwaͤlzung 
aller Ordnung im Staate, von einbrechendem Jammer und 
Elend in allen Geſtalten und Schreckniſſen ſollte in Preuſſen 
jetzt, wie es ſchien, in Erfüllung gehen,?) denn der Würfel 
war am Kaiſerhofe geworfen. 


1) Die Verhandlungen und Antworten des HM. am Abend Kreuz⸗ 
Erhoͤh. 1453 Schbl. LXXVIII. 10. 132, Fol. A. 167 — 168. 

2) Die Prophezeiung wurde vom Kardinal S. Angeli, einem 
päpſtl. Legaten, dem Kaiſer Friederich zugeſandt; fie ſollte vom Sep⸗ 
temb. 1453 an in Erfüllung gehen; Schbl. LXII. 15. 


Rechtoſtreit vor dan Kaiſer. (145..) 325 


Drittes Kapitel. 


Am Kaiſerhofe traten am beſtimmten Gerichtstage die Ordens⸗ 
geſandten vor dem Kaiſer in des Ordens Namen mit dem 
Geſuche auf, den Bund als unnuͤtz und untauglich durchs 
Recht für unrechtmaͤßig und nichtig zu erklaͤren.) Dawider 
aber erhoben ſich die beiden Abgeordneten des Bundes Ga⸗ 
briel von Baiſen und Ramſchel von Kriren, vorſtellend: da 
des Bundes Machtboten, trotz kaiſerl. Geleites in Maͤhren 
überfallen, beraubt, zum Theil gefangen und noch mit Ver⸗ 
haft beſtrickt, zum feftgeftellten Richttage nicht hätten erſchei⸗ 
nen koͤnnen, ſo muͤßten ſie den Kaiſer um Verlängerung der 
Gerichtsfriſt erſuchen.) Die Bitte ward erfüllt; zweimal 
rückte der Kaiſer den Richttag auf Antrag der Geſandten bis 


1) Die folgende Darſtellung des Gerichtsganges am Kaiſerhofe 
hat großen Theils das kaiſerl. Document zur Quelle, welches auf des 
Kaiſers Befehl ausgefertigt und mit ſeinem Siegel beträftigt wurde. 
Mit dieſem noch verſehen befindet es ſich Schbl. 26. Naͤher beſchrie⸗ 
ben iſt es bei Kozebue B. IV. 310. Ein zweites Exemplar, ohne 
Zweifel für den Bund ausgefertigt, auf 34 Pergamentblättern und 
gleichfalls mit dem großen kaiſerl. Majeſtätsſiegel verſehen bewahrt 
das Rathsarchiv zu Thorn. Ein Auszug daraus in den Preuſſ. Samml. 
B. II. S. 464. Da auch Kotzebue B. IV. 130 ff. einen ſolchen 
in ziemlicher Ausführlichkeit gegeben, To dürfen wir uns hier kurzer 
faſſen und nur auf das Weſentliche befchränfen 

2) Kaiſerl. rk. . 1—3 Runau Historia des dreizehnjäͤhr. Kriegs, 
Vorrede p. 19. Schütz p. 180 — 181. 


326 Rechtsſtrelt vor dem Kaiſer. 1453.) 


auf den 23ſten Juli hinaus. Mittlerweile erfreuten ſich die 
Ordensgeſandten manches Beweiſes kaiſerlicher Gewogenheit. 
An einem Freudenfeſte zu Ehren der Kaiſerin war es Sander 
von Baiſen auf Thierberg, dem der Kaiſer ein ſchoͤnes Edel⸗ 
fraͤulein zufuͤhren ließ, um vor dem Kaiſerpalaſte um ein gro⸗ 
ßes Freudenfeuer den Vorreihen zu tanzen.) Man nahm 
dieß fir um fo wichtiger, je mehr die Bundesgeſandten den 
Orden aufs heftigſte zu ſchmaͤhen und zu verlaͤſtern bemüht 
waren. Es trat uͤberhaupt trotz dem am Kaiſerhofe, vorzuͤglich 
durch das kraftige Wort des kenntnißreichen und beredten Prop⸗ 
ſtes zu Wetzlar, Doctor Knorr? überall geltend gemacht, eine 
fuͤr den Orden ſehr guͤnſtige Meinung hervor und es wirkte 
ſelbſt zu deſſen Gunſten, daß die Ordensbevollmaͤchtigten ſich 
mit allem Eifer der Freilaſſung der gefangenen Bundesgeſand⸗ 
ten annahmen.?) Die auch beim Kaiſer angebrachte Beſchul⸗ 
digung des Ordens wegen Theilnahme an der veruͤbten Fre⸗ 
velthat widerlegte der Biſchof von Ermland am beſten durch 
die von ihm ſelbſt bewirkte Sendung des Landkomthurs von 
Oeſterreich und Sanders von Baiſen an den Koͤnig Ladislaus 
von Ungern mit der Bitte, den Ritter von Miltitz zum Ver⸗ 
hoͤre vorladen und den wahren Thatbeſtand bei dem Ueberfalle 
aufs genauſte ermitteln zu laſſen, um fo des Ordens Unſchuld 
zu erweiſen. Seitdem kam auch die Anklage am Kaiſerhofe 
nicht wieder zur Sprache. ® 


1) Schr. Sanders v. Baiſen an d. HM. d. Grätz Donnerft, nach 
Viſit. Maria 1453 Schbl. Adelsgeſch. B. 97, 

2) Schr. des Propſtes Dr. Peter Knorr an d. HM. d. Nuͤrnberg 
Sonnt. vor Bartholom. 1453 Schbl. LXXVIII. 125. 
3) Schr. des Vogts v. Leipe Georg v. Eglofſtein an d. HM. d. 
Wien Donnerſt. nach ulrici 1453; Schr. des Komthurs v. Elbing, 
d. Graͤtz am T. Margaretha 1453 Schbl. LXXVIII. 5. 6. 130. Schr. 
Georgs v. Erlichshauſen, Domherrn zu Wurzburg an d. HM. d. 
Graͤtz am T. Margaretha 1453 Schbl. LXIX. 19. 

4) Schr. des Komthurs v Elbing, d. Gratz am T. Johannis 
1453 Schr. des Biſchofs v. Ermland, d. Brück am F. Felicis und 
Adaucti 1453 Schbl. LXXVII. 139. 86. Schürz p. 181. S, die 


Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1453.) 327 


Die Freilaſſung der Bundesgeſandten zog ſich aber den⸗ 
noch ſo lange hin, daß eine abermalige Verlaͤngerung des 
Richttages vom Kaiſer erbeten werden mußte; ) man fand 
auch noͤthig, aus Preuſſen einen neuen Vollmachtsbrief der 
Bundeshaͤupter nach Wien zu ſenden?) und als dann nach 
Verlauf von dreizehn Wochen am 22ſten October der Gerichts⸗ 
tag endlich eröffnet ward?) und anſtatt der bereits nach Preufs 
fen abgereiſten Bundesgeſandten Gabriels von Baiſen und 
Ramſchels von Krixen ihr Sachwalter Meiſter Martin Mayer“ 
für den Bund auſtrat, wollten ihm die Ordensbevollmaͤchtigten 
zu ſprechen wehren, weil er keinen Gewaltsbrief aufzuweiſen 
hatte. Da ihm indeß der Kaiſer auch ohne ſolchen zu ſprechen 
erlaubte, erklärte er: es ſeyen jetzt von neuem ausgefertigte 
Machtboten des Bundes auf dem Wege; in Breslau jedoch 
wegen Unſicherheit auf dem naͤhern Wege durch Maͤhren ge⸗ 
warnt, hätten fie dieſen Richttag ohne ihre Schuld verſaͤumen 
muͤſſen.) Der Kaiſer bewilligte daher nochmals einen Auf⸗ 
hub bis zum 20ſten October. 

Da nun um dieſe Zeit der Nichttag abermals eroͤffnet 
war, trat zuerſt der Sprecher der Ordensgeſandten mit Vorle⸗ 
gung der Klagpunkte auf, in denen er den Kaiſer in des Or⸗ 
dens Namen um Recht anſprach. Nachdem er vor allem der 


Abhandlung: des Aeneas Sylvius Verdienſte um Preuſſen, in Preufl. 
Samml. B. I. S. 176 — 177, 

1) Schütz J. c. Schr. des Komthurs v. Elbing au d. Komthur 
v. Graudenz, d. Bruͤck an der Mohr in Steiermark Freit. Stephani 
1453 im Rathsarchiv zu Thorn Scrin. XV. 9. 

2) Vollmachtsbrief für die Bundesgeſandten, d. Thorn 9 Septemb. 
1453 Original im Ratsarchiv zu Thorn Liu. A. 34, in der kaiſerl. 
Urt p. 75; in Preuſſ. Samml. B. II. 527, jedoch nicht ganz richtig 
abgedruckt. 

3) Kaiſerl. Urk. p. 4 — 5. 

4) Schr. des Meiſters Martin Mayer, d. Grätz am Erichs⸗Tage 
1453 im Mathsarchiv zu Thorn Scrin. III. 18, Thorner Copiebuch 
p. 195. 

5) Kaiſerl. Urk. p. 6. 

6) Rundu d. a. O. nennt den 28 Octob. 


328 Nechtsfireit vor dem Kaiſer. (1433.) 


unrechtmaͤßigen und geſetzwidrigen Stiftung des Bundes er⸗ 
waͤhnt und den Bundesbrief ſelbſt vorgeleſen, v erklärte er: 
der Brief enthalte viel „verdeckte Worte;“ wo er vom kai⸗ 
ſerl. Rechte ſpreche, meine er eigentlich nur Landrecht; durch 
Deutung ihres Landrechts aber und ihrer Privilegien entzögen 
die Bundes verwandten der Herrſchaft alle ihre kaiſerl. und päpft- 
lichen Gerechtſame, wodurch ſie die Landesherrſchaft bereits ſehr 
geſchwaͤcht. Die Abftellung alter Beſchwerden verlangend ver⸗ 
ſtaͤnden ſie darunter die unter kaiſerl. Macht angeordneten 
Zölle, alte ehrbare Gewohnheiten, altes Herkommen, kaiſer⸗ 
liches und paͤpſtliches Recht, und dennoch erklaͤrten ſie fort und 
fort: fie wollten ihrer Herrſchaft thun, was fie ihr von Ehre 
und Rechts wegen ſchuldig ſeyen. So ward der Bundesbrief 
in den meiſten Punkten durchgegangen und bewieſen, daß die 
Worte von den Verbuͤndeten bald ganz anders gedeutet, bald 
in viel weiterer Ausdehnung angewandt und daher auch die 
meiſten ihrer Forderungen allem Recht und Geſetz widerſtreĩ⸗ 
tend befunden wuͤrden; es ſey z. B. wider alle Rechte der 
Kirche, wenn ſie in ihrer Forderung eines allgemeinen Gerich⸗ 
tes verlangten, daß Praͤlaten von Laien gerichtet wuͤrden. 2) 
Es wurde erwieſen, daß durch die im Bundesbriefe enthaltenen 
Beſtimmungen alle Rechte der Landes herrſchaft unmächtig und 
unguͤltig gemacht, der Gehorſam der Unterthanen aufgehoben, 
dieſe ſelbſt zu Richtern in ihrer eigenen Sache erklart, Über: 
haupt alle Ordnung im Staat und Kirche umgekehrt werde. 9 
Sodann wies der Sprecher weiter nach: der Bund ſey erſtens 
wider göffliches Recht, weil die Verbuͤndeten ihn gegen ihre 
Herrſchaft geſchloſſen, der ſie gehuldigt und geſchworen und 
deren Gehorſam fie verachteten; ) er ſey auch wider natuͤrliches 


1) Kaiſerl. U. p. 7 — 11. 

2) Kaiſerl. Url. p. 11 — 13. 

z) Dieß wird in den einzelnen Punkten des Bundesbriefes weit⸗ 
läuftig nachgewieſen; kaiſ. urk. 14 — 15. 

) Kotzebue B. IV. 131 greift offenbar fehl, wenn er das vom 
Aedner angebrachte Beiſpiel von Saul als Hauptbeweis anführt; das 


Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1453.) 329 


Recht, denn dieſes ſage: was du nicht willſt, daß dir geſchieht, 
das thue auch du einem andern nicht; es ſey kein Edelmann 
im Bunde, der wolle, daß ihm ſeine Unterſaſſen oder Diener 
ein Regiment ſetzten, dem er ſich unterwerfen ſolle; er ſey fer⸗ 
ner wider geiſtliches Recht, welches beſtimme, daß Unterthanen 
keine Macht haben, wider ihre Oberherrſchaft Buͤnde, Ver⸗ 
ſchreibungen oder Satzungen zu machen, am wenigſten weltliche 
Unterthanen gegen geiſtliche Herrſchaft; er ſey endlich auch 
wider kaiſerliches Recht, welches klar dahin laute, daß alle 
Einung, Bund, Versammlung, Ordnung und Satzung, von 
Unterthanen und Laien wider Geiſtliche gemacht, unrecht, un⸗ 
bündig und unkraͤſtig ſeyen, wie ſchon Kaiſer Friederichs des 
Zweiten Verbot aller Binde, die er Conſpirationen nenne, 
ausweiſe und die goldene Bulle Karls des Vierten ſie aus⸗ 
drücklich verbiete. Nach ſolchen von Kaiſern und Paͤpſten ge⸗ 
gebenen Geſetzen und Rechten hätten die Verbuͤndeten laͤngſt 
die Reichsacht und den Bann verdient. Dann erklaͤrte der 
Sprecher weiter: der Bund widerſtreite auch des Hochmeiſters 
und des Ordens Freiheiten, guten Sitten, alter loͤblicher Lan⸗ 
desgewohnheit und dem geleifteten Eive.? Der Bundeseid 
koͤnne niemand binden, denn kein Eid wider die Herrſchaft 
habe verbindende Kraft. Seit dreizehn Jahren ſeyen die Lan⸗ 
desbiſchoͤfe bemüht, das Volk zu belehren, daß es durch ſein 
unrechtliches und ſuͤndhaftes Vornehmen des Bundes ſich im 
Irrthum, in Todſuͤnden und ſchwerer Strafwuͤrdigkeit befinde; 
man habe es nicht geachtet, denn das ſonſt ſo ehrbare, gute 
Volk ſey durch die Bundeshaͤupter verſtrickt und verfuͤhrt. Die 
Klage uͤber den Bund ſey bis zum Papſte gedrungen; er habe 
einen Legaten geſandt, der wegen der ihm erwieſenen Verach⸗ 
tung das Land mit dem Interdicte habe beſtrafen wollen; 
das habe der Hochmeiſter durch Fuͤrſprache verhindert. Man 


Beispiel iſt bloß Beleg dazu, daß jemand gegen goͤttliches Geſetz hans 
delt, wenn er ſeinem Oberherrn ungehorſam wird. 

1) Kaiſerl. Urk. p. 16 — 19. 

2 Kaiſerl. Urk. p. 19. 


330 Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1453.) 


habe dem Orden Gehorſam und güfliche Ausgleichung ver: 
ſprochen, aber nicht Wort gehalten; nur Marienburg, Neuſtadt 
Thorn und das Gebiet von Schlochau ſeyen aus dem Bunde 
getreten und zur Pflicht zuruͤckgekehrt.) Der Papſt habe den 
Bundeseid für unverbindlich und kraftlos, fir Trotz und Mahn: 
ſinn, und die Praͤlaten des Landes auf ſeinen Befehl den 
Bund auf dem Rathhauſe zu Elbing für unrecht und ungültig 
erklart; dieß alles aber, ſowie des Kaiſers und der Kurfuͤrſten 
Schreiben an die Verbuͤndeten ſeyen verachtet worden. Zwar 
ſeyen in Folge dieſer Schreiben noch eine merkliche Zahl ande⸗ 
rer zum Gehorſam zuruͤckgekehrt; gegen dieſe Ausgeſchiedenen 
aber haͤtten die Verbuͤndeten Satzungen gemacht und ſie als 
Ehrloſe behandelt; kein Handwerksknecht dürfe für fie arbeiten, 
alle Bundesſtaͤdte ſeyen ihnen verboten, ihre Zeugniſſe vor Ge⸗ 
richt wuͤrden verworfen u. ſ. w. 2 

Nach dieſer Darſtellung des Ordensredners dauerten die 
Gerichtsverhandlungen Tag fuͤr Tag bis zum ſiebenten Novem⸗ 
ber. Da trat des Bundes Sprecher mit ſeiner Rechtfertigung 
und Gegenklage auf.?) Es ſey mit Gründen wohl zu bewei⸗ 
ſen, daß der Bund nur zu des Ordens und des ganzen Lan⸗ 
des Wohlfahrt geſtiſtet ſey, denn der Orden habe zur Verkür⸗ 
zung der Landesfreiheit neue Zölle auferlegt, mit Koͤnigen und 
Fuͤrſten, ſelbſt ſogar mit Heiden ohne der Stände Rath und 
Wiſſen zu großem Schaden des Landes ſich verbunden; aus 
des Ordens Kriegen mit Polen und Litthauen ſeit Heinrichs 
von Plauen Abſetzung ſeyen fuͤr die Lande Preuſſen ſtets nur 
Unheil, Verwuͤſtung und Verderben hervorgegangen. Als nun 
zu Pauls von Rußdorf Zeit im Orden große Zwietracht ent⸗ 
ſtanden, hätten die Gebietiger etliche Lande und Stadte auf 
ihre Seite zu bringen geſucht und der Hochmeiſter ſelbſt ge⸗ 
wuͤnſcht, Lande und Städte möchten ſich vereinigen, um den 


1) Kaiſerl. Urk. p. 20. 

2) Kaiſerl. Urk. p. 21. 

3) Kaiſerl. Urk. p. 28; vgl. auch die weitlaͤuftigen Auseinander⸗ 
ſetzungen bei Schätz p. 184 — 193. 


Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1433 .) 331 


Unfrieden zu flillen. Da hätten dieſe, um dem Verderben des 
Landes vorzubeugen, dem Orden und dem Lande zu Heil und 
Frommen wider Gewalt und Unrecht eine Einung gefehloffen 
und dem Meiſter vorgelegt; ſie ſey ihm nicht zuwider geweſen, 
ſondern vielmehr zu Wohlgefallen. Durch ſie ſey der Orden 
in ſich wieder zur Ruhe gekommen; auf einer Tagfahrt zu 
Elbing Hätten die Gebietiger den vereinten Landen und Staͤdten 
darob großen Dank bezeugt, erklaͤrend, daß der Orden es ihnen 
und ihren Nachkommen nimmer vergeſſen wolle.“ So ſtellte 
der Redner des Bundes Urſprung dar. Dann hob er des 
Landes Gebrechen hervor. „Nach Kulmiſchem Rechte ſoll das 
Land Silbermünze und Flaͤmiſches Ackermaaß haben. Jene 
aber iſt in kupferne verwandelt; um ſie zu beſſern, wurden 
Lande und Staͤdte zu einem Schoß angezogen, aber die Muͤnze 
nicht verändert, Das Flaͤmiſche Maaß iſt verkürzt; aus vier 
Huben ſind fuͤnf gemacht und dadurch der Zins vermehrt. 
Wider die Landesſreiheit wird ein Pfundzoll erhoben. Waͤh⸗ 
rend des Krieges mit Litthauen wurden einſt den Schalauern 
die Warten anbefohlen und ihnen dafuͤr Korn und Wartgeld 
entrichtet waͤhrend des Krieges Dauer; er iſt laͤngſt beendigt, 
aber das Wartgeld befteht noch fort.“ Lehengüter auf Mag? 
deburgiſches Recht zieht der Orden ein bei des Beſitzers Tod 
ohne männliche Erben, auch wenn Brüder und Vettern hin⸗ 
terbleiben. Kinderloſe Ritter duͤrfen ihre Guͤter nicht verkaufen; 
man hält fie damit wie eigene Leute u. ſ. w. Darauf er⸗ 
waͤhnte der Sprecher einer Reihe von Ungerechtigkeiten und 
Gewaltthaten gegen Staͤdte und Lande, als gegen Nicolaus 
von Renys, Eberhard von Koͤnigseck u. a., der Mordthat des 
Vogts von Grebin an 24 Menſchen in Kurland, der Ent⸗ 
hauptung des Buͤrgermeiſters Konrad Letzkau und der Raͤthe 
Arnold Hecht und Bartholomaͤus Groß aus Danzig, der Hin⸗ 


4) Kaiſerl. Urt. p. 24 — 26. 
2) Kaiſerl. Urk. p. 26; die Stelle über den urſprung des Wart⸗ 
geldes iſt geſchichtlich wichtig. 
3) Kaiſerl. Urt. p. 27; vgl. Runa p. 7 ff. 


332 Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. 11453.) 


richtung eines ehrbaren Mannes zu Thorn durch den dortigen 
Komthur Wilhelm von Stein zu ſtraͤfklichem Umgange mit der 
hinterlaſſenen Wittwe und mehrer anderer Miffethaten der Ge⸗ 
bietiger.“ ) Das find, ſprach der Redner, die Gründe, die 
zum Bunde fuͤhrten. 

Aber, fuhr er fort, Lande und Staͤdte haben die Freiheit, 
ſich mit einander in einem Bunde zu vereinen, ſelbſt durch 
königliche Macht, denn als fie zu Pauls von Rußdorf Zeit in 
Gefahr ſtanden, an ihren Rechten und Freiheiten Eintrag zu 
erleiden, haben fie damals den Röm. König um die Erlaubniß 
erſucht, ſich zur Verwahrung ihrer Gerechtſame mit einander 
zu verbinden und ſie iſt ihnen gewaͤhrt worden. Dieſes koͤnigl. 
Document vom Jahre 1441 las ſofort der Bundesanwalt vor, 
desgleichen auch die erſt kuͤrzlich gegebene Beſtaͤtigung der 
Privilegien für Kulm und Thorn.) Darauf, ſprach er dann, 
ſtützt ſich der Verbündeten gutes Recht und es duͤnkt ihnen 
billig, daß man ſie bei dieſem Rechte laſſe, wie bei ihrer Frei⸗ 
heit. Damit taſten ſie keines andern Rechte an, auch nicht 
geiſtliche Freiheit; auch des Ordens Obrigkeit geſchieht hiedurch 
kein Abbruch. Jeder Herr, geiſtlich oder weltlich, ift verpflich⸗ 
tet, ſeine Unterthanen bei ihren Rechten und Freiheiten zu 
laſſen, wie es ja ſtets in Preuſſen die Ordensherren ihren Un⸗ 
terthanen ausdruͤcklich gelobt und zugeſagt. Wenn dieſe nun 
Abſtellung der Beſchwerniſſe des Landes begehren, ſo iſt dieß 
keineswegs wider Recht und geiſtliche Freiheit, auch nicht wider des 
Ordens Obrigkeit. Ein ſolches Verlangen kann Unterthanen 
billig nie verboten werden. Der Pfundzoll ward bewilligt, 
um der Seeraͤuberei zu ſteuern; dieß gluͤckte; jener aber dauerte 
noch lange fort, bis ihn der Hochmeiſter endlich auf der Lande 
und Staͤdte demuͤthige Bitte, nicht um Furcht oder Drohung 
willen abgethan.) Durch die Forderung eines gemeinen 
Gerichtes will man keineswegs dem geiſtlichen Gerichte Ab⸗ 


1) Kaiſerl. Urk. p. 27 — 28. Runau p. 9 — 10. 
2) Beide ſtehen vollſtaͤndig in der kaiſerl. Urk. p. 29 — 31, 
3) Kaiſerl. Urk, p. 33. 


Rechtsstreit vor dem Kaiſer. (1453.) 333 


bruch thun, ſondern fie geſchicht zu der Obrigkeit Erkenntniß 
und zur Forderung des Rechts. Gegen geiſtliche Perſonen 
maßen ſich die Staͤnde durchaus kein Gericht an; auch wol⸗ 
len ſie das Jahrgericht gegen niemand gebrauchen, über den es 
ihnen nicht zuſteht.“ 8 
Darauf ging der Sachwalter des Bundes auf den Ar⸗ 
tikel des Bundes uber, nach welchem, wie der Sprecher des 
Ordens ihn gedeutet, die Bundesglieder, wenn ihnen in ihren 
Klagen nach ihrer Meinung nicht Recht widerfahre, zur Selbſt⸗ 
huͤlfe ſchreiten wollten. Er beſtreitet dieſe Deutung, denn, ſagt 
er, die Verbündeten erbieten ſich bei jeder Klage zu fuͤnferlei 
Recht, vor dem Richttage, vor der Ritterſchaft und den Staͤd⸗ 
ten, vor einem Schiedsgerichte, vor dem Hochmeiſter und end⸗ 
lich auch vor dem Papſte. Wenn aber der Vergewaltigte kein 
Recht bekommen kann, warum ſollte er dann nicht Macht 
haben, mit Freunden und Gönnen ſich der Gewalt entgegen 
zu ſetzen und ihr nach Vermoͤgen zu widerſtehen? Hat doch 
der Roͤmiſche König Lande und Staͤdte ausdrücklich auch mit 
der Freiheit begabt, zur Begegnung ſolcher Gewalt einander 
mit Hülfe zu unterflügen.? Dann widerlegte der Sachwalter 
die Behauptung, daß der Bund göttlichen, natürlichem, geiſt⸗ 
lichem und kaiſerlichem Rechte widerſtteite. Lande und Staͤdte, 
erklaͤtte er, haben zu ihrer Verbindung Erlaubniß vom Roͤm. 
Könige, wie deſſen erwaͤhnter Freiheitsbrief ausweiſt. Der 
Hochmeiſter hat den Bund, bevor er noch beſiegelt war, von 
Wort zu Wort gekannt und gebilligt, wie zu beweiſen iſt. 
Auch die Gebietiger und Prälaten haben zeitig von ihm gewußt 
und ſogar ſelbſt den Unterthanen geheißen ihm beizutreten. 
Der Bund bezweckt nur Förderung und Beſchirmung der 
Gerechtigkeit; kein Wort darin thut der geiſtlichen Freiheit 
Abbruch; er iſt nicht gegen die goldene Bulle, denn dieſe ver⸗ 


1) Kaif. Urk. p. 34 — 35. In Beziehung auf das Gerichtsweſen 
giebt der Sachwalter des Bundes eine lange Auseinanderſetzung und 
Gloſſirung des angefochtenen Bundesartikels p. 35 — 37. 

2) Kaif. Urk. p. 38 — 39. 


334 Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1453,) 


bietet nur Einungen, die durch das gemeine Kaiſerrecht unter⸗ 
ſagt ſind und wodurch den Oberherren ihre obrigkeitlichen Rechte 
benommen werden, was in dieſem Bunde nicht geſchieht. D 
Man wendet ein: der Papſt habe den Bund für unkraͤſtig und 
die Theilnehmer in den Bann erklaͤrt. Allein zu dieſem Ur⸗ 
theile find Ritterſchaft und Staͤdte weder vorgeladen noch ge⸗ 
hoͤrt, auch iſt es nicht in Gerichtsweiſe geſprochen worden; es 
iſt folglich nach Laut des Rechts kraftlos und kann keinen 
Schaden bringen. Auch hat der Papſt die ertheilte koͤnigliche 
Freiheit und des Hochmeiſters Billigung des Bundes keines⸗ 
wegs gekannt. Was des Ordens Klage uͤber den Schoß be⸗ 
trifft, den der Bund ausgeſchrieben, ſo hat ihn ja der Kaiſer 
ſelbſt mit dieſer Freiheit beſonders begnadigt, wie der Orden 
wohl weiß. Auch war nothwendig, daß Ritterſchaft und 
Staͤdte zu Austrag des Rechts, wozu der Orden ſie veranlaßt, 
zu Beſtreitung der Koſten von ſich ſelbſt eine Steuer nahmen. 
Endlich erbieten ſich die Stände, alles, was hier zu ihrer 
Rechtfertigung geſprochen, mit Beweiſen zu belegen, ſofern es 
der Orden in Abrede ſtellt. Dazu aber müßte ihnen eine Friſt 
von ſechs Monden geſtattet werden, da ſolche Beweiſe weither 
aus Preuſſen und von zerſtreuten Zeugen einzuholen ſeyn 
würden. 2 

In einer neuen Sitzung trat der Sprecher des Ordens zur 
Widerlegung ſeines Gegners alſo auf: man ſtuͤtzt des Bundes 
Rechtmaͤßigkeit auf drei Gruͤnde, deren erſter die koͤnigl. Er⸗ 
laubniß, der zweite die zur Abſchließung des Bundes bewegen⸗ 
den Urſachen und der dritte Pauls von Rußdorf Mitwiſſen⸗ 
ſchaft bei des Bundes Stiftung if. Den erſten Grund bes 
treffend, ſo iſt der Bund aͤlter als des Koͤniges Erlaubniß⸗ 
brief.) Die Erlaubniß ſelbſt aber und Beſtaͤtigung iſt an ſich 


1) Kaiſ. Urk. P. 40 — 41. 

2) Kaiſ. Urk. p. 43 — 44. 

3) Der Bund ward 1440 geſchloſſen, der Erlaubnißbrief erſt 1441 
gegeben. Ueber die damaligen Verhandlungen am Kaiſerhofe ein Schr. 
des Ordensſpittlers, d. Neuſtadt Freit, vor Martini 1453 Schbl. 


Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1453.) 335 


unkraͤftig, denn zu jeder Sache, die man erlauben oder beſtaͤ⸗ 
tigen will, muͤſſen ſtets die, welche ſie berührt, berufen wer⸗ 
den. Das iſt hier nicht geſchehen. Der Bund iſt wider das 
Kaiſerrecht und die goldene Bulle; er iſt vom Anfang an un⸗ 
recht und hat auch durch des Koͤniges und Kaiſers Bewilli⸗ 
gung mitnichten gerecht werden koͤnnen. Er ſtimmt auch mit 
dem Erlaubnißbriefe nicht einmal überein, weil es da heißt, 
daß ſie dem Hochmeiſter und ihren Herren thun ſollen, was ſie 
ihnen von Ehre und Rechts wegen ſchuldig feyen nach Laut 
ihrer Freiheiten. Zudem waren die Bundesverwandten ſchon 
durch ihren Eid und ihre Huldigung unfaͤhig, gegen ihre Her⸗ 
ren einen ſolchen Bund zu ſchließen, denn der Eid und der 
Bund widerſtreiten ſich. Ohnedieß iſt der Erlaubnißbrief auch 
mangelhaft, denn es iſt die Stadt nicht genannt, in der er 
gegeben worden, gegen herkoͤmmliche Ordnung der koͤnigl. 
Kanzlei.) Und erdlich ſagt ja auch der Kaiſer in der Beſtaͤ⸗ 
tigung der Ordensprivilegien: er vernichte hiemit alle Briefe, 
die wider des Ordens Freiheit ausgegangen ſeyen oder ausge⸗ 
hen wuͤrden. 

Was das Zweite, die Urſachen zum Bunde betrifft, ſo 
klagen fie Über verletzte Freiheiten, namentlich uͤber die Muͤnze. 
Allein man ſchlaͤgt noch jetzt filberne Münze; daß ſie geringern 
Gehaltes, iſt unfer eigener Schaden, denn wir verlieren daran 
an unſerer Herrnguͤte. Sie mußte aber ſchlechter geſchlagen 
werden wegen der Nachbarlande, wo ſchlechte Münze gilt. 
Hätte fie dieſer nicht gleich geſtanden, fo wäre fie aus dem 
Lande geführt und eingeſchmolzen worden. Auch haben ja die 
Staͤdte ſelbſt ſechzehn Jahre lang die Münze in derſelben Art 
geſchlagen. Die Verkuͤrzung des Flaͤmiſchen Maaßes iſt nicht 
des Ordens Schuld, ſondern ſchon vor achtzig Jahren geſchehen 
mit der Staͤnde Bewilligung. Das Wartgeld und Schalwiſche 


LXXVII. 151, wo er ſagt: jeden Tag faſt faͤnden Verhoͤre und Ver⸗ 
handlungen Statt, er hoffe aber „mit einem ſeligen Ende und mit 
gewonnener Sache heimzuziehen.“ 

1) Kaiſ. Url, p. 45 — 46. 


336 Kechtöftreit vor dem Kaiſer. (1453.) 


Korn haben die Lande ſchon vor achtzig Jahren entrichtet; die 
Graͤnzwarten ſind auch jetzt noch nicht eingegangen; in den 
Burgen Tilſit und Ragnit muß noch eine Menge Volkes un⸗ 
terhalten werden. Der Pfundzoll gruͤndet ſich auf des Kaiſers 
Privilegium uͤber Zollauflagen; widerrechtlich aber haben die 
Staͤnde ihren Herren den dritten Theil abgedrungen. Mit 
den Lehenguͤtern verfaͤhrt der Orden nach dem Lehenrecht. D 
Daß dieſer Buͤndniſſe mit andern Fuͤrſten nur mit der Staͤnde 
Bewilligung ſchließen fol, iſt gegen altes Herkommen; aber 
man erkennt aus dieſer Forderung, daß die Verbuͤndeten ihren 
Herren nach ihrer Herrlichkeit und ihrem Regimente ſtehen. 2 
Die erwaͤhnten Hinrichtungen mehrer Ritter und anderer Ver⸗ 
brecher ſind alle nach Recht und Gericht erfolgt; keiner der 
Hinterbliebenen hat daruͤber Klage gefuͤhrt, die Bundesver⸗ 
wandten aber haben dazu am wenigſten ein Recht. Den Kom⸗ 
thur von Thorn Wilhelm von Stein hat der Hochmeiſter, wie⸗ 
wohl man feine That nie zu völliger Wahrheit erwieſen, nach 
Ausweiſung des Ordensbuches beſtraft, ſo daß er in ewiger 
Strafe bleiben und darin todt ſeyn muß.“ Einige der Klagen, 
als Urſachen des Bundes vorgebracht, ſind auch erſt aus zwei 
oder drei Jahren her, andere ſchon vor dreißig oder vierzig Jah⸗ 
ren erfolgt und laͤngſt verjahrt. Aber wenn dieß alles auch vom 
Orden wirklich verſchuldet waͤre, was haben die Praͤlaten und 
Biſchoͤfe gethan, daß ihre Unterthanen ſich wider fie ſetzen? ® 

Was Drittens Pauls von Rußdorf Bewilligung zum 
Bunde angeht, ſo wuͤrde eine ſolche nie hinreichen, um den 
Bund zu rechtfertigen. Paul allein hat ihn nicht genehmigen 
koͤnnen, ſondern nur mit Zuſtimmung aller Gebietiger, die nach 
loͤblicher Gewohnheit des Ordens Macht darſtellen. In einer 
ſo wichtigen Sache vermag der Meiſter nichts zu thun ohne 


1) Kaiſ. Urk. p. 47. Daß der Orden angeſtorbene Lehen ſeinen 
Dienern gebe, wird damit gerechtfertigt, daß dieſe alle Landeskinder 
ſeyen. 

2) Kaiſ. Urk. p. 48. 

3) Kaif. Urk. p. 49—50. 

4) Kaif. rk, p. 50, 


Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1453.) 337 


feine Gebietiger. Aber wäre dieß auch geſchehen, To haben 
doch Praͤlaten und Biſchoͤfe den Bund nie gebilligt und nicht 
billigen koͤnnen, da der Bundesbrief uͤber ſie ein Gericht be⸗ 
ſtinmnt, dem fie ſich nicht unterwerfen dürſen. Also ſelbſt 
Pauls von Rußdorf Genehmigung des Bundes wuͤrde ihm 
keinen rechtmaͤßigen Grund darbieten. 

Die Bundesverwandten gründen einen Artikel ihres Bun⸗ 
des auf natürliche Nothwehr, die jedermann erlaubt ſey. Der 
Ochſe, ſagen ſie, habe Hoͤrner, um zu ſtoßen, das Kind in 
der Wiege Nägel, damit es kratze. Allein Nothwehr kann den 
Verbuͤndeten nicht zuſtehen. Sie ſprechen: wuͤrde jemand wi⸗ 
derrechtlich zum Tode gebracht, ſo wollen ſie es dem Hochmei⸗ 
ſter klagen, daß er unverzüglich richte; thue er es nicht, ſo 
wollen ſie darum Rache nehmen. Wer aber ſoll denn richten 
über Schuld oder Unſchuld? Sie ſelbſt? So ſind ſie Richter 
in eigener Sache. Die Regel: Gewalt mit Gewalt zu ver⸗ 
treiben, kann Unterthanen gegen ihre Herren und Richter nim⸗ 
mermehr zugegeben werden.) Der Sachwalter des Bundes 
ſagt: die Staͤnde haͤtten ſich des Bundes wider ihre Herren 
noch nie bedient. In Wahrheit aber zeigt ſich, daß ſie in 
Kraft ihres Bundes ſich ihren Herren ungehorſam bewieſen 
und deyen Recht verletzt haben; den Pfundzoll haben ſie eine 
Zeitlang ganz abgelegt und dann unter dem letzten Meiſter ein 
Drittel davon fir ſich erzwungen; fie haben ferner das Pflug⸗ 
korn verweigert, den Orden zur Aenderung des Huldigungsei⸗ 
des gedrungen oder vielmehr ſelbſt einen Huldigungseid ihm 
aufgezwungen, ) woraus ſchon klar iſt, wie ſehr ſie den Mei⸗ 
ſter und Orden in deren Rechten und Freiheiten durch ihren 
Bund verletzt haben. Und wenn ſie endlich behaupten: der 
Bund ſey nicht wider die goldene Bulle, ſo leſe man dieſe 
nur und halte den Bund daneben, man wird dann ſehen, daß 
ihre Behauptung unwahr iſt. 

1) Kaiſ. Urk. P. 50 — 51. 

2) Kaiſ. Urk. p. 53. 

3) Kaiſ. Urk. p. 55. Die Eide unter Paul v. Rußdorf, Konrad 
u. Ludwig v. Erlichshauſen wurden zur Vergleichung vorgelegt. 

VIII. 22 


338 Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1453.) 


Nachdem der Anwalt des Ordens ſo geſprochen, verlangte 
er: Abſtellung und Nichtigerklaͤrung des Bundes, Auslieferung 
des Bundesbriefes, Zuruͤcknahme des Erlaubniß⸗ und Beſtaͤti⸗ 
gungsbriefes des Kaiſers, Ehren- und Rechtserklaͤrung für alle 
aus dem Bunde Ausgeſchiedenen, Verfall aller Lehnsguͤter fuͤr 
die Bundesverwandten wegen ihres Ungehorſams, Beſtrafung 
nach Inhalt der goldenen Bulle und Verluſt aller ihrer Frei⸗ 
heiten, uͤberdieß 200,000 Gulden fuͤr erlittene Schmach und 
Ungerechtigkeiten, 400,000 Gulden als Schadenerſatz, Erſtat⸗ 
tung des eingenommenen Schoſſes und Wiedereinſetzung des 
Ordens in alle feine Gerechtfame. D 

Da nahm des Bundes Anwalt am zehnten November 
noch einmal das Wort zur Widerlegung deſſen, was der des 
Ordens gegen die Guͤltigkeit des koͤnigl. Erlaubnißbriefes ge⸗ 
ſprochen. Es heißt darin, ſagte er: „wenn die Staͤdte ſich 
vereint haben oder kuͤnftig vereinen wuͤrden;“ daraus folgt, daß 
die Erlaubniß ſich auch auf das bezieht, was noch kommen 
werde und am Datum alſo nichts gelegen iſt, wenn der Bund 
auch ſpaͤter geſchloſſen ware. Wenn ferner ein Kaiſer Freihei⸗ 
ten wider das gemeine Kaiſerrecht giebt, ſo iſt wohl zu erſe⸗ 
hen, daß er das letztere durch jene Freiheiten abſtellen wolle, 
da vorauszuſetzen iſt, daß ihm das Kaiſerrecht bekannt ſey. 2 
Des Hochmeiſters Einwilligung in den Bund iſt außer allem 
Zweifel. Wenn aber bisher ein Hochmeiſter der Nitterfchaft 
und den Staͤdten etwas erlaubt oder bewilligt hat, ſo iſt ihnen 
ſolches gehalten worden ohne Einrede der Gebietiger und des 
Kapitels. Es iſt ja auch in den Biſthuͤmern gewöhnlich, daß 
wenn ein Biſchof ſeinen Unterthanen etwas zuſagt oder gebie⸗ 
tet, dieſe ſich daran halten, ohne weiter zu fragen, ob es der 
Biſchof mit ſeines Kapitels Zuſtimmung gethan. — In ſol⸗ 
cher Weiſe verſuchte der Sachwalter des Bundes noch eine 


1) Kaiſ. Urk. p. 57. Ueber dieſe Verhandlungen ein Schr. der 
Bundesgeſandten, d. Neuſtadt Mont. nach Martini 1453 Schbl. 
LXXVI. 32 (a.). Runmu Vorrede p. 20, Schütz p. 193. 

2) Kaiſ. Urk. p. 58. 


„ 


Rechtsſtreit vor dem Kaiſer. (1453 .) 339 


Menge anderer Behauptungen des Ordensſprechers zu wider⸗ 
legen, mit dem Erbieten, alles zu beweifen, deſſen der Orden 
bezuͤchtigt worden,) und zuletzt erklaͤrend, daß die vom Or⸗ 
densanwalt gethanen Forderungen wegen Abſtellung und Nich⸗ 
tigerklaͤrung des Bundes u. ſ. w. durchaus unzulaͤſſig ſeyen, 
weil die Rechtmaͤßigkeit des Bundes aufs vollkommenſte er⸗ 
wieſen ſey. 


So endigte die Verhandlung. Der Kaiſer, ſeine Raͤthe 
und Beiſitzer bemuͤhten ſich vergeblich mehre Tage lang, die 
Sache gütlich beizulegen. Da wurden die Parteien aufgefor⸗ 
dert, ihre Rechtsſaͤtze ſchriſtlich einzureichen, damit der Rechts⸗ 
ſpruch um fo gründlicher geſchehen und niemand ſich fuͤr ver⸗ 
künzt halten koͤnne.) Der Bundesanwalt proteſtirte jetzt im 
voraus gegen die vom Ordensſachwalter beantragten Poͤnen, 
da der Bund in keiner Weiſe ſtraffaͤllig ſey. Dawider erhob 
der letztere nachdruͤckliche Einwendungen, über die man noch 
hin und her verhandelte. Als nun des Bundes Sprecher 
wahrnahm, daß der kaiſerl. Spruch für den Bund nicht guͤn⸗ 
ſtig ſallen werde, behielt er ſich eine Proteſtation vor, damit 
feine Partei ihre Widerklage zu gebührlicher Zeit ins Recht 
bringen konne. Dieß ward ihm aber auf Grund des Anlafjes 
abgeſprochen.) So ſollte endlich am 29ften November in 
öffentlicher Gerichtsſitzung nach beider Parteien Rechtsſaͤtzen der 
Rechtsſpruch erfolgen. Da erklaͤrten aber einige Bundesbevoll⸗ 
mächtigte: ihr Anwalt Meiſter Martin Mayer habe nur be⸗ 
dingte Vollmacht und es ſcheine nicht billig, daß der Kaiſer 
als verwillkürter Richter in der Sache weiter procedire. Der 
Kaiſer ſtellte ihnen zwar vor, daß fie ſelbſt unbedingt ſich auf 
ihn berufen; allein fie begehrten dennoch nur einen Rechtsſpruch 


1) Kaif. Urt. p. 59 — 64; die bier beſprochenen Punkte find keine 
andern, als die vom Ordensſprecher aufgeſtellten Behauptungen, die 
der Bundesanwalt ablaͤugnet oder zu widerlegen fuhrt. Aunau p. 20. 
Schütz p. 193. 

2) Kaif. Urk. p. 65. 

3) Kaiſ. Urk. p. 66 — 67. Schälz p. 194. 

22 * 


340 Rechtsſpruch des Kaiſers. (1453.) 


über ihre Widerklage und gingen damit von dannen. ) Alſo 
beſtimmte nun der Kaiſer den erſten December als Spruchtag. 
Die Bundesbevollmaͤchtigten ſuchten ihn noch zu verzögern und 
da am genannten Tage niemand von des Bundes wegen er⸗ 
ſchien, um den Spruch anzuhoͤren, ſo ſandte jener in der Bun⸗ 
desgeſandten Herberge, ihnen anzukuͤndigen, daß er den Spruch 
thun werde. Die Antwort war: ihr Anwalt Meiſter Martin 
Mayer habe ſeine Vollmacht aufgegeben; deshalb gebuͤhre ihm 
nicht, ſich der Sache weiter zu unterwinden; die andern aber 
ſeyen nicht unterrichtet genug.“ Da ließ der Kaiſer nach des 
Hofes Gewohnheit einen geſchworenen Thuͤrhuͤter an die Pforte 
des Palaſtes treten und ſie dreimal mit lauter Stimme her⸗ 
beirufen, ? und als auch jetzt niemand von ihnen erſchien und 
der Ordensanwalt nach herkoͤmmlicher Sitte abermals um 
Recht anrief, ſprach nun der Kaiſer das Urtheil aus: 

„Es iſt durch uns mitſammt unſern Räthen und Bei⸗ 
ſitzern zu Recht erkannt, daß die von der Nitterfchaft, 
Mannſchaft und die von Staͤdten des Bundes in Preuſſen 
den Bund nicht billig gethan, noch ihn zu thun Macht ge⸗ 
habt haben, daß auch derſelbe Bund von Unwuͤrden, Un⸗ 
kraͤften, ab und vernichtet iſt, und ſoll darnach in dem 
Andern geſchehen, was Recht iſt.““ 

Auf Anſuchen des Ordensanwalts ward nun der Spruch 
urkundlich ausgefertigt, die gerichtliche Vollziehung aber noch 
bis zum fünften December verſchoben, in der Meinung, ob 


1) Kaiſ. Urk. p. 68. 

2) Kaiſ. Urk. p. 69 — 70. Als gegenwärtige Bundesgeſandten 
find noch genannt Hans von Thauer u. Hans Matzkow. Runau p. 
20 — 21. 

3) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Neuſtadt Sonnab. vor 
Barbara 1453 Schbl. XLVI. 23. 

4) Ueber den Vorgang beim kaiſerl. Gerichtsſpruch ein Notariats⸗ 
inſtrument, d. Neuſtadt 1 Decemb. 1453 Schbl. XIV. 20. Runau 
P. 21. Schſiitx p. 194. Auch die Cbron. des Leſemeiſters Detmar 
herausgegeb. v. Grautoff B. II. 163 — 164 hat einiges über die 
Rechtsverhandlung am Kaiferhofe, 


Steigende Gaͤhrung im Lande. (1453.) 341 


man ſich in Guͤte noch vereinigen möge. Da dieß nicht ges 
ſchah, fo erflärte endlich der Kaiſer: über die vom Ordensan⸗ 
walt in Antrag gebrachte Pon ſolle jetzt kein Spruch gethan 
werden; er habe jedoch den Antrag an ſich genommen und zu 
ſeinem Willen behalten. Alſo ward nun am genannten Tage 
das wichtige Document befiegelt und jeder Partei gleichlautend 
zugeſtellt.) 


In Preuffen war mittlerweile die Spannung der Gemuͤ⸗ 
ther immer hoͤher und hoͤher geſtiegen. Den Orden erbitterte 
es, daß die Verbündeten mit den Polen bereits den Plan ge⸗ 
faßt haben ſollten, den Ordensgeſandten auf ihrer Ruͤckreiſe 
auflauern, ſie uͤberfallen und gefangen nehmen zu laſſen, wes⸗ 
halb man allerlei Vorſichtsmaaßregeln für noͤthig fand.) Un⸗ 
ter den Verbuͤndeten wuchs Haß und Groll mit jedem Tage, 
zumal durch die Berichte der beiden zurückgekehrten Bundes⸗ 
geſandten Ramſchel von Krixen und Gabriel von Baiſen. 
„Sie haben den Bund, ſprach erſterer in einer öffentlichen 
Verſammlung zu Thorn, vor dem Kaiſer ſelbſt mit Luciſern 
verglichen, der ſeinen Stuhl uͤber Gott habe ſetzen wollen.““ 
Die Erbitterung ging hie und da ſchon ſo weit, daß man offen 
erklärte: werde der Bund vom Kaiſer auch abgeſprochen, ſo 
werde man ihn durchs Schwert aufrecht erhalten; der Hoch⸗ 
meiſter muͤſſe des Amtes entſetzt und ein anderer an ſeiner 


1) Kaiſ. Urk. p. 70 — 71. Aus der Angabe der Zeugen in der 
Urk. geht hervor, daß von den meiſten Deutſchen Fürſten Raͤthe und 
Sendboten bei der Gerichtsverhandlung gegenwärtig waren. Es wer⸗ 
den z. B. genannt: Aeneas Legat des Nom. Hofes und Biſchof zu 
Siena, kaiſ. Rath und Fuͤrſt, Ulrich v. Staremberg, Ulrich Riederer, 
von Seiten des Erzbiſchofs v. Mainz Eberhard von Riedern, des Pfalz⸗ 
grafen v. Rbein Peter v. Weinheim und Paul v. Streitberg, des Bi⸗ 
ſchofs v. Bamberg Werner v. Aufſeß Domherr zu Bamberg u. a. Ein 
Verzeichniß ſämmtlicher anweſenden Nähe Schl. LXXVIII. 51. 

2) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Dienſt. vor u. nach 
Bartholom. 1453 Schbl. LXXVIII. 144. 155. 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Nativit. Maria 1453 
Sl, LXXVIII, 99. 


342 Steigende Gährung im Lande. (1453.) 


Stelle erhoben werden, der das Land bei ſeinen Rechten und 
Freiheiten laſſe; um ſich von jenem ſchnell zu befreien, ſpra⸗ 
chen erhitzte Koͤpfe in Thorn ſogar von Vergiftung.) Sobald 
Thielemann von Wege vom Kaiſerhofe zuruͤckgekehrt war, ließ 
er mit jenen beiden Bundesgeſandten von einem Notar eine 
an den Kaiſer gerichtete Proteſtation ausfertigen, darin mit 
Gründen erklaͤrend, daß der Kaiſer in der Bundesgeſandten 
Abweſenheit dem Rechte nach keinen Spruch thun koͤnne, und 
ihn zugleich erſuchend, ſich der Streitſache jetzt gänzlich zu ent⸗ 
ſchlagen.) Von Thorn aus, wo Hans von Baiſen mit ihnen 
und den Übrigen Bundeshaͤuptern täglich Verſammlungen und 
Berathungen hielt, ging die Bewegung bald immer wilder 
durchs ganze Land. Geruͤchte von ſtarken Soͤldnerwerbungen 
des Ordens im Auslande, beſonders beim Markgrafen Albrecht 
von Brandenburg ſetzten viele der kleinen Staͤdte in ſolchen 
Schrecken, daß ſie jetzt eilten, ſich dem Bunde enger anzu⸗ 
ſchließen.) Auch machten heimliche Zuſagen von kriegeriſcher 
Beihuͤlfe, welche Thielemann von Wege und Auguſtin von 
der Schewe aus Polen und ſelbſt auch aus Boͤhmen erhalten, 
die Verbuͤndeten in ihren Schritten gegen den Orden jeden 
Tag kuͤhner und trotziger.') In Thorn, Danzig, Elbing und 
andern Orten wurden die Kriegsruͤſtungen und Wehranſtalten 


1) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. am T. Matthaͤi 1453. 
Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Stargard Mont. nach Michaelis 
1453 Schbl. LXXVIII. 98. 125. 

2) Notariatsinſtrument, d. 19 Sept. 1453 im Rathsarchiv zu 
Thorn, auf Requiſition der Bundesbevollmaͤchtigten Gabriel v. Bai⸗ 
ſen, Ramſchel v. Krixen und Thielemann v. Wege ausgefertigt. 

3) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. Sonnt. nach Mauritii 
1453 Schbl. LXXVIII. 168. Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigob. 
Sonnab. nach Kreuz⸗Erhoͤh. 1453 Schbl. Adelsgeſch. B. 45. 

4) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Remigii 1453 Schbl. 
XI. V. 22. Schr. des Komthurs v. Balga „ d. Beiſten Mont. nach 
Franciſci 1453 Schbl. LXXVIII. 156. 

5) Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Sonnab. nach Bur⸗ 
chardi 1453 Schbl. LXXVIII. 8. 


Verbindung des Bundes mit Polen. (1453.) 343 


jetzt mit verdoppeltem Eifer fortgeſetzt, Büchſen und anderes 
ſchweres Geſchuͤtz zugerichtet, ſtarke Bollwerke gegen die Burg⸗ 
mauern aufgeführt, die Straßen überall mit Schlägen ver⸗ 
ſehen u. ſ. w. ) Dieß bewog jetzt auch den Hochmeiſter zu 
entſchiedenen Schritten; er trat zunaͤchſt wegen Kriegshuͤlfe mit 
den Herzogen von Stettin eiligſt in Unterhandlungen, “ denn 
auch von Oſten her drohte dem Orden ſchon Gefahr, da die 
Samaiten zu einem Einfalle ins Ordensgebiet bereit ſtanden 
und der Komthur von Memel um ſeine Burg in großer Be⸗ 
ſorgniß war.) 

Nun hielten aber die Eidechſen⸗Ritter in der Mitte des 
Octobers eine geheime Bundesverſammlung zu Kulm, von der 
ein treuer Diener des Hochmeiſters nur fo viel ausforſchte, daß 
dort etwas Neues und Unerhörtes beſchloſſen ſey und der Pol⸗ 
niſche Hauptmann Scherlenski ſich mit den Verbuͤndeten be⸗ 
reits aufs engſte verbunden habe.“ Sogleich nach dieſem 
Tage eilte Gabriel von Baiſen in Tag⸗ und Nachtreiſen nach 
Polen, mit ihm verſchiedene andere Bundesgeſandten, die den 
König zu Krakau trafen, wo ſich die vornehmſten Praͤlaten 
und Magnaten des Reiches zu einem großen Feſte bei ihm 
verſammelt. Da ſprach Gabriel, in die Reichsverſammlung 
vorgelaſſen: „Weil Lande und Staͤdte in Preuſſen von alten 
langen Jahren her durch manchfaltige Gewalt und Unrecht be⸗ 
druͤckt worden, fo find fie alle einträchtig zu Rath gekommen, 
ſolche Gewalt und Unrecht von den Kreuzigern ferner nicht zu 


1) Schr. des Treßlers, d. Mar. am T. Such 1433 Schbl. LIV. 
8. mit einer ausführlichen Beſchreibung der Wehranſtalten in Elbing. 

2) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Sonnab. vor 11,00 
Jungfr. 1453. 

3) Schr. des Komthurs v. Memel, d. am T. Aller Heilig. 1453 
u. Schr. des Ordensmarſchalls, d. Koͤnigsb. Sonnt. nach Aller Heilig. 
4453 Schbl. XXIII. 19. XVI. 21. Die Gefahr ging bald wieder 
voruͤber. 

4) Schr. des Hermann Witte an d. HM. d. Thorn Mittw. nach 
Hedwig 1453 Schl. XIV. 14. Voigt Geſch. der Cidechſ. Ge⸗ 
ſollſch. S. 137. 


344 Verbindung des Bundes mit Polen. (1453.) 


dulden. Weil aber das Land Preuſſen von Alters her und 
die Herrſchaft der Kreuziger daſelbſt aus der Krone Polens 
ausgegangen iſt und die Kreuziger ſelbſt noch den König für 
einen Patron erkennen, ſo hat keiner billigeres Recht zu dem 
Lande als ſeine koͤnigliche Gnade. Deshalb haben alle Lande 
und Staͤdte Preuſſens den König zu ihrem rechten Ham er: 
koren und flehen und bitten, daß er ſie wieder in ſeine Herr⸗ 
ſchaft und Beſchirmung aufnehmen und ihr Herr ſeyn wolle, 
wie ihm ſolches mit Recht gebühret,“ Der Koͤnig beſetzte nach 
langer Erwägung einen Rath aus den angeſehenſten Prälaten, 
Woiwoden und Gelehrten der Univerſitaͤt zu Krakau, deſſen 
Erkenntniß dahin ging: der Koͤnig habe zum Lande Preuſſen 
vollkommenes Recht. Der Biſchof von Krakau wußte ſogar 
aus Landeschroniken darzuthun, daß Preuſſen einſt theils durch 
Verrath und Treuloſigkeit an die Kreuzherren abgefallen, theils 
der Krone durch Gewalt, Ungerechtigkeit und eine Reihe von 
Friedensbruͤchen entriſſen worden ſey. Nach Erweis ſolcher 
Anrechte an das Ordensland (denn ſie genuͤgten des Koͤniges 
Gewiſſen) nahm er der Bundesgeſandten Erbieten ohne wei: 
teres an, ihnen verſprechend, fortan der Bedraͤngten Schutzherr 
und König zu ſeyn. D 

Dieſer wichtige Schritt ſetzte alles in außcrordentliche Thaͤ⸗ 
tigkeit, beſonders im Kulmerland unter den Rittern des Gi: 
dechſen⸗Bundes. Hans von Baiſen, jetzt an ihrer Spitze 
ſtehend, hielt von Thorn aus fort und fort heimliche Bera⸗ 
thungen mit dem Polniſchen Hauptmanne Scherlenski im Ge⸗ 
biete von Neſſau, nahm Polniſche Geſandten an, gab Beſcheid 
auf ihre Werbungen und leitete alle Verhandlungen im gehei⸗ 
men Rathe der Bundeshaͤupter. Unter ſeiner Auſſicht und 
Mitwirkung ward zunaͤchſt auch die Befeſtigung und Beweh⸗ 
rung der Altſtadt Thorn mit groͤßter Thaͤtigkeit fortgeſetzt, denn 
obgleich er ſich immer noch Mühe gab, den dortigen Komthur 
durch guͤtige Worte ſo viel als moͤglich zu beruhigen, ſo ließ 


1) Die Verhandlung im Mser. über den Preuſſ. Bund B. Geſch. 
der Eidechſ. Geſellſch. S. 139 — 140, 


Steigende Erbitterung der Verbuͤndeten. (1453.) 3⁴5⁵ 


doch die eilige Kriegsrüſtung, der Aufbau von Bollwerken und 
Schirmen, die Auſſtellung des ſchweren Geſchüͤtzes, die Anrich⸗ 
tung neuer Schläge und Rennbaͤume und aͤhnliche Wehranſtal⸗ 
ten faſt ſchon jeden Tag den Ausbruch eines offenen Kampfes 
erwarten.) Man rief bereits aus Pommerellen und dem Kul⸗ 
merlande zahlreiches Kriegsvolk in die Stadt und wiegelte hie 
und da auch ſchon das Landvolk auf.) Der Komthur von 
Thorn bat den Hochmeiſter aufs dringendſte um die Entfer⸗ 
nung des Münzmeiſters aus der Burg, weil er vorausſah, daß 
bei einem Auſſtande der Haß und Ingrimm des Volkes gegen 
dieſen Ordensbeamten keine Graͤnze finden und vielleicht die 
Erſtürmung der Burg zur Folge haben werde,) denn obgleich 
die Burgen zu Thorn, Strasburg, Rheden u. a. durch Or⸗ 
densbrüder aus Balga, Brandenburg und andern Orten des 
Müederlandes etwas ſtaͤrker bemannt worden, fo war doch kaum 
zu hoffen, daß ſie ſich gegen den Anſturm der Verbuͤndeten 
lange würden halten koͤnnen.“ 


Die Gaͤhrung wurde noch wilder, als im December die 
verſchiedenen Berichte vom Kaiſerhofe in Preuſſen anlangten, 
da die Bundesgeſandten meldeten, wie der Ordensanwalt vor 
dem Kaiſer und allen Raͤthen die Verbuͤndeten mit Unwahr⸗ 
heiten und Schmaͤhungen verunglimpft, wie er behauptet: alle 
Bewohner Preuſſens, einſt Heiden, waͤren vom Orden mit 
dem Schwerte gewonnen und alſo Leibeigene, wie man ſie 
Ehrloſe, Meineidige, buͤndiſche Heiden und Hunde genannt, 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mont. vor Martini 1453 
u. einige Schr. des Hauskomthurs u. Münzmeifters v. Thorn Schbl. 
LXXVIII. 102. 104. 108. 

2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Katharina 1453 u. 
Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Freik. vor Martini 1453 Schbl. 
LXXVII. 106. 61 (a.). 


3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mont. nach Martini 1453 
Schbl. LII. 10. 


4) Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. am T. Andrea 1453 
Schbl, LI. 113. 


346 Steigende Erbitterung der Verbündeten. (1453.) 


vor allen Leuten verſpottet und verhöhnt habe und wie ge 
droht worden ſey, „die Ordensherren wollten lieber ein wuͤſtes 
Land haben, in welchem ſie Herren, als ein bevoͤlkertes, in 
dem fie ohne Gewalt wären; es müßten drei- bis vierhundert 
Unruheſtifter aus dem Wege geſchafft werden, um mit den 
Andern fertig werden zu koͤnnen; der Biſchof von Ermland 
habe gelobt, den Bund bis ins Grab mit allem Haſſe zu ver⸗ 
folgen“ u. ſ. w.) Der Zorn der Verbuͤndeten wurde noch 
mehr gereizt durch den Jubel und Triumph, den die Berichte 
der Ordensgeſandten unter den Ordensherren erregten, zumal 
als der Ordensſpittler meldete: „der Bund iſt durch des Kai⸗ 
ſers Richterſpruch abgeſprochen, vernichtet, verdammt, fuͤr kraft⸗ 
los und ungerecht erklaͤrt; ihre Erlaubniß- und Beſtaͤtigungs⸗ 
briefe, worauf ſie immer getrotzt, haben ihnen nichts geholfen, 
liegen in der kaiſerl. Richtlade und werden ihnen nie wieder 
werden. Singt daher ein Te Deum laudamus! “ 2) 


Kein Tag ging nun voruͤber, an dem nicht Zuſammen⸗ 
fünfte und Berathungen der Eidechſen-Ritter und Bundes⸗ 
haͤupter Statt fanden, zumal in Thorn, wo Hans und Sti⸗ 
bor von Baiſen und Hans von Czegenberg als die wichtigſten 
Stimmfuͤhrer der Ritterſchaft, ſobald eine neue Meldung kam, 
die angeſehenſten Bundesglieder aus dem Kulmerlande zuſam⸗ 
menberiefen, um über fernere Schritte zu berathen.? Der 
Sturm der Leidenſchaft durchbrach da oft alle Zuͤgel und 
Schranken. In einer Verſammlung ward auf Antrieb des 
Bundesrathes zu Thorn beſchloſſen, vom Hochmeiſter durch 
eine Botſchaft zu verlangen, daß uͤber den Biſchof von Erm⸗ 


1) Fol. A. 170. Schr. Ramſchels v. Krixen an Hans v. Baiſen, 
d. Mont. nach Martini 1453 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. XVII. 35. 

2) Schr des Komthurs v. Elbing, d. Neuſtadt Sonnab. vor 
Barbaraͤ 1453 Schbl. XI. VI. 23. Nach Runau p. 21 erhielten die 
Bundesgeſandten ihre kaiſerl. Briefe wieder zurüd, nach Schütz p. 
194 waren ſie caſſirt. 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am Vorfeſte Nicolai 1453 
Schbl. LXXVIII, 100. Schütz p. 194. 


Steigende Erbitterung der Verbündeten. (1433.) 347 


land und den Ordensſpittler ſtrenges Gericht gehalten werde, 
„denn ehe ſie, hieß es da, die Reden leiden wollten, die ihnen 
dieſe beiden nachgeredet, wollten fie lieber, daß man ihnen, 
ihren Weibern und Kindern die Haͤlſe mit Dielen abſtoßen 
ſolle.“ v „Möchte mir doch, brach einer im Haß gegen den 
Vogt von Leipe aus, ein Stuͤck Fleiſch von ihm in einer 
Schüſſel werden, ich würde darob ſehr fröpfich ſeyn.“ „Der 
Biſchof von Heilsberg, rief ein anderer aus, der Komthur von 
Elbing und der Vogt von Leipe ſind werth, daß man ſie alle 
viertheile, ins Feuer werfe und ſie brate wie Krammetsvoͤgel 
oder auf die Straßen haͤnge.“ „Und was fuͤr Freiheit haben 
wir denn noch vom Hochmeiſter? fragte ein Bundesritter. „Mit 
Heuleitern zu fiſchen! antwortete ein anderer. „Man ſolle doch 
nur anſehen, rief einer einſt aus, was für Gebietiger jetzt im 
Orden ſeyen; fie koͤnnten nicht einmal recht zu einem Kuhſtalle 
rathen, wie ſollten fie für ein ganzes Land Rath geben koͤn⸗ 
nen!“ ) Man verbreitete auch das Geruͤcht: ſobald die Send⸗ 
boten heimkehrten, ſey der Hochmeiſter entſchloſſen, Hanſen 
von Baiſen, Thielemann von Wege, vielen aus dem Bundes⸗ 
rathe und zweihundert Landesrittern und Knechten die Koͤpfe 
vor die Füße zu legen. So hetzte man die Leidenſchaften im⸗ 
mer wilder auf. Thorn wurde nun ſchon unter vier Kriegs⸗ 
hauptleute geſtellt und jedem ein Banner übergeben, auch eiligſt 
nach Polen um Huͤlfe gefandt. ) Der Rath gebot, jeder Buͤr⸗ 
ger ſolle ſich zum Kampfe ruͤſten, die Reichen Harniſch und 
Gewehr ankaufen, die Aermern ſich ſolche vom Rathhauſe ho⸗ 
len. Und als der Komthur den Rath befragen ließ: wozu 
ſolche Ruͤſtung ſey? erhielt er die Antwort: es ſey alte Ge⸗ 


1) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schoͤnſee am Abend Concept. 
Mariä 1453 Schbl. LXXVIII. 88. 

2) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schoͤnſee Sonnt. O Sapientia 
1453 Schbl. LXXVIII. 85. Geſch. d. Eidechſ. Geſellſch. S. 147. So 
demütbig, wie Detmar Chron. B. II. 164 die Verbuͤndeten ſchildert, 
waren ſie keineswegs. 

3) Schr. des Muͤnzmeiſters v. Thorn, d. Thorn Mont. nach Con⸗ 
cept, Maria 1453 Schbl. LXXVIII. 101. 


348 Steigende Erbitterung d. Verbündeten. (1453 — 1434.) 


wohnheit, daß man die Stadt forgfältig in Hut und Wache 
halte, wenn im Winter die Weichſel mit Eis beſtanden ſey. “ 
Auch in Elbing, Danzig und den andern Bundesſtaͤdten wurde 
das Volk vom Rathe durch allerlei Reden, Gerüchte und Vor: 
waͤnde von ſchrecklichen Gefahren fuͤr Leben und Gut gegen 
den Orden mit Haß erfuͤllt und zur Bewaffnung und Verſor⸗ 
gung mit Lebensmitteln aufgefordert; man gab vor: alles, 
Leib, Ehre, Freiheit und Eigenthum ſtehe jetzt auf dem Spiele; 
alles ſolle mit dem Schwerte zur Leibeigenſchaft unterdruͤckt 
werden. 


Es war eben im Bundesrathe zu Thorn, vielleicht durch 
Hans von Baiſen angeregt, noch einmal der Gedanke erwacht, 
dem Hochmeiſter noch einen Verſuch zu friedlicher Ausgleichung 
vorzulegen,) als am S. Thomas-Tage kurz vor Weihnach⸗ 
ten dem Meiſter durch den Komthur zu Wien und kurz zuvor 
durch ein Schreiben des Danziger Buͤrgermeiſters Wilhelm 
Jordan auch den Bundeshaͤuptern des Kaiſers Spruch nach 
feinem vollen Inhalte uͤberbracht ward.) Nach Beſchluß einer 
Bundesverſammlung ließ der Rath von Kulm durch Ausſen⸗ 
dung den kaiſerl. Spruch uͤberall bekannt machen, aber mit 
ernſter Ermahnung: kein Ehrenmann duͤrfe ſolche Schande und 
Laͤſterung ertragen, alle muͤßten jetzt einig und feſt ihre Frei⸗ 
heit behaupten und alle ehrlich und redlich am Bunde der 
Lande und Staͤdte feſthalten. „Haltet feſt zu einander, hieß 
es, verlaſſe keiner den andern; wer unter euch boͤſen Saamen 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mont. vor Lucid 1453 
Schbl. LXXVIII. 65. 

2) Schr. des Hauskomthurs 9. Elbing, d. am T. Lucia 1453 
Schbl. LXXVIII. 172. Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. 
Sonnab. nach Lucia 1453 Schbl. LX. 66. 

3) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schoͤnſee am Abend Concept. 
Maria 1453 Schbl. LXXVIII. 88. Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. 
S. 149. 

4) Fol. A. 170. Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. Sonnab. 
nach Luciaͤ 1453 Schbl. LX 66, 


Steigende Erbitterung d. Verbimdeten. (1453 — 1454.) 349 


ausſaͤtt, Partei und Zwietracht ſucht, nennet uns den, man 
wird ſich an ſeinen Leib und ſeine Guͤter halten. Es kommen 
Warnungen, daß wir vor Ueberfall nicht ſicher find; alſo hal⸗ 
tet die Staͤdte in guter Hut!“) Es entſtand ſofort in allen 
Gebieten des Bundes eine ungeheuere Aufregung wie in Staͤd⸗ 
ten, ſo auf dem Lande. Haß und Erbitterung erſtiegen den 
hoͤchſten Grad.) Ueberall ſah wan Anſtalten zu Gegenwehr 
und Krieg. Das ſchutzloſe und furchtſame Landvolk floh in 
großen Haufen in die Staͤdte; aus den Burgen liefen die Ge⸗ 
ſellen aus dem Lande, die ſie mit vertheidigen helfen ſollten, 
in Schaaren davon.?) Es loͤſten ſich in einem großen Theile 
des Landes alle Banden des Gehorſams gegen die Landesherr⸗ 
ſchaft und ihre Behörden; alles ſtand ſich in Haß und Feind⸗ 
ſchaft einander gegenüber, Staͤdte gegen Staͤdte, Ritter gegen 
Ritter, Bauer gegen Bauer, der eine dem Orden, ſeinem Lan⸗ 
desherrn, der andere dem Bunde und der neuen Ordnung zu⸗ 
gethan, ) alles in Auflöfung, Unordnung, wilder Gaͤhrung 
und Leidenſchaft. Um einen entſcheidenden Gewaltſchritt zu 
wagen, ſchienen die Bundeshaͤupter nur noch die fremde Kriegs⸗ 
huͤlfe aus Polen, Böhmen und. Maͤhren zu erwarten, denn 
auch in den beiden letztern Laͤndern hatten bereits die Sendbo⸗ 
ten des Bundes Soͤldnerhaufen in Dienſt genommen; ſelbſt 
Georg Podiebrad, der Gubernator von Boͤhmen, ſollte Kriegs⸗ 
volk zugeſagt haben. 


Der Hochmeifter, der ſich in feiner Hoffnung, daß des 
Kaiſers Spruch die Verbündeten wenn auch nicht ganz ent⸗ 


1) Ausſchreiben des Raths v. Kulm, d. Sonnab. nach Thoma 
1453 Schl. LII. 36. 

2) Fol. A. 170. 

3) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. am Chriſtfeſte 1454 Schbl. 
LXXIX. 148. 

4) Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. Sonnab. vor Nativit. Chriſti 
1453 Schbl. LXXVIII. 121. 

5) Schr. des Ord. Spittlere, d. Neuſtadt. Dienſt. vor Weihnach⸗ 
ten 1453 Schbl. XLVI. 29, Schütz p. 181. 


350 Friedensverſuch des HM. (1453 — 4454.) 


muthigen, ſo doch zur Maͤßigung ihrer Forderungen und zur 
ruhigen Beſonnenheit führen werde, nicht nur gaͤnzlich ge⸗ 
taͤuſcht fand, ſondern den Sturm vielmehr mit gefteigerter 
Macht über den Orden hereinbrechen ſah, verſuchte noch ein: 
mal, die drohende Empoͤrung zu beſchwichtigen. In einer den 
Biſchoͤfen und Gebietigern zur Bekanntmachung uͤberſandten 
Schrift erklaͤrte er: er habe im Rechtsſtreite vor dem Kaiſer, 
wie ſein Anlaßbrief klar ausweiſe, nichts weiter geſucht und 
ſuche auch noch jetzt nichts weiter, als Recht und Gerechtig⸗ 
keit. Man beſchuldige den Orden, daß er Soͤldner werbe, um 
die Verbuͤndeten durch Ueberfall zu uͤberwaͤltigen und zu Leib⸗ 
eigenen zu machen. Man thue ihm darin Unrecht; er denke 
an keine Gewaltſchritte, noch an Beknechtung ſeiner Untertha⸗ 
nen; es ſeyen alles Erdichtungen feindlichgeſinnter Verleumder 
des Ordens. Er ſelbſt und alle Gebietiger gaͤben auch jetzt 
die Hoffnung noch nicht auf, „daß alles noch zu einem ſeligen 
und guten Ende kommen werde.“ ) Dieſe Erklärung fand in⸗ 
deß in den großen Staͤdten wenig Anklang. In Thorn wollte 
man dem Komthur nicht einmal Gehoͤr geben und Hans von 
Baiſen verhehlte nicht, daß er dem Worte des Hochmeiſters 
kein Vertrauen mehr ſchenken koͤnne.) Ebenſo in Elbing und 
Koͤnigsberg, wo man die Erklaͤrung des Hochmeiſters für eine 
Erdichtung des Ordensmarſchalls ausgab, mit der man die 
Städte uͤberliſten wollte. Vergebens widerſprach der Mar⸗ 
Thal.) Nur in Danzig zeigten ſich noch mildere Geſinnun⸗ 
gen. Der Rath erklaͤrte: er wuͤnſche auch jetzt noch nichts 
mehr als eine guͤtliche Beilegung des Streites; er wolle gerne 
eine Vermittlung einleiten; nur moͤge der Meiſter einen jaͤhr⸗ 
lichen Richttag zufagen und verſprechen, daß er hinfort des 
Bundes wegen niemand mehr zur Rede ſetzen oder irgend be⸗ 
leidigen wolle; dann werde ſich der Unwille von ſelbſt flillen. 


1) Fol. A. 170 — 171. 

2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Thoma Cantuar. 
1454 Schbl. LII. 79. 

3) Fol. A. 171. 


Friedensverſuch des HM. (1454.) 351 


Der Hochmeiſter moͤge daher alle Verbuͤndeten zu einer allge⸗ 
meinen Tagfahrt berufen, wo durch muͤndliche Mittheilung 
manches leicht beſeitigt und manches Schroffe und Harte ges 
mildert werden koͤnne. 


Die Ordensgebietiger waren dariiber verſchiedener Mei⸗ 
nung; da jedoch der größere Theil den Vorſchlag billigte, > 
ſo berief der Meiſter beſonders die kleinern Staͤdte zu einer 
Tagfahrt nach Marienburg. „Lieben Freunde, ſprach er da, 
uns iſt vorgekommen, daß man euch mancherlei ſeltſame und 
wunderliche Dinge vorbringt, daß wir viel fremdes Volk und 
Soldner aufnehmen, um euch damit zu uͤberfallen und zu 
uͤberwaͤltigen, daß wir euch zu Leibeigenen machen wollten und 
meinten, es werde nimmer gut werden, wir ließen denn drei⸗ 
bis vierhundert der Angeſehenſten zuerſt uͤber die Klinge ſprin⸗ 
gen und dergleichen mehr. Gott weiß, daß ein ſolches nie in 
unſer Herz, Gedanken oder Willen gekommen iſt, da jeder ja 
wohl einſieht, daß euer Verderben auch unſer eigenes Verder⸗ 
ben ſeyn wuͤrde. Wir bitten euch daher, ſolchen Erdichtungen 
keinen Glauben zu ſchenken, ſondern uns zu vertrauen und 
ſicher zu ſeyn, daß wir an euch nicht anders thun und fahren 
wollen, als wie ein getreuer Herr an ſeinen getreuen Mannen 
ſoll.“ Darauf belehrte der Meiſter die Verſammelten uͤber den 
ganzen wahren Verlauf des Rechtsganges vor dem Käaiſer, 
durch den der Orden nichts weiter geſucht habe, als was Recht 
ſey. Auf die Kriegsrüftungen und Truppenwerbungen der gro⸗ 
ßen Staͤdte hinweiſend, fuhr er dann fort: „Wir fragen euch 
jetzt und begehren von euch zu wiſſen: ob man fremdes Volk 
hereinbringen wurde, um den Orden und die Lande zu uͤber⸗ 
waͤltigen, was wir uns zu euch Troſtes und Beiſtands verſe⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Mont. vor Beſchneid. Chr. 
1454 Schbl. LXXIX. 161. Schütz p. 194. 

2) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Pellen Donnerſt. nach heil. 
drei Könige 1454 u. Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. Kreuz⸗ 
burg Dienft. nach Epiphan. Schl. LXXIX. 3. 8. 89. 


3) Fol. A. 171. Bericht uͤber die Tagfahrt Schbl. LIXIX. 20, 


352 Friedensverſuch des HM. (1454.) 


hen duͤrfen?“ Da der Meiſter auf eine beſtimmte Antwort 
drang, ſo erwiederten die Abgeordneten: „geſchaͤhe, was ihr, 
Herr Meiſter, ſagt, was Gott verhuͤte, ſo wollen wir alle bei 
euern Gnaden und dem Orden thun, wie getreue Leute gegen 
ihren Herrn es ſollen und euch Beiſtand leiſten mit Leib und 
Gut.“ Erfreut uͤber dieſe Antwort entließ der Meiſter die 
Verſammelten. Es ſprach ſich wirklich in vielen kleinen 
Staͤdten und hie und da auch auf dem Lande eine guͤnſtigere 
Stimmung fuͤr den Orden aus; man verſicherte an vielen Or⸗ 
ten die unbedingteſte Treue und Ergebenheit gegen den Lan⸗ 
desherrn.) Die Gebietiger wurden daher beauftragt, durch 
Milde und Schonung im Gericht und wo ſie koͤnnten, dieſe 
geneigtere Geſinnung zu erhalten, zu fürdern und in jeder 
Weiſe auf die kleinern Städte guͤnſtig einzuwirken.s)) Um 
feinem Worte Vertrauen zu v'nſchaffen, ſandte der Hochmeifter 
dem Ordensſpittler, der bereits bemüht geweſen, in Böhmen 
Soldtruppen fuͤr den Orden aufzubringen, den Befehl zu, kein 
Kriegsvolk mit ins Land zu bringen oder es wenigſtens fo ans 
zuordnen, daß, wenn etwa hundert Trabanten, eine Anzahl 
Buͤchſenſchuͤtzen u. a. nach Preuſſen ziehen wollten, fie als un: 
beſtelltes, auf eigene Hand herankommendes Volk und auf ver⸗ 
ſchiedenen Wegen einreiten möchten. ® 

Da aber in vielen Gegenden, in Staͤdten und auf dem 
Lande das Volk fortwaͤhrend in groͤßter Aufregung war, die 
Bundeshaͤupter uͤberall umherzogen, um wie zu Graudenz, 


1) Die Verhandlungen im Fol. A. 171 173. Schr. des HM, 
an den Ord. Marſchall, d. Mar. am Sten T. der h. drei Koͤnige 1454 
Schbl. LXXIX. 129. Bericht über die Tagfahrt Schbl. LXXIX. 88. 

2) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Mittw. nach der Octava 
der h drei Könige 1454. Schr. des Hauskomthurs zu Preuſſ. Mark, 
d. Chriſtburg Mont. nach heil. drei Koͤnige 1454 Schbl. LXXIX. 
182. 2. 

3) Schr. des HM. an den Ord. Marſchall, d. Mar. Dienſt. vor 
Priſca 1454 Schbl. LXXIX. 219. 129. 

4) Schr. des HM. an den Ord. Spittler, d. Mar. Dienſt. nach 
h. drei Koͤn. 1454 Schbl. LXXIX. 143. 


Friedensverſuch des HM. (1434.) 353 


Mewe und andern Orten die Buͤrger gegen den Orden und 
den Rath der Stadt aufzuwiegeln, da ferner im ganzen Lande 
eine Art von Proclamation verbreitet wurde, offenbar zu dem 
Zwecke, die Gemuͤther noch mehr aufzureizen und zu erbittern 
und zugleich das Volk wegen der vorgeblichen Gewaltmaaß⸗ 
regeln des Ordens in Angſt und Schrecken zu ſetzen “) und da 
ſchon in vielen Gegenden Ritter und Knechte, ehrbare Leute 
und Bauern mit Habe und Gut in die groͤßern Staͤdte fluͤch⸗ 
teten, weil man ſchon jeden Tag einen feindlichen Ueberfall 
vom Orden befürchtete, ? jo wandte ſich der Hochmeiſter noch⸗ 
mals an Hans von Baiſen, um wo moͤglich durch deſſen Ge⸗ 
wicht und Anſehen ſeinen friedlichen Worten im Volke Glau⸗ 
ben und Vertrauen zu verſchaffen. Dieſer indeß gab die troſt⸗ 
loſe Antwort: „das Volk iſt allgemein ergrimmt und erbittert 
ob der Schmaͤhungen und Laͤſterungen euerer Sendboten im 
Auslande; von überall her kommt Warnung wegen der Kriegs⸗ 
gaͤſte, die ihr aufnehmet; ſelbſt in euerer Verantwortung fin⸗ 
den die Leute in vielen Worten Gefahr und drohendes Unge⸗ 
mach; nirgends erkennt man Lauterkeit in euerer Geſinnung. 
Ich habe, wie ihr wünfchet, den Leuten mitgetheilt, aus wel⸗ 
cher guten Meinung ihr das Bild S. Barbara's nach Marien⸗ 
burg habt bringen laſſen; allein das Volk glaubte, ſo lange 
das Bild noch in Althaus bleibe, wuͤrdet ihr nicht Krieg an⸗ 
heben; jetzt iſt es in neuer Sorge und zweifelt, daß ihr Friede 
halten werdet.“ 


Wirklich war die Aufregung in den großen Staͤdten ſchon 
außerordentlich. In Thorn fehlte es nur noch an einer foͤrmlichen 


1) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Donnerſt. nach h. drei Koͤn. 
1454. Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. Freit. nach Epiphan. 
1454, dabei die erwähnte Proclamation, Schbl. LXXIX. 87. 14. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenburg am T. der 
h. drei Koͤn. 1454 Schbl. LXXIX. 15. Im Kulmerlande war das 
Fliehen in die Städte ganz allgemein. 

3) Schr. des Hans v. Baiſen an den HM. d. Thorn Donnerſt⸗ 
nach h. drei Könige 1454 Schbl. LXXIX. 117. 

VIII. 23 


354 Kriegeriſche Stellung d. Bundes gegen d. Orden. (1454.) 


Kriegserklaͤrung. Tag vor Tag, ja Stunde vor Stunde rannte 
das erbitterte Volk gegen die Burg an, ſo daß der Komthur 
weder Tag noch Nacht vor einem Sturme ſicher war, denn es 
ging die Rede: ſobald Thielemann von Wege mit Kriegsvolk 
ankomme, ſolle die Burg erſtuͤrmt werden, und doch war auch 
bis jetzt für ihre Vertheidigung aͤußerſt wenig geſorgt, alle 
Wehranſtalten in ſehr ſchlechtem Zuſtande, an Geſchoß, Pul⸗ 
ver und Mannſchaft der groͤßte Mangel, weil von den Kriegs⸗ 
pflichtigen aus dem Lande niemand auf das Haus ziehen 
wollte, um es vertheidigen zu helfen.) In gleicher Gefahr 
befand ſich die Ordensburg zu Danzig, von Bollwerken, Tar⸗ 
raſſen, treibenden Schirmen und andern Belagerungs⸗ und 
Wehrbauwerken ſchon faſt rings umgeben und von nicht we⸗ 
niger als zweihundert geladenen Donnerbuͤchſen bedroht, ſo daß 
auch hier die viel zu ſchwache Mannſchaft auf der Burg jede 
Stunde einen Sturmangriff zu fuͤrchten hatte.) Die Gefahr 
ward noch groͤßer, als die Staͤdte das Geruͤcht durchlief: der 
Markgraf von Brandenburg ſey als Hauptmann einer großen 
Heerſchaar des aufgenommenen Kriegsvolkes bereits in vollem 
Anzuge, um die Bundesſtaͤdte zu überfallen.? Selbſt das 
lange Ausbleiben der Ordensgeſandten, nachdem die des Bun⸗ 
des laͤngſt heimgekehrt waren, ſteigerte das Mißtrauen, denn 
man fand auch darin einen Grund mehr zu der Vermuthung, 
daß der Orden durch ſie im Auslande ſo viel als moͤglich 
Soͤldner und anderes Kriegsvolk aufbringen laſſe.) Bereits 
hatten die Bundesgeſandten, beſonders Ramſchel von Krixen 
einen ſtarken Haufen Boͤhmiſcher Soͤldner, unter dem Vor⸗ 
wande eines Geleites zu ihrer Sicherheit auf dem Wege, mit 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Sonnab. in der octava 
epiphan. 1454 Schbl. LU, 104. Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 150. 

2) Schr. des Hauskomthurs und Konvents zu Danzig, d. Dienft, 
nach h. drei Koͤn. 1454 Schbl. LX. 90 (a.) 

3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mittw. nach Epiphan. 1454 
Schbl. LIE. 33. 

4) Fol. A. 173, 


Kriegeriſche Stellung d. Bundes gegen d. Orden. (1454.) 355 


ins Land geführt und in die Staͤdte Thorn, Kulm und El⸗ 
bing vertheilt.) f 


Die Entſcheidung ruͤckte mit jedem Tage näher; täglich 
flieg die Spannung der Gemüͤther, Angſt und Bangigkeit auf 
der einen, Grimm und Erbitterung auf der andern Seite. 
Jeder belauſchte des andern Geſinnung, lauerte auf des Geg⸗ 
ners Abſichten und Anſchlaͤge. An den Graͤnzen ſchlichen Kund⸗ 
ſchafter der Ordensbeamten nach Polen, um auszuforſchen, ob 
dort kriegeriſche Vorbereitungen im Werke ſeyen. Im Innern 
des Landes, beſonders in den Staͤdten zogen allenthalben Spione 
umher, als Pilgrime, Handwerksgeſellen oder ſonſt wie ver⸗ 
kleidet, um alles auszukundſchaften. Man wollte darunter hie 
und da ſelbſt verkleidete Ordensbrüder erkannt haben, weshalb 
der Bundesrath zu Thorn durch ein Rundſchreiben die War⸗ 
nung erließ, auf dieſes Spionengeſindel überall ein ſcharfes 
Auge zu haben.? Die Komthure hatten den Auftrag, die Stim⸗ 
mung in ihren Gebieten aufs forgfamfte auszuforſchen und alles 
anzuwenden, das Volk an ſeiner Treue gegen den Orden feſt⸗ 
zuhalten, und aus mehren Gegenden liefen auch die guͤnſtig⸗ 
ſten Berichte ein. Eine anſehnliche Zahl der kleinen Staͤdte 
theils in den weſtlichen Landen, wie Stargard, Neuenburg, 
Mewe u. a., ) vorzüglich aber die in den oͤſtlichen, ſowie die 
ehrbaren Leute aus den Gebieten des Ordensmarſchalls, von 
Balga, Brandenburg u. a. gelobten, dem Orden unter allen 
Umftänden, ſelbſt im Falle eines Krieges unwandelbare Treue 
und Gehorſam beweiſen zu wollen. Auf einer Tagfahrt zu 
Koͤnigsberg nahmen ſie ſelbſt gegen dieſe Bundesſtadt inſofern 
eine drohende Stellung an, als ſie ihr erklaͤrten, daß, wenn 


1) Fol. A. 173. 

2) Schr. des Komthurs v. Tuchel, d. Mont. vor Antonii 1454; 
dabei das Warnungsſchreiben des Bundesraths zu Thorn unter dem 
Siegel Auguſtins v. der Schewe, d. Thorn Sonnab. nach Epiphan- 
1454 Schbl. XXIII. 42. 

3) Schr. des Jon von der Jene an Hans v. Baiſen, d. am T. 
Pauli 1454 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. XVII. 35. 

23 


356 Kriegeriſche Stellung d. Bundes gegen d. Orden. (1454.) 


es mit den Wehranſtalten und Ruͤſtungen der Stadt auf einen 
Angriff gegen den Orden abgeſehen ſey, ſie dieſem mit aller Macht 
zu Hülfe ſtehen wuͤrden. Der Komthur von Oſterode brachte 
ſogar unter den Staͤdten und kleinen Freien ſeines Gebietes 
eine Art von Gegenbund zu Stande, in welchem alle ſich auf 
Eid und Ehre vereinten, den Meiſter vor aller Gewalt zu ſchuͤ⸗ 
tzen, dem Orden mit Gut und Blut beizuſtehen und jeden, 
der aus dieſem ihrem Bunde in den feindlichen uͤbertreten 
werde, auf Leben und Tod zu verfolgen. Mit dieſem Bunde 
ſollte ein anderer im Chriſtburgiſchen Gebiete ſich vereinigen 
und ſeinen Kreis immer mehr erweitern; die Gebietiger von 
Oſterode und Chriſtburg ſollten an die Spitze treten und ihn 
wenigſtens auf einige Jahre zuſammenhalten: ein Gedanke, der, 
wenn er fruͤher und allgemeiner ausgefuͤhrt worden waͤre, vie⸗ 
lem Unheil und Verderben haͤtte vorbeugen koͤnnen. Jetzt blieb 
er nur auf dieſe Gebiete beſchraͤnkt und ſomit auch ohne be⸗ 
ſondere Folgen. 

Wie konnte auch ein ſo kleiner Bundesverein etwas Be⸗ 
deutendes wirken, einem Sturme gegenuͤber, der von Thorn 
aus mit ſo reißender Gewalt uͤber das Land hinbrauſte, von 
Maͤnnern in der wildeſten Bewegung erhalten, die wie Hans 
von Baiſen, Hans von Czegenberg, Thielemann von Wege, 
Nicolaus von Tergowitz, Auguſtin von der Schewe, Stibor 
und Gabriel von Baiſen, Ramſchel von Krixen, Jon von der 
Jene u. a. an der Spitze des Bundes jetzt alles aufbieten 
mußten, das wildgewagte Spiel mit aͤußerſter Entſchloſſenheit 
durchzuführen, für die es jetzt alles, Ehre, Leben und Eigen⸗ 
thum galt! Sie mußten jedes Mittel ergreifen, um die noch 


1) Schr. des Ord. Marſchalls und der Komthure v. Balga und 
Brandenburg, d. um Pauli Converſ. 1454 Schl. LXXIX. 46, 
132. 138. 

2) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Soldau am T. Fabian 
und Sebaſt. 1454. Außen auf dem Schreiben ſteht bemerkt, daß dieſe 
Vereinigung keinen Beſtand hatte. Schr. des Komthurs v. Mewe, 
d. Mittw. vor Lichtmeß 1454 Schbl. LX XIX. 98. 178, 


Kriegeriſche Stellung d. Bundes gegen d. Orden. (1454. ). 357 


uͤbrige Macht des Ordens moͤglichſt zu ſchwaͤchen und ihm je 
des Vertheidigungsmittel zu entwinden; und der Haß und In⸗ 
grimm des Volkes in den großen Staͤdten und eines großen 
Theiles der Ritterſchaft kam ihnen dabei zu Huͤlfe. Als daher 
der Komthur von Thorn gegen den täglich zunehmenden Ge⸗ 
drang ſeine Burg ſtaͤrker bewehren und befeſtigen wollte, trat 
ihm zuerſt der Buͤrgermeiſter warnend entgegen und als dieß 
nicht fruchtete, bemaͤchtigte ſich das Stadtvolk alles Bauma⸗ 
terials und ließ der Burg nichts mehr zuführen. Der Ei⸗ 
dechſen⸗Ritter Nicolaus von Tergowitz, zum Hauptmanne der 
Neuſtadt beſtellt, befehligte dort einen Theil der mit den 
Sendboten ins Land gezogenen Boͤhmiſchen Söldner, Hans 
von Baiſen gab dieſe Schaar abſichtlich nur ſehr gering an, 
denn daß fie ungleich größer war, bewies die Drohung des 
Bürgermeifterd, der dem Komthur erklaͤrte: wenn wirklich, wie 
man vernehme, Dreihundert Mann gegen Thorn im Anzuge 
feyen, fo habe man bereits Anſtalt getroffen, ſie in der Naͤhe 
von Thorn anzugreifen und ſo den Krieg zu beginnen, denn 
man werde in keiner Weiſe geſtatten, das Haus ſtaͤrker zu be⸗ 
mannen. Dieſer Umſtand und das Geruͤcht, daß Markgraf 
Albrecht von Brandenburg und der Ordensſpittler naͤchſtens 
eine anſehnliche Kriegsmacht von Söldnern herbeiführen wir 
den, 2 beſchleunigten jetzt die Entſchlüſſe und Schritte der Bun⸗ 
deshaͤupter. Thorn, Danzig und Elbing waren bereits hin⸗ 
laͤnglich mit Mannſchaft und Kriegsmitteln verſorgt. Seit 
Thielemann von Wege und Gabriel von Baiſen, der beim Koͤ⸗ 
nige von Polen zu Lublin geweſen, nach Thorn zuruͤckgekehrt 
waren, langten dort taͤglich neue Haufen von Reiſigen und 
Trabanten an, ſo daß man jeden Tag ſchon den Ausbruch des 
Krieges erwartete. 3) | 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am Z. Marcelli 1454 Schbl. 
III. 32. 
2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am T. Agnes 1454 Schöl. 


2 
3) Schr. des Hermann Witt, d. Thorn Mont. nach Pauli 1454 


358 Abfall der Verbuͤndeten vom Orden. (1454.) 


In der That war auch ſchon in den letzten Tagen des 
Januars der liſtige Anſchlag zum gaͤnzlichen Abfalle vom Or⸗ 
den entworfen.) Auf Anlaß des Bundesrathes zu Thorn 
naͤmlich begaben ſich mehre Buͤrger aus Kulm, die der Hoch⸗ 
meiſter bisher für treu und gehorſam gehalten, zum Komthur 
von Strasburg und durch Geſpraͤche uͤber des Landes Zuſtand 
ſich bei ihm Vertrauen erwerbend, ertheilten ſie ihm den an⸗ 
ſcheinend wohlgemeinten Rath: er moͤge den Meiſter zu bewe⸗ 
gen ſuchen, noch einmal den Weg einer Verſoͤhnung einzuſchla⸗ 
gen und deshalb einige ſeiner wichtigſten Gebietiger ſo bald 
als moͤglich nach Thorn zu ſenden, wo Hans von Baiſen mit 
den vornehmſten Bundesherren ſich gerne zu einer nochmaligen 
Tagfahrt bereitwillig finden laſſen würden. Der Komthur, 
dem Vorgeben trauend, meldete dieß dem Hochmeiſter. Daſſelbe 
thaten die Danziger, indem ſie ihren Komthur erſuchten, den 
Meiſter mündlich zu einem ſolchen Verſoͤhnungsverſuche zu be⸗ 
wegen.) Zu gleicher Zeit ſchrieb an dieſen auch Hans von 
Baiſen: koͤnne er noch irgend etwas in bequemer Weiſe in 
der Sache thun, fo ſolle es an ihm nicht fehlen; er habe fruͤ⸗ 
her oft den Rath gegeben, man ſolle die Sache nicht aus dem 
Lande kommen laſſen: allein dieſer Rath ſey als unnuͤtz befun⸗ 
den worden; er habe daruͤber weder ſchriftlich noch muͤndlich 
je eine Antwort erhalten.) Auf dicſe Vorſtellungen beſchloß 
der Hochmeiſter, die beiden Komthure von Strasburg und 
Danzig nach Thorn zu ſenden, wo ſie ſich mit dem von 
Thorn, einigen der ehrbarſten Leute aus dem Strasburgiſchen 
Gebiete und andern Goͤnnern des Ordens zu einer Tagfahrt 


Schbl. LXXVII. 42. Man erfuhr, daß die erſten Angriffe auf die 
ſchwachbeſetzten Burgen Althaus, Schwez und einige andere gerichtet 
ſeyn ſollten. Schr. des Komthurs v. Althaus an den v. Schwez, d. 
am T. Vincentii 1454 Schbl. LXXIX. 96. 171, 

1) Fol. A. 173. 

2) Fol. A. 173. 

3) Schr. des Hans v. Baiſen an den HM. d. Thorn am S. 
Pauls⸗Tage 1454 Schbl. LXXIX. 108. 


Abfall der Verbündeten vom Orden. (1454.) 359 


mit den Bundeshaͤuptern vereinigen ſollten.) Alle Komthure, 
ſelbſt die getreuen Lande und Städte im Niederlande ſtimmten 
mit ein, doch die meiſten mit dem Rathe, der Meiſter moͤge 
die Tagfahrt noch hinziehen bis zur Ankunft der Ordensgeſandten 
und zu dieſem Aufſchub auch den Bundesrath in Thorn zu be⸗ 
wegen ſuchen.) Dieß ſchien auch um ſo erwuͤnſchter, da 
dem Hochmeiſter ſowohl vom Giſchof von Ermland und dem 
Ordensſpittler als vom Pfleger von Buͤtow tröftende Nachrich⸗ 
ten zukamen, namentlich daß der alte Koͤnig Erich verſprochen 
habe, dem Orden mit Geld und einem Kriegshaufen von we⸗ 
nigſtens fuͤnftauſend Mann zu Huͤlſe kommen zu wollen, ſo⸗ 
bald es der Meiſter wuͤnſche.“ 

Nun geſchah aber, daß an dem Tage, als der Komthur 
von Danzig in Marienburg die nöthigen Befehle und Aufträge 
zur Verhandlung mit den Bundesherren in Empfang nehmen 
ſollte, auch der Ordensmarſchall mit dem naͤmlichen Anbringen 
von Seiten Königsbergs dort eintraf. Dieß vermehrte noch 
des Meiſters Hoffnung und Vertrauen und es ſchien ihm rath⸗ 
ſam, auch den Marſchall mit nach Thorn zu ſenden. Am 
Donnerſtag nach Dorotheaͤ oder am ſechſten Februar ſollten 
die Gebietiger dort eintreffen. ) Allein noch vor dieſem Tage 
ward der entſcheidende Schritt gethan. Nachdem man durch 
den erwaͤhnten ſchlauen Vorſchlag den Hochmeiſter und die 
Gebietiger ſicher gemacht, die Soldtruppen des Ordens in der 
Ferne gehalten und die Ausſicht gewonnen hatte, einige der 


1) Fol. A. 173. 

2) Schr. der Komkhure v. Balga u. Brandenburg, d. Lichtmeß 
1454. Schr. des Komthurs v. Danzig, des von Mewe, Strasburg, 
d. Mont. vor Purif. Mariä 1454 Schbl LXXIX. 8. 35. 133. 214. 
136. Schr. des Biſchofs v. Ermland und des Ordensſpittlers, d. 
Landeck Sonnt. nach Purif. Maria 1454 ebend. 69. 

3) Schr. des Biſchofs v. Ermland und des Ordensſpittlers, d. 
Dramburg am Abend Purif. Maria 1454 Schl. LXXV. 77. Schr. 
des Pfiegers v. Bütow, d. Mitiw. vor Purif. Mariä 1454 Schbl. 
XV. 56. 

4) Fol. A. 174. 


360 Abfall der Verbündeten vom Orden. (1454.) 


wichtigſten Gebietiger als Gefangene in Thorn feſtnehmen zu 
koͤnnen, verfaßte Hans von Baiſen mit den um ihn befindli⸗ 
chen Bundeshaͤuptern und Eidechſen⸗Rittern am vierten Februar 
einen an den Hochmeiſter gerichteten Abſage⸗Brief, worin dle 
Ritterſchaft und die Staͤdte des Bundes nach Aufzählung der 
Pflichtverletzungen und Ungerechtigkeiten, die man dem Hoch⸗ 
meiſter aufbuͤrdete, ihm den Gehorſam und Huldigungseid 
aufkuͤndigten. Ein Stadtknecht aus Thorn ward damit nach 
Marienburg geſandt, um ihn dem Meiſter an dem naͤmlichen 
Tage zu überreichen, an welchem man bie erwähnten drei Ge⸗ 
bietiger bei ihrem Eintreffen in Thorn gefangen nehmen wollte. 2 
Beinahe aber waͤre dieſer Plan mißlungen. Der Bote hatte 
ſich einen Tag lang in Marienburg ſchon aufgehalten und 
ausgeruht, und am S. Dorotheen⸗Tage, am ſechſten Februar 
ſpaͤt am Abend zur Collatien⸗Zeit dem Hochmeiſter den Abſa⸗ 
ge⸗Brief übergeben, als damals eben die Gebietiger noch in 
der Ordensburg Papau lagen. Scheu geworden durch die 
ſeltſamen Reden, die fie über den Zuſtand der Dinge in Thorn 
vernommen und durch das fremde Kriegsvolk, welches ſie im 
Kulmerlande geſehen, wandten ſie ſich an die Bundesoberſten 
in Thorn um ein ſicheres Geleit.s) Dieſe ohne Zeit zu ver⸗ 
lieren ſandten eiligſt den Gebietigern das Verſprechen entgegen: 
in Kulmſee werde ein Geleitshaufe ihrer warten. Auf ſolche 
Weiſe aus der Ordensburg in die biſchoͤfliche Stadt gelockt, 
empfing ſie dort wirklich auch ein Geleitshauſe, freilich nicht 


1) Abſchriften des Abſage⸗ Briefes, d. Thorn Mont. nach Purif. 
Mariaͤ 1454 Schbl. LXXIX. 74. 175, gedruckt bei Runau 5. 1113, 
Schütz p. 195, Baczko B. III. 429. Man ſah im Orden all⸗ 
gemein Hanſen v. Baiſen als Urheber deſſelben an; daher die zornigen 
Scheltworte gegen ihn im Fol. A. 174; ſ. Voigt Geſch. Marienb. 
S. 402; Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 154. Det mar Chron. B. 
II. 164. 

2) Fol. A. 174. Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 154 — 155. 

3) Schr. des Ord. Marſchalls an die Bundesglieder in Thorn, d. 
am T. Dorothea 1454 Schbl. LXXIX. 60; Geſch. der Eidechſ. Ge⸗ 
ſellſch. S. 155 — 156, 


Abfall ber Verbündeten vom Orden. (1454.) 361 


der freundlichſte. Otto von Machwitz, ein kuͤhner, entſchloſſe⸗ 
ner Ritter, früher vom Hochmeiſter mit Wohlthaten uͤberhaͤuft, 
jetzt in größter Eile mit einem Boͤhmiſchen Kriegshaufen herbei⸗ 
geſandt, nahm die drei Gebietiger mit ihrer Dienerſchaft ge⸗ 
fangen und führte fie in Feſſeln nach Thorn. Ihr Empfang 
war fürchterlich. Jung und Alt hatte ſich an den Thoren und 
in den Straßen aufgeſtellt und unter fpöttifchen Reden, bitterem 
Hohngelaͤchter und groben Beſchimpfungen, ja vom Poͤbel ſogar 
mit Koth beworfen, wurden ſie mitten durch die Haufen ge⸗ 
führt und in ein Gefängniß gebracht. 

Als dieß geſchah, war die Burg zu Thorn bereits in der 
Verbündeten Gewalt, denn der Bundesrath hatte für nöthig 
befunden, fich vor allem erſt dieſer Burg zu bemaͤchtigen, um 
dem Könige von Polen an der Graͤnze ſeines Landes einen 
ſichern Haltpunkt zu verſchaffen. Schon am vierten Februar, 
als der Ordenstreßler als Geſandter des Hochmeiſters durch 
Thorn nach Polen eilte, hatte man die Burg rings umlagert, 
mit Schutzwehren umgeben und Tag und Nacht mit ſtarken 
Wachhaufen umſtellt, ſo daß niemand weder ein- noch aus⸗ 
kommen konnte. Am andern Tage ward nach einer Verhand⸗ 
lung des Komthurs mit dem Bürgermeifter zwar erlaubt, daß 
jeder, wer wollte, die Burg verlaſſen, aber niemanden der 
Eingang geſtattet, auch weder Lebensmittel noch Futter ihr zu⸗ 
geführt werden durften. Kein Brief des Hochmeiſters an den 
Komthur wurde zugelaſſen, bevor ihn nicht der Buͤrgermeiſter 
geleſen; ohne deſſen Genehmigung durfte für die Burg in der 


1) Fol. A. 174. Otto v. Machwitz war mit Unterſtuͤtzung des 
HM. in Frankreich zum Ritter geſchlagen worden. 

2) Fol. A. 174; vgl. Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 156. — 
Ueber die nächftfolgenden Ereigniſſe erwähnt Reimar Kod’s Chronik 
bei Det mar B. II. S. 692 einer Chronik des Luͤbeckiſ. Buͤrgermeiſters 
Heinrich Caftorp, „der de Hiſtorien des pruſiſchen Landes mit aller 
Ummeſtendicheit beſchriven“; wir haben darüber aber nur die Auszüge 
bei Reimar Kock benutzen können, denn ſchon zu ſeiner Zeit war ſie 
„ vaſt oldt u. in Affgank“, fo daß fie, wie er ſagt, nach zehn Jahren 
wohl kaum noch geleſen werden koͤnne. 


362 Einnahme von Thorn. (1454.) 


Stadt kein Geſchaͤft, kein Einkauf oder irgend etwas unter⸗ 
nommen werden. „Das ſey der Lohn dafür, ſagte der Bürger: 
meiſter dem Komthur, daß der Hochmeiſter Herrn Thielemann 
von Wege und die andern Bundesgeſandten im Auslande fo 
beſchimpft, ſie alte Schaͤlke geſcholten und mit Naͤſſe begoſſen 
habe.“ ) In dieſer ſchrecklichen Lage brachte der Komthur mit 
ſeinem Konvente noch einige Tage hin, am ſiebenten Februar 
aber, nachdem der Hochmeiſter den Abſage-Brief bereits er⸗ 
halten, forderten die Thorner die Uebergabe der Burg. Der 
Komthur verweigerte fie, erklaͤrend: „wir haben unſerm Orden 
kein Haus gewonnen und wollen auch keins übergeben!“ Er 
bat vergebens um Bedenkzeit bis zum folgenden Tage; man 
verlangte ohne weiteres Ergebung, und da ſie nicht ſogleich 
erfolgte, fing das wuͤthende Volk an, die Mauern der Burg 
einzuhauen und die Vorburg in Brand zu ſtecken. Zugleich 
ward die Hauptburg von zwei Seiten her unaufhoͤrlich bis 
nach Mitternacht mit ſchwerem Geſchuͤtze beſchoſſen. Da er⸗ 
muͤdete endlich die ſchwache, entmuthigte Beſatzung, fo daß 
ein Theil der fruͤher vom Meiſter geſandten Trabanten über die 
Mauer die Flucht ergriff, ein anderer ſich in die Winkel der 
Burg verkroch. Es war kein Widerſtand mehr moglich. Man 
beſchloß noch in der Nacht, die Burg dem Feinde zu über: 
liefern und mit anbrechendem Morgen ward ſie ihm mit der 
Bedingung eingeraͤumt, daß allen Ordensbruͤdern unter Sicher⸗ 
heit ihres Lebens und Eigenthums freier Abzug geſtattet ſeyn 
ſollte. Erſt nach vielen Verhandlungen wurde auch den vom 
Bunde Abgefallenen, die ſich auf die Burg gefluͤchtet, freier 
Abzug zugeſtanden. Den Ordensrittern erlaubte man noch 
einen vierzehntaͤgigen Aufenthalt im dortigen Barfuͤßer⸗Kloſter. 
Dann ſollten ſie es verlaſſen und unter ſicherem Geleite ſich 
in irgend eine Ordensburg, jedoch nicht nach Marienburg, 
Danzig, Elbing, Balga, Brandenburg, Koͤnigsberg und in 


1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mont. v. Agatha 1454 
Schbl. LII. 106; vgl. Geſch. der Eidechſ. Geſellſchaft S. 157 — 158. 


Einnahme von Thorn. (1454.) 363 


keine des Kulmerlandes begeben durfen, auch nicht ferner gegen 
den Bund kämpfen, fofern die Burg, wohin fie ſich wenden 
wuͤrden, von den Bundesverwandten belagert werde. Jammer⸗ 
voll über fein Schickſal klagend meldete dieß alles der Komthur 
dem Meifter, ihn bittend, die Ordensbruͤder mit einigem Lebens⸗ 
unterhalte zu verſorgen und zu beſtimmen, in welche Burg er 
fi) mit Seinen unglücklichen Brüdern begeben ſolle.) Sie 
mußten ſich meiſt nach Tuchel, Schlochau und in die Neumark 
flichten, denn ſonſt wußte der Meiſter fie nirgends aufzu⸗ 
nehmen. ?) 

So hatte Thorn, das erſte Ordenshaus, welches der 
Orden bei feinem Eintritt ins Land vor mehr als zweihundert 
Jahren aufgebaut, im erſten Sturme des Bundeskrieges auf⸗ 
gehört dazuſcyn, denn es wurde ſogleich vom Volke von Grund 
aus zerfiört und alles auseinander geworfen. Der Hochmeiſter 
empfing die Nachricht vom Schickſale der Burg keineswegs 
unvorbereitet, denn einige Tage zuvor hatten ihm ſchon der 
Landrichter im Kulmerlande Otto von Plenchau und einige 
andere getreue Anhaͤnger von dem, was in Thorn vorging, 
Meldung gegeben.?) Auch die Bewegungen in der Umgegend 
des Haupthaufes ſelbſt gaben hinlaͤnglich Anzeigen, daß wich⸗ 
tige Ercigniſſe im Schwange feyen. Die Verbuͤndeten aus 
Pommerellen und dem Putziger Winkel waren im Anzuge auf 
Stargard, lagerten ſich dann in der Naͤhe von Meve, um 
von da nach Elbing zu ziehen. Ein Theil wandte ſich nach 


1) Schr. des Komtburs v. Tborn, d. im Kloſter der Barfuͤßer 
Mont. vor Valentini 1454 Schbl. LII. 105; es iſt das letzte Schreiben, 
welches ein Komthur v. Thorn ſchrieb. Zur Widerlegung der unrich⸗ 
tigen Nachrichten über die Einnahme der Burg zu Thorn, wie man 
ſie nach einigen Chroniſten, namentlich Schütz p. 196 bei Bac ko 
B. III. 307 u. Kotzebue B. W. 147 n. 321 findet, iſt es gedruckt 
in der Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 158 — 160. 

2) Die Antwort des HM. an d. Komthur v. Thorn, d. Marienb. 
Mittw. nach Scholaſticä 1454 im Rathsarchiv zu Thorn Serin. XV. 13. 

3) Schr. des Landrichters des Kulmerlandes u. a. d. Graudenz 
Mont. nach Purif. Mariä 1454 Schöl. XXIII. 41. 


364 Einnahme von Thorn. (1454.) 


Oſſek und an der Bda hin, ſich durch den Beitritt des ge⸗ 
meinen Volkes immer mehr verſtaͤrkend.) Aus Danzig erhielt 
der Meiſter die troſtloſeſten Nachrichten: die Burg ſey ſchon ſo 
gut als verloren und die Beſatzung jaͤmmerlich verrathen; es 
duͤrfe ihr nichts mehr von Lebensmitteln aus der Stadt zu⸗ 
geführt werden; man werde vor allem die vier Hauptburgen 
zu Thorn, Danzig, Elbing und Hoͤnigsberg zu gewinnen 
ſuchen; auch ſey ſchon eine Botſchaft mit reichen Geſchenken 
und Ehrengaben von Danzig und Thorn an den Koͤnig von 
Polen abgegangen.“ 

Die Uebergabe des Abſage⸗ Briefes hatte in Marienburg 
alles in Angſt und Schrecken gefegt.? Noch bevor aus Thorn 
Nachricht kam, verfaßte der Meiſter ſofort ein Schreiben an 
den Bundesrath, ihm erklaͤrend: er habe ja gerne eine Tag 
fahrt halten und da alle Gebrechen und Zwietracht auf guͤt 
liche Weiſe beſeitigen wollen, jetzt zeige aber die Aufſage der 
Huldigung, daß ſie auf Krieg ausgingen. Dieſen zu ver 
meiden und damit man ſehe, daß die Schuld nicht an ihm 
liege, fo wolle er ihnen jetzt feſt verſprechen, fie bei ihrem 
Bunde zu laſſen, jährlich auch einen Richttag zu halten, wie 
fie ihn verlangten, und alle Mißhelligkeiten auf einer Tagfahrt 
guͤtlich beizulegen; nur möchten fie den ſtuͤrmenden Angriff auf 
die Burgen unterlaſſen.) Ein ähnliches Erbieten erließ er 
an die Stadt Danzig, den Rath, die Schoppen und die An. 
geſehenſten der Gemeine zu ſich nach Marienburg einladend, 
um auf glimpflichem Wege alle Irrungen zu beſeitigen. Allein 
auch hier war der Schritt zu ſpaͤt; man antwortete: der Rath 


1) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. am T. Dorotheaͤ 145. 
Schbl. LXXIX. 163. 

2) Zwei Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. Donnerſt. nach 
u. I. Frauen⸗Tag u. am T. Dorothed 1454 Schbl. LXXIX. 4I. 
XXIII. 40. 

3) Schütz p. 195. 

40 Schr. des HM. an Lande u. Städte zu Thorn, d. Mar. Freil. 
nach Dorothea 1454 Schbl. LXXIX. 57. 


Einnahme von Thorn. (1454.) 365 


von Danzig koͤnne fir ſich in fo wichtigen Dingen nichts ver 
handeln.) In größter Eile ſandte der Meiſter Boten aus 
an die Komthure von Strasburg, Balga, Brandenburg und 
viele andere: fie möchten aufs ſchleunigſte die Vornehmſten 
ihrer Ritterſchaft zufammenberufen, fie zu Treue und Gehorfam 
ermahnen, zur Kriegsruͤſtung auffordern, um Rath und Huͤlfe 
bitten und ihnen ans Herz legen, daß der Orden nichts ver⸗ 
lange, als was recht und billig. Von manchen Orten liefen 
auch bald troͤſtende Verſicherungen ein;? allein an mehren 
ſchlug nach einigen Tagen ſchon die Gefinnung gaͤnzlich um; 
ſie ſchloſſen ſich den Verbuͤndeten an, denn ſobald die Burg 
zu Thorn dieſen uͤbergeben war, leuchtete von der Spitze des 
hoͤchſten Thurmes ein Feuer auf, als Loſung des gelungenen 
Anſchlages, und ſchnell wie dieſe Flammen von Thurm zu 
Thurm verbreitete ſich der Aufſtand durchs ganze Kulmer⸗ 
land.) Im Verlaufe weniger Tage waren faſt alle dortige 
Burgen, als Golub, Schoͤnſee, Althaus, Rheden, Graudenz, 
Papau und Roggenhauſen von Kriegshaufen umlagert. So⸗ 
gleich beim erſten Anfalle ſchlugen ſich die Staͤdte Strasburg, 
Graudenz und Rheden zur Sache des Bundes; aber die Burgen 
leiſteten überall ſtandhafte Gegenwehr.) Die Bundeshauptleute 
erließen an die ehrbaren Leute, die ſich in fie geflüchtet, eine 
drohende Aufforderung, die Ordenshaͤuſer zu übergeben, widrigen⸗ 
falls werde es allen die Haͤlſe koſten; viele ließen ſich ſchrecken 
und flohen zu den Verbuͤndeten uͤber.) Von allen Seiten 


1) Schr. des Ratbs v. Danzig, d. am T. Valentini 1454 Schl. 
Varia 106. 

2) Schr. des HM. an die Komthure u. Ordensbeamte, d. Mar. 
Donnerſt. nach Dorothea 1454 Schbl. LXXIX. 10. 

3) Schr. des Komthurs v. Strasburg, Tuchel, vom Nathe von 
Tuchel u. a. Schbl. LXXIX. 137. 34. LIX. 122. 

4) Schütz p. 196. Nach Detmar Chron. B. II. 164 ſandte 
der HM. ſogleich Boten in die Schloͤſſer, um ſie vor der Gefahr zu 
warnen; ſie wurden aber alle aufgefangen. 

5) Fol. A. 174. Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. am T. 
Valentini 1454 Schbl. LXXIX. 13. 

6) Fol. A. 174. 


* 


366 Einnahme der Ordensburgen durch die Verbündeten. (1454.) 


kam Klage und Jammer und der Ruf um Huͤlfe an den Hoch⸗ 
meiſter. Der Biſchof Kaspar von Pomeſanien bat dringend 
um einen Hauptmann nach Rieſenburg, D die Komthure um 
Befehlshaber für ihre Staͤdte, um Buͤchſenſchuͤtzen, Verſtaͤrkung 
der Beſatzungen, Kriegsmittel zur Vertheidigung ihrer Bur⸗ 
gen.? Nun erkannte der Hochmeiſter, wie unklug fein Befehl 
an den Ordensſpittler geweſen, die geworbenen Soͤldnerhaufen 
nicht mit ins Land zu bringen, denn nirgends konnte er Bei⸗ 
ſtand leiſten. Um ſein eigenes Haupthaus ſchon ſehr beſorgt, 
forderte er mehre Komthure und Pfleger des Hinterlandes auf, 
eiligſt mit ihren Dienſtpflichtigen, Dienern und Getreuen zur 
Vertheidigung Marienburgs herbeizukommen; allein die beiden 
Pfleger von Seeſten und Raſtenburg waren dort in ihren 
Staͤdten bereits gefangen genommen und der letztere vom 
wuͤthenden Volke erſaͤuft worden. 3 

Da wandte ſich der Hochmeiſter in der ſchweren Bedraͤng⸗ 
niß an die Herzoge Wladislav und Boleslav von Maſovien, 
an den Kurfuͤrſten von Brandenburg, an die Herzoge von 
Sachſen und bald nachher auch an den alten Koͤnig Erich in 
Pommern mit dringendſten Bitten, ihm fo eilig als möglich 
gegen ſeine ungetreuen Unterthanen zu Huͤlfe zu kommen und 
den Orden aus ſeiner Noth zu retten.) Allein aus dem 


1) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenburg Donnerſt. 
nach Dorothea 1454 Schbl. LXV. 15. 

2) Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. Freit. nach Dorothea 
1454 u. Schr. des Komthurs v. Tuchel u. der Voͤgte v. Dirſchau u. 
Brathean Schbl. LXXIX. 137. 34. 10. 172. 

3) Schr. des HM. an den Pfleger v. Seeſten, d. Mar. Freit. 
nach Dorothea 1454 Schbl. Adelsgeſch. H. 34. Fol. A. 175. 

4) Schr. des HM. an die Herzoge v. Maſovien, d. Mar. Freit. 
nach Dorothea 1454. Schr. deſſ. an den Kurfuͤrſt. v. Brandenburg, d. 
Mar. Mittw. vor Valentini 1454 in Raumer Cod. diplom. Brandenb. 
T. I. p. 239 (wo aber das Dat. Mont. vor Valentini iſt); Schr. des 
HM. an den Landvogt v. Sachſen Hans Marſchall, der Mar. Mittw. 
vor Valentini 1454; Schr. deſſ. an den König Erich, d. Mar. Dienft, 
nach Mathid 1454 Schbl. LXXIX. 168. 205. 181. 165. 


Einnahme der Drbensburgen durch die Verbündeten. (1454.) 367 


nachbarlichen Pommern war wenig Beiſtand zu erwarten, denn 
die dortigen Staͤdte hatten alle Reiſige und Trabanten, die 
irgend aufzubringen waren, den Danzigern zugeſandt.“ Der 
Komthur von Schlochau gab ſich alle moͤgliche Muͤhe, vom 
Vogt der Neumark einige Hundert Reiſige auf Sold zu er⸗ 
halten; allein er konnte ſich kaum einige vierzig Pferde vom 
Vogt von Schievelbein verſchaffen, um die Burgen zu Schlochau 
und Tuchel gegen drohende Gefahr zu ſchützen, weil er in 
ihnen ſelbſt nur wenige zuverläffige Leute hatte, zumal da ſich 
viele, ſ. g. Pane jener Gegend dem Bunde wieder angeſchloſſen, 
weil, wie man vorgab, der Hochmeiſter ihnen den verſprochenen 
Beiſtand nicht geleiftet. ? 

So blieb vorerſt der Meiſter ohne auswärtige Huͤlfe. Man 
mußte daher Aufſchub und Vermittlung verſuchen. Da ſeine 
Erbietungen von den Verbündeten nicht beachtet worden waren, 
ſo richtete der Biſchof von Pomeſanien dieſelben an die im 
Pomeſaniſchen Stifte liegenden Bundeshauptleute Nicolaus von 
Machwitz, Albrecht von Waldau u. a. Die auf Marienburg 
befindlichen Ritter und Knechte knuͤpften Unterhandlungen mit 
den Bundeshaͤuptern Stibor von Baiſen und Ramſchel von 
Krixen an; allein man wies ſie an die zu Elbing verſammelten 
Bevollmaͤchtigte der Lande und Staͤdte und von da wieder an 
den Bundesrath in Thorn. Der Hochmeifter legte dieſem letz⸗ 
tern von neuem fein Erbieten vor,?) wandte ſich aber jetzt zus 
gleich auch an den Koͤnig von Polen, ihn dringend um Ver⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Dienſt. vor Valentini 
1454 Schbl. LXXIX. 39. 

2) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Dienſt. u. Sonnab. 
nach Valentini 1454. Schr. des HM. an die Voͤgte der Neumark u. 
Schievelbein, d. Mar. Freit. nach Dorothea 1454 Schbl. LXXIX. 21. 
32. 184. 

3) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenburg Mont. 
nach Valentini 1454. Schr. der Ritter u. Knechte zu Marienb. an 
Stibor v. Baiſen u. ſ. w. d. Mar. Mont. nach Valent. 1454. Schr. 
des HM. an Lande u. Städte zu Thorn, d. Mar. am . e Die 
Apoſt, 1454 Schbl. LXXIX. 210. 9. 22. 


368 Einnahme der Ordensburgen durch die Verbündeten. (1454.) 


mittlung bittend, weil unter den wilden und ſeltſamen Ver⸗ 
haͤltniſſen im Lande unfehlbar Blutvergießen erfolgen muͤſſe. 
„So ihr denn, ſchrieb er ihm, ein christlicher König ſeyd, der 
unzweifelhaft gerne bewirbt, was ſich zum Frieden und Beſten 
zieht, ſo flehen und bitten wir ſammt unſern Praͤlaten und 
unſerm ganzen Orden demuͤthig euere koͤnigl. Majeſtaͤt, wollet 
euch ſolche entſtandene Zwietracht, Truͤbſal und Jammer dieſes 
Landes und unſeres Ordens bewegen laſſen und euch Gott zu 
Lob, Marien ſeiner werthen Mutter zu Ehren und unſerem 
Orden und dieſem Lande zu Gut in die Sachen zwiſchen uns 
und unſern Landen und Städten als ein freundlicher und gnaͤ⸗ 
diger Vermittler legen, ob ihr noch ſolchen Jammer mit euerer 
Herren Weisheit und Hülfe möchtet niederlegen und ins Beſte 
wandeln.“) 

Allein der Sturm war auf keine Weiſe mehr zu bewaͤlti⸗ 
gen. Die meiſten Burgen im Kulmerlande, als Birgelau, 
Papau, Althaus, Graudenz, Schwez u. a., auch Mewe und 
Sobowitz waren mittlerweile den Verbündeten in die Hände 
gefallen und aus den Staͤdten ſtark mit Mannſchaft beſetzt. 2 
Schoͤneck ergab ſich den Danzigern freiwillig. Die Burg zu 
Danzig, wo man mit einemmal alle Buͤchſen vernagelt fand, 
ward vom Hauskomthur Konrad Pfersfelder, den Furcht ſchreckte 
und Geld blendete, dem Rathe der Stadt durch einen foͤrmlichen 
Vertrag und ohne alle Gegenwehr überliefert. Er und die 
Ordensbruͤder, die in die Uebergabe eingewilligt, erhielten eine 
anſehnliche Geldſumme und die Erlaubniß, bis in den Sommer 
in Danzig noch zu verweilen. Dann zogen ſie alle mit ihrer 
Habe davon. Die Burg aber wurde von den Bürgern gaͤnz⸗ 
lich zerſtoͤrt, denn der erwaͤhnte Hauskomthur gab ſelbſt den 
Rath: wenn die Bauern den Storch nicht laͤnger auf dem 
Haufe leiden wollen, fo werfen fie ihm das Neſt herunter. 9 


1) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Mar. Sonnt. 
nach Valentini 1454 Schbl. LXXIX. 69. 

2) Schütz p. 196. Strasburg, welches der Chroniſt ebenfalls 
nennt, wurde erſt ſpaͤter belagert. Detmar Chron. B. II. 164. 

3) Specieller bei Schütz p. 196. 197, Der feile Hauskomthur 


Einnahme der Ordensburgen durch die Verbündeten. (1454.) 369 


Von Danzig aus wurde ſofort auch die Ordensburg Grebin 
im Werder uͤberfallen, ohne bedeutenden Widerſtand genommen 
und niedergebrannt. Die Burg zu Elbing, deren Komthur 
Heinrich Reuß von Plauen, der unterdeſſen ins Land gekom⸗ 
men, ſich auf der Burg zu Preuſſiſch⸗ Holland befand, leiſtete 
einige Tage unter dem Befehle Graf Adolfs von Gleichen, der ſie 
tapfer vertheidigte, ſtarken Widerſtand, mußte ſich aber, als 
der verraͤtheriſche Hauskomthur den Ordensmantel von ſich warf 
und mit den Bürgern ſich vereinigte, am zwoͤlften Februar der 
ſtuͤrmmenden Volksmenge ebenfalls ergeben und wurde dem Bo⸗ 
den gleich gemacht. Die Kornhaͤuſer waren von den Ordens⸗ 
herren ſelbſt in Brand geſteckt und fuͤr mehr als zweitauſend 
Mark Getraide ſo vernichtet worden. Darauf folgte auch die 
Uebergabe der Burg zu Preuſſiſch⸗Holland, denn der Ordens⸗ 
ſpittler konnte unter ſchwerer Muͤhe ſie gegen die Angriffe der 
Danziger, Elbinger und Boͤhmen nur wenige Tage vertheidi⸗ 
gen.) So waren binnen acht Tagen ſchon dreizehn Burgen 
in die Gewalt der Verbuͤndeten gefallen?) theils durch Ver⸗ 
raͤtherei der Ordensdiener und Flüchtlinge, die ſich darauf be⸗ 
fanden, theils auch durch Feigheit und Untreue der Ordens⸗ 
ritter ſelbſt. 

Durchs ganze Land ging Angſt und Schrecken. Im 
Oſterodiſchen Gebiete wandten ſich jetzt alle ehrbaren Leute auf 
die Seite des Bundes.) Daſſelbe geſchah im Ermland. Da 
die Braunsberger der Domherren Haͤuſer und Hoͤfe pluͤnderten 
Jund für dieſe keine andere Rettung moͤglich war, fo erklärte 


Konrad Pfersfelder ſoll ſich nachmals vom Orden losgeſagt u. ein Weib 
genommen haben. Baczko B. III. 308. Fol. A. 175. Detmar 
d. a. O. S. 165. 

1) ueber die uebergabe von Elbing u. Pr. Holland Fol. A. 175. 

2) Schütz p. 197. Runau p. 14. Die Nachricht bei Leo p. 268, 
daß der Ordensſpittler ſich in einem Kloſter zu Elbing verſteckt u. dann 
nach Marienburg geflüchtet habe, iſt unrichtig. 

3) Das ſagt der Fol. A. 175 ausdrücklich. 

4) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenburg Mont. nad) » 
Valentini 1454 Schbl. LXXIX. 210. 

VIII. 24 


370 Einnahme der Ordensburgen durch die Verbündeten. (1454.) 


ſich auch das Domkapitel von Ermland fuͤr die Sache des 
Bundes und ſagte ſich dadurch von feinem Biſchofe los.“ 
Die Ordensburg zu Koͤnigsberg, wo man den Hauskomthur 
kurz zuvor noch durch allerlei friedliche Verſicherungen zu be⸗ 
guͤtigen gewußt, ergab ſich ohne Gegenwehr; man bewilligte 
den Ordensbruͤdern freien Abzug nach Lochſtaͤdt und dort ſichern 
Aufenthalt bis zum Fruͤhling.) Nicht fo gelind verfuhr man 
mit den Ordensrittern an andern Orten; man ſtuͤrzte ſie hie 
und da von den Burgmauern, erſaͤufte andere in nahen Ge⸗ 
waͤſſern, ſetzte manche auf die offene See aus und ſie kamen 
nie wieder zum Vorſchein u. ſ. w.“) Auch im Komthurbezirke 
von Preuſſiſch⸗Mark war alles in Aufloͤſung und Verwirrung; 
die Freien, faſt alle dem Orden feindlich geſinnt, drohten dem 
Hauskomthur zu Preuſſiſch⸗Mark, ſie wuͤrden ihn, wenn ſie 
die Burg gewaͤnnen, uͤber die Mauer ſtuͤrzen. Da keine Hoff⸗ 
nung war, die Burg zu retten, weil ſie kaum zwanzig wehr⸗ 
hafte Leute zu ihrer Vertheidigung hatte, ſo entfloh endlich der 
Hauskomthur mit dem geſammelten Zinsgelde.) Nachdem 
auch Rheden nach einigem Widerſtande gefallen war, erging 
vom Bundesrathe zu Thorn an alle Ritter und Knechte des 
Kulmerlandes und der andern Bundesgebiete der Befehl, in 
voller Ruͤſtung vor Strasburg zu reiten, um dort den Ver⸗ 
buͤndeten die belagerte Burg erſtuͤrmen zu helfen. Es geſchah 
und Strasburg fiel in ihre Hände. Aber nicht bloß der 
Burgen war in wenigen Wochen eine anſehnliche Zahl ge⸗ 
wonnen worden; bald ſandte auch die Ritterſchaft der Gebiete 


1) Die Beitrittsurkunde des Kapitels v. Frauenburg zum Bunde, 
d. am T. Valentini 1454 im Rathsarchiv zu Elbing; vgl. Schütz P. 197, 

2) Schütz L e. Schr des Hauskomthurs v. Königsberg, d. Dienſt. 
nach Purif. Mariä 1454 Schl. LVII. 35. 

3) Fol. A. 175. 

4) Schr. des Hauskomthurs v. Preuſſ. Mark, d. am T. Apollonlä 
1454 Schbl. LIII. 23. LXXIX. 15. Fol. A. 175, 

5) Fol. A. 174. Der Befehl des Bundesrathes, d. Thorn Dienſt. 
vor Kathedra Petri 1454 Schbl. LXXIX. 99. Dlugoss. T. II. 132 
erzählt die uebergabe von Strasburg anders. 


Einnahme der Ordensburgen durch die Verbündeten. (1454.) 371 


von Balga, Brandenburg, Samlands und des ganzen Hinter⸗ 
landes dem Hochmeiſter die Abſage der Huldigung zu;! ſelbſt 
Brandenburg, Balga, Eilau, Raſtenburg, Ortelsburg und 
Mohrungen waren noch vor dem Ende des Februars in der 
Verbündeten Gewalt und Oſterode feinem Falle nahe.?) Auch 
die dem Orden bisher getreuen kleinen Staͤdte, wie Dirſchau, 
Mewe, Neuenburg u. a. waren, durch die wilden Ereigniſſe 
geſchreckt, zum Bunde uͤbergetreten oder traten noch taͤglich zu 
ihm über, ſo daß man nach Verlauf von vier Wochen ihrer 
nicht weniger als ſechs und funfzig zählte und außer Marien⸗ 
burg und Stuhm faſt keine mehr auf der Seite des Ordens 
ſtand.) So hatte Furcht und Schrecken, Muthloſigkeit und 
Verraͤtherei, Haß und Rache, kurz alles zuſammengewirkt, um 
den Orden an den Rand des Unterganges zu bringen. Auch 
dem Haupthauſe Marienburg drohte nun die groͤßte Gefahr. 
Man hatte es fo ſtark als moͤglich bemannt.) Eine Ans 
zahl von Komthuren, Voͤgten und Pflegern hatten ſich dort⸗ 
hin geflüchtet. Daher riethen die Elbinger, man ſolle Marien⸗ 
burg ſo eilig als moͤglich belagern, weil die Ordensherren den 
Plan gefaßt, vier Meilen rings um die Stadt alles nieder⸗ 
zubrennen oder die Daͤmme der Nogat auszuſtechen. 5) Man 
war daher bemuͤht, im Niederland, im Brandenburgiſchen, in 
Samland und in den Stiſtslanden von Ermland Kriegsvolk 
zur Belagerung Marienburgs zuſammenzubringen.“ 


1) Der Abſage- Brief, d. Butenſtein (7) Donnerft, vor Kathedra 
Petri 1454 Schbl. LXXIX. 39. 

2) Schr. der Lande u. Städte zu Elbing an Lande u. Staͤdte zu 
Thorn, d. am T. Kathedra Petri 1454 im Rathsarch. zu Thorn 
Cist. III. 22. 

3) Schütz p. 197. Runau p. 14. Schr. des HM. an den 
Komthur v. Schlochau, d. Mar. am T Mathiä 1454 Schbl. LXXIX. 
159. Fol. A. 175. Detmar B. II. 165 nennt bloß Konitz u. 
Marienburg. 

4) Nach Detmar a. a. O. hatte Marienburg uͤber 3000 Mann 
Beſatzung. 

5) Schr. der Lande u. Städte zu Elbing a. a. O. 

6) Schr. Stibors v. Baiſen u. des Raths v. Elbing an den Rath 

24 * 


372 Bedraͤngniß des Ordens. (1454.) 


In dieſer troſtloſen, verzweiflungsvollen Lage war eine 
Rettung aus eigener Kraft für den Orden unmoglich. Es kam 
hinzu, daß bereits auch die Burg zu Schlochau von den Ver⸗ 
buͤndeten gewonnen und damit die Hauptſtraße nach Deutſch⸗ 
land gewiſſermaßen geſperrt war, denn obgleich der dortige 
Komthur die Burg hinlaͤnglich bewehrt und verſorgt, die 
Voͤgte der Neumark und von Schievelbein auch einige Mann⸗ 
ſchaft geſandt hatten, ſo war die Beſatzung doch noch viel zu 
gering, um der vor der Burg liegenden ſtarken Kriegsmacht 
der Danziger lange widerſtehen zu koͤnnen, zumal da auch hier 
die meiſten der auf die Burg geflüchteten ehrbaren Leute zur 
Nachtzeit uͤber die Mauer entflohen und waͤhrend eines An⸗ 
griffes der Danziger zwiſchen den Maͤrkern und den Landleuten 
in der Burg wilder Zwiſt ausbrach, die letztern alle aus dem 
Hauſe weggewieſen und die Beſatzung dadurch ſo geſchwaͤcht 
ward, daß die Maͤrker allen Muth verloren, den Dienſt ver⸗ 
ſagten und ſo den Komthur zur Uebergabe der Burg zwangen. 
Der ganze Konvent wanderte nach Konitz, welches ſich ebenfalls 
dem Bunde wieder angeſchloſſen hatte, und bat von dort den 
Hochmeiſter um die Erlaubniß, in die Ordensballeien nach 
Deutſchland ziehen zu dürfen. D 

Nur eine große Kriegsmacht vom Auslande her ſchien 
noch Rettung bringen zu koͤnnen. Der Meiſter hatte ſich daher 
theils von neuem an die ſchon erwaͤhnten Fuͤrſten, theils an 
die Koͤnige von Daͤnemark und Schweden, die Herzoge von 
Schleſien und Pommern, an die Kurfuͤrſten und Reichsſtaͤnde 
in Deutſchland, an die Hanſeſtaͤdte, an die beiden Meiſter von 
Deutſchland und Livland und die Gebictiger der Deutſchen 
Balleien unter Schilderung ſeiner ſchrecklichen Noth und Be⸗ 


v. Thorn, d. Dienſt. nach Kathedra Petri 1454 im Rathsarch. zu 
Thorn Cist. XVII. Zu 

1) Schr. des Komthurs u. Konvents von Schlochau an den HM. 
d. Konitz Freit. nach Mathia 1454 Schbl. LXXIX. 142. Er ſagt 
beſtimmt auch, daß Konitz ſich mit dem ganzen Gebiete wieder zum 
Bunde geſchlagen habe. 


Bedrangniß des Ordens. (1454.) 373 


draͤngniß mit flehentlichen Bitten um ſchleunige Huͤlfe gewandt. 
Insbeſondere hatte er dem neuerwaͤhlten Deutſchmeiſter Ulrich 
von Lentersheim!) den Auftrag ertheilt, dem ganzen Deutſchen 
Adel die Rettung des Ordens, „des hohen Spitals des Deut⸗ 
ſchen Adels“, aufs Dringendſte ans Herz zu legen. Vorerſt 
indeß zeigte ſich faſt noch gar keine Ausſicht zu kraͤftiger Huͤlfe. 
Die Herzoge von Maſovien wollten ſich nur durch eine Bot⸗ 
fchaft an die Verbündeten zu einer Vermittlung verſtehen, weil 
die Sendung von Hülfsvolk nicht zum Frieden führe und dem 
ewigen Frieden mit Polen widerſtreite.) Die Huͤlfe des Koͤniges 
von Daͤnemark ſuchten die Verbündeten dem Orden dadurch zu 
entziehen, daß ſie ſelbſt ſich mit ſchweren Klagen uͤber des 
Ordens Herrſchaft an den Koͤnig wandten und ihre Auflehnung 
gegen ihren Landesherrn als nur durch tyranniſchen Druck, Un⸗ 
gerechtigkeit und Wortbruͤchigkeit hervorgerufen und ihre Sache 
als die gerechteſte ihrer Freiheiten und Privilegien darſtellten.“ 
Der Kurfürſt Friederich von Brandenburg faßte jetzt wieder 
nur die Erwerbung der Neumark ins Auge, denn die Umſtaͤnde 
waren ihm jetzt guͤnſtiger als je. Der Orden mußte ihn auf 
jede Weiſe zu gewinnen ſuchen. Der Landkomthur von Sach⸗ 
ſen Friederich von Polenz ſchloß daher mit ihm im Auftrage 
des Hochmeiſters, den die Noth der Finanzverhaͤltniſſe jetzt allzu 


— — 


1) Jodocus v. Venningen, der bisherige Deutſchmeiſter, hatte 
wegen Krankheit und Gebrechlichkeit ſeinem Amte in einem Kapitel zu 
Brotfelden am Sonnt. nach Aller Heilig. 1453 entſagt u. damals 
ſchon war der Landkomthur in Franken Ulrich v. Lentersheim zum 
Deurfehmeifter gewählt worden. Seine Betätigung durch den HM. 
d. Mar. am T. Scholafticä 1454 Schbl. DM. 118. Er trat das Amt 
aber erſt im J. 1455 an, denn Jodocus von Venningen ließ ſich be⸗ 
wegen, es bis dahin noch zu verwalten. Jacger Cod. dipl. O. T. s. h. a. 

2) Schr. des HM. an die obengenannten Koͤnige, Fuͤrſten u. ſ. w. 
d. Mar. am T. Schofaftich 1454 Schbl. LXXIX. 8. 64. 185. 59. 

3) Schr. der Herzoge v. Maſovien an den HM. d. Wilnowo in 
crastino S. Julianae 1454 u. Schr. des HM. an die beiden Herzoge, 
d. Mar. am T. Kathedra Petri 1454 Schöl. LXXIX. 62. 207. 

4) Schütz p- 197 — 198, 


374 Bedraͤngniß des Ordens. (1454.) 


ſchwer draͤngte, einen Vertrag, nach welchem ihm die Neumark 
für die Summe von vierzigtauſend Rhein. Gulden kaͤuflich auf 
Wiederkauf uͤberlaſſen ward, wobei der Kurfürſt verſprach, 
ſobald als möglich perſönlich nach Schlochau oder auch nach 
Marienburg zu kommen und dort mit allem Eifer durch Unter⸗ 
handlung und Vermittlung das Beſte des Ordens zu foͤrdern.“) 
Von eigentlicher Kriegshuͤlfe ließ Friederich nichts verlauten. 
Gerade an dem Tage aber, an welchem der Orden die 
Neumark an den Kurfuͤrſten abtrat, fertigte zu Krakau der 
Koͤnig von Polen gegen jenen eine Kriegserklaͤrung aus. Kaum 
naͤmlich war der Schritt des Abfalles vom Orden geſchehen, 
als in den zahlreichen Verſammlungen der Eidechſen-Ritter, 
des Landadels und der Abgeordneten der Bundesſtaͤdte die 
Hauptfrage zu Entſcheidung kommen mußte: welche Maaß⸗ 
regeln jetzt zur Aufſtellung eines geordneten Regiments und fuͤr 
des Landes Sicherheit zu ergreifen ſeyen? Die Meinungen 
ſollen ſehr verſchieden geweſen ſeyn. Der Adel, heißt es, 
ſtimmte dafuͤr, man ſolle die eroberten Burgen unverſehrt er⸗ 
halten; er wolle ſie ſelbſt bemannen und von ihnen aus Land 
und Städte ſchuͤtzen. Dem ſoll von Seiten des Landvolkes 
widerſprochen worden ſeyn, aus Beſorgniß, der Adel moͤge 
bald ebenſo wie der Orden als ſtrenggebietender Herr des 
Landes auftreten.) In einzelnen Staͤdten, beſonders den 
reichern Handelsſtaͤdten, wie in Danzig, ſoll der Gedanke er⸗ 
wacht ſeyn, ein gewiſſes republicaniſches Gemeinweſen einzu⸗ 
richten und ihre Verwaltung aus ihrer eigenen Mitte zu führen. 9 


1) Der Kaufvertrag über die Neumark, d. Köln a. d. Spree Freit. 
Kathedra Petri 1454 bei Gercken Cod. diplom. T. V. 261. Schr. 
des Landkomthurs v. Sachſen Friederich v. Polenz an den HM. d. wie 
vor, Schbl. XIII. 164. Lancizolle Geſch. der Bild. des Preuſſ. 
Staats S. 298. 

2) Schütz p. 197. 8 

3) Kogebue B. IV. 322. Schr. der Ritterſchaft der Gebiete 
von Danzig, Mewe u. Dirſchau an die in Thorn Verſammelten, d. 
Stargard Donnerſt. vor Kathedra Petri 1454 im Rathsarchiv zu Thorn 
Cist. III. 22. 


Bedraͤngniß des Ordens. (1454.) 375 


Im Danziger Gebiete, im Kulmerlande und mehren andern 
Orten entſtand offenbarer Zwieſpalt zwiſchen Landen und Staͤdten 
wegen der gewonnenen Ordensburgen, denn die letztern ſtimmten 
meiſt dafür, ſie als Zwingfeſten niederzureißen, während die 
Nitterfchaft fie gerne erhalten und beſetzen mochte. Danzig vor 
allen ſuchte ſich jetzt geltend zu machen und zog ſich wegen 
feines uͤbermüthigen und ungerechten Verfahrens manchen har⸗ 
ten Tadel zu. Die ganze Ritterſchaft in Pommerellen war 
darüber erbittert.) Um fo nothwendiger ſchien es den Rittern 
des Eidechſen⸗Bundes in ihrem Plane, dem Könige von Polen 
die Oberherrſchaft uber Preuſſen jetzt foͤrmlich anzubieten, ſchnell 
vorzuſchreiten und bei den Vorbereitungen, die man dazu laͤngſt 
getroffen, gelang es ihnen leicht, auch die übrigen Bundes⸗ 
verwandten dazu zu gewinnen. Eine Geſandtſchaft von zwoͤlf 
Männern von Landen und Staͤdten, an deren Spitze Hans 
von Baiſen, Auguſtin von der Schewe und Gabriel von Bai⸗ 
fon ſtanden, eilte zum Könige.” Schon am Sten Februar 
in Krakau angelangt, fand ſie dort den Ordenstreßter und 
einige andere Ordensherren, die der Hochmeiſter zur Hoch- 
zeitsfeier des Küniges dahin geſandt, der ſich mit Eliſabeth, 
der Tochter des Kaiſers Albrecht, vermaͤhlt hatte. Freundlich 
von ihm empfangen und zu einer offentlichen Verhandlung zu: 
gelaſſen, ſprach Hans von Baiſen viel von der Tapferkeit ihrer 
Voraͤltern bei des Landes Eroberung und im Dienſte des 
Ordens, von ihren Beſchwerden und Drangſalen unter deſſen 
Herrſchaft, von der Nothwendigkeit ihres Bundes zur Aufrecht 
haltung und Bewahrung ihrer Freiheiten und Rechte, ſelbſt 
zur Sicherheit ihres Eigenthums und ihrer Familien, und end 


1) Schr. der Lande u. Staͤdte zu Thorn verſammelt an Hand v. 
Baiſen u. die Sendboten zu Krakau, d. Thorn Sonnab. nach Kathedra 
Petri 1454 im Rathsarchiv zu Thorn Sorin. XVII. 43. Schr. der 
Ritterſchaft der Gebiete Danzig, Dirſchau u. Mewe an die Lande v- 
Städte zu Thorn, d. Stargard Donnerſt. vor Kathedra Petri 1454 
ebendaf. Cist. III. 22. 

2) Die Namen der Geſandten im Fol. A. 135. 

3) Dlugoss. T. II. 127 — 128. Schütz p- 200. 


376 Unterwerfung d. Verbund. unter d. Herrſchaft Polens. (1454.) 


lich von ihrer Anklage und ungerechten Verurtheilung beim 
Kaiſer in Betreff ihres Bundes. Darauf trugen die Ge⸗ 
ſandten im Namen der Lande und Staͤdte Preuſſens dem 
Koͤnige die Oberherrſchaft des Landes an unter Berührung 
der wichtigſten Bedingungen, die er ihnen gewaͤhren moͤge, 
und unter Vorbehalt ihrer Rechte und Freiheiten; fie ver: 
langten z. B., die gebrochenen Ordensburgen duͤrften nie wieder 
aufgebaut werden; jeder muͤſſe behalten, was er auf eigene 
Koſten gewonnen und eingenommen u. dgl. Endlich verfehlten 
ſie auch nicht, den Koͤnig auf die Anrechte, die er auf 
Preuſſens Beſitz geltend zu machen habe, auf die Vortheile 
der Oberherrſchaft und auf die Beweggruͤnde aufmerkſam zu 
machen, die ihn zu einer feindlichen Stellung gegen den Orden 
rechtfertigen koͤnnten. Am Schluſſe ſprachen ſie die Bitte aus: 
„Wollt Ihr uns aber nicht als Unterthanen annehmen, fo ge⸗ 
waͤhrt uns wenigſtens die Zuſage, unſern Widerſachern keinen 
Beiſtand leiſten zu wollen, denn wir werden uns nimmermehr 
wieder unter die Ordensherrſchaft fuͤgen, ſondern lieber fuͤr 
unſere Freiheiten und Gerechtigkeiten ehrlich ſterben, als täglich 
ſchmachvollen Untergang erwarten und tyranniſche Gewalt er: 
tragen.“) 

Der Koͤnig, obgleich ihm der Biſchof Sbigneus von 
Krakau und einige Raͤthe die Annahme des Anerbietens wider⸗ 
riethen,“ beſann ſich über den erſten Schritt, der zu thun ſey, 
nicht lange. Während er feinem Kanzler, zwei Bifchöfen und 
fünf Woiwoden den Auftrag gab, eine Prüfung der Klag⸗ 
beſchwerden, ſowie der Freiheiten und Privilegien der Ver⸗ 
buͤndeten vorzunehmen, ließ er ſchon am 22ſten Februar eine 


1) Wir haben bei Schütz p. 198 — 200 u. Dogiel T. IV. 141 
u. Dlugoss. T. II. 128 zwei Reden, die von den Bundesgeſandten 
vor dem Könige gehalten ſeyn ſollen. Nach Schütz wäre die feinige 
„ungefähr am 23 Febr. in einer Audienz“ vor dem Könige von Hans 
v. Baiſen vorgetragen worden. Dogiel giebt der ſeinigen das Datum: 
Pridie festi s. Petri ad cathedram, wonach fie am 21 Febr. geſprochen 
waͤre; wohl alſo moͤglich, daß beide zum Vortrage gekommen ſind. 

2) Dlugoss. T. II. 131, Raynaldi Aunal. Eocles. au. 1454 f. 11. 


Unterwerfung d. Verbünd. unter d. Herrſchaft Polens. (1454.) 377 


ſörmliche Kriegserklaͤrung gegen den Orden abfaſſen, worin er 
als Gründe zum Kriege mancherlei Kraͤnkungen ſeiner Unter⸗ 
thanen, Einführung neuer Zölle , beſonders des Pfundzolles, 
Belaſtigungen im Handel, Verletzung der Gränzen, die vom 
Deutſchmeiſter verweigerte Unterſchrift des ewigen Friedens und 
Aehnliches weitläuftig auseinanderſetzte, um zu erweiſen, daß 
der Orden die Schuld des Friedensbruches auf ſich trage. 
Indeß zwang ihn des Ordenstreßlers Anweſenheit auf einige 
Tage noch zu einem Gaukelſpiele, denn dieſer bot alles auf, 
ihn vor der Theilnahme an der verraͤtheriſchen Sache der Ver⸗ 
buͤndeten zu warnen und auf die Nachtheile hinzuweiſen, die 
mit der Unterſtützung derselben für ihn und das Koͤnigreich 
verbunden ſeyn würden.“ Er ſparte ſelbſt kein Geld, um des 
Koͤniges Raͤthe zu gewinnen. 3) Er war zugleich bemuͤht, drei⸗ 
tauſend Soͤldner, die ſich bereits zum Dienſte einer Partei 
eingefunden hatten, fir den Orden in Sold zu nehmen. Auch 
dieß gelang ihm nicht, denn die Söldner wurden durch hoͤhere 
Anerbietungen der Bundesgeſandten für den Dienſt des Bun⸗ 
des gewonnen. Der Koͤnig nahm zwar den Schein an, als 
wolle er die Sache ernſtlich erwaͤgen und rieth ſogar den 
Bundesgeſandten, zu ihrer Pflicht zurlackzukehren.) So zog 


1) Die Kriegserklaͤrung, d. Cracoviae feria sexta die s. Petri ad 
cathedr. 1454 bei Dogiel T. IV. 143. Das Datum ſcheint, uns 
geachtet des Zweifels dagegen bei Kotzebue B. IV. 324, voͤllg richtig, 
denn zwei, ſicherlich vom Original genommene Abſchriften, die wahr⸗ 
scheinlich der Treßler damals aus Krakau dem HM. zuſandte, haben 
das naͤmliche Datum, Schbl. LXXIX. 79. Mit dem Datum der er⸗ 
waͤhnten Reden ſteht jenes gerade nicht im Widerſpruch, denn die Rede 
bei Dogiel waͤre am Tage vor der Kriegserklaͤrung gehalten worden; 
Schittz läßt die ſeinige nur „ungefaͤhr den 23 Febr.“ vortragen, alſo 
möglicher Weiſe auch einige Lage fruͤher. 

2) Die Rede des Ordenstreßlers bei Schütz p. 200 — 201. 

3) Dlugoss. T. II. 132 weiß, daß der Treßler beauftragt ge⸗ 
weſen ſey, dem Koͤnige u. deſſen Rathen 50,000 Gulden u. noͤthigen⸗ 
falls auch die Lehenshuldigung von Seiten des HM. u. Ordens zu 
verſprechen. 

4) Schütz p. 201. 


378 Unterwerfung d. Verbund. unter d. Herrſchaft Polens. (1454.) 


er die offene Entſcheidung mehre Tage hin.) Als indeß die 
Geſandten auf eine beſtimmte Antwort drangen, erklaͤrend: 
von einer Einigung mit dem Orden könne nicht mehr die Rede 
ſeyn, weitere Berathung ſey nicht nothwendig, ſie haͤtten die 
Sache ſchon vierzehn Jahre wohl bedacht, das Werk muͤſſe, 
einmal angefangen, nun auch durchgeführt werden, wolle der 
Koͤnig ſie nicht aufnehmen, ſo muͤßten ſie anders wo Rath 
ſuchen, wo man fie nicht zuruͤckweiſen werde,? da traten alle 
Rüͤckſichten zurück und auch die Beſorgniß eines Krieges mit 
Deutſchland verſchwand jetzt bei dem Koͤnige. 

Alſo ſtellte nun Kaſimir am ſechſten Maͤrz zu Krakau eine 
Urkunde aus, worin er unter wortreicher Erörterung der Gründe 
und Urſachen zu dieſem ſeinem Schritte die Bewohner Preuſſens 
unter ſeinen Schutz, in ſeine Herrſchaft und als Unterthanen 
aufnahm und die Lande mit der Theilnahme an allen Rechten, 
Freiheiten und Praͤrogativen der Krone Polens zueignete und 
mit ihr vereinigte, ſo daß ſie darin in allen Beziehungen den 
Großen Polens gleich ſtehen ſollten, namentlich auch in der 
Theilnahme an des Koͤniges Wahl und Kroͤnung. Alle Stände 
follten ſich der Gnade und des Schutzes gegen alle Gefährdung 
ihrer Sicherheit erfreuen und die Lande der Krone Polens nie 
entfremdet oder veräußert werden. Der Geiſtlichkeit und allen 
übrigen Staͤnden, ſelbſt den einzelnen Perſonen ſollten ihre be: 
ſondern Rechte, Freiheiten und Privilegien unverkuͤrzt und un⸗ 
verletzt gehalten und abhaͤndig gekommene Verſchreibungen mit 
Zuziehung der Landesraͤthe uͤber den rechtmaͤßigen Beſitz wieder 
erneuert werden. Der Pfundzoll und alle alten und neuen, 
nur in Preuſſen beſtehenden Zoͤlle zu Waſſer und Land ſollten 
für ewige Zeit aufgehoben ſeyn, das vom Orden bisher aus⸗ 
geuͤbte Strandrecht gaͤnzlich aufhoͤren und die geſtrandeten 
Guͤter den Schiffbruͤchigen wieder gegeben werden oder dem 
Koͤnige nur dann zufallen, wenn ſich kein rechtmaͤßiger Eigen⸗ 
thuͤmer fände. Alle Aemter und Würden, die bereits beſtehen⸗ 


1) Ob wirklich funfzehn Tage, wie Schütz I. o. meint? 
2) Dlugoss. T. II. 132. 


Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 379 


den und neuzuerrichtenden, ſowie die Burgen und Befehlshaber⸗ 
fielen in Städten ſollten nur Eingeborenen verliehen und alle 
wichtigen Angelegenheiten des Landes mit Zuziehung der Landes⸗ 
väthe, der Geiſtlichkeit, des Adels und der Staͤdte verhandelt 
und vollſuͤhrt werden. Die Wahl der bisher im Lande be⸗ 
ſtehenden Rechte, des Kulmiſchen, Magdeburgiſchen, Polniſchen 
und Preuſſiſchen follte jedem frei ſtehen, jedoch ohne Nachtheil 
eines andern. Waͤhrend des Krieges ſollten Thorn, Elbing, 
Danzig und Königsberg das Recht üben dürfen, Muͤnzen mit 
dem königlichen Bild und Titel zu ſchlagen, im Frieden jedoch 
nur Thorn und Danzig. Der Handel nach Polen und durch 
das Reich auch in andere Laͤnder ſollte fir den Kaufmann aus 
Preuſſen frei ſeyn. Endlich behielt ſich der Koͤnig wegen ſeiner 
oͤſtern Abweſenheit in feinen entfernten Landen vor, zum Schutze 
und zur Verwaltung des Landes einen Gubernator zu ernennen, 
jedoch mit Genehmigung der Stände. 

Mittlerweile war der Zwieſpalt zwiſchen den Staͤdten und 
der Ritterſchaft im Kulmerlande noch vermehrt, als die Staͤdte 
Schoͤnſee gewannen und niederbrannten, denn die Ritterſchaft 
beſetzte nun die meiften Übrigen Haͤuſer und nahm darin alles, 
was ſie fand, weg. Der Bundesrath in Thorn ſandte daher 
eiligſt an Hans von Baiſen und die übrigen Geſandten mit 
der Bitte, ſo ſchleunig als moͤglich nach Preuſſen zuruͤckzukeh⸗ 
ren.) Sie kamen bald darauf mit der wichtigen Urkunde in 
Thorn an. Marienburg fanden fie ſchon belagert. Am 27ſten 
Februar ſchon zog eine Kriegsſchaar aus Danzig, aus Pomme⸗ 
rellen verſtaͤrkt, unter der Führung des Danziger Rathsmannes 


1) Dieſe f. g. Incorporations⸗Urkunde, d. Cracoviae feria quarta 
Cinerum 1454 bei Dogiel T. IV. 145, Dlugoss. T. II. 134, im 
Auszuge bei Baczko B. III. 431, in ihrem weſentlichen Inhalte bei 
Schitz p. 201, in Abſchrift im Fol. A. 135. Privilegia der Stande 
des Herzogth. Preuſſ. p. 14 — 16. 

2) Schr. der zu Thorn verſammelten Lande und Staͤdte an Hans 
v. Baiſen, d. Thorn Sonnab. nach Kathedra Petri 1454 im Raths⸗ 
archiv zu Thorn Scrin. XVII. 43. 


380 Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 


Ewald Wryge vor die Burg, ſich im Werder jenſeits der Nogat 
lagernd; bald ruͤckte auch ein Heerhaufe der Ritterſchaft und 
Städte heran und ſchlug auf der andern Seite ein Lager gegen 
Stuhm hin.) Man wagte in Marienburg keinen Ausfall, 
denn der Meiſter wollte erſt ſtaͤrkere Mannſchaft aus Stuhm 
herbeiziehen, obgleich man ſich dort ſtraͤubte ſeinem Befehle zu 
folgen.) Auch die Belagerer verſuchten vorerſt, Beihuͤlfe aus 
Polen erwartend, noch keinen ernſten Angriff. Um zu ſchrecken, 
fandten die Hauptleute, unter denen Otto von Machwitz einer 
der Vornehmſten, an den Rath und die Stadtgemeine eine 
drohende Aufforderung zur Uebergabe der Stadt.) Allein 
man wuͤrdigte ſie keiner Antwort, wagte vielmehr einen Ausfall 
gegen den Danziger Heerhaufen und nicht ohne Gluͤck. Auch 
Stuhm war bereits belagert und zur Ergebung aufgefordert; 
auch dort kam es mehrmals zu Gefechten, doch ohne ſonder⸗ 
lichen Erfolg; man wies den Feind ſtets mit Muth zuruck.) 
Eben ſo fruchtlos waren Unterhandlungen, welche der Hoch⸗ 
meiſter mit dem Rathe zu Danzig anknuͤpfte. 9 

Kaum aber waren die Bundesgeſandten nach Preuſſen 
heimgekehrt, als in einer Bundesverſammlung zu Elbing der 
Beſchluß gefaßt wurde, ſich aller Ordensguͤter in Staͤdten, wo 
man ſie finde, zu bemaͤchtigen und zur Anwerbung von Soͤld⸗ 


1) Runau p. 14. Schütz p. 198. Voigt Geſch. Marien⸗ 
burgs S. 404. 

2) Schr. des Hauptmannes zu Stuhm an d. HM. d. Mont. nach 
Invocavit 1454 Schbl. LXXIX. 128. 

3) Das Original der Aufforderung, d. Im Heere vor Marienb. 
im Dorfe Willenberg Freit. nach Gregori Papa 1454 Schbl. LXXIX. 
237; vergl. Voigt a. a. O. 

4) Schr. der Hauptleute zu Stuhm, d. am T. Reminiſcere 1454 
Schbl. LXXIX. 48. Die Burg wurde dreimal zur Uebergabe auf⸗ 
gefordert. 

5) Schr. des Raths v. Danzig an d. HM. d. Sonnab. vor Re⸗ 
miniſcere 1454 Schbl. LXI. 66. Schr. der Haupilcute im Heere der 
Danziger an d. HM. d. Leſke Dienſt. nach Reminiſcere 1454 Schbl. 
Adelsgeſch. N. 17. 


Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 381 


nern zu verwenden, die Kriegskoſten aber und was ſonſt das 
gemeine Beſte des Landes fordere, mit Einziehung der Zins⸗ 
gelder, mit den Einkuͤnften der Fiſcherei, der Muͤhlen, des Bern⸗ 
ſteins u. ſ. w. zu beſtreiten. Alles verwahrte Ordenseigenthum 
ſollte eingeliefert, alles Kirchenſilber in die Muͤnze gebracht 
werden, um ſich ſo die zum Kriege noͤthigen Geldmittel zu ver⸗ 
ſchaffen. Danzig erhielt den Auftrag, auch auswaͤrts überall 
auf des Ordens Güter und Schiffe Beſchlag zu legen und vor 
ihrem Ankaufe zu warnen unter Andeutung von drohenden 
Gefahren.) Je mehr aber dem Orden ſchon faſt alle Kräfte 
im Lande entzogen waren, um ſo nothwendiger ward es jetzt, 
von auswaͤrts her vermehrte Kriegshuͤlfe herbeizuziehen. Graf 
Heinrich Reuß von Plauen der Jüngere, Veit von Schoͤnberg 
und Graf Hans von Kirchberg ſtanden zwar ſchon an der 
Spitze einer Anzahl Deutſcher Ritter und Edelleute mit einem 
Streithaufen von ſechshundert Pferden in Konitz zum Dienſte 
des Ordens bereit; ?) allein der Hauptmann zu Mewe Jon von 
der Jene hatte auf Hanſens von Baiſen Befehl ſich mit allen 
Dienſtpflichtigen feines Gebietes in die Gegend von Konitz 
geworfen und die Straßen beſetzt, bemüht, das dortige Gebiet 
von Ordenstruppen zu fäubern. ® Da indeß jener Reiterhaufe 
auch nur gering war und nothwendig aufs eiligſte eine ſtaͤrkere 
Kriegsmacht herankommen mußte, wenn irgend noch eine Netz 
tung aus der Bedraͤngniß gehofft werden ſollte, ſo ſandte der 
Hochmeiſter ſchleunigſt den Ordenstreßler Eberhard von Kins⸗ 
berg nach Deutſchland, um durch ihn den Reichsſuͤrſten und dem 
Adel die verzweiflungsvolle Lage des Ordens muͤndlich vor⸗ 


1) Schiitz p. 202. 

2) Perzeichniß der mit Heinrich Reuß von Plauen nach Konitz 
gekommenen Edelleute Schbl. LXXXII. 2. Es ſind unter andern ge⸗ 
nannt: Hans v. Molen, ein Karlowig, Hans v. Gleichen, Kaspar 
Trüͤtzſchler, Riedeſel, Hans Daupadel, Konrad v. Czedewitz, Matthis 
v. Reizenſtein, Heinrich v. Buch, Hans v. Tettau, Heinz v. Gersdorf, 
Johann v. Dobeneck, Heinz v. Uttenhof, Hans v. Reidenitz u. a 

3) Schr. des Hans v. Baiſen an Jon v. der Jene, d. Thorn 
Sonnt. Oculi 1454 Schbl. LIX. 73. Diugoss. T. II. 144, 


382 Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 


ſtellen zu laſſen und fie um eiligſte Huͤlfe zu erſuchen.) Er 
wandte ſich auch ſelbſt noch einmal mit einem dringenden 
Schreiben an ſie, ihnen den ganzen Verlauf der traurigen 
Ereigniſſe auseinander ſetzend. „Die Landesverraͤther, ſchrieb 
er unter andern, haben bereits alle unſere Staͤdte, große und 
kleine, im ganzen Lande eingenommen und ſich aller unſerer 
Haͤuſer und Schloͤſſer bemaͤchtigt, nur Marienburg und Stuhm 
ausgenommen, die wir noch beſitzen. Vor dieſen beiden Haͤu⸗ 
ſern, wo ſie uns belagern, treiben ſie ſchon drei Wochen lang 
ihren argen Muthwillen. Noch glauben wir uns da einige 
Zeit halten zu koͤnnen, wenn uns baldige Huͤlfe kommt. Sie 
ſind in Botſchaft beim Koͤnige von Polen geweſen, um ſich 
ihm zu ergeben, denn unſern Orden wollen ſie gaͤnzlich aus 
dem Lande vertreiben. Darum, ihr ehrwuͤrdigen und edlen 
Fuͤrſten und Herren, Edle und Edlinge, ſehet an die Beleidi⸗ 
gung euerer Deutſchen Nation und euerer Voraͤltern Pflanzung, 
das ſind die Bruͤder unſeres Ordens; ſehet an die Zertrennung 
und das Verderbniß eueres trefflichen Eigenthums und Hospi⸗ 
tals, das find dieſe Lande, die euere ſeligen Aeltern dem Deutz 
ſchen Adel zu Zucht und Troſt, Gott dem Herrn und Marien, 
der reinen Magd, ſeiner werthen Mutter zu Ehren und dem 
Chriſtenthum zum Schirme aus der Gewalt des heidniſchen 
Volkes mit ſo ſchwerer Arbeit und Blutvergießen gewonnen 
haben. Laſſet es euch leid ſeyn und erbarmet euch ſolches 
Jammers, Gedranges und ſolcher Noth. Kommet uns eiligft 
mit euerer Macht zu Hülfe.“ 2 

Allein fo eilig, als fie der Meiſter bedurfte, war Beihuͤlfe 
von dorther unmoͤglich; und waͤre ſie auch in Deutſchland 
zuſammengebracht worden, fo war ja die Hauptſtraße gefperrt, 
denn Graf Heinrich Reuß von Plauen war mit ſeinen Be⸗ 
gleitern und ſeinem Reiterhaufen in Konitz von ſechstauſend 


1) Credenzbrief für den Ordenstreßler, d. Mar. Sonnt. Ocult 1454 
Schbl. XLII. 67. 69. 

2) Schr. des HM. an alle Fuͤrſten geiſtl. und weltl. Standes 
u. ſ. w. d. Mar. Sonnt. Oculi 1454 Schbl. LXXIX 49. 


Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 383 


Pommerellern belagert und eingeſchloſſen. Die Voͤgte der Neu: 
mark und von Schievelbein erhielten vom Meiſter den Auftrag, 
durch Heranzug des reifigen Zeuges aus der Neumark Konitz 
zu entſetzen.) Da man auf Marienburg aber erfuhr, daß 
auch aus dem Lager der Danziger ein Theil der Mannſchaft 
dorthin gezogen ſey, ſo beſchloß der Meiſter, ſich vor allem 
dieſes Feindes zu entledigen, da er aus dem Walde bereits bis 
an die Thuͤrme der Nogat vorgerückt war, um dieſe und die 
Brücke zu erftinmen. Es geſchah ein Ausfall auf die Dan⸗ 
ziger; ſie wurden zuruͤckgeworfen, ſiebenhundert von ihnen er⸗ 
ſchlagen und gefangen und Kriegszeug und Geſchuͤtz als Beute 
nach Marienburg gebracht. Der Feind, vom Ordensvolke bis 
an die Weichſel verſolgt, raͤumte ſofort das ganze Werder und 
eilte nach Danzig zurück, da das Gericht ſchreckte, der Deutſch⸗ 
meiſter ſey gegen die Stadt im Anzuge. 2) Der Meiſter erließ 
alsbald den Beſehl, daß die Bewohner im Werder mit ihrer 
Habe ſich nach Marienburg fluͤchten und die Daͤmme und Ufer 
der Nogat und Weichſel ſtark beſetzt werden ſollten. 
Mittlerweile war Hans von Baiſen, der lahme Baſilisk 
oder der lahme Drache, wie man ihn damals im Orden 
nannte, ) vom Könige zum Gubernator ber Lande Preuſſen 
erhoben, an die Spitze der Landesverwaltung getreten.“ Von 
ihm gingen auch im Kriegsweſen alle wichtigen Anordnungen 
aus. Von den Buͤrgermeiſtern und Rathsleuten der großen 


1) Schr. des HM. an d. Vogt v. Schievelbein, d. Mar. Mont. 
nach Himmelf. 1454 Schbl. LXXIX. 140. 

2) Runau p-. 14 Schütz p. 202 ſucht die Niederlage als un⸗ 
erheblich darzuſtellen und will von Wegnahme des Danziger Geſchüͤtzes 
nichts wiſſen. Runau ſpricht von 14 Stuͤck Geſchuͤt. Die Sache 
hat, wie ſchon Kotzebue B. IV. 329 erweiſt, ihre Richtigkeit; ein 
Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. am Abend Himmelf. 1454 
Schbl. LXXIX. 26 bezeugt die Niederlage, wie fie oben erzaͤhlt iſt. 
Ebenſo ein Schr. des HM. an den Herzog Flotho v. Maſovien, d. 
Freit. nach Martini 1454 Schbl. LIXIX. 90. 

3) Fol. A. 174. 175. 

4) Das Original der Ernennung Hanſens v. Baiſen zum Guber⸗ 
nator, d. Krakau Sonnab. vor Invocavit 1454 Schbl. XIV. 25. 


384 Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 


Staͤdte umgeben, nahm er im Namen des Landes und der 
Städte fremdes Soͤldnervolk in Dienſt.) Er war es auch, 
der jetzt einen Herold des Koͤniges mit deſſen Entſage-Brief 
an Stibor von Baiſen, Oberſten des Heeres vor Marienburg, 
mit dem Auftrage ſandte, den Hochmeiſter aufzufordern, vor 
dem Burgthore erſcheinend die Kriegserklaͤrung in Empfang zu 
nehmen und wenn dieſer nicht erſcheinen wolle, den Herold 
ſelbſt aufs Haus zu geleiten, und dort die Erklaͤrung zu uͤber⸗ 
geben, zugleich auch in des Koͤnigs Namen die Uebergabe der 
Burg zu verlangen.) Dem Gubernator zur Seite ſtanden 
zur Ausführung feiner und der koͤniglichen. Befehle der Ritter 
Auguſtin von der Schewe als Hauptmann des Kulmerlandes 
zu Graudenz, Stibor von Baiſen Woiwode im Koͤnigsbergi⸗ 
ſchen, Gabriel von Baiſen Woiwode im Elbingiſchen Gebiete 
und Jon von der Jene Woiwode in Pommerellen. Durch 
ſie vorzuͤglich ward jetzt zu Thorn eine feierliche Unterwerfungs⸗ 
urkunde ausgefertigt, worin die Verbuͤndeten die Gruͤnde ihres 
Abfalles vom Orden auseinander ſetzend, ſich zum Huldigungs⸗ 
eide an den König von Polen verpflichteten und bereit erklaͤr⸗ 
ten.?) Zur Annahme dieſes Eides hatte der König feinen 
Reichskanzler Johann von Coniezpole und den Biſchof von 
Poſen nach Thorn geſandt, wo viele ſofort die Huldigung lei⸗ 
ſteten. Hans von Baiſen und die genannten Woiwoden ver⸗ 
pflichteten ſich, die Biſchoͤfe Preuſſens ohne weiteres als 
Feinde zu behandeln, ſofern ſie den Huldigungseid verweigern 
wuͤrden. ® 

Der Gubernator bot jetzt alle Kräfte und Mittel auf, theils 


1) Ein ſolcher Soͤldner⸗Brief fuͤr eine Anzahl Boͤhmen, d. Grau⸗ 
denz Mittw. vor Palmar. 1454 im Raths arch. zu Thorn Cist. A. 38. 

2) Schr. des Hans v. Baiſen an Stibor v. Baiſen, d. Thorn 
Sonnt. Palmar. 1454 Schul LXXIX. 107; Voigt Geſch. Marienb. 
S. 408. 

3) Urk. d. in Thorun feria secunda post Ramispalm. 1454 bei 
Dogiel T. IV. 149 — 152. Dlugose. T. II. 139. Privilegia der 
Stände des Herzogth. Preuſſ. v. 16 — 18. 

4) Urk. d. wie vor bei DogielT. IV. 152. Dlugoss. T. II. 144, 


Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 385 


Konitz zu gewinnen und durch eine ſtarke Kriegsmacht in Pom⸗ 
merellen die Verbindung des Ordens mit Deutſchland völlig 
abzuſchneiden, theils die beiden letzten Burgen im weſtlichen 
Preuſſen, Stuhm und Marienburg zur Uebergabe zu zwingen. 
In Konitz trat auch unter den an ſich ſchon armen Bewohnern 
mehr und mahr großer Mangel ein; ſie konnten zum Unterhalt 
der Beſatzung wenig oder nichts mehr leiſten. Die Zuſuhr war 
rings umher abgeſchnitten, denn Schlochau war von den Ver⸗ 
buͤndeten beſetzt; der Hauptmann Jon von der Jene hatte ſich 
mit ſeinen Dienſtpflichtigen ins Gebiet von Tuchel geworfen, 
wo er in Verbindung mit dem Polniſchen Hauptmanne Scher⸗ 
lenski, der mit tauſend Pferden und dreihundert Trabanten zu 
Tuchel lag, die ganze Gegend beherrſchte.) Vor Marienburg 
ging kein Tag ohne Gefechte vorüber, denn man ſuchte durch 
tägliche Ausfälle aus der Burg und Stadt den Feind fort und 
fort zu beſchaͤſtigen und zu ermuͤden, um ihn von ernſten An⸗ 
griffen auf das fuͤr Marienburg ſo wichtige Stuhm abzuhal⸗ 
ten, ) denn bei dem Mangel von Kraft und Muth in der dor⸗ 
tigen Beſatzung konnte auf eine lange, ſtandhafte Gegenwehr 
nicht viel gerechnet werden. Da man auch dort den in die 
Burg geflüchteten Landesrittern und Landbewohnern wenig 
traute und die Beiſpiele von Verraͤtherei dieſer Fluͤchtlinge im 
Kulmerlande hinlaͤngliche Warnung waren, ſo ſandte der Hoch⸗ 
meiſter auf der Hauptleute Verlangen eine anſehnliche Schaar 
von Ordensbrüdern und anderes treues und bewaͤhrtes Kriegs⸗ 
volk. Das verdaͤchtige Landvolk ward aus der Burg entlaſſen 
und zwei und zwanzig Wochen vertheidigte nun die dortige 
Beſatzung das Haus mit ritterlicher Tapferkeit, zwar nicht ohne 
ſchwere Opfer und große Anſtrengung, aber ſtets mit Gluck 


1) Schr. des Hans v. Baiſen an d. Hauptmann Jon v. der Jene, 
d. Thorn Mittw. vor Judica 1454 Schbl. LIX. 59. Schr. d. Kom⸗ 
thurs v. Schlochau, d. Konitz Freit. vor Palm. 1454 Schbl. XLVII. 2. 
Diugoss. T. II. 14% giebt die Mannſchaft des Hauptmanns ſtaͤrker an. 
2) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mar. Mont. zu 
Oſtern 1454 Schbl. LXXIX. 9. 25 
VIII. 25 


386 Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 


im Kampfe, denn immer war die Zahl der Gefallenen, Verwun⸗ 
deten und Gefangenen im Heere der Belagerer uͤberwiegend groß. 
So ward des Gubernators Hoffnung, der Stuhms Uebergabe 
ſchon um Oſtern aufs ſicherſte erwartet hatte, ſehr getaͤuſcht. > 
Um ſo mehr wandte er alle Kraft auf, den Forderungen 
der Hauptleute vor Marienburg in aller Weiſe zu genuͤgen, 
und das Belagerungsheer mit Geld und zahlreicherer Mann⸗ 
ſchaft moͤglichſt zu verſorgen. Im Kulmerlande und im Oſte⸗ 
rodiſchen Gebiete ward Mann vor Mann zum Zuzuge ins 
Belagerungsheer aufgeboten. Mehre Bundesritter wurden be⸗ 
auftragt, in den Staͤdten Ermlands die noͤthigen Kriegsgelder 
aufzubringen. Der Gubernator war auch bemuͤht, den Herzog 
Flotko von Maſovien zu bewegen, ſein nach Marienburg ge⸗ 
ſandtes Huͤlfsvolk von dort zuruͤckzufordern und die aus Ma⸗ 
ſovien dem Orden noch zu Huͤlfe eilende Kriegsmannſchaft an 
den Graͤnzen zuruͤckzuhalten. Sein Eiſer nahm noch zu, als 
die Nachricht kam, daß der Koͤnig von Polen ſich zu einem 
Kriegszuge nach Preuſſen ruͤſte.“ Indeß nicht uberall wirkte 
des Gubernators eifrige Thaͤtigkeit. Seine Befehle zur Ruͤſtung 
und zum Zuzuge wurden im Ganzen ſaumſelig ausgeführt, 
denn viele hielten das Werk der Befreiung vom Orden für 
ſchon vollendet. Sein eigener Bruder Stibor, der Heergraf 
vor Marienburg, that mitunter Schritte, die der Gubernator 
durchaus nicht billigen konnte.) Im Belagerungsheere herrſchte 
mancherlei Unordnung. Im bunten Gemiſch von Landesrittern, 
ſtaͤdtiſcher Mannſchaſt, meiſt ſchlecht geruͤſteten Landleuten und 
geld⸗ und beutegierigen Soͤldnern wollte keiner dem andern 


1) Fol. A. 174; Voigt a. a. O. S. 407. 

2) Schr. des Hans v. Baiſen an Stibor v. Baiſen, d. Thorn 
grün. Donnerſt. 1454 Schbl. LXXIX. 112. Voigt a. a. O. 408. 

3) Schr. des Hans v. Baiſen an Stibor v. Baiſen, d. Thorn 
am Oſtertage 1454 Schbl. LXXIX. 102. Schr. des Hauptmanns v. 
Strasburg an Stibor v. Baiſen, d. Strasb. Mittw. vor Stenceslai 
1454 Schbl. XIX. 42. 

4) Schr. des Hans v. Baiſen an Stibor v. Baiſen, d. Thorn 
Sonnab. vor Jubilate 1454 Schbl. LXXIX. 110, 


2 


Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454. ) 387 


gehorchen. Viele entliefen, andere entfernten ſich aus dem Lager, 
fo oft und wohin fie wollten. Häufig brachen unter den 
Hauptleuten und den Landesrittern Uneinigkeiten und arge 
Streithaͤndel aus. Es fruchtete wenig, daß der Gubernator 
den Meuterern, Ungehorſamen und Abtruͤnnigen mit ſtrengen 
Strafen drohte. Und aͤhnlich war der Zuſtand der Dinge auch 
im Heere vor Konitz.) Man hoffte, alles werde ſich anders 
geſtalten bei des Königs Ankunft, wozu Hans von Baiſen in 
Thorn allerlei Anſtalten traf; er wuͤnſchte fie auch am mei⸗ 
ſten, denn er hatte den Koͤnig wiederholt ſchon um Geldmittel, 
woran es zur Entrichtung der Soldner fo ſehr gebrach, erſucht, 
bisher immer ohne Erfolg; er hoffte daher, der Koͤnig werde 
durch anſehnliche Geldzuſchuͤſſe, ſowie durch Verſtaͤrkung des 
Belagerungsheeres alles zur ſchnellen Entſcheidung bringen. 
Vor allem rieth er dem Heergrafen, die Bruͤcke vor dem Hauſe 
Marienburg abzubrechen, und ſo die Verbindung mit dem Werder 
abzuſchneiden, denn dieß ſah er als eine der wichtigſten Unter⸗ 
nehmungen an.“ 

Auf Marienburg hielt Hoffnung und Zuverſicht auf baldige 
Hülfe den Muth immer noch aufrecht. Der Ordensſpittler Heinrich 
Reuß von Plauen leitete alles, was zur Vertheidigung diente, 
mit größter Thaͤtigkeit und Umſicht; allen flößte er Vertrauen 
ein. Auch die Beſatzung in Stuhm ermunterte er durch 
die Ausſicht auf baldige Hülfe aus Deutſchland.) Man 
hatte Nachricht, daß ſich dort, obgleich der Koͤnig von Polen 
durch eine Geſandtſchaft auf dem Reichstage zu Regensburg 
wegen feines Schrittes hatte entſchuldigen laſſen, “ bereits 


1) Schr. des Hans v. Baiſen an Stibor v. Baiſen, d. Sonnt. 
Jubilate 1454 Schbl. LXXIX. 101. 110. LIX. 58. 

2) Schr. des Hans d. Baiſen an Stibor v. Baiſen, d. Thorn 
Sonnt. Jubilate 1454 Schbl. LXXIX. 106. 

3) Schr. des Hans v. Baiſen an Stibor v. Baiſen, d. Thorn Dienſt. 
nach Cantate 1454 Schl. LXXIX, 126, 114. Voigt a. a. O. S. 410. 

4) Schr. Heinrichs R. v. Plauen an d. Hauptleute auf Stuhm, 
d. Mar. Sonnab. vor Jubilate 1454 Schbl. LIIL 39. 

5) Dlugoss. T. II. 144. 

25 * 


388 Belagerung des Haupthauſes Marienburg. (1454.) 


mehre Fuͤrſten, z. B. der Kurfuͤrſt Friederich von Brandenburg, 
ſelbſt auch der Koͤnig Ladiſlaus von Boͤhmen zu einer großen 
Kriegsruͤſtung zur Rettung des Ordens bereit erklaͤrt und Hoff⸗ 
nung gaben, im Sommer mit einer Kriegsmacht zu erſcheinen, 
deren Staͤrke der Feind des Ordens auf keine Weiſe gewachſen 
ſeyn ſollte. Der Deutſchmeiſter, der Landkomthur von Franken 
und andere Gebietiger waren fort und fort raſtlos thaͤtig, um 
Fuͤrſten und Ritter zum Beiſtande des Ordens zu gewinnen.) 
Bis dahin aber glaubte man ſich in Marienburg auf jedem 
Falle behaupten zu koͤnnen. Auch Stuhm hoffte man noch zu 
erhalten, denn wenn auch das dortige Belagerungsheer etwas 
verſtaͤrkt wurde, ſo fehlte es ihm doch an Muth; die Gegend 
weit umher, ſelbſt bis ins Chriſtburgiſche Gebiet war ſo ver⸗ 
armt und ausgezehrt, daß das Landvolk weder an Lebens⸗ 
mitteln noch ſonſtiger Beihuͤlfe irgend etwas leiſten konnte und 
der traurigen Heimath entfloh.) In Höfen und Dörfern war 
weit umher alles gepluͤndert und vernichtet.) Auch Konitz 
ward von Heinrich Reuß von Plauen und vom Komthur von 
Schlochau noch tapfer vertheidigt; ihre Ausfaͤlle und Gefechte 
mit dem faſt dreitauſend Mann ſtarken Belagerungsheere unter 
dem Hauptmanne Nicolaus Scherlenski waren immer vom 
Gluͤcke begleitet, während das letztere durch Todte, Verwundete 
und Gefangene immer mehr geſchwaͤcht wurde. Der Graf 
von Plauen wies daher auch eine durch einen Sendboten des 


1) Schr. des Kurfuͤrſten Friederich v. Brandenb. an d. Komthur 
v. Schlochau, d. Köln an d. Spree Mittw. nach Jubilate 1454 Schbl. 
LXXIX. 239. Schr. des Ordensritters Hans v. Koͤkeritz an Heinrich 
Reuß v. Plauen in Konitz, d. Berlin Dienſt. nach Jubilate 1454 
Schbl. DM. 117. Er ſpricht von 30,000 Mann, mit denen man 
nach Preuſſen kommen wolle. Schr. ulrichs v. Lentersheim an d. HM. 
d. Prag Dienſt. nach Philippi u. Jacobi 1454 Schbl. DM, 116. 

2) Schr. des HM. an Heinrich Reuß von Plauen, d. Mar. 
Dienſt. vor Cantate 1454. Schr. des Hans v. Baiſen an Stibor v. 
Baiſen, d. Thorn Sonnab. vor Cantate 1454 u. einige andere Schr. 
Schbl. LXXIX. 174. 116. XLIII. 5. 6. 

3) Schr. Auguſtins v. d. Schewe, d. im Heere vor Stuhm Dienſt. 
nach Cantate 1454 Schbl. XI. V. 31. 


Bemühungen des HM. um fremde Beihlͤlfe. (1454.) 389 


Koͤniges uͤberbrachte Aufforderung zur Uebergabe ohne weiteres 
zurück.) Man hoffte auch hier auf baldige Huͤlfe aus Deutſch⸗ 
land, beſonders auf die baldige Herankunft des Deutſchmeiſters 
mit einer anſehnlichen Streitmacht. Um Konitz ſo bald als 
moͤglich zu entſetzen, erließ der Hochmeiſter an den Vogt von 
Schievelbein den Auftrag, die in Kuͤſtrin liegenden zweitauſend 
Reiſige und den Soͤldner⸗Hauptmann Bernhard von Zinnen⸗ 
berg mit fuͤnfhundert Pferden und Trabanten von Landsberg 
heranzuziehen, um den Feind zu vertreiben. 

Indeß fehlte es, um die von auswaͤrtsher ſich darbietenden 
Hilfskräfte in Bewegung zu ſetzen, dem Orden an den noͤ⸗ 
thigen Geldmitteln. Man kannte überall feine Armuth und 
auf bloße Verſprechuugen mochte niemand bauen. Der Meiſter 
war ſchon jetzt nicht einmal im Stande, die Forderung der 
Söldner in Konitz zu befriedigen.) Markgraf Albrecht von 
Brandenburg war mit dem Deutſchmeiſter nach Prag gezogen, 
um den König von Böhmen, wie er verſprochen, zu eiliger 
Huͤlfsleiſtung zu bewegen; allein man hatte ihm nicht nur eine 
bedeutende Geldſumme verheißen, ſondern ſich auch verpflichten 
müͤſſen, noch vor des Koͤniges oder des Gubernators Auszug 
einen Theil dieſer Summe in Prag niederzulegen oder zuvor 
auszuzahlen, und daran ſcheiterte das ganze Unternehmen, denn 
auf die vom Deutſchmeiſter den Boͤhmiſchen Herren vorgehalte⸗ 
nen glaͤnzenden Soldverheißungen mochte man kein Vertrauen 
ſetzen.) Ebenſo wollte ſich der Kurfuͤrſt von Brandenburg 
1 


1) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Konitz Donnerſt. nach 
Jubilate 1454 Schbl. XLVII. 4. Schr. Jons v. d. Jene an Stibor 
v. Baiſen, d. im Heere vor Konitz Mont. vor urbani 1454 Schl. 
LIX. 40. 

2) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Konitz Dienſt. vor 
Himmelf. 1454 Schöl. XLVII. 3. 

3) Schr. des HM. an den Vogt v. Schievelbein, d. am Himmelf. 
Abend Schbl. LIX. 49. 

4) Schr. des HM. an Heinrich Reuß v. Plauen, d. Dienſt. vor 
Cantate 1454 Schbl. LXXIX. 174. 

5) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. am Himmelf. Abend 
1454; Schr. des Georg Stainbott an Hans v. Baiſen, d. Wien Freit. 


390 Der König von Polen in Preuſſen (1454.) 


zuvor in Ruͤckſicht des Schadens, den er im Dienſte des Or⸗ 
dens erleiden koͤnne, ſicher geſtellt wiſſen. Der Hochmeiſter 
verſuchte jedes Mittel, um dieſen Hinderniſſen zu begegnen. 
Um die Hülfsmacht in Böhmen ſobald als möglich in Vewe⸗ 
gung zu ſetzen, trug er dem Deutſchmeiſter auf, durch Ver⸗ 
pfaͤndung einiger Ordensſchloͤſſer das verlangte Ruͤſtgeld aufzu⸗ 
bringen, damit Geldmangel des Koͤniges Entſchluß nicht ver⸗ 
eitele.d Den Hauptleuten zu Konitz, unter denen damals 
ſchon vorzuͤglich Georg von Schlieben aus Sachſen mit ſeinen 
Reiſigen hervorglaͤnzte, verhieß er, um ſie dem Orden geneigt 
zu erhalten, Erhoͤhung ihres Dienſtſoldes; er ſtellte ihnen, ſo⸗ 
wie einer bedeutenden Anzahl anderer Ritter, die dem Orden 
zu Dienſt zureiten wollten, ſ. g. Schade⸗ oder Verſicherungs⸗ 
briefe aus, worin er Vergütung des etwanigen Schadens in 
ihrem Dienſte verbuͤrgte. 

Mittlerweile aber war der Koͤnig von Polen mit der 
jungen Koͤnigin, vielen ſeiner Reichsgroßen und einer anſehn⸗ 
lichen Heerſchaar ins Land gekommen. Von Thorn, wo er 
mit Jubel und allgemeiner Huldigung empfangen am 23ſten 
Mai einzog und die Landesritterſchaft, beſonders die Ritter des 
Eidechſen⸗Bundes und Abgeordnete der Staͤdte wetteiferten, 
ihm den Eid des Gehorſams zu leiſten und ihre Ergebenheit 
zu bezeugen, begab er ſich nach Elbing.) Dort erhielt er ein 
Schreiben des Hochmeiſters, worin ihm dieſer vorſtellte, wie 


vor Urbani 1454 Schbl. LXXIX. 26. 118. Dlugoss. T. II. 146. 
Der HM. ſagt: die Nachricht von des Koͤniges Bereitwilligkeit habe 
in Marienburg große Freude erregt. 

1) Schr. des Komthurs v. Schlochau Schbl. XI. VII. 3. 

2) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Mar. Dienſt. zu 
Pfingſt. 1454 Schbl. Varia 128. 

3) Schr. des HM. an Heinrich Reuß v. Plauen und die andern 
Hauptleute, d. Dienſt. zu Pfingſt. 1454 Schbl. Varia 104. Schr. des 
Konthurs v. Schlochau, d. Konitz Sonnt. vor Pfingſt. 1454 Schbl. 
XLVII. 5. LXXIX. 28. 

4) Schr. der Rathsſendboten v. Danzig an den Danziger Rath, 
d. Thorn am Hiunnelf. Tage 1454. Diugoss. T. II. 145— 148. 


Der König von Polen in Preuſſen. (1454.) 391 


wenig ſeine jetzigen Handlungen mit ſeinen fruͤheren Verſpre⸗ 
chungen, daß er den Verbuͤndeten in keiner Weiſe Beiſtand 
leiſten, ſondern am ewigen, von ihm beſchworenen Frieden feſt⸗ 
halten wolle, im Einklange ſtaͤnden. Obgleich er vernehme, 
der Koͤnig ſey ins Land gezogen, um von des Ordens Untertha⸗ 
nen den Huldigungseid zu empfangen, ſo koͤnne er doch kaum 
glauben, daß er als ein chriſtlicher König ſolches zu thun im 
Stande ſey und gegen den Laut des ewigen Friedens die Ver⸗ 
raͤther des Ordens in ſeinen Schutz und Schirm nehmen werde. 
Er muͤſſe daher den König aufs dringendſte erſuchen, ſeinem 
koͤniglichen Worte getreu zu bleiben.) Wir wiſſen nicht, ob 
und was dieſer geantwortet habe. Alles aus dem Lande 
ſtroͤmte in Elbing zuſammen, ihm die Huldigung zu leiſten. 
Die Landesbiſchoͤfe, Johannes von Kulm, Kaspar von Pome⸗ 
ſanien und Nicolaus von Samland, (der von Ermland befand 
ſich zur Zeit in Marienburg) 2) die Ritterſchaft, der Landes⸗ 
adel, die ehrbaren Leute, die Magiſtrate und Abgeordneten der 
Städte bis aus den Nieder⸗ und Hinterlanden her gelobten 
in feierlich ausgefertigten Huldigungsbriefen dem Koͤnige Treue 
und Gehorſam, mit dem Verſprechen, alle ihre Kraͤfte aufzu⸗ 
bieten, den Orden aus dem Lande zu vertreiben und feine 
Herrſchaft bis auf die letzte Spur zu vertilgen. In Koͤnigs⸗ 
berg nahm der koͤnigl. Kanzler Johann von Coniezpole, dort 
ſehr ehrenvoll empfangen, die Huldigung ein.) Vor allem 


1) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Mar. Donnerſt. 
nach Pfıngft. 1454 Schbl. LXXVIN. 20. XXIX. 40. Der HM. 
ſagt: er wuͤrde dem Könige ſchon laͤngſt geſchrieben haben, wenn nicht 
alle ſeine Boten gefangen, ermordet und erfäuft würden. 

2) Ein Schr. des HM. an den Dompropſt v. Ermland, d. Son⸗ 
nab. vor Exaudi 1454 Schbl. Varia 134 erwähnt feiner ausdrücklich 
in Marienburg; nach Schütz p. 202 ſoll er bereits nach Breslau ge⸗ 
zogen und dort geſtorben ſeyn. 

3) Die Huldigungsbriefe, d. Elbing Feria III Pentecost. u. Kö- 
nigsb. Feria IV in vigilia corp. Chr. 1454 bei Dogiel T. IV. 153 — 
156. Nach Diugoss. T. II. 148 legten die Biſchoͤfe auch das Ordens⸗ 
Heid ab. Detmar Chron. B. II. 167. 

4) Dlugoss. T. II. 149. 


392 Der König von Polen in Preuſſen. (1454.) 


ward Danzig vom Könige hochbegnadigt; es erhielt nicht nur 
bedeutende Einkuͤnfte an Zinſen und andern Abgaben, ſondern 
auch ein ſehr ausgedehntes Stadtgebiet in den ſonſt dem Or⸗ 
den zugehoͤrigen umherliegenden Guͤtern, Beſitzungen und Doͤr⸗ 
fern.) Dagegen verpflichtete es ſich, dem Könige jährlich 
zweitauſend Unger. Gulden zu zahlen, ihm einen anſtaͤndigen 
koͤniglichen Hof in der Stadt zu erbauen, mit allen nothwen⸗ 
digen Beduͤrfniſſen einzurichten und zu unterhalten, auch den 
Koͤnig mit ſeinem Hofſtaate, wenn er Danzig beſuchen werde, 
jährlich drei Tage lang mit Allem zu verſorgen. 2 

Darauf berieth ſich der König mit den Ständen auch 
uͤber die Maaßregeln, wie man zum Kriege und zur Landes⸗ 
nothdurft Geld aufbringen, Konitz erobern und den Deutſch⸗ 
meiſter, deſſen Herankunft man bald erwartete, hindern koͤnne, 
dem Orden zu Huͤlfe zu kommen.“) Endlich ward auch über 
den Plan berathſchlagt, den großen Werder wieder zu gewin⸗ 
nen, um Marienburg von neuem von der Seite der Nogat 
her zu belagern. Geld ward zum Theil dadurch herbeigeſchafft, 
daß man das Amt Putzig an einige Buͤrger zu Danzig fuͤr 
eine namhafte Summe verpfändete. ? Konitz zu erobern uͤber⸗ 
nahm der König ſelbſt. Den großen Werder wieder zu gewin⸗ 
nen und Marienburg von neuem zu belagern, erboten ſich 
die Danziger. Darauf begab ſich der Koͤnig nach Thorn zu⸗ 
ruͤck, beftätigte dort die bisherigen Woiwoden in ihren Amts⸗ 
würden und ſtellte zugleich eine Erklaͤrung aus, daß er auch 
inskunftige die Hauptmanns⸗ und Beſehlshaberſtellen in den 
Burgen und Staͤdten des Landes niemals Ausländern ver⸗ 
leihen wolle und wenn dieß im Verlaufe des Krieges auch hie 
und da geſchehen dürfte, er doch nach hergeſtelltem Frieden 


1) Das Nähere darüber bei Schitz p. 203 aus der Urkunde ſelbſt. 

2) Urk. d. Elbing ipso die s. Triniiat. 1454 bei Dogiel T. IV. 
154. Dlugoss. T. II. 149. 

3) Schütz p. 202. Schr. des HM. an d. Vogt v. Schievelbein, 
d. Dienſt. zu Pfingſt. 1454 Schbl. LXXIX. 37. 

4) Schütz p. 203. 


Der König von Polen in Preuſſen. (1454) 393 


feft an dieſer Zuſage halten und nur Eingebornen dieſe Stel⸗ 
len übertragen werde. 

Man war nun bemüht, die in Elbing gefaßten Beſchluͤſſe 
in Ausführung zu bringen. Dem Koͤnige ſchien am wichtig⸗ 
ſten, vor allem Konitz zu gewinnen; weshalb er zur Ver⸗ 
ſtarkung des dortigen Belagerungsheeres auch einen anſehnlichen 
Streithaufen abſandte. Der Gubernator und die Verbuͤndeten 
warben immer mehr Soͤldner an. Allein überall traten der 
kriegeriſchen Thätigkeit des Koͤniges und der Verbuͤndeten be⸗ 
deutende Hinderniſſe entgegen. Nichts konnte von den Haupt⸗ 
leuten mit Nachdruck unternommen werden. Die Nachrichten 
von Kriegshülſe für den Orden aus Deutſchland noͤthigten ſie, 
ihre Kriegskraͤſte zu vereinzeln. Auch verlangten die Staͤdte 
ftärfere Beſatzungen. Die ausgeſchriebenen Kriegsſteuern 
gingen in der Eile, wie man ſie verlangte, nirgendwoher 
ein. In Ermland zeigte ſich auch wegen Erhebung dieſer 
Steuer und wegen der Kriegsreiſen, womit man die Guts⸗ 
beſitzer beläftigte, bereits großer Unwille im Volke.) Die 
Boͤhmiſchen Soͤldner vor Marienburg drohten ſchon, das Lager 
zu verlaſſen, wenn man ihnen den Sold nicht zahle und ihre 
in Marienburg gefangenen Landsleute nicht auslöͤſe;s) und als 
man dieſe einigermaßen befriedigt hatte, erhoben die Deutſchen 
Trabanten vor Stuhm gleiche ſtuͤrmiſche Forderungen, ſo daß 
auch dort der Hauptmann Auguſtin von der Schewe taͤglich 
von ihnen bedraͤngt wurde.) Die Danziger zogen zum Theil 


1) Urk. d. Thorun Feria II Johannis bapt. 1454 bei Dogiel IV. 
156. Privilegia der Staͤnde des Herzogth. Preuſſ. p. 18. 

2) Schitz P. 203. Urk. d. Thorn um Oſtern 1454 Schbl. XIV. 26. 

3) Schr. Pauls v. Thesmesdorf an Hans v. Baiſen, d. Rieſen⸗ 
burg Dienſt. nach Trinitat. 1454 Schbl LXXIX. 111. 14. 86. 

4) Schr. des Ritters Jacob v. Gedauthen an d. Gubernator, d. 
Heilsberg Miitw. vor Frohnleichn. 1454 Schbl. XLXIII. 60. 

5 Schr. Stibors v. Baiſen an Hans v. Baiſen, d. vor Mar. 
Sonnab. vor Corpor. Chr. 1454 Schbl. XXXIX. 22. Diugoss. 
T. II. 150. 

6) Schr. Auguſtins v. d. Schewe an Stibor v. Baiſen, d. vor 
Stuhm am T. Viſitat. Mariä 1454 Schbl. Adelsgeſch. S. 204, 


394 Belagerung Marienburgs. (1454.) 


aus dem Lager vor Stuhm wegen Mangel an Lebensmitteln 
hinweg. Des Gubernators Bemühungen aber, zum Erſatz der 
Danziger Kriegsvolk aus Königsberg und andern nieberlänbifchen 
Städten herbeizuziehen, hatten keinen ſonderlichen Erfolg.“) 
Unterdeſſen waren die Danziger in den letzten Tagen des 
Juni in den Werder wieder eingeruͤckt und bei Dirſchau mit 
einer vom Koͤnige geſandten Schaar von Polen und Boͤhmen 
ſich verbindend, zogen ſie in anſehnlicher Staͤrke in ihr fruͤ⸗ 
heres verſchanztes Lager im Warnauiſchen Walde und der 
Werder war ſomit fir Marienburg wieder geſperrt.) So um: 
zingelten jetzt die Burg drei feindliche Lager, denn das ver⸗ 
ſtärkte Belagerungsheer bei Willenberg war zum Theil näher 
an die Stadt geruͤckt, zum Theil hatte es ſich in einem andern 
Lager bei Hoppenbruch dicht an der Vorſtadt verſchanzt. 
„Jetzt müßt ihr das Haus unfehlbar gewinnen!“ ſchrieb der 
Gubernator dem oberſten Heergrafen vor Marienburg. Und 
in der That ſchien die Gefahr fuͤr den Meiſter jetzt ſehr groß; 
er war faſt rings eingeſchloſſen; alle ſeine ausgeſandten Boten 
wurden vom Feinde aufgefangen, ermordet und erſaͤuft; es 
glückte ihm kaum, zwei Briefe an den Deutſchmeiſter und den 
Koͤnig von Boͤhmen abſenden zu koͤnnen, worin er ſie aber⸗ 
mals aufs dringendſte um eilige Huͤlfe bat.) Es gingen 
indeß Wochen hin, ohne daß irgend etwas von Bedeutung ge: 
ſchah. Bei jedem Angriffe des Feindes auf die Mauern der 
Stadt trat die Buͤrgerſchaft Marienburgs, an ihrer Spitze der 
brave, entſchloſſene Bürgermeifter Bartholomäus Blume mit 


1) Schr. des J. v. Tergowitz an Stibor v. Baiſen, d. vor Sluhm 
am T. Johannis Bapt. 1454. Schr. des Gubernators an Stibor v. 
Baiſen, d. Thorn am Abend Johannis Bapt. 1454 Schbl. LX XIX. 103. 

2) Schütz P. 203. Runau p. 14. Voigt Geſch. Marienb. 
S. 415. 

3) Voigt a. a. O. S. 415 — 416. 

4) Schr. des HM an d. Deutſchmeiſter u. d. Koͤnig v. Bohmen, 
d. Mar. am T. Viſit. Maris 1454 Schbl. LX XIX. 28. 41. 


Tagfahrt zu Graudenz. (1454.) 395 


Muth und Treue der Beſatzung zu Hülfe und unterſtüͤtzte die 
Ritter mit ruͤhmlichſter Tapferkeit bei ihren Ausfällen ins feind⸗ 
liche Lager. Zudem hielt auch der Glaube des Volkes noch 
ſeſt an der Hilfe der heil. Barbara, deren Haupt und Bild 
man ſchon im Anfange dieſes Jahres zur Sicherheit gegen den 
Feind von Althaus nach Marienburg gebracht hatte. Dagegen 
glückte den Belagerern keine Unternehmung; es fehlte uberall 
an Einigkeit. Die Boͤhmen drohten bei jedem Anlaſſe, das 
Lager verlaſſen zu wollen, um ſich in die Städte und Burgen 
des Biſchofs von Pomeſanien zu werfen. Die Danziger 
wuͤnſchten auch keineswegs, daß die Polen Marienburg ge⸗ 
winnen möchten; fie wollten es fuͤe fi) erobern und dann 
weder einen Polen, noch einen aus dem Bundesheere auf die 
Burg zulaſſen. Selbſt der Plan, der Stadt durch Abſtechen 
des Muͤhlengrabens oder durch Vernichtung ihrer Roͤhrenleitung 
das noͤthige Waſſer abzuſchneiden und ſie ſo zur Uebergabe zu 
zwingen, konnte keinen Erfolg bringen.) 

Dieſen Mangel an Einheit in einem feſten Plane und 
an zweckmaͤßigem Verwenden und Zuſammenwirken ihrer Kriegs⸗ 
kräfte hatten laͤngſt auch der König, der Gubernator und die 
Hauptleute erkannt. Es ward deshalb in der Mitte des Juli 
eine Tagfahrt zu Graudenz veranſtaltet, wo außer den Woi⸗ 
woden und Landeshauptleuten auch eine Anzahl Landesritter 
und die Bürgermeiſter der großen Staͤdte erſchienen.) Der 
König ſuchte vor allem die Geneigtheit der Staͤnde ſich dadurch 
zu gewinnen, daß er ihnen die Wahl der Landesraͤthe ſelbſt 
übertrug, Es ward von ihnen beſchloſſen: es ſollten forthin 
fieben Stimmen vom Lande und eben fo viele von den Haupt⸗ 
ſtaͤdten des Landes Wohlfahrt und Gedeihen berathen und 
überhaupt in allen wichtigen Landesangelegenheiten nach ihrem 
beſten Erkenntniſſe Beſchluͤſſe faſſen. Die Lande erkoren ihre 
Landesräthe ſogleich, meiſt noch junge Maͤnner, obgleich der 
König wuͤnſchte, daß man auch einige Praͤlaten dazu erwaͤhlen 


1) Voigt 4. a. O. S. 414 — 417, wo das Naͤhere nachzuleſen iſt. 
2) Schütz v. 203. Dlugoss. T. II. 149 — 150. 


396 Tagfahrt zu Graudenz. (1454.) 


möge, Die Städte wollten ihre Wahl erſt ſpaͤter vornehmen. 
Darauf kam von neuem die Frage zur Berathung: wie man 
die noͤthigen Geldmittel gewinne, um die Söldner vor Marien 
burg und Konitz, beſonders die Böhmen zu befriedigen? Man 
ſchlug vor, der Koͤnig moͤge auf etwa vier Wochen fuͤr die 
Staͤnde Buͤrgſchaft leiſten; dieſer indeß erklaͤrte, daß er ſolches 
ohne feiner Reichsraͤthe Zuſtimmung nicht übernehmen konne. 
Dagegen lehnten die Staͤnde ſeinen Vorſchlag ab, den Boͤhmen 
einſtweilen die beiden Schloͤſſer Strasburg und Rheden zu 
verpfaͤnden. Da nun der König endlich erklaͤren ließ: die 
Sache gehe lediglich das Land Preuſſen, nicht aber die Krone 
Polens an, ſo blieb den Staͤnden nichts weiter uͤbrig, als 
zuerſt ſich mit den Soͤldnerhauptleuten uͤber einen Zahlungs⸗ 
termin zu verſtaͤndigen und das noͤthige Geld durch eine Taxe 
aufzubringen, welche verhaͤltnißmaͤßig von ſaͤmmtlichen Staͤdten, 
den drei Biſchoͤfen (mit Ausnahme des Ermlaͤnders) und den 
vier Domkapiteln erhoben werden ſollte und im Ganzen 46,600 
Mark betrug.) Um jedoch die Staͤdte, auf die ſomit die 
größte Laſt der Kriegskoſten geworfen war, zu entfchäbigen, 
verſprach man den kleinen Staͤdten, beim Koͤnige zu bewirken, 
daß ihnen ihr Grund- und Erbzins erlaſſen werden ſolle. Den 
großen Staͤdten traten die Ritterſchaft und Lande zur Deckung 
ihrer bedeutenden Auslagen alle vom Koͤnige den Landen und 
Staͤdten uͤberlaſſenen Zinſen, Renten, Domainen und andere 
Einkuͤnſte ab.) Weiter aber find wir über die Verhandlungen 
zu Graudenz nicht unterrichtet. Sofort nach dem Tage begab 
ſich der Koͤnig, nachdem er zu Thorn die vom Reichstage zu 
Regensburg abgefertigten Geſandten des Papſtes, des Kaiſers 


1) Die Urk. darüber, d. Graudenz Sonnab. vor Maria Magdal. 
1454 im Rathsarchiv zu Thorn, gedruckt bei Schtz p. 206. 

2) Diugoss. p. 150; die nähern Verhandlungen und die Ver⸗ 
theilung der Summe bei Schidtz p. 204 — 205. Wir haben ein Ver⸗ 
zeichniß der Summen, welche allein Braunsberg im J. 1454 geben 
mußte; ſie beliefen ſich uͤber 15,000 Mark. 

3) Urk. darüber, d. Graudenz Sonnab. vor Mar. Magdal. 1454 
im Rathsarchiv zu Thorn, gedruckt bei Schütz p. 205. 


Stuhms Verluft. (1454.) 397 


und der Deutſchen Reichsfürſten empfangen und auf ihre Er⸗ 
mahnungen zur Ruͤckgabe der eingenommenen Lande an den 
Orden mit einer nichtsſagenden Antwort wieder entlaſſen hatte, 
nach Polen zuruͤck, um dort neue Kriegsruͤſtungen zu beginnen.“ 

Fuͤr den Hochmeiſter ſtellten ſich die Verhaͤltniſſe bald 
noch günftiger. Zwar brachte es keinen Erfolg, daß er ſich 
wie früher ſchon an Koͤnigsberg, fo jetzt auch an die Burger 
und Gewerke von Danzig, Thorn und der andern großen 
Städte wandte, ihnen vorſtellend, wie nichtig und lugneriſch 
alle von Friedensſtoͤrern verbreiteten Geruͤchte uͤber die beab⸗ 
ſichtigten Grauſamkeiten und blutigen Strafen des Ordens 
ſeien, wie er fie nur als Verführte anſehe, die jetzt ſelbſt er⸗ 
kennen wuͤrden, welche dreifache Laſten ſie nun ſich aufgebürdet, 
und wie gerne er ihnen, wenn ſie ſich beſinnen und zum Orden 
zurückkehren wuͤrden, die Hand zur Ausgleichung biete. Er⸗ 
freulich aber war es fir die auf Marienburg, daß faſt alle 
Böhmiſchen Soldner plotzlich das Lager vor der Stadt ver⸗ 
ließen, um im Lande auf Pluͤnderung umherzuziehen.) Ein 
neuankommender Polniſcher Heerhaufe war meiſt nur lieder⸗ 
liches Kriegsgeſindel und nicht viel zu fuͤrchten.) Ueberhaupt 
betrug jetzt die ganze Streitmacht des Feindes vor Marienburg 
und Stuhm nur noch achttauſend Mann. Die Danziger be⸗ 
ſchraͤnkten ſich ihrer Seits nur darauf, dem Hauſe die Zufuhr 
aus dem großen Werder abzuſchneiden, was vorerſt noch keinen 
weitern Schaden brachte, da Marienburg noch ziemlich gut ver⸗ 


1) Dlagoss. T. II. 150 — 151. Schr. Heinr. Reuß v. Plauen 
an d. HM. d. Konitz Mont. nach Jacobi 1454 Schbl. LXXIX. 7. 
Schr. des Komthurs v. Horneck an d. HM. Breslau am T. Stephani 
1454 Schbl. 102. 18. Kotzebue B. IV. 158. 330. Raynaldi 
Annal. eccl. an. 1454. f. 11. 

2) Schr. des HM. an die Gemeinen und Gewerke zu Danzig und 
Thorn, d. Mar. am T. Jacobi 1454 Schbl. LXXIX. 144. 218. Die 
Aufforderung an die Thorner faͤllt in etwas fpätere Zeit des Jahres. 

3) Schr. des Hans v. Baiſen an d. Biſchof von Pomeſanien, d. 
Althaus am T. Jacobi 1454 Schbl. LXXIX. 104. 

4) Schr. des HM. an Heinr. Reuß v. Plauen in Konitz, d. Dienſt. 
nach Jacobi 1454 Schbl. LIX. 80. 


398 Stuhms Verluſt. (1454.) 


ſorgt war.) Hoͤchſt traurig dagegen war die Lage Stuhms, 
wo die Mannſchaft, an Zahl viel geringer, in den fortwaͤhrenden 
Kämpfen mit dem Feinde auch um fo leichter ermüdete und 
großer Mangel an Lebensmitteln ſchon lange keinen Erſatz von 
Kraͤften mehr moͤglich machte. Waſſer und Pferdefleiſch waren 
ſchon die gewoͤhnlichſte Nahrung ſelbſt der edelſten Ritter. 
Dieſes und die taͤgliche Ermattung erzeugten bei der druͤckenden 
Sonnenhitze eine Seuche, welche für jeden, den fie befiel, un: 
vermeidlich den Tod brachte, ſo daß mit jedem Tage ſich Muth 
und Mannſchaft verminderten. Aus Marienburg Hülfe und 
Lebensmittel herbeizuſchaffen, war unmoͤglich, weil der Feind 
die ganze Gegend beſetzt hatte.) So mußte ſie ſich endlich 
zu einem Vertrage mit den Hauptleuten des Belagerungsheeres 
entſchließen, wodurch ſie ſich verpflichtete, die Burg, ſofern ihr 
bis zu einem beſtimmten Tage vom Meiſter keine Hülfe kom⸗ 
men werde, ohne weiteres zu übergeben. Und als der Tag 
am achten Auguſt erſchien, mußte die Beſatzung das Haus mit 
Geſchütz und allem, was darin war, dem Feinde räumen und 
erhielt unter ſicherem Geleite freien Abzug nach Marienburg, 
wohin ſie der Meiſter auf ihre Anfrage beſchieden hatte. Allein 
nur ein Theil zog dahin ab. Zehn Ordensbruͤder wurden dem 
Orden abtruͤnnig; vier derſelben begaben ſich mit dem Vogt 
von Roggenhauſen Egloff von Roſenberg in des Koͤniges von 
Polen Dienfte. 


# 


1) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. am T. Jacobi 1454 
Schbl. Varia 115. 120. 

2) So der Fol. A, 174. Diugoss. T. II. 151. Voigt, Geſch. 
Marienb. S. 414. 

3) Abſchrift des Vertrages, d. Mont. nach Jacobi 1454 Schbl. 
LXXIX. 240. Vogt von Stuhm war Nicolaus von Milwitz. 

4) Fol. A. 174 — 175. Schr. des HM. an Heinr. Reuß v. 
Plauen in Konitz, d. Donnerſt. vor Laurentii 1454 Schbl. Varia 105. 
Schiitz p. 207. Dlugoss. I. c. läßt nur 50 Mann nach Marienburg 
kommen. Ueber das verrätberifche Benehmen des Vogts v. Roggen: 
hauſen in einem Schr. des HM. an die Fuͤrſten und Grafen in Deutſch⸗ 
land, d. Mar. Mittw, vor Mar. Magd. 1456 Schbl. LXXXI. 42. 


Kämpfe vor Marienburg mit den Danzigern. (1454.) 399 


Für Marienburg konnte Stuhms Verluſt in mancher Hin⸗ 
ſicht ſehr verderblich werden, denn es vereinte ſich nicht nur 
das ganze dortige Belagerungsheer mit dem wor dem Haupt⸗ 
hauſe, ſondern es ging auch der größte Theil der Beſatzung 
Stuhms zum Heere des Königes über.“ Aber noch immer 
fehlte es den Rittern auf dem Haufe nicht an Muth und Kraft. 
Ergrimmt uͤber dieſen Bruch geſchworener Treue forderten ſie 
einen Ausfall auf den Feind; mehre Stunden ward der Kampf 
mit größter Erbitterung fortgeſetzt, bis ein gewaltiger Staub 
zwiſchen den Kaͤmpfenden die Ordenstruppen zum Ruͤckzuge 
zwang. Aber noch zur Stunde brachen zweitauſend Reiter 
und Fußknechte auch auf das Lager der Danziger ein; es ward 
heftig beſchoſſen, obgleich es nicht zum Kampfe kam, denn die 
Danziger wagten ſich nicht aus ihren ſtarken Verſchanzungen. 
Sieben Wagen voll Lebensmittel und eine Heerde Vieh waren 
die Beute des Tages, fuͤr Marienburg ein großer Gewinn. 
Da kam aus Konitz die Nachricht aufs Haus: der Herzog 
Rudolf von Sagan, Bernhard von Zinnenberg, Heinrich von 
Maltitz, Rule von Kalkreut, Kaspar von Noſtitz, Otto von 
Schlieben, Vogt der Lauſitz und mehre andere edle Herren ſeyen 
mit einer Kriegsmacht von dreizehntauſend Mann ſchon in die 
Mark eingeruͤckt; auch der Deutſchmeiſter ſey mit einer an⸗ 
ſehnlichen Kriegshuͤlfe im Anzuge und ſelbſt der Herzog von 
Burgund ſende einen Haufen trefflicher Streiter.) Man faßte 
den Plan: ſobald dieſe Kriegsmacht heranziehe, folle Konitz vom 
belagernden Feinde befreit, ſtark bemannt und dann von da 
aus unter des Komthurs von Schlochau Befehl ein Verſuch 
zum Wiedergewinn der Haͤuſer Tuchel und Schlochau unter⸗ 
nommen, von Heinrich Reuß von Plauen dagegen und Veit 
von Schönberg ein Angriff auf Stargard und Dirſchau gewagt 


1) Schiitx p. 207. Fol. A. 175. Dlugoss. I. e. 

2) Schütz I. . Henneberger p. 272. Dlugoss. I 0. 

3) Schr. Heinrichs Reuß v. Plauen an d. HM. d. Konitz Mont. 
nach Jacobi 1454 Schbl. LXXIX. 7. Detmar Chron. B. II. 167 
laßt den Deutſchmeiſter ſelbſt mit vor Konitz ziehen. 


400 Kämpfe vor Marienburg mit den Danzigern. (1454.) 


werden, um wenn biefe gewonnen feyen, den im Werder lie: 
genden Feind aus dem Felde zu ſchlagen. So wollte man 
ſich wieder freie Bahn nach Deutſchland eröffnen. Allein der 
Tod des Komthurs von Schlochau, der in denſelben Tagen 
am Kopfe toͤdtlich verwundet ward, ſtoͤrte dieſen ganzen Plan. 1) 
Ueberdieß änderte ſich um Konitz auch bald die ganze Lage der 
Dinge. 

Der Koͤnig naͤmlich ruͤſtete ſich mit aller Macht, um Konitz 
zu gewinnen. Danzig mußte, ſo ſehr es ſich auch ſtraͤubte, 
ihm von neuem Geld ſchaffen; man borgte ſogar bei dem ehe⸗ 
maligen Komthur von Danzig Nicolaus Poſtar, der ſich dort 
noch aufhielt, eine namhafte Summe auf. Ein anſehnlicher 
Theil des Belagerungsheeres vor Marienburg ward nach Konitz 
geſandt und durch anderes Kriegsvolk aus dem Lande erſetzt.) 
Hier geſchah ſeitdem faſt nichts mehr von Bedeutung, denn es 
fehlte den Danzigern auch an tauglichen Anfuͤhrern, zumal 
nachdem Graf Hans von Hohenſtein und Stibor von Ponitz 
nach einem heſtigen Streite wegen erlittenen Schadens das 
Lager verlaſſen und ſich mit ihren Streithaufen zum Orden 
geſchlagen.) Selbſt der liſtige Verſuch des Feindes, die Bruͤcke 
über die Nogat, die immer noch die Verbindung des Hauſes 
mit dem Werder vermittelte, durch ſieben mit Pech, Theer und 
Pulver gefüllte Kaͤhne aufzubrennen und zu ſprengen, gelang 
nicht ganz, denn in acht Tagen war der Schaden wieder aus⸗ 


1) Schr. des HM. an d. Komthur v. Schlochau u. a. d. Mar. 
Donnerſt. vor Laurent. 1454 Schbl. Varia 105. LX XIX. 17. Schr. 
des Ordensbruders Graf Hans v. Kirchberg an d. HM. d. Konitz 
Dienft. nach Bartholom. 1454 Schbl. XLII. 42. 

2) Schiitx p. 206. Nicolaus Poſtar, der Komthur v. Branden⸗ 
burg und mehre andere Ordensbrüder flüchteten ſpaͤter nach Lubeck. 

3) Schr. Stibors v. Baiſen an d. Propſt zu Schoͤnberg, d. vor 
Marienb. am T. Laurentii 1454 Schbl. XLIX. 25. Der HM. erhielt 
um dieſe Zeit eine Menge von Fehdebriefen, Schbl. LXX. 1 — 4. 

4) Schütz p. 206. Henneberger p. 273. Tidemanns 
Ord. Chron. p. 117. Beſtallungsbrief des Grafen Hans v. Hohenſtein, 
Herrn v. Heldrungen, d. Mar, am T. Simon u. Judaͤ 1454 Schbl. 
93. 64. 


Kämpfe vor Marienburg mit den Danzigern. (1454.) 401 


gebeſſert. Der Verſuch aber koſtete den Danzigern hundert 
Mann. Bedraͤngt durch wiederholte dringende Bitten des 
Heergrafen vor Marienburg um Mannſchaft und Geld zur 
Beſriedigung der Soͤldner bot der Gubernator alle Mittel auf, 
wandte ſich an den König, drohte den Hauptleuten in den 
Städten, wenn fie nicht eilig mit ihren Heerhaufen ins Lager 
zoͤgen.) Es hatte alles keinen Erfolg. Der Unmuth der 
Belagerer ſtieg mit jedem Tage; es brachen zwiſchen den Polen 
und den Bundestruppen ſogar gefährliche Meutereien aus. 
Dieß alles wußte und benutzte man auf Marienburg. Am 
12ten Septemb. wagte man plotzlich einen Ausfall auf das 
Danziger Lager; es ward fo umftellt und beſchoſſen, daß kein 
Mann es verlaſſen konnte. Mittlerweile wurde Neuteich ge⸗ 
wonnen. In ſolgender Nacht bemaͤchtigte ſich Hans von Hohen⸗ 
ſtein bei einem Streifzuge einer Zufuhr von vierzig Wagen mit 
Lebensmitteln und fuͤhrte die Beute mit funfzig Gefangenen 
aufs Haupthaus. Am Tage darauf griff der Ordensſpittler 
das Danziger Lager von neuem an und brachte den Feind 
zum Kampfe. Er dauerte den ganzen Tag. Da erboten ſich 
endlich die Danziger zur Ergebung unter billigen Bedingungen. 
Weil ihnen aber die vom Hochmeiſter geftellten zu hart ſchienen, 
ſo ergriffen ſie in folgender Nacht die Flucht, ließen alles im 
Lager zurück und eilten gegen die Weichſel zu, um bei Schoͤn⸗ 
berg uͤberzuſetzen. Dort erreichte ſie aber das nachfolgende 
Ordensvolk; es kam zu einem hitzigen Kampfe; allen Danzigern 
drohte der Untergang entweder durchs Schwert des zudraͤngenden 
Feindes oder in den Wellen des Stromes. Da ſprengte noch 
zu guter Stunde ein Streithaufe aus Danzig heran, den man 
von dort ins Lager hatte zu Huͤlfe ſenden wollen, und deckte 

1) Schütz p. 207. Henneberger p. 973. Dlugoss. T. II. 
152. Schr. des HM. an den Herzog Flotko v. Maſovien, d. Freit. 
nach Martini 1454 Schbl. LXXIX- 90.51. Voigt Geſch. Marienb. 
S. 420. 

2) Schr. des Gubernators an den Hauptmann v. Rieſenburg, d. 
Graudenz Donnerſt. nach Nativit. Marid 1454 Schbl. LX XIX. 119, 
Voigt a. a. O. S. 421 — 422. 

VIII. 26 


402 Schlacht bei Konitz. (1454.) 


den bebrängten Flüchtlingen den Uebergang. Unter Jubel zog das 
Ordensvolk mit der Beute des Lagers ins Haupthaus zuruck. 
Aber noch raſtete man nicht. Es gluͤckte auch ein Angriff auf 
eine feindliche Paſtei gegen Willenberg hin. Die Zahl der 
Gefangenen war bereits fo groß, daß die Thuͤrme Marienburgs 
fie nicht mehr faffen konnten. 

Noch wichtigere Ereigniſſe bereiteten ſich in denſelbigen 
Tagen bei Konitz vor. Der König brach nach eiligſt beendigter 
Ruͤſtung ſchon am 9ten Septemb. mit einem ſtarken Heere, 
worunter zwoͤlftauſend Reiſige, aus feinem Reiche dorthin auf; 
auch aus Groß⸗Polen kam ihm anſehnliche Verſtaͤrkung zu. 
Man ſchaͤtzte ſeine geſammte Kriegsmacht auf vierzigtauſend 
Mann. Aber ſchon in der Heimath bezeichnete das Kriegsvolk 
jeden Schritt durch Raub, Brand und Unzucht.) Es ge⸗ 
horchte keiner Kriegsordnung. In der Nähe von Konitz an 
gelangt, theilte der König feine Streitmacht in mehre Schaaren, 
die zuchtloſen Groß⸗Polen gegen alle Warnungen voranſtellend, 
um dem Feinde zuerſt zu begegnen. Selbſt ohne Kenntniß 
und Vorſicht im Kriegsweſen verwarf er auch den ihm ge⸗ 
gebenen Rath, die heranziehenden Feinde lieber in Konitz ein⸗ 
rücken zu laſſen, dann fie einzuſchließen und durch Hunger zur 
Ergebung zu zwingen oder doch vor einer offenen Feldſchlacht 
erſt noch ſeine Nachhut aus Polen, fuͤnftauſend Mann ſtark, 
herbeizuziehen.) Trotzend auf ſeine Uebermacht und ohne ſelbſt 


1) Die Hauptquelle über dieſe Ereigniſſe iſt ein Schr. des HM. 
an Heint. Reuß v. Plauen, d. Mar. Sonnt. nach Kreuz⸗Erhoͤh. 1454 
Schbl. LXXIX. 69. Schütz p. 207 weicht davon merklich ab; von 
einer Flucht feiner Danziger will er nichts wiſſen. Rund p. 15 hier 
ſehr kurz. Die übrigen Quellen ſ. bei Voigt a. a. O. S. 428. 

2) Der HM. ſagt in dem Schr. an den Herzog Flotko v. Ma⸗ 
ſovien: „Der Konig kam mit ſeyner allergroſten macht und mit ſeiner 
beſten ritterfihaft, die her hat im reiche zu Polan.“ Aeneas Sylvius 
de statu Europae ap. Freher T. II. 67 giebt die Streitmacht des 
Koͤniges auf 18,000 Mann an. 

3) Schütz p. 207. Runau p. 15. Stenzel Script. rerum Si- 
lesicar. T. I. p. 330. 

4) Schütz I. c. Diugoss. T. II. 154. 


Schlacht bei Konitz. (1454.) 403 


den Zuzug der Danziger zu erwarten, zog er der Stadt naͤher 
und ſchlug am 17ten Septemb. unter ihren Mauern ein Lager.“ 
In denſelbigen Tagen aber hatte ſich auch das Soͤldner-Heer, 
geführt vom Herzog Rudolf von Sagan und Bernhard von 
Zinnenberg, aus neuntauſend Reiſigen und ſechstauſend Tra⸗ 
banten beſtehend, alles wehrhafte, wohlgerüftete und verſuchte 
Kriegsleute, reichlich mit Streitbüchfen verſehen mit einer ſtarken 
Wagenburg der Stadt genaͤhert und langte, waͤhrend der 
Deutſchmeiſter mit einer andern Schaar noch an der Oder lag, 
ſchon am 18ten Septemb. dort an, nachdem es an demſelben 
Tage vier Meilen Weges zurückgelegt. Es wußte am Tage 
zuvor noch nichts von des Koͤniges Anweſenheit.s) Dieſer 
dagegen, durch Spaͤher von des Feindes Anzug benachrichtigt, 
hatte ſich zum Angriffe ſchon vorbereitet. An der Spitze ſeines 
in mehren Abtheilungen aufgeſtellten Kriegsheeres ſtanden aber 
Maͤnner, die zwar durch Geburt und Geltung im Reiche hervor⸗ 
glaͤnzten und darum Anſpruͤche auf Feldherrmwuͤrden zu haben 
glaubten, jedoch im Kriegsweſen voͤllig unerfahren waren, wie 
Nicolaus Scherlenski, Stanislaus von Oſtrorog, Woiwode von 
Kaliſch u. a.“) Ihre Kraft nach ihrer Maſſe berechnend hatten 
die Polen am Tage zuvor noch geprahlt: es werde nur des 
Peitſchenknalles ihrer Fuhrleute bedürfen, um den geringen 
feindlichen Heerhaufen auseinander zu ſprengen. 6) Um die 
Ermuͤdung des Feindes auf dem Marſche zu benutzen, beſchloß 


1) Schützt. ce. Runau p. 15. Diugoss. I. c. 

2) Schr. Heinrichs Reuß v. Plauen an d. HM d. Konig Sonnab. 
am heil. Kreuztage u. Dienſt. nach Kreuz = Erhöh. 1454 Schbl LXXIX. 
24. LIX. 74. giebt die Starke des Heeres an, wie oben erwähnt iſt. 
Runau p. 15. 17 zählt nur 6 bis 7000, Schütz p. 207 dagegen 
8000. Nach dem Catalog. abbatum Sagan. bei Stengel I. c. führt 
Rudolf von Sagan 4000 Mann. Vgl. Voigt Geſch. Marienb. 
S. 424, wo mehres hiernach zu berichtigen iſt. 

3) Schr. des HM, an Herzog Flotko v. Maſovien Schbl. LX XIX. 90. 

4) Schütz p. 207. Dlugoss. 1. o. Schr. Heinrichs Reuß v. 
Plauen a. a. O. 

5) Schütz I. c. 


26 * 


404 Schlacht bei Konitz. (1454.) 


man an dem naͤmlichen Tage noch einen Angriff. Zwar war, 
ehe die Polniſchen Anführer ihre Streitſchaaren in der ihnen 
unbekannten Gegend, die Reiterei in der Naͤhe eines Moraſtes 
aufgeſtellt und geordnet hatten, der Abend ſchon herangeruͤckt;“ 
allein der Kampf ward dennoch begonnen, anfangs bei der 
großen Ausdehnung der Streitmaſſen der Polen nicht ohne 
einiges Gluck fuͤr fie. Bald aber drang Herzog Rudolf von 
Sagan an der Spitze ſeiner eigenen Streitſchaar von vicrtauſend 
Boͤhmen und Deutſchen kuͤhn in den Feind ein; er ſelbſt that 
Wunder der Tapferkeit.“ Zwar ſtreckte das Schwert eines 
Polen ihn mitten im Kampfe nieder und in demſelben Augen⸗ 
blicke ward Bernhard von Zinnenberg von einem Boͤhmen ge⸗ 
fangen. Allein er ward bald wieder befreit, als man den, der 
ihn gefangen, erſchlagen. Nun ſtürzte eine Deutſche Reiter⸗ 
ſchaar von dreitauſend Mann, um des Herzogs Tod zu raͤchen, 
mit äußerſter Kampfwuth in den Feind ein, ſprengte die 
Schlachtordnung auseinander und drang im wilden Streite bis 
an die Mauern der Stadt vor. Dieſen Augenblick erſah Hein⸗ 
rich Reuß von Plauen und fiel mit Veit von Schoͤnberg ploͤtz⸗ 
lich aus den Thoren von Konitz auf den hinterſten er der 
Polen ein, in welchem der König felbft befehligte. Bald kam 
alles in Unordnung und Verwirrung. Die Polen begannen 
zu fliehen. Der König mitten im Schlachtgewuͤhle bot zwar 
alles, wen Kampf noch aufrecht zu erhalten, ſprach den Seinen 
Muth ein, ermahnte ſie an Ehre und Pflicht. Alles ohne 
Erfolg. „Die Polen fliehen! die Polen fliehen!“ ward jetzt 
der Deutſchen Schildtraͤger allgemeines Schlachtgeſchrei, mit 
dem ſie immer wilder in den Feind eindrangen, und die Flucht 
ward bald ganz allgemein. Vergebens verſuchte der Koͤnig 


1) Daß der König über Konitz hinaus vorgeruͤckt geweſen ſey, 
um die herankommenden Soͤldnerhaufen am Heranzuge zu hindern, 
ſagt nur der eine Bericht bei Runau P. 17, der mehres Unrichtige 
enthält, 

1a) Aeneas Sylvius I. c. hebt die Tapferkeit des Herzogs Ru⸗ 
dolf befonders hervor. 


Schlacht bei Konitz. (1454.) 405 


noch einmal, die Fliehenden zurückzuhalten. Die ihn umgaben, 
mußten ihn faft zroingen, auf feine eigene Rettung zu denken. 
Als aber ſolches die am Geſuͤmpf aufgeſtellte Reiterei wahr⸗ 
nahm, die bisher noch Stand gehalten, ergriff auch ſie die 
Flucht, blieb jedoch meiſt im Moraſte ſtecken, denn die Deut⸗ 
ſchen drangen mit Siegesgeſchrei wild in ſie ein und erſchlugen, 
was ſie fanden, ſo daß nur wenige ſich retten konnten. Viele 
andere noch erlagen dem Schwerte der Deutſchen auf der Flucht. 
Die Wahlſtatt ſelbſt bedeckten dreitauſend Polen, unter ihnen 
hundert und ſechs und dreißig Woiwoden, Hauptleute, Ritter 
und Edle. Viele der Vornehmſten, darunter des Koͤniges 
Kanzler mit dem koͤnigl. Siegel, der Marſchall, mehre Woi⸗ 
woden und Hauptleute, als Nicolaus Scherlenski, der Woi⸗ 
wode von Pommerellen Jon von der Jene, nebſt mehren 
koͤniglichen Raͤthen, Grafen und Ritter geriethen in Gefangen⸗ 
fehaft. Die Reichs fahne, alles ſchwere Geſchuͤtz, die ganze 
feindliche Wagenburg, viertauſend Wagen ſtark, mit Kriegs⸗ 
ruͤſtung und Lebensmitteln reich beladen, des Koͤniges Kriegszelt 
nebſt allen Kleinoden und Schaͤtzen an Gold und Silber, Tafel⸗ 
geſchirr und Waffen, in allem eine außerordentlich bedeutende 
Beute fiel den Söldnern in die Haͤnde.) Wohin der Koͤnig 


1) Wir haben uͤber dieſe Schlacht mebre Schr. des Ord. Treßlers 
u. Heinr. Reuß v. Plauen, d. Konitz Freit. nach Matthäi u. Donnerſt. 
nach Lamperti 1454 Schbl. LIX. 75. 76, u. ein Schr. des HM. an 
den Deutſchmeiſter, d. Mar. Donnerſt. nach Michaelis 1454 Schbl. 
LXXIX. 1. Sie ſtimmen im Weſentlichen mit den Nachrichten bei 
Schütz p. 208 uͤberein. Ueber die Zahl der Todten und Gefangenen 
ſagen die Schreiben nichts genau, geben ſie jedoch als groß an. Die 
Angabe von 30,000 gefallenen Polen beruht wahrſcheinlich auf einem 
Schreibfehler; in der Zahl von 3000 ftinmen die meiſten Chron. uͤber⸗ 
ein, fo Schütz 1. e. Runau P. 15 — 16. Ordens-Chron. p. 192. 
HM ⸗Chron. p. 266. Alte Preuſſ. Chron. p. SO, wo es jedoch heißt: 
occisa sunt uirimgue tria millia virorum fortium et nobilium. Den 
Verluſt des Ordens geben die meiſten Chron. übermäßig gering an, 
einige nur auf 60 Mann und 2 Ordensritter. Detmar Chron. 
B. II. 167 giebt die Verluſte nicht näher an. Aeneas Sylvius I. c. 
zaͤhlt 6000 gefallene Polen. 


406 Wiedergewinn eines Theils des Landes. (1454.) 


gekommen ſey, wußte Anfangs niemand. Vom nachdraͤngenden 
Feinde verfolgt, würde er, da fein Roß bald ermüdete, ſchwer⸗ 
lich gerettet worden ſeyn, hätte ihm nicht ein Ritter fein friſches 
Pferd aufgedrungen und ihn auf einem Fußſteig durch einen 
Sumpf fuͤhrend der Verfolgung des Feindes entzogen. So 
erſchien er mitten unter Fluͤchtlingen nach mehren Tagen in 
Thorn.) Die erbeuteten Lebensmittel reichten hin, Konitz auf 
zwei Jahre zu verſorgen. Die Gefangenen, mehr als drei⸗ 
hundert, wurden nach Marienburg gebracht, wo ſie nicht zum 
beſten behandelt zum Theil in den Gefaͤngniſſen ſtarben und 
die Leichen in die Nogat geworfen wurden, denn man achtete 
fie keines ehrlichen Begraͤbniſſes wuͤrdig.) 

Glaͤnzender noch als der Sieg ſelbſt waren feine Folgen. 20) 
Laͤngſt hatten viele Geiſtliche im Lande ſich bemuͤht, das Volk 
gegen die Polniſche Herrſchaft aufzuwiegeln und der Neuerung 
auf alle Weiſe entgegenzuarbeiten. Die peſtartigen Krankheiten 
im Lager vor Marienburg galten ihnen als Strafen Gottes 
und der heiligen Jungfrau Maria, an deren geweihter Burg 
der Feind des Ordens ſchwere Suͤnden auf ſein Gewiſſen ge⸗ 
laden.) Der Sieg der Ordensſache bei Konitz, mit fo un⸗ 
verhaͤltnißmaͤſigen Kräften uͤber den uͤbermaͤchtigen und übers 
muͤthigen Koͤnig errungen, ſchien ihre Verkuͤndigung zu be⸗ 
ſtaͤligen. Kaum war die Schreckensnachricht ins Lager vor 
Marienburg gekommen, als Alles entmuthigt zum Abzuge aufs 


1) Ueber die Flucht des Koͤniges einiges Nähere bei Detmar 
a. a. O. 

2) Schitz p. 208. Runnu p. 19. Alte Preuſſ. Chron. p. 80. 
Schr. des HM. an Herzog Flotko v. Maſovien Schbl. LXXIX. 90 
zählt ebenfalls 300 gefangene Polen, darunter Scherlenski, Lucas v. 
Gorka u. a. Ein Namensverzeichniß der nach Marienburg gebrachten 
Poln. u. Böhmif. Gefangenen Schbl. LXXXII. 105. 

2a) Aeneas Sylvius 1. o. ſagt: Post eam cladem res Polonica 
nutare apud Prutenos cepit, eo inclinantihus populis, quo belli fortuna 
yuaeritnr. 

3) Voigt Geſch. Marienb. S. 421—422, wo mehre Stellen 
darüber angeführt find. 


Wiedergewinn eines Theils des Landes. (1434) 407 


brach. Das ganze noch übrige Belagerungsheer zerſtreute ſich 
zum Theil ins Kulmerland, zum Theil ins Nieder⸗ und Hinter⸗ 
land. Der Hochmeiſter ließ es verfolgen; vierzig Wagen mit 
Harniſch und einige hundert Gefangene waren die Beute. Im 
Lager ſelbſt hatte der Feind den größten Theil ſeines ſchweren 
Geſchuͤtzes und Lebensmittel zuruͤckgelaſſen, womit nun das 
Haupthaus reichlich verſorgt ward. 5 Der Jubel der Beſatzung 
war unbeſchreiblich, groß aber auch der Schrecken und die Ent⸗ 
muthigung, die uͤber das ganze Land gingen. Schon in den 
erſten Tagen ergaben ſich die Burgen Stuhm, wo Rarmſchel 
von Krixen, und Preuſſiſch⸗Mark, wo Georg von Berge, 
Bürgermeiſter von Braunsberg als Hauptleute gelegen, des⸗ 
gleichen die Städte Saalfeld, Liebmuͤhl und Stadt und Burg 
Oſterode wiederum dem Orden, alle freiwillig und unbebrängt. ® 
Vergebens beſchloß Hans von Baiſen mit feinen zwei Bruͤdern, 
den Oberſten des Bundes und Landen und Staͤdten zu Elbing, 
fo bald als möglich ins Feld zu rücken; vergebens waren ſeine 
Befehle an die Hauptleute, aus ihren Gebieten Kriegsleute zu 
ſammeln und binnen acht Tagen mit der Mannfchaft bei Roſen⸗ 
berg zu exfcheinen. ® Das ganze Gebiet von Oſterode fiel 
wieder dem Orden zu. Zahlreich eilten die ehrbaren Leute in 
die Stadt, um ſie und die Burg unter Sander von Baiſen, 
den ſie zu ihrem Hauptmanne erkoren, fir den Orden zu ver⸗ 
theidigen.) Bald kehrte auch der Komthur von Oſterode ſelbſt 


1) Schr. des HM. an Heinr. Reuß v. Plauen, d. Mar. am T. 
Matthäi 1454 Schbl. LIX. 50. Schr. des HM. an den Herzog Flotko 
v. Maſovien Schbl. LXXIX. 90. Detmar B. I. 168. 

2) Schr. des HM. an Heinr. Reuß v. Plauen, d. Dienſt. nach 
Matthäi 1454 Schbl. LIX. 51. Schr. des HM. an die Hofleute zu 
Preuſſ. Mark d. Sonnt. nach Matthäi 1454 Schbl. LXXIX. 186. 
Antwort derſelben an den HM. ebendaſ. 18. Schiitæ P- 207. Runau 
p. 19. Detmar B. II. 168. 

3) Schr. des Gubernators an den Verweſer zu Preuſſ. Mark, d. 
Elbing Sonnt. nach Matthaͤi 1454 Schbl. Varia 131. 

4) Schr. Sanders v. Baiſen an d. HM. d. Oſterode Mont. nach 
Matibaͤi 1454 Schbl. Adelsgeſch. B. 102. Schr. des Muͤhlenmeiſters 
v. Marienb. d. Pr. Mark Dienſt. nach Matthaͤi 1454 Schbl. Varia 133. 


408 Wiedergewinn eines Theil des Landes. (1454.) 


auf die Burg zuruͤck. In wenigen Tagen erklaͤrten ſich fuͤr 
den Hochmeiſter auch Mewe, Burg und Stadt, d Die Staͤdte 
Chriſtburg, Deutſch-Eilau, Neumark, Hohenſtein, Marien 
werder und Rieſenburg, Biſchofswerder, Freiſtadt, Leſſen und 
die Burg Schönberg. Mittlerweile waren auch die Soͤldner⸗ 
haufen aus Konitz herangezogen und belagerten Dirſchau. Die 
Danziger uͤbergaben es nach kurzem Widerſtand.“ Auch die 
Biſchoͤfe von Pomeſanien und Samland ſchloſſen ſich dem 
Orden wieder an. Erſterer behauptete nachmals: er habe dem 
Orden nie eigentlich entſagt, das Ordenskreuz zwar nicht 
öffentlich, jedoch ſtets in feinem Gemache und feiner Kammer 
getragen. Der von Samland erſchien felbft in Marienburg 
und ſpendete ſein Kirchengeraͤth und Silbergeſchirr zur Be⸗ 
zahlung der Soͤldner.) Vergebens ſuchte Hans von Baiſen 
den von Pomeſanien an des Koͤniges Sache feſtzuhalten. ® 
Auch eine große Zahl von Rittern und ehrbaren Leuten, die 
dem Meiſter entſagt, kehrten zum Gehorſam zuruͤck. Man 
ſuchte auch die Haͤuſer Brathean, Soldau und Neidenburg 
wieder zu gewinnen.) Das Haus Strasburg, von ſeinem 
Komthur noch tapfer gegen den Feind vertheidigt, wies jede 
Aufforderung der Belagerer ohne weiteres ab.“) Ueberall aber 


1) Schiitx I. c. Runau p. 19. Schr. des HM. an d. Deutſch⸗ 
‚meift. d. Donnerſt. nach Michael. 1454 Schbl. LXXIX. 1, 

2) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſt. a. a. O. Schätz p. 209. 
RBunau I. c. 

3) Schr. des Viſch. Kaspar v. Pomeſanien, d. Rieſenburg Donnerſt. 
der 11,000 Jungfr. 1456 Schbl. LXV. 33. Schütz p. 209 meint, 
das Silbergeraͤth ſey dem Biſch. v. Samland genommen worden; kaum 
glaublich; er brachte es ohne Zweifel freiwillig. Warum wäre er ſonſt 
nach Marienburg gekommen? Vgl. Gebſer Geſch. des Doms zu 
Koͤnigsb. B. I. 193. 

4) Schr. des Gubernators an den Viſch. v. Pomeſanien, d. Elbing 
Dienſt. nach Matthaͤi 1454 Schbl. LXV. 57. 

5) Schr. Sanders v. Baiſen, d. Oſterode Mittw. nach Matthaͤi 
1454 Schbl. LX XIX. 43, 

6) Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. Sonnab, vor Matthaͤi 
1454 Schbl. LXXIX, 209, 


Wiedergewinn eines Theils des Landes. (4434.) 409 


rief man den Meiſter um Beiſtand und Unterſtützung an, denn 
hier gebrach es an Kriegsgeraͤth, Geſchuͤtz und Pulver, dort an 
Lebensmitteln und andern Beduͤrfniſſen, haufig auch an zuver⸗ 
laſſiger Mannſchaft zur Behauptung der Burgen oder Staͤdte. 

Noch aber war bei weitem nicht alles gewonnen. Die 
großen Staͤdte hatte das Ungluͤck vor Konitz noch nicht gebeugt; 
ſie erließen eine Geſandtſchaft an den König nach Neſſau bei 
Thorn, ihn zu tröflen und zu bitten, er möge noch nicht ver. 
zagen; das Gluͤck ſey im Kriege wandelbar; ſie wollten bei 
ihm bis auf den letzten Mann mit Leib, Gut und Blut be⸗ 
harren.) Er lobte ihre Treue und zeigte ſich unerſchuͤttert. 
Er fand indeß doch zweckmaͤßig, die Ordensburgen Birgelau, 
Papau und Schönfee, damit fie dem Feinde nicht in die Haͤnde 
fielen, ſobald als moͤglich niederreißen zu laſſen und gab fofort 
dem Rathe von Thorn dazu die noͤthigen Befehle. Auch 
manche kleinere Städte mit ihren Burgen, wie Pr. Holland, 
Mohrungen, Neidenburg, Soldau, Lobau u. a. hielt der Feind 
noch beſetzt und die Hauptleute boten alles auf, durch Ein⸗ 
ziehung der Landbewohner zur Vertheidigung ſie zu behaupten. 
Es gelang nicht uberall; allein es fehlte doch auch den einzel⸗ 
nen Gebietigern an den noͤthigen Kriegskraͤften, um den Feind 
mit Nachdruck anzugreifen.“ Die Burg Strasburg mußte 
ſich ſogar den Thornern ergeben; nur die Stadt blieb in des 
Ordens Beſitz. Im Kulmerlande, namentlich von Löbau aus 
ward durch die Soͤldnerhaufen weit und breit gebrandſchatzt 
und geplündert, weil es den Komthuren an zureichender Mann⸗ 
ſchaft gebrach, um den Feind in feinen Burgen zuruͤckzuhalten. 0 


1) Schr. des Muͤhlenmeiſters v. Marienb., d. Pr. Mark Mont. 
nach Matthaͤi 1454 Schöl. LXXV. 181. 

2) Schittæ p. 208. 

3) Schr. des Koͤniges v. Polen an d. Rath v. Thorn, d. Neſſau 
Mittw. vor Michael. 1454 im Rathsarch. zu Tborn Cist. XVII. 11. 

4) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. am T. Coſmaͤ u, Damiani 
1454 Schbl. ILXXIX. 131. 47. LXXXV. 38. 

5) Schr. des Komthurs v. Osterode, d. Donnerſt. nach Michael. 
1451 Schbl. LXXIX. 67. 


410 Anzug der Soͤldner nach Preuſſen. (1454.) 


Selbſt der Biſchof von Kulm trug noch Bedenken, der Auf⸗ 
forderung Sanders von Baiſen und des Komthurs von Oſte⸗ 
rode, ſich dem Orden wieder anzuſchließen, ſofort Folge zu 
leiſten, denn hier wie dort drohten ihm Gefahren durch Raub 
und Brand; weshalb er auch Loͤbau dem Orden nicht ein⸗ 
raͤumen wollte.) Der Hochmeiſter gebot daher dem Deutſch⸗ 
meiſter, ſchleunigſt mehr Mannſchaft herbeizuführen ; dann ſey 
zu hoffen, daß alles gut enden werde. 

Es galt jetzt dem Hochmeiſter als Hauptaufgabe, die fuͤr 
den Orden neuerweckte guͤnſtige Stimmung noch mehr zu für: 
dern. Den ihm wieder zugewandten Staͤdten verhieß er nicht 
nur Gnade und Verzeihung wegen ihres Abfalles, ſondern auch 
Schutz und Sicherheit für Leben und Cigenthum.?) Die 
Landesritter, wie Sander von Baiſen u. a. und die ehrbaren 
Leute des Landes ermunterte er durch Verſprechungen von Be⸗ 
lohnungen fuͤr ihre Dienſte und dargebrachten Opfer.) Am 
meiſten bedurfte des Schutzes der Biſchof von Pomeſanien, 
denn gegen ihn wandte ſich, ſobald ſein Uebertritt zum Orden 
bekannt ward, die Rache der Verbuͤndeten im Kulmerlande und 
ſelbſt des Koͤniges am naͤchſten. Von allen Seiten her kamen 
ihm Drohungen von Mord und Raub in ſeinem ganzen 
Biſthum; taͤglich ſprengten bald hie und da Boͤhmiſche Söldner⸗ 
haufen in fein Gebiet ein, um die Drohungen in Ausführung 
zu bringen. Er bot dem Meifter fein geſammites Silbergeräth 
dar, um Schutz und Sicherheit gegen den erbitterten Feind zu 


1) Schr. des Biſchofs Johannes v. Kulm an Sander v. Baiſen 
u. den Komthur v. Oſterode, d. Löbau am Abend Michael. 1454 
Schbl. Lit. 118. 119. 

2) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Mar. Donnerſt. nach 
Michael. 1454 Schbl. LXXIX. 1. 

3) Schr. des HM. an die Staͤdte Saalfeld u. Liebmuͤhl, d. Mitiw. 
vor Michael. 1454 u. Schutzſchreiben des HM. fuͤr die Stadt Mewe, 
d. Freit. vor Michael. 1454 Schbl. LXXIX. 189. 124. 

4) Schr. des HM. an Sander v. Baiſen, d. Mittw. vor Michael. 
1454 Schbl. LXXIX. 84. 


Anzug der Soldner nach Preuſſen. (1454.) 411 


erhalten.) Noch aber war es dieſem unmoͤglich, überall die 
gewuͤnſchte Hilfe zu gewaͤhren, denn Heinrich Reuß von Plauen, 
Bernhard von Zinnenberg und die uͤbrigen Soͤldnerfuͤhrer lagen 
mit ihrer Streitmacht von funfzehntauſend Mann noch jenſeits 
der Weichſel, den Zuzug des Grafen Johann von Pfannenberg 
oder Montfort mit ſechstauſend Soͤldnern erwartend, um nach 
des Meiſters Wunſch weiter vorzuſchreiten. 2) Dort ſchweiften 
ihre Faͤhnlein weit und breit umher, ſelbſt bis in die Nähe 
von Danzig. Der Hochmeiſter erſehnte ihre Ankunft in 
Marienburg mit jedem Tage, denn ſchon im Anfange des 
Octobers ward für viele Städte, die ſich dem Orden ergeben, 
die Gefahr immer dringender. Im Oſterodiſchen Gebiete er⸗ 
litten durch herumſchweifende Soͤldnerhaufen von drei⸗ bis vier⸗ 
hundert Mann die Staͤdte und das Land durch Raub und 
Brand unermeßlichen Schaden. Gilgenburg und Soldau hat⸗ 
ten ſich dem Feinde ſchon wieder ergeben muͤſſen. Liebmuͤhl 
ward von den Mohrungern und Pr. Hollaͤndern belagert und 
beftinmt. ® 

Die Soldner⸗ Hauptleute benutzten aber des Hochmeiſters 
Bedraͤngniß zu ſtarken Anforderungen. Als ſolche ſtanden an 
der Spitze der angekommenen Soͤldnerhaufen außer Heinrich 
Reuß von Plauen und Bernhard von Zinnenberg noch Graf 
Adolf von Gleichen, Graf Johann von Pfannenberg oder Mont⸗ 
fort, Herr zu Bregenz, Graf Hans von Hohenſtein, Herr zu 
Heldrungen, Veit von Schoͤnberg, Herr zu Glauchau, Bot 
von Weſſenberg, Konrad von Zettwitz, der Böhme Ulrich Czir⸗ 


1) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien an d. HM. d. Mieſenburg 
Freit. vor Michael. u. am T. Michael. 1454 Schbl. LXV. 58. 
LXXIX. 76. 

2) Schr. Heinrichs Reuß v. Plauen an d. HM. d. im Heer in 
der Heide an der Bra Mont. vor Michael. 1454 Schbl. Varia 119. 


3) Schiitx p. 209. Runau p. 19 — 20. 

4) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Freit. Franciſci 1454 
Schbl. LXXIX. 154 Schr. des Müͤhlenmeiſters v. Marienb. d. Pr. 
Mark Mont. nach Franciſci 1454 Schbl. Varia 129. 


412 Verſchreibung des HM. an die Söldner. (1454.) 


wenka mit vielen andern Boͤhmiſchen Edelleuten, Georg von 
Schellendorf, Bernhard und Sigismund von Aſpan, Martin 
Frodnacher, Fritz von Raueneck, Andreas Gewalt, Volkel Röder, 
Kaspar von Noſtitz, Tam von Seidlitz, Nicolaus von Warns⸗ 
dorf, Georg, Magnus und Hans von Schlieben, Stanislaus 
oder Stenzel von Dohna aus dem Hauſe Kraſchen in Schleſien, 
Anshelm von Tettau, Nicolaus von Koͤkeritz, Thiele von Thuͤ⸗ 
nen und eine große Zahl anderer.) Der Hochmeiſter, der ſie 
vorerſt auf eine gewiſſe Zeit in Sold nahm und ihnen die 
verlangten Schadebriefe ausſtellte, mußte verfprechen, ihnen den 
Sold, den ſie bereits verdient und noch verdienen wuͤrden bis 
auf Fünftige Faſtnacht nach Inhalt ihrer Soldbriefe zu voller 
Genuͤge auszuzahlen, und wofern dieß nicht geſchehe, bei Ehre 
und Treue geloben, ihnen Marienburg, alle feine Schlöffer, 
Staͤdte, Lande und Leute, wie ſie heißen moͤchten, in Preuſſen, 
in der Neumark oder wo er ſonſt zu gebieten habe, zu uͤber⸗ 
antworten und abzutreten und ebenſo die Gefangenen, die der 
Orden in den Burgen habe. Dabei aber hieß es ausdruͤcklich: 
„mit ſolchen Schloͤſſern, Staͤdten, Guͤtern, Landen und Leuten 
und mit den Gefangenen ſollen die Herren Hauptleute und 
ihre Geſellſchaft thun und laſſen nach ihrem Willen, die ver- 
kaufen, verpfaͤnden oder an ihr Frommen und Beſtes wenden, 
ſich damit zu betheidingen oder wie ſie das erdenken koͤnnen 
und moͤgen, wodurch ſie ihres Soldes und Schadens voll⸗ 
kommlich und ganz nach ihrem Willen vergnuͤget und bezahlt 
werden, worein wir und unſer Orden ihnen nichts reden, noch 
zu ewigen Zeiten ſie darum betheidingen noch anlangen ſollen 
oder wollen.“ Wuͤrden ſie die eingeraͤumten Schloͤſſer, Staͤdte 
und Lande höher veraͤußern, als ihr Sold und Schaden be: 
liefe, ſo ſollte der Ueberſchuß dem Orden zu gut kommen. 
Der Meiſter mußte ſich endlich auch verpflichten, den Haupt⸗ 
leuten einen Monat vor der beſtimmten Friſt kund zu thun, 


1) In Urkunden auch oft Oldrzich Czirwenka von Ledetz geſchrieben. 
2) Vgl. Voigt Geſch. von Marienb. ©. 428. Nachricht von 
einigen Haͤuſern des Geſchlechts v. Schlieben S. 42 uro 32. 


Neuer Einfall des Königes. (1454.) 413 


ob er ihnen die Zahlung leiſten koͤnne, damit fie ſich darnach 
zu richten wüßten. — So lautete im Weſentlichen die wichtige 
und, wie wir ſehen werden, ſo unendliches Unheil bringende 
Verſchreibung, die der Hochmeiſter am neunten October dieſes 
Jahres den Söldner = Hauptleuten ausſtellte und worauf fie fich 
in einer Gegenverſchreibung zum Dienft und Gehorſam gegen 
den Orden verpflichteten.“ 

Bereits aber lag um dieſe Zeit der größte Theil des 
Soͤldnerheeres in der Umgegend von Marienburg. Konitz 
war vom Vogt von Schievelbein Hans von Dobeneck beſetzt. 
Auch in Preuſſen konnten die dem Orden wieder zugewandten 
Städte von den Söldnern hinreichend bemannt werden. Man 
ſuchte auch die andern für den Orden zu gewinnen. So erließ 
der Ordensſpittler eine Aufforderung an die Stadt Allenſtein, 
ſich dem Orden wieder zuzuwenden, ihr im Namen des Bi⸗ 
ſchofs Gnade und Schutz für ihr Eigenthum und ihre Frei⸗ 
heiten verſprechend, aber zugleich auch drohend, bei fernerem 
Trotz und Widerſtand ſie und ihre Dörfer mit Feuer und 
Schwert zu Grunde zu richten. ) Dem Hochmeiſter indeß 
ſchien es nothwendig, zuerſt die näher liegenden abtrünnigen 
Staͤdte zur Ergebung zu zwingen, um im herannahenden 
Winter die Söldner in ihnen unterzubringen. Er ließ daher 
im Einverſtaͤndniß mit dem Ordensſpittler einen Theil der 
Wagenburg und des ſchweren Geſchützes vor Preuſſ. Holland, 
den andern vor Mohrungen anruͤcken, denn man hoffte durch 


1) Die Verſchreibung des HM. d. Mar. am T. Dionyſii 1454 
(Abſchrift) Schbl. LXXIX. 236; die Gegenverſchreibung der Haupt⸗ 
leute, d. wie vor (Original) Schbl. XIII. 1. XIV. 23, gedruckt in: 
Nachrichten von einigen Hauſ. des Geſchlechts v. Schlieben Beil. Nro 32 
S. 42. Vgl. Voigt a. a. O. S. 429. 

2) Der Graf von Pfannenberg überfehritt mit feinem Heerhaufen 
die Weichſel erſt ſpaͤterhin; Schbl. Varia 126. 

3) Schr. des Vogts v. Schicvelbein, d. Konitz Sonnt. vor Galli 
1454 Schbl. LXXIX. 2. 

4) Schr. des Ordensſpittlers an die Stadt Allenſtein, d. Oſterode 
am T. Galli 1454 im Archiv zu Frauenburg L- 74. 


414 Neuer Einfall des Königes. (1454.) 


Bezwingung dieſer Staͤdte auch bald die uͤbrigen im Nieder⸗ 
lande zum Gehorſam zu bringen. Allein die Unternehmung 
gluͤckte nicht; v die Städte hielten ſich tapfer und feſt. 

Da man aber auskundſchaſtet, daß der Koͤnig wieder 
mächtig ruͤſte und ein neues Streitheer von 16,000 Reitern in 
Polen ſchon bereit ſtehe,? fo eilte der Meiſter, fuͤrchtend, daß 
jener jetzt alle Kraͤfte aufbieten werde, die Schmach vor Konitz 
zu raͤchen, neue Beihuͤlfe aus Deutſchiand herbeizuziehen und 
ſandte deshalb an die Herzoge Friederich und Wilhelm von 
Sachſen, an den Kurfuͤrſten Friederich von Brandenburg, den 
Herzog Balthaſar von Sagan und den Deutſchmeiſter, alle 
aufs Dringendſte um Huͤlfe bittend.) Am meiſten erwartete 
er von der Herankunft eines der Herzoge von Sachſen und 
des Herzogs von Sagan, denn dieſer zumal galt als einer der 
tapferſten und weiſeſten Fuͤrſten.) Er hatte bereits dem Hoch⸗ 
meiſter auch zugeſagt, daß er gerne dem Orden zu Huͤlfe kom⸗ 
men und ſeines Bruders, des Herzogs Rudolf Tod an den 
Polen raͤchen wolle. Nur hinderte ihn großer Geldmangel, 
weshalb der Deutſchmeiſter erſucht ward, ihm wo moͤglich das 
erforderliche Ruͤſtgeld aufzubringen, 9 

In Hoffnung auf dieſe auswaͤrtige Beihuͤlfe, aber zugleich 
auch um dem Lande ſeine fortwaͤhrende Friedensliebe zu be⸗ 
kunden, fand es der Meiſter mit dem Ordensſpittler für rath⸗ 
ſam, durch Bernhard von Zinnenberg eine vom Koͤnige (wahr⸗ 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Oſterode am T. Luck 1454 Schbl. 
LXXIX. 59. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenburg Freit. vor 
Simon u. Judaͤ 1454 Schbl. LXXIX. 22. 

3) Credenzbrief fuͤr den Abgeſandten Nicolaus v. Koͤkeritz, d. 
Sonnt. vor Simon u. Judaͤ 1454 u. Schr. des HM. an den Kurfürft, 
v. Brandenburg, d. Sonnt. nach Simon u. Juda 1454 Schbl. LXXIX. 
92. 199. 

4) Schr. des HM. an den Komthur v. Danzig (damals in 
Deutſchland), d. Freit. vor Simon u. Judaͤ 1454 Schbl. LX XIX. 200. 

5) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Sonnt. vor Simon 
u. Juda 1454 Schbl. DM. 111. 


Neuer Einfall des Koͤniges. (1454.) 415 


ſcheinlich nur um Zeit zu ſtaͤrkerer Ruͤſtung zu gewinnen) ihm 
dargebotene Vermittlung und Ausgleichung einzuleiten, D denn 
wies er ſolche ohne weiteres zuruck, fo konnte dieß auf die 
Stimmung im Lande nur einen nachtheiligen Eindruck machen. 
Indeß unterließ er doch nichts, um die am meiſten gefaͤhrdeten 
Staͤdte gegen feindliche Ueberfälle fo viel als moͤglich ſicher zu 
ſtellen. Dem Grafen Johann von Pfannenberg wies er die 
Vertheidigung der Stadt und des Schloſſes Rieſenburg an ® 
und ſo andern Hauptleuten andere Staͤdte. Allein es fehlte 
überall bald an Lebensmitteln, bald an den nöthigen Kriegs⸗ 
beduͤrfniſſen, bald an hinreichender Beſatzung. Selbſt das 
Haupthaus Marienburg litt großen Mangel an Vertheidigungs⸗ 
mitteln, denn ſein ſchweres Geſchlz war in die andern Staͤdte 
und Burgen vertheilt und Pulver und Pfeile bei der Belage⸗ 
rung verbraucht worden, ſo daß der Meiſter ſogar den Befehl 
geben mußte, das Eiſen aus den Fenſtern und wo man es 
finde, auszubrechen, um Pfeile daraus ſchmieden zu laſſen.“ 
Und es bewaͤhrte ſich nur zu bald, wie nothwendig dieſe 
und andere Maßregeln geweſen, denn es kam die Nachricht, 
daß aus Polen ein ſehr bedeutendes Kriegsheer im Anzuge ſey. 
Ueberdieß gab ein aufgefangener Brief des Koͤniges an einige 
ſeiner Hauptleute auch deutlich kund, daß an eine friedliche 
Ausgleichung mit ihm gar nicht zu denken ſey, denn ohne 
Einwilligung der Staͤnde Preuſſens, erklärte er, werde und 
binfe er keinen Frieden ſchließen.) Schon um Martini war 
der größte Theil des Polniſchen Kriegsheeres, gegen 60,000 Mann 


1) Schr. des HM. an d. Komthur v. Virnsberg, d. am T. Hed⸗ 
wigs 1454 Schbl. LXXIX. 196. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Dienft. nach Aller 
Heil. 1454 Schbl. LXXI X. 89. 

3) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Mittw. vor 
Aller Heil. 1454 Schbl. LXXIX. 20. 

4) Schr. des HM. an die Hauptleute auf Neumark, d. Donnerſt. 
vor Martini 1454 Schbl. LXXIX. 29. 

A 5) Schr. des Koͤniges v. Polen an Lucas v. Gorka u. a. d. 

Thorun Sabbat. proximo post festum Martini 1454 Schbl. LXXIX. 90. 


416 Neuer Einfall des Koͤniges. (1454.) 


ſtark, ) über die Bruͤcke bei Thorn ins Kulmerland eingezogen. 
Der Koͤnig lag zu Thorn, wohin, wie man vernahm, zwei 
Sendboten aus dem Niederlande gekommen waren, mit der 
Aufforderung, der König möge fo bald als möglich ins Feld 
rücken und die Ordenstruppen irgendwo zu einer Schlacht 
zwingen, denn waͤhrend er dieſe von dorther bedraͤnge, werde 
man vom Niederlande her den Feind im Ruͤcken anfallen. ) 
Die Streitkraͤfte des Ordens waren ſehr zerſtreut. Ein Theil 
bei Dirſchau liegend durchpluͤnderte die Gegend bis vor Dan⸗ 
zig.) Georg von Schlieben hatte Oſterode beſetzt, litt dort 
aber wegen der im Gebiete von Eilau alles verheerenden raub⸗ 
ſuͤchtigen Boͤhmen großen Mangel an Lebensmitteln.) Der 
Pfleger von Lochſtaͤdt Graf Hans von Gleichen ſtand mit einem 
Heerhaufen in Marienwerder, um die um Garnſee liegenden 
Boͤhmen, die das Landvolk dortumher aufs ſchrecklichſte quaͤlten 
und aͤngſtigten, ſo viel als moͤglich im Zaum zu halten.) Der 
groͤßere Theil der Soͤldner hatte ſich unter des Vogts von 
Soldau Befehl um Loͤbau gelagert, um dieſe Stadt zu ge⸗ 
winnen, denn von hier aus konnte man dem Könige beim 
weitern Einzuge ins Land leicht in die Seite oder in den 
Ruͤcken fallen. Allein die Streitkraͤfte waren auch dort zu 
ſchwach; es fehlte auch an den noͤthigen Kriegsmitteln. Mangel 
an Lebensbeduͤrfniſſen bewog auch bald mehre von den Soͤldner⸗ 
hauptleuten aus dem Lager hinwegzuziehen.) Der Ordens⸗ 


1) Schitz p. 209 giebt allein 60,000 Reiſige an ohne Wagen 
und Trabanten; Runau p. 20. 

2) Schr. des Grafen Adolf v. Gleichen, d. Rieſenb. Sonnt. nach 
Martini 1454; Schr. des Pfiegers v. Lochſtaͤdt, d. Marienwerder Freit. 
vor Martini 1454 Schbl. LXXIX. 36. 215. 

3) Schütz p. 209. Runau b. 20. 

4) Schr. Georgs v. Schlieben, d. Oſterode Freit. nach Martini 
1454 Schbl. XLVIII. 20. 

5) Schr. des Pflegers v. Lochſtaͤdt, d. Marienwerder Sonnab. vor 
Martini 1454 Schbl. LXXIX. 173. 

6) Schr. des Vogts v. Soldau, d. im Heere vor Löbau am T. 
Martini u. Freit. nach Martini 1454; Schr. des Ordensſpittlers, d. \ 
Preuſſ. Mark. Freit. vor Eliſabeth 1454 Schbl. LX XIX. 134. 71. 85. 


Neuer Einfall des Koͤniges. (1454.) 417 


ſpittler bot zwar alles auf, die Mannſchaft vor Loͤbau ſo eilig 
als möglich zu verſtaͤrken. Allein man fand bald, daß die 
Stadt nur an einem einzigen Punkte zu erſtuͤrmen ſey, wozu 
es an dem noͤthigen Geſchüͤtz fehlte. Auch durſte man die 
Städte Pomeſaniens, namentlich Rieſenburg, wo Graf Johann 
von Pſfannenberg befehligte, nicht zu ſehr entbloͤßen, da ſie 
ohnedieß nicht eben ſtark beſetzt waren. I 

Der König lag lange fäumig bei Thorn und Kulmſee. 
Er ſchien wenig Vertrauen zu ſeinem eigenen Kriegsvolke zu 
haben. Um es zu ermuthigen, gab er vor, der Hochmeiſter 
werde es gar nicht wagen, ſich gegen ihn ins Feld zu ftellen. ? 
Dieſer indeß und der Ordensſpittler hatten allerdings den Plan, 
die Hauptleute und Rottmeiſter aus den verſchiedenen Schloͤſ⸗ 
ſern und Staͤdten in der Gegend von Rieſenburg zuſammen⸗ 
zuziehen und dann dem Koͤnige das Schwert zu bieten. Da⸗ 
mit ſtimmten auch viele der angeſehenſten Hauptleute überein. ® 
Allein es traten der Ausführung dieſes Planes außerordentliche 
Schwierigkeiten entgegen. Eine Anzahl von Hofleuten und 
Rottmeiſtern erklärten dem Hochmeiſter ſogleich: fie konnten 
am Kampfe nicht Theil nehmen; es ſey zu bedenklich, die 
Burgen zu verlaſſen und ins Feld zu rücken; der König koͤnne 
leicht eine Stellung gewinnen, bei der es nicht moͤglich ſeyn 
werde, die Burgen wieder zu beſetzen. Der Ordensſpittler 
mußte mit den Hauptleuten einen Kriegsrath halten, um einen 
angemeſſenen Kriegsplan zu entwerfen;“ allein obgleich er 


1) Schr. des Pflegers v. Lochſtaͤdt, d. im Heere vor Loͤbau 
Sonnab. vor Eliſab. 1454 Schbl. Adelsgeſch. N. 24. Schr. des Grafen 
Johann v. Montfort, d. Rieſenb. Freit. vor Eliſab. 1454 Schbl. Varia 909. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d Rieſenb. am T. nach 
Eliſabeth 1454 Schbl. LXXIX. 38. Er ſagt vom Heere des Koͤniges: 
„das meiſte teyl des volkes iſt bloes“, alſo nicht viel tauglich. 

3) Schr. d. HM. an den Ordensſpittler, d. Mar. am T Eli⸗ 
ſabeth 1454 Schbl. Varia 107. Schr. des Ordensſpittlers, d. Im 
Felde vor Loͤbau Donnerſt. nach Eliſab. 1454 Schel. XXVI. 49. 

4) Schr. des HM. an d. Ordensſpittler, d. Sonnab. vor Katha⸗ 
rin‘ 1454 Schbl. LXXIX. 31. 

VIII. 27 


418 Neuer Einfall d. Kön. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 


darauf drang, dem Feinde eiligſt entgegen zu ziehen und das 
ganze Kulmerland wo moͤglich bis unter die Mauern von 
Thorn mit Feuer und Schwert zu verheeren, ſo kam es doch 
zu keiner feſten Beſtimmung, nirgends zu einer durchgreifenden 
Maaßregel.) Selbſt Loͤbau konnte nicht einmal gewonnen 
werden. Viele von den Soͤldnerhauptleuten mochten die ihnen 
angewieſenen Schloͤſſer und Staͤdte nicht ſo ſchnell wieder ver⸗ 
laſſen, ſchrien immer nur nach Geld, Sold und Lebensmittel, 
denn das hungerige Soöͤldnervolk zeigte ſich überall unwillig, 
wollte nirgends, von Hunger geplagt, zur That greifen, drohte 
mitunter ſogar, zum Feinde uͤbergehen zu wollen.) Selbſt 
der Komthur von Mewe, dem der Meiſter wegen ſchlechter 
Beſpeiſung feines Hauſes Vorwürfe gemacht, antwortete ihm 
ziemlich trotzig: guten Rath zu geben, ſey leicht; aber ſo klug 
ſey er noch nicht geworden, alle gegebenen Rathſchlaͤge aus⸗ 
führen zu koͤnnen; es ſtehe dem Meiſter ja frei, einen andern 
Komthur nach Mewe zu ſetzen, der feinen Wuͤnſchen beſſer ge 
nuͤge.) Es kam hinzu, daß der druͤckende Geldmangel, der 
den Hochmeiſter mit jedem Tage in groͤßere Bedraͤngniß brachte, 
alle Schritte laͤhmte, denn die Forderungen der Soͤldnerhaupt⸗ 
leute ſtiegen taͤglich hoͤher. Schon jetzt hatten z. B. Heinrich 
Reuß von Mauen und Veit von Schoͤnberg eine Anforderung 
von mehr als 38,000 Unger. Gulden an Sold und uͤber 
22,000 Rhein. Gulden an Schadengeld, Georg von Schlieben 
eine ſolche von mehr als 24,000 Unger. Gulden und ſo im 
Verhaͤltniſſe die übrigen. Der Hochmeiſter erſuchte den Deutſch⸗ 
meiſter, dieſe Summen aus den Balleien in Deutſchland zu 
beſtreiten;“ allein fo viele Mühe ſich dieſer auch gab, fo wenig 


1) Schr. des Ordensſpittlers d. Preuſſ. Mark am Abend Katha⸗ 
rind 1454 Schbl. Varia 112, 

2) Schr. des Grafen Hans v. Gleichen an d HM. d. Rieſenb. 
Dienft. nach Katharina 1454 Schbl. Adelsgeſch. G. 63. 

3) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Dienft, nach Katharina 
1454 Schbl. LIX. 85. 

4) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Sonnt. vor Katha⸗ 
rina 1454 Schbl. DR. 112. Georg v. Schlieben diente dem Orden 


Neuer Einfall d. Kön. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 419 


glückte es ihm doch, durch Verpfaͤndung oder Verkauf aus⸗ 
gebotener Ordensguͤter Geld aufzubringen. War es ihm doch 
ſchon ſchwer geworden, dem Herzog Balthaſar von Sagan zu 
feiner Kriegsruͤſtung zweitauſend Gulden zuzufenden. ® 
Mittlerweile hatte der König feine geſammte Kriegsmacht 
in einem großen Lager bei Thorn zuſammengezogen, wo er 
mitten unter ſeinen Kriegern in einem praͤchtigen Kriegszelte 
lag. Da erſchienen vor ihm Geſandte des Koͤniges Ladislaus 
von Boͤhmen, ihn auffordernd, ſich ihres Königes ſchiedsrichter⸗ 
lichem Urtheile gleich dem Hochmeiſter zu unterwerfen und die 
Waffen niederzulegen. Kaſimir fertigte ſie mit der Antwort 
ab: er weiſe ſolches nicht zuruck, ſoſern der König bei der Ver⸗ 
handlung die Deutſchen Raͤthe entfernen und nur dem Rathe 
der Böhmen folgen wolle.) Kaum aber hatten die Geſandten 
ihn verlaſſen, als er ſoſort Anſtalt traf, weiter ins Kulmerland 
einzurücken, indem er zwei Brücken uͤber die Oſſa ſchlagen ließ. 
In den letzten Tagen des Novembers ruͤckte er mit dem Heer⸗ 
haufen, der bisher ſechzehntauſend Mann als Vorhut bei Kulmſee 
gelegen hatte, nach Rheden vor, nachdem er das nackte und 
loſe Geſindel aus dem Kriegsheere uͤber die Weichſel wieder 
zurückgeſandt, da ihm die großen Bundesſtaͤdte eine Kriegshuͤlfe 
von ſechzehntauſend Mann zugeſagt hatten. Als er die Oſſa 
überſchritten, ſchlug er bei Leſſen ein Lager, wagte jedoch auf 
das nur mit ſechs⸗ bis achthundert Mann beſetzte und auch nur 
mit geringen Vertheidigungsmitteln verſehene Staͤdtchen keinen 


mit 152 Reiſigen, monatlich für einen Spieß 24 Unger. Gulden; dieß 
machte ſchon im October d. J. 13,755 Unger Gulden, und im No⸗ 
vember lief die Summe auf 24,413 Unger Gulden. Thile von Thuͤnen 
verlangte vom HM. einen Schuldbrief über 3640 ung. Gulden. 

1) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Neuhaus Freit. vor Katharina 
1454 Schbl. DM. 113. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Donnerſt. vor 
Andred 1454 Schbl. LXXIX. 30. Schr. eines gewiſſen Ruͤdiger an 
den HM. d. Leſſen Dienſt. nach Katharina 1454 Schbl. XXVI. 59. 

3) Dlugoss. T. II. 163. 

27° 


420 Neuer Einfall d. Kon. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 


ernſten Angriff.) Auch wäre durch feine Erſtuͤrmung wenig 
gewonnen geweſen, denn es war beſchloſſen, beim weitern Fort⸗ 
ſchreiten des Könige vor ihm her alle Dörfer, Höfe und 
Mühlen in Brand zu ſtecken und das Land weit und breit in 
eine völlige Wuͤſte zu verwandeln.) Dadurch, wie es ſcheint, 
geſchreckt blieb der König vor Leſſen liegen. 

Aber auch für den Orden war es ein Gluck, daß der 
Koͤnig nicht weiter vorruͤckte, denn manche von den Soͤldner⸗ 
hauptleuten leiſteten ſchon jetzt dem Hochmeiſter gar keinen 
Gehorſam weiter. Als er z. B. den beiden Rottenführern 
Bot von Weſſenberg und Nicolaus von Warnsdorf gebot, von 
Rieſenburg zur ſtaͤrkern Bemannung nach Marienwerder zu 
ziehen, erklärten fie ihm: ihre Hofleute verweigerten ihnen den 
Mitzug, bis der Meiſter ihnen ſeine Verſprechungen halte, und 
ſie folgten auch trotz aller ernſtlichen Ermahnungen der Auf 
forderung keineswegs.) Ueberdieß erlaubten ſich die Boͤhmi⸗ 
ſchen Ordens⸗Soͤldner gegen des Ordens Unterthanen Miß⸗ 
handlungen und Graͤucl und raubten und plünderten, wie im 
feindlichen Lande.) Und doch war der Meiſter vorerſt nur 
auf dieſe Kriegshuͤlfe beſchraͤnkt. Er hatte von auswaͤrtsher 
zwar manche Zuſage von Beiſtand erhalten. Der Kurfuͤrſt 
von Brandenburg hatte von neuem verſprochen, in eigener 
Perſon einen Heerhauſen nach Preuſſen führen, mit dem Koͤnige 
Unterhandlungen anknuͤpfen, den Orden auf jeden Fall aus 
feiner Bedraͤngniß retten zu wollen; ® es erſchien auch jetzt als 


1) Runau p. 20. Schitz p. 209. 

2) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. am T. Andrea 1454 Schbl. 
ILXXIX. 68. Schr. des Bifch. v. Pomeſanien an des HM. Kaplan, 
d. Rieſenb. Sonnt. nach Andrea 1454 Schbl. LXV. 59. 

3) Schr. Bots v. Weſſenberg u. Nicolaus d. Warnsdorf an d. 
HM. d. Rieſenb. Sonnt nach Andreä 1454. Schr. des HM. an 
dieſelben, d. Dienſt. nach Lucid 1454 Schbl. LXXIX. 100. 113. 114. 

4) Schr. des Biſch. v. Pomeſanien, d. Rieſenb. am T. Barbara 
1454 Schbl. LXXIX. 11. 

5) Schr. des Komthurs v. Virnsberg, d. am T. Aller Heil. 1454 
Schbl. 108. 20. Schr. des Nicolaus v. Koͤkeritz an d. HM. d. Sonnt. 
vor Martini 1454 Schbl. LXXIX. 117. 


Neuer Einfall d. Kön. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 421 


fein Abgeordneter ein Domherr von Leubus Georg Baͤrenfeld 
beim Koͤnige, um zwiſchen dieſem und dem Meiſter eine Ver⸗ 
mittlung einzuleiten, weshalb er auch nach Marienburg kam; 
jedoch ohne Erfolg. Zwar hatten ferner in Deutſchland von 
neuem mehre Grafen, als Graf Heinrich von Schwarzburg, 
Graf Ernſt von Gleichen, Graf Guͤnther von Mansfeld, Bruno 
von Querfurt und mehre andere edle Herren ſich zu einer Kriegs⸗ 
fahrt nach Preuſſen bereit erklaͤrt; ſie verlangten jedoch zuvor 
ein ſehr anſehnliches Ruͤſtgeld, welches der Deutſchmeiſter nicht 
aufbringen konnte. Auch vom Meiſter von Livland, an den 
ſich der Hochmeiſter wandte, war wie immer wenig Hülfe zu 
erwarten. Noch weniger konnte die Klage nuͤtzen, die dieſer 
den Litthauiſchen Großen wegen ihres Königes gewaltthaͤtigen 
Eingriffes und ungerechten Krieges gegen den Orden vorbrachte, 
denn auf ſeine Bitte, den Koͤnig von ſeinen wider Gott und 
Recht, Eid und Verſchreibung ſtreitenden Schritten zuruͤck⸗ 
zuhalten, erfolgte nicht einmal eine Anwort. ) Zwar erfreute 
bald darauf den Hochmeiſter die Nachricht, der Kurfuͤrſt von 
Brandenburg ſey wirklich zu einem Zuge nach Preuſſen bereit 
und erwarte nur noch vom Meiſter naͤhere Beſtimmungen über 
die Richtung feiner Kriegsfahrt; allein das Vertrauen auf dieſen 
Fuͤrſten ſchwand bald wieder, da aus ſeinen Aeußerungen zu 
ſchließen war, daß er nicht ohne eigennützige Abſichten in Be⸗ 
ziehung auf Schievelbein komme. Nur auf Herzog Balthaſar 


1) Schr. des Georg Baͤrenfeld an d. HM. d. Rheden am Abend 
Concept. Mariä 1454 Schbl. LXXIX. 99. LXVIII. 8. 

2) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Sonnt. vor Katharina 
1454 Schbl. DM 115. 

3) Schr des HM. an d. Livland. Meiſter, d. am T. Barbara 
1454 Schbl. IV. 26. 

4) Schr. des HM. an die Litthauiſ. Herren, d. am Abend Ni⸗ 
colai 1454 Schbl. LX XIX. 197. 

5) Schr. des Sendboten des HM. Hans Schacher an d. HM. d. 
Mittw. nach Nicolai 1454 Schbl. LXXIX. 93. Schr. des Landkom⸗ 
tburs von Franken an d. HM. d. Schievelbein Mont nach Lucia 1454 
Schbl. 102. 3. 4. 


422 Neuer Einfall d. Koͤn. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 


von Sagan konnte der Meiſter feſt vertrauen; er meinte es 
offen und aufrichtig, wenn er ihm rieth: er möge ſich in den 
Unterhandlungen mit dem Könige in keiner Weiſe dazu ver⸗ 
ſtehen, in deſſen Forderung, ihm Pommerellen abzutreten (wo⸗ 
von die Rede gehe) einzuwilligen; dem Orden ſey immer eine 
Pforte noͤthig, um von außenher Leute in ſein Land zu bringen. 
Laſſe man dieß jetzt außer Acht, ſo werde daraus dem Orden 
unermeßlicher Schade erwachſen. Von einer Suͤhne mit dem 
Koͤnige wolle er zwar nicht abrathen, doch moͤge der Meiſter 
ſich dazu nicht allzu geneigt zeigen, denn der Koͤnig habe einen 
Hohn und Verluſt erlitten, den er dem Orden nie vergeſſen 
werde. Seiner Seits ſey er Willens, dem Meiſter bald mit 
einem moͤglichſt ſtarken Kriegshaufen zu Huͤlfe zu kommen.“ » 
Man erhielt uͤberdieß Hoffnung, daß der Herzog auch noch 
mehre andere Fürſten Schleſiens fuͤr den Orden gewinnen 
werde. 

Unter ſolchen Verhaͤltniſſen ſchien am nothwendigſten, vor 
allem den zunaͤchſt drohenden Gefahren zu begegnen. Um die 
Soͤldner einigermaßen zu befriedigen, erſuchte der Hochmeiſter 
das Domkapitel zu Marienwerder, all ſein ſilbernes Kirchen⸗ 
geraͤthe an den Muͤnzmeiſter abzugeben, mit dem Verſprechen, 
in beſſern Zeiten für allen Schaden aufzukommen.“) Außerdem 
war es ſeine wichtigſte Sorge, die Staͤdte und Gegenden, die 
ſich dem Orden wieder zugewandt, in Treue und Gehorſam zu 
erhalten. Um ſeine Verſprechungen zu erfüllen, bot er alle 
Mittel auf, um Oſterode, Hohenſtein und andere Staͤdte, denen 
es an hinreichender Mannſchaft und an den nöthigen Kriegs⸗ 


1) Schr. des Herzogs Balthaſar v. Sagan an d. HM. d. Sagan 
Donnerſt. S. Nicolai Abend 1454 Schbl. LXXIX. 82. 

2) Schr. des Nicolaus v. Koͤkeritz an d. HM. d. Sagan am 
T. Barbara 1454 Schbl. IX. 23. 

3) Schr. des HM. an das Kapitel zu Marienwerder, d. Mar. 
am F. Concept. Mariä 1454 Schbl. LXXIV. 25. Ueber die Erhebung 
des Kirchenſilbers Schr. des Pflegers v. Lochſtaͤdt an d. HM. d. Rieſenb. 
Donnerſt. vor Thoma 1454 Schbl. LI. 34, 


Neuer Einfall d. Kön. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 423 


bebinfniffen fehlte, fo viel als moͤglich damit zu verſorgen, 
denn von der Art, wie er ſich des Schutzes dieſer Staͤdte an⸗ 
nahm, hing es auch ab, ob ſich das wiederholt zur Ergebung 
aufgeforderte Allenſtein dem Orden zuwenden werde. Allen⸗ 
ſteins Gewinn aber war in jeder Beziehung von Wichtigkeit, 
weil vorauszuſchen war, daß ihm auch die uͤbrigen kleinen 
Staͤdte rings umher folgen wurden. 2) Allein auch hier legte der 
Trotz und Ungehorſam der Soldner überall Schwierigkeiten ent⸗ 
gegen, denn jeder wollte ſich nur dahin legen, wo es ihm gefiel. 
So weigerten ſich die Boͤhmen nach Hohenſtein zu gehen, weil 
dort Georg von Schellendorf zum Hauptmanne beſtellt war, 
weshalb man dieſem die Hauptmannſtelle zu Gilgenburg an⸗ 
vertrauen mußte. Dieß benutzten die Feinde. Die aus 
Loͤbau fielen wiederholt ins Oſterodiſche Gebiet ein, raubten 
und brannten alles nieder. Oſterode ſelbſt aber, wo man ſich 
unter den Bürgern nicht einmal vor Verraͤtherei ſicher halten 
konnte, war immer noch viel zu ſchwach bemannt, um dem 
Feinde mit Nachdruck zu begegnen. ) Der Hauptmann Hans 
von Köferig weigerte ſich, mit ſeinem Soͤldnerhaufen die Be 
ſatzung zu verſtaͤrken, weil er nicht unter des dortigen Komthurs 
Befehle ſtehen wollte. 5) 

Mittlerweile war Hans von Baifen zu Elbing eifrig be⸗ 
müht, das koͤnigliche Heer noch zu verftärfen. Er erließ ein 
dringendes Aufgebot, nach welchem alle Dienſtpflichtigen von je 
zehn Huben Landes einen Mann ſtellen ſollten, ernannte die 


— — 


1) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Dienſt. nach Katharinaͤ 
1454 Schbl. LXXIX. 58. Schr. des HM. an den Ordensſpittler, d. 
am Abend Nicolai 1454 Schbl. Varia 137. 

2) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. am T. Präſentat. Maria 
1454 Schbl. XLVIII. 1. 

3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Mittw. vor Lucid 1454 
Schbl. LXXIX. 61. 12. 

4) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Mittw. nach Lucia 1454 
Schbl. ILXXIX. II. 

5) Schr. des HM. an den Ordensſpittler, d. Mar. Sonnt. nach 
heil. Ehriſt 1455. 


424 Neuer Einfall d. Kon. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 


Hauptleute uͤber das Kriegsvolk jedes einzelnen Gebietes und 
ſetzte ihnen den Landesritter Matthäus Tolk als Oberhauptmann 
und Heergrafen der geſammten Kriegsmacht vor.) Der König 
hatte fein Standlager im Dorfe Dieterichswalde unfern von 
Rheden aufgeſchlagen, von dort aus aber noch keinen weitern 
Schritt gethan. Der groͤßte Theil ſeines Heeres lag in den 
Doͤrfern und Staͤdten des Kulmerlandes Meilenweit bis nach 
Thorn hin zerſtreut. Nur ein maͤßiger Heerhaufe ſtand noch 
im Lager vor Leſſen, zwar mit Anſtalten zur Beſtuͤrmung bes 
ſchaͤſtigt, jedoch ohne daß es zur ernſten That kam. Die 
Ordenshauptleute in und um Leſſen waren Willens, den zer: 
freut umherliegenden Feind anzugreifen. Da indeß der Hoch⸗ 
meiſter aus des Koͤniges Unthaͤtigkeit ſchloß, er moͤge jetzt mehr 
als je zu friedlichen Unterhandlungen geneigt ſeyn, ſo erließ er 
nicht nur an die vor Leſſen liegenden Polniſchen Hauptleute, 
an deren Spitze Gabriel von Baiſen, der Woiwode von Elbing 
ſtand, eine Aufforderung, ihren König zu friedlicheren Geſin⸗ 
nungen zu ermahnen, ſondern er ſandte auch den Hauptmann 
Georg von Schlieben und einen Ermlaͤndiſchen Domherrn zum 
Könige ſelbſt.) Wir wiſſen nichts von ihrem Erfolge. Von 
den Polniſchen Hauptleuten jedoch erfolgte eine Antwort, die 
bei den ungerechten Vorwürfen, welche fie enthielt, keine Hoff⸗ 
nung zur Suͤhne gab.) Alsbald kam es auch zu blutigen 


1) Baczko B. IM. 322. Schr. des Gubernators an den Ritter 
Fabian v. Maul, d. Elbing am T Concept Mariaͤ 1454 Schbl. 
LXXIX. 105. Fabian v. Maul wurde Hauptmann über das Bran⸗ 
denburgiſche Kriegsvolk. 

2) Schr. des Nicolaus Wilko an den Biſch. v. Pomeſanien, d. 
Leſſen am Abend Concept. Mariaͤ 1354 Schbl. LX XIX. 13. Schr. 
des Biſchofs v. Pomeſanien an d. HM. d. Rieſenb. Dienſt. nach 
Luciaͤ 1454 Schbl. LXV. 17. 

3) Credenzbrief fuͤr die genannten Sendboten, d. Mar. am T. 
Thoma 1454 Schbl. XXVI. 48 

4) Schr. der Woiwoden, Caſtellane und Hauptleute im Poln. 
Heere an d. HM. d. in campo inxta Lasschin (Lessen) feria quarta 
post s. Luciae 1454 Schbl. LX XIX. 78. Sie werfen dem Orden vor, 


Neuer Einfall d. Kön. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 425 


Ereigniſſen. Der Hauptmann Martin Frodnacher brach aus 
Marienwerder auf einen feindlichen Heerhaufen ein und nahm 
ihm, außer den Todten, noch 140 Gefangene ab.) Auch vor 
Leſſen, wo es zwiſchen der Beſatzung und den Belagerern zum 
Gefechte kam, blieben die letztern im Nachtheile. Die Stadt, 
an ſich ſtark befeſtigt und durch einen großen See beſchuͤtzt, 
war überdieß noch fo reichlich mit allem verſorgt und die Bes 
ſatzung von ſo muthigem Geiſte belebt, daß man bei einiger 
Verſtaͤrkung, die man vom Meiſter erbat, feft darauf vertraute, 
dem Feinde auch fernerhin Trotz bieten zu konnen.“ Um Weih⸗ 
nachten wurde zwar vom Feinde faſt zu gleicher Zeit auf Leſſen 
und Biſchofswerder ein foͤrmlicher Sturm unternommen; erſteres 
indeß hielt ſich ſtandhaft; nur die letztere Stadt, fruͤher ſchon 
vom Könige zur Ergebung aufgefordert und weniger gut ver⸗ 
forgt, wurde erſtürmt, auch einige Ordensritter dabei erſchlagen 
und gefangen. ® 


Da ſah der König endlich ein, daß alle feine Kriegsmuͤ⸗ 
hen von keinem ſonderlichen Erfolge ſeyn wuͤrden. Auf weite⸗ 
res Fortſchreiten ſeines Heeres war in der Winterzeit auf 
keine Weiſe zu rechnen, zumal da Marienwerder und Rieſen⸗ 
burg, wo die Grafen Johann von Montſort und Hans von 
Gleichen lagen, zahlreich bemannt, ſtark beſeſtigt und mit allem 
reichlich verſorgt waren, denn laͤngſt hatte man Tag und 


daß er den ewigen Frieden in vielen Artikeln gebrochen, ihr Koͤnig ihn 
immer aufrecht erhalten habe. Nunquam itaque a nobis, qui pacem 
diligebamus, contra vos bella fuissent suscitata, postquam a vobis or- 
dineque vestro belli causa iniciumque non precessisset. 

1) Schr. des Hauptmannes Martin Frodnacher an d. HM. d. 
Marienwerder Dienſt. vor Thomaͤ 1454 Schbl. LXXIX. 166. 

2) Schr. der Hauptleute in Leſſen an d. HM. d. Freit. vor Thomaͤ 
1454. Schr. Ruͤdigers eines Dieners des HM. d. Leſſen Freit. vor 
Thoma 1454 Schbl. LX XIX. 70. 78. 

3) Schitts p. 210. Schr. des Biſch. v. Pomeſanien, d. Rieſenb. 
am Sonnt. Thoma 1451 Schbl. LXXIX. 123. 


426 Neuer Einfall d. Koͤn. v. Pol. ins Ordensgeb. (1454.) 


Nacht an ihrer Bewehrung und Befeſtigung gearbeitet. Von 
feinem ziemlich untauglichen, ausgehungerten und für die Win⸗ 
terzeit viel zu ſchlecht gekleideten Kriegsvolke ließen ſich auch 
ferner keine Anſtrengungen mehr erwarten.) Auch mußte es 
ihn verdrießen, daß die Abgeordneten Danzigs, die bei ihm im 
Lager erſchienen, ſich ſeiner Forderung an Danzig von noch 
20,000 Mark zur Bezahlung der Soͤldner (denn 80,000 Mark 
hatte man dort ſchon zugeſteuert) nicht fuͤgſam zeigten, zumal 
da auch er von ſeinen Soͤldnerhaufen ſtark um Soldentrich⸗ 
tung bedraͤngt wurde.) Es war bereits auch, wie der Koͤnig 
wußte, eine paͤpſtliche Bulle unterwegs, die ihn aufs ernſt⸗ 
lichſte ermahnte, ſeine Streitigkeiten mit dem Orden dem ſchieds⸗ 
richterlichen Urtheile einiger Kardinaͤle zu unterwerfen und ſeine 
Waffen lieber an den Tuͤrken als am Deutſchen Orden zu 
verſuchen.) Und endlich erhielt in jenen Tagen wie der Hoch 
meiſter, ſo auch er die Nachricht, daß in Konitz bereits ein neuer 
Huͤlfshaufe von wenigſtens fünfhundert auserleſenen Reiſigen 
mit hundert Ordensrittern unter der Führung des Landkom⸗ 
thurs von Franken, der beiden ehemaligen Komthure von 
Balga und Danzig, des Grafen Georg von Henneberg und 
einer Anzahl anderer Ritter und Ordensgebietiger, vom Deutſch⸗ 
meiſter geſandt angekommen fey. Der Landkomthur wollte 


1) Schr. des Biſch. v. Pomefanien an den HM. d. Rieſenburg 
Donnerſt. vor Thoma 1454 Schbl. LXV. 18. Schr. des Grafen Joh. 
v. Montfort an d. HM. d. Rieſenb. Samſt. nach Lucia 1454 Schbl. 
LXXIX. 60, Unrichtig iſt, wenn Schütz p. 209 Rieſenburg vom 
Könige einnehmen laͤßt. 

2) In ſehr vielen Briefen wird das Polniſche Kriegsvolk als nack⸗ 
tes, abgehungertes Geſindel geſchildert. 

3) Schätz p. 209. 

4) Schr. des Komthurs v. Horneck Melchior v. Neuneck an d. 
H., d. am T. Thoma 1454 Schbl. LXXIX. 81. Das Original der 
päpſtl. Bulle an den Koͤnig v. Polen, d. Romae primo mensis Sep- 
tembr. 1454 Schbl. XIII. 28; vgl. Raynaldi Annal. eccles. an. 
1 1112, 

5) Schr. des Waldmeiſters v. Schlochau an d. HM. d. Konitz 
Mont. vor Thomä 1454 Schbl. LXXIX. 37. Schr. des Landkomth. 


Neuer Einfall d. Kön. v. Pol. ins Ordensgeb. 1454.) 427 


dort erſt die Burgen zu Hammerſtein und Schlochau wieder ge⸗ 
winnen, um den Ein= und Ausritt nach Deutſchland in jener 
Gegend ſicherer zu machen. Der Hochmeiſter dagegen rieth 
ihm, jetzt da Polen von Kriegsvolk ſo ganz entblößt ſey, mit 
Kaspar von Noſtitz, der zu Konitz lag, einen Einfall nach 
Polen zu verſuchen, damit der Koͤnig in ſeinem eigenen Lande 
zu ſchaffen bekomme und ſich aus Preuſſen zurückziehe. 

Alſo gab der König die Hoffnung, das Verlorene auf 
dieſem Kriegszuge wieder zu gewinnen, jetzt gaͤnzlich auf. Um 
jedoch feinen Verbündeten, den Herzog Erich von Pommern 
auch ferner an ſeine Sache zu feſſeln, genehmigte er, daß die 
Danziger dem Schutze des Herzogs die Staͤdte und das 
Schloß Buͤtow und Lauenburg mit allen ihren Einkuͤnften 
uͤberließen, jedoch mit der Verpflichtung, ſie, ſobald es von 
ihm verlangt werde, ohne Widerrede wieder abzutreten.) Der 
Altſtadt Danzig gab der Koͤnig dadurch einen Beweis ſeiner 
koͤniglichen Gnade, daß er den Blugern geſtattete, die ſ. g. 
junge Stadt, die unter dem Schutze des Ordens zu Wohlſtand 
und Gedeihen emporgeſtiegen war und auf deren rege Betrieb⸗ 
ſamkeit im Handel und Gewerbe die Altſtaͤdter ſchon laͤngſt 
mit Neid hingeſehen, von Grund aus zu zerftören, denn man 
hatte beim Könige die Beſorgniß angeregt, der Feind werde 
ſich dort, wo man dem Orden von jeher geneigt ge⸗ 
weſen, leicht verſchanzen und der Altſtadt dann unermeßlichen 
Schaden zufügen koͤnnen. Es war umſonſt, daß Abgeordnete 
der jungen Stadt dem Koͤnige den Argwohn zu entnehmen 
ſuchten. Er erneuerte den Befehl, als man ihn mit der Nach⸗ 


von Franken an d. HM. d. Konitz Samſtag Thom 1454 Schl. 
102. 2. 

1) Schr. des Landkomthurs v. Franken, d. Konitz Sonnt. nach 
Thoma Schbl. DM. 110. 

2) Schr. des HM. an den Landkomthur v. Franken, d. am T. 
Innocentium 1455 Schbl. LXXX. 4. Kaspar von Noſtitz wird hier 
Hauptmann der Schleſier genannt. 

3) Die Urkunde d. Freit. vor heil. drei Könige 1455 Schbl. LIX. 
1. (Abſchrift), bei Schätz p. 210, 


428 Abzug d. Königes v. Polen aus Preuſſen. (1455.) 


richt ſchreckte: der Hochmeiſter habe den Plan, ſich mit Hee⸗ 
resmacht vor die großen Staͤdte zu legen und durch Aufbren⸗ 
nen der Vorſtaͤdte das Feuer auch in die großen Staͤdte zu 
verbreiten. So vernichtete Handelsneid und Feindſchaft mitten 
im Januar des Jahres 1455 eine ganze Stadt von vierzehn⸗ 
hundert Haͤuſern mit allen Kirchen und Kloͤſtern. Was man 
nicht niederbrenen konnte, ward von den Altſtaͤdtern durch 
Feuer vernichtet.) So handelten Buͤrger, die ſich ſo hoch 
und ſtolz bruͤſteten, um Aufrechthaltung des Rechts und zur 
Abwehr aller Gewaltthat ihre Bundeseinigung geſchloſſen zu 
haben, an ihren eigenen Mitbuͤrgern! 

Bevor jedoch der König in fein Reich zuruͤckkehrte, ver⸗ 
ſuchte der Hochmeiſter noch einmal den Weg friedlicher Aus⸗ 
gleichung.“ Er ſandte eine ſtattliche Botſchaft, Heinrich Reuß 
von Plauen den Juͤngern, den Großkomthur Ulrich von Iſen⸗ 
hofen, den Landkomthur von Lothringen, den Ordenstreßler 
Eberhard von Kinsberg, mehre Ritter und den Buͤrgermeiſter 
von Marienburg Bartholomaͤus Blume mit der Vollmacht an 
den Koͤnig, mit ihm wegen Aufrechthaltung oder Erneuerung 
des ewigen Friedens zu unterhandeln.) Auch Hans von 
Baiſen war unter ſicherem Geleite von Elbing ins koͤnigliche 
Lager gezogen.) Der Hochmeiſter hegte die Hoffnung, daß 
dießmal die Unterhandlungen von guͤnſtigem Erfolge ſeyn wuͤr⸗ 
den.“) Die Gefandtfchaft traf den König noch im Lager vor 
Leſſen. An ihrer Spitze ſtellte ihm der gewandte und beredte 
Domherr von Ermland Doctor Laurentius Blumenau als 


1) Das Nähere berichtet Schütz p. 210 — 211. 

2) Es geſchah in Folge einer vom Könige zuvor an den HM. ge⸗ 
ſandten Botſchaft, woruͤber des HM. Geleitsbrief, d. am T. Stephani 
zu Weihnachten 1455 Schbl. LX XX. 170. 

3) Credenzbrief und Vollmacht des HM. für die Sendboten, d. 
Mar. am T. heil. drei Koͤnige 1455 Schbl. LXXX. 13. 14. 

4) Geleitsbrief des HM für Hans v. Baiſen, d. am T. d. Bes 
ſchneid. Chr. 1455 Schbl. LXXX. 12. 

5) Schr. des HM. an die Rottmeiſter, d. Sonnt. nach Epiphan. 
1455 Schbl. LXXX. 139. 


Abzug d. Königes v. Polen aus Preuſſen. (1455.) 429 


Sprecher nochmals die Unrechtmaͤßigkeit des Bundes vor, um ihn 
zu bewegen, des Ordens aufruͤhreriſchen Unterthanen feine 
Hülfe zu entziehen. Dem entgegen trat aber im Namen der 
Lande und Staͤdte Gabriel von Baiſen auf, um von neuem 
die Urſachen ihres Bundes vorzulegen, mit Widerholung aller 
der zahlloſen Anklagen und Beſchuldigungen, die ſchon fo oft 
gegen den Orden ausgeſprochen waren. Da indeß der Koͤnig 
nach langen Verhandlungen endlich den Vorſchlag that: man 
moͤge die Sache Schiedsrichtern anheimſtellen, mittlerweile ſolle 
ein Waffenſtillſtand geſchloſſen werden, jeglicher Theil jedoch 
vorerſt im Beſitze deſſen bleiben, was er eben inne habe, die 
Ordensgeſandten dagegen beauftragt waren, keinen Frieden oder 
Waffenſtillſtand einzugehen, bevor nicht der König alles Eroberte 
wieder abgetreten, um dann erſt eine ſchiedsrichterliche Ent⸗ 
ſcheidung eintreten zu laſſen, ſo blieben die Verhandlungen 
ohne allen Erfolg.) Nicht einmal für die Befreiung der in 
Bebern in Armuth und Elend lebenden, in Eiſen geſchmiedeten 
Ordensgebietiger, des Komthurs von Tuchel, Heinrichs von 
Rabenſtein, Georgs von Eglofſtein u. a. konnte etwas bewirkt 
werden.) 

So zog nun der Koͤnig in der Mitte des Januars mit 
dem größten Theile feines Heeres nach Polen zuruͤck, nachdem 
er nicht nur die Staͤdte und Schloͤſſer mit Mannſchaft noth⸗ 
dürſtig beſetzt und in einzelnen Landſchaften Hauptleute mit 
einigen tauſend Mann zurückgelaſſen, ſondern auch Landen und 
Städten die Zuſicherung gegeben hatte, daß er ſie unter keiner 
Bedingung dem Orden wieder Preis geben, ſondern ihnen 
ſtets mit aller Macht beiſtehen werde. 3) Sein naͤchſtes Bes 
muͤhen war, in Polen und Litthauen Geldhüͤlfe aufzubringen 
zu Befriedigung feiner Söldner. Je mehr nun aber ſchon der 


1) Die weitläuftigen Verhandlungen bei Schütz p- 211 —213 
und Fol. A. 90—91. 

2) Schr. der genannten Ordensritter an Heinrich Reuß v. Plauen, 
den Großkomthur u. a. d. Bebern Sonnt. nach b. drei Koͤnige 1455 
Schbl. LXXX. 109; ſie bitten flehentlich um Ausloͤſung. 

3) Schütz p. 213. 


430 Bedraͤngniſſe d. Ordens durch die Soldner. (1455.) 


Tag der verſprochenen Zahlungsleiſtung an die Ordensſoͤldner 
herannahte, um ſo nothwendiger mußte es ſich jetzt der Hoch⸗ 
meiſter als die wichtigſte Aufgabe aller ſeiner Bemuͤhungen 
ſtellen, die noͤthigen Geldmittel zur Erfüllung feines Verſpre⸗ 
chens herbeizuſchaffen. Er erließ daher an die Komthure den 
Befehl, nicht nur überall mit aller Strenge die ruͤckſtaͤndigen 
Zinsgelder in ihren Gebieten einzufordern, ſondern auch alles, 
was ihren Ordenshaͤuſern und Konventsbruͤdern an Geld oder 
ſonſtigen werthvollen Gegenſtänden irgend entbehrlich ſey, in 
den Ordensſchatz einzuliefern. Allein bei dem wilden und ord⸗ 
nungsloſen Zuſtande, der wie im ganzen Lande, ſo auch im 
Orden herrſchte, ſtellten ſich überall unuͤberwindliche Schwie⸗ 
rigkeiten entgegen. Von allen Seiten kamen Klagen ein, daß 
die Ordensbrüder in Trotz und Uebermuth keinen Gehorſam lei⸗ 
ſten und keinem Gebote mehr folgen wollten. Der Komthur 
von Mewe, ſelbſt der Ordensſpittler erklaͤrten dem Meiſter ge⸗ 
radezu, daß ſie bei ſolcher Zuchtloſigkeit im Orden ihre Aem⸗ 
ter nicht laͤnger verwalten möchten. Ueberall, wo die Or⸗ 
densſoͤldner lagen, hauſten fie faft wie in Feindes Land und 
raubten den Unterthanen alles, was ſie hatten. Um Mewe, 
Preuſſiſch⸗-Mark und bei Rieſenburg übten fie die größten 
Graͤuel, erbrachen Schaarenweiſe die Haͤuſer der Landleute, 
plünderten deren Kleider und Betten, peinigten und mißhan⸗ 
delten die Bewohner auf die ſchrecklichſte Weiſe und ſteckten 
nicht ſelten ganze Doͤrfer in Brand.? Das Landvolk war da⸗ 
her an manchen Orten laͤngſt geflüchtet, die verlaſſenen Be⸗ 
ſitzungen lagen wuͤſte da und die Zinseinkuͤnſte fielen deshalb 
ſelbſt bei den ſtrengſten Einmahnungen immer nur ſehr unbe⸗ 
deutend aus.“ Da unternahm der Hochmeiſter, theils um die 


1) Schr. des Komthurs v. Mewe an d. HM. d. Sonnt. nach 
Epiphan. 1455 Schbl. LXXX. 188. 

2) Schr. des Hauskomthurs v. Preuſſ. Mark, d. Freit. Antonii 
1455 Schbl. LIII. 49. Schr. des Biſch. v. Pomeſanfen, d. Rieſenb. 
Sonnt. vor Fabiani 1455 Schbl. LXXX. 35. Der Biſchof klagt da⸗ 
bei über feine ſchreckliche Armuth, er wiſſe kaum noch zu leben. 

3) Schr. des Hauskomthurs v. Preuſſ. Mark, d. am T. h. drei 


Bedraͤngniſſe d. Ordens durch die Soldner. (1435.) 431 


noch wohlhabenderen Bewohner des Werders und des Gebie⸗ 
tes von Danzig zur Leiſtung ihrer Zinſen zu zwingen, theils 
auch um das Soͤldnervolk zu beſchaͤſtigen und zugleich Dan⸗ 
zig zu bedraͤngen, mit einer Schaar von vierzehnhundert Rei⸗ 
ſigen einen Zug gegen Danzig hin, ließ vor der Stadt den 
Damm der Radaune durchſtechen, um ihr alles Waſſer abzu⸗ 
ſchneiden und ruͤckte hierauf bis an die noch nicht ganz abge⸗ 
brochene Jungſtadt vor, um ſich da zu verſchanzen. Die Dan⸗ 
ziger aber brachen mit ſtarker Macht aus; vier Stunden dauerte 
ein harter Kampf; das Ordensvolk mußte endlich nach einem 
Verluſte von ſechshundert Todten und Gefangenen ſich nach 
Dirſchau zurückziehen, worauf die Jungſtadt völlig geſchleiſt 
und niedergebrannt wurde. 

Bei dem geringen Ertrage der Zinseinkuͤnſte mußten noth⸗ 
wendig noch andere Mittel ergriffen werden, um die von Tag 
zu Tag immer hoͤher ſteigenden Forderungen der Soͤldner we⸗ 
nigſtens zum Theil zu befriedigen. Saͤmmtliche Gebietiger und 
Amtleute erhielten den Auſtrag, bei ihrem Eide ein Bekenntniß 
und Verzeichniß von allem, was ſie an Geld und Geldeswerth 
beſaͤßen, einzugeben und dem Meiſter alles zu uͤberſenden, was 
er von ihnen verlange.) Den Klöftern Oliva, Pelplin und 
Karthaus wurde gegen eine gewiſſe Summe eine Anzahl Doͤr⸗ 
fer verpfändet.? Man ſchrieb dann auch auf das Land, die 
Staͤdte und die Kloͤſter einen allgemeinen Schoß aus; allein 
der Ertrag war bei der großen Armuth im Lande ebenfalls 
ſchr unbedeutend. Manche Städte, die viel gelitten und ge⸗ 
opfert hatten, wie Neumark, erklaͤrten ſich ganz außer Stand, 


Kon. 1455 Schbl. LIII. 32. Er ſandte aus feinem ganzen Gebiete nur 
100 Mark. 

1) Runau P. 20 — 21. Schütz p. 213. Befehl des HM. an 
die Schulzen, Schoͤffen und Bauern der Gebiete Danzig u. ſ. w. d. 
Mar. am T. Antonii 1455 Schbl. LXXX. 28. 

2) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. am T. Purif. Mariä 1455 
Schbl. LXXX. 214. 

3) Schr. des HM. an die Aebte der genannten Kloͤſter, d. am 
T. Agatha 1455 Schbl. LXXX. 31, 


432 Bebrängniffe d. Ordens durch die Soͤldner. (1455.) 


auch nur die geringſte Summe beizuſteuern, andere lieferten 
nur hoͤchſt wenig. Das Landvolk war überall fo ausgeplün⸗ 
dert, verarmt und ausgehungert, daß z. B. ſelbſt aus dem 
großen Werder nur 600 Mark und aus dem kleinen nur kaum 200 
Mark eingingen.) An manchen Orten wagten es die Ordens⸗ 
beamten aus Furcht vor Unruhen unter den Soͤldnern nicht 
einmal, den eingekommenen Schoß dem Hochmeiſter zuzuſen⸗ 
den. 2) Und doch ward überall das Geſchrei der Soͤldnerhaupt⸗ 
leute nach Geld und Sold mit jedem Tage ſtuͤrmiſcher. Haͤu⸗ 
fig kuͤndigten fie ſchon allen Gehorſam auf und erlaubten ſich 
oſt die groͤbſten Schmaͤhreden gegen die Gebietiger, wenn ihnen 
gegebene Verſprechungen nicht erfüllt wurden. In Mewe loͤſte 
ſich ſchon alle Ordnung auf, keiner folgte mehr des Komthurs 
Gebot, ſo daß dieſer faſt alle Hoffnung aufgab, Burg und 
Stadt behaupten zu konnen.) Als nun im Februar die ver⸗ 
heißene Zahlungsfriſt herannahte, ohne daß der Meiſter ſeine 
Zuſage erfüllen konnte, zwangen fie ihm das neue Verſprechen 
ab, bis auf S. Georgs-Tag allen ihren Forderungen zu ges 
nuͤgen und im Fall der Nichtbezahlung ihnen zu geſtatten, ſich 
durch Veraͤußerung des Haupthauſes Marienburg, der Lande 
Preuſſen und der Neumark ſelbſt zu befriedigen, alles dieſes 
nach ihrem Willen verpfaͤnden und verkaufen zu buͤrfen, an 
wen fie wollten.) Da indeß Graf Heinrich Reuß von Plauen 
und Veit von Schönberg ſchon einſahen, daß es dem Meiſter 
ganz unmoͤglich ſeyn werde, ihnen ihre Forderung von mehr 


1) Schr. des Buͤrgermeiſters v. Neumark, d. Freit. vor Purif. 
Marta 1455 Schbl. LXXXV. 71. Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. 
am T. Kathedra Petri 1455; Schr. des Komthurs v. Mewe, d. 
Sonnab. nach Dorothea 1455 Schbl. LXXX. 76. 148. 196. 

2) Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. Dienſt. nach Scholaſticä 1455 
Schbl. LXXX. 50. 

3) Schr. der Komthurs v. Mewe, d. Sonnab. nach Dorotheg 
1455; Schr. der Böhm. Hauptleute zu Eilau an den Komtbur v. 
Oſterode, d. Eilau Freit, nach Mathiä 1455 Schbl. LXXX. 75. 76. 123. 

4) Die Urkunde des HM. darüber, d. Mar. am T. Dorothea 
1455 in: Nachrichten von einigen Haͤuſern des Geſchlechts v. Schlieben 
Beil, nro 34 S. 45. 


Bedraͤngniſſe d. Ordens durch die Söldner. (1455.) 433 


als hunderttauſend Rhein. Gulden zu entrichten, fo verließen 
ſie Preuſſen um die Mitte des Februars, um nach Deutſchland 
zurüͤckkehrend ihre Soldzahlung, wie ihnen der Hochmeiſter zu⸗ 
geſagt, vom Deutſchmeiſter und dem Landkomthur vom Elſaß 
aus den Balleien zu erhalten.) Um der immermehr drohen⸗ 
den Gefahr vorzubeugen, zu deren Abwendung im Lande 
ſelbſt keine zureichenden Mittel mehr zu finden waren, ſandte 
ſofort der Meiſter den Ordenstreßler Eberhard von Kinsberg 
nach Deutſchland mit einer Vollmacht zum Verkauf oder zur 
Verpfaͤndung von Ordensguͤtern, Schloͤſſern und Höfen, ſowie 
zur Aufbringung von Zinsgeldern, Kleinodien, goldenen und 
ſilbernen Geräthen in allen Balleien und Ordenshaͤnſern, wo 
und wie viel nur irgend zu erhalten ſey; die Fuͤrſten wurden 
gebeten und den Gebietigern befohlen, dem Bevollmächtigten 
in ihren Gebieten bei Vollfuͤhrung feines Auftrages kein Hin⸗ 
derniß entgegen zu legen.) Allein es kamen bald von dort⸗ 
her die untroͤſtlichſten Nachrichten. Die meiſten Balleien was 
ren verſchuldet, hatten zum Theil ſchon ſo vieles verpfaͤndet, der 
Deutſchmeiſter hatte auf die Kriegsruͤſtungen für den Orden, 
auf die Schuldentilgung mehrer Ordenshaͤuſer u. ſ. w. ſo be⸗ 
deutende Summen verwenden muͤſſen, feine Bemühungen durch 
Verpfaͤndung und Verkauf von Ordensbeſitzungen Geld aufs 
zubringen waren bei dem großen Geldmangel in Deutſchland 
und bei der Scheu gegen den Erwerb geiſtlicher Guͤter ſo er⸗ 
folglos geblieben, daß er dem Hochmeiſter alle Hoffnung ent⸗ 


4) Dankſchreiben des HM. an den Markgrafen Friederich Erzmar⸗ 
ſchal des Röm. Reichs und Herzog Wilhelm v. Sachſen, d. am T. Va⸗ 
lentini 1455 Schbl. LXXX. 185. Schr. des HM. an den Deutſchmei⸗ 
ſter u. Landkomthur v. Elſaß, d. Sonnab. vor Faſtnacht 1455 Schbl. 
HM. 120. 121. Die ganze Soldſumme für Heinrich Reuß v. Plauen 
und Veit v. Schönberg belief ſich auf 108,273 Rhein. Gulden. Dar: 
über die Verſchreibung des HM. d. Mar. Freit. vor Dorothea 1455 
Schbl. 95. 15 u. Schbl. 103. 17. 

2) Das Ausſchreiben u. die Vollmacht des HM. d. Mar. Sreit, 
vor Invocavit 1455 in Jaeger Cod. diplom. O. T. 8. h. a. 

VIII. 28 


434 Kriegsereigniſſe. (1455.) 


nahm, für die Soldzahlung in Preuſſen auch nur irgend etwas 
von Bedeutung leiſten zu Fünnen, » 

Den Abzug Heinrichs Reuß von Plauen erſetzte bald die 
Ankunft des Herzogs Balthaſar von Sagan mit einer reiſigen 
Kriegsſchaar. Viel war freilich dadurch fuͤr den Orden nicht 
gewonnen; indeß beſchloß der Meiſter, dieſes willigere Kriegs⸗ 
volk ſo viel als moͤglich zum Beſten des Ordens zu benutzen. 
Er ließ es daher, durch den Beitritt einer Anzahl anderer 
Soͤldnerrotten noch verſtaͤrkt, unter der Anfuͤhrung Bot's von 
Eilenburg und Georgs von Schlieben gegen Soldau aufbrechen. 
Die Burg ward mit ſolcher Heftigkeit beſtüͤrmt, daß die Be⸗ 
ſatzung ſich bald ergeben mußte; darauf fiel auch die Stadt, 
angeblich durch Verraͤtherei eines Maſoviers, den Belagerern 
in die Hande.) Von da zog der Heerhaufen auch vor Loͤ⸗ 
bau, Mohrungen, Preuſſ. Holland, Elbing, Muͤhlhauſen und 
Frauenburg, uberall mit Raub und Brand. Nur die letztere 
Stadt ward erobert und ſchwer durch Feuer verwuͤſtet.“) Laͤngſt 
war dem Meiſter auch ein Kriegszug ins Kulmerland angera⸗ 
then, um dort wo moͤglich die kleinen Staͤdte zu gewinnen; 
er hatte ihn bisher nicht wagen duͤrfen. Nun kam ihm aber 
die Nachricht zu: in Thorn ſeyen mehre Rathsherrn und ein 
Theil der Bürger zur Ergebung an den Orden ſehr geneigt; 
ſofern der Meiſter der Stadt Gnade und Sicherheit verſpreche 
und mit einem Heerhaufen vor ihr erſcheine, werde man alles 
dort fo fügen, daß ihm die Thore ohne weiteres geöffnet wer⸗ 


1) Schr. des Deutſchmeiſters an d. HM. d. Horneck Sonnt. 
Invocavit 1455 Schbl. DM. 123. 128. 

2) Schr. des HM. an den Grafen Johann v. Montfort, d. Mar. 
am T. Apollonia 1455 Schbl. LXXIX. 46, wonach der Herzog in 
den erſten Wochen des Februars nach Preuſſen gekommen ſeyn muß. 

3) Schr. des Pflegers v. Lochſtaͤdt, d. Rieſenb. Mont. nach Apol⸗ 
lonia 1455 Schbl. LXXX. 146; vgl. Schbl. LXXIX. 46. Der Ber: 
trag wegen Uebergabe des Schloſſes zu Soldau an die Ordensgebie⸗ 
tiger und Soͤldnerhauptleute, d. Aſcher⸗Mittw. 1455 Schbl. LVIII. 
4. LXXX. 202. Schatz p. 214. Runau p. 21. 

4) Schütz 1. c. Bunau 1. c. 


Kriegsereigniſſe. (1455.) 43 


S. 


den ſollten.) Da große Eile empfohlen war, ſo brach der 
Hochmeiſter auch ſofort mit einer Streitſchaar von etwa drei⸗ 
tauſend Reiſigen ins Kulmerland ein und zog zuerſt vor Rhe⸗ 
den; allein dieß hielt ſich. Mittlerweile hatte auch Kulm aus 
Thorn und Schwez Verſtaͤrkung ſeiner Beſatzung erhalten und 
konnte nicht gewonnen werden.“ Jetzt gegen Thorn an⸗ 
rückend, erließ der Meiſter zuvor einen Aufruf an die Stadt, 
ſich dem Orden wieder zu untergeben.) Da er kein Gehör 
fand, ruͤckte er bis unter die Mauern heran, jedoch ohne daß 
ihm die Thore geoͤffnet wurden, denn die Verraͤther waren 
unterdeſſen entdeckt und mit dem Tode beſtraft worden. Alſo 
kehrte der Heerhaufe, nachdem er an der Pluͤnderung und Auf⸗ 
brennung der Dörfer und Vorwerke wie um Thorn, fo um 
Kulm und Graudenz ſeine Wuth gekuͤhlt hatte, ohne Erfolg 
nach Marienburg zuruͤck.) 

Je mehr aber die Verbuͤndeten die Streitkraͤfte des Or⸗ 
dens in ſolcher Weiſe gegen die kleinen Bundesſtaͤdte in Thaͤ⸗ 
tigkeit fahen, um fo nothwendiger ward es für fie, ſich auch 
der Beihuͤlfe ihrer Soͤldnerhaufen mehr zu verſichern, denn 
auch unter dieſen nahmen wegen nicht befriedigter Soldfor⸗ 
derungen Unzufriedenheit, Drohungen und Raub und Pluͤn⸗ 
derung mit jedem Tage zu. Alſo traten Lande und Städte 
zu einer Tagfahrt in Elbing zuſammen, um uͤber die Mittel 
zur Beſtreitung der ruͤckſtaͤndigen Soldforderungen zu berathen. 
Es ward beſchloſſen: es ſolle von allen Guͤtern und Waaren, 
namentlich auch von Lebensmitteln, beſonders Getraͤnken, durchs 
ganze Land, ohne Ausnahme irgend eines Standes, eine allge⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Mewe an d. HM. d. am I Kathe⸗ 
dra Petri 1455 Schbl. LXXX. 218. 

2) Schr. des Rathes v. Thorn an die Stadt Kulm, d. Mont. 
nach Laͤtare 1455 Schbl. XLIX. 37. 

3) Die Aufforderung des HM. d. Vurchardsdorf Mont nach Laͤ⸗ 
tare 1455 Schbl. LXXX. 65, im Original im Rathsarchiv zu Thorn 
Scrin. XV. 14. 

4) Runau p. 21 — 22. Schütz p. 214. Ein Rathmann wurde 
geviertheilt und ein Schoͤffe enthauptet. 

28 


436 Kriegsereigniſſe. (1455.) 


meine Steuer erhoben, alles was man an Guͤtern und Waa⸗ 
ren vom Orden eingezogen oder den Abtruͤnnigen vom Bunde 
abgenommen habe, eingeliefert und das dafür gelöfte Geld in 
einen Kriegsſchatz eingezahlt werden; es ſollten ferner auch 
alle ruͤckſtaͤndigen Zinſen, Schoß und ſonſtige Abgaben mit 
aller Strenge eingefordert, auch der Pfundzoll und andere zuvor 
im Lande erhobenen Zölle auf ein Jahr wieder eingenommen 
werden zum gemeinen Beſten.) Der Zweck, die Soͤldner 
damit mehr zu befriedigen, ward allerdings erreicht; ſie wur⸗ 
den williger. Mit ihrer Huͤlfe geſchah durch die Beſatzungen 
von Elbing, Holland und Mohrungen ein Angriff auf Saal⸗ 
feld, jedoch ohne Erfolg.) Auch um Oſterode und Soldau 
wurde der Feind jetzt ungleich thatiger. Erſtere Stadt ward 
rings umlagert und war in größter Gefahr, erſtuͤrmt zu wer⸗ 
den.) Soldau, von Ordens = Söldnern beſetzt, wurde von 
den Bundes⸗Soͤldnern aus Neidenburg plotzlich uͤberfallen; 
es kam zum Gefechte, worin das Ordensvolk bedeutend litt. 
Die Stadt ſelbſt ging dabei in Flammen auf.) Auch Hohenſtein 
gerieth bald durch die Soͤldner aus Neidenburg in große Bedraͤng⸗ 
niß. 5) Gewiß alſo würden die ſchwachbeſetzten Burgen und Staͤdte 
jener Gegend durch die Bundes-Soͤldner dem Orden bald wie⸗ 
der entriſſen worden ſeyn, wenn nicht deren Thaͤtigkeit in kur⸗ 
zem anderswohin gelenkt worden waͤre. 

Die zu Elbing angeordnete Steuererhebung naͤmlich hatte 
in einem großen Theile des Landes auf die Stimmung des 


1) Der Beſchluß dieſer Tagfahrt, am erſten Sonntag in den Fa⸗ 
ſten, Schbl. LXXV. 3, bei Schütz p. 214. Baczko B. III. 
436 — 438. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. am T. Annuntiat. Mariä 1455; 
Schr. des Hauptmanns v. Preuſſ. Mark, d. wie vor Schbl. LIII. 
23. 24. 

3) Schr. der Ritter und Soldleute auf Oſterode an d. HM. d. 
Donnerſt. nach Palmar. 1455 Schbl. LXXX. 40. 

4) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Donnerſt. nach Palmar. 
1455 Schbl. LXXX. 183. 

5) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. am Charfreit. 1455 Schbl. 
LXXX. 199. 


Ergeb. Königsb. u. and. Städte im Niederl. a. d. Ord. (1455.) 437 


Volkes für die Bundesſache böchſt nachtheilige Wirkungen ges 
habt. Beſonders fir das Niederland berechnet, wo die Bun⸗ 
despartei, zwar im Ganzen von gemaͤßigter Geſinnung, bisher 
immer noch am ſtaͤrkſten war, erregte ſie hier gerade den bit⸗ 
terſten Widerwillen, denn man wollte nicht darum den Ober⸗ 
herrn gewechſelt haben, um ſich mit größern Laſten als je zu⸗ 
vor beladen zu laſſen. Zuerſt brach in der Altſtadt Koͤnigs⸗ 
berg die Unzufriedenheit unter dem Volke offen aus; ſie ver⸗ 
band ſich dann mit dem Loͤbericht, der zweiten Stadt Koͤnigs⸗ 
bergs, wo gleiche Stimmung herrſchte, und bald auch mit meh⸗ 
ren der kleinen umhergelegenen Städte. Sie traten zur Be⸗ 
rathung zuſammen und man meldete dem Gubernator, ſo wie 
Landen und Staͤdten den Beſchluß: „gerne wolle man zwar 
auch ferner dem Koͤnige treu und gehorſam bleiben; allein 
mit ſolchen neuen Beſchwerungen, wie man ihnen anmuthe, 
laſſe man ſich nicht belaſten. Der Koͤnig habe gelobt, er wolle 
ſie bei ihrer Freiheit erhalten und dieſe eher mehren als min⸗ 
dern. Alſo verlange man nun auch, daß dieſes Wort des 
Königes in Kraft bleibe.“ Es half nichts, daß der Guberna⸗ 
tor bald darauf einige vom Adel und dann auch Danzig einige 
feiner oberſten Rathsherren nach Koͤnigsberg ſandten, um die 
Städte zur Leiſtung der Steuer zu bewegen; vielmehr ſteigerte 
dieſes nur noch die Erbitterung im Volke.) Am Aſten Maͤrz 
kam es in der Altſtadt Königsberg zum offenen Auſſtand. 
Mehre Rathsherren, die am eifrigſten am Bunde hingen, wur⸗ 
den aus der Stadt verjagt. Die Stadtgemeine bemaͤchtigte 
ſich der Schlüffel zu den Stadtthoren, des Rathhaufes und 
des ſchweren Geſchützes, verſchloß die Stadtthore gegen den 
Kneiphof, Koͤnigsbergs dritte Stadt, die noch buͤndiſch geſinnt 
war, berief die Freien aus Samland zur Vertheidigung der 
Stadt, deren auch bald dreihundert herbeieilten, und trat end⸗ 
lich entſchieden auf die Seite des Ordens über, indem fie ſo⸗ 
fort dringend den Hochmeiſter um Hülfe erſuchte.) Aber in 


1) Am vollftändigften die Nachrichten bei Schiiix p. 215. 
2) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Mont. nach Palmar. 


438 Ergeb. Königsb, u. and. Städte im Niederl. a. d. Ord. (1455.) 


denſelbigen Tagen ging auch ein Eilbote aus dem Kneiphof 
an den Gubernator, dieſen aufs ſchleunigſte um Beiſtand zu 
bitten, ) indem man ihm zugleich rieth, er möge die Danziger 
bewegen, durch einen Zug nach Dirſchau hin des Meiſters 
Kriegsmacht an der Weichſel zu befchäftigen, damit er verhin⸗ 
dert werde, Kriegshuͤlfe ins Niederland zu ſenden. Der Hochs 
meiſter indeß, hocherfreut, ſandte eiligft den Städten Koͤnigs⸗ 
berg ein Schreiben zu, worin er ihre Treue ruͤhmend ſie zur 
ſtandhaften Gegenwehr ermabnte, bis ihnen die erwuͤnſchte 
Huͤlfe komme, aber zugleich ſie auch warnend, argliſtigen Ein⸗ 
flüfterungen und Verlockungen der Feinde nicht ferner Gehoͤr 
zu geben. 

Alsbald ward alles aufgeboten, den Ordensſpittler Hein⸗ 
rich Reuß von Plauen mit einem ſtarken Heerhaufen zur Huͤlfe 
Koͤnigsbergs auszuruͤſten. Allenthalben erging an die vor⸗ 
nehmſten Soͤldnerfuͤhrer das Aufgebot, ſich bei Chriſtburg zu 
verſannneln, um am Kriegszuge Theil zu nehmen.) Um ſich 
mittlerweile an der Weichſel zu ſichern, nahm der Hochmeiſter 
nebſt allen Hofleuten des Ordens mit den Hauptleuten zu 
Stargard und Neuenburg, wohin Danzig eben erſt neue Ver⸗ 
ſtaͤrkung geſandt, einen dreiwöoͤchentlichen Beifrieden auf. 9 
Zugleich ward auch der Meifter von Livland aufs dringendſte 
erſucht, in aller Eile einen Streithaufen ins Niederland herbei⸗ 
zufuͤhren und vor allem zur Befriedigung der Soͤldner mit 


1455 Schbl. LVIT. 37, wo es heißt: Eyner ſemlichen zwetracht iſt 
urſache die zeiße, uff das ſie der loß werden mochten, ſint alle cleine 
ſtete im Nederlande begehrende unſers ordens huͤlfe und beyſtand. 
Hume p. 22. Schütz p. 215. 

1) Das Schreiben bei Schiätz I. o. 

2) Schr. des HM. an die Königsberger, d. Dienſt. nach Palmar. 
1455 Schbl. XIX. 60; Schätz p. 215 — 216. Nach dieſem aber 
waͤre das Schreiben vom Gubernator aufgefangen und den Kneiphös 
fern zur Warnung uͤberſandt worden. 

3) Schr. des HM. an den v. Pfannenberg und Bot von Weſſen⸗ 
berg, d. am guten Freit. 1455 Schbl. I. VII. 6. 

4) Des HM. Bekenntniß über den Abſchluß des Waffenſtillſtands, 
d. am Oſtertage 1455 Schbl. LXXXII. 139, Schlitz p. 215, 


Ergeb. Koͤnigsb. u. and. Städte im Niederl. a. d. Did. (1455.) 439 


beizuſteuern, weil jetzt der Gewinn oder Verluſt ganz Nieder⸗ 
landes auf dem Spiele ſtehe.) Zwar bot unterdeß auch der 
Gubernator alle Mittel auf, um hinlaͤngliche Streitkräfte nach 
Königsberg zu ſenden, ließ aus dem Kulmerlande und aus 
den Gegenden von Neidenburg und Ortelsburg die Rotten⸗ 
führer, namentlich den Boͤhmiſchen Hauptmann Colda in 
einem Feldlager bei Wormditt ſich vereinigen und erſuchte zu⸗ 
gleich auch die Danziger um Huͤlfsmannſchaft, um von dort⸗ 
her der Unternehmung des Ordens mit Macht entgegenzutre⸗ 
ten. 9 Allein bevor dieſes feindliche Volk ſich noch verſam⸗ 
meln konnte, brach der Ordensſpittler am Dienſtag nach Oſtern 
von Marienburg auf. Muͤhlhauſen öffnete ihm ohne weiteres 
die Thore. Vor Braunsberg fand er Widerſtand; man ver⸗ 
weigerte alle Unterhandlungen; in wenigen Stunden war die 
Neuſtadt vom Reitervolke erſtürmt und da die Bewohner ſich 
alle geflüchtet, ward fie rein ausgepluͤndert und mit der gan⸗ 
zen Vorſtadt bis auf den Grund niedergebrannt. Darauf im 
weitern Fortzuge ergab ſich Heiligenbeil ohne alle Gegenwehr, 
desgleichen Melſack und Zinten.) Von Brandenburg aus, 
in deſſen Umgegend ſich eine große Zahl ehrbarer Leute und 
Freie dem Orden wieder zuwandten, ward Graf Hans von 
Gleichen mit einem Streithaufen nach Lochſtaͤdt und Fiſchhau⸗ 
ſen uͤbergeſetzt, ließ an beiden Orten Beſatzungen und zog ſo⸗ 
fort auf Koͤnigsberg zu, wo er mit Jubel empfangen wurde. 
Nachdem ſich darauf die andere Streitſchaar des Ordensſpitt⸗ 
lers auch der Burg und Stadt Kreuzburg bemaͤchtigt, erſchien 
auch fie am 13ten April vor dem Haberberg, der Vorſtadt 
des Kneiphofes. Um fie dem Feinde zu entreißen, brach ein 
Streithaufe aus dem Kneiphofe in die Vorſtadt ein und ſteckte 


1) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Mont. zu 
Oſtern 1455 Schbl. IV. 20. 

2) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Sonnab. nach Oſtern 
1455 Schbl. XXIII. 30 Schiitz P. 216. 

3) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM d. Dorf Seligenfeld 
(bei Königsberg) Dienſt. nach Ouaſimodogen. 1455. Schbl. LXXX. 
17. XLVI. 36. Hundi p. 22 Schütz 1. c. 


440 Ergeb. Königsb. u. and. Städte im Niederl. a. d. Ord. (1455.) 


ſie in Brand. Es kam zwiſchen ihm und dem Ordensvolke 
zum Kampfe. Indeß mußte das letztere mit bedeutendem Ver⸗ 
luſte feine Stellung bald verlaſſen und zog hinauf nach Neuen⸗ 
dorf und in die Doͤrfer laͤngs am Pregel. Von da aus ward 
Barten und Gerdauen fur den Orden wieder gewonnen. v. 
Der Ordensſpittler ſetzte jedoch fort und fort alle Mittel 
in Bewegung, die Kneiphöfer zur Ergebung zu zwingen, denn 
Huͤlfsvoll aus Danzig und reichliche Zufuhr von Lebensmit⸗ 
teln hatten Muth und Kräfte derſelben von neuem erfriſcht und 
geſtaͤckt. Vergebens ließ ihnen der Spittler durch den Biſchof 
von Samland, der als Vermittler auftrat, mancherlei Freihei⸗ 
ten und Begnadigungen entgegenbieten, ſofern ſie ſich dem 
Orden wieder zuwenden wurden Auf die Einladung der 
beiden andern Staͤdte begab er ſich dann ſelbſt nach Koͤnigs⸗ 
berg und ertheilte im Namen des Hochmeiſters der Buͤrger⸗ 
ſchaft eine feierliche Beſtaͤtigung aller ihrer Privilegien und 
Gerechtſame, zugleich verſprechend, daß der Orden ſie niemals 
weder verkaufen, noch verpfaͤnden oder vertauſchen, nie Kriegs⸗ 
völfer ohne dringende Noth nach Samland legen und ſie nie 
mit irgend welchen Zinsauflagen beſchweren wolle. Eine laͤſtige 
Malzſteuer wurde ſogleich zur Erleichterung der Stadt abge⸗ 
ſtellt.? Dann erfolgte eine allgemeine Huldigung der Alt⸗ 
ſtadt und des Loͤbenichts, ſowie der geſammten Ritterſchaft und 
der ehrbaren Leute auf Samland; nur ein Theil des Rathes 
der Altſtadt entwich heimlich zu den Feinden in den Kneiphof. 
Darauf ward vom Ordensſpittler auch das Schloß, welches 
hie und da bedeutenden Schaden erlitten, hinreichend mit 
Mannſchaft verſorgt und fo in aller Weiſe des Ordens Herr⸗ 


4) Schr. dos Ordensſpittlers, afl im Felde vor dem Kneiphof 
Donnerſt. nach Georgii 1455 Schbl. LVII. 11. Runau p. 23. Sch 
P. 217. Detmar Chron. B. II. 177. 

2) Schi p. 216. 

3) Das Beſtaͤtigungs⸗ Diplom, d. Koͤnigsb. Donnerſt. nach Oua⸗ 
ſimodogen. 1455 Schbl. LVII. 16. 39 (Abſchrift), gedruckt in den 
Privileg. der Stände Preaſſ. P. 19; vgl. Baczko B. III. 327, 


Ergeb. Rönigab. u. and. Städte im Niederl. a. d. Orb. (1455.) 441 


ſchaft wieder ſicher geſtellt.) Dem Beiſpiele Königsberg fol: 
gend traten in denſelbigen Tagen auch die Staͤdte Tapiau, La⸗ 
biau, Domnau und Eilau in des Ordens Gehorſam zuruͤck.? 
Neuermuthigt ſchlug hierauf der Ordensſpittler fein Kriegsla⸗ 
ger abermals vor dem Haberberge auf. Da zugleich auch die 
Altſtaͤdter durch den Aufbau von zwei Brücken über den Pre⸗ 
gel⸗Strom ſich den Zugang zum Kneiphof eroͤffneten, ſo 
ward dieſer jetzt von beiden Seiten her beſtuͤrmt und Tag fuͤr 
Tag bald aus den angelegten Blockhaͤuſern und Paſteien, bald 
von den Schiffen vom Strome her beſchoſſen. Saͤmmtliche 
Speicher mit allen darin verwahrten Gütern und Kaufwaaren 
gingen dabei in Flammen auf.) Da dieſer Verluſt indeß 
durch reiche Zufuhren aus Danzig bald wieder erſetzt, die 
Kriegsmannſchaft im Kneiphof durch zahlreiches Huͤlfsvolk aus 
den weſtlichen Bundesſtaͤdten von neuem verftärft wurde und 
die Bewohner der Stadt ſelbſt in der Vertheldigung ihrer 
Mauern und Schirmwehren einen Muth bewieſen, der ſich 
durch keine Verluſte beugen ließ, die Streitkraͤſte des Ordens⸗ 
ſpittlers dagegen theils durch die Beſetzung der kleinen, dem 
Orden wieder zugewandten Staͤdte, theils zur Abwehr der 
naheliegenden Bundesſoͤldner hatten vereinzelt werden muͤſſen, 
theils auch durch die täglichen Gefechte ſchon bedeutend ge⸗ 
ſchwaͤcht waren, fo bat dieſer den Hochmeiſter aufs dringendſte 
um Berftärfung feiner Kriegsmacht durch ſechs⸗ bis achthun⸗ 
dert Reiſige und einige hundert Trabanten, denn nur dann 
durſte er hoffen, nicht bloß den Kneiphof zu gewinnen, ſondern 
überhaupt das ganze Niederland vom Feinde zu ſaͤubern, zu⸗ 
mal da das boͤhmiſche Soͤldnervolk mehr und mehr anfing an 
der Bundesſache zu verzweifeln. 9 Da bereits auch Ragnit 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. im Felde vor dem Kneiphof am 
T. Georgii 1455 Schbl. LXXX. 42. LVII. 7. 11. Runau p. 23. 

2) Schr. des Ordensſpittlers a. a. O. 

3) Schr. des Ordensſpittlers a. a. O. Schiitx p. 217. Runaus 


P. 23. 
4) Schr. des Ordensſpittlers, d. im Felde vor dem Kneiphof am 
Z. Georgii u. Marci 1455 Schbl. LVII. 10. 13. 


442 Ergeb. Königeb, u. and. Städte im Niederl. a. d. Orb. (1455.) 


und Tilſit ſich des Ordens Herrſchaft wieder untergeben hatten, 
fo hielt in jener Gegend nur noch einzig Memel am Bunde feſt. !) 

Es war indeß dem Hochmeiſter unmoͤglich, die verlangte 
Huͤlfe zu ſenden. In Konitz hatten die Söldner ſchon laͤngſt 
gedroht, die Stadt zu verlaſſen und durch Raub und Pluͤn⸗ 
derung im Lande ſich ihren Sold ſelbſt zu verſchaffen oder ſie 
zu verkaufen, wenn der Meiſter ſeinem Verſprechen nicht nach⸗ 
komme. Aus der Gegend der Weichſel durfte dieſer eben⸗ 
falls das dortige Kriegsvolk nicht entfernen, denn wenn der 
Beifriede mit den Hauptleuten in Stargard und Neuenburg 
auch verlängert ward, fo war man doch vor den Ueberfaͤllen 
der Danziger, die mehrmals bis Dirſchau und in den Werder 
vordrangen, keinen Tag ſicher.) Auch der Feind im Kulmer⸗ 
lande durſte nie aus dem Auge gelaſſen werden, zumal bei der 
Zuchtloſigkcit und der Raub = und Raufluſt unter den Ordens⸗ 
ſoͤldnern ſelbſt, denn dem Biſchofe von Pomeſanien hatten fie 
bereits alle Kirchen ausgeplündert, um am Raube ſich ihren 
Sold zu verſchaffen.) In Saalfeld kuͤndigten die Kriegsge⸗ 
ſellen ihrem Hauptmanne allen Gehorſam auf und wollten den 
Ordensdienſt verlaſſen, weil man ihnen die Versprechungen 
nicht halte.) In den Gegenden von Liebmuͤhl und Deutſch⸗ 
Eifau kam es wegen Auspluͤnderung mehrer Dörfer unter den 
Ordensſoͤldnern ſelbſt zu den blutigſten Auftritten.) Die 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. im Felde vor d. Kneiphof Sonnab, 
nach Marci 1455 Schbl. LVII. 8. 

2) Schr. des Raths v. Konitz an d. HM. d. Sonnab. vor Oculi 
1455 Schbl. LXXIX. 93. 

3) Urk über Verlängerung des Beifriedens, d. Mont. vor Philippi 
u. Jacobi 1455 Schbl. LXXX. 69. Schütz p. 216. 

4) Schr des Biſchofs v. Pomefanien, d. Rieſenb. Mont. zu 
Oſtern 1455 Schbl. LXXX. 30. 

5) Schr. des Hauptmannes zu Saalfeld, d. am Abend Philippi 
und Jacobi 1455 Schbl. Adelsgeſch. L. 6. 

6) Schr. der Hauptleute zu Eilau an d. HM. d. Mont. nach 
Quaſimodogen. 1455. 


Ergeb. Königeb. u. and. Seäbte im Niederl. a. d. Did, (1455.) 443 


Soͤldnerrotten zu Soldau und Gilgenburg hatten ohne ihres 
Hauptmannes Wiſſen Neidenburg beſtürmt, dabei aber ſo be⸗ 
deutende Verluſte an Todten und Gefangenen erlitten, daß der 
Hauptmann ohne Verſtaͤrkung der Beſatzung die beiden Staͤdte 
nicht mehr behaupten konnte.“ Auch in Heiligenbeil verlang⸗ 
ten die Hauptleute ſtaͤrkere Mannſchaft, denn ſie ſchreckte das 
traurige Schickſal von Melſack. Kriegshaufen aus Braunsberg, 
Heilsberg, Elbing und Guttſtadt hatten es plotzlich überfallen 
und bis auf den Grund niedergebrannt; über hundert vom 
Ordensvolke und mehre Ordensritter waren dabei gefangen ge⸗ 
nommen und über fuͤnfhundert Einwohner theils verbrannt, 
theils erſchlagen worden. 2 

So ordnungslos und wild war der Zuſtand im ganzen 
Lande. Der Ordensſpittler blieb daher vor Koͤnigsberg, wo er 
ſich ſtark mit Schanzen und Paſteien umgeben, auch fortan 
nur auf ſeine bisherigen Kriegsmittel beſchraͤnkt. Der Feind 
leiſtete fort und fort die entſchloſſenſte Gegenwehr. Tag für 
Tag wiederholten ſich Gefechte bald mit dem Kriegsvolke des 
Spittlers vor dem Haberberg, wo die Kneiphoͤfer oft bedeutende 
Verluſte erlitten, bald mit den ſtark verbollwerkten Kriegsſchiffen 
auf dem Pregel⸗Strome, beſonders einem großen Schiffe des 
Herzogs von Sagan, welches mehrmals vom Blute der Er⸗ 
ſchlagenen ganz bedeckt war, denn auch die Mannſchaft des 
Ordens und der beiden Städte unterlag oft ſchweren Ver⸗ 
luſten.) Unter ſolchen Kaͤmpfen, dem Aufbau neuer Paſteien 
und Wehrſchanzen, der Zurichtung und Riͤrſtung neuer Wehr⸗ 


1) Schr. des Hauptmanns Muſigk von Swynau an d. HM. d. 
Hohenſtein Mittw. vor Philippi u. Jacobi 1455 Schbl. LXXX. 163. 
Runau p. 25. 

2) Schr. des Ordensritters Siegfried Vlach v. Schwarzenberg, 
d. Heiligenbeil Dienſt. vor Georgii 1455; Schr. des Domkapitels v. 
Frauenburg an d. HM. d Allenſtein am T. Georgii 1455 Schbl. LXXX. 
16. 22. Schr. des Ordensſpittlers, d. vor dem Kneiphof Donnerſt. 
nach Georgii 1455 Schbl. LVII. 11. Runau p. 25. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. im Felde vor dem Kneiphof am 
Abend Kreuze Erfind. 1455 Schöl. LVII. 12. 38. 


444 Ergeb. Königsb. u. and. Städte im Niederl. a. d. Ord. (1455.) 


ſchiffe und unter fortwaͤhrenden wilden Fehden gingen viele 
Wochen vorüber, bis es dem Ordensſpittler endlich glückte, 
dem Feinde alle Zufuhr zu Waſſer und Land abzuſchneiden, 
denn zwei uͤber den Pregel geſchlagene Bruͤcken ober⸗ und 
unterhalb der Stadt hemmten bald an ſich ſchon das Heran⸗ 
kommen jedes feindlichen Fahrzeuges; die an den Bruͤcken 
aufgeſtellten Wach und Wehrſchiffe warfen uͤberdieß alle heran⸗ 
nahenden Schiffe leicht zuruͤck oder griffen ſie auf, erſchlugen 
die Mannſchaft und bemaͤchtigten fich der Ladungen.) Aber 
ſelbſt fo gänzlich von außen abgeſchnitten, vertheidigte das ſtreitbare 
Volk im Kneiphof die Stadt noch mehre Wochen lang immer 
muthig und tapfer. Man bat den Gubernator um Huͤlfe und 
Entſetzung. Die Danziger boten auch alle Kräfte auf, ruͤſteten 
Mannſchaft und Schiffe aus und es gelangten dieſe auch ins 
Friſche Haff herein; allein widrige Winde und die Wehran⸗ 
ſtalten des Spittlers ließen ſie nicht bis Koͤnigsberg kommen. 9 
Vierzehn Wochen hatten die Kneiphoͤfer ſich nun ſchon gegen 
den Feind vertheidigt. Ihr Huͤlfruf war umſonſt; da ent⸗ 
ſchwand ihnen endlich, von Lebensmitteln, Pulver und Geſchoß 
gaͤnzlich entblößt, ihrer beſten Kräfte beraubt, die Hoffnung 
der Errettung. Schweres Herzens traten ſie wegen Uebergabe 
ihrer Stadt mit dem Ordensſpittler in Unterhandlung. Es 
kam am zwoͤlften Juli zu einem Vertrage, nach welchem die 
Stadt ſich des Ordens Herrſchaft untergab und dem Danziger 
Huͤlſsvolke binnen acht Wochen freier Abzug nach Danzig zu⸗ 
geſtanden ward.) Mit einem ehrenvollen Belobigungsſchreiben 
des Rathes vom Kneiphoſe zog es bald darauf nach Danzig 
zuruck.) So ſchwere Opfer aber der Gewinn der Stadt dem 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Altſtadt Königsberg Dienſt. vor 
Himmelf. u. Sonnab. nach Himmelf. 1455 Schbl. LVII. 9. LVIII. 16. 

2) Das Nähere bei Schütz p. 218. 219, Schr. eines ungenann⸗ 
ten über die Ruͤſtungen der Danziger Schbl. LVII. 5, 

3) Das Nähere darüber, was einer Geſchichte Koͤnigsbergs an⸗ 
gehoͤren wuͤrde, in einem Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsberg im 
Kneiphof Freit. nach Diviſion. Apoſtol. 1455 Schl. LVII. 40. 42. 

4) Das Belobigungsſchreiben für die Danziger bei Schitz p. 221. 


Ergeb. Königsb. u. and. Städte im Niederl. a. d. Ord. (1455.) 4⁴⁵ 


Orden auch gekoſtet, — denn ſein Verluſt ward drei⸗ bis 
viermal fo groß als der der Kneiphöfer geſchaͤtzt) —, fo mild 
und ſchonend ward doch die Stadt behandelt. Sie erhielt eine 
neue Handfeſte ihrer Privilegien und nicht einmal die zerſtoͤrten 
Kirchen wieder aufzubauen, wurde ihr vom Sieger auferlegt.? 

Auch anderwärts war unterdeß das Gluͤck dem Orden 
guͤnſtig geweſen. Vor Eilau, wohin ſich ein ſtarker Heerhaufe 
von bundesſtaͤdtiſchem Kriegsvolke wider feines Anfuͤhrers Ram⸗ 
ſchel von Krixen Willen und Rath (man hatte ihm, wenn er 
nicht folge, mit dem Tode gedroht) geworfen, um die Stadt 
dem Orden wieder zu entreißen, hatte der Ordensſpittler von 
Königsberg aus durch einen nächtlichen Ueberfall den Feind mit 
ſtarkem Verluſte aus dem Felde geſchlagen.) Wie Memel 
ſich bereits zur Ergebung an den Orden erboten, ſobald man 
es gegen bie Samaiten geſichert habe,“ fo unterwarfen ſich 
jetzt freiwillig auch die Städte Roͤßel, Allenſtein, wo ſich die 
meiſten Domherren von Frauenburg befanden, ferner auch War⸗ 
tenberg und die Schloͤſſer Ortelsburg, Rhein und Seeſten. 9 
Wehlau dagegen, Friedland und Schippenbeil hielten noch am 
Bunde feſt.)) Auch in den weſtlichen Landen hatten ſich die 
Verhaͤltniſſe fir den Orden günftiger geſtellt. Die Danziger 
hatten beim Dorfe Guͤttland, wo ſie den nahen Weichſel⸗Strom 
mit Schiffen beſetzt und um den Werder zu verſchließen, eine 
ſtarke Schanze errichtet, durch einen Heerhaufen aus Marien⸗ 


1) Runau p. 25. Schütz I. c. 

2) Die im Namen des HM. darüber ausgeftellte Urkunde, d. 
Koͤnigsb. Mont. nach Margar. 1455 Schbl. LVII. 57 (Abſchrift), im 
Erlaͤut. Preuſſ. B. III. 452. Die Capitulation, auf welche die Kneip⸗ 
hoͤfer ſich ergaben, wird hier „ein ritterlich Gedinge“ genannt. Det⸗ 
mar Chron. B. II. 177. 

3) Runau p. 25. Das Nähere in einem Schr. des Hauptmannes 
Ramſchel v. Krixen bei Schätz p. 219. 

4) Schr. des Ordensſpittlers, d. Altſtadt Koͤnigsb. Sonnab. nach 
Himmelf. 1455 Schbl. LVIL 9. 

5) Runau p. 26. 

6) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Dienſt. vor Himmelf. 
1455 Schbl. LVIII. 16. LVII. 11. 12. 38. Bunaul. c. 


446 Die Verbuͤndeten in der Reichsacht. (1455.) 


burg eine bedeutende Niederlage erlitten.) Im Kulmerland 
und bei Freiſtadt hatten ſich mehrmals beträchtliche feindliche 
Streithaufen verſammelt, um theils verheerend in Pomeſanien 
einzufallen, theils den Bundesſtaͤdten im Niederland zu Hülfe 
zu kommen. Allein es konnte nichts mit Nachdruck unter⸗ 
nommen werden, weil die Boͤhmiſchen Soͤldnerrotten mit ſtuͤr⸗ 
miſchen Forderungen ihres verheißenen Soldes eine ſehr gefahr⸗ 
volle Stellung bei Thorn genommen hatten, von dorther unter 
Fluchen und Schelten mit Raub, Mord und Brand drohend, 
wenn man fie nicht befriedige.? Viele von ihnen aus Loͤbau 
und Strasburg wollten zum Orden uͤbergehen und der Haupt⸗ 
mann von Neumark konnte es daher auch leicht wagen, mit 
ſeinem reiſigen Zeug bis nach Dobrin vorzudringen, um von 
dort eine reiche Beute von Vieh ins Ordensgebiet zuruͤckzufuͤhren, 
denn Strasburg hatte ſchon faſt gar keine Beſatzung mehr. d) 

Auch von auswärts her gewann der Orden Troſt und 
friſchen Muth fuͤr die Wiedererhebung ſeiner geſunkenen Macht. 
Vom Könige von Polen war vorerſt wenig zu befürchten; die 
letzten Kriegszuͤge deſſelben nach Preuffen hatten feine Kriegsluſt 
ſehr gedaͤmpft; der druͤckende Geldmangel laͤhmte alle feine 
Kraͤfte; auch war man in Polen wegen feindlicher Einfaͤlle 
von Schleſien aus ſehr beſorgt.) Am Roͤmiſchen Hofe ſah 
man auf den ungerechten Krieg gegen den Orden nicht ohne 
ſchweren Zorn hin, und vor kurzem hatten neue Klagen des 
Hochmeiſters ihn noch vermehrt, denn der Biſchof von Pome⸗ 
ſanien hatte ſelbſt Zeugniß davon abgegeben, wie er und ſein 


1) Schr. des HM. an den Ordensſpittler, d. Frekt. vor Pfingſt. 
1455 Schbl. Varia 102. 

2) Schr. der Hauptleute v. Rieſenburg an d. HM. d. Mittw. 
vor Himmelf. 1455; Schr. eines Ungenannten an den Hauskomthur 
v. Mheden, d. Himmelf. 1455 Schbl. LXXX. 38. 45. Schr. des 
Biſch. v Pomeſanien, d. Rieſenb. Sonnab. nach Himmelf. 1455 Schl. 
Adelsgeſch. B. 42. 

3) Schr. des Hauptmannes zu Neumark Ulrich v. Kinsberg, d. am 
T. vor Himmelf. 1455 Schbl. Adelsgeſch. K. 7. 

4) Schr. eines Ungenannten an d. Hauskomthur v. Rheden a. a. O. 


Die Verbuͤndeten in der Reichsacht. (1455. 447 


Domkapitel vom Gubernator Hans von Baiſen in des Koͤniges 
Namen förmlich gezwungen worden, den Ordenseid zu brechen, 
das Ordenskleid abzulegen und dem Koͤnige das eidliche Ver⸗ 
ſprechen zu leiſten, ewig ein Feind des Ordens zu ſeyn, daß 
er ferner die ſchoͤndlichſten und entehrendften Verleumdungen, 
die man zur Laͤſterung und Verunglimpfung des Ordens er⸗ 
dichtet, nothgezwungen mit ſeinem Kapitel habe unterſiegeln 
muͤſſen.) Nur der Tod hatte Nicolaus den Fuͤnften gehindert, 
gegen den Koͤnig von Polen mit ſtrengſtem Nachdrucke zu ver⸗ 
fahren. Doch bewies auch ſchon ſein Nachfolger Kalixtus der 
Dritte in den erſten Tagen ſeines Amtes, daß er dem Orden 
ſehr geneigt und bereit ſey, auf jede Weiſe fuͤr ihn wirkſam 
aufzutreten.? Kraͤftiger noch griff jetzt der Kaiſer mit feinem 
Machtworte ein, denn auf des Hochmeiſters Klage uͤber die 
Verwerfung des kaiſerl. Urtheils und uͤber den Abfall der Ver⸗ 
buͤndeten an den Koͤnig von Polen lud er dieſe nach Recht 
und Gewohnheit des kaiſerl. Kammergerichts zu einem kaiſer⸗ 
lichen Gerichtstage, um ſich durch Sachwalter zu verantworten 
und über die Verwerfung feines Spruches zu rechtfertigen. 
Da nach dreimaligem Ausrufe am Gerichtstage niemand von 
ihnen erſchien, ſo ward mit aller Form des Rechts uͤber ſie 
die Reichsacht ausgeſprochen; alle männlichen Perſonen des 
Bundes bis zum vierzehnten Lebensjahre wurden mit allem 
ihren Eigenthum, Habe und Gut außer dem Frieden erklaͤrt, 
alſo daß fortan niemand im Reiche ſie hauſen und herbergen, 
ſpeiſen und tranken oder irgend welche Gemeinſchaſt im Handel 
und Verkehr mit ihnen haben follte. ® 


1) Schr. des HM. an d. Biſchof v. Pomeſanien, d. Mar. am 
T. Apollonia 1455 u. die Erklarung des Biſchofs Schl. LX XX. 34. 210. 

2) Bulle des Papſtes Kalixtus III, d. Romae VI. Id. April. 1455 
Schbl. XIV. 1. 

3) Die Achtserklärung des Kaiſers, d. Neuſtadt 24 Maͤrz 1455 in 
vier Transſumten Schbl. XV. 28 — 31. LXXX. 48. 97. Fol. B. 9; 
gedruckt (wiewohl fehlerhaft) bei Kotzebue B. IV. 340. Schr. des 
HM. an den Kaiſer, d. Mar. Donnerſt. vor Invocavit 1455 Schöbl. 
LXXIX. 54. V. 18. 


448 Verhandlungen mit Brandenburg u. Daͤnemark. (1455.) 


Der König von Polen indeß, von einem ſolchen Schritte 
des Kaiſers viel befuͤrchtend, hatte zuvor ſchon, um ſihn zu 
verhindern, einen Bevollmaͤchtigten an den Kaiſerhof geſandt; 
allein er fand dort kein Gehoͤr; ſelbſt des Koͤniges Anerbieten 
wegen Einraͤumung eines andern Landgebietes an den Orden, 
wo dieſer ſeiner Beſtimmung gemaͤß auch ferner gegen die 
Heiden kaͤmpfen koͤnne, ward ohne weiteres zuruͤckgewieſen. 
Nur zu einem neuen Vermittlungsverſuche zwiſchen dem Koͤnige 
und dem Orden ließ ſich der Kaiſer endlich noch bereit finden.“ 
Der Hochmeiſter, davon gleich Anfangs fi) wenig Erfolg ver⸗ 
ſprechend, haͤtte es zwar gerne am Kaiſerhofe zu bewirken ges 
ſucht, daß uͤber den trotzigen Bund vom Kaiſer die ſtrengere 
und in ihren Folgen noch viel ausgedehntere Aberacht und 
vom Papſte der Oberbann verhaͤngt werde; indeß nahm er 
das Anerbiten der Vermittlung doch an, trug jedoch dem 
Deutſchmeiſter auf, eine ſolche durch irgend einen Deutſchen 
Fuͤrſten von Anſehen und Gewicht einzuleiten, denn die des 
Herzogs von Maſovien ſchien ihm auf keine Weiſe zu irgend 
einem Ziele führen zu koͤnnen. 9 

Der Blick mußte dabei allerdings zuerſt auf den Kur⸗ 
fürften Friederich von Brandenburg fallen. Allein auf ſeine 
Beihüͤlfe ſchien man ſchon faſt ganz Verzicht leiſten zu muͤſſen, 
denn nachdem ihn der Hochmeiſter durch wiederholte Botſchaften 
aufs Dringendſte zu ſeinem verſprochenen Zuge nach Preuſſen 
aufgefordert, hatte er zuletzt die Bedingungen geftellt, daß ihm 
der Deutſchmeiſter nicht nur die Koſten ſeines Kriegszuges 
decken, ſondern auch dem Hochmeiſter eine Summe von Dreißig⸗ 
bis vierzigtauſend Gulden zur Befriedigung der Söldner zur 
Hand ſtellen ſolle, eine Forderung, die jener bei dem traurigen 


1) Schr. des Deutſchmeiſters an d. HM. d. Horneck Mont. nach 
Quaſimodogen. 1455 Schbl. LXXX. 3. 

2) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter u. an d. Landkomthur 
v. Oeſterreich, d. Dienſt. zu Pfingſt. 1455 Schbl. LXXX. 55. 225. 
Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Sonnab. nach Himmelf. 1455 
Schbl. LXXX. 18. 


Verhandlungen mit Brandenburg u. Daͤnemark. (1455.) 449 


Zuſtand der Deutſchen Balleien für eine Unmoͤglichkeit er⸗ 
klärte. Und doch durfte der Hochmeiſter die Unterhandlungen 
mit dem Kurfuͤrſten auch nicht vollig abbrechen, da dieſer auch 
die Beihuͤlfe des Koͤniges von Daͤnemark, an den ſich der 
Meiſter ebenfalls gewandt, von ſich zum Theil abhaͤngig ge⸗ 
macht. Aber auch der König Chriſtian wollte dem Orden 
ſeinen Beiſtand entweder nur gegen eine bedeutende Geldſumme 
oder für die Abtretung einiger Ordensburgen in Livland ge⸗ 
waͤhren und das eine oder das andere ſollte ihm der Meiſter 
von Livland zugeſtehen. Der Kurfuͤrſt ließ es nicht an Rath 
und Ermahnung fehlen, den Koͤnig zu gewinnen, weil dann 
erſt des Ordens Feinde von allen Seiten her bedroht und ein⸗ 
geſchreckt werden konnten. 2) Da auch der Hochmeiſter von 
der ihm zugeſagten ſtarken Beihuͤlfe aus Daͤnemark ſich den 
erfreulichſten Erfolg, ja vielleicht ſelbſt die ſofortige Ruͤckkehr 
aller abtrünnigen Unterthanen in den Gehorſam des Ordens 
verſprach, ) fo erklaͤrte ſich endlich der Meiſter von Livland 
zur Zahlung einer anſehnlichen Geldſumme bereit, denn auch 
er hoffte, der König werde dann eiligft mit einer auserleſenen 
Waffenmacht am Weichſel⸗Strome erſcheinen.) Chriſtian kuͤn⸗ 
digte nun auch wirklich ſowohl dem Koͤnige von Polen als 
den großen Staͤdten und Verbündeten in Preuſſen unter Aus⸗ 
drücken des ſtaͤrkſten Unwillens über der letztern Empoͤrung 
alsbald den Krieg an, ſofern ſie nicht von ihren boͤſen An⸗ 


1) Schr. des Treßlers Eberhard v. Kinsberg, d. Landkomthurs v. 
Franken u. des Komthurs v. Nürnberg Hartung v. Eglofſtein an den 
Kurfuͤrſten v. Brandenburg, d. Horneck Donnerſt. nach Oſtern 1455 
Schbl. LXXX. 11. 

2) Schr. des Kurfuͤrſten v. Brandenb. an den Livl. Meiſter, d. 
Koͤln a. d. Spree Freit. nach Oculi 1455, Schr. des Ordenstreßlers an 
d. Livl. Meiſter, d. Berlin Mittw. vor Laͤtare 1455 Schbl. XIX. 10. 
Schr. des Hauptmannes Olav Axelſon auf Wisborg an d. HM. d. 
Sonnt. Latare 1455 Schbl. LXXX. 52. 

3) Schr. des HM. an den Hauptmann Olav Axelſon, d. am 
Himmelf. Abend 1455 u. die Unterhandlungen des Ordens mit dem 
Koͤnige wegen der zu leiſtenden Beihülfe Schbl. XXXI. 76. 51. 78. 

VIII. 29 


450 Verhandlungen mit Brandenburg u. Daͤnemark. (1435.) 


ſchlaͤgen wider den Orden abſtehen wurden.) Es geſchah dieß 
in Folge eines durch eine Geſandtſchaft des Livlaͤndiſchen Mei⸗ 
ſters zu Kopenhagen abgeſchloſſenen Vertrages, worin der Koͤnig 
gegen eine theils ſogleich, theils innerhalb fuͤnf Jahren zu zah⸗ 
lende Geldſumme verſprach, entweder noch, ſofern es moͤglich, 
vor naͤchſtem Winter oder dann doch ſobald es irgend geſchehen 
koͤnne, dem Orden gegen die Bundes verwandten bis zur Be⸗ 
endigung des Krieges mit aller Macht beizuſtehen.) Vorerſt 
ließ er wenigſtens zur Verhinderung der Schiffahrt der Ver⸗ 
bündeten eine kleine Flotte mit vierzehnhundert Mann bewaffnet 
auf die See ausgehen und einen Theil der Mannſchaft nach 
Livland übersetzen. Da indeß vom dortigen Meiſter nichts zur 
Vollführung des Vertrages geſchah,) fo beſchraͤnkte fi auch 
der Koͤnig, obgleich vom Hochmeiſter wiederholt zur Beſchleuni⸗ 
gung der Hülfe aufgefordert, nur darauf, feine Kriegserklaͤrung 
gegen den Koͤnig von Polen zu erneuern und den Herzog 
Philipp von Burgund zu erſuchen, die Guter und Schiffe der 
empoͤrten Bundesſtaͤdte Preuſſens in feinen Landen mit Bes 
ſchlag zu belegen.) Uebrigens ließen auch die feindſeligen 


1) Die Erklärung des Koͤniges v. Daͤnemark, d. Kopenhagen 
Sonnt, Trinitat. 1455 Schbl. XXXI. 85 (Abſchrift). 

2) Schr. des Komthurs v. Aſcherade Konrad v. Vitinghof, d. 
Kopenhagen Sonnab. nach Dionyſ. 1455; dabei eine Erklaͤrung des 
Koͤniges über die Hauptpunkte des Vertrages, d. Kopenhagen am S. 
Brigitten⸗Tage 1455 Schbl. XXXI. 38. Das Original des Briefes 
u. Vertrages wurde von Berlin aus an den Deutſchmeiſter geſandt. 
Arndt Livland. Chron. Th. II. 144. Gade buſch Livland. Jahrb. 
B. I. 154. Die Erklärung des Koͤniges beſtaͤtigt, daß allerdings der 
HM. dem Könige eine Zablung von 60,000 Unger. Gulden verſprochen 
hatte; vgl. darüber Kotzebue B. IV. 337. Das Verſprechen des 
Livländ. Meiſters beſchraͤnkte ſich aber nur auf 2000 Mark (wovon der 
König ſogleich 1000 Mrk erhielt) u. 5000 Rhein. Gulden in fuͤnf 
Jahren zahlbar. 

3) Schr. des Koͤniges v. Dänemark, d. Ellenbogen Freit. nach 
Mauritii 1455 Schbl. XXX. 51. 

4) Schr. des Koͤniges v. Daͤnemark an d. König v. Polen, d. 
Kopenhagen Sonnt. nach Franciſci 1455 Schbl. XXXI. 80 (Abſchrift). 


Verhandlungen mit d. Kurfürſten v. Brandenb. (1455.) 451 


Händel zwiſchen Dänemark und Schweden ihn kaum daran 
denken, ſeine Kriegskraͤfte nach außenhin zu verwenden, da ihm 
ſelbſt fo nahe Gefahren drohten.“ b 

In der That war unter den nahe geſeſſenen Fuͤrſten der 
Kurfürft von Brandenburg der einzige, der in feinen Verhaͤlt⸗ 
niſſen zum Könige von Polen mit Ausſicht auf Erfolg auf 
dieſen einwirken konnte. Auf des Hochmeiſters und eines 
Ordenskapitels zu Frankfurt dringende Bitten, zugleich aber 
auch durch einen ausdruͤcklichen Auftrag des Kaiſers bewogen, 
erbot er ſich jetzt zur Vermittlung und ſandte deshalb ſofort 
eine Botſchaſt an den König. Dieſer indeß ſchlug eine per⸗ 
ſoͤnliche Zuſammenkunft, um welche ihn Friederich erſuchte, unter 
allerlei Vorwaͤnden aus) und ließ nicht ohne Abſicht die 
Nachricht verbreiten, daß er zu einem neuen Kriegszuge nach 
Preuſſen entſchloſſen ſey.) Auch dem Hochmeiſter kam dieſe 
Nachricht zu; er mußte eilen, des Kurfuͤrſten Eifer fuͤr die 
Sache des Ordens zu beleben. Um ſeine Ankunft in Preuſſen 
zu beſchleunigen, mußte er ihm jetzt alle Bedingungen bewilli⸗ 
gen, die ihm jener in Ruͤckſicht ſeines Zuges vorgeſchrieben, von 
denen die Abtretung der beiden Schloͤſſer Drieſen und Schievel⸗ 
bein nebſt der Stadt Schievelbein mit die wichtigſte war. 


Schr. defielb. an den Herzog v. Burgund, d. Kopenhagen am T. 
Matthaͤi 1455 Schbl. LXXX. 195. 

1) Schr. des HM. an den Hauptmann Olav Axelſon, d. Mont. 
vor Galli 1455 Schbl. XIX. 17. Vgl. Geijer Geſch. v. Schweden 
B. I. S. 217. 

2) Schr. des HM. an d. Kurf. von Brandenb. d. Mittw. zu 
Pfingſt. 1455 Schbl. XII. 45. 

3) Schiiiꝝx p. 223. 

4) Nach einem Schr. des Kurfürften an den Kaiſer, d. Plaſſenburg 
Dienſt. nach Pauli Bekehr. 1456 bei Jaeger Cod. diplom. O. T. s. 
k. a. ſcheint ſich der Kurfürft damals nach Polen begeben zu haben, 
um eine Vermittlung zu verſuchen, oder er meint damit ſeine Reiſe 
nach Preuſſen. 

5) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Mittw. Johan⸗ 
nis Bapt. 1455 Schbl. LXXX. 152. 

6) Die aufgeſtellten Bedingungen o. D. (1455) Schl. XIII. 149. 

29 * 


452 Exgebung der Städte im Hinterlande. (1455.) 


So traf Friederich nun wirklich Anftalten zu feiner Reife nach 
Preuſſen.) Bereits hatte ſich jetzt auch der Koͤnig, nachdem 
ihm auf einem Tage zu Petrikau die Groß⸗Polen den Zuzug 
zu einem neuen Heereszuge nach Preuſſen nach ſo ſchweren 
Verluſten verweigert, dem Hochmeiſter zu friedlichen Unter⸗ 
handlungen erboten und zu dieſem Zwecke an ihn ſeinen Reichs⸗ 
kanzler, den Biſchof Johannes von Kujavien und mehre vor⸗ 
nehme Reichsgroße abgefandt. ? 

Bevor jedoch der Kurfürſt in Preuſſen ankam, geſtalteten 
ſich die Verhaͤltniſſe im Ganzen für den Orden noch güͤnſtiger. 
Das zuchtloſe Soͤldnervolk und unter dieſem vor allen die 
Böhmifchen Rotten machten zwar allerdings dem Hochmeiſter 
Tag fir Tag noch ſchwere Sorgen. Es war allgemein die 
Nachricht verbreitet: die Boͤhmiſchen Hauptleute in Marien⸗ 
burg, Mewe und Dirſchau ſeyen bereits feſt entſchloſſen, das 
Haupthaus Marienburg und einige andere Städte und Schlöffer 
dem Könige von Polen in die Hand zu bringen. Sie laͤug⸗ 
neten freilich, daß fie bis jetzt dieſen Plan gefaßt ;?) indeß 
erfuhr man doch, daß fie wirklich mit den Danzigern in Unter⸗ 
handlungen ſtanden und es koſtete Bernhard'n von 36 ſinnen⸗ 
berg nicht geringe Mühe, fie durch Ermahnung an Ehre und 
Pflicht auf eine Zeitlang noch zu beſchwichtigen. ) Aber wie 
dem immer auch ſeyn mochte, noch ſtanden dem Hochmeiſter 
die größte Zahl der Deutſchen Söldnerfuͤhrer, unter dieſen vor 


1) Schr. des Kurfürft. v. Brandenb. an d. HM. d. Koͤln a. d. 
Spree Dienſt⸗ Kiliani 1455 Schbl. LXXIX. 94. LXXX. 20. 

2) Schr. des Johann Lange-Hermann, d. Neumark am T. Kiliani 
1455 Schbl. Adelsgeſch. H. 46. Geleitsbrief für die Poln. Unterhaͤndler, 
d. Mar. Donnerſt. nach Diviſ. Apoſt. 1455 Schbl. LXXX. 93. 

3) Schr. eines Ungenannten an d. HM. d. Freit nach Corpor. 
Chr. 1455 Schbl. LXXX. 20. Schr. des Biſch. v. Pomeſanien an d. 
HM. d. Rieſenb. Donnerſt. vor Pfingſt. 1455 Schbl. LIII. 4. Schr. 
der Hauptleute an die Stadt Danzig, d. Mar. Sonnab. nach Johannis 
Enthaupt. 1455 Schbl. LXXX. 231. 

4) Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. am T. der 10,000 Ritter 
1455 Schbl. LXXX. 105. 


Ergebung der Städte im Hinterlande. (1455.) 453 


allen Herzog Balthaſar von Sagan, Bernhard von Zinnen⸗ 
berg, Graf Adolf von Gleichen, Georg von Schlieben, Muſigk 
von Swynau, Nicolaus von Wolfersdorf und viele andere treu 
zur Seite. Auf ſie ſetzte er ſein ganzes Vertrauen und ſuchte 
ſie auch, ſo viel es nur in ſeinen Kraͤften ſtand, in ihren 
Forderungen zu befriedigen.“ Ueberdieß erſetzte den Abgang 
einzelner Soͤldnerhauptleute, wie des Grafen Hans von Hohen⸗ 
ſtein, die Ankunft des Landmarſchalls von Livland mit ſechs⸗ 
hundert Bewaffneten.) Auch das Waffenglück blieb dem 
Orden noch günftig. Um den Heerweg nach Deutſchland frei 
zu machen, brach der Hauptmann Kaspar von Noſtitz aus 
Konitz gegen Hammerſtein auf, gewann und bemannte es, 
worauf ſich auch Friedland ihm freiwillig ergab. Ven da 
wagte er einen Einfall ins Polniſche Gebiet und erbeutete 
in der Stadt Lobſens, wo man eben Jahrmarkt hielt, drei⸗ 
hundert mit Gütern beladene Wagen. Die Stadt aber 
ward niedergebrannt.) Dem Komthur von Schwez gluͤckte 
es, die Stadt Schwez mit Sturm einzunehmen; ſie ging eben⸗ 
falls größten Theils in Flammen auf und mehre angefehene 
Bundesritter wurden dabei gefangen genommen. 5) Bald darauf 
unterwarfen ſich dem Orden auch die Staͤdte Ortelsburg und 
Seeburg.“ Auch Graudenz erbot ſich freiwillig zur Ergebung, 


1) Schr. des HM. an den Ordensſpittler, d. Mont. nach Viti 
1455. Schr. Georgs v. Schlieben, d. Mar. Mittw. nach Johanni 1455 
Schbl. LXXX. 21. 5. Schr. des Ordensſpittlers a. d. Hauptmann 
Muſigk v. Swynau, d. Koͤnigsb. am T. Viti 1455 Schbl. XLVI. 39. 

2) Auch der Graf Ludwig v. Helfenſtein ging im Juni nach 
Deutſchland zurück. 

3) Schr. des HM. an d. Livländ. Landmarſchall, d. Dienft, nach 
Trinit. 1455 Schbl. IV. 19. 

4) Schr des HM. an d. Deutſchmeiſt. d. am T. Johannis 1455 
Schbl. DM. 41. 

5) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Donnerſt. vor Margar. 1455 
Schbl. IIX. 11. Schr. des HM. an d. Ordensſpittler, d. Freit. nach 
Kiliani 1455 Schl. LXXX. 141. 

6) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Mont, vor Maria Magdal, 
1455 Schul. LXXX. 91. 


454 Ergebung der Städte im Hinterlande. (1455.) 


ſelbſt auch zur Uebergabe des Schloſſes. Selbſt unter der 
Ritterſchaft im Kulmerlande zeigte ſich mancher dem Orden 
wieder geneigt, darunter auch der Eidechſen-Ritter Jon von 
Eichholz.) Nachdem der Hochmeiſter der Stadt Allenſtein und 
den dortigen Domherren von Frauenburg eine genuͤgende Ver⸗ 
ſicherung uͤber ihre Freiheiten und Privilegien, uͤber Schutz und 
Schirm gegen die Verbündeten verliehen,“ traten auch fie in 
den Gehorſam ihres Biſchofs zuruͤck und oͤffneten den Haupt⸗ 
leuten Georg von Schlieben und Muſigk von Swynau die 
Thore. Die Stadt ward mit Schonung behandelt, doch muß⸗ 
ten die Domherren, die dem Orden ſo lange getrotzt, den 
Soͤldnern manches Opfer bringen, woruͤber ſie bittere Klage 
fuhrten.) Allenſteins Beiſpiele folgten dann auch die biſchoͤf⸗ 
liche Stadt und das Schloß Roͤßel.) Von da brach der 
Ordensſpittler mit feinem Streithaufen gegen Raſtenburg auf, 
und ſetzte die Vorſtadt in Brand, worauf man zur Uebergabe 
in Unterhandlung trat. Schippenbeil dagegen widerſtand noch 
immer mit der groͤßten Hartnaͤckigkeit und ließ lieber ihre Vor⸗ 
ſtadt, ihre Speicher, Muͤhlen und alles um die Stadt vom 
Feinde niederbrennen. ® 

Wahrend aber in ſolcher Weiſe theils freiwillige Ergebung, 
theils Waffengewalt und Furcht eine Stadt nach der andern 
in des Ordens Gehorſam zuruͤckfuͤhrten, zog Meiſter Martin 
Rinkenburg, des Herzogs von Sagan Kaplan, ausgezeichnet 


1) Schr. eines Dieners des HM. Ruͤdiger, d. Leſſen Sonnt. vor 
Maria Magdal. 1455 Schbl. LXXX. 15. 

2) Zuſicherungs⸗Urk. des HM. für die Stadt Allenſtein, d. Koͤnigsb. 
Freit. vor Bartholom. 1455 Schbl. LXIV. 6. 

3) Schr. des HM. an die Stadt Allenſtein, d. Freit. nach Viſitat. 
Mariä 1455. Schr. des Komthurs v. Graudenz an d. HM. d. Allen⸗ 
ſtein Donnerſt. nach Diviſ. Apoſt. 1455. Schr. der Domherren zu 
Allenſtein, d. Dienſt. nach Jacobi 1455 Schbl. LXXX. 186. 191. 
88. 145. 

4) Zuſicherungs⸗Urk. des HM. für die Stadt Roͤßel, d. Donnerſt. 
vor Laurentii 1455 Schbl. LIV. 105. 

5) Schr. des Ordensſpittlers, d. Roͤßel Freit. vor Laurentii 1455 
Schbl. LIV. 106. 


Vermittl.⸗Verſ.d. Kurf.v. Brandenb. zw. Pol. u. d. M. (1455.) 455 


durch ſeine große Rednergabe, auf des Meiſters beſondern Auf⸗ 
trag in Samland und den Umgegenden umher, um theils durch 
feine Predigten in Städten und auf dem Lande die Gemuͤther 
des Volkes für den Orden zu gewinnen, theils durch Abſolu⸗ 
tion vom paͤpſtlichen Banne die Gewiſſen derer, die früher dem 
Bunde angehangen, zu erleichtern, theils auch um durch In⸗ 
dulgenz⸗ und Ablaßverkuͤndigen dem Orden einigen klingenden 
Gewinn zu bringen.) Auch dieſes Mittel hatte der Meiſter 
ergreifen müſſen, um feiner drüͤckendſten Geldarmuth einiger⸗ 
maßen abzuhelfen, denn alle ſeine Geſuche an den Deutſch⸗ 
meiſter und an die verſchiedenen Landkomthure, die Sendung 
des Ordenstreßlers zum Verkauſe oder Verpfaͤnden Deutſcher 
Ordensbeſitzungen, alle Bitten bei Deutſchen Fuͤrſten um Unter⸗ 
ſtützung, alle Vorſtellungen, daß der Orden, ſelbſt bei allem 
Kriegsglück im Lande, durch die außerordentliche Geldnoth er⸗ 
drückt und gelaͤhmt, durchaus zu Grunde gehen muͤſſe, kurz 
alles war bisher erfolglos geblieben. Man ſah ſchon jetzt vor⸗ 
aus, daß dieſe Lage der Dinge, wenn nicht irgendwoher noch 
eine Rettung erfolge, dem Orden unvermeidlich den Untergang 
bringen muͤſſe, denn der faſt laͤcherliche Rath des Deutſch⸗ 
meiſters, die Soͤldner zu bewegen, um Gottes, der lieben 
Mutter Maria und ihrer eigenen Ehre willen zum Gedeihen 
des Ordens zu dienen, konnte für dieſe Zeiten nichts 
fruchten. 

Die Ankunft des Kurfuͤrſten von Brandenburg im An⸗ 
fange des Auguſts gewaͤhrte einige Hoffnung zu einer möglichen 
Befreiung aus der ſchweren Bedraͤngniß. Der Meiſter ſandte 
ihm, um ihn über feine, der Ordensgebietiger und der Sold⸗ 
hauptleute Willensmeinung im Voraus zu unterrichten, eine 


1) Schr. des HM. an den Biſchof v. Samland, d. am T. Viti 
u. Modeſti 1455 Schbl. LXIII. 123 Schr. des HM. an den Kaplan 
Martin Rinkenburg, d. am T. Commemorat. Pauli 1455 Schbl. 
LXXIII. 102. 

2) Schr. des Deutſchmeiſters an d. HM. d. Horneck Donnerſt. 
nach Oſtern 1455 Schül. 98. 77. Schr. Eberhards v. Kinsberg an d- 
HM, d. Nürnberg Sonnt. vor Scorgii 1455 Schbl. XLIN. 66. 


456 Vermittl.⸗Verſ. d. Kurf. v. Brandenb. zw. Pol. u. d. HM. (1455.) 


ſehr anſehnliche Geſandtſchaft zum Empfange entgegen D und 
ernannte ſofort auch Bevollmaͤchtigte zur Unterhandlung mit 
dem Koͤnige, ? denn er hoffte um fo mehr einen guͤnſtigen 
Erfolg, weil auch dieſer von feinen Soͤldnerhaufen hart be⸗ 
drängt und bedroht wurde, uͤberdieß auch die Bundesſtaͤdte in 
ihrem Vertrauen auf des Koͤniges Beihuͤlſe ſchon mehr und 
mehr zu wanken anfingen.) Der Meiſter ſelbſt kam dem 
Kurfuͤrſten bis Mewe entgegen, um ihn perſoͤnlich ins Haupt⸗ 
haus Marienburg einzufuͤhren. Wie ſchwer es ihm aber ward, 
den fuͤrſtlichen Gaſt wuͤrdig aufzunehmen und zu unterhalten, 
beweiſt der Umſtand, daß er ſich genoͤthigt ſah, den Abt des 
Kloſters Pelplin um ſein uͤbriges Silbergeſchirr und die Aebte 
von Oliva und Karthaus um eine Beiſteuer von hundert Mark 
zur Verpflegung des Fuͤrſten zu bitten.) Ungern vermißte der 
Kurfürft in den Unterhandlungen den Ordensſpittler, der, ob⸗ 
gleich vom Meiſter eingeladen, die Hinter- und Niederlande 
noch nicht verlaſſen durſte, weil dort vieles noch zu ſchwankend 
ſtand, zumal da das vom livlaͤndiſchen Landmarſchall herbei⸗ 
gefuͤhrte Kriegsvolk ſchon wieder zuruͤckgezogen war, weil ihm 
der Ordensſpittler weder Koſt noch ſonſt etwas geben konnte.?) 
Während man darauf in allen dem Orden zugewandten Landen, 
wie es damals Sitte war, auf des Meiſters Anordnung zum 


1) Schr. des HM. an die Komthure v. Oſterode, Mewe, Grau⸗ 
denz u. a. d. Mar. Sonnab. vor Maria Magdal. 1455; Credenzbrief 
des HM. an den Kurfuͤrſt. v. Brandenburg für den Großkomthur u. a. 
d. Mittw. nach Jacobi 1455 Schbl. LXXX. 19. 87. 

2) Notariatsinſtrument uͤber die Bevollmaͤchtigung des Großkom⸗ 
thurs u. a. d. Mar. 31 Juli 1455 Schbl. 68. 2. 

3) Schr. des Dieners des HM. Rüdiger, d. Leſſen Dienft. vor 
Dominici 1455 Schbl. LXXX. 1. 42. 

4) Schr. des HM. an die Aebte v. Pelplin, Oliva u. Karthaus, 
d. Dienſt. nach Aegidii 1455 Schbl. LXXX. 140. 142. 

5) Schr. des HM. an den Herzog v. Sagan, d. Mewe Mont. 
nach Aſſumt. Mariä 1455 Schbl. LXXX. 72 Schr. des Ordens⸗ 
ſpittlers an den HM. d. Koͤnigsb. Mittw. vor Bartholom. 1455 Schbl. 
XLVI. 37. 


Vermittl.⸗Verſ.d. Kurf. v. Brandenb. zw. Pol. u. d. HM. (1455.) 457 


glücklichen Gedeihen der Friedensſache in allen Kirchen Meſſen, 
Gebete und feierliche Proceſſionen hielt, ) begab ſich der Kur: 
fürſt im September nach Bromberg, wo auch der König bald 
mit einem Geleite von tauſend Reitern eintraf, denn eine groͤßere 
Streitmacht, die er mit ſich gefuͤhrt, blieb an den Graͤnzen des 
Kulmerlandes liegen. Friederich legte zuerſt dem Koͤnige die 
persönlichen Gründe vor, die ihn auch außer des Kaiſers 
Auftrag zur Friedensvermittlung bewogen. „Ich habe, ſprach 
er unter anderm, eueres Vaters Brot gegeſſen, bin ſelbſt in 
Polen erzogen und aufgewachſen; mir iſt dort viel Ehre und 
Gutes erwieſen; deshalb will ich jetzt als guter Nachbar den 
Frieden zu vermitteln ſuchen.“? Sein Vorſchlag war, daß 
einer von den kriegführenden Theilen auf das Land Verzicht 
leiſte und dafür vom andern durch Geld entſchaͤdigt werde. 
Der Koͤnig indeß antwortete auf dieſes Erbieten nur durch 
Klagen uͤber des Ordens fo oft bewieſenen Friedensbruch und 
Untreue. Es kam zu keiner weitern Beſchließung und es ward 
daher ein anderer Verhandlungstag zu Mewe aufgenommen.“ 

Daß der Koͤnig auf ſolche Bedingungen nicht eingehen 
werde, bewies ſchon ſeine den Abgeordneten der Lande und 
Staͤdte gegebene Zuſicherung: „er werde ſie auf keine Weiſe 
verlaſſen und dem Orden Preis geben; er wolle vielmehr immer⸗ 
dar an ihnen handeln als ein getreuer Herr gegen gehuldigte 
treue Unterthanen.“ Um ſo mehr fand er es auch nothwendig, 
jetzt eine kriegeriſche Stellung zu nehmen. Noch in denſelbigen 
Tagen ſetzte er fein Kriegsheer bei Thorn über die Weichſel, 
von wo es ſich durchs ganze Kulmerland verbreitete.) Bus 


1) Schr. des HM. an die Biſchoͤfe v. Pomeſanien u. Samland, 
d. Freit. vor Bartholom. 1455 Schbl. LXX. 21. 

2) Schütz p. 227. 

3) Schütz p. 227 — 228. Schr. des Kurfürſten v. Brandenb. 
an d. HM. d. Dorf Grögen Mittw. nach Nativit. Mariä 1455 Schbl. 
LXXX. 104. 

4) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Freit. Ouatemb. 
Kreuz⸗Erhoͤh. 1455. Schr. des Dieners Ruͤdiger an den HM. d⸗ 
Leſſen Freit. nach Lamperti 1455 Schbl. LXXX. 74. 204. Bunau 


458 Vermittl.⸗Verſ. d. Kurf. v. Brandenb. zw. Pol. u.d. HM. (1455.) 


gleich forderte er auch die Danziger auf, ſich kriegsfertig zu 
halten, um ſich mit ihm zu verbinden. Darauf begannen, 
nachdem der Koͤnig Bevollmaͤchtigte und einige Abgeordnete 
aus Thorn und Danzig nach Neuenburg gefandt, D die Unter⸗ 
handlungen auf dem neuen Tage zu Mewe. Der Orden erbot 
ſich zuerſt zur Rechtsentſcheidung durch den Papſt, den Kaiſer 
oder den Koͤnig von Ungern. Allein die Polen verwarfen dieſe, 
vorgebend, es werde zu lange dauern, ehe man ſie beſenden 
koͤnne. Sie ſchlugen unter Bedingungen die Entſcheidung des 
Conciliums vor; aber auch daruͤber konnte man ſich nicht ver⸗ 
einigen. Darauf erklaͤrte ſich der Meiſter zur Entſchaͤdigung 
aller bisherigen Kriegskoſten bereit, ſofern man ihm die Lande 
wieder abtrete. „Das wolle Gott nimmermehr, ließ der Koͤnig 
antworten, daß wir chriſtliches Blut verkaufen ſollten.“ Auch 
des Kurfürſten Hinweiſung auf des Ordens Stiftung, nach 
welcher dieſer zum Kampfe gegen die Heiden verpflichtet ſey, 
wies der Koͤnig mit der Anklage zuruͤck: ſchon ſeit zwei Jahr⸗ 
hunderten habe der Orden dieſe Beſtimmung vergeſſen, wohl 
aber ſey er, wenn die Krone Polens mit Türken und Heiden 
im Kriege geſtanden, mit Raub und Brand ins Königreich ein⸗ 
gefallen. „Unſere Vorfahren, ſprach er endlich, waren immer 
des Ordens rechte Schutzherren, die ihn in dieſes Land geruſen. 
Nun er aber zu allen Zeiten ſich undankbar bewieſen und ſeine 
Geluͤbde gebrochen, haben wir das Land wieder zu uns ge⸗ 
nommen, unſerer Krone einverleibt und werden es nimmer 
übergeben.“ Alſo blieben auch hier die Unterhandlungen völlig 
ohne Erfolg. 2 


p. 28 giebt die Stärke des koͤnigl. Heeres auf 100,000, ein Schreiben 
bei Schiltz p. 229 auf 150,000 Mann an; vgl. ebendaſ. p. 28; es 
beſtand mit aus Ruſſen und Tataren. 

1) Geleitsbrief des HM. fuͤr den Poln. Reichskanzler, mehre 
Woiwoden u. a. d. Mewe am T. Matthät 1455 Schl. LX XX. 245. 
Geleitebrief des Koͤniges v. Polen für den HM. zur Unterhandlung 
bei Mewe, d. Thorn am T. Kreuz⸗Erhoͤh. 1455 Schbl. 68. 1. 

2) Runau p. 26 — 27. Schutz p. 228. 


Vermittl.⸗Verſ.d.Kurf.v. Brandenb. ww. Pol. u. d. HM. (1455.) 459 


Es war kaum noch eine Ausſicht zu einer friedlichen Ver⸗ 
ſtaͤndigung. Indeß vergaß auch jetzt in der ſchweren Ber 
draͤngniß des Ordens der Kurfuͤrſt ſeinen Vortheil nicht; denn 
es geſchah in denſelbigen Tagen, daß auf ſeinen Betrieb der 
Hochmeiſter eine Vertragsurkunde ausſtellte, nach welcher die 
Wiederkaufsſumme für die bereits verkaufte Neumark, wozu 
aber jetzt ausdruͤcklich auch noch Drieſen und Schievelbein hinzu⸗ 
gerechnet wurden, auf hunderttauſend Rhein. Gulden erhöht „ 
und zugleich auch feſtgeſetzt ward, daß von dem Wiederkauſs⸗ 
rechte nicht bei Lebzeiten des Kurfinften, ſondern nur erſt gegen 
deſſen Erben Gebrauch gemacht werden duͤrfe, wobei ſich der 
Orden jedoch eine freie Straße durch das Land zum Aus⸗ 
und Einzug nach Preuſſen vorbehielt. Ueberdieß kam noch 
ein beſonderer Vertrag zu Stande, in welchem beide Fuͤrſten 
ſich gegen ihre Unterthanen in kunſtigen nöthigen Faͤllen gegen⸗ 
feitige Huͤlfe verſprachen, indem man uͤbereinkam: wenn nach 
dieſem Kriege des Ordens mit dem Könige von Polen und 
feinen abtruͤnnigen Landen der Hochmeiſter nach Wiedergewinn 
der letztern bei deren etwanigem Ungehorſam des Rathes und 
Beiſtandes des Kurfürſten bedürfe, fo ſolle dieſer verpflichtet 
ſeyn, in eigener Perſon nach Preuſſen zu kommen, jedoch auf 
Koſten und Schaden des Meiſters; bebinfe dieſer aber des 
Kurfürften Kriegshuͤlfe, fo folle ihm diefer nach beſtimmten Bez 
dingungen der Ausruͤſtung ſechs⸗ bis achthundert Reiſige für 
einen feftgefegten Sold ſenden. Daſſelbe verſprach der Hoch⸗ 
meiſter, ſofern ihn der Kurfuͤrſt gegen ſeine Unterthanen zur 
Kriegshuͤlfe auffordern werde. 2 


1) Statt der im J. 1454 beſtimmten Summe von 40,000 Gulden. 

2) Die urk. des HM. d. Mewe Freit. vor Marthäi 1455 bei 
Gercken Cod. diplom. T. V. 262. Die Gegenurkunde des Kurfuͤrſten 
d. Mewe Freit. nach Lamperti 1455 Schbl. XIII. 160 (Abſchrift). 
Die Huldigung der Staͤnde der Neumark betreffend vgl. Gercken 1. ec. 
p. 266 — 269. Lancizolle Geſch. der Bildung des Preuſſ. Staats 
B. I. 299. 

3) Dieſes merkwürdige Bündniß beider Fuͤrſten gegen ihre eigenen 


460 Neuer Kriegszug d. Kön.v. Pol. ins Kulmerland. (1455.) 


Alſo gab, wie ſchon dieſes Buͤndniß bewies, der Hoch⸗ 
meiſter die Hoffnung noch nicht auf, ſich einſt noch des ganzen 
Landes wieder bemaͤchtigen zu koͤnnen. Vorerſt freilich drohte 
wieder ein ſchwerer Sturm. Die vom Meiſter im ganzen Lande 
angeordnete Jahresfeier des Schlachttages bei Konitz und das 
Gedaͤchtnißfeſt aller der in jenem Kampfe ſuͤr die Sache des 
Ordens Gebliebenen hatten nicht uͤberall den erwuͤnſchten Erfolg 
auf die Geſinnung des Volkes gehabt.) Im Niederlande, 
welches der Ordensſpittler nicht verlaſſen durfte, aus Beſorgniß, 
daß leicht alles wieder umſchlagen und verloren gehen koͤnne, ? 
hatte man kaum Nachricht von des Koͤniges Ankunft mit einer 
neuen Heeresmacht, als in vielen der unterworfenen Staͤdte 
der alte Haß gegen den Orden hervorbrach. Die erbitterten 
Domherren in Allenſtein, die dort das Schloß noch inne hatten, 
trotzten gegen die Soͤldnerhauptleute und erlaubten keinem den 
Zugang. Selbſt die Schluͤſſel der Stadt hatte der Rath noch 
nicht übergeben. d? Man erfuhr, daß die Kneiphoͤfer zu Koͤnigs⸗ 
berg von Danzig wieder Huͤlfsvolk erbeten hatten, um ihre 
Beſatzung wieder zu verjagen und ſich an der Altſtadt zu 
raͤchen.) Dieß war um ſo bedenklicher, weil nach dem Zuruͤck⸗ 
zuge der Livlaͤnder auch ein Theil der Soͤldner des Herzogs 


Unterthanen, d. Mar. Mittw. nach Michaelis 1455 im Original Schbl. 
42. 2, bei Gercken I. c. p. 271 u. Kotzebue B. IV. 337. 

1) Rundſchreiben des HM. an die Prälaten u. Gebietiger, d. am 
T. Nativit. Maris 1455 Schl. LXXX. 107. Es ſollte beſonders 
das Andenken des Herzogs Rudolf v. Sagan, Bernhards v. Aſpan 
und eines Boͤhmen Wiſchkowitz feierlich begangen werden. Die Prieſter 
ſollten den Tag in ihre Bücher verzeichnen, damit er auf ewige Zeiten 
gefeiert werde. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Mittw. vor Bartholom. 
1455 Schbl. XLVI. 37. 

3) Schr. des HM. an d. Komthur v. Oſterode, d. Freit. vor 
Nativit. Mariä 1455 Schbl. LXXX. 217. 

4) Schr. des HM. an d. Herrn v. Blankenſtein und die Altſtadt 
Koͤnigsberg, d. am Abend Aſſumt. Mariä 1455 Schbl. LVIL 43, 


Neuer Kriegszugd. Kön. v. Pol. ins Kulmerland. (1455) 461 


von Sagan ihn trotzig verlaſſen hatte.) Im Gebiete von 
Preuſſ. Mark und bei Marienwerder hatten Schoß und Zins⸗ 
forderungen in vielen große Erbitterung gegen den Orden er⸗ 
regt; man erklaͤrte hie und da offen: beſſer, man ſuche Schutz 
beim Koͤnige, denn jetzt quaͤle bald der Orden, bald auch der 
Gubernator mit Zins und Schatzung. 

Der Koͤnig aber hatte ſich mit einem großen Theile ſeiner 
Streitmacht abermals vor das Städtchen Leſſen gelagert. Um 
ſich den Mauern mehr zu nähern, gruben die Polen und Dan 
ziger Laufgraben, bedeckten fie mit Schanzkoͤrben und kamen 
der Stadt auch wirklich ſo nahe, daß man mit einer Armbruſt 
bequem über die Mauer ſchießen konnte. Die Beſatzung 
indeß, anfangs nur aus dreihundert und funfzig Soͤldnern be⸗ 
ſtehend und nachher noch durch hundert und ſechzig Reiſige 
verſtaͤrkt, wehrte ſich auch jetzt wieder unter dem Befehle des 
Hauptmannes Fritz von Raueneck mit der entſchloſſenſten 
Tapferkeit und beſchoß das feindliche Lager Tag fr Tag. Der 
König hatte zwar viel ſchweres Geſchuͤtz aus Thorn, Rheden 
und Graudenz herbeigeführt; allein das meiſte ward bald un⸗ 
brauchbar. So gingen mehre Wochen ohne beſondern Erfolg 
hin. Weil auf eine kurze Belagerung gerechnet und deshalb 
wenig für Lebensmittel geſorgt war, ſo riß bald abermals 
großer Mangel ein, zumal da die vom Hochmeiſter nach Marien⸗ 
werder und Rieſenburg gelegten Hofleute dort den Feind nicht 
eine halbe Meile weit auf Futterung ausziehen ließen. Im 
Rücken des Koͤniges aber lag das ganze Kulmerland fruͤher 
ſchon von den Ordenskriegern und jetzt wieder durch das Pol⸗ 
niſche Kriegsvolk fo gänzlich verwuͤſtet und verheert da, daß 


41) Schr. des Herzogs v. Sagan an d. HM. d. Koͤnigsb. Freit. 
vor Nativit. Marid 1455 Schl. IX. 5. 

2) Schr. des Biſch. v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Sonnab. nach 
Aſſumt. Mariä 1455 Schbl. LXXIII. 62. Schr. des Hauskomthurs 
v. Preuſſ. Mark, d. Dienſt. nach Matthäi 1455 Schbl. LXXX. 100. 

3) Oder wie der HM. ſagt: „das man mit einem Handſteine 
in die ſtat werfen mochte.“ 


462 Neuer Kriegszug d. Kön.v. Pol. ins Kulmerland. (1455.) 


faſt kein unzerſtoͤrtes Haus und kein Stuͤck Vieh im ganzen 
Gebiete mehr zu ſehen war und nur an der Weichſel bei Kulm 
ſich noch einige aͤrmliche Fifcherdörfer erhalten hatten. Zwoͤlf 
Meilen in der Runde erblickte das Auge nur eine traurige 
Wuͤſte.) Hunger und Noth trieben einige Heerhaufen bis 
nach Neumark und ſelbſt bis Preuſſiſch⸗Holland hinauf.) Da 
rieth der Herzog von Sagan, der Hochmeiſter und der Ordens⸗ 
ſpittler moͤchten eiligſt die Soͤldnerhauptleute zuſammenrufen, 
den König plöglich angreifen und feine ungeordnete Heermaſſe 
aus dem Lande treiben.) Der Rath indeß war unnoͤthig. 
Hunger und Seuchen rafften im Polniſchen Lager bald Men⸗ 
ſchen und Pferde in großer Zahl hinweg; ein bedeutender Theil 
des Belagerungsvolkes zerſtreute ſich, ſelbſt viele der Polniſchen 
Großen zogen aus Verdruß in die Heimat zuruͤck. So mußte 
der Koͤnig abermals die Belagerung erfolglos aufgeben und 
zog ſich gegen Graudenz hin, um dort uͤber die Weichſel zu 
ſetzen und mit einem Heerhaufen in Pommerellen einzufallen. 4 
Da aber die Bruͤcke uͤber den ſtark angeſchwollenen Strom 
nicht ſchnell genug erbaut werden konnte, ſo mußte er dort ein 
Lager ſchlagen. Mit einem andern Theile ſeines Heeres ließ 
er die Staͤdte im Kulmerlande beſetzen, ſandte auch einen Streit⸗ 
haufen ins Hinterland, denn die Erſtuͤrmung von Preuſſiſch⸗ 
Eilau, die den Verbuͤndeten im Niederland ſo leicht gegluͤckt 
war, die fortdauernde Unzufriedenheit der Ermlaͤndiſchen Dom⸗ 
herren in Allenſtein und die hie und da dort wieder aufwachende 
widrige Stimmung gegen den Orden mochten ihn guͤnſtige 


1) Runau p. 28. Schütz p. 229. 

2) Schr. des Hauptmannes zu Rieſenb. an den zu Preuſſ. Mark, 
d. Freit. vor Michaelis 1455 Schbl. LXXX. 176. Schr. des Ordens⸗ 
ritters ulrich v. Kinsberg, d. Neumark Freit. nach Michaelis 1455 
Schbl. Adelsgeſch. K. 9. 

3) Schr. des Herzogs v. Sagan an d. HM. u. a. d. Koͤnigsb. 
Streit, vor Michaelis 1455 Schbl. LXXX. 78 — 80. 

4) Schr. des Biſch. v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Donnerſt. nach 
Hedwig 1455 Schbl. LXXX. 189, wonach der Abzug des Koͤniges 
von Leſſen erſt in der zweiten Haͤlfte des Octobers erfolgte. 


Neuer Kriegszug d. Kön. v. Pol. ins Kulmerland. (1455.) 463 


Erfolge erwarten laſſen.) Alle Plane indeß mißlangen. 
Vor Leſſen hatte er an zweitauſend Mann Todte und Ge⸗ 
fangene verloren;) im Lager bei Graudenz büßte er aus 
Mangel an Futter auch noch den letzten Reſt, uͤber dreitauſend 
ſeiner Pferde ein. Da ſich auch ſein Kriegsvolk dort großen 
Theils zerſtreute?) und die vom Kurfuͤrſten Friederich von Mewe 
aus von neuem angeknüͤpften Unterhandlungen auch jetzt ohne 
Erfolg blieben, ) fo wandte er ſich, ohne feinen Zug nach 
Pommerellen ausführen zu konnen, in den erſten Tagen des 
Novembers nach Thorn hin, wo er mehre Wochen verweilte. 

Jetzt ſah auch der Kurſuͤrſt ein, daß andere Maaßregeln 
noͤthig ſeyen, um den Orden zu retten, denn vom Könige und 
deſſen untauglichem Kriegsvolke drohte ihm die geringſte Gefahr. 
Wichtiger ſchien es, die großen Bundesſtaͤdte durch Gewalt zum 
Gehorſam zu zwingen und ihren Trotz zu beſtrafen. Auf ſeinen 
Rath erließ daher der Meiſter zumächft einen Aufruf an die 
ehrbaren Leute der Gebiete von Danzig und Lauenburg, ſich 
dem Orden wieder zuzuwenden und ihm Danzig erobern zu 
helfen; er verhieß, wenn dieß gelinge, die anſehnlichſten Be⸗ 
lohnungen durch Privilegien und Freiheiten.) Da ferner trotz 
der kaiſerlichen Achtserklaͤrung bisher doch öfter noch Schiffe 
aus Holland in Danzig ihre Ladungen abgeſetzt hatten, die 
Danziger aber am leichteſten gebemüthigt werden konnten, wenn 


1) Runau 1. e. Schütz v. 230. Schr. der Ermland. Domherren 
an d. HM. d. Allenſtein am T. Coſmä u. Damian. 1455 Schbl. 
LIV. 65.. Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark am T. Michaelis 
1455 Schbl. LIV. 91. 

2) Schr. des HM. an d. Kurfürften v. Brandenb. d. Dienſt. vor 
Eliſabeth 1455 Schbl. LXXX. 21. 

3) Schr. des HM. an d. Kurfürften a. a. O. 

4) Schr. des Domherrn Georg Baͤrenfeld, Sendboten des Kur⸗ 
fürften an d. Großkomthur, d. Marienwerder Sonnt. vor Galli 1455 
Schbl. XII. 49. LXXX. 46. 102. 

5) Runau p. 28. 

6) Schr. des HM. an die ehrbaren Leute im Gebiete v. Danzig 
u. Lauenburg, d. Mittw. nach 11,000 Jungft. 1455 Schbl. LXXX. 23. 


464 Bedraͤngniſſe durch die Soldner. (1455.) 


es gelang, ſie nicht nur von der Landſeite her voͤllig einzuſchlie⸗ 
ßen, ſondern ihnen auch allen Handel und alle Verbindung auf 
der See abzuſchneiden, ſo wandte ſich der Hochmeiſter zu dieſem 
Zweck an den Herzog von Burgund, den Koͤnig von Frankreich, 
die ſich beide ganz beſonders fuͤr die Sache des Ordens intereſ⸗ 
ſirten, und an mehre andere Fuͤrſten.) Vor allem aber fand 
der Kurfuͤrſt nichts nothwendiger, als Geldmittel aufzubringen, 
um das Soͤldnervolk zu befriedigen und ſeinen Eifer fuͤr den 
Orden zu beleben. Er hatte es ja ſelbſt erfahren, wie ſchwer 
es mehrmals dem Hochmeiſter geworden war, auch nur einige 
hundert Mark zur Unterhaltung ſeiner Dienerſchaft zuſammen 
zu bringen.) Es gingen daher neue dringende Geſuche an 
die beiden Meiſter von Deutſchland und Livland und zugleich 
auch an die Livlaͤndiſchen Biſchoͤfe und Praͤlaten, um von 
dorther die noͤthigen Geldſummen herbeizuſchaffen; namentlich 
ſollten die beiden erſtern die Summe von 200,000 Gulden bei⸗ 
ſteuern.) Die Sache ward jetzt mit größtem Eifer und Nach⸗ 
druck betrieben, zumal da es dem Kurfuͤrſten gelungen war, 
die Soͤldnerhauptleute noch einmal zu einem beſtimmten An⸗ 
ſtand in Betreff der Soldzahlung zu bewegen, nach welchem 
unfehlbar Zahlung verſprochen war.) Je laͤnger man ſie 
bisher durch Verheißungen und Zuſagen hinzuhalten gefucht, 


1) Schr. des HM. an den Rentmeiſter des Deutſch. Hauſes zu 
Pitzenburg, d. Dienſt. vor Galli 1455 u. deſſen Antwort an d. HM. 
d. Mecheln 1455 Schbl. XXXIII. 12. LXXX. 244. 

2) Schr. des Kurfuͤrſten an d. HM. d. Mewe Mont. nach Dionyf. 
1455 Schbl. XII. 69. 

3) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Sonnt. nach Augu⸗ 
ſtini 1455 bei Jaeger Cod. diplom. O. T. s. h. a. Credenzbrief des 
HM. für Graf Hans v. Gleichen Pfleger zu Lochftädt u. den Vogt 
der Neumark bei ihrer Sendung nach Livland, d. am Abend Simon 
u. Judäa 1455 Schbl. V. 32. Schr. des HM. an die Praͤlaten in 
Livland, Schbl. IV. 21; vgl. einige andere Schr. Schbl. LXXX. 
102. 150. 

40 Schr. des Kurfuͤrſten v. Brandenb. an den Kaiſer, d. Plaſſen⸗ 
burg Dienſt, nach Pauli Bekehr. 1456 bei Jaeger 1. c. 


Bedrängniſſe durch die Soldner. (1455.) 465 


um fo mehr machte natürlich jeder von ihnen immer höhere 
Anſprüche. Den Hauptleuten Graf Johann von Montfort, 
Ulrich Czirwenka von Ledez und mehren andern Rottmeiſtern, 
welche der Hochmeiſter nach Marienburg genommen, genuͤgte 
ſchon deſſen Verſchreibung allein nicht mehr und ſie verlangten, 
daß auch der Ordensſpittler in einer beſondern Soldverſchreibung 
ſich ihnen verbuͤrgen ſolle; man mußte ihrer Forderung nach⸗ 
geben.) Noch wichtiger war das Verlangen des Herzogs von 
Sagan: der Hochmeiſter ſolle ihm die Staͤdte Koͤnigsberg, 
Pr. Eilau, Kreuzburg, Heiligenbeil, Labiau und ganz Samland, 
in Stelle des noch immer in Polniſcher Gefangenſchaft ſeyenden 
Ordensmarſchalls, “ als oberſtem Hauptmanne einraͤumen, fie 
und alle darin liegenden Rottmeiſter, Hofleute und Ordensritter 
zum Gehorſam gegen ihn verpflichten und ihm alle dort fallenden 
Zinſen und Einkünfte zur Unterhaltung und Vertheilung unter 
die Hofleute üͤberweiſen.) Der Ordensſpittler, daruͤber um 
Rath gefragt, rieth entſchieden davon ab, weil er den erwaͤhnten 
Staͤdten und der Landſchaſt Samland bei ihrer Ergebung an 
den Orden das feſte Verſprechen gegeben, ſie an niemand zu 
verkaufen, zu verpſaͤnden oder zu uͤberweiſen. Es koſtete ihm 
indeß nicht wenig Muͤhe, den Herzog von ſeinem Verlangen 
abzubringen. 

Aber auch der König verweilte in Thorn nicht ohne 
mancherlei Beſorgniſſe. Allgemein ſprach ſich der Unwille 
über feinen erfolgloſen Kriegszug aus, der die Bundesſtaͤdte 
abermals ihrem eigenen Schickſale uͤberlaſſen. Am gefaͤhrlichſten 
war die Stimmung in Danzig. Dort faßte man ſogar den 


1) Darüber die Bekanntmachung des HM. d. am T. Simon u. 
Judd 1455 Schul, LXXX. 89. 

2) Buͤrgbrief des Grafen Adolf v. Gleichen u. a. fuͤr den Ord. 
Marſchall, d. Mar. Freit. nach Elifab. 1455 Schbl. LXXX. 190. 230. 

3) Schr. des HM. an den Ordensſpittler, d. am Abend Aller 
Heilig. 1455 Schbl. LXXX. 85. 

4) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark Dienft. 
nach Aller Heilig. 1455 Schbl. LIV. 7. Schr. des HM. an d. Ordens⸗ 
ſpittler, d. Mirtw. nach Aller Heil. 1455 Schbl, LXXX. 200. 

VIII. 30 


466 Vedrängniſſe durch die Soͤldner. (1455.) 


Plan, die Stadt dem Orden wieder zu uͤberliefern; er wurde 
jedoch entdeckt und die Theilnehmer beſtraſt.) Ueberdieß forder⸗ 
ten auch dort die Söldner mit ungeſtuͤmen Drohungen ihren 
Sold. Die Danziger, bisher immer ſchon am meiſten belaſtet, 
fanden kein anderes Mittel, als nach einem mit den Sold⸗ 
hauptleuten uͤber die Zahlungsfriſten abgeſchloſſenen Vertrage 
zwei Drittheile des Soldes durch Waaren zu verguͤten, denn 
auch dort gebrach es ſchon an Geldmitteln.) Man war aber 
um fo mehr unzufrieden darüber, daß der Koͤnig den Zug nach 
Pommerellen unterlaſſen hatte, weil ſich die Danziger von ihm 
die größten Vortheile, beſonders Schutz gegen die dort liegenden 
Ordensſoldner verſprochen hatten. Sie baten dringend und 
wiederholt um Huüͤlfsvolk und um Geld zur Befriedigung ihrer 
Söldner zu Stargard und Neuenburg. Da der König fuͤr 
beides nichts that, die Soͤldner aber ſich immer wildere Ver⸗ 
heerungen erlaubten, ſo drohte ſchon ein ſoͤrmlicher Aufſtand 
des gemeinen Volkes gegen den Rath, den man oͤffentlich der 
Vergeudung der aufgebrachten Kriegsgelder beſchuldigte. So 
bildete ſich bald eine neue ſtarke Partei, die ſich dem Orden 
wieder zuwenden wollte. Der König erſchrack darob, denn 
Danzigs Verluſt konnte ihm leicht alles koſten, was er in 
Preuſſen beſaß. Er ließ daher die Danziger mit allem Ernſte 
warnen, ſie an Koͤnigsbergs Beiſpiel erinnernd, welches durch 
ſeine Ergebung an den Orden nicht das mindeſte gewonnen, 
auch an des Ordens Schwaͤche und Huülfloſigkeit, ſobald die 
Soͤldlinge ihn verlaſſen wuͤrden u. ſ. w.) Aber er fügte auch 
die Drohung hinzu: er werde, wenn Danzig ſich ihm untreu 
zeige, das Land dann von Jahr zu Jahr mit Raub und Ver⸗ 
heerung uͤberziehen und es nie wieder zu Gedeihen kommen 


1) Schutz p. 230. Auch in Thorn war man mit dem Koͤnige 
ſehr unzufrieden; man wollte ihn nicht einmal in die Stadt einlaſſen. 
Schr. des Dieners Rüdiger an den HM. d. Leſſen Sonnab. vor Mar⸗ 
tini 1455 Schbl. LII. 52. 

2) Schütz I. c. 

3) Schiitz p. 230— 231. 


Fortſchritte der Ordensſache. (1455.) 467 


laſſen, denn nicht umſonſt wolle er bereits zwoͤlfmalhundert⸗ 
taufend Gulden daran geſetzt haben.) Dieß ernſte Wort des 
Koͤniges und die Abtretung der Komthurei Danzig und des 
Fiſchmeiſteramtes von Putzig zur Deckung der ſchweren Kriegs⸗ 
koſten, die ſich im Verlauſe von zwei Jahren auf die Summe 
von 254,700 Gulden beliefen, beſchwichtigten dießmal noch die 
Gaͤhrung im Volke. 

Dem Orden blieb auch nach des Kurfürſten Heimkehr das 
Glück im Ganzen immer noch guͤnſtig. Im Ermland, deſſen 
Biſchof ſich um dieſe Zeit in Breslau aufhielt, war faſt Alles 
zum Gehorſam zuruͤckgekehrt.) Nun wurde auch Memel, bis⸗ 
her von Samaiten beſetzt, fuͤr den Orden wieder gewonnen. 
Es gelang zweihundert Livlaͤndern, die vor die Mauern an⸗ 
rückten, einen Theil der Stadt mit der Vorburg in Brand zu 
ſtecken. Zwar ſegelten in demſelben Augenblick einige Danziger 
Schiffe heran, um der Beſatzung Lebensmittel und Kriegshülfe 
zuzubringen; als ſie indeß Memel in Flammen ſtehen ſahen, 
kehrten ſie wieder zuruͤck und die Burg mußte ſich nun den 
Livlaͤndern ohne weiteres ergeben, ein um fo wichtigeres Er⸗ 
eigniß, weil dadurch auch die Verbindung mit Livland wieder 
völlig frei geworden war, weshalb der Herzog von Sagan 
auch ſofort eine Botſchaft an den dortigen Meiſter erließ, mit 
der Aufforderung, ſo eilig als moͤglich mit Geld und Mann⸗ 
ſchaft nach Preuſſen zu kommen, um in Berathung mit dem 
Hochmeiſter die noͤthigen Maaßregeln zur völligen Befreiung 
des Landes zu ergreifen. Auch der Ordensſpittler war jetzt 
wieder nach Königsberg geeilt, in voller Hoffnung, daß jetzt, 


1) Schütz p. 232. 

2) Schütz p. 232 — 233. Verſchreibung des Koͤniges uͤber die 
Komthurei Danzig u. ſ. w. d. Thorun feria VI ante festum L. nciae 
1455 bei Dogiel T. IV. 157. 

3) Schr. des Officials v. Heilsberg an d. HM. d. Roͤßel Freit. 
nach Martin 1455 Schbl. LIV. 104. 

4) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ Mark Freit. 
nach Martini 1455 Schl. LVIII. 59. Schr. des HM. an d Kurs 
fürſten v. Brandenb. d. Dienſt vor Eliſab. 1455 Schbl LX XX. 21. 

30 * 


468 Fortſchritte der Ordensſache. (1455.) 


wenn der Meifter von Livland mit raſcher Thaͤtigkeit eingreife, 
alles noch zu einem erwuͤnſchten Ausgange kommen könne. " 
Endlich verſprach man ſich auch von dem wiederholten Bann⸗ 
fluche des neuen Papſtes Kalixtus des Dritten gegen die Ver⸗ 
buͤndeten manche guͤnſtige Wirkungen. Der Ordensprocurator 
Jodocus Hohenſtein hatte ſich lange bemuͤht, ihn in dieſer 
Form auszuwirken.) Es war noch nie ein ſolcher uͤber Preuſſen 
ausgeſprochen worden, denn der Papſt ermahnte nicht nur die 
aufruͤhreriſchen Verbuͤndeten aufs allerſchaͤrfſte und nachdrüucklichſte 
zur Ruͤckkehr unter des Ordens Herrſchaft, ſondern er fuͤgte 
auch die Weiſung hinzu: wer nicht binnen ſechzig Tagen ſich 
mit dem Orden wieder ausgleiche, den ſolle ſofort Bann und 
Interdict treffen, und bleibe man dennoch trotzig und wider⸗ 
ſpenſtig, fo follten die Edelleute, die Magiſtrate und Beamten 
der Staͤdte und uͤberhaupt alle Theilnehmer und Foͤrderer der 
Empörung ihres Adels, aller ihrer Auszeichnungen, Patronats⸗ 
rechte, Winden und Aemter, aller ihrer Güter, Freiheiten und 
Privilegien, die fie von der Kirche, dem Roͤm. Stuhle oder 
ſonſt von kirchlichen Perſonen haben moͤchten, verluſtig, zu allen 
geſetzlichen Handlungen unfähig, ehrlos und in ihrem Eigen⸗ 
thum völlig ſchutzlos ſeyn; jedermann ſolle ſich ihrer Güter 
bemaͤchtigen dürfen; kein ſicheres Geleit folle fie ſchirmen; ihre 
Bekanntmachungen und Urtheile, die ihnen von ihren Unter⸗ 
gebenen geleifteten Give und Lehensverpflichtungen ſollten gelöft, 
ohne Kraft und Guͤltigkeit ſeyn. Die Staͤdte ſollten ihre fluch⸗ 
beladenen und ehrloſen Obrigkeiten und Raͤthe ihrer Aemter 
entſetzen, andere an deren Stelle waͤhlen und der Entſetzten 
Guͤter dem Orden anheim fallen, ſelbſt die Erben der mit 
ſolchem Banne Beſtraſten im Patronat und in Lehensguͤtern 


1) Schr. des Herzogs v. Sagan u. d. Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. 
am T. Conception. Mariä 1455 Schbl. V. 29. 35. 

2) Schr. des Procurators, d. Rom 3. Auguſt 1455 Schbl. I. 23. 
24. Einige Sendboten des Kaiſers, namentlich der beruͤhmte Biſchof 
Aeneas von Siena u. Meiſter Johannes Hinderbach waren bei Aus⸗ 
wirkung der Bulle ſehr foͤrderlich geweſen; ſie koſtete 70 Ducaten. 


Fortſchritte der Ordensſache. (1455.) 469 


nicht folgen duͤrfen. Geiſtliche, die den Verbuͤndeten anhaͤngend 
vor ihnen Meſſe leſen oder irgend ein kirchliches Amt verrichten 
würden, follten ihre Aemter verlieren und auf ewig zum Kirchen⸗ 
dienſte unfähig ſeyn.) Der Biſchof von Pomeſanien eilte als⸗ 
bald nach Breslau, um dort in Verbindung mit den Bifhöfen 
von Breslau und Ermland die Execution der Bannbulle mit 
allem Eifer zu betreiben, denn außer ihnen gab es in der Naͤhe 
keine andern Bifchöfe, die dieß wegen des Koͤniges von Polen 
hatten unternehmen duͤrfen.) Der paͤpſtlichen Strenge jedoch 
fügte der Hochmeiſter die ſchonende Milde hinzu, indem er den 
Papſt um eine Vollmacht erfuchen ließ, kraft welcher alle, die 
jetzt oder künftig ſich dem Orden wieder zuwenden wuͤrden, 
ſofort abſolvirt werden koͤnnten, denn eben dadurch verſprach 
ſich der Meifter noch größere Bereitwilligkcit zur Ruͤckkehr unter 
des Ordens Herrſchaft, weil bisher die Schwierigkeit der Ab⸗ 
ſolution viele noch zurückgehalten.) Auch an den Koͤnig und 
den Hochmeiſter hatte der Papſt ernſtliche Ermahnungen zur 
Ausgleichung und Verſoͤhnung erlaſſen, den Kurfuͤrſten von 
Brandenburg aber in einer beſondern Bulle aufgefordert, ſich 
des Friedenswerkes mit allem Eifer anzunehmen.“ 


1) Original der Bulle, mit dem Auftrage an die Biſchoͤfe von 
Zamor u. Breslau u. an den Propſt der Peter⸗Pauls⸗Kirche zu Soldin, 
dieſelbe zu publiciren u. zu vollſtrecken, d. Romas VIII Cal. Octobr. 
1455 p. a. Primo Schbl. XIV. 3. 34. 35. Ueber die Publication u. 
Execution des Bannſpruches über den Bund durch die genannten Biſchoͤfe 
u. den von Lübeck, ſowie durch den Hector der Parochiallirche zu 
Marienburg die Urkunden Schbl. XIV. 4 —6. Ein Auszug aus der 
Bulle bei Kotzebue B. IV. 344 — 346. 

2) Schr. des HM. an d. Biſchof v. Ermland, d. am T. Eliſab. 
1455 Schbl. LXXX. 94. Schr. des Biſch. v. Pomeſanien an d. HM. 
d. Breslau am T. Nicolai 1455 ebendaſ. 160. 

3) Schr. des HM. an den Procurator, d. am T. Nicolai 1455 
Schbl. LXXX. 26. 

4) Bulle des Papſtes an den HM, worin er dieſem den Kurfuͤrſten 
p. Brandenb. empfiehlt, d. Romae V Idus Soptenb. 1455 Schbl. 
XIV. 2. Schr. des HM. an den Kurfuͤrſt. d. Dienſt. nach Andrea 
1455 Schbl. LXXX. 57. 


470 Bedraͤngniß des Ordens durch die Söldner. (1455.) 


Gegen die Gefahr indeß, die jetzt dem Orden von den 
Soͤldnern drohte, konnten ihn weder der Bannſtrahl noch der 
Kurfuͤrſt retten, denn von da her thuͤrmte ſich jetzt ein Un⸗ 
gewitter auf, welches das Schrecklichſte befürchten ließ; man 
hatte ſich hier in ein Labyrinth verirrt, aus welchem kein Aus⸗ 
gang mehr zu finden war. Der Meiſter hatte, wie fruͤher 
erwähnt, an Heinrich Reuß von Plauen und mehre andere 
Soͤldnerhauptleute für ihren Sold Verſchreibungen auf Deutſche 
Ordensgüter ausgeſtellt, über die fi) der Deutſchmeiſter oft 
ſchon beſchwert hatte. Die Klage ward von ihm auch an den 
Papſt gebracht, mit dem Geſuche an dieſen: er moͤge die Ver⸗ 
ſchreibungen, welche, vom Hochmeiſter wider Fug und Recht 
ausgeſtellt, dem Orden in Deutſchland endlich alle Guͤter ent⸗ 
reißen wuͤrden, für unguͤltig und nichtig erklaͤren. Der Roͤm. 
Hof war hiezu auch wirklich bereit; jedoch hatte bisher der 
Ordensprocurator den gefaͤhrlichen Schritt noch verhindert. Die 
Sache war aber in Rom ſo oͤffentlich betrieben worden, daß 
ſie durch die dortigen Polen auch bald den Verbündeten in 
Preuſſen und durch dieſe auch den Ordensſoͤldnern bekannt 
werden mußte.) Natürlich nahmen dieſe ſolche Verſchreibungen 
nicht mehr an; uͤberhaupt mißtrauiſcher gegen des Meiſters 
Zuſagen forderten fie immer ſtuͤrmiſcher baare Geldzahlungen. 
Die Summen indeß, zu denen der Orden ſich jetzt ſchon ver⸗ 
pflichtet fand, waren ſuͤr ihn unerſchwinglich.) Der Haupt⸗ 
mann Georg von Schlieben allein hatte an Sold fuͤr ſeine 
Rotte von 600 Reiſigen bis zu Ende dieſes Jahres eine Forde⸗ 
rung von 90,379 Ung. Gulden, die der Meiſter auf naͤchſte 
Lichtmeß zu zahlen verſprach, und ſo im Verhaͤltniß auch die 
Übrigen Rottenſührer.“) Auch nur auf einige Befriedigung aus 


1 

1) Schr. des Procurators an den HM. d. Rom 3 Auguſt 1455 
Schbl. I. 6. 

2) Das erwaͤhnte Schr. des Procurators giebt ſchon die damalige 
Schuldſumme des HM. auf 500,000 Gulden an. 

3) Des HM. Anerkenntniß obiger Schuld, d. Mar. am T. Mars 
tini 1455 Schbl. LXXX. 233 Der Herzog von Sagan machte bald 
an den Orden eine Schuldſumme von 40,000 Rhein. Gulden geltend, 


% 


Bedraͤngniß des Ordens durch die Söldner. (1455.) 471 


den Einkuͤnften des Landes war jetzt gar nicht mehr zu rechnen, 
denn die Armuth in Staͤdten und auf dem Lande ſtieg mit 
jedem Tage mehr; in vielen der kleinen Staͤdte fiel vom aus⸗ 
geſchriebenen Schoß wenig oder gar nichts. Dabei übten häufig 
beim Eintreiben der Leiſtungen nicht bloß die Soͤldnerhauptleute, 
ſondern ſelbſt auch die Ordensbeamten eine Gewalt und Will⸗ 
kuͤhr an den Ordensunterthanen aus und der Hochmeiſter war 
ſo wenig im Stande, dem Unweſen Einhalt zu thun, daß aus 
Unmuth und Verzweiflung ſich viele vom Orden wieder zu den 
Verbuͤndeten wandten. 

Unterdeß hatte aber eine Anzahl von Soͤldnerhauptleuten 
und Rottmeiſtern insgeheim Unterhandlungen angeknuͤpft, um 
das eingenommene Ordensland dem Koͤnige von Polen zu ver⸗ 
kaufen und ſich dadurch ſelbſt die Zahlung ihres Soldes zu 
verſchaffen. Nachdem ſie am 25ſten Novemb. einen Berathungs⸗ 
tag gehalten, erklaͤrten ſie dem Hochmeiſter: Die gemeinen Hof: 
leute, die man bisher mit der Soldzahlung immer hingehalten, 
wollten jetzt keine laͤngere Friſt mehr geben; der Meiſter muͤſſe 
jetzt nothwendig Geldmittel ſchaffen; die Geduld der Soͤldner 
habe jetzt ihr Ende erreicht. Bald erfuhr man auch, daß ſie 
in kurzem einen Verhandlungstag zu Graudenz mit Bevoll⸗ 
maͤchtigten des Koͤniges und den Sendboten der großen Staͤdte 
und der Bundesritterſchaft halten wuͤrden, um ſich dort weiter 
über den Verkauf des Landes zu berathen. Umſonſt bemuͤhte 
ſich der Meiſter, dieſen Tag wenigſtens bis zur Ankunft ſeiner 
Sendboten aus Deutſchland und Livland zu verhindern. Nur 
durch eine Geldſumme konnte es ihm moͤglich werden, den 
drohenden Schritt der Soldner zu hemmen. Er wandte ſich 


wofür ihm der HM. die Ballcien Koblenz und Botzen verpfänden mußte 
Schbl. IX. 6 Schbl. 31. 23. Die Soldforderung Adolfo v. Gleichen 
von Nativit Maria 1454 bis Sennt. nach Weihnachten 1456 betrug 
15,578 ung Gulden, die des Nicolaus v. Wolfersdorf 17,780 Ung. 
Gulden an Sold u. 3410 Rhein. Gulden an Schaden, die des Georg 
Loͤbel 21,064 ung. Gulden, Schbl. LXXX. 216 u. Schbl. 94. 34. 

1) Schr. der Buͤrger v. Roßel an d. HM. u. an Wilbelm v. 
Helfenſtein, d Mont. S. Katharind 1455 Schbl. LXXX. 169. 224. 


472 Bedraͤngniß des Ordens durch die Soldner. (1455.) 


deshalb an den Kurfuͤrſten Friederich von Brandenburg, 
ſandte Eilboten an den Kaiſer, den Koͤnig von Ungern und an 
die Kurfuͤrſten, um ihnen die ſchreckliche Gefahr des Ordens 
vorzuftellen, 2 bat den Herzog von Burgund?) und die Deuts 
ſchen Ordensgebietiger um Huͤlfe und wenigſtens um einiges 
Geld, um die Unzufriedenſten zu beguͤtigen, da ſie erklaͤrt hatten, 
ſie wollten das Land lieber dem Orden als dem Koͤnige goͤn⸗ 
nen.“ Auch der Ordensſpittler und Herzog Balthaſar von 
Sagan traten ins Mittel und ſtellten den vornehmſten Haupt⸗ 
leuten, Grafen Johann von Montfort, Grafen Adolf von 
Gleichen, Ulrich Czirwenka, Georg von Schlieben und mehren 
andern das Hoͤchſtbedenkliche ihres Vorhabens mit allem Nach⸗ 
drucke vor, indem der Herzog erklaͤrte: es ſtehe uberhaupt gar 
nicht in ihrer Macht, das Land zu verkaufen und dadurch den 
Orden zu Grunde zu richten; auch er habe ſeine Verſchreibung 
darauf und alſo auch ſeinen „Fuͤrſtentheil“ daran, und er 
werde dieſen vor Kaiſer und Reich und vor dem Gerichtsſtuhle 
zu Magdeburg zu verfolgen wiſſen. Ueberdieß liege das Land 
unter Kaiſer und Reich und es ſtehe keinem das Recht zu, es 
dieſem zu entziehen; auch ſey es der heil. Jungfrau Maria 
zugeeignet; man moͤge bedenken, was man thue, wenn man 
es ihr entreiße. Auf keinen Fall werde er zugeben, daß auch 
Samland, die Städte Königsberg und andere Gebiete, die er 
inne habe, mit verkauft wuͤrden; er werde mit dem Orden die 
verkauften Lande durch die unverkauften auf jede Weiſe wieder 
zu gewinnen wiſſen. ® 

1) Schr. des HM. an den Kurfürften v. Brandenb. d. Dienſt. 
nach Andrea 1455 Schbl. LXXX. 232. 

2) Credenzbrief des HM. fuͤr Albrecht Voith bei ſeiner Sendung, 
d. Freit. nach Barbard 1455 Schbl. VI. 6. LXXX. 83. 

3) Schr. des HM, an den Herzog v. Burgund, d. am T. Barbarä 
1455 Schbl. LXXX. 29. 

4) Schr. des HM. an den Komthur v. Nuͤrnberg, d. am T. Nicolai 
1455 Schbl. LXXX. 40, 

5) Schr. des Ordensſpittlers u. des Herzogs v. Sagan an die 
Soͤldnerhauptleute, d. Koͤnigsb. Donnerſt. nach Concept. Mariä u. 
Donnerſt. vor Lucid 1455 Schbl. IIV. 8. LXXX. 39. 168. 


Bedrͤͤngniß des Ordens durch die Soldner. (1455.) 473 


So bot man alles auf, das ſchwere Ungluͤck abzuwenden. 
Vor allem ſuchte der Herzog von Sagan auch die Stadt 
Marienburg mit Muth zu beleben, ſie durch die Erinnerung 
ermunternd, daß ja einſt von einer Eiche aus ganz Preuſſen 
erobert und von einer Burg aus das ganze Land wieder ge⸗ 
wonnen worden ſey.) Noch gab man nicht alle Hoffnung 
auf, daß irgendwoher noch Rettung kommen koͤnne. Man 
vertraute noch auf die Beihuͤlfe des Meiſters von Livland durch 
Geld und Mannſchaft;?) auch der Kurfuͤrſt von Brandenburg 
war aufs eifrigfte bemüht, theils durch den Deutſchmeiſter und 
das zu Frankfurt verſammelte Ordenskapitel, theils auch bei 
mehren Deutſchen Fuͤrſten fo viel Geld aufzubringen, um vor⸗ 
erſt wenigſtens die dringendſten Forderungen der Soͤldner zu 
befriedigen.) Selbſt der Umſtand ſchien dem Orden immer 
noch guͤnſtig, daß auch der König und die Bundesſtaͤdte alle 
Mittel aufbieten mußten, um ihren Soͤldnern Genüge zu leiſten, 
denn jener genehmigte ſchon ausdrücklich jede moͤgliche Maaß⸗ 
regel (wenn fie nur feine koͤnigl. Rechte nicht beeintraͤchtigte), 
die man zu Danzig wegen Aufbringung der noͤthigen Huͤlfs⸗ 
gelder ergreifen werde.) Der Verhandlungstag zu Graudenz 
war daher auch ohne Erfolg geblieben. Um ſo ſtuͤrmiſcher aber 
bedraͤngten nun die Hauptleute wieder den Hochmeiſter mit 
ihren Forderungen und es war faſt gar nicht mehr moͤglich, 
ſie zu einiger Geduld zu bewegen, bis aus Deutſchland oder 
Livland Huͤlfe komme. 


1) Schr. des Herzogs v. Sagan an den Rath u. die Gemeine v. 
Marienb. d. Koͤnigsb. Donnerſt. vor Luci 1455 Schbl. LXXX. 3. 
161. 167. 

2) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Koͤnigsb. am T. 
Concept. Mariä 1455 Schbl. V. 29. 

3) Schr. des Kurfürften v. Brandenb. d. Köln a. d. Spree Freit. 
nach Lucid 1455 Schbl. XII. 44. Einiges von den Verhandlungen auf 
dem Ordenskapitel zu Frankfurt in Jaeger Cod. diplom. O. T. s. U. a. 

4) Die Erklarung des Koͤniges daruͤber, d. Briefe Donnerft „por 
Thomä 1455 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. III. 1. 

5) Schr. des HM. an d. Kurfürften v. Brandenb., d. am Chriſt⸗ 
abend 1455 Schbl. LXXX. 27. 237. 


474 Steigende Verwirrung im Lande. (1456.) 


Auch der Ordensſpittler in Königsberg war in der aller⸗ 
bedraͤngteſten Lage. Er ſollte das dort umher liegende Soͤldner⸗ 
volk von den im Niederland einkommenden Zinſen unterhalten; 
allein auch hier war wegen der Verarmung und Verheerung 
des Landes die Einnahme ſo unbedeutend, daß z. B. drei 
Kammeraͤmter, welche fruͤher achthundert Mark gezinſt, jetzt 
noch kaum hundert Mark einzahlen konnten. Auch dort hatte 
ſich ein großer Theil des Landvolkes geflüchtet und die Ge⸗ 
bliebenen verloren haͤufig durch die Raubgier der gemeinen 
Soͤldner ihr letztes geringes Eigenthum.) Keiner von den 
Hauptleuten wollte mehr Gehorſam leiſten. Wie Georg von 
Schlieben in ſeinem Streite mit den Ermlaͤndiſchen Domherren 
nichts weiter erſtrebte, als ſich auch des Schloſſes Allenſtein zu 
bemächtigen und dort feſt zu ſetzen,? fo legten ſich die andern 
Hofleute nur in die Staͤdte ein, wo ſie noch am meiſten Unter⸗ 
halt fanden. Andere blieben daruͤber unbeſetzt und unbeſchuͤtzt 
und gingen für den Orden wieder verloren, fo Lyck und Loͤtzen, 
wo faſt alle Ordensbrüdder erſchlagen wurden. Auch die Burg 
Rhein ward von einem aus Maſovien einbrechenden Kriegs⸗ 
haufen belagert und wuͤrde ſich haben ergeben muͤſſen, wenn 
nicht der Ordensſpittler ſchnell herbeiziehend den Feind ploͤtzlich 
überfallen und faſt gaͤnzlich vernichtet hätte, freilich nicht ohne 
eigenen bedeutenden Verluſt.“) 

So begann das Jahr 1456 überall unter Noth und 
Elend. Nirgends herrſchte mehr Vertrauen zum Orden. Die 
Bürger von Loͤbau hatten die Polniſche Beſatzung nebſt dem 
Biſchofe von Kulm mit Gewalt aus ihrer Stadt vertrieben 
und das Schloß ſelbſt eingenommen. Der Hochmeiſter erließ 
an ſie und an die Buͤrger von Guttſtadt eine Aufforderung 


1) Schr. des Oberkompans des HM. d. Kreuzburg am Abend 
Nativit. Mariä 1455 Schbl. LXXIII. 63. 

2) Schr. des HM. an den Komthur v. Graudenz, d. Mittw. vor 
Thomd 1455 Schbl. LXXX. 84. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. am Abend. Thoma 
1455 Schbl. LXXX. 32 Bunau p. 29, Schütz p. 233. 


Steigende Verwirrung im Lande. (1456.) 475 


zur Ergebung, mit dem Verſprechen, ſie gegen Ueberfall zu 
ſchützen und durch keine Söldner-Beſatzung zu belaͤſtigen.“ 
Allein der Rath der Stadt wies die Aufforderung mit der 
Erklarung zuruck: er erkenne den König von Polen noch als 
ſeinen Herren an, den er gegen ſeinen Eid nicht verlaſſen 
werde. Aber man ließ auch Ludwigen von Mortangen, der 
mit dreihundert Pferden heranzog, nicht in die Stadt ein. 
Auch Brathean wurde umſonſt belagert, denn auch hier moch⸗ 
ten die Soͤldnerhauptleute nicht mit Ernſt ans Werk greifen. 
Nirgends konnte man ihren Gewaltſchritten mehr Schranken 
ſetzn. Der Ordensſpittler in Koͤnigsberg, der nicht nur den 
Unterhalt des Herzogs von Sagan zu beſtreiten hatte, ſondern 
auch die Haͤuſer Ragnit und Memel mit dem Noͤthigſten ver⸗ 
ſorgen mußte, uͤberdieß täglich von den Hofleuten um Geld 
bedrängt und gequält wurde, ſtand ſchon in Gefahr, Koͤnigs⸗ 
berg wieder räumen und ganz Samland der Plimderung der 
Söldner Preis geben zu muͤſſen, denn alle feine Mittel waren 
theils erſchoͤpſt, theils wurden fie ihm gewaltſam entzogen.“ 
Georg von Schlieben, des Streites mit den Domherren endlich 
müde, uͤberfiel fie plotzlich auf dem Schloſſe zu Allenſtein, 
nahm ſie gefangen und jagte ſie hinweg, bemaͤchtigte ſich alles 
dorthin geflüchteten Kirchengeraͤthes des Biſchofs von Ermland, 
ebenſo aller Buͤcher, Geraͤthe und Kleinodien der Domkirche 
zu Frauenburg, die man dorthin gebracht, und alles dieſes be⸗ 
nutzte er als Beute für feine Soͤldner trotz aller bei der Ueber⸗ 
gabe Allenſteins vom Hochmeiſter gegebenen Verſprechungen. 
Zu dem allem war ihm der Komthur von Graudenz, den die 
Domherren mit Vertrauen in das Schloß aufgenommen, ſogar 


1) Schr. des HM. an die Städte Löbau u. Guttſtadt, d. am T. 
Beſchneid. Chr. 1456 Schbl. XXVI. 72. 

2) Schr. des Rathes v. Löbau an d. HM. d. am Abend der h. 
drei Könige 1456; Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Freit. vor 
b. drei Könige 1456 Schbl. LXXXI. 49. 133. 134. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. am T. h. drei Koͤnige 
1456 Schbl. LXXXI. 11. 


476 Steigende Verwirrung im Lande. (1456.) 


behuͤlflich geweſen. Um fo mehr war bei den andern Staͤdten 
ein hoͤchſt nachtheiliger Eindruck von dieſem Gewaltſchritte zu 
befürchten, denn die Domherren klagten mit vollem Rechte über 
die arge Treuloſigkeit. Umſonſt forderte der Hochmeiſter den 
Hauptmann und Komthur auf, alles Geraubte zuruͤckzugeben 
und die gefangenen Domherren frei zu laſſen.) Man ent: 
ſchuldigte die Gewaltthat damit, daß die Domherren mit un⸗ 
redlichen Abſichten Anſtalt getroffen haͤtten, Schloß und Stadt 
Allenſtein dem Feinde in die Haͤnde zu ſpielen, ja daß ſogar 
der Domdechant heimlich dem Koͤnige von Polen eine Lade 
voll Gold und Silber, welches dem Biſchofe gehoͤrt, zugebracht 
haben fol. Es war in der That gar nicht abzuſehen, bis 
zu welchen Gewaltſchritten das zuchtloſe Soͤldnervolk noch ge: 
trieben werden koͤnne, weshalb der Ordensſpittler jetzt dem 
Meiſter rieth: er moͤge eiligſt den Gubernator von Boͤhmen 
Georg Podiebrad um Vermittlung in dem Streit mit dem 
Koͤnige anſprechen, denn dieſer werde auf ihn noch am meiſten 
einzuwirken im Stande ſeyn. Durchs Schwert werde der 
Orden nimmermehr zum Ziele gelangen.“) 

Auch der paͤpſtliche Bannfluch, ſo eifrig man ihn auch 
in allen Staͤdten bekannt machte und ſoviel man ſich auch 
von feinen Wirkungen verſprach,“ hatte keineswegs den er— 
wünfchten Erfolg. Statt die Verbuͤndeten zu ſchrecken und zur 
Beſinnung zu bringen, hatte er in dem dem Orden wieder zu— 
gewandten Volke in Staͤdten und auf dem Lande nur allge: 
meine Unruhe, Verzagtheit, Zerwuͤrfniß und Zweifel in den 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Mont. nach Priſcaͤ 
1456 Schbl LXXXI. 

2) Schr des HM an Georg v. Schlieben, d. Sonnt. nach Ber 
ſchneid. Chr. u. Freit. nach h. drei Kön. 1456 Schbl. LXXXI. 55. 112. 

3) Schr. des HM. an den Biſch. v. Ermland u. an d. Procurater, 
d. Sonnab. vor Priſcaͤ 1456 Schbl. LXXXI. 9. 

4) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Freit. nach h. drei 
Koͤnige 1456 Schbl. LXXXI. 17. 

5) Schr. des Biſch. v. Pomeſanien, d. Rieſenb. am T. h. drei 
Könige 1456 Schbl. LU. 7. 


Steigende Verwirrung im Lande. (1456) 477 


Gemuͤthern hervorgebracht. Da der Papſt die Abſolution vom 
Banne ſich allein vorbehalten und eine Vollmachtsbulle zur 
Abſolution für die Landesbiſchoͤſe in Rom noch nicht ausge⸗ 
wirkt war, ſo geriethen die Geiſtlichen Überall in die größte 
Ungewißheit in Ruͤckſicht ihrer gottesdienſtlichen Verrichtungen. !) 
Wie in Samland, ſo erfolgten allenthalben die unruhigſten 
Bewegungen. In Kulm z. B., wo der Bann einen Theil 
der Bewohner zur Rückkehr in des Ordens Gehorſam bewo⸗ 
gen, weigerten ſich die Geistlichen Meſſe zu halten. Umſonſt 
war der Befehl des Magiſtrats, umſonſt die Drohung der 
Ordensfeinde, die flörrigen Prieſter in die Weichſel zu wer⸗ 
fen. Auch der Biſchof mochte nicht thätig eingreifen, erklaͤ⸗ 
rend: jeder ſolle nach ſeinem Gewiſſen handeln. Darin aber 
lag eben der Grund der großen Aufregung und Unruhe unter 
der ganzen Bürgerſchaft, die noch geſteigert ward, als ein 
Prieſter in einem ſchrecklichen Traumgeſichte die Erde ſich öffnen, 
alle Gebannten verſchlingen gefehen und den ſchauerlichen Ruf 
vernommen haben wollte: man ſolle von dem ſchweren Irr⸗ 
wahne zuruͤckkehren, denn der Rath mochte den Prieſter im⸗ 
merhin fin einen Trunkenbold erklaͤren; das Volk glaubte ſei⸗ 
nem Worte vom Predigtſtuhle mehr, als den Schmaͤhungen 
der Nathsherren.?) Um biefer ſteigenden Verwirrung zu be⸗ 
gegnen, erſuchte der Hochmeiſter den Procurator in Rom aufs 
Dringendſte, beim Papſte ſo eilig als moͤglich eine Abſolutions⸗ 
und Dispenſationsbulle für die Geiſtlichen im Lande auszuwir⸗ 
ken, aber zugleich auch auf Mittel zu denken, um den hoͤchſt⸗ 
nachtheiligen Einwirkungen der Polniſchen Biſchoͤfe, beſonders 
des von Leſlau und des Erzbiſchofs von Gneſen auf des Or⸗ 
dens Unterthanen ein Ziel zu ſetzen, denn ſeit langer Zeit ſchon 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Freit. nach Epiphan. 
1436 Schbl. LXXXI. 85. 

2) Schr. des Rathes v. Kulm an Gabriel v. Baiſen, Woiwoden 
des Kulmerlandes, d. Mont. nach Pauli Bekehr. 1456 im Rathsarchiv 
zu Thorn Cist. XVII. 35. 

3) Schr. eines gewiſſen Hermann Lange an d. HM. d. Neumark 
Freit. vor Valentin 1456 Schbl. LXXXVI. 151. 


478 Bedraͤngniſſe d. Ordens durch die Soldner. (1456,) 


war es ihr eifrigſtes Beſtrebenz die unter ihrer geiſtlichen Ju⸗ 
risdiction ſtehenden Bewohner Pommerellens durch Lug und 
Trug, Verleumdung und Verhetzung gegen den Orden aufzu⸗ 
wiegeln und zu erbittern. Am wuͤthendſten ſchmaͤhte und laͤ⸗ 
ſterte, fluchte und tobte der von altem Haſſe getriebene Biſchof 
von Leſlau, der alles aufbot, um die Herrſchaft des Ordens 
gaͤnzlich zu vernichten. Durch ihn vorzuͤglich wurde auch das 
Volk in Danzig immer von neuem gegen den Orden aufge⸗ 
hetzt.“ 

Mittlerweile hatten die Soͤldnerhauptleute ihre Unterhand⸗ 
lungen mit dem Koͤnige wegen Verkauf des Landes fortgeſetzt. 
Letzterer und die großen Bundesſtaͤdte hatten alle Mittel ange⸗ 
wandt, um das noͤthige Kaufgeld zuſammenzubringen, wobei 
die Thorner am thaͤtigſten waren.) Bereits ward auch we⸗ 
gen eines Tages verhandelt, auf welchem der Verkauf förmlich 
abgeſchloſſen werden ſollte. Von Deutſchland aus verſchwand 
ſchon faſt alle Ausſicht zur Rettung für den Orden. Der 
Kurfuͤrſt von Brandenburg hatte ſich an den Kaiſer mit der 
Bitte gewandt, die Deutſchen Fuͤrſten und den Adel zum Bei⸗ 
ſtand fuͤr den Orden aufzufordern und ihnen vorzuſtellen, wel⸗ 
chen Verluſt die ganze Deutſche Nation erleide, wenn Preuſſen 
an Polen verloren gehe. Er bat, der Kaiſer moͤge nur be⸗ 
wirken, daß die Fuͤrſten wenigſtens dreitauſend Reiſige auf 
brachten und ihm in die Mark zuſendeten; er wolle dann auf 
eigene Koſten ebenfalls dreitauſend Mann ſtellen, denn damit 
ſey Preuſſen fuͤr die Deutſche Nation und das Reich zu erhal⸗ 


1) Schr. des HM. an d. Procurator, d. Donnerſt. nach h. drei 
Könige und am T. Agnes 1456 Schbl. LXXXI. 71 u. XXVI. 70 
LXIII. 8. Der HM, regt daher den alten Plan wieder an, aus den 
Gütern des Ordens in Pommerellen, fo weit die Polnif. Biſchoͤfe dort 
die Jurisdiction haͤtten, ein beſonderes Biſthum zu machen und einen 
Bifchof von Pommerellen unter des Ordens Schutz zu ſtellen. 

2) Schr. Ruͤdigers an den HM. d. Leſſen Mittw. nach Pauli Be⸗ 
kehr. 1456 Schbl. XXIII. 21. Schr. des Hauptmannes Nicolaus Rei⸗ 
tenbach zu Preuſſ. Mark an d. HM. d. Mittw. nach Pauli Bekehr. 
1456 Schbl. Adelsgeſch. R. 64. 


Bedraͤngniſſe d. Ordens durch die Söldner. (1456.) 479 


ten. v Friederich fand indeß mit feiner Bitte kein Gehör. Er 
hatte den Deutſchmeiſter aufs nachdruͤcklichſte zu Aufbringung 
einer beſtimmten Geldſumme gemahnt und von ihm auch das 
Verſprechen erhalten, er werde jedes Mittel durch Verkauf 
oder Verpfaͤndung von Ordensguͤtern verſuchen, weshalb er 
auch dem Hochmeiſter immer noch tröftende Hoffnungen ſtellte, 
ſofern nur die Soͤldner noch bis auf S. Georgs⸗Tag hinge⸗ 
halten werden könnten.) Allein bald gab der Deutſchmeiſter 
ſelbſt dem letztern unumwunden zu erkennen, wie ſehr er und ſeine 
Gebietiger ſich dadurch verletzt und beleidigt fühlten, daß der 
Kurfürſt im Auſtrage des Hochmeiſters fie fo ernſt und nach⸗ 
drücklich an Aufbringung des Geldes gemahnt habe. Er er⸗ 
klaͤrte geradezu: es ſei ganz unnütz, ihn durch fremde Fuͤrſten 
erſt antreiben zu laſſen; er habe laͤngſt durch Verſuche zum 
Verkaufe oder zur Verpfaͤndung das Moͤglichſte gethan; daß 
aber nichts dadurch erreicht werde, ſey des Hochmeiſters eigene 
Schuld, da er unberechtigt auf Deutſche Ordensguͤter an ver⸗ 
ſchiedene Soͤldnerhauptleute Verſchreibungen ausgeſtellt habe, 
die nun jedermann vom Kaufe und der Pfandnahme der Or⸗ 
densbeſitzungen zurückſchreckten. Verſprach nun auch der Deutſch⸗ 
meiſter, er werde auch forthin in der Sache keine Muͤhe ſpa⸗ 
ren, ſo war doch bei ſolcher gereizten Stimmung von ihm und 
feinen Gebietigern wenig zu erwarten,“ zumal da auch dort 
unter dieſen keine Einigkeit herrſchte und dem Deutſchmeiſter 
nicht einmal Überall Gehorſam geleiſtet wurde.“ 


1) Schr. des Kurfürft. v. Brandenb. an d. Kaiſer, d. Plaſſen⸗ 
burg Dienft, nach Pauli Bekehr. 1456 bei Jaeger Cod. diplom. O. 
T. s. h. a. 

2) Schr. des Kurfürſt. v. Brandenb. an d. HM. d. Koͤln a. d. 
Spree Sonnt. Eſtomihi 1456 Schbl. XII. 60. Schr. Hartungs v. 
Eglofſtein, Statthalter der Ballei Franken an d. HM. d. Nürnberg 
am T Vincentii 1456 Schbl. 102 6. 

3) Schr. des Deutſchmeiſt. an d. HM. d. Nürnberg Mittw. nach 
Fabian u. Sebaſt. 1456 Schbl. DM. 138. ‚Jueger I. c. 

4) Schr. des Komtburs v. Mewe an d. HM. d. im Haag Sonnt. 
vor Mariä Lichtweihe 1456 Schbl. XXXIII. 108. Jaeger I. o. 


480 Verhandlungen wegen Verkauf des Landes. (1456.) 


Der Hochmeiſter ward jetzt ſchon Tag fuͤr Tag von den 
Hauptleuten zu Marienburg beſtuͤrmt. Es war faſt nicht 
mehr moͤglich, ſie zu einiger Nachſicht und Geduld auch nur 
auf einige Wochen zu bewegen; ſie erklaͤrten bereits dem Hoch⸗ 
meiſter geradezu: wer ihnen Sold und Schaden ausrichte, dem 
winden fie auch ſofort das Land einraͤumen.) Sie hielten 
daher in der Mitte des Februars mit des Koͤniges Raͤthen ei⸗ 
nen neuen Verhandlungstag zu Graudenz, wo ihnen mehre 
Anerbietungen vorgelegt wurden, die ihnen jedoch nicht genuͤg⸗ 
ten.) Dieß gab dem Meiſter wieder einige Hoffnung. Mit 
zehn⸗ bis zwoͤlſtauſend Gulden, meinte er, wuͤrden jetzt die 
Hauptleute auf einige Zeit zu befriedigen ſeyn. Er wandte 
ſich deshalb nochmals an den Kurfuͤrſten Friederich und an die 
beiden Meiſter von Deutſchland und Livland mit der inſtaͤn⸗ 
digſten Bitte um dieſe geringe Summe; er erwartete dann 
immer noch einen gluͤcklichen Ausgang, denn auch manches andere 
hob den Muth wieder mehr empor. Die Burg Brathean war vom 
Ordensvolke gewonnen und auch die Stadt Rheden erſtiegen 
worden. Dieſe indeß ging bald, als das Ordensvolk auch das 
Schloß erſtuͤrmen wollte und es zwiſchen ihm und den heran⸗ 
kommenden buͤndiſchen Kriegshaufen zum Kampfe kam, in 
Flammen auf.) Man faßte ſogar Hoffnung, daß der Orden 


1) Schr. des HM. an den Ordensſpittler, d. Donnerſt. nach Pu⸗ 
if. Mariaͤ 1456 Schbl. LXXXI. 77. 

2) Schr. des HM. an den Muͤhlenmeiſter v. Marienb. zu Preufl. 
Mark, de Dienſt. nach Invocavit 1456 Schbl. LXXXVI. 82. Schr. 
des HM. an d. Kurf. v. Brandenb. d. Mont. nach Reminiſcere 1456 
Schbl. LXXXI. 79. 80. Die Poln. Raͤthe hatten 55 Gulden als 
Sold aufs Pferd und 10 Gulden als Schaden aufs Pferd geboten. 

3) Schr. des HM. an den Kurfuͤrſt. v. Brandenb. a. a. O. 
Schr. des HM. an den Deutſchmeiſt. d. Mont. nach Oculi 1456 bei 
Jaeger I. c. 

4) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſt. d. Dienſt. nach Remi⸗ 
niſcere 1456 Schbl. DM. 139. Runau p. 30. Schütz p. 235; nach 
dieſen Chroniſten verlor der Orden im Kampfe um Rheden 250 Todte 
und viele Gefangene. Schr. des HM. an d. Livl. Meiſter, d. am 
T. Mathis 1456 Schbl. V. 1, 


Bedrängniſſe d. Ordens durch die Soldner. (1450.) 481 


ſich bald des größten Theiles vom Kulmerland werde bemaͤch⸗ 
tigen koͤnnen, denn die ſtaͤdtiſchen Beſatzungen waren überall 
nur ſchwach. Bei Rheden behauptete immer noch ein anſehn⸗ 
licher Heerhaufe vom Ordensvolke ſeine Stellung unter des 
Hauptmannes Nicolaus von Wolfersdorf Befehl.) Bereits 
hatte auch Löbau ſich unter gewiſſen Bedingungen zur Erge⸗ 
bung an den Orden erboten und um Oſterode erklaͤrte ſich die 
Ritterſchaft zu allen Opfern bereit, die ſie nur irgend zur Auf⸗ 
huͤlfe des Ordens bringen koͤnne.) Auch der Dom zu Frauen⸗ 
burg, woraus die Feinde, die ihn beſetzt, dem Orden vielen 
Schaden zugefuͤgt hatten, war vom Hauptmanne Volkel Roͤder 
erftinmt und ein Haufe Boͤhmiſcher Trabanten dabei gefangen 
genommen worden.?) Selbſt von auswaͤrtiger Einwirkung ver⸗ 
ſprach man ſich noch einigen Erfolg. Der Kurfuͤrſt von 
Brandenburg hatte ſeine dringendſten Bitten an den Kaiſer 
nochmals wiederholt.) Auf feinen Betrieb eröffnete ſich auch 
jetzt wieder eine erfreuliche Ausſicht auf Hülfe von Daͤnemark, 
denn der Koͤnig erbot ſich ſelbſt im Fruͤhling mit einer Flotte 
vor der Weichſel zu erfcheinen. ® 

Allein dieß alles rettete nicht von der von den Söͤldner⸗ 
hauptleuten drohenden Gefahr, denn bei ihnen fruchteten keine 


1) Credenzbrief des HM. für Fritz v. Raueneck an die Hauptleute 
bei Rheden, d. Sonnt. Laͤtare 1456 Schbl. LXXXI. 16. Schr. des 
Nicolaus v. Wolfersdorf an den HM. d. Rheden Dienſt. nach Oculi 
1456 Schbl. XLVII. 40. 

2) Schr. des Komthurs v. Oſterode an den HM. d. Dienſt. nach 
Oculi 1456 Schbl. LXXXI. 6. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. am Abend Kathedra 
Petri 1456 Schbl. LXXXI. 86. Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſt. 
d. Mont. nach Oculi 1456 bei Jaeger I. o. 

4) Schr. des Kurfürſt. v. Brandenb. an d. Kaifer, d. Koͤln a. 
d. Spree Sonnab. nach Invocavit 1456 Schöbl. XII. 58. 

5) Schr. des Koͤniges Chriſtian v. Danemark, d. Noſtock Mittw. 
nach Laͤtare 1456 Schbl. XXXI. 63. Schr. des Kurfuͤrſt. v. Bran⸗ 
denb. an d. HM. d. Koͤln a. d. Spree Palmſonnt. 1456 Schbl. XII. 
58. Der Geſandtſchaft an den Koͤnig v. Dänemark erwähnt Det⸗ 
mar B. II. 181. 

VIII. 31 


482 Verhandlungen wegen Verkauf des Landes. (1456.) 


Vorſtellungen mehr, auch ſelbſt die Briefe des Kurfuͤrſten von 
Brandenburg und des Deutſchmeiſters nicht, die ihnen der 
Hochmeiſter zu ihrer Beruhigung mittheilte. Ueber ein ganzes 
Jahr durch leere Verſprechungen hingehalten verlangten ſie 
jetzt ohne weiteres Geldzahlung, ohne ſich auf irgend etwas 
einzulaſſen. Sie erklaͤrten nochmals, daß ſie mit dem Koͤnige 
auf ſein Anerbieten noch nicht abgeſchloſſen und das Land lie⸗ 
ber dem Orden erhalten wollten, wenn man ſie nur irgendwie 
zufrieden ſtelle. Der Hochmeiſter und der Ordensſpittler wa⸗ 
ren in der ſchrecklichſten Lage; alle Bitten blieben fruchtlos, 
alle Mittel zur Rettung waren erſchoͤpft. Der Hochmeiſter 
wuͤnſchte zu ſeiner perſoͤnlichen Sicherheit noch einige hundert 
Reiſige und Trabanten nach Marienburg; allein ſie wollten 
nur dahin ziehen, wenn man ihnen zuvor das verlangte Geld 
zahle.) Nun war zwar auf die Vorſtellungen der hochmei⸗ 
ſterlichen Geſandten von den Praͤlaten und der Ritterſchaft in 
Livland auf einem Landtage zu Walk die Erhebung einer au⸗ 
ßerordentlichen Grundſteuer oder „ein Vorſchoß“ ſowohl im 
biſchoͤflichen als im Ordensgebiete zur Beihuͤlfe des Ordens in 
Preuſſen beſchloſſen worden.? Allein der dortige Meifter er⸗ 
klaͤrte: er werde, um in der Sache ſicher zu gehen, das ges 
ſammelte Geld nicht eher ſenden, als bis die Hauptleute ſich 
in einem Vertrage zuvor dazu verſtanden haͤtten, dem Hoch⸗ 
meiſter und dem Orden Marienburg und die andern von ihnen 
beſetzten Schlöffer und Städte voraus frei wieder einzuräumen und 
zu voller Verfügung zu ſtellen: ?) eine Bedingung, auf welche 
ſich die Hauptleute bei ihrem Mißtrauen gegen die Ordensge⸗ 


1) Schr. des HM. an d. Ordensſpitkler, d. am T. Mathid 1456; 
Schr. des HM. an d. Kurfürft. v. Brandenb. d. Mont. nach Oculi 
1456 Schbl. LXXXI. 75. 80. Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. 
d. Koͤnigsb. Sonnt. Lätare 1456 Schbl. V. 37. 

2) Schr. des Livland. Meiſters, d. Riga Sonnab. vor Oculi 
1456; Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Sonnt. Laͤtare 1456 
Schbl. V. 2. 14. 

3) Schr. des Livlaͤnd. Meiſters, d. Riga Dienſt. nach Judica 
1456 Schbl. V. 45. 


Unterhandl. m. d. Soͤldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 483 


bietiger gar nicht einließen, ſelbſt auch dann noch nicht, als 
der Landmarſchall von Livland und der Komthur von Reval 
als Bevollmaͤchtigte des Livlaͤndiſchen Meiſters in Königsberg 
offen erklaͤtten: man werde nach geſchehener Raͤumung der be⸗ 
ſetzten Burgen den Rottmeiſtern ſofort dreißigtauſend und dann 
in einem beſtimmten Termine noch hunderttauſend Gulden von 
Livland aus entrichten.) So blieb dem Hochmeiſter nichts 
mehr übrig, als vor allem diejenigen Soͤldnerführer für ſich 
zu gewinnen und an den Orden zu feſſeln, die es bisher immer 
noch treu und redlich mit ihm gemeint, als Bernhard von 
Zinnenberg, „den Urheber unſerer Rettung,“ wie ihn der Mei⸗ 
ſter nennt, den Herzog Balthaſar von Sagan, der in der 
That außerordentliche Opfer fuͤr den Orden gebracht, Nicolaus 
von Wolfersdorf u. a. Er ſuchte daher dieſe mit dem Gelde, 
was irgend noch aufzubringen moͤglich war, zu unterſtuͤtzen 
und zu begüfigen. 2 

Unterdeß ruͤckte die den Soͤldnern neugeſtellte Friſt auf 
S. Georgs⸗Tag immer naͤher. Aus Deutſchland kam keine 
Huͤlſe. Die hochmeiſterlichen Sendboten hatten ohne Erfolg 
faft alle dortigen Balleien durchzogen, weil die meiſten Fuͤrſten 
nicht geſtatten wollten, die unter ihnen gelegenen Ordensguͤter 
verkaufen zu laſſen. Der Deutſchmeiſter konnte auch nicht 
einmal die kleine Summe von zehn= bis zwoͤlftauſend Gulden 
zuſammenbringen, ſondern tröffete nur mit der Hoffnung, daß 
ihm dieß vielleicht bis Johanni möglich) werden Tünne. 9) 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Oſterabend u. Sonnt. 
nach Oſtern 1456 Schbl. V. 9. XXIII. 17. 

2) Schr. des HM. an d. Kurfürſt. v. Brandenb. d. am T. Pe⸗ 
tri Kathedra 1456 Schbl. XII. 61. Schr. des HM. an d. Deutſch⸗ 
meiſter, d. Sonnt. Miſericord. 1456 Schbl. IX. 13. In dieſen und 
mehren andern Schreiben (Schbl. LI. 39. V. 4.) bittet er für die 
obengenannten Hauptleute um Unterftügung, um ſie dem Orden treu 
zu erhalten. 

3) Schr. des Deutſchmeiſters an d. Kurfuͤrſt. v. Brandenb. d. 
Mergentheim Donnerſt. nach Quaſimodogen. 1456 Schbl. LXXXI. 
68. Schr. des Mergentheimer Kapitels an den HM. ann bei Jaeger 

31 


484 Unterhandl. m. d. Söldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 


Man ſuchte alſo durch Unterhandlungen mit den Hauptleuten 
wo moͤglich noch Zeit zu gewinnen, um vielleicht irgend noch 
einen Ausweg zu finden. Dieſe indeß ließen ſich jetzt um ſo 
weniger auf fernere Verſprechungen ein, da ihnen auf zwei 
neuen Verhandlungstagen zu Thorn und Graudenz von den 
Raͤthen des Koͤniges noch guͤnſtigere Anerbietungen gemacht 
worden waren, die nicht wenig dazu beitrugen, ihre Hartnaͤckig⸗ 
keit noch zu ſteigern.) Die zu Marienburg, namentlich die 
Böhmen, an ihrer Spitze der Hauptmann Ulrich Czirwenka 
von Ledetz ſchloſſen bereits mit den Hauptleuten der Bundes⸗ 
ſöldner zu Stargard und Neuenburg für ſich allein bis auf 
S. Georgs⸗Tag einen Waffenſtillſtand ab, denn an dieſem 
Tage ſollte ſich alles entſcheiden.) Und die Entſcheidung 
wuͤrde ohne Zweifel jetzt auch ſchon gefallen ſeyn, waͤre nicht 
eben auch der Koͤnig in der groͤßten Bedraͤngniß geweſen. In 
ſeinem Reiche, beſonders in Krakau war alles in unruhiger 
Bewegung. Die Hauptleute der Boͤhmiſchen Soͤldner, die 
fich zum Theil aus Preuſſen nach Polen gezogen hatten und 
in großer Zahl in der Umgegend von Krakau lagen, forderten 
dort ebenfalls mit ſtuͤrmiſcher Gewalt ihren ruͤckſtaͤndigen Sold; 
er war nicht weniger bedeutend, denn ein einziger Hauptmann 
z. B. hatte eine Forderung von vierzigtauſend Gulden. Faſt 
allen war der Koͤnig die Zahlung noch ſchuldig. Selbſt die 
Polniſchen Großen ſagten ihm großen Theils den Dienſt 
auf, ſofern er ihnen nicht ihren verſprochenen Kriegsſchaden 
verguͤte. Es kam daruͤber zu den wildeſten Auftritten. Das 
Land, die Geiſtlichkeit, der Adel, die koͤniglichen Guͤter, Kirchen 
und Kloͤſter wurden außerordentlich beſchatzt, haͤufig foͤrmlich 
ausgepluͤndert, und doch reichte das daraus Gewonnene nir⸗ 


Cod. diplom. s. h. a., wo. der ganze Tägliche Zuſtand der Deutſchen 
Ordensballeien geſchildert iſt. 

1) Ueber die Verhandl. mit den Soͤldnerhauptleuten Schr. des 
HM. an d. Kurfürft- v. Brandenb. d. Freit. vor Miſericord. 1456 
Schbl. 54. 59. 

2) Abſchrift des Waffenſtillſtandes, d. Mar. Mont. nach Miſeri⸗ 
cord. 1456 Schbl. LXXXI. 46. 


Unterhandl. m. d. Soͤldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 485 


gends hin. Alles ſtand in Zwietracht und Auftuhr wider ein- 
ander. In Krakau trat ſogar der königliche Marſchall nebſt 
einer Anzahl von Rittern mit Verletzung alles Anſtandes vor 
dem Könige mit der Forderung auf: er ſolle den ihnen gege⸗ 
benen Verſchreibungen ſchlechterdings nachkommen, und da der 
König dieß jetzt für unmöglich erklaͤrte, zerriſſen fie feine Ver⸗ 
ſchreibungen vor feinen Augen und warfen ihm die Siegel vor 
die Füße, mit den Worten: „Koͤnig, ſo du deine Brieſe nicht 
beſſer bei Macht erhalten willſt, fo magſt du forthin das Siegel 
einem Hunde vor den Hintern haͤngen.“ Auch aus dem dem 
Könige noch unterthänigen Theile Preuſſens war für ihn keine 
Hülfe zu erwarten; wie in Thorn, fo ſtraͤubte man ſich allent⸗ 
halben, den von ihm auferlegten Schoß zu entrichten, und die 
in Preuſſen liegenden Soldtruppen des Koͤniges und der Ver⸗ 
buͤndeten drohten ebenfalls ſchon, den Dienſt aufkuͤndigen zu 
wollen, wenn man ſie nicht befriedige. Die Litthauer endlich 
verweigerten noch ſtandhaſt alle Hülfsleiftung zur Bekaͤmpfung 
des Ordens wegen des ewigen Friedens, den ſie nicht verletzen 
wollten.“) 5 

Dieſen Verhaͤltniſſen des Königes, den eindringlichen Vor⸗ 
ſtellungen Bernhards von Zinnenberg auf Stuhm, vor allem 
aber den raſtloſen Bemuͤhungen des Ordensſpittlers, der ſich 
jetzt ſelbſt mit dem Livlaͤndiſchen Landmarſchall und dem Kom⸗ 
thur von Reval nach Marienburg begab, war es zuzuſchrei⸗ 
ben, daß die Unterhandlungen der Hauptleute wegen Verkauf 
des Landes noch zu keinem Erfolge führten. In einem Schrei⸗ 
ben ſtellte ihnen der Letztere das Gewiſſenloſe und Grundver⸗ 
derbliche ihres verwegenen Unternehmens für Land und Volk 

1) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Donnerſt. vor 
Jubilate 1456 Schbl. LXXXI. 2; der Biſchof hatte alle die mitge⸗ 
theilten Nachrichten von einem Augenzeugen, der in Polen ſelbſt den 
Zuſtand der Dinge kennen gelernt. 

2) Der Livländ. Landmarſchall war Gotthard v. Plettenberg, der 
Komthur v. Reval Gerdard v. Mallinkrodt; der für beide vom Gra⸗ 
fen Adolf v. Gleichen und ulrich Czirwenka ausgeſtellte Geleitsbrief 
Schbl. V. 44; vgl. Schütz p. 237. 


486 Unterhandl. m. d. Söldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 


klar vor Augen. „Ihr meint, ſchrieb er ihnen, ihr wollt im 
Vertrage mit dem Koͤnige das Volk des Landes, welches ihr 
mit verkaufet, ſchon ſo verſorgen, daß es an Leib und Gut 
ſicher ſeyn ſolle. Aber ihr habt ja wohl vernommen, wie hoch 
der Koͤnig von Polen mit allen Herren ſeiner Lande den ewigen 
Frieden verſchrieben, beſiegelt, auf dem heiligen Holze beſchwo⸗ 
ren und dennoch nicht gehalten hat; was wird er jetzt den ge⸗ 
treuen Leuten halten? Darum bitten wir euch um Gottes 
und unſerer lieben Frauen willen, ſehet an euern Adel und 
euere ritterliche Thaten, die ihr manche Stund gethan habt 
und verkaufet nicht ſo jaͤmmerlich die getreuen Leute in den 
bittern Tod.“ Hunderttauſend Unger. Gulden verſprach er 
dann auf Treue und Glauben den Hauptleuten, ſofern ſie den 
Verkauf einſtellten, auf naͤchſten Johannis-Tag; darauf nach 
Bezahlung dieſer Summe ſollten ſie Marienburg dem Orden 
wieder einraͤumen und auf Michaelis oder auch fruͤher ſolle 
eine gleiche Summe entrichtet werden. Werde ihnen das nicht 
genuͤgen, ſo wolle man Fuͤrſten und Herren vermögen, ſich 
mit dem Orden zu verſchreiben, daß das ganze Land Preuſſen 
fuͤr das Geld ihr Pfand ſeyn ſolle und man wolle es ihnen 
einraͤumen, wie ſie es jetzt inne haͤtten. „Wir bitten euch, ſo 
hoch wir vermoͤgen, thuet durch Gott und nehmet von uns 
ſolches Geld an. Wir vertrauen auf den allmaͤchtigen Gott, 
ſo ihr mit uns eins wuͤrdet und ſolch Geld von uns annehmet, 
daß wir mit ſeiner Huͤlfe 200,000 Gulden an Gold, Silber 
und Geld auf Michaelis werden entrichten koͤnnen, wozu wir 
Mittel und Wege gefunden.“ ) 

Die Hauptleute ließen ſich durch dieſes eindringliche Wort 
zwar wieder auf einige Zeit beſchwichtigen, zumal da ſie ver⸗ 
nahmen, daß der Meiſter von Livland die verheißenen Summen 
wirklich herbeiliefern wolle. Allein fuͤr den Hochmeiſter waren 
es die verzweiflungsvollſten und troſtloſeſten Tage, die ein Fuͤrſt 


1) Schr. des Ordensſpittlers an die Soͤldnerhauptleute zu Ma⸗ 
rienb. d. Preuſſ. Mark Mont. nach Georgii 1456 Schbl. LXXXI. 
156, gedruckt in Voigt Geſch. Marienb. S. 576. 


Unterhandl. m. d. Söldnern weg. Verkauf d. Landes. (1450.) 487 


erleben konnte; jeder brachte eine neue Kraͤnkung, eine neue 
Demüͤthigung. Das Sölonewolf aus Marienburg hauſte im 
Stuhmiſchen Gebiete auf die fluchterlichſte Weiſe, pluͤnderte 
alle Kirchen, raubte wie in Feindes Land, ohne daß Bernhard 
von Zinnenberg ihm feindlich begegnen durfte.” Meinen, 
daß die Nachricht von des Daͤniſchen Koͤniges Entſchluß, mit 
einer Flotte vor Danzig zu erſcheinen , bie Stadt werde er⸗ 
ſchreckt haben, erließ er an die Gewerke abermals eine drin⸗ 
gende Aufforderung zur Ergebung an den Orden, zugleich mit 
Hindeutung auf den bereits erfolgten Bannfluch des Papſtes, 
der ſelbſt das Heil ihrer Seelen in große Gefahr ſetze. 
Allein die Danziger wieſen ſeine Anerbietungen mit der Erklaͤ⸗ 
rung zuruͤck: es ſey unnuͤtz, ſolche Briefe nach Danzig zu 
ſchreiben; man werde ſie nicht mehr annehmen; man habe 
früher ihn und die Gebictiger dringend genug gebeten, ſich 
ihrer zu erbarmen; mit wehmuͤthigen Bitten habe man ihm 
damals allen Jammer vorgeſtellt; allein ſie ſeyen nicht gehört 
worden; nichts ſey dem Hochmeiſter damals zu Herzen gegan⸗ 
gen. Durch Noth gedrungen hätten fie einen andern Herrn 
wahlen müffen, der fie aus ſolcher Bedraͤngniß befreie, und 
dieſen, den Koͤnig von Polen, dem ſie gehuldigt und geſchwo⸗ 
ren und den der Hochmeiſter ſelbſt ſeines Ordens Pflanzer 
und Patron genannt, wuͤrden ſie nie wieder verlaſſen. „Was 
ihr vom Banne des Papſtes ſchreibt, das achten wir wenig, 
denn wir wiſſen zu guter Maaße und die Rechte lehren es 
auch, daß man dem Nechte nach niemand ungeladen und un⸗ 
gehört verdammen darf und wir wiſſen auch, daß die Dinge 
ſich anders verlaufen haben, als ihr ſchreibt. Was aber die 
Acht des Kaiſers belangt, ſo haben wir an unſerem Koͤnige 
einen Herrn, der uns des zu ſeiner Zeit nach Gebührlichkeit 


4) Schr. Bernhards v. Sinnenberg an d. HM. d. Stuhm Freit. 


nach Marci 1456 Schbl. LI. 42. 
2) Aufforderung des HM. an die Gewerke in Danzig, d. Dienft- 


nach Judica 1456 Schbl. XXVI. 63, Schütz p. 236 — 237, 


488 Unterhandt, m. d. Soldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 


wohl austragen wird.“ ) So zuruͤckgewieſen erſuchte jetzt der 
Hochmeiſter den König von Dänemark von neuem, ſobald als 
möglich mit feiner Flotte vor Danzig zu erſcheinen. ) Er 
zoͤgerte nun auch nicht länger, den paͤpſtlichen Bannfluch gegen 
die Verbuͤndeten und ihre Anhänger in der Stadtkirche zu Ma⸗ 
rienburg wiederholt bekannt machen zu laſſen.) Der Biſchof 
von Ermland hatte ihn bereits auch in Breslau und der Propſt 
von Soldin in der Mark, Pommern u. ſ. w. feierlich verkuͤn⸗ 
digt und allenthalben an die Kirchthuͤren anſchlagen laſſen. ® 
Auch wegen ſtrengerer Bollführung der kaiſerl. Acht, die bisher 
von den Hanſeſtädten (welche ſich beim Kaiſer dagegen erklärt 
hatten) eigentlich faſt noch gar nicht und ſelbſt vom Herzog 
von Burgund nur wenig beachtet worden war, 9 that der 
Meiſter neue Schritte, den letztern Fuͤrſten nochmals erſuchend, 
die kaiſerl. Achtbriefe in feinen Landen ſchaͤrfer vollfuͤhren und 
namentlich alles Gut und Eigenthum der Geaͤchteten uͤberall 
auffangen und wegnehmen zu laſſen. ) Allein auch dieß hatte 
wenig Erfolg, denn weder in Flandern, noch in den Hanſe⸗ 
ſtaͤdten mochte man wegen des Streites des Hochmeiſters mit 
ſeinen Unterthanen auf die Handelsgewinne, die man aus 
Preuſſen zog, Verzicht leiſten. “) 


1) Schr. der Buͤrgermeiſter, Rathsmanne, Gewerke und der gan⸗ 
zen Gemeine von Danzig, d. am krummen Mittw. 1456 Schöl. 
LXXXI. 18. 

2) Schr. des HM. an den Koͤnig v. Daͤnemark, d. Mont. nach 
Marci 1456 Schbl. XXXI. 56. 

3) Die Publications-Inſtrumente, d. Mar. 24 April u. mehre 
aus dem Mai 1456 Schbl. XIV. 4 — 8. XV. 34. 35, 

4) Schr. des Biſchofs Franciſcus v. Ermland an d. HM. d. Bres⸗ 
lau Sonnt. Jubilate 1456 Schbl. I. 33. Schr. des HM. an den 


Propft zu Soldin, d. Donnerſt. nach Quaſimodogen. 1456 Schbl. 
LXXXI. 68. 


5) Vgl. darüber Schiitz p. 236. 

6) Schr. des HM. an den Herzog v. Burgund, d. Donnerft, 
nach Oſtern 1456; Schr. des HM. an den Ordensritter Hugo von 
Siebenbergen, d. Son nab. vor Quaſimodogen. 1456 Schbl. LXXXI. i. 9. 

7) Schütz P. 236, 


Unterhandl. m. d. Söldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 489 


Der Meiſter bot fort und fort alle nur möglichen Mittel 
auf, um einiges Geld aufzubringen, denn da die Haupt: 
leute ihm offen erklärten, daß ſie uͤber den Landesver⸗ 
kauf mit dem Koͤnige noch durchaus nichts abgeſchloſſen 
hatten und das von dieſem ihnen verſprochene Geld viel 
lieber vom Orden nehmen wollten, da ferner der Ordens⸗ 
ſpittler, um die Unzufriedenſten zur Geduld zu gewinnen, 
ihnen aufs Pferd bis Pfingften noch vier Gulden zu entrich⸗ 
ten verſprochen, was im Ganzen eine Summe von achttauſend 
Gulden ausmachte, ſo erſuchte der Meiſter dieſen letztern aufs 
allerdringendſte, vorerſt wenigſtens für Zahlung dieſer Summe 
zu ſorgen. Er wandte ſich auch ſelbſt wieder an den Deutſch⸗ 
meiſter und den Kurfurſten von Brandenburg, beiden erklaͤrend, 
daß jetzt alles auf dem Spiele ſtehe, wenn nicht ſchleunigſt 
Hülfe komme.) Allein dem Ordensſpittler war es durchaus 
unmoglich, die verlangte Summe herbeizuſchaffen, da er das 
früher verſprochene Geld im Drange der Noth bereits ander⸗ 
waͤrts hatte verwenden muͤſſen.) Da knüuͤpften die Haupt⸗ 
leute neue Unterhandlungen uͤber den Verkauf des Landes mit 
des Königes Raͤthen zu Thorn an, denn wenngleich der Or⸗ 
densſpittler dem Meiſter meldete, daß in Livland wirklich ſchon 
100,000 Gulden zuſammengebracht ſeyen und er ſich dazu 
verſtehe, im Lande wohl auch noch 50,000 Gulden aufzubrin⸗ 
gen, ſobald ihm die Hofleute dazu nur freie Hand ließen, ſo 
wollten jene doch nicht in die ihnen vorgelegte Bedingung 
willigen, vor Auszahlung des Geldes dem Orden Marienburg 
zu räumen, denn nur unter dieſer Bedingung wollten die Liv⸗ 


1) Schr. des HM. an d. Ordensſpittler, d. Mont. nach Cantate 
1456 Schbl. Varia 88. Credenzbrief des HM. fuͤr Rudolf v. Rechberg 
und den alten Vogt der Neumark Chriſtoph Eglinger bei ihrer Sen⸗ 
dung an den Kurfürſten v. Brandenb. d. Sonnab. nach Georgii 1456. 
Schr. des HM. an d. Herzog v. Sagan, d. Mittw. vor Philippi u. 
Jacobi 1456 Schbl. V. 43. 

2) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark Donnerſt. 
u. Sonnab. nach Marti 1456 Schöl. LXXXI. 50. 82. 


490 Unterhandl. m. d. Söldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 


laͤnder das Geld ſenden.) Der Argwohn der Hauptleute 
ſtieg noch mehr, da Hans von Baiſen von Elbing aus be: 
muͤht war, alle bisherigen Unterhandlungen des Ordens und 
alle Verſprechungen der großen Geldſummen an die Soͤldner 
als bloße Betruͤgerei darzuſtellen, womit man nur bezwecke, 
die befte Zeit hinzubringen, damit der König nicht ins Land 
komme. 2 

Da ſtellte ſich endlich der Boͤhmen Hauptmann Ulrich 
Czirwenka von Ledetz zu Marienburg, am meiſten gegen den 
Orden erbittert, an die Spitze der Unzufriedenen unter ſeinen 
Genoſſen, denn das Boͤhmenvolk war ſtets am ſtünmiſchſten 
in feinen Forderungen. Er nahm es uͤber ſich, die Sache fuͤr 
alle durchzuführen, und entſchloſſen, jetzt ohne weiteres zur 
That zu ſchreiten, begab er ſich mit mehren der Seinigen 
ſelbſt nach Thorn. Von dort ging Jon von Eichholz an der 
Spitze einer Geſandtſchaft zum Koͤnige, um von dieſem eine 
entſcheidende Antwort zu erhalten.?) Darüber zog ſich die 
Sache noch einige Wochen hin; allein daß man jetzt den ent⸗ 
ſcheidenden Schritt thun werde, war nicht mehr zu bezweifeln, 
denn obgleich eine Anzahl Deutſcher Söldnerhauptleute, als 
Herzog Balthaſar von Sagan (der in Koͤnigsberg in ſo ſchwe⸗ 
rem Kummer und druͤckender Noth lebte, daß er unter ſeinen 
Hofleuten und Trabanten einen förmlichen Aufbruch befuͤrchten 
mußte), Herr von Blankenſtein, Bot von Eulenburg, Bot 
von Weſſenberg, Volkel Roͤder, Kaspar von Warnsdorf u. a. 
gegen den Landesverkauf foͤrmlich proteſtirten, indem ſie erklaͤr⸗ 
ten, daß nach Laut ihrer Verſchreibungen auch ſie Theil an 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Freit. nach Pfingſt. 
1456 Schbl. LXXXI. 60. 

2) Schr. des Hans v. Baiſen an den Rath v. Thorn, d. Elbing 
am T. Invent. Crucis 1456 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. III. 22. 

3) Schr. des Biſch. v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Dienft. nach Tri⸗ 
nitat. 1456 Schbl. XXIX. 62. 

4) Schr. des Herzogs v. Sagan an d. HM. d. Koͤnigsb. am 
Abend des h. Leichnams 1456 Schbl. LXXXI. 40; der Herzog giebt 
eine ſchreckliche Beſchreibung feiner traurigen Lage. 


Unterhandl. m. d. Sölbnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 491 


Marienburg und den andern Städten und Burgen hätten, den 
fie dem Könige nicht verkaufen wollten, ſo beſetzten doch die 
Böhmiſchen Hauptleute nicht bloß Dirſchau und Eilau und 
vertrieben daraus alle, die in den Verkauf nicht einwilligen woll⸗ 
ten, ſondern ſie legten auch nach Marienburg ſelbſt eine weit 
färkere Mannſchaft. Der Hochmeiſter ward ſchon foͤrmlich 
wie ein Gefangener gehalten, der über nichts im Hauſe nach 
eigenem Willen mehr verfügen durfte. ? 

Im Anfange des Juni kehrten die Boͤhmiſchen Haupt⸗ 
leute, an ihrer Spitze Ulrich Czirwenka nach Marienburg zuruͤck. 
Der Verkauf war zwar noch nicht foͤrmlich abgeſchloſſen; der 
Koͤnig indeß hatte ſich bereits erboten, die Haͤlfte der verlangten 
Summe gegen Abtretung der Haͤlfte der von den Hauptleuten 
beſetzten Schloͤſſer, namentlich Marienburgs auf heil. Kreuzes⸗ 
Tag und auf Martini die zweite Haͤlfte gegen Uebergabe der 
andern Hälfte der Schlöffer, und mittlerweile auch den Haupt⸗ 
leuten, die nothwendig Geld bedurften, ſolches in Thorn aus⸗ 
zahlen laſſen zu wollen.? Da die Hauptleute dem Hochmeiſter 
jetzt nochmals erklärten: fie wollten auch jetzt noch das Geld 
lieber vom Orden als vom Koͤnige nehmen, wenn man ſie nur 
irgend zufrieden ſtellen koͤnne, ſo entbot er in groͤßter Eile den 
Ordensſpittler, den Landmarſchall von Livland und den Komthur 
von Reval nach Preuſſiſch-Mark, um mit ihnen gemeinſam 
neue Unterhandlungen mit den Hauptleuten anzuknuͤpfen, denn 
nach Marienburg wagten ſich die Gebietiger ſchon nicht mehr.“ 


1) Schr. des HM. an den Kurfuͤrſten v. Brandenb. d. Mont, 
nach Corpor. Chr. 1456 Schbl. LXXXI. 73. 

2) Schr. des HM an den Procurator, d. Sonnt. um Corpor. 
Chr. 1456 Schbl. LXXXI. 76. Schr. des HM. an den Kaiſer und 
die Reichsfürſten, d. Koͤnigeb. am T. Martini 1459 im Fol. A. 
182 — 189, wo er den ganzen Verlauf der unglücklichen Ereigniſſe er⸗ 
zählt. Schlitz p. 238. 

3) Die Verhandlungen in Thorn ſpeciell bei Schätz p. 238—239; 
auch einiges bei Detmar B. II. 189. 

4) Schr. des HM. an d. Ordensſpittler, d. Donnerſt. vor Barnabä 
1456 Schbl. LXXXI. 164. Schr. d. HM. an d. Kurfuͤrſten v. 
Brandenb. d. Sonnab. nach Barnabä 1456 Schbl. LXXXI. 66. 


PL} 


492 Unruhen in Thorn, Kulm ꝛc. (1456,) 


Allein die Livlaͤndiſchen Gebietiger waren ſchon vordem trotz 
aller Bitten des Herzogs von Sagan und des Ordensſpittlers 
nach Livland zuruͤckgekehrt, angeblich um zu erfahren, wie es 
dort mit der verheißenen Geldſumme ſtehe. Der letztere gab 
nun ſchon alle Hoffnung auf die verſprochene Geldhuͤlfe auf 
und da ihm auch ſelbſt die Hofleute nicht einmal geſtatten 
wollten, zur Aufbringung der von ihm zugeſagten Summe 
Land und Staͤdte im Niederland mit Auflagen zu beſchweren, 
weil ſie es mißbilligten, das letzte Mark des Landes ausſaugen 
zu laſſen, um damit die gierigen Böhmen zu befriedigen, fo 
entſchwand ihm nun auch faſt aller Muth.) Ueberdieß traten 
auch unangenehme Beruͤhrungen mit dem Herzog von Sagan 
ein, denn da dieſer den Hochmeiſter nicht nur um einen andern 
Ordensgebietiger nach Königsberg bat, der ihm und feinen Hof: 
leuten ein beſſeres Auskommen durch Zinſen und Renten ver⸗ 
ſchaffe, fondern auch das Geſuch wiederholte, Samland und 
das ganze Niederland einnehmen zu dürfen, um feine Soͤldner⸗ 
haufen beſſer unterhalten zu koͤnnen, widerſetzte ſich der Ordens⸗ 
ſpittler dieſem Verlangen mit aller Entſchiedenheit, weil es den 
den Samlaͤndern gegebenen Verſprechungen ganz zuwider war 
und zu befuͤrchten ſtand, daß bald ganz Samland von den 
Hofleuten uͤberzogen, ausgehungert und verwuͤſtet werden wuͤrde, 
was bisher der Ordensſpittler immer noch zu verhuͤten ge⸗ 
wußt. 2) 

So truͤbe ſich indeß auch die Ausſichten uͤberall geſtalteten, 
ſo gab der Hochmeiſter doch noch nicht alle Hoffnung auf. 
Der alte Koͤnig Erich von Daͤnemark erbot ſich freiwillig zu 
einer Verbindung mit mehren andern Fürften, um ſich dann 
mit einigen tauſend Mann vor Danzig zu werfen und es wo 
möglich zum Gehorſam zu zwingen. Der Hochmeifter ließ ihn 
auch um eine Anleihe von vierzig⸗ bis funfzigtauſend Gulden 


1) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Koͤnigsb. am T. Viti, 
u. Donnerſt nach Viti 1456 Schbl. V. 5. LXXXI. 28. 

2) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM., d. Koͤnigsb. Mont. nach 
Barnabaͤ 1456 Schbl. LXXXI. 20. 


Unruhen in Thorn, Kulm ꝛc. (1456.) 493 


erſuchen.) Der Kurfuͤrſt von Brandenburg, den der Hoch⸗ 
meiſter von den neuen Unterhandlungen der Soͤldner mit dem 
Koͤnige von Polen benachrichtigt, verſprach, ſich ins Mittel zu 
ſchlagen und ſich ſelbſt nach Konitz begeben zu wollen, um von 
dort aus die Hauptleute wo möglich zufrieden zu ſtellen. Am 
meiſten aber verſprach man ſich von den unruhigen Bewegun⸗ 
gen, die ſich um dieſe Zeit in Thorn, Kulm und Danzig er⸗ 
hoben. In erſterer Stadt hatte der paͤpſtliche Bannſpruch, 
obgleich ihn auch dort die dem Bunde geneigten Pfaffen für 
erdichtet und für „Tand“ erklaͤrten, unter dem Volke große 
Unruhe erregt, denn eben bei dem Widerſpruche, mit dem die 
Geiſtichen das Volk bald für bald gegen die Wichtigkeit des 
Banned und der Acht einzunehmen ſuchten, mußte es an allem 
irre werden. Dazu kam noch eine große Erbitterung der 
Buͤrgerſchaft wegen des druckenden Schoſſes, den der Rath von 
der Stadt zur Beſtreitung der den Soldnerhauptleuten ſchuldi⸗ 
gen Summen erheben wollte. Man verweigerte die ſchwere, 
kaum erſchwingliche Auflage. Die Lauigkeit des Koͤniges hatte 
ohnedieß ſchon laͤngſt allgemeinen Unwillen im Volke erregt; 
man kam immer mehr zur Beſinnung, wie wenig Schutz und 
Segen bisher von ſeiner Herrſchaft uͤber das Land gebracht 
ſey. Ein Theil der Gemeine hatte ſich wieder entſchieden dem 
Orden zugewandt und man machte bereits dem Rathe bittere 
Vorwürfe, daß er des Hochmeiſters Briefe heimlich unterſchla⸗ 


1) Schr. des Koͤniges Erich v. Daͤnemark an d. HM. d. Donnerſt. 
nach Viti 1456. Schr. des HM. an Hans v. Dobeneck, alten Vogt 
zu Schievelbein, d. Freit. nach Viti 1456. Schr des HM. an die 
Stadt Stolpe, d. am T. Viti u. Modeſt. 1456 Schbl. LXXXI 37. 
72. 73. 129. Die Unterhandlungen mit dem Koͤnige dauerten bis in 
den Juli. 

2) Schr. des HM. an den Kurfürft. v. Brandenb. d. Mont vor 
Viti 1456 Schbl. XXVI. 45. Schr. des Grafen Ludwig v Helfen⸗ 
ſtein an d. HM. d. Berlin Donnerſt. nach Johanni 1456 Schl. 
Adelsgeſch. H. 51. 

3) Schr. des HM. an den Procurator, d. am T. Viti u. Modeſt. 
1456 Schbl. LXIII. 7. 


494 Unruhen in Thorn, Kulm x. (1456.) 


gen, deſſen Geſinnungen der Gemeine nicht bekannt gemacht 
und dadurch die ganze Stadt ins Verderben geſtuͤrzt habe. ! 
Ueberdieß war mehren der alten Bundeshaͤupter ihre Wirkſam⸗ 
keit ſchon merklich gebrochen. Der Gubernator Hans von 
Baiſen, meiſt in Elbing lebend, hatte an Liebe und Vertrauen 
beim Volke ſchon bedeutend verloren, einige Zeit ſchon faſt 
ganz unthätig, als bereue auch er die Schritte, die er gethan. 
Gabriel von Baiſen und Thielemann von Wege litten an 
ſchweren Krankheiten. Vielen drang ſich immer mehr die 
Ueberzeugung auf, man habe ſich in den Erwartungen von 
einer beſſern Zeit unter Polniſcher Herrſchaft ſchwer getaͤuſcht. 
In Thorn wuchs die Aufregung und Erbitterung im Volke 
faſt mit jedem Tage. Ein Buͤrgermeiſter hatte ſchon die Flucht 
ergriffen. Nun bemaͤchtigte ſich ein aufgeregter Volkshaufe der 
Stadtſchluͤſel und da der Rath einen Soöldnerhaufen aus 
Schoͤnſee in die Stadt gerufen, der mehre Buͤrger auf der 
Straße foͤrmlich auspluͤnderte, fo Löfte ſich bald alle Ordnung 
auf. So ſtanden nun der Rath und die Gemeine in voller 
Feindſchaft einander gegenuͤber. Einer der freieſten Sprecher 
aus der Gemeine, den der Rath wegen freier Rede ins Ge⸗ 
faͤngniß geworfen, ward vom Volke gewaltſam in Freiheit ge⸗ 
ſetzt und dem Rathe mit Drohungen begegnet, ſofern er ſich 
unterſtehe, den Bürger nur im mindeſten zu beleidigen. Unter 
dieſen Verhaͤltniſſen wagte es auch ſelbſt der König, der in 
der Mitte des Juni nach Diebau in die Naͤhe von Thorn kam, 
nicht einmal, der Einladung des Nathes nach Thorn zu folgen, 
denn er erklaͤrte: er habe zur Stadt kein Vertrauen mehr, da 
fie nicht halte, was fie ihm zugeſagt; fie ſolle ſich erſt mit 
den Soͤldnern vertragen, dann wolle er ſich auch mit ihr ver⸗ 
ſoͤhnen. Dieß hatte den Unwillen des Volkes ſo geſteigert, 
daß man beſchloß: man wolle den Koͤnig nie wieder in die 


1) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien an d. HM. d. Rieſenb. 
Freit. vor Stanislai 1456; Schr. des Rüdiger an d. HM. d. Leſſen 
Freit. nach Viti 1456 Schbl. LXXXI. 12. 14, Schütz p. 243 laͤßt 
unrichtig die Unruhen in Thorn erſt um Michaelis ausbrechen. 


Unruhen in Thorn, Kulm ꝛc. (1456.) 495 


Stadt aufnehmen, wohl aber dem Hochmeiſter die Thore Öffnen, 
ſobald er mit einem Heere heranziehe.“ 

Auch in Kulm ſtanden der Nath und die Stadtgemeine 
einander feindſelig gegenüber, ſo daß die letztere bereits den 
Beſchluß gefaßt hatte, bei erſter Gelegenheit den Magiſtrat 
ſammt allen ſeinen Anhaͤngern aus der Stadt zu verjagen. 
Nur die koͤniglichen Soldtruppen hielten den Aufruhr des Volkes 
noch nieder, denn ihr eigenes Intereſſe verlangte, Kulm für 
ſich zu behaupten, da ibnen laͤngſt ſchon kein Sold mehr gezahlt 
war. Die Danziger, bisher gegen den Orden immer noch 
am thätigften, hatten ſchon im Fruͤhling auf des Gubernators 
Rath, um die Schiffahrt nach Koͤnigsberg zu erſchweren, das 
Tief bei Balga durch Verpfaͤhlung unfahrbar gemacht. Allein 
ihre Thaͤtigkeit ward bald gehemmt. Die Soͤldner aus Star⸗ 
gard und Neuenburg festen fie oft in große Bedraͤngniß, ruͤck⸗ 
ten ſogar einmal, um ſich ihren verſprochenen Sold ſelbſt zu 
holen, bis vor die Stadt und, weil ſie wußten, daß das 
ſtaͤdtiſche Kriegsvolk meiſt auswaͤrts war, beraubten und pluͤn⸗ 
derten ſie die ganze Umgegend. Ueberdieß ſtockte der Handel 
Danzigs faſt ganz. Die Soͤldner machten die Weichſel⸗Schiff⸗ 
fahrt hoͤchſt unſicher. In die See wagte ſich ſchon laͤngſt kein 
Schiff mehr, aus Beſorgniß, die Daͤnen moͤchten es aufgreifen. 
Dieſe Hemmung aller Handelsthaͤtigkeit aber hatte im Volke 
eine hoͤchſt unzufriedene Stimmung zur Folge; uͤberdieß be⸗ 
klagte man ſich auch hier uͤber des Koͤniges Saumſeligkeit; 
man ließ ihn durch eine Geſandtſchaft an feine Pflicht er⸗ 
mahnen, ſeinen Unterthanen den verſprochenen Schutz zu ge⸗ 
waͤhren und da man dennoch keinen Erfolg ſah, ſo bildete ſich 
bald unter der Bürgerfchaft eine Partei aus, die ſich der Herr⸗ 
ſchaft Polens entziehen und die Stadt dem Kurfürſten von 
Brandenburg übergeben wollte.“) 


1) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Freit. vor Viti 
u. Mod. 1456 Schbl. LXXXI. 36. 

2) Schr. des Fiſchmeiſters v. Putzig an d. HM. d. Mewe am 
Abend Petri u. Pauli 1456 Schbl. LXXXI. 111. 

3) Schitz p. 237239. 


496 Verhandl. m. d. Soͤldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 


Dieſe Stimmung in Danzig glaubte der Hochmeiſter be⸗ 
nutzen zu muͤſſen und erließ daher abermals eine Aufforderung 
an die Stadt, in den Gehorſam des Ordens zuruͤckzukehren; 
allein er erhielt die naͤmliche Antwort, wie fruͤherhin.) Mittler: 
weile ſandte der Ordensſpittler den Soͤldnerhauptleuten, be⸗ 
ſonders auch denen zu Marienburg neue Anerbietungen: binnen 
vier Wochen auf jedes Pferd vier Gulden, dann nach fuͤnf oder 
ſechs Wochen aufs Pferd zehn Gulden und zu Weihnachten 
ſaͤmmtlichen Sold und Schaden. Das verſprach er auf Ehre 
und Treue; nur ſollte man ihm auch geſtatten, die von den 
Hofleuten beſetzten Städte mit Schoß und Steuer zu be⸗ 
legen; ſobald dann die zehn Gulden aufs Pferd entrichtet 
ſeyen, ſolle dem Meiſter Stadt und Schloß Marienburg ge⸗ 
raͤumt werden.? Allein auch darauf ließen ſich die Hauptleute 
nicht ein; vielmehr begaben ſich von neuem Bevollmaͤchtigte 
nach Thorn, um ſich mit den koͤnigl. Naͤthen und Landen und 
Städten über den Abſchluß des Verkaufes zu vereinigen. Auf 
Anlaß des Ordensſpittlers indeß nahmen dießmal auch mehre 
Deutſche Hauptleute, als Georg von Schlieben, Anshelm von 
Tettau, Heinrich von Marſchalk u. a. an den Verhandlungen 
Theil, um durch ihre Anforderungen die Kauſſumme fur den 
König fo hoch als möglich zu ſteigern und fo den Verkauf zu 
verhindern. Der Plan ſchien auch zu gelingen; denn die 
Böhmen wurden zwar mit den koͤnigl. Rathen dahin einig, 
man ſolle ihnen auf Bartholomai 25,000 und auf Nicolai 
400,000 Gulden zahlen, bis dahin ſollten ſie das Land im 
Beſitze behalten; allein die Deutſchen Hauptleute willigten nicht 
ein und der Abſchluß des Verkaufes kam wieder nicht zu 
Stande. 

Die Sache ſtand indeß jetzt wie noch niemals auf der 


1) Schütz b. 240. Schr. der Bürgermeifter u. des Rathes v. 
Danzig an d. HM. d. Dienft. nach Jacobi 1456 Schbl. LXXXI. 27. 

2) Schr. des Ordensſpitilers an d. Soͤldnerhauptleute, d. Preuff. 
Mark am T. Petri u. Pauli 1456 Schbl. LXXXI. 158. 

3) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark am T. 
Margaretha 1456 Schbl. LXXXI. 159. Schilli p. 239, 


Verhandl. m. d. Söldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 497 


Spitze. Der König, der abſichtlich den Kurfürſten von Branden⸗ 
burg mit leeren Unterhandlungen hinhielt,“ lag bereits mit 
einer anſehnlichen Kriegsmacht an der Graͤnze, um nach Ab⸗ 
ſchluß des Verkaufes ſogleich ins Land einzurücken. Die Boͤh⸗ 
men, um den Widerſpruch der Deutſchen wenig bekuͤmmert, 
unterhandelten mit ihm nur noch uͤber die Art der Zahlung der 
verſprochenen Summen, ob ganz in Preuſſiſchem und Polniſchem 
Gelde oder zur Hälfte in Kauſwaaren und Gold, in deren 
letztern Annahme viele nicht einwilligten. Es war jetzt die aller⸗ 
hoͤchſte Gefahr, denn die Boͤhmiſchen Hauptleute hatten ſich 
von den Deutſchen nun ſchon ganz getrennt.) Mit Angſt 
und Bangigkeit wartete taͤglich der Hochmeiſter auf Erfüllung 
der gegebenen Verſprechungen. Allein der alte Koͤnig Erich 
wollte fein Hülfsgeld nur gegen eine hinlaͤnglich genuͤgende 
Pfandverſchreibung hergeben; der Orden in Preuſſen hatte nun 
aber nichts weiter mehr als Harrien und Wierland, die jener 
nicht annehmen mochte.) Die von den Meiſtern von Deutſch⸗ 
land und Livland zugeſagten Summen, die ſich auf 100,000 
Mark und 34,000 Gulden belaufen haben wuͤrden!? und zum 
Theil geſammelt ſeyn ſollten, wurden trotz der inſtaͤndigſten 
Bitten des Hochmeiſters nicht eingeſandt und ſo verſchwand 
ſchon alle Hoffnung der Errettung. 


1) Schr. des Kurfürſten v. Brandenb. an d. HM. d. Küftrin 
Dienſt. nach Viſitat. Mariä 1456 Schbl. XII. 56. 

2) Schr. des Ordensſpitrlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark Sonnt. 
Divifion. Apoſt. 1456 Schbl. LXXXI. 43. 

3) Schr des HM. an d. Komthur v. Mewe, d. Mittw. vor 
Maria Magdal. 1456; Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Freit. 
vor Jacobi 1456 Schbl. LXXXI. 118 51. 

4) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark Sonnt. 
nach Diviſ. Apoſt. 1456 Schbl. LXXXI. 143. Er ſagt: Preuſſen ſey 
den Soͤldnern verſchrieben, Samland duͤrfe man nicht zum Pfande 
verſchreiben, die Mark ſey weggegeben u. in Deutſchland habe der HM. 
kein Recht, etwas zu verpfaͤnden; fo bleibe nur Harrien u. Wierland. 

5) In Livland nämlich ſollten 100,000 Rig. Mark zuſammen⸗ 
gebracht ſeyn; der Deutſchmeiſter hatte 10,000 u. der Komthur v. Mewe 
24,000 Gulden aus den Deutſchen Balleien verſprochen. 

VIII. 32 


498 Verhandl. m. d. Söldnern weg. Verkauf d. Landes. (1456.) 


Auch der Krieg ward unter dieſen Verhaͤltniſſen nur lau 
und ſchlaͤfrig fortgeführt, denn Schwäche kaͤmpfte gegen Schwäche. 
Die Danziger, mit ihren Schiffen das Friſche Haf beherrſchend, 
hatten das Schloß und den Flecken Brandenburg zum zweiten⸗ 
mal niedergebrannt; dagegen erſtuͤrmte das Ordensvolk aus 
Koͤnigsberg und Heiligenbeil das Staͤdtchen Tolkemit am Fri⸗ 
ſchen Haf und vernichtete es durch Feuer.) Ueberhaupt be 
ſchraͤnkte ſich alles, was Krieg hieß, nur auf Raub und Brand; 
das ganze Land war der Plünderung Preis gegeben, denn nur 
dadurch ward es den einzelnen Soͤldnerhaufen noch moͤglich, 
fi) die noͤthigen Beduͤrfniſſe zu verſchaffen.) In dieſer Auf⸗ 
loͤſung aller Ordnung ruͤckte aber die Stunde der Entſcheidung 
immer naͤher. Der Ordensſpittler bot noch einmal ſeine letzten 
Mittel auf, das kaum Abwendbare wo moͤglich noch abzuwenden. 
Er ſandte den Hauptleuten und Rottmeiſtern zu Marienburg 
noch eine Botſchaft von mehren Deutſchen Hauptleuten zu mit 
Wiederholung feiner fruͤhern und ſelbſt noch guͤnſtigeren Er⸗ 
bietungen. Allein man geſtattete ihnen ſchon nicht einmal den 
Eingang in Marienburg, und als der Hochmeiſter den Haupt⸗ 
leuten die Erbietungen ſelbſt vorlegte, verlangten ſie, das an⸗ 
gebotene Geld ſelbſt erſt zu ſehen. Auch dazu erklaͤrte ſich der 
Ordensſpittler bereit, fofern fie eine Botſchaſt ſendeten, denn er 
hatte einiges zu Königsberg, anderes zu Preuſſiſch Mark.) 
Der Hochmeiſter, hoffend, die Hauptleute wuͤrden ſich jetzt auf 
die Vorſchlaͤge einlaſſen, mahnte nochmals den Livlaͤndiſchen 
Meiſter aufs allerdringendſte um die Sendung des Geldes, um 
es den Hauptleuten zeigen zu koͤnnen.) Auf des Ordens⸗ 


1) Runau p. 31, Schütz p. 237. 240, 

2) Runau p. 32. Schütz p. 24. Schr. des Grafen Hans v. 
Gleichen an d. HM. d. Koͤnigsb. am T. Margar. 1456 Schbl. LXXXI. 
58. Schr. Georgs Schellendorf an d. HM. d. Gilgenburg Sonnt. 
nach Alexii 1456 Schbl. XLVIII. 47. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark am Abend Vincula 
Petri u. Mittw. nach Vincula Petri 1456 Schbl. LXXXI. 77. 

4) Schr. des HM. an den Livland. Meifter, d. Freit. nach Do⸗ 
minici 1456 Schbl. V. 20. 


Verkauf des Landes an den König von Polen, (1456.) 499 


ſpittlers Rath ward auch noch der Verſuch gemacht, heimlich 
bei den Bingern Marienburgs, deren Buͤrgermeiſter Bartholo⸗ 
maͤus Blume bereits eine ſo redliche und brave Geſinnung 
gegen den Orden bewieſen, einige Geldmittel zuſammenzubrin⸗ 
gen.) um jedoch im ſchlimmſten Falle noch eine Stuͤtze zu 
gewinnen, bot der Ordensſpittler alles auf, um wenigſtens die 
vornehmſten Deutſchen Hauptleute auf der Seite des Ordens 
zu erhalten. Er kam mit Bernhard von Zinnenberg, Georg 
von Schlieben, Martin Frodnacher, Thiele von Thlifnen, Georg 
von Loben u. m. a. in Preuſſiſch-Mark zuſammen und es 
gelang den ernſten und eindringlichen Vorſtellungen Bernhards 
von Zinnenberg, auch die uͤbrigen Hauptleute zu bewegen, am 
Verkaufe des Landes nicht Theil zu nehmen. Er ſelbſt ver⸗ 
ſprach, für den Orden Leib und Leben zu opfern, wenn es er⸗ 
fordert werde, und gewann dann auch den tapfern Hauptmann 
Muſigk von Swynau zu fernerer Treue gegen den Orden. 
Aber ſchon nach wenigen Tagen, am funfzehnten Auguſt 
wurde der Verkaufs⸗Vertrag mit dem Könige foͤrmlich ab⸗ 
geſchloſſen. Die Geſammtſumme, welche der letztere den Haupt⸗ 
leuten zur Deckung ihrer Sold⸗ und Schadenforderungen gegen 
Abtretung der von ihnen beſetzten Städte und Schloͤſſer zuſagte, 
betrug 436,000 Gulden, die in drei Friſten des laufenden Jahres 
zu drei Theilen in Geld, Gold und Silber und der vierte Theil 
in Kaufwaaren gezahlt werden ſollten.) Die erſte Zahlung 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Freit. vor Lau⸗ 
rentii 1456 Schbl. LXXXI. 141; vgl. Voigt Geſchichte Marienb. 
S. 440. 

2) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. HM. d. Stuhm Freit. 
vor Laurentii 1456 Schbl. LXIV. 19. 

3) Die Kaufwaaren waren alle namentlich aufgeführt: Sammet, 
Damaft, Atlas, Tafft und alerlei Pelzwerk; vgl. Voigt Geſch. 
Marienb. S. 443 Anmerk. 23. Das Geld ſollte gezahlt werden in 
„ungeriſſen Rheiniſchen Apoſtulats Gulden, Nobeln, Gold und Silber, 
gemünzt, geschmiedet und gegoſſen.“ Die Zahl der Pferde, die von 
den Soͤldnern als mit ins Land gebracht angegeben wurde, war 8338, 
zwei Fußknechte für einen Reifigen gerechnet, Auf jedes Pferd erhielten 

32 * 


500 Verkauf des Landes an ben König von Polen. (1456.) 


mit 25,000 Gulden ſollte zu Graudenz am Tage Mariaͤ Ge 
burt, die andern am T. Nicolai bis zum Neujahr in Danzig 
erfolgen. Ueber die Art der Zahlung wurden die genaueſten 
Beſtimmungen entworfen. Waͤhrend der erſten und letzten 
Zahlung ſollten die Hauptleute niemand, der dem Orden zu 
Huͤlfe kommen wolle, freie Straße geſtatten oder in den Städten 
und Schloͤſſern hegen und unterſtuͤtzen. Alle Brieſe und Ver⸗ 
ſchreibungen, welche ſie vom Hochmeiſter uͤber die Staͤdte und 
Schloͤſſer erhalten, ſollten ſie nach der letzten Zahlung dem 
Könige uͤberliefern. Bis zu Nicolai⸗Tag folle jeder Theil die 
Doͤrfer, welche er inne habe, behalten, jedoch die Bauern nicht 
beſchatzen, von ihnen keinen Zins einfordern und die Doͤrfer 
nicht pluͤndern. „Allen, hieß es ferner, die beim Hochmeiſter 
und Orden geſtanden und Feinde des Koͤniges geweſen, Rittern 
und Knechten, allen Bewohnern in Staͤdten und auf dem 
Lande, wird der Koͤnig Gnade und Verzeihung widerfahren 
laſſen und alle ihre Privilegien, Freiheiten, Begnadigungen und 
Verſchreibungen beſtaͤtigen. Wer nicht im Lande bleiben will, 
mag binnen zwei Jahren ſein Eigenthum verkaufen und dann 
ſicher ziehen, wohin er will. Biſthuͤmer und Domſtiſte ſollen 
ihre Staͤdte, Schloͤſſer und Doͤrfer ungeſtoͤrt behalten. Alle 
Gefangenen ſollen gegenſeitig ausgeloͤſt und frei gegeben werden. 
Nach der letzten Zahlung ſollen die Hauptleute dem Koͤnige die 
beſetzten Schloͤſſer und Staͤdte ungebrochen und unverbrannt 
abtreten. Alles ſchwere Geſchuͤtz, Waffen und Hausgeraͤth in 
den Schlöffern ſollen fie ungeſchmaͤlert dem Könige uͤberlaſſen, 
das ausgenommen, was ſie ſelbſt dem Feinde im Felde ab⸗ 
genommen oder aus andern Schloͤſſern und Staͤdten gewonnen 
haben. Nach der erſten Zahlung ſollen ſie den Hochmeiſter 
und die Kreuziger, die ſie in ihrer Macht haben, ſofern es dieſe 


ſie 57 Gulden. Als verlorene Pferde gaben ſie an 4698, deren jedes 
mit 14 Gulden als Schaden vergütet wurde. Auch die verlorenen 
Panzer, Armbruͤſte, Eiſenhuͤte und Schilde wurden mit in Anſchlag 
gebracht. Nach Detmar B. II. 189 ſchlugen die Hauptleute die 
Geſammtſumme ihres Soldes nur auf 140,000 Ung, Gulden an. 


Verkauf des Landes an den König von Polen. (1456.) 501 


wollen, aus dem Lande mit Habe und Gut ſichern und ge⸗ 
leiten. Wollen ſie aber nicht, ſo ſollen der Hochmeiſter auf 
Marienburg und die Kreuziger auf ihren Schloͤſſern gehalten 
werden, doch alſo daß die Rottmeiſter, auf deren Schloͤſſern 
jene bleiben, bei Ehre und Treue geloben, daß die Kreuziger 
dem Koͤnige keinen Schaden zufügen. Sobald nach der Zah⸗ 
lung dem Könige Marienburg uͤbergeben wird, ſoll er den alten 
und kranken Kreuzigern, die Gebrechens halber im Lande bleiben 
wollen, den Ort Neuteich im Werder als Wohnort anweiſen 
und ſie da Lebenslang mit allen nothwendigen Bebürfniffen 
unterhalten. Heiligthuͤmer und Kirchengeraͤthe auf Marienburg 
und den andern Schlöffern ſollen dem Orden gelaſſen werden. 
Als verkaufte Burgen ſollen dem Koͤnige uͤberliefert werden 
nach der erſten Zahlung Allenſtein, Wartenbuͤrg, Roͤßel, Ortels⸗ 
burg, Rhein und Seeſten, nach der zweiten Schoͤnberg, Neu⸗ 
mark, Brathean, Hohenſtein, Soldau und Deutſch⸗Eilau, nach 
der dritten Stuhm, Marienwerder, Leſſen, Rieſenburg Dann, 
Dirſchau, Mewe, Konitz, Hammerſtein und Friedland, und zu⸗ 
letzt Stadt und Schloß Marienburg. Nach der Uebergabe der 
letztern ſollen fie fofort über die Weichſel ziehen, jedoch in 
Dirſchau, Mewe und andern Staͤdten noch einige Zeit ver⸗ 
weilen dürfen bis zu ihrem Abzuge unter des Koͤniges ſicherem 
Geleite.“ 

So war der groͤßte Theil Preuſſens mit dem alten ehr⸗ 
würdigen Haupthauſe Marienburg von einer Anzahl Boͤhmiſcher 
und einigen Deutſchen Hauptleuten dem Koͤnige verkauft. An 
der Spitze der Landesverkaͤufer ſtanden Ulrich Czirwenka von 
Ledetz, der das Ganze geleitet, Nicolaus von Wolfersdorf, 
Burchard von Chlomitz, Jon Wyhenanſky, Reinhard Kaſtransky, 
Andreas Gewald, Friedemann Pantzer, Burghard Nachwall, 
Ludwig Schoͤnfeld, Friederich Lange und Ulrich von Haſelau, 
„ſchalkhaftige Buben“, wie fie der Meiſter in ſeinem Zorne 


1) Der Verkaufsvertrag in einer Abſchrift in der Hochmeiſter⸗ 
Chron. p. 276 — 282; der Hauptinhalt bei Schütz p. 242, 


502 Verkauf des Landes an den König von Polen. (145 6.) 


nennt.) Um ſich vor der Welt zu rechtfertigen, ſandten ſie 
vier aus ihrer Mitte, meiſt Deutſche, zum Hochmeiſter, ihn um 
die Verſchreibungen zu erſuchen, die fie ihm gegen feine Vers 
ſchreibung ausgeſtellt; und als fie ſolche erhalten, ließen ſie die⸗ 
ſelben vor einer großen Verſammlung von Reiſigen und Tra⸗ 
banten auf dem S. Annen⸗Kirchhof zu Marienburg vorleſen, 
meinend, auf ſolche Weiſe die Rechtmaͤßigkeit ihrer That er⸗ 
wieſen zu haben. 2 

Doch auch jetzt gaben der Hochmeiſter und der Ordens⸗ 
ſpittler die Hoffnung einer möglichen Errettung noch nicht voͤllig 
auf. Erſterer erwartete immer noch das Beſte von den Deut⸗ 
ſchen Hauptleuten, die den Landesverkauf aufs entſchiedenſte 
zuruͤckgewieſen, erließ zugleich auch neue inſtaͤndige Bitten und 
Ermahnungen um Geldbeiſteuer an die Gebietiger in Deutſch⸗ 
land, den Meiſter von Livland, den Erzbiſchof von Riga und 
die andern Praͤlaten in Livland und Kurland. ) Der Ordens⸗ 
ſpittler war raſtlos bemüht, aus Kirchen, von Prieſtern, Buͤr⸗ 
gern, Bauern und Ordensbruͤdern, alles, was nur moͤglich, 
zuſammenzubringen, um vorerſt wenigſtens die Deutſchen Haupt⸗ 
leute etwas zu befriedigen, ® denn auch unter dieſen drohten 
ſchon mehre, wie die von Mewe, ſich mit denen zu Marien⸗ 
burg zu verbinden, wenn man ſich nicht mit ihnen berichte.) 
Graf Adolf von Gleichen, Bernhard von Zinnenberg und viele 


1) Die Verkaͤufer nennt der HM. ſelbſt in einem Schreiben v. 
Jahre 1459 im Fol. A. 182, auch der Kaufvertrag des Koͤniges in der 
Hochmeiſter⸗Chron. p. 276; Voigt Geſch. Marienb. S. 444. 

2) Schr. des HM. vom J. 1459 im Fol. A. 189; Voigt 
a. a. O. S. 578. 

3) Schr. des HM. an den Statthalter der Ballei Franken u. 
andere Gebietiger, d. Donnerſt. nach Bartholom. 1456; Schr. des 
HM. an den Kurfuͤrſten v. Brandenb. d. wie vor, Schbl. LXXXI. 
64. 75. Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Donnerſt. nach 
Aegidii 1456 Schbl. V. 42. 

4) Schr. des Ordensſpittlers an den HM. d. Preuſſ. Mark am 
Sten T. Barthol. 1456 Schbl. LXXXI. 160. 

5) Schr. des Fiſchmeiſters v. Putzig, d. Mewe Donnerſt. nach 
Nativit. Mariä 1456 Schbl. LIX. 185. 


Verkauf des Landes an den König von Polen. (1456.) 503 


andere Deutſche Hauptleute und Rottmeiſter vereinigten ſich mit 
dem Ordensſpittler wegen ihres ferneren Dienſtes in einem 
neuen Vertrage, den der Meiſter auch genehmigte, ſelbſt fuͤr 
den Fall, daß er das Haupthaus werde verlaſſen muͤſſen. “ 
Mit ihnen begab ſich der Ordensſpittler nach Stuhm, um mit 
den Hauptleuten zu Marienburg nochmals Unterhandlungen 
anzuknuͤpfen, denn es war ihm gelungen, 20,000 Ung. Gulden 
zuſammenzubringen. Er erbot ſich, 15,000 in zwei Wochen 
und die ganze Übrige Summe bis naͤchſten Martini⸗Tag zu 
entrichten, verhieß jede moͤgliche Buͤrgſchaft und Geißeln, ja 
ſich ſelbſt wollte er zur Sicherheit in die Gewalt der Haupt⸗ 
leute ſtellen. In einer mündlichen Verhandlung der Deutſchen 
mit den Boͤhmiſchen Hauptleuten zwiſchen Marienburg und 
Stuhm boten auch jene Büngſchaften durch Fuͤrſten und Gei⸗ 
ßeln an, wandten alle Beredſamkeit, alle Gruͤnde und Vor⸗ 
ſtellungen auf, um vom Verkaufe des Landes abzumahnen, 
ſtellten ihnen ihre Roſſe und Harniſche als Pfand fuͤr die Zah⸗ 
lung Preis. Alles war umſonſt. Ungerührt durch alle drin⸗ 
gendſten Bitten forderten die Boͤhmen auf der Stelle wenig⸗ 
ſtens die Zahlung von 25,000 Gulden; keinen Monat, keinen 
Tag, wollten ſie dem Orden laͤnger Friſt geſtatten. Da man 
indeß jetzt voͤlige Gewißheit erhielt, daß der Meiſter von Liv⸗ 
land binnen einigen Wochen eine namhafte Summe voraus⸗ 
ſenden und das übrige Geld ſicher nachfolgen laſſen wolle, 2 
fo hoffte der Hochmeiſter immer noch, die Hauptleute zu Marien⸗ 
burg und Dirſchau zu andern Maaßregeln zu gewinnen, 


1) Schr. des HM. an den Grafen Adolf v. Gleichen, d. Sonnab. 
nach Nativit. Maria 1456 Schbl. LX XXI. 30. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Stuhm Sonnt. nach Nativit. 
Maria 1456 Schbl LXXXI. 161. Die Verhandlungen fuͤhrte von 
Seiten der Marienburger Ulrich Czirwenka und Ludwig v. Schönfeld; 
Schr. des HM. v. Jahre 1459 Fol. A. 185. 

3) Schr. des HM. an d. Livländ. Meiſter, d. Mittw. vor Kreuz⸗ 
Erhoh. 1456 Schbl. V. 30. Schr. Martin Frodnacher u. anderer 
Hauptleute an d. HM. d. Stuhm Donnerſt. nach h. Kreuzlag 1456 
Schul LXXXI. 122. 


504 Aufruhr zu Thorn und Danzig. (1456.) 


denn ſelbſt aus ihren Bemühungen, über ihr Verfahren ſich 
Öffentlich zu rechtfertigen, ging hervor, daß ſie das Urtheil der 
Welt zu ſcheuen ſchienen. “ 

Auch aus dem um dieſe Zeit erfolgten förmlichen Aus⸗ 
bruch des Aufruhrs zu Thorn und Danzig erwartete der Meiſter 
noch guͤnſtige Wirkungen. Die der alten Landesherrſchaft treu 
gebliebenen Geiſtlichen naͤmlich hatten nach der Ankunft einer 
Abſolutionsbulle des Papſtes 2 nicht unterlaſſen, ſowohl im 
Beichtſtuhle als wo ſie ſonſt vermochten, das Volk mit allem 
Nachdruck zur Ruͤckkehr in des Ordens Gehorſam zu ermahnen, 
auf die Gefahr der durch den paͤpſtlichen Fluch verdammten 
Seelen hinzuweiſen und ſo den ſchon vorhandenen Gaͤhrungs⸗ 
ſtof in der gemeinen Maffe noch zu vermehren. Es kam hinzu, 
daß das Aufbringen, der den Hauptleuten verſprochenen Geld⸗ 
ſummen, wozu der König nur die Hälfte beitragen wollte, eine 
nothwendige Vermehrung der Abgaben, eine neu auferlegte 
Acciſe und einen aͤußerſt druͤckenden Schoß zur Folge hatte. 
Die Erbitterung im Volke wuchs von Tag zu Tag, als man 
zur Einſicht kam: der Buͤrger ſolle nur zahlen und opfern, 
damit der König herrſche. Bald knuͤpften in beiden Städten 
die dem Orden geneigten Parteien heimlich mit Ordensgebie⸗ 
tigern allerlei Unterhandlungen an; ſie ſtanden laͤngſt mit ein⸗ 
ander im Einverſtaͤndniß.) Man hoͤrte ſogar von einem Plane, 
nach welchem an einem Tage alle Schloͤſſer erſtuͤrmt, Thorn 
und die uͤbrigen großen Staͤdte eingenommen, die Rathsherren 
uͤberall gefangen oder erſchlagen und die Thore den Ordens⸗ 
herren wieder geöffnet werden ſollten.) Nun geſchah, daß ein 


1) Abſchrift eines rechtfertigenden Schr. der Hauptleute zu Ma⸗ 
rienburg, d. am T. Kreuz⸗Erhoͤh. 1456 Schbl. XXVI. 47. 

2) Die Abſolutionsbulle, d. Romae Calend. Inkü 1456 p. a. 
secnndo Schbl. XIV. 10. Schr. des Procurators an d. HM. d. Rom 
13 Juli 1456 Schbl. LXXX. 61. 126. LXIII. 2. 

3) Schiitx p. 242, 

40 Schütz p. 252. Eine Urkunde des Rathes v. Thorn, d. Thorn 
am T. Michaelis 1456 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. III. 22 beſtaͤtigt 
dieſen Plan. 


Aufruhr zu Thorn und Danzig. (1456.) 505 


verdaͤchtiger Bote aus Thorn, der Briefe an die Ordensherren 
in Leſſen und Neumark bringen ſollte, in Danzig ergriffen und 
gefangen geſetzt wurde. Das Volk zu Thorn verlangte vom 
dortigen Rathe ſeine Freilaſſung oder die Gefangennehmung 
aller Danziger in Thorn. Daruber brach der Aufruhr offen 
aus. Mit Gewalt entriß die wuͤthende Volksmaſſe dem Rathe 
die Schlüffel zu den Stadtthoren, brach dann die Steuer⸗ 
kammern auf, plünderte die Kaſſen, vernichtete die Acciſebuͤcher 
und das große Stadtbuch, zerſchlug alle Kaſten und Behaͤlt⸗ 
niſſe und trieb überall ſchrecklichen Frevel und Unfug. Der 
Rath rief in der Todesgefahr eiligſt die auf der Weichſel lie⸗ 
genden Danziger aus ihren Schiffen und den Woiwoden von 
Kulm Gabriel von Baifen herbei. Es kam zu einem Kampfe, 
in welchem von beiden Theilen viele erſchlagen wurden, darunter 
nicht weniger als acht Thorner Rathsherren. Das Volk aber 
behielt die Oberhand. Gabriel von Baiſen, ein Theil des 
Rathes und alle Polen wurden aus der Stadt vertrieben. Die 
übrigen Rathsherren enthielten ſich auf dem Rathhauſe und 
beſchwichtigten das Volk einige Tage durch die Erklärung, daß 
ſie forthin nichts ohne der Gemeine Zuſtimmung unternehmen 
wollten. Man hielt ſie indeß auf dem Rathhauſe immer noch 
wie Gefangene, alles blieb bewaffnet, alle Straßen mit Ketten 
geſperrt.) Bald darauf aber brach Gabriel von Baiſen und 
das vom Rathe herbeigerufene Polniſche Kriegsvolk unter der 
Anführung des Woiwoden von Kaliſch Stentzel von Oſtrorog 
und einiger andern Polniſchen Herren von neuem in die Stadt 
ein. Die Empoͤrer ohne ein Oberhaupt wurden jetzt über⸗ 


1) Schütz p. 203 ſetzt unrichtig den Ausbruch des Aufruhrs auf 
den 24. Septemb. (woraus bei Baczto B. III. 336 der 4. Sept. 
geworden iſt) und ſpricht überhaupt wohl zu günſtig fuͤr den Rath. 
Nach einem Schr. des Biſch. v. Pomeſanien an d. HM. d. Rieſenb. 
Sonnab. nach Nativit. Mariä 1456 Schbl. LXXXI. 162 erfolgte der 
Aufruhr am Mittwoch vor Nativit. Mariaͤ. Bis zum Sonnab. nach 
Nativit. Mariä war Gabriel v. Baiſen aus der Stadt wieder vertrieben. 
Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Mittw. vor Kreuz⸗ 
Erhoͤh. 1456 Schbl. V. 30. 


506 Aufruhr zu Thorn und Danzig. (1456.) 


waͤltigt; ein Theil von ihnen entfloh, hundert und ſunfzig 
wurden gefangen genommen und von dieſen in zwei Tagen 
fuͤnf und ſechzig mit dem Schwerte, im Ganzen aber zwei und 
ſiebenzig auf dem Markte der Stadt hingerichtet, mehre auch 
heimlich weggebracht und verbannt. Allen Buͤrgern wurde ein 
neuer Buͤrgereid abgenommen, vor allem aber die Gewerke mit 
ſtrengſtem Ernſte an Pflicht und Gehorſam gemahnt, denn auch 
ſie hatten am Aufruhr mit Theil genommen. Sie mußten 
daher ſaͤmmtlich von neuem dem Koͤnige von Polen den Eid 
der Treue fehwören. D 

Um dieſelbe Zeit loderte das Feuer des Aufruhrs auch in 
Danzig auf. Anſtifter deſſelben war ein angeſehener Bürger 
Martin Kogge, zum Syndicus der Stadt erwaͤhlt und Wort⸗ 
fuͤhrer der Stadtgemeine in allen ihren Angelegenheiten, ein 
ſchlauer, ehrgeiziger und unruhiger Kopf, vom Orden, wie man 
ſagte, uͤberredet, man wolle ihn, ſofern er Danzig dem Orden 
wieder uͤberliefere, zu einem großen Herrn erheben.) Im 
vollſten Vertrauen der Partei, die ſich dem Orden wieder zu⸗ 
gewandt, ſtand er beſtaͤndig mit den Ordensherren im geheimen 
Einverſtaͤndniſſe. Lange ſchon im Stillen immer fr den Orden 
wirkend, hatte er mehrmals ſchon einzelne Haufen vom Ordens⸗ 
volke bis in die Naͤhe der Stadt herbeigezogen; allein er trieb 
fein Weſen ſtets fo heimlich und ſchlau, daß man ihm nie an⸗ 
kommen konnte. Als er nun Nachricht vom Aufruhr in Thorn 
erhielt, verſammelte er ſeine Partei im Kloſter der ſchwarzen 
Moͤnche, haͤufig ſchon der Sammelplatz ſeiner Mitgenoſſen. 
Dort wiegelte er die Verſammelten „die Aelterleute mehrer 


1) Schütz 1. o. Rund p. 39. lleber den ganzen Aufruhr 
Schr. des Rathes v. Thorn, d. am T. Michaelis 1456 u. Schr. des 
Rathes von Thorn an den Bürgermeifter Ruͤticher v. Birken zu Thorn, 
d. am T. Michaelis 1456 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. III. 22. 
Vgl. auch das Schr. der Thorner an den Rath v. Danzig vom 
23. Octob. bei Schitz p. 251 — 252. Schr. des HM. an den Thorner 
Bürger Nicolaus Groſche, d. Sonnt. vor Matthäi 1456 Schbl. LU. 75. 
Detmar B. II. 189. 

2) Schütz p. 243. Runau p. 35. 


Aufruhr zu Thorn und Danzig. (1456.) 507 


Gewerke und viele aus der Klaſſe der Handwerker durch heftige 
Reden gegen den Rath der Stadt auf, der den Verrath der 
Stadt an den Polniſchen Koͤnig und alle ſchweren Laſten und 
Bedrückungen, worunter die Buͤrgerſchaft ſeufze, ganz allein 
verſchuldet habe. Alle ſchwuren auf feinen Entſchluß, die Stadt 
von dem ſchmachvollen Joche zu befreien. Es wurde aus den 
Gewerken ein Ausſchuß von Maͤnnern erkoren, der ihm im 
Werke der Befreiung thaͤtig zur Seite ſtehen ſollte. Nun 
trat er auf dem Markte mit einer Schrift auf, zu deren Ans 
börung er den Bingermeifter, Rath und die Schöppen berief. 
Als fie erschienen, warf er ihnen die ſchwerſten Verbrechen in 
der Verwaltung des Gemeinweſens, Vergeudung ſtaͤdtiſcher 
Einkuͤnſte, Veruntreuung des ſtaͤdtiſchen Eigenthums, willkühr⸗ 
liche Belaſtung der Bingerſchaft u. dgl. vor; er beſchuldigte 
fie ſogar, daß fie den Söldnern in Stargard und Neuenburg 
durch eine Verſchreibung die Vollmacht ertheilt hätten, Danzigs 
Buͤrger zu fangen, in Feſſeln zu legen und zu beſchatzen, wo 
und wie fie vermochten. Ein Rathsherrr, der als Zeuge aufs 
gerufen dieß laͤugnete, ward gefangen geſetzt, obgleich auch der 
Buͤrgermeiſter die Sache ſuͤr durchaus unwahr erklärte. 2 
Martin Kogge, um das Volk noch mehr fuͤr ſich zu gewinnen, 
verlangte nun die Abſchaffung der Acciſe und des Fenſter⸗ 
geldes, womit die Stadt belaſtet war. Das forderte auch die 
Gemeine. Obgleich der Buͤrgermeiſter einwilligte, ſofern man 
nur Rath zu andern Einnahmen ſchaffe, ſo ließ ihn Kogge 
jetzt dennoch ebenfalls gefangen nehmen und ſchlug ſeinen An⸗ 
haͤngern vor, den ganzen Rath abzusetzen. Dieß ſchien manchen 
ſehr bedenklich, denn fie feſſelte doch die Gewohnheit noch einiger⸗ 
maßen an Gehorſam gegen die Obrigkeit. Kogge ließ indeß 
die Gefangenen vorfuͤhren und entband ſie ihres Amtseides, 
mit dem Befehle, ihre Haͤuſer nicht eher zu verlaſſen, als bis 
er es ihnen erlaube.) Als nun aber auch die Übrigen Raths⸗ 


1) Das Nähere bei Schütz p. 244. 
2) Schütz I. c. Runau p. 36. 
3) Schütz p. 245. Bunau p. 36—37. 


508 Aufruhr zu Danzig. (1456.) 


herren ihre Aemter freiwillig niederlegen wollten, zwang er ſie, 
dieſen Beſchluß zuruͤcknehmen. So gebot er in der Stadt 
eine Zeitlang faſt mit dictatoriſcher Macht. 

Mittlerweile hatte man ſich von den Soͤldnerhauptleuten 
zu Stargard Abſchriften der Verſchreibungen des Rathes ver: 
ſchafft. Sie erwieſen nun zwar wirklich, daß Kogge's Be⸗ 
ſchuldigung des Rathes erdichtet war; es kamen auch Briefe 
des Hochmeiſters an, worin er die Gewerke der Stadt noch⸗ 
mals zur Ergebung aufforderte, weil ſie vom Banne und von 
der Acht, in die ſie durch Verfuͤhrung verſtrickt ſeyen, nur mit 
feiner Einwilligung frei geſprochen werden koͤnnten, ) auch 
andere vom Herzog von Sagan und dem Grafen von Gleichen, 
die vor dem Schickſale der Thorner und einem Ueberfalle der 
Polen warnten ;? allein Martin Kogge und fein Anhang 
konnten nun ſchon auf der betretenen gefahrvollen Bahn nicht 
mehr ſtille ſtehen. Ihre Gegner ſollten erſt voͤllig vernichtet 
werden. Jener brachte daher eine neue Rathswahl in Vor⸗ 
ſchlag; ſie fand zwar Widerſpruch, ward aber dennoch durch⸗ 
geſetzt. Das brachte Zwieſpalt unter die Buͤrgerſchaft. Sie 
trat zum Theil im Artushofe zu einer Berathung zuſammen, 
wo man den Beſchluß faßte und beſchwur: die Kreuzherren 
nimmer wieder in die Stadt aufzunehmen, ſondern forthin dem 
Könige von Polen treu zu bleiben.) Das aber war gegen 
Kogge's Plane. Schon in der naͤchſten Nacht hielt er Ver⸗ 
ſammlung mit ſeiner Partei; es ward der Anſchlag entworfen: 
man wolle zuerſt das Rathhaus mit vierhundert Bewaffneten 
erſtuͤrmen und beſetzen, dann den Rath gefangen nehmen, alle 
Gefaͤngniſſe ſprengen, die Acciſe-Kaſten auf brechen und mit 
dem gefundenen Gelde das Volk beſchenken, um es ganz zu 
gewinnen. So weit war man einverſtanden. Als darauf aber 


1) Schr. des HM. an die Gewerke der Stadt Danzig, d. Dienſt. 
nach Michael. 1456 Schbl. LX. 68. 

2) Schütz p. 245. Bunau p. 39. Antwort der Danziger auf 
ein Schr. des Herzogs v. Sagan bei Schütz p. 253. 

3) Schälz p. 246. 


Aufruhr zu Danzig. (1456.) 509 


die Frage aufgeworfen ward: ob man ſich nicht lieber dem 
Orden wieder ergeben wolle? viele jedoch darob erſchrocken ſich 
dagegen erklaͤrten, ließ Kogge einige Soͤldnerhaufen herbeirufen, 
die er für den Orden geworben und ihm zum Schutze dienten. 
Jetzt erſt erkannten viele feines Anhanges das Ziel feiner ver: 
derblichen Plane; fie gingen zu Rathe und beſchloſſen, dem 
Büngermeiſter Reinhold Niederhof Kogge's Anſchläge heimlich 
zu entdecken. Dieſer berief eiligſt den Rath und legte ihm 
alles vor. Wohlgeſinnte ſchloſſen ſich ihm an, bewachten das 
Rathhaus, zerſtreuten den im Kloſter der ſchwarzen Moͤuche 
ſchon verſammelten Pöbel und vereitelten fo Kogge's Plan. 
Er laͤugnete jedoch alles, als er ſich verrathen ſah. Sein 
Streben, die Stadt dem Orden wieder in die Haͤnde zu ſpielen, 
hatte alle in Schrecken geſetzt, ſo daß man das ergrimmte 
Volk kaum noch im Zaum halten konnte. Es ward ein neuer 
Rath gewaͤhlt und jede Verſammlung des Volkes aufs nach⸗ 
drücklichſte unterſagt.) Die Redlichgeſinnten verbanden ſich 
zur Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung. Man gelobte 
von neuem dem Koͤnige von Polen Treue und Gehorſam, ſo⸗ 
fern er der Stadt Schutz gewaͤhre. Aber zugleich beſchloß man 
auch, mit dem Orden niemals wieder in Gemeinſchaft zu treten 
und ihn auch ferner als Feind zu betrachten.“ Martin Kogge 
entging der Strafe, theils weil ſeine Anſchlaͤge nicht klar an 
den Tag gekommen, theils auch weil mit ihm zu viele in die 
Sache verwickelt waren. Er blieb eine Zeitlang ruhig, ward 
ſogar einigemal in Geſchaͤften gebraucht. Da er ſich jedoch 
nach einiger Zeit in ſeiner Hoffnung, bei der neuen Wahl in 
den Rath oder gar als Bürgermeiſter erkoren zu werden, ges 
täufcht ſah, brütete er bald über neuen Planen, gewann neuen 
Anhang, pflog von neuem Unterhandlungen mit dem Orden 
und bereitete alles zu einem abermaligen Volksaufruhr vor, in 
welchem er die Stadt doch noch in die Gewalt der Ordens⸗ 
herren zu bringen hoffte. Allein ſeine Umtriebe wurden jetzt 


1) Schitz p. 247 — 248. Runau p. 37. 
2) Schütz p. 248— 249. Runa p. 38. 


510 Verhandlungen mit den Söldnern. (1456.) 


bald entdeckt, mehre der Raͤdelsfuͤhrer ergriffen und mit dem 
Tode beſtraft. Er ſelbſt entfloh, ward jedoch eingeholt und nun 
ohne weiteres Urtheil und Gericht ſofort enthauptet. Seine 
Theilnehmer am Verrath, zwanzig Buͤrger, retteten ſich durch 
die Flucht, wurden aber geaͤchtet und der alte Rath wieder 
eingeſetzt.) 

Dieſe Verhaͤltniſſe in Thorn und Danzig hatten, bevor ſie 
ſolchen Ausgang gewannen, des Meiſters Hoffnung auf Er⸗ 
rettung immer noch emporgehalten. Ueberdieß ſtand auch Ulrich 
von Kinsberg mit einem ſtarken Heerhaufen immer noch bei 
Rheden und hoffte die dortige Burg nun bald um fo leichter 
zu gewinnen, da die Beſatzung bei einem Raubzug ins Pome⸗ 
ſaniſche Gebiet eine bedeutende Zahl von Gefangenen und ſelbſt 
auch ihren Hauptmann verloren hatte. 2 Waͤhrenddeß hatte 
auch Preuſſiſch⸗Holland ſich dem Orden ergeben muͤſſen; von 
dort aus wurden haͤufig und nie ohne anſehnliche Beute Ein⸗ 
fälle ins Gebiet von Elbing unternommen; doch Elbing ſelbſt 
glaubte der Ordensſpittler ſchonen zu muͤſſen, weil er von den 
Ereigniſſen in Thorn und Danzig auch guͤnſtige Wirkungen 
auf dieſe Stadt erwartete.) Sie waren ja ſelbſt auf die 
Hauptleute in Marienburg nicht ohne Einfluß geblieben. Durch 
ſie ſcheu geworden, hatten dieſe ihr Wort wegen des Landes⸗ 
verkaufes bereits halb und halb zuruͤkgenommen, aus Beſorgniß, 
der Orden werde, wenn es um jene beiden wichtigen Staͤdte 
geſchehen ſey, leicht die ganze verlorene Herrſchaft wieder ge⸗ 


1) Schäiz p. 250, Einiges über den Aufruhr in Danzig bei 
Detmar B. II. 189. 

2) Schr. Ulrichs v. Kinsberg, d. Rheden Freit. nach Matthaͤi 
1456 Schbl. Adelsgeſch. K. I. Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. 
Rieſenb. Donnerſt. nach Michaelis 1456 Schbl. LXV. 34. Er giebt 
105 Gefangene an, die zum Theil erſchlagen worden. Schr. Bern⸗ 
hards v. Zinnenberg, d. Stuhm Freit. nach Michael. 1456 Schbl. 
LI. 37. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark. Sonnt. vor Michael. 
u. Mittw. nach Franciſci 1456 Schbl. LXXXI. 123. 132. 70, 


Verhandlungen mit den Soͤldnern. (1456.) 511 


winnen.) Den Verbuͤndeten erwuchs daraus wenigſtens der 
Vortheil, daß die erſte Zahlungsfriſt ohne Zahlung voruͤberging, 
denn ſie hatten zur Entrichtung der erſten Zahlung noch keine 
Anſtalten getroffen. Als jedoch die Ereigniſſe in Thorn und 
Danzig gegen des Ordens Wuͤnſche ausſchlugen und die Soldner 
ſahen, daß auch Acht und Bann der Staͤdte feſten Sinn nicht 
hatten erſchüͤttern koͤnnen, knuͤpften fie neue Unterhandlungen 
an.“ Indeß wandte auch jetzt wieder der Ordensſpittler, durch 
eine Geldſendung von zehntauſend Gulden aus Livland erfreut, 
alle Ueberredung an, die Hauptleute zu bewegen, die Zahlung 
vom Orden anzunehmen; ſie wieſen jedoch des Meiſters An⸗ 
erbietungen abermals zuruͤck; den Ordensſpittler, der ſich ſelbſt 
an fie wandte, wuͤrdigten fie nicht einmal einer Antwort. ® 

Da man bald erfuhr, daß Ulrich Czirwenka und Nicolaus 
von Wolfersdorf ſich nach Danzig begeben und dort mit dem 
Rathe übereingekommen ſeyen: man ſolle ihnen ſofort 10,000 
Mark und um Martini 6000 Gulden auszahlen, ſo ſteigerte 
jetzt der Ordensſpittler fein Anerbieten auf 13,000 Gulden und 
verſprach zu Martini ebenfalls 6000 Gulden nebſt Verbuͤrgung 
durch Geißeln gleichwie die Danziger.“ Er begab ſich ſelbſt 
mit dem Gelde nach Stuhm und lud die Hauptleute ein, das 
Geld zu ſehen und in Empfang zu nehmen. Sie ſandten auch 
eine Botſchaft; allein die Verhandlungen hatten dennoch keinen 
Erfolg; ſie verweigerten die Annahme der angebotenen Summe 
unter allerlei leeren Vorwaͤnden. Alle Vorſtellungen des Spitt⸗ 
lers, alle Anerbietungen zu Geißeln und Buͤrgſchaften waren 
umſonſt, und als er ihnen mit dem ernſten Worte entgegentrat: 

1) Schiitz p. 252. 

2) Schiitz p. 254. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Donnerſt. vor Galli 
u. Preuſſ. Mark Mittw. nach Galli 1456 u. einige Schr. deſſelben 
aus dieſer Zeit Schbl. LXXXI. 83. 103. LI. 46 V. 4. 

4) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Dienſt. vor Simon 
u. Judä 1456 Schbl. LXXXI. 157. Adelsgeſch. W. 102. Schr. 
Bernhards v. Zinnenberg, d. Stuhm Dienſt. u. Donnerſt, vor Simon 
u. Judaͤ 1456 Schbl. LI. 40. 43. 


512 Verhandlungen mit den Söldnern. (1456.) 


nes ſey endlich Zeit für fie, ihr unadeliges und ſchaͤndliches 
Vornehmen zur Unterdruͤckung der Deutſchen Zunge abzuthun 
und ihre Ehre beſſer vor Gott und Welt zu bewahren“, 
brachen ſie alle weitern Unterhandlungen ab.) Sie hatten 
überbieß bereits Ausſicht zu weit bedeutenderen Summen, als 
ihnen der Orden bieten konnte. Danzig naͤmlich, von des 
Ordensſpittlers Bemühungen unterrichtet, beeilte ſich jetzt auf 
alle Weiſe, durch neue Steuern und Auflagen, Abgaben von 
allen Gütern und Waaren, durch Aufborgen und Anleihen bei 
Einheimiſchen und Fremden fo ſchnell als moͤglich für die 
Söldner in Marienburg, Stargard und Neuenburg die ver: 
ſprochenen Geldſummen zuſammenzubringen.?) Man legte ferner 
auf einer Tagfahrt zu Elbing um die Mitte des Novembers 
Landen und Städten eine Schatzung auf, die einen Ertrag von 
82,375 Gulden verſprach, wozu die Ritterſchaft 10,000 Gulden 
beiſteuerte. In den Staͤdten wurden die Beitraͤge von Haus 
zu Haus eingeſammelt, ſelbſt Frauen opſerten ihr Geſchmeide 
hin. Dieſer Eifer blieb natuͤrlich nicht ohne Wirkung auf die 
Hauptleute. Ueberdieß aber vernahmen dieſe auch, daß eine 
Anzahl von Ordensgebietigern in Oſterode, im Einverſtaͤndniſſe 
mit dem Kurfuͤrſten von Brandenburg, den gefaͤhrlichen Plan 
entworfen haben ſollten, den in Marienburg gefangen gehaltenen 
Hochmeiſter und mehre ſeiner Gebietiger ihrer Aemter fuͤr ent⸗ 
ſetzt zu erklären und den Ordenstreßler Eberhard von Kinsberg 
zum Meiſter zu erwaͤhlen, um in ſolcher Weiſe den Haupt⸗ 
leuten die ihnen jetzt fo wichtigen Geißeln, die fi) ihnen ver⸗ 
pflichtet, zu entziehen.) Auch dieß bewog die letztern, auf keine 
Unterhandlungen mit dem Orden mehr einzugehen. 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark am T. Simon u. 
Juda u. Stuhm Sonnab. nach Simon u. Juda 1456 Schl. LXXXI. 
74. 76. 84. Schr. deſſelb. an die Hauptleute zu Marienb. d. Stuhm 
Sonnab. vor Aller Heilig. 1456 Schbl. LXI. 76. 

2) Darüber das Nähere bei Schütz p. 254. Detmar B. II. 189. 

3) Schiitx p. 255, wo auch der Anſchlag der Taxe; vgl. Voigt 
Geſch. Marienb. S. 448. 

4) Schr. eines ungenannten Ordensritters an den Ordensſpittler, 


Huͤlfloſigkeit des HM. und des Ordens. -(1456,) 513 


Wirklich dachte jetzt der Hochmeiſter daran, wo moͤglich 
aus Marienburg zu entfliehen und nur der dringende Rath 
des Ordensſpittlers hielt ihn von dieſem Schritte zuruck. ) Er 
unterlag in dem alten, ehrwuͤrdigen Haupthauſe dem jammer⸗ 
vollſten Schickſale. Man mißhandelte ihn und die dortigen 
Ordensbruͤder auf die ſchmaͤhlichſte und gemeinſte Weiſe, entzog 
ihm alle ihn umgebenden Freunde, Raͤthe, ſelbſt feine Schreiber, 
die man wie feine Diener und fein Hofgeſinde völlig aus⸗ 
plünderte und aus dem Haufe jagte. Am ſchaͤndlichſten be⸗ 
handelte das zuͤgelloſe Soͤldnervolk die noch dort feyenden 
Ordensbruͤder. Wenn ſie zur Nacht nach ihrer Regel in die 
Kirche zur Meſſe gingen, wurden fie überfallen, gefchlagen und 
verwundet, oft ihrer Kleider beraubt, nackt ausgezogen und mit 
Peitſchen und Ruthen um den Kreuzgang getrieben. Andere 
wurden in ihren Gemaͤchern ſo in Angſt geſetzt, gequaͤlt und 
gemißhandelt, daß ſie, um ihr Leben zu retten, aus dem Fenſter 
ſprangen. Man ſchnitt ihnen gewaltſam die Baͤrte ab und 
mit den Baͤrten Stuͤcke von den Lippen und vom Kinne. Der 
Gottesdienſt konnte endlich gar nicht mehr gehalten werden; 
die Soͤldner erbrachen die Kirchen und Kapellen, vermummten 
ſich mit den Meßgewanden und Altartuͤchern, nahmen Fahnen 
und Krucifixe, hielten ſpoͤttiſche Proceſſionen und bruͤllten dabei 
gemeine Lieder mit Hohn und Spott gegen alles Heilige. Den 
Großkomthur Ulrich von Iſenhofen vertrieben ſie nach Stuhm 
und zwangen auch die uͤbrigen Ordensbruͤder, das Haupthaus 
zu verlaſſen; unter Lebensgefahr flüchteten fie ſich nach Mewe. 
So war der Hochmeiſter endlich faſt ganz allein gelaſſen, um 
ihn nur noch zwei Kaͤmmerer, einige Jungen, ein Koch und 
ein Diener. Er ſelbſt ward in ſeiner Kammer wie ein Ge⸗ 
fangener gehalten; er durfte öffentlich weder Briefe empfangen 


d. Preuſſ. Mark Mittw. nach Laurent. 1456 Schl. LX XXI. 154; 
vgl. Voigt a. a. O. S. 447. Schr. des Kurfürften v. Brandenburg 
an den HM. d. Königsberg in d. Mark Sonnt. nach Franciſci 1456 
Schbl. LXIX. 14. 
1) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Stuhm Mittw. nach 
Aller Heilig. 1456 Schbl. LXXXI. 163. 
VIII. 33 


514 Hüͤlfloſigkeit des HM. und des Ordens. (1456.) 


noch wegſenden, auch nie einen Fremden ſprechen. Keiner von 
den vornehmſten Deutſchen Hauptleuten wurde zu ihm zu⸗ 
gelaſſen, ſelbſt den Buͤrgern Marienburgs jede Mittheilung an 
ihn aufs ſtrengſte unterſagt. In einer Nacht ward ſogar ein 
Mordanfall gegen ihn verſucht, jedoch noch glücklich vereitelt. 
Die von ihm verlangte Unterſuchung der Schandthat wurde 
zwar verſprochen, aber nicht vorgenommen, woraus man ſchloß, 
daß die Hauptleute ſie ſelbſt eingeleitet.) Jeder Tag war 
für ihn voll Angſt und Quaal, jede Stunde ſehnte er ſich aus 
der fuͤrchterlichen Umgebung hinweg. 

Königsberg aber, wohin ſich der Hochmeiſter aus ſeiner 
unglücklichen Lage zu retten gedachte, war damals ebenfalls 
mit Trauer erfüllt. In Danzig nämlich hatten einige Bünger, 
die ſich durch Raub bereichern wollten, ſich verlocken laſſen, 
einen Haufen loſes Schiffsvolkes und einige fremde Kriegsleute 
durch Geld zu einem Einfalle nach Samland zu gewinnen. 
Auf einigen Fahrzeugen durchs Friſche Haff ſegelnd landeten 
dieſe bei Lochſtädt und Fiſchhauſen und plünderten dort mehre 
Dörfer. Der Herzog von Sagan aber, vom Ordensſpittler 
von dem Unternehmen zuvor ſchon unterrichtet, hatte den Herrn 
von Blankenſtein mit einem Streithaufen in jene Gegend ge- 
fandt, von dem der Feind, als er Lochſtaͤdt erſtuͤrmen wollte, 
ploͤtzich überfallen wurde, fo daß es ihm nicht mehr möglich 
war, feine Fahrzeuge ſchnell zu erreichen. Nahe an dreihundert 
wurden gefangen oder erſchlagen und viele ertranken im Haff. 
In Königsberg aber begann alsbald eine ſtrenge Unterſuchung, 
denn der Herzog von Sagan war benachrichtigt, daß die 
Kneiphoͤfer durch heimliche Briefe die Danziger zu dem Unter⸗ 
nehmen aufgefordert. Zwölf Rathsherren, der Stadtſchreiber 
und eine Anzahl Buͤrger wurden mit Weib und Kind aus der 
Stadt verwieſen und mußten unter angedrohter Todesſtraſe 
binnen vierzehn Tagen das Land räumen, Ein Theil flüchtete 


1) So ſchildert der HM. ſelbſt ſeine traurige Lage in einem Schr. 
an den Kaiſer u. die Reichsfuͤrſten, d. Koͤnigsb. am T. Martini 1459 
im Fol. A. 186 — 187; ſ. Voigt Geſch. Marienb. S. 448 ff. 


Hütflofigkeit des HM. und des Ordens. (1456.) 515 


nach Elbing und Danzig, andere nach Stralſund, wo ſie nach 
Jahren noch in der druͤckendſten Armuth lebten.“ 

Bald entſchwand nun aber dem Hochmeiſter auch die letzte 
Hoffnung, die er noch auf die Deutſchen Hauptleute geſetzt 
hatte. Georg von Schlieben Hauptmann zu Allenſtein, Martin 
Frodnacher zu Nößel, Georg von Loben zu Wartenberg, Thiele 
von Thuͤnen zu Ortelsburg, Hans Marſchalk zu Schoͤnberg, 
Hans von der Saale zu Marienwerder und mehre andere“ 
hatten ſich im Unwillen vom Ordensſpittler getrennt, theils 
weil er ſich geweigert ihren Sold zu erhoͤhen, theils weil er 
in ihre Forderung nicht eingehen wollte, daß, ſofern ſie das 
Land verkaufen winden, er mit den Schloͤſſern und Städten, 
die er inne habe, bei ihnen bleiben und dieſe mit verkaufen 
ſolle, denn ſie fingen nun ebenfalls an, darauf zu denken, aus 
dem Sturme etwas fuͤr ſich zu retten. Georg von Schlieben 
ſchloß ſobald als möglich mit dem Komthur von Oſterode, der 
ihn als Hauptmann und Beſchirmer in ſeine Burg aufnahm, 
einen Vertrag ab und beſetzte nun auch dieſe Burg, da der 
Komthur mit den dortigen Ordensrittern bisher immer in 
Zwieſpalt lebte.) Auch auf Hülfe von auswaͤrtsher konnte 


1) Schr. des Hauskomthurs zu Preuſſ. Mark an d. Ordensſpittler, 
d. Donnerſt. nach Aller Heilig. 1456; er nennt 400 Gefangene. Schr. 
des Ordensſpittlers an d. HM. d. Stuhm am Abend Martini 1456 
Schbl. LXXXI. 65. 59. Runau p. 40 — 41 u. Schiitz p. 254 — 255 
geben nur 25 Gefangene an. Beide halten die Kneiphoͤfer fuͤr un⸗ 
ſchuldig. Schr. des Rathes v. Stralſund an d. Ordensſpittler, d. Freit. 
vor Oculi 1458 Schbl. Judicialia nro 10. Schr. des Rathes v. Luͤbeck 
an d. HM. d. Sonnab. vor Lätare 1458 Schbl. XVII. 32. 

2) Martin Frodnacher u. einige andere hatten bis auf den Aſchtag 
1456 an den Orden eine Schuldforderung von 85,046 Unger. Gulden 
an Sold u. 6236 Unger. Gulden an Schaden; die Schuldforderung 
Thiele's von Thuͤnen belief fi bis auf S. Georgs⸗Tag 1456 auf 
39,536 Unger. Gulden an Sold u. 3500 Unger. Gulden an Schaden; 
darüber die Recognitionen des HM. Schbl. 93. 35 u. 96. 5. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Freit. nach Katha⸗ 
rind 1456 Schbl. LXXXI. 144. Der Vertrag zwiſchen dem Komthur 
v. Oſterode u. Georg v. Schlieben in: Nachrichten v. einigen Haͤuſern 
des Geſchlechts v. Schlieben Beil. 36 S. 48, u. Schbl. LIII. 67. 

33 * 


516 Hülfloſigkeit des HM. und des Ordens. (1456,) 


man keine Hoffnung mehr faffen. Auf dem Reichstage zu 
Nürnberg gegen Ende des Jahres 1456 ſtellten zwar der 
Deutſchmeiſter und die dortigen Ordensgeſandten ) den Reichs⸗ 
fürften die ganze ſchreckliche Lage des Ordens, feinen nahe 
drohenden Untergang und den gaͤnzlichen Verluſt Preuſſens fuͤr 
das Deutſche Reich fo freimuͤthig als eindringlich vor und baten 
inſtaͤndigſt um einen allgemeinen Reichszug der Fuͤrſten und 
des Deutſchen Adels zu des Landes Rettung. Die Finften 
wurden auch gerührt, es wurde Hülfe beſchloſſen und zugeſagt; 
man berieth auch einen Angriff auf Polen; einzelne Fuͤrſten, 
wie der Erzbiſchof Dieterich von Mainz, ertheilten jetzt dem 
Deutſchmeiſter auch die Erlaubniß, in ihren Landen Steuern 
und Huͤlfsgelder zu ſammeln, die Ordensguͤter und Burgen 
zu verkaufen, Mannſchaft fuͤr den Orden anzuwerben u. ſ. w.; 
andere, wie der Kurfuͤrſt Friederich von Brandenburg und der 
Pfalzgraf Friederich vom Rhein erboten ſich alsbald, perſönlich 
an einem ſolchen Reichszuge Theil zu nehmen und erließen 
ſogleich auch eine dringende Aufforderung zur Mittheilnahme 
an die uͤbrigen Reichsfuͤrſten.) Allein der uͤber das Ganze 
zu faſſende Beſchluß ward zur naͤhern Berathung auf einen 
neuen Reichstag des naͤchſten Jahres verwieſen; es ward uͤber⸗ 
haupt uͤber die Rettung Preuſſens auf dem Reichstage viel 
beſprochen und berathen vom Kaiſer und von den Fuͤrſten; 
allein es ging nichts davon in die That uͤber. Nicht einmal 
zur Ausloͤſung Marienburgs von den Soͤldnern war das noͤthige 
Geld zuſammenzubringen. ) 


1) Als ſolche werden genannt Georg v. Erlichshauſen Domherr zu 
Würzburg, Laurentius Blumenau, Eberhard v. Kinsberg der Ordens⸗ 
treßler u. a Schr. der Deutſ. Reichs fuͤrſten an den HM. d. Frankfurt 
Sreit, vor Nativit. Mariaͤ 1456 Schbl V. 3. 

2) Ausſchreiben der Kurfuͤrſten, d. Nurnberg Sonnt. vor Thoma 
1456 bei Jaeger Cod. diplom. O. T. s. k. a. 

3) Schr. eines Ungenannten aus Nürnberg an d Ordensſpittler, 
d. am T. Andrei 1456. Schr. der Ordensgeſandten an d HM. d. 
Nürnberg am T. Thoma 1456 Schbl. LXXXI. 67. 3 u. DM 134. 
Schr. des Deutſchmeiſters, d. Horneck am Chriſttage 1457 Schbl. 98. 45. 


Hülfloſigkeit des HM. und des Ordens. (1457.) 517 


So brach das verhaͤngnifvolle Jahr 1457 an. Das 
ganze Land ſtand in ſturmvoller Aufregung da. Alle Banden 
früherer Ordnung ſchienen ſich mehr und mehr zu loͤſen. 
Mehre der angeſehenſten Deutſchen Hauptleute, als Georg 
von Schlieben, Martin Frodnacher u. a. ermuthigten die Boͤh⸗ 
miſchen dadurch nicht wenig, daß auch ſie jetzt am Verkaufe 
des Landes mitarbeiteten. Um fo mehr war Ulrich Czir⸗ 
wenka auf den Tagfahrten zu Thorn und Graudenz eifrig be⸗ 
müht, die foͤrmliche Uebergabe Marienburgs ſo viel als moͤg⸗ 
lich zu beſchleunigen. Dem Hochmeiſter blieb keine Hoffnung 
mehr. Der Ordensſpittler hatte das Geld benutzt, um durch 
Befriedigung der Hauptleute zu Mewe und Konitz wenigſtens 
dieſe Städte vom Verluſte zu retten. Er hatte ſich dann nach 
Königsberg begeben, um das Niederland gegen den Feind 
mehr ſicher zu ſtellen; allein Inſterburg ward von dieſem er⸗ 
ſtürmt und das Schloß abgebrannt. Der Herzog von Sagan, 
mit dem Ordensſpittler laͤngſt im Zerwinfniß, verließ Preuſſen 
zu Ende des Januars und mit ihm auch die Grafen Hans 
von Gleichen und Georg von Henneberg, um ſich auf den 
Reichstag nach Frankfurt zu begeben.) Gerne hätte der 
Ordensſpittler auch den Großkomthur dahin geſandt; allein es 
gebrach am noͤthigen Reiſegelde, ) denn die Gebiete von Balga 
und Brandenburg, fiber welche man noch ziemlich frei verfügen 
konnte, waren ſo verarmt und ausgeſogen, daß nichts mehr 
daraus zu ziehen war. Die Gebiete von Tapiau, Wehlau bis 
Gerdauen hin hatte der Feind beſetzt und ſo blieb ihm zu 
ſeiner eigenen Unterhaltung nur noch Samland übrig, woher 
er aber kaum die Hälfte feiner Bedürſniſſe gewinnen konnte. 4 


1) Schr. des Großkomthurs an d. HM. d. Mewe Sonnab. vor 
Priſcà 1457 Schbl. LXXXI. 17. 

2) Schr. des Ordeneſpittlers, d. Koͤnigsb. am T- Fabian und 
Sebaſt. 1457. Schbl. XXVI. 42. Schr. deſſelben an d. HM. d. Koͤ⸗ 
nigsb. Mittw. nach Pauli Bekehr. 1457 Schbl. LXXXI. 45. 

3) Es wurden dazu nur 200 Gulden verlangt. Schr. des Groß⸗ 
komthurs, d. Mewe am T. Blaſii 1457 Schbl. LXX. 87. 

4) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Donnerſt. nach Licht⸗ 


518 Huͤlfloſigkeit des Ordens. (1457.) 


Da man vernahm, daß die Verbuͤndeten den Koͤnig von Po⸗ 
len dringend erſucht hatten, eilig mit einem Heere und dem 
noͤthigen Gelde ins Land zu kommen ‚ um Marienburg von 
den Soͤldnern einzulöfen und in Beſitz zu nehmen, D fo ſuchte 
naturlich jeder für ſich noch zu retten, was möglich war. Der 
zunaͤchſt bedrohte Biſchof von Pomeſanien ließ ſich daher vom 
Hochmeiſter zur Erhaltung ſeiner Kirchenguͤter nicht nur neue 
Beſtaͤtigungsbriefe ausfertigen, ſondern bot auch mit ſeinem 
Domkapitel ſeine letzten Mittel auf, um ſein Schloß Schoͤn⸗ 
berg vom Kriegsvolke des Grafen von Gleichen wieder einzu⸗ 
loͤſen. Um tauſend Mark aufzubringen, mußten alle noch 
uͤbrigen Kleinodien der Kirchen veraͤußert und ſelbſt das Silber 
von den kirchlichen Gewaͤndern abgetrennt werden. Das 
Schloß ward dem Hauptmanne Fritz von Raueneck anvertraut, 
den der Biſchof als einen edlen und durchaus rechtlichen Mann 
kannte.?) 

Der Deutſchmeiſter, welcher vergebens alle Schloͤſſer und 
Ordensgüter in Deutſchland fin Geld feil geboten, hatte bis⸗ 
her immer noch mit der Hülſe der Reichsfüͤrſten getroſtet. 3 
Allein auch die Ausſicht auf den Neichstag, der im Mai zu 
Frankfurt Statt finden ſollte, trübte bald die Nachricht, daß 
der Kurfuͤrſt von Brandenburg, der Polen am genauſten 
kannte und bisher einen Angriff auf dieſes Reich am eifrigſten 
betrieben hatte, auf dem Reichstage nicht ſelbſt erſcheinen, 
ſondern nur einige ſeiner Raͤthe dahin ſenden werde, ſo daß 
vorauszuſehen war, der Reichszug werde nicht zu Stande 


meß 1457 Schbl. LXXXI. 22. Schr. deſſelb. an den HM. d. am T. 
Lichtmeß 1457 Schbl. LXX. 23, Er ſagt: wo früher 5000 Mark an 
Zinſen gefallen ſeyen, erhalte man jetzt kaum noch 100 Mark. 

1) Schitz p. 255 — 256. 

2) Schr. des Biſchofs Kaspar v. Pomeſanien, d. Rieſenb. am T. 
Pauli Bekehr. 1457 Schbl. LXV. 27, 


3) Schr. des Deutſchmeiſt. an d. HM. d. Horneck am h. Chriſt⸗ 
tage 1457 Schl, 98. 45. 


Hfuflofigkeit des Ordens. (1457.) 519 


kommen.) Nun erſchien zwar um dieſe Zeit beim Ordens⸗ 
ſpittler ein Botſchafter des Koͤniges von Daͤnemark, theils ſich 
wegen der Verſaͤumniß der zugeſagten Hülfe zu entſchuldigen, 
theils dem Hochmeiſter die Verſicherung zu bringen, daß er 
jetzt, von feinem Feinde dem Könige Karl von Schweden be⸗ 
freit, den zugeſicherten Beiſtand gewiß leiſten, im Frühling 
vor Danzig erſcheinen und das Tief dort verbauen wolle, da 
auch ſelbſt der Reichsadel dem Orden zu Huͤlfe zu ſtehen bereit 
ſey. 9 Noch früher indeß kam der aus Schweden vertriebene 
König Karl in Danzig an, wo man ihn mit ſeinen reichen 
Schaͤtzen gerne und ehrenvoll aufnahm.) Die Danziger, jetzt 
zumal nach des Koͤniges Geld lüſtern und zugleich darauf be⸗ 
dacht, den Koͤnig von Daͤnemark auch ferner durch Krieg mit 
Schweden beſchaͤftigt zu halten und dadurch den Orden der 
zugeſagten Huͤlfe zu berauben, ließen es auf Karls Erſuchen 
nicht an Ermahnungen nach Schweden wie an die Freunde, 
ſo an die Feinde des Koͤniges fehlen, um ihm Wiederaufnahme 
in ſein Reich und Friede und Verſoͤhnung zu bewirken.“ Sie 
ſuchten auch die Hanſeſtaͤdte für Karls Sache zu gewinnen; ?“ 
allein alle ihre Bemuhungen blieben ohne Erfolg. Des ver⸗ 
triebenen Koͤniges Begleiter wurden Freibeuter auf der See, 
griffen alle Schwediſchen und Daͤniſchen Schiffe auf und brach⸗ 
ten die Beute nach Danzig. Die Danziger ſelbſt borgten dem 
Koͤnige einen Theil ſeiner mitgebrachten Schaͤtze ab; dieß 
laͤugneten ſie auch nicht, wohl aber, daß ſie, wie ihnen von 
Schweden aus vorgeworfen ward, den ganzen Schwediſchen 


4) Schr. Eberhards von Kinsberg, d. Schnabelweid Mont. vor 
Lichtmeß 1457 Schbl. XLIN. 71. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. am T. Dorothea 1457 
Schbl. XXI. 33. 

3) Schütz p. 256. Geijer Geſchichte Schwedens B. I. 219 — 
220. Detmar B. U. 194; der König kam am Faſtnachtabend in 
Danzig an. 

4) Schr. der Danziger an die Reichs ſtaͤnde in Schweden bei Schatz 
p. 256 — 258. 

5) Das Naͤhere bei Schiits p. 288. 


520 Georg v. Schlieben im Zwiſt mit d. Orden. (1457.) 


Reichsſchatz in ihre Hände bekommen und zu ihrem Nutzen 
verwandt haͤtten.) Es betrug auch wirklich die Summe, wo⸗ 
fuͤr Danzig dem Koͤnige das Gebiet von Putzig verpfaͤndete 
und ihm dort einen ſichern Aufenthalt anwies, nur etwa funf⸗ 
zehntauſend Mark. Danzig jedoch zog ſich dadurch von neuem 
des Daͤniſchen Königes Feindſchaft zu, der Schweden immer 
noch als ſeiner Krone zugehoͤrig betrachtete, ſich deſſen bemaͤch⸗ 
tigte, als König von Schweden gekroͤnt wurde und von den 
Danzigern den vom Verraͤther ſeines Reiches geraubten Reichs⸗ 
ſchatz zuruͤckverlangte. 2 

Mittlerweile war Preuſſen fortwaͤhrend der Schauplatz 
der wildeſten Bewegungen. Außer den Hauptleuten auf Ma⸗ 
rienburg ſtand nun auch Georg von Schlieben faſt wie ein 
offener Feind des Ordens da. Nach dem erwaͤhnten Vertrage 
zum Hauptmann von Oſterode aufgenommen, ſuchte er ſich 
auch im Beſitze dieſer Burg ſo viel als moͤglich ſicher zu ſtel⸗ 
len, begann aber bald ſtatt der Rolle des Beſchirmers die des 
Herrn und Befehlshabers über Stadt und Burg zu ſpielen. 
Daruber gerieth er mit dem Komthur in den beftigften Streit, 
der die unheilvollſten Folgen hatte, denn faſt alle Rottmeiſter 
nahmen ſich Georgs von Schlieben Sache an und in den 
Gebieten von Oſterode und Gilgenburg raubte und pluͤnderte 
nun, wer wollte, wodurch auch dort das Landvolk faſt völlig 
zu Grunde gerichtet wurde. 9 Da der Komthur das Schloß 
unter keiner Bedingung räumen wollte, fo verſammelte Schlie⸗ 
ben zu Neumark eine bedeutende Zahl von Rottmeiſtern. Man 
beſchloß Gewaltmaaßregeln, zog Soͤldnerhaufen aus Rieſenburg, 


1) Die Verhandlungen des Gubernators und der Danziger mit 
den Schwediſ. Reichsſtaͤnden weitlaͤuftig bei Schütz p. 258 — 261. 

2) Schr. des Königes Erich v. Daͤnemark an d. HM. d. Ruͤgen⸗ 
walde Mont. nach Latare 1457 Schbl. XXXI. 7. Geijer B. I. 
220 Note 1. Detmar B. II. 195; dieſer Chroniſt erzaͤhlt ſpaͤter S. 
236 — 237, daß Chriſtian den Reichsſchatz nachmals in Stockholm 
ſelbſt fand. 

3) Schr. des Komthurs v. Graudenz an d. HM. d. Allenſtein 
am T. Valentini 1457 Schbl. LIII. 67. 


Georg v. Schlieben im Zwiſt mit d. Orden. (1457.) 521 


Marienwerder, Allenſtein und andern Orten zuſammen und 
da auch jetzt der Komthur Schliebens Aufforderung kein Gehör 
gab, fo wurde die Burg förmlich belagert. Der Komthur for⸗ 
derte die Buͤrger der Stadt zur Vertheidigung auf; ſie be⸗ 
waffneten ſich zwar, traten aber mit den nahe ſitzenden Land⸗ 
leuten zu Georg von Schlieben uͤber. Nur herbeieilendes 
Huͤlfsvolk aus Liebmuͤhl machte es dem Komthur moͤglich, ſich 
gegen den Feind zu behaupten. Schlieben zog ſich vorerſt nach 
Allenſtein zuruck.) Beſorgt jedoch, daß er ſich jetzt auch die⸗ 
ſer Stadt als Herr zu bemaͤchtigen ſuchen werde, ſtellte der 
Hochmeifter dem Domkapitel zu Frauenburg eine offene Erklaͤ⸗ 
rung aus, daß er Allenſtein dem Hauptmanne Georg von 
Schlieben nie in der Abſicht übergeben habe, um es dem Dom⸗ 
kapitel zu entfremden, ſondern nur um es gegen Feinde zu 
ſchuͤtzen und zu vertheidigen, weshalb er jeden Gewaltſchritt, 
der die Stadt ihrer rechtmäßigen Herrſchaft entziehen koͤnne, 
fin rechtswidrig und frevelhaft erklaͤren muͤſſe.) Da auch 
ein fpäterer Verſuch des Komthurs von Oſterode, ſich wegen 
der Beſetzung der Burg zu vereinigen, nicht gluͤckte, weil 
Georg von Schlieben ohne weiteres den unbeſchraͤnkten Beſitz 
der Burg und Stadt verlangte, ſo blieb dieſer auch ferner 
erbittert dem Orden gegenuͤber ſtehen. 9 

Dieſe Zerwuͤrfniſſe aber blieben nicht ohne Einwirkung 
auf die Hauptleute zu Marienburg. Sie ermuthigten ſie, jetzt 
kecker als je mit einer Vertheidigung ihres ganzen Verfahrens 
an den Herzog Friederich von Sachſen hervorzutreten, weil 
dieſer ihnen, beſonders denen, die aus ſeinem Lande am Ver⸗ 
kaufe Marienburgs Theil genommen, die nachdruͤcklichſten Vor⸗ 
würfe gemacht hatte. Mit allerlei Gruͤnden ihre Handlungs⸗ 
weiſe rechtfertigend erklaͤrten ſie, daß nicht ſie zuerſt, ſondern 

1) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Dienſt. vor Mathiaͤ 1457 
Schbi. XLVIII. 5. 


2) Die urkunde des HM. d. Mar. Freit. vor Invocavit 1457 
Schbl. LI. 35. 

3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Freit. nach Laͤtare 1457 
Schbl. LIII. 68. N 


522 Georg v. Schlieben im Zwiſt mit d. Orden. (1457. 


der Orden zuerſt ihnen in den ausgeſtellten Verſchreibungen 
das Land verkauft habe; ſie ſuchten dann mit der ſchaͤrfſten 
Bitterkeit und in den allerhärteften Ausdrucken gegen den Or⸗ 
densſpittler, den ſie einen falſchen, lügenhaften Menſchen, einen 
verrätherifchen Boͤſewicht, einen treu⸗ und ehrloſen Schalk 
nannten, die Verleumdungen und Erdichtungen, die er uͤber 
ihre Beſtechlichkeit durch den Koͤnig von Polen durch ſeinen 
Bruder in Deutſchland verbreiten laſſe, zu widerlegen und zu⸗ 
gleich darzuthun, wie ehrlos, luͤgneriſch und wortbrüchig der 
Spittler in ſeinen Anerbietungen ſie immer getaͤuſcht und be⸗ 
trogen u. ſ. w. Kurz es ergoß ſich in dieſer Schrift ein fo 
bitterer und giſtiger Haß, eine ſo rachzornige Leidenſchaft gegen 
den Ordensſpittler, daß man klar ſah, es war alles nur dar⸗ 
auf berechnet, dieſen Ordensgebietiger als den Schuldbeladenen 
alles Ungluͤcks und Unheils der Verachtung und Verdammung 
der Welt Preis zu flellen. D Ferner ermuthigten jene Streit⸗ 
haͤndel auch die Hauptleute auf Marienburg, mit den Deut⸗ 
ſchen Hauptleuten wegen Mittheilnahme am Landesverkauf in 
neue Unterhandlungen zu treten und ſie fanden einen Theil der 
letztern jetzt auch nicht abgeneigt; jedoch wollten ſich dieſe nicht 
eher feſt daruͤber beſtimmen, als bis die Sendboten vom Be⸗ 
ſchluſſe des Reichstages zu Frankfurt ſichere Nachricht gegeben, 
denn auf dieſen Reichstagsſchluß ſetzten die beſſergeſinnten 
Hauptleute immer noch einige Hoffnung.) Eine Zeitlang 


1) Die Vertheidigungsſchrift der Hauptleute zu Marienburg an 
den Herzog Friederich v. Sachſen, d. Sonnt. zu Faſtnacht 1457 Schl. 
LXI. 5. Aus der Namensunterſchrift erſehen wir, daß auch viele 
Deutſche ſich den Böhmen zugeſellt; wir finden z. B. Graf Heinrich 
von Tewingen (7), Georg v Schellendorf, Fritz von Gleim, Bernhard 
v. Kaſſau, Ulrich v. Duba, Kunz v. Branſtein, Nicolaus Seidewitz, 
Ulrich Zettwitz, Hans v. Leibnitz, Heinz v. Buch, Friedel Lanken, Hans 
v. Streitberg u a. Nicolaus v. Wolfersdorf rechtfertigt ſich bei dem 
genannten Herzog in einem beſondern Schreiben Schbl. LX VI. 46. 

2) Schr. des Lange⸗-Hermann an d. Biſch. v. Pomeſanien, d. 
Neumark am Abend Gregorii 1457 Schbl. LXV. 40. LXXXI. 2. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Königsb. Sonnt. Oculi 1457 
Schbl. LXXXI. 49. Georg v. Schlieben war von Seiten der Haupt⸗ 


Georg v. Schlieben im Zwiſt mit d. Orden. (1457.) 523 


ſchien es auch, als ſolle ſie jetzt wirklich in Erfuͤlung gehen. 
Auf des Kaiſers Aufforderung zur Berathung uber die Mittel 
zur Rettung des Ordens aus ſeiner Bedraͤngniß erklaͤrten die 
Kurfürſten: der Orden konne jetzt nur noch, aber er muͤſſe 
jetzt auch nothwendig durch einen allgemeinen Reichszug gerettet 
werden; das erfordere nicht allein die nothwendige Hundha= 
bung und Vollführung des paͤpſtlichen und kaiſerlichen Urtheils, 
ſondern auch die Ehre des Deutſchen Reiches, die Aufrechthal⸗ 
tung des Gehorſams gegen den Kaiſer und die Beſtrafung des 
an der ganzen Chriſtenheit, am Roͤm. Reiche und am geſamm⸗ 
ten Deutſchen Adel in Preuſſen begangenen Unrechts. Ein 
ſolcher Reichszug ſey daher auch beſchloſſen und ſollte ſobald 
als möglich zur Ausführung kommen. ) Die Kurfuͤrſten er⸗ 
ſuchten zugleich auch den König Ladiſlaus von Boͤhmen daran 
mit Theil zu nehmen; 2 es ſchien ihnen wirklich jetzt Ernſt zu 
ſeyn. Der Anſchlag des Reichszuges ward in der That groß⸗ 
artig entworfen; uͤber die Wahl des Oberhauptmannes, über 
Ort und Zeit der Truppenſammlung u. ſ. w. wollte man auf 
naͤchſtem Reichstage noch die noͤthigen Beſchluͤſſe faſſen, wäh: 
rend der Hochmeiſter Nachrichten einziehen ſollte, ob im Falle 
eines Angriffes auf den Koͤnig von Polen die Litthauer und 
Maſovier dieſem beiſtehen winden. ? Sonach kamen aus 
Deutſchland fir den Orden die troͤſtlichſten Berichte, fo daß 
der Hauptmann Thiele von Thuͤnen verſicherte: nun dürfe der 


leute ebenfalls auf den Reichstag gezogen. Der Herzog Balthaſar v. 
Sagan und der Graf v. Gleichen hatten noch nicht abziehen koͤnnen, 
weil die Feinde des Ordens ihnen ſicheres Geleit verfagten- 


1) Schr. der Kurfuͤrſten an den Kaiſer, d. am Abend Annunciat. 
Maria 1457 Schbl. V. 5 (Abſchrift). 


2) Schr. der Kurfuͤrſten an den König von Böhmen, d. wie vor 
Schbl. V. 5. 


3) Schr. der Sendboten des Ordens auf dem Reichstage Georg 
v. Erlichshauſen, Eberhard v. Kinsberg u. a. d. Frankfurt a. M. 
Mont. nach Laͤtare 1457 Schbl. LXXXI. 48. 


524 Kulmiſche Biſchofswahl. (1457.) 


Orden neue Hoffnungen faſſen; die Herren im Lande wuͤrden 
doch nun auch Herren bleiben. * 

Auch der mittlerweile am ſiebenten Maͤrz erfolgte Tod 
des feindlichgeſinnten Biſchofs von Kulm Johannes Margenau 
konnte fuͤr den Orden als ein guͤnſtiges Ereigniß gelten. 2 
Der Hochmeiſter hoffte jetzt die biſchoͤfliche Winde von Kulm 
in die Haͤnde eines Mannes zu bringen, der die Stimmung 
des Volkes im Kulmerlande für den Orden mehr gewinnen 
könne. Dieß hatte freilich große Schwierigkeiten. Die Kul⸗ 
miſchen Domherren in zwei Parteien getheilt, die eine für, die 
andere gegen den Orden, lebten theils in Thorn, theils in 
Neumark. 3) Der Biſchof von Pomeſanien, bei der Sache 
am thätigften, wuͤnſchte den Kulmiſchen Dompropſt Laurentius 
Zankenzin, der Hochmeiſter dagegen im Einverſtaͤndniß mit 
dem Ordensſpittler feinen Kanzler und Kaplan Magiſter An⸗ 
dreas Santberg gewaͤhlt zu ſehen, denn von dem Vertrauen 
und der Achtung, die dieſer allgemein genoß, hoffte man am 
meiſten Vortheil fuͤr den Orden; er ſchien auch in aller Hin⸗ 
ſicht für das Amt der Tuͤchtigſte. ) Allein ihm ſowohl, als 
dem Orden fehlte es ganz an den noͤthigen Mitteln, um die 
bei der Wahl und Beftätigung unvermeidlichen Koſten zu be⸗ 
ſtreiten, denn gerade dieſer Umſtand konnte dahin fuͤhren, daß 
die Kulmiſche Kirche dem Orden ganz entzogen werde.) Ob⸗ 
gleich naͤmlich Andreas Santberg von der dem Orden geneig⸗ 


1) Schr. des Biſch. v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Sonnt. Lätare 
1457 Schbl. LXV. 45, 
2) ueber die Zeit des Todes dieſes Biſchofs iſt kein Zweifel mehr 
nach dem erwaͤhnten Schr. des Lange = Hermann Schbl. LXXXI. 2. 
Den 7. Maͤrz nennen auch die Domherren ſelbſt in einem Schr. an 
den Dompropſt Laurentius Zankenzin Schbl. LXIV. 1. 

31 Schr. der Kulmiſ. Domherren zu Thorn an den Propſt Lau⸗ 
rentius zu Neumark, d. Thorn 23 März 1457 Schbl. LXIV. 1. 

4) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Mont. nach Latare 
1457 u. Sonnt. vor Judica 1457 Schbl. LXIV. 6. 8. 

5) Schr. des Kaplans Magiſter Andreas Santberg, d. Königsb. 
Mittw. nach Ambroſii 1457 Schbl. LXIV. 5, 


Kulmiſche Biſchofswahl. (1457.) 525 


ten Partei des Domkapitels zum Biſchofe wirklich gewaͤhlt 
wurde, ſo erkor doch die Gegenpartei den mit Geldmitteln 
reichlich verſehenen Official des Kulmiſchen Domkapitels Bar⸗ 
tholomaͤus aus ihrer Mitte.) Beide Theile ſandten eiligſt 
nach Rom, dem Papſte die Wahl bekannt zu machen und die 
Beſtaͤtigung zu erhalten. Von Seiten des Ordens hoffte man 
ſie um ſo ſicherer, weil die Gegenpartei, obgleich ſie ihre Wahl 
geſetzlich aus ihrem Schoße vorgenommen, zu einer ſolchen 
Wahl für unfaͤhig erachtet werden mußte, da ſie noch mit dem 
paͤpſtlichen Banne beſtrickt war. Dennoch fand die Beſtaͤ⸗ 
tigung des Andreas Santberg bei dem großen Geldmangel des 
Ordensprocurators in Rom ungemeine Schwierigkeiten, denn 
der Papſt erklaͤrte geradezu, daß er jetzt, wo er ſelbſt alle 
ſeine Schaͤtze zur Vertheidigung der Kirche gegen die Glau⸗ 
bensfeinde verwenden muͤſſe, auf des Ordens Armuth keine 
Ruckſicht nehmen könne.) Unterdeß ſtarb Andreas Santberg 
im September und die Ordenspartei im Domkapitel mußte 
zu einer neuen Biſchofswahl ſchreiten. Sie fiel jetzt auf den 
Kulmiſchen Dompropſt Laurentius Zankenzin.) Der Hoch⸗ 
meiſter billigte ſie und ſandte ſofort den Gewaͤhlten ſelbſt mit 
Empfehlungsſchreiben zu ſeiner Beſtaͤtigung nach Rom. Allein 
nun trat ihm dort der Ordensprocurator ſelbſt entgegen, be⸗ 
maͤchtigte ſich feiner Papiere und hielt ihn, waͤhrend er truͤge⸗ 
riſch vorgab, ſeine Sache am paͤpſtlichen Hofe fordern zu 
wollen, eine Zeitlang in ſeinem Hauſe ſogar wie gefangen, um 
durch allerlei Schleichkuͤnſte ſich die Biſchofswuͤrde ſelbſt zu 


1) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Mont. nach 
Palmar. 1457 Schbl. LXIV. 9. 10. Die Wahl des Andreas Sant⸗ 
berg geſchah am 12. April. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Mont. zu Oſtern 
1457 Schbl. LXIV. 1. 

3) Schr. des Procurators an Andreas Santberg, d. Rom 3 Sept. 
1457 Schbl. LXIV. 3. 

4) Schr. der Kulmiſ. Domherren Johannes Strasburg u. a. an 
den HM, d. Neumark Freit. nach Mauriti 1457 Schbl. LXIV. 7. 


526 Kulmiſche Viſchofswahl. (1457.) 


verſchaffen; und was konnte am paͤpſtlichen Hofe mehr wirken, 
als die Behauptung, daß der Gewaͤhlte nicht im Stande ſey, 
die Koſten der Beſtaͤtigung zu beſtreiten? So ſtanden jetzt 
drei Bewerber um die Biſchofswuͤrde von Kulm in Rom ein⸗ 
ander entgegen. Waͤhrend jeder von ihnen fort und fort alles 
aufbot, ſeine Gegner zu verleumden, dem Papſte und den 
Kardinaͤlen durch allerlei Anſchuldigungen verdaͤchtig zu machen 
und als des Amtes unwuͤrdig zu ſchildern, v ging das Jahr 
voruͤber, bis die veraͤnderten Verhaͤltniſſe in Preuſſen auch in 
dieſer Sache die Entſcheidung brachten. 

Hier war unterdeß das Unabwendbare erfolgt. Da man 
erfuhr, daß der Koͤnig von Polen mit eifrigſter Thaͤtigkeit zu 
einem Kriegszuge nach Preuſſen rüfte, fo traf der Ordensſpitt⸗ 
ler, nun wohl einſehend, daß Marienburg nicht mehr zu retten 
ſeyn werde, in Koͤnigsberg und im Niederlande überhaupt 
zweckmaͤßige Anftalten, um dem Orden nach ſeiner Vertreibung 
aus den weſtlichen Landen ſeine oͤſtlichen Gebiete zu erhalten. 
Balga ward von neuem ſtark befeſtigt. In Memel wurden 
bedeutende Bauten unternommen, um dorthin wo moͤglich den 
Handel Danzigs zu ziehen.) Man ſuchte vor allem auch 
das Volk beſonders durch Zuſicherung der paͤpſtlichen Abſolu⸗ 
tion für den Orden zu gewinnen und dieſe ihm in Beziehung 
auf das in der Abſolutionsbulle ausgeſetzte Abſolutionsgeld ſo 
viel als möglich zu erleichtern.) Aber eben ſo nothwendig 
ſchien es dem Ordensſpittler, unter den Ordensbruͤdern, beſon⸗ 
ders unter den Amtsverweſern, bei denen er ſelbſt oft Wider⸗ 
ſpaͤnſtigkeit und Trotz fand, ſtrengere Ordnung, puͤnktlichen 
Gehorſam und gewiſſenhafte Pflichttreue durch ernſten Nach⸗ 


1) Schr. eines ungenannten an den Papſt o. D. Schbl. LXIV. 
4, worin vieles über die umtriebe in Rom berichtet wird. 


2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Sonnt. Oculi 1457 
Schbl. LXXXI. 49. 


3) Schr. des Kaplans Andreas Santberg an d. HM. d. Preuſſ. 
Mark am T. spineae coronae 1457 Schbl, LXVII. 22. 


— 


Einzug d. Königes v. Polen ins Land. (1457.) 527 


druck geltend zu machen; auch dafuͤr wirkte er, ſoviel nur 
irgend in feinen Kräften ſtand.“ 

Je mehr aber ſchon im Anfange des Aprils ſich die Nach⸗ 
richt beſtaͤtigte, daß ſich der König mit feiner Kriegsmacht der 
Graͤnze des Landes nahere, um fo fehnlicher wünſchte ſich 
auch der Hochmeiſter aus ſeiner hoͤchſt traurigen Lage in Ma⸗ 
rienburg befreit zu ſehen. Er wandte ſich zunaͤchſt an den 
Hauptmann von Stuhm Wilhelm Nabetitz mit der Bitte, ihn 
in Stuhm aufzunehmen, wenn er Marienburg verlaſſen koͤnne, 
und dieſer verſprach es ihm.) Darauf erſuchte er den Haupt⸗ 
mann Ulrich Ezirwenka, ihm zu vergoͤnnen, ſich noch vor des 
Königes Ankunft mit den Seinigen aus Marienburg entfernen 
zu dürfen; allein die uͤbrigen Hauptleute willigten in dieſes 
Geſuch nicht ein, den Meiſter nur mit dem Verſprechen troͤ⸗ 
ſtend: wenn es Zeit zu ſeiner Entfernung ſey, werde man es 
ihm zeitig genug kund thun und ihn dann ſicher und friedlich 
gen Preuſſiſch⸗Mark, Stuhm oder wohin er ſonſt wolle, zie⸗ 
hen laſſen. Es folle kein Pole oder Verbuͤndeter Marienburg 
betreten, ſo lange der Hochmeiſter ſich dort aufhalte. So gin⸗ 
gen mehre angſtvolle Tage hin. Als darauf Ulrich Czirwenka 
von Danzig ſchon mit einem Theile der für Marienburg ge⸗ 
zahlten Gelder und Waaren zuruͤckkehrte, wiederholte der Mei⸗ 
ſter ſein Geſuch, zugleich mit der Bitte, ihm zu erlauben, auch 
die Heiligthuͤmer Marienburgs, zwei Bilder der Jungfrau 
Maria und der heil. Barbara, das heil. Kreuz und die uͤbri⸗ 
gen Kirchengeraͤthe mit ſich nehmen zu dürfen. Die Haupt⸗ 
leute verſprachen ihm auch dieſe Bitte zu erfüllen und gelob⸗ 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Koͤnigsb. Freit. vor Judica 1457 
Schbl. LXXXI. 5. 

2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Mont nach 
Judica 1457 Schbl. LXV. 48. Schr. des Großkomthurs Ulrich v. 
Iſenhofen an d. HM. d. Mewe Donnerſt. nach Judica 1457 Schbl. 
LXX. 91. 

3) Schr. des Hauptmannes v. Stuhm an d. HM. d. Mittw. 
nach Ambroſii 1457 Schbl. Adelsgeſch. N. 2. Voigt Geſch. Ma⸗ 
rienb. S. 453. 


528 Einzug d. Königes v. Polen ins Land. (1457) 


ten ſolches mit Hand und Mund; allein ſie ließen ihn auch 
jetzt noch nicht von dannen ziehen „ 

Der Koͤnig war unterdeß bis Bromberg herangezogen, 
vorerſt nur mit geringer Mannſchaft und ebenſo wenig mit 
Geld verſehen, denn wie man vernahm, hatten ihn die Gro⸗ 
ßen Polens weder durch Geldbeiſteuer noch durch Kriegsmann⸗ 
ſchaft unterſtüͤtzen wollen, weil fie uͤberhaupt fuͤr die Erwerbung 
Preuſſens zur Krone ihres Reiches keine Opfer mehr bringen 
mochten. Es fanden zwiſchen ihm und den Thornern allerlei 
Verhandlungen Statt, denn wie er bei ihnen, ſo hatten ſie 
bei ihm eine hinlaͤngliche Geldſumme fir die Soldner erwartet. 
Da ſie uͤber den druͤckenden Schoß klagten, mit dem ſie erſt 
im vorigen Herbſte belaſtet geweſen, erwiederte ihnen der Koͤ⸗ 
nig: Geld habe er nun einmal nicht; auch düͤrſten fie keins 
von ihm erwarten; ſie ſollten halten, was ſie ihm verſprochen; 
es handele ſich ja um ihre, nicht um ſeine Sache; er habe 
dabei nichts zu thun; ſie moͤchten thun, was fie wollten. 2 
So lag der König bei Bromberg vorerſt ganz unthaͤtig. Er 
konnte es nicht einmal verhindern, daß ein Kriegshaufe aus 
Rieſenburg und Marienwerder durchs Kulmerland ohne Wider⸗ 
ſtand hindurchziehend ins Dobriner Gebiet einfiel, bedeutende 
Viehheerden raubte und in einem Gefechte eine anſehnliche 
Zahl von Feinden erſchlug und gefangen nahm. 3 

Da aber bald allgemein die Rede ging, daß ſich auch 
ſchon die Hauptleute zu Rieſenburg mit den Marienburgern 
uͤber den Landes verkauf vereinigt und ihrer Seits Rieſenburg 
dem Koͤnige einzugeben verſprochen haͤtten, „ fo boten jetzt um 
ſo mehr die dem Orden getreuen Hauptleute, beſonders der 


1) Schr. des HM. an die Reichsfuͤrſten, d. Koͤnigsb. am F. 
Martini 1459 Fol A. 187 ff. Voigt a. a. O. S. 451 — 452. 

2) Schr. des Lange⸗Hermann an den Biſchof v. Pomeſanien, d. 
Neumark Sonnab. vor Palmar. 1457 Schbl. Adelsgeſch. II. 49. 

3) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Mont. nach 
Oſtern 1457 Schbl. LXIV. 1. 

4) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenb. Donnerſt. vor 
Georgii 1457 Schl. LXXXI. 7. 


Einzug des Königes v. Polen ins Land. (1457.) 529 


Hauptmann Volkel Roͤder und der Herzog von Sagan, der 
wieder nach Koͤnigsberg zuruͤckgekehrt war, mit dem Ordens⸗ 
ſpittler alles auf, den Hochmeiſter aus Marienburg zu retten; 
er ſollte mit den Heiligthuͤmern des Haupthauſes nach Stuhm 
kommen, von wo man ihn unter ſicherem Geleite uͤber Preuſ⸗ 
ſiſch⸗Mark nach Koͤnigsberg bringen wollte.) Der Haupt⸗ 
mann Hans von Hoyer zu Konitz dagegen und die dortigen 
Rottmeiſter, die eben einen ruͤhmlichen Sieg uͤber die feind⸗ 
liche Beſatzung in Tuchel davon getragen, viele Gefangene 
und reiche Beute gemacht hatten, luden den Meiſter ein, nach 
Konitz zu kommen, verſprechend: ſie wollten Gut und Blut 
daran ſetzen, ihn gegen ſeine Feinde zu ſichern und alles mit 
ihm zu theilen.? Schon früher von der geneigten Geſinnung 
der Hauptleute zu Konitz benachrichtigt, ging er auch gerne 
auf dieſes Anerbieten ein. Allein die Hauptleute auf Marien⸗ 
burg eröffneten ihm jetzt: man koͤnne ihn nunmehr auf keine 
Burg im Lande geleiten; er muͤſſe mit ihnen außerhalb Lan⸗ 
des ziehen nach Laut ihrer Verſchreibungen, und keine Bitte, 
keine Vorſtellung von Seiten des Hochmeiſters ſchien bei ihnen 
mehr Gehoͤr zu finden, denn ſie antworteten: ſo ſey es be⸗ 
ſchloſſen und es muͤſſe alſo feyn. ® 

Mittlerweile war der Koͤnig, nachdem er bei Thorn eine 
Kriegsſchaar von etwa dreitauſend Mann um ſich verſammelt 
und die biſchoͤflichen Kirchen von Gneſen, Leſlau und Poſen 
ihre Kleinodien und ſilbernen und goldenen Geraͤthe hatten zu⸗ 
ſpenden muͤſſen, ohne Widerſtand ins Land eingezogen und 


1) Schr. des Herzogs v. Sagan an d. HM. d. Koͤnigsb. Mittw. 
zu Oſtern u. Preuſſ. Mark Dienſt. Kreuz⸗Erfind. 1457. Schbl. IX. 
19. 20. Schr. Volkel Roͤders an den HM. d. Stuhm Mittw. nach 
Jubilate 1457 Schbl. LXI. 27. LXXXI. 8. Voigt a. a. O. 
S. 453. 

2) Schr. des Hauptmannes zu Konitz u. a. an den HM. d. am 
Pfingſtabend und Dienſt. nach Trinitat. 1457 Schbl. Adelsgeſch. II. 
44, LIX. 92. 

3) Schr. des HM. an die Reichsfurſten v. J. 1459 Fol. A. 187. 
Voigt a. a. O. S. 453 — 454, 

VIII. 34 


530 Belegung Marienburgs. (1457.) 


hielt zu Danzig mit einer großen Zahl von Woiwoden und 
andern Polniſchen Herren nebſt dem Biſchofe von Leſlau ſei⸗ 
nen glaͤnzenden Einzug, von der geſammten Buͤrgerſchaft aufs 
prächtigſte empfangen und mit allgemeiner Huldigung erfreut.“ 
Die Zahlungsfriſten, über welche man mit den Soͤldnerhaupt⸗ 
leuten lange Zeit viel verhandelt, waren durch Ulrich Czirwen⸗ 
ka's nachmals reichlich belohnte Nachſicht und Verwendung 
abermals verlaͤngert worden. Die eine Zahlung war bereits 
zu Oſtern geleiſtet; die Danziger hatten dazu eine bedeutende 
Summe beigetragen, die ihnen nachmals durch mehre Privile⸗ 
gien vergütet wurde.) Die letzte Zahlung geſchah bei des 
Koͤniges Anweſenheit in Danzig zu Pfingſten abermals durch 
reichſpendende Beihuͤlfe der Danziger, wo jedoch ſchon ein ſol⸗ 
cher Geldmangel herrſchte, daß man die noͤthigen Summen 
wie von Haus zu Haus erbetteln, die Frauen ihr Geſchmeide 
und alle ihre Koſtbarkeiten einliefern und einige Summen von 
fremden Kaufleuten aufborgen mußte. Der Hauptmann Ulrich 
Czirwenka ſelbſt mußte jedoch immer noch zu einer Summe 
Friſt bis auf ſpaͤtere Zeit geſtatten. 9 

Es war am Pfingftabend ſchon in tiefer Nacht, als vor 
dem Haupthauſe Marienburg ſechshundert Polen und Verbin: 
dete erſchienen, denen Ulrich Czirwenka auch ſofort die Thore 
öffnete. Am Tage darauf, am Sonntage des Pfingſtfeſtes 
ließen die Hauptleute dem Meiſter ankuͤndigen, er ſolle am 
folgenden Tage ſich bereit halten, nach Dirſchau zu ziehen und 


1) Runau p. 44. Die Huldigung geſchah am Dienſtag nach 
Jubilate; Schiliz p. 261. 265. 

2) Das Nähere bei Schätz p. 261. 265, der hier ſehr genau un⸗ 
terrichtet erſcheint. 

3) Schütz I. c. 

4) So im Schr. des HM. an die Reichsfuͤrſten v. J 1459 Fol. 
A. 187 und bei Schätz p. 264; alſo nicht am Montag nach Pfing⸗ 
ſten kam der erſte Kriegshaufe nach Marienburg, wie in Voigt Geſch. 
Marienb. S. 454 angegeben iſt. Detmar B. II. 196 läßt Marien⸗ 
burg vom Könige ſchon um Purificat. Mariä d. 3. einnehmen, was 
offenbar unrichtig iſt. 


Beſetzung Marienburgs. (1457.) 531 


auf einem Wagen die heil. Bilder, Kreuze, Heiligthümer und 
Kirchengeraͤthe mit ſich zu fuͤhren. Er ſchickte ſich alsbald dazu 
an und ließ die Heiligthuͤmer aufladen. Der Böhmifche 
Hauptmann indeß ließ jetzt ploͤtzlich alle Thore verſchließen. Es 
entſtand, nicht ohne ſeine Mitwirkung, unter den Polen und Buͤnd⸗ 
lingen in der Burg ein wilder Aufruhr; man ſtuͤrmte mit to⸗ 
bendem Geſchrei und geſpannten Armbruͤſten vor des Meiſters 
Kammer, als wolle man ihn ermorden. Ein Haufe bemaͤch⸗ 
tigte ſich der bereits aufgeladenen Heiligthuͤmer und Kirchenge⸗ 
raͤthe, raubte alles, was er im Haufe noch fand und pluͤnderte 
ſelbſt die Prieſter bis auf die Haut aus. Das ſchamloſe 
Kriegsvolk kannte in Drohungen, Mißhandlungen und Unfug 
aller Art ſchon gar keine Graͤnze mehr, fo daß der unglücktiche 
Meiſter endlich froh ſeyn mußte, mit dem Leben davon zu 
kommen. Noch an demſelben Tage mußte er das Haupthaus 
feines Ordens verlaſſen, um ſich hinuͤber nach Dirſchau zu 
begeben. Der Kummer aber hatte ihn ſo tief gebeugt und ſein 
Gemuͤth fo gebrochen und zerknirſcht, das er den ganzen Weg 
uͤber die bitterſten Thraͤnen vergoß.® Umſonſt gab er ſich dort 
noch alle Mühe, die Heiligthuͤmer Marienburgs wieder zu er⸗ 
langen. Er bat um ſicheres Geleit nach Konitz, wie man es 
ihm zugeſagt. Allein die Soöldnerhauptleute ſchleppten ihn 
unter allerlei Vorwaͤnden von Dorf zu Dorf, wollten ihn wi⸗ 
der ſeinen Willen nach Schwez fuͤhren und da er ſich dagegen 
ſtraͤubte, verſprachen fie ihm ein Geleit von ein- oder zwei⸗ 
hundert Mann bis nach Konitz. Auch darin wurden ſie wieder 
wortbruͤchig und der Meiſter mußte jetzt nothgezwungen mit 
nach Schwez ziehen. Dort ging er von Zelt zu Zelt mit fle⸗ 
hentlicher Bitte um das verſprochene Geleit nach Konitz. End⸗ 
lich gab man ihm, ſtatt der zugeſagten ein⸗ oder zweihundert 
Mann, einen Hauptmann Burkhard Nachwall mit nur drei 
Pferden und ſechs Polniſchen Knechten als Geleit mit. Der 
Hauptmann indeß kehrte bald wieder zuruͤck und ſo mußte nun 


1) Diugoss. T. II. 207. Henneberger p. 275. 
34 * 


532 Auszug des HM. aus Marienburg. (1457.) 


der Hochmeiſter unter der unwuͤrdigſten Begleitung von ſechs 
gemeinen Polen feinen Weg nach Konitz fortſetzen. “ 

So ward Ludwig von Erlichshauſen, wie er ſelbſt klagt, 
durch „die ſchalkhaften Buben und ehrevergeſſenen Boͤſewichte“ 
Ulrich Czirwenka, Nicolaus von Wolfersdorf, Andreas Gewalt, 
Friedemann Panzer, Burkhard Nachwall, Jon Wyhenanzky, 
Reinhard Kaſtransky, Ludwig von Schoͤnfeld, Friederich Lange, 
Ulrich von Haſelau? und andere Mottmeifter und Hofleute 
unter Jammer und Schmach aus dem Haupthauſe Marien⸗ 
burg vertrieben. Hundert und acht und vierzig Jahre lang 
hatten ſiebzehn Hochmeiſter auf der hehren Burg gewohnt und 
gewaltet. Kein Meiſter ſah das erhabene Haus als ſeinen 
Wohnſitz wieder. Sein Glanz, der lange Zeit weithin im gan⸗ 
zen Norden geleuchtet, war ſeitdem verblichen und ſein Zweck 
in der Geſchichte erfüllt. Es ſank herab zum Aufenthalt eines 
Polniſchen Statthalters und Beamten; es ward verunſtaltet, 
beſudelt und beſchmutzt, beſchimpft und entwuͤrdigt; nichts 
Großes, nichts fuͤr die Weltgeſchichte ging aus ihm mehr her⸗ 
vor. Aber es hat eine Zeit und ein Geſchlecht gefunden, durch 
die es ſich aus ſeiner Entwuͤrdigung zu lichter Reinheit und 
Herrlichkeit wieder emporgehoben! 

Der vertriebene Hochmeiſter verweilte nicht lange in ſei⸗ 
nem traurigen Zufluchtsorte zu Konitz. Nachdem er vergebens 
den Vogt zu Stettin Kurd Glaſenap um ein gutes Pferd und 
etwas Hafer und Roggen gebeten?) und vom Buͤrgermeiſter 
zu Kolberg eine kleine Geldſumme von einigen hundert Gul⸗ 
den zu feinem Unterhalte geliehen,“ begab er ſich auf der 


1) Schr. des HM. an die Relchsfrſten v. J. 1459 Fol. A. 188, 
wovon das Weſentliche in Voigt Geſch. Marienb. S. 455 ff. Schüsz 
pP 264 — 265. 

2) Der HM. ſelbſt fuͤhrt ſie alle namentlich auf Fol. A. 188. 

3) Schr. des Vogts v. Stettin an den HM. d. Stettin am 2ten 
T. inſra octav. corpor. Chr. 1457 Schbl. LXXII. 85. 

4) Schuldverſchreibung des HM. d. Konitz am T. Margaretha 
1457 Schbl. 51. 17. An dieſem Tage, den 12 Juli war alfo der 
HM. noch zu Konitz. 


Auszug des HM. aus Marienburg. (1457.) 533 


dortigen Hauptleute Rath, dem Rufe ſeiner Gebietiger folgend, 
auf heimlichen Wegen durch Wald und Gebuͤſch nach Mewe 
zurück, von da noch einmal unter Trauer und Thraͤnen die 
Gegend überſchauend, wo ſeine verlaſſene Marienburg lag. 
Dann beſtieg eines armen Fiſchers Kahn, fuhr zur Nachtzeit 
die Weichſel hinab ins Friſche Haff und entkam ſo, ohne den 
herumſegelnden Danzigern zu begegnen, auf das Ordenshaus 
zu Koͤnigsberg, wo nun ſeitdem des Ordens hochmeiſterlicher 
Wohnſitz war. 


1) Simon Grunau Tr. XVII. 7. Voigt a. a. O. S. 458. 
Eine beſtimmte Angabe uͤber die Zeit der Ankunft des HM. in Koͤ⸗ 
nigsberg haben wir nicht. Da er aber am 12. Juli noch zu Konitz 
war, ſo ſcheint er wohl erſt im Auguſt in Koͤnigsberg angekommen zu 
ſeyn. 


534 Einzug d. Koͤniges v. Polen in Marienburg. (145 7.) 


Viertes Kapitel. 


Schon im Juni dieſes Jahres war eine ſchreckliche Prophe⸗ 
zeiung geſchehen. Mehre Meiſter der freien Kuͤnſte hatten ge⸗ 
weißagt: nach einigen Monden werde eine Umwaͤlzung der 
ganzen Natur erfolgen, die Sonne ſich in einen garſtigen, 
ſchwarzen Drachen verwandeln „der Himmel furchtbare Zeichen 
offenbaren, die Luft ſich verfinſtern, ein gewaltiger Orkan das 
Meer aus ſeinem Bette reißen und nach dreißig Tagen werde 
das ganze Menſchengeſchlecht bis auf wenige Einzelne, die der 
Herr des Himmels und der Gewaͤſſer zum Zeugniß ſeiner 
Macht erhalten wolle, von der Erde vertilgt ſeyn. Von wei⸗ 
ten Landen her verbreitete ſich die Vorausverkuͤndigung dieſer 
Schreckenszeit bis ins entfernte Preuſſen und ſetzte auch hier 
die Menſchen noch mehr in Angſt und Bangigkeit.) Aber 
bedurfte es deſſen, um hier das Maaß des Elends und des 
Jammers zu füllen? War es an ſich nicht genug, daß ſich 
von Stunde zu Stunde Ungluͤck auf Ungluͤck haͤufte und jeder 
Tag ſeine eigene ſchwere Plage hatte? 

Schon am Pfingſtmontag ward Marienburg von den 
Soͤldnerhauptleuten geräumt und am Tage darauf, am ſieben⸗ 
ten Juni hielt der Koͤnig, von Danzig kommend, ſeinen Ein⸗ 


1) Die Prophezeiung eines Meiſters Hans David von Dolete 
(Toledo?) u. einiger andern Meiſter, d. Dolete im Juni 1457 Schbl. 
LXXXI. 46, 


Einzug d. Kön. v. Polen in Marienburg. (1457.) 535 


zug in die Burg.) Zwei Tage nachher ward der Buͤrger⸗ 
meiſter der Stadt Bartholomaͤus Blume (— für den edlen 
Mann der ſchwerſte Tag ſeines Lebens! — aufgefordert, mit 
dem geſammten Rathe und den Vornehmſten der Bürgerfchaft 
auf dem Schloſſe in des Hochmeiſters großem Remter dem 
Könige die Huldigung zu leiften. ® Der Gubernator Hans 
von Baiſen, in den letzten Jahren meiſt in Elbing lebend, 
kam jetzt ebenfalls nach Marienburg und da, wo er einſt 
dem Hochmeiſter als ſeinem Herrn am Tiſche gedient, in der 
Gunſt des Landesfuͤrſten ſeine Erhebung gefunden und ihm als 
Rath den Eid der Treue geſchworen, nahm er jetzt als Statt⸗ 
halter eines fremden Koͤniges ſeinen Wohnſitz.) Den Boͤh⸗ 
men⸗ Hauptmann Ulrich Czirwenka, deſſen Treue ſich der Kö: 
nig noch durch ein anſehnliches Geldgeſchenk verſichert haben 
ſoll, erhob er zur Belohnung zum Oberhauptmann auf Ma⸗ 
rienburg zur Bewehrung und Vertheidigung des Schloſſes; 
überdieß aber wurden ihm auch die Burgen Schwez und Go⸗ 
lub zum Beſitze uͤbergeben.“ 

Um auch das Volk für die neue Herrſchaft zu gewinnen 
und den Haß und die Erbitterung gegen den Hochmeiſter und 


1) Schütz p. 266. Runau P. 44—45. Aus andern Angaben 
der Chroniften in Voigt Geſch. Marienb. S. 458 geht hervor, daß 
der Tag des Einzuges des Koͤniges in Marienburg nicht ganz gewiß 
if. Schiitx u. Runau (wo Dienſtag ſtatt Pfingſttag zu leſen it) 
ſcheinen die richtigere Angabe zu haben; andere geben den 8 Juni an; 
Diugoss. T. II. 208. 

2) Runau p. 50. Schiiix I. c. Voigt d. a. O. S. 459. 

3) Die meiſten Briefe Hanſens v. Baiſen ſind von jetzt an aus 
Marienburg datirt. 

4) Schr. Ulrichs Czirwenka (ſo ſchreibt er ſeinen Namen ſelbſt) 
d. Marienb. Mont. vor Bartholom. 1457 Schbl. XXXIX. 38, wo 
er ſich zugleich auch Herr zu Schwez und Golub nennt. Ueber das 
Geldgeſchenk von 56,000 Gulden für ihn Joh. Herburt de Fulstin 
Ghron. Polon. p. 389, Diugoss. T. II. 208—209, wonach ihm auch 
noch Preuſſ. Mark, Schoͤnſee und Mewe angewieſen wurden. Det⸗ 
mar B. II. 196 ſagt von ihm: de dar hovetman uppe was von der 
bemen weghen, de blef dar vortan Lovetman up von des konynghes 
weghen unde wart deb Tonynghes man und huldighede em. 


536 Stand der Verhaͤltniſſe im Lande. (1457.) 


die Gebietiger noch zu vermehren, ſcheute man ſich nicht, die 
Lüge als Mittel zu gebrauchen. Unter dem Vorgeben, zuruͤck⸗ 
gelaſſene Schriften des Hochmeiſters in Marienburg gefunden 
zu haben, verbreitete man einen offenbar untergeſchobenen, er⸗ 
dichteten Entwurf von allerlei Vorſchlaͤgen und Maaßregeln, 
nach welchen die Ordensgebietiger nach dem kaiſerlichen Urtheile 
gegen die Bundesverwandten, beſonders die großen Staͤdte 
haͤtten verfahren wollen, um alle ihre Privilegien und Freihei⸗ 
ten zu vernichten, eine wahre Zwingherrſchaft im ganzen Lande 
aufzurichten und alle Unterthanen in knechtiſchem Gehorſam ge⸗ 
gen den Orden gefeſſelt zu halten.) Die Treue der großen 
Staͤdte befeftigte der Koͤnig durch allerlei Belohnungen, Frei⸗ 
heiten und Begnadigungen. Danzig erhielt zur Vergütung der 
bedeutenden geleiteten Beiſteuern das ganze Gebiet von Dir⸗ 
ſchau mit allen daraus fallenden Einkünften und fette dort ei⸗ 
nen beſondern Verwalter ein. 2 Auch Elbing wurde mit vie⸗ 
len Gütern und Dörfern beſchenkt, jedoch mit der Verpflichtung, 
dem Koͤnige nach hergeſtellter Ruhe jährlich vierhundert Unger. 
Gulden als Zins zu entrichten.) Thorn begabte der Koͤnig 
mit der Müͤnzgerechtigkeit, dergeſtalt daß der Ertrag der Münze 


1) Runau p. 45—50 u. Schütz p. 266—267 haben die Schrift 
mitgetheilt. Es kann kein Zweifel ſeyn, daß ſie untergeſchoben und 
erdichtet war. Zwar vermuthet Kotzebue B. IV. 193, daß fie wirk⸗ 
lich vorhanden geweſen ſey; allein vorhanden ſeyn und aͤcht ſeyn ſind 
ſehr verſchiedene Dinge, denn als Erdichtung war ſie gewiß vorhanden. 
Das Ordens- Archiv war ohne Zweifel ſchon lange aus Marienburg 
binweggebracht und nur da koͤnnte die Schrift nebſt allen uns aufbe⸗ 
haltenen zahlreichen ſchriftlichen Nachrichten uͤber die Bundesangelegen⸗ 
heiten gelegen haben. Für Kotze bue lautet fie aber noch nicht ſcharf 
genug, um ſie fuͤr untergeſchoben zu halten, und das will viel ſagen. 

2) Schütz p. 267. Auch der Eitelkeit der Danziger wußte der 
Koͤnig zu ſchmeicheln, indem er erlaubte, in das Stadtſiegel eine gol⸗ 
dene Krone zu nehmen und dem Hauptmanne und Konſul (7) von 
Danzig geſtattete, ein goldenes Kleid zu tragen; ſ. die Urkunde bei 
Dogiel T. IV. 160. 

3) Abſchrift der Verleihung an Elbing, d. Mar. am T. Bartho: 
lom. 1457 Schol. LIV. 5. Preuſſ. Samml. B. I. 321 — 323. 


Stand der Verhaͤltniſſe im Lande. (1457.) 537 


zur Haͤlfte der Stadt, zur Hälfte ihm ſelbſt zu gut kommen 
ſollte, v uͤberdieß auch mit einer Anzahl von Dörfern und 
Höfen, die früher dem Orden zugehört, beftätigte alle ihre bis⸗ 
herigen Privilegien, Rechte und Gewohnheiten, verzichtete auf 
alle Abgaben und Zinſen, welche die Stadt ſonſt dem Orden 
hatte leiſten muͤſſen, ſicherte ihr die hohen und niedern Gerichte 
in ihrem Stadtgebiete zu, verſprach den Hauptmann, der in 
der Stadt gebieten ſolle, ſtets nur aus ihrem Rathe ſelbſt 
waͤhlen zu wollen und uͤberwies ihr ein Viertel des Einkom⸗ 
mens der Weichſel⸗Faͤhre. Zur Wiederaufnahme des ſehr ge⸗ 
ſunkenen Wohlſtandes der Stadt und zur Wiederbelebung ihres 
Handels verordnete er, daß Thorn ſeine alte Handelsniederlage 
wieder erhalten, die Kaufleute aus Schleſien, namentlich aus 
Breslau und überhaupt aus allen fremden Landen, die mit 
ihren Kaufwaaren nach Thorn kommen winden, nur dort al⸗ 
lein ihre Niederlage und ihren Markt haben, ſonſt aber nir⸗ 
gends ins Land ziehen ſollten; auch ſollte die Handelsſtraße 
nach Polen für auswärtige Kaufleute nur allein über Thorn 
gehen u. ſ. w. 

Jedoch fehien noch zur Zeit für den Orden nicht alles ver⸗ 
loren. Zuerſt konnte es ſchon fuͤr ein Gluͤck gelten, daß ein 
bedeutender Theil des Soͤldnervolkes jetzt nach Deutſchland und 
Soͤhmen zuruͤckkehrte, denn es war ſomit ein Feind weniger 
im Lande.?) Auch daß der Herzog Balthaſar von Sagan 
Preuſſen jetzt ganz verlaſſen hatte, konnte bei der Lage, in der 
er ſich bisher befunden, für den Orden kein Verluſt ſeyn. 
Vielmehr gab er bald von ſeiner Heimat aus Hoffnung, unter 
den Schleſiſchen Fuͤrſten mehre zu einem Einfalle ins Koͤnig⸗ 
reich Polen zu gewinnen, wozu ihm Graf Hans von Gleichen 
eine merkliche Geldbeiſteuer vom Deutſchmeiſter zugeſagt hatte. 
An kriegsluſtigen Geſellen konnte es dem Herzoge in Schleſien 


1) Die Original- Urk. des Koͤniges, d. Mar. Freit. nach Bartho⸗ 
fon. 1457 im Rathsarchiv zu Thorn Serin. 1v. 13. 

2) Die Original ⸗urkunden des Koͤniges, d. Mar. Freit. nach 
Vartholom. 1457 im Rathsarchiv zu Thorn Scriu. III. 8. VII. 3. 

3) Runau P. 50, 


338 Stand der Verhäͤltniſſe im Lande. (1457.) 


auch gar nicht fehlen. Allein der Plan ſcheiterte auch hier 
wieder am Geldmangel.) Mit um fo größerer Zuverſicht fa) 
jetzt der Hochmeiſter auf den ſo edelgeſinnten als braven und 
tapfern Hauptmann Bernhard von Zinnenberg hin, der mit 
mehren Rottmeiſtern die Burg Stuhm noch beſetzt hielt, mit 
allen den Seinigen voll treuer Geſinnung gegen den Orden 
und feſtentſchloſſen, mit ſeiner Mannſchaft von ſechshundert 
Reiſigen die Burg bis zur aͤußerſten Noth maͤnnlich zu verthei⸗ 
digen. Auch im Lande konnte man bald wieder mehr auf 
Huͤlfe und Beiſtand rechnen, denn bei vielen hatte des Mei⸗ 
ſters unwuͤrdige und ſchonungsloſe Behandlung, die feile, nie⸗ 
drige Geſinnung der Soͤldnerhauptleute, die Habſucht und 
Raubgier der Boͤhmen und Maͤhren, die Gewiſſenloſigkeit der 
Polen, mit der ſie Wort und Eid gebrochen, tiefe Verachtung, 
Widerwillen und Erbitterung gegen die eingedrungene fremde 
Herrſchaft erweckt. Das Feilſchen des Koͤniges und der Buͤnd⸗ 
linge mit den hungerigen Hauptleuten über Volk und Land 
war vielen tief zu Gewiſſen gegangen; ſelbſt Ulrich Czirwen⸗ 
ka's Erhebung zum Oberhauptmann von Marienburg hatte die 
Seele manches vornehmen Landesritters, der wohl meinen 
konnte, da mit mehrem Rechte ſtehen zu duͤrfen, wo der feile 
Böhme ſtand, mit Mißbilligung und Neid erfüllt, 2 zumal da 
auch hier der Koͤnig nicht ſtreng ſein Wort gehalten. Dieß 
alles und manches andere zog die Gemuͤther wieder mehr und 
mehr zum Orden hin. In mehren Theilen des Niederlandes, 
in Koͤnigsberg, in Samland und andern Gegenden traten als⸗ 
bald Lande und Staͤdte zur Anordnung einer allgemeinen Ver⸗ 
brauchs⸗ und Einkommens ⸗Steuer zur Unterſtuͤtzung des be: 
draͤngten Landesherrn zuſammen, ?) denn man ſah wohl ein, 


1) Schr. des Herzogs v. Sagan an d. HM. d. Sagan Donnerſt. 
nach Jacobi 1457. Schr. deſſelb. an d. HM. d. Sagan am T. Kreuz⸗ 
Erhöh. 1457 Schbt. LXXXI. 35. 

2) Schr. Stibors v. Baiſen an Jon v. der Jene Woiwoden auf 
Pommerellen, d. Mar. Sonnt. vor Barthol. 1457 Schbl. XXXIX. 
25. Voigt a. a. O. S. 460. 

3) Der Plan zur Erhebung der Steuer Schbl. LVII. 7. Die Be 


Stand ber Verhältniffe im Lande. (tas7.) 539 


daß es die fernere Erhaltung und Wohlfahrt des Landes jetzt 
mehr als je erfordere, die Beſatzung von zweitauſend Mann 
Soldtruppen in Königsberg und die Wehrmannſchaft auf neun 
umherliegenden, zum Theil von nahen Feinden bedraͤngten 
Ordensburgen bei gutem Muthe zu erhalten, wenn man nicht 
ahnliche Ereigniſſe wie im weſtlichen Preuſſen herbeiführen 
wollte, zumal da mehre Gebiete im Niederlande ſchon völlig 
ausgezehrt, verwuͤſtet und faſt ganz menſchenleer da lagen.“ 
Auch auf Deutſchland ſah man noch immer nicht ohne alle 
Hoffnung hin, denn faſt bei allen Deutſchen Fuͤrſten hatte der 
ſchnoͤde Landesverkauf, beſonders der Verluſt des erhabenen 
Haupthauſes Marienburg gegen den Polen⸗Koͤnig und die 
feilen Hauptleute die größte Erbitterung erweckt. Herzog 
Friederich von Sachſen z. B. drohte, diejenigen, welche aus 
ſeinem Lande an dem Frevel mit Theil genommen, beſonders 
den Hauptmann Nicolaus von Wolfersdorf aus Meißen fuͤr 
ehr⸗ und lehenlos zu erklaͤren, wenn ſie ſich in dem Gerichte, 
vor welches er fie lud, nicht gehörig rechtfertigen koͤnnten.“ 
Auch der Kurfürſt Friederich von Brandenburg war über die 
Unthat ſchwer erzürnt; er verſprach, auf naͤchſtem Reichstage, 
der bis Martini verſchoben war, alles aufzubieten, um wo 
möglich die Reichs fuͤrſten zur Errettung des Ordens und ſeiner 
Lande zu gewinnen. 

Was aber vor allem den Muth noch nicht ſinken ließ, 
war die gaͤnzliche Planloſigkeit und Mattigkeit, mit der von 


rathung darüber geſchah am Mont. nach Divifion. Apoſtol. 1457. Die 
Auflage ſollte nur für ein Jahr dauern. Die ganze Steueranordnung 
hat manches Intereſſante. 

1) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Tapiau am T. Trans⸗ 
figurat. 1457 Schbl. LXXXI. 44. 

2) Vol. die Angaben in Voigt Geſch. Marienb. S. 460 — 461. 

3) Schr. des Kurfürſten v. Brandenburg an den HM. d. Kuͤſtrin 
Mont. vor Laurent. 1457 und ein anderes, d. Koͤln an der Spree 
Sonnab. nach Michaelis 1457 Schbl. XII. 64. 65. Schr. des Gra⸗ 
fen Hans v. Gleichen an d. HM. d. Berlin Mont. nach Michaclis 
1457 Schbl. LXXXI. 29. 


540 Stand der Verhaͤltniſſe im Lande. (1457.) 


Seiten des Koͤniges und der Bundesſtaͤdte der Krieg auch jetzt 
noch betrieben ward. Keine einzige wichtige Unternehmung 
wurde mit vereinten Kraͤften begonnen und mit Erfolg durch⸗ 
geführt. Die Burg zu Mewe ward zwar eine Zeitlang zu 
Waſſer und zu Lande hart belagert, dort von Danziger Schiffen 
auf dem Weichſel⸗Strome, hier von Polniſchem Kriegsvolke, 
und Hunger, Krankheiten und Mißmuth des dortigen Soldner⸗ 
volkes noͤthigten den Großkomthur ſchon faſt zur Uebergabe der 
Burg; allein die Polen, unter denen Meuterei ausbrach, hoben 
plotzlich die Belagerung auf und nöthigten fo auch die Dan⸗ 
ziger zum Ruͤckzuge.) Eben ſo wenig gluͤckte die Belagerung 
von Dirſchau, vor welchem die Danziger und Polen zehn Tage 
nutzlos lagen. Am meiſten litt dabei das zwiſchen Mewe und 
Dirſchau liegende Kloſter Pelplin durch Raub und Muͤnde⸗ 
rung,? denn darauf zielte bald alles, was man irgendwo 
unternahm. Dobriner und Strasburger Heerhaufen ſtürmten 
unter Raub und Brand bis Neumark herauf, um die Beute 
einiger Viehheerden mit hundert und zwanzig Todten zu be⸗ 
zahlen, worunter auch der Hauptmann von Strasburg ſelbſt, 
Sohn eines Polniſchen Woiwoden war. Das Polniſche Raub⸗ 
volk war oft ſo feig, daß ſelbſt Frauen mehre von ihnen ge⸗ 
fangen nahmen.“) In gleicher Weiſe raubten und brannten 
Heerhaufen bei Balga und Heiligenbeil, gleichfalls nicht ohne 
Blutvergießen.) Die Danziger legten ſich auf die See aus, 
um alle Schiffe aufzugreifen, die den Feinden Beduͤrfniſſe zu⸗ 
führten, und ſchlugen ſich einmal eine ganze Nacht mit ſechzehn 
Schiffen aus Daͤnemark, die nach Livland ſegelten, wobei drei⸗ 


1) Schütz p. 267. Runau p. 51. Schr. des Großkomthurs 
an den HM. d. Mewe Mittw. vor Aegidii 1457 Schbl. XXVI. 43. 


2) Bunau p. 51. Schr. des Abts v. Pelplin, d. Pelplin Sonnab. 
nach Aegidii 1457 Schbl. LIX. 141, 

3) Schr. des Lange⸗Hermann an d. Biſchof v. Pomeſanien, d. 
Neumark Mittw. vor Aegidii 1457 Schl. Adelsgeſch. II. 47. 


4) Runau b. 50 — 51. Schülz p. 267. 


Stand der Verhättniffe im Lande. (1457) 541 


hundert Mann aus dieſen letztern ums Leben kamen „: alles 
Ereigniſſe, die keine weiter eingreifende Folgen hatten. 
Wichtiger waren die Vorgaͤnge um Marienburg. Der 
Boöhmen⸗ Hauptmann Czirwenka hatte die Beſatzung auf der 
Burg noch mit achthundert Mann verſtaͤtkt. Das ſteigerte 
noch mehr die Eiferſucht und das Mißtrauen Stibors von 
Baiſen, der bei ihm auf dem Schloſſe lag; er wollte ohnedieß 
aus Czirwenka's Schritten ſchon immer mehr den Plan ent⸗ 
decken, ſich Marienburgs als ſeines Eigenthums zu bemaͤchtigen, 
denn eben darum ſchien ihm dieſer die Loͤſeſumme, die er noch 
zu fordern hatte, von Tag zu Tag hoͤher zu ſteigern; man 
wollte ſogar erforſcht haben, daß der Hauptmann bereits ſeine 
Schweſter und Tochter aus Böhmen herbeigerufen und von 
dorther auch mehr Kriegsvolk herbeizuziehen geſucht habe, um 
ſich im Beſitze der Burg zu behaupten.) Um ſo ſchneller 
ſchritt jetzt der wackere Bürgermeifter von Marienburg Bartho⸗ 
lomaͤus Blume, deſſen Seele voll war von treuſter Geſinnung 
und Ergebenheit gegen den Orden, voll von reinſter Liebe zu 
ſeiner Vaterſtadt und von edelſtem Gefuͤhl von Recht und Billig⸗ 
keit, aber auch voll von Haß und Widerwille gegen Slaviſche 
Sitte und alles Polniſche Unweſen, in dem Plane vor, Marien⸗ 
burg wieder in des Ordens Gewalt zu bringen. Er kannte 
die ganze Gefahr der Bahn, die er zu betreten wagte; aber er 
betrat fie feft und kühn entſchloſſen und er mußte ſie betreten, 
denn ſein Gedanke trieb ihn Tag und Nacht ohne Ruhe und 
Raſt. 3) Es war in dunkler Mitternacht, als er ſich nach 
Stuhm begab, wo er den getreuen Soͤldnerhauptmann Bern⸗ 
hard von Zinnenberg wußte. In Geſinnung nahe verwandt, — 
denn auch Bernhard glühte von Haß gegen die wortbruͤchigen 
Polen und das feile Soöͤldnervolk — verſtanden ſich beide 
Maͤnner beim erſten Worte. Bernhard theilte darauf des 


1) Runau b. 51 52. Schütz p. 268. 

2) Schr. Stibors v. Baiſen an Jon v. der Jene, d. Mar. Sonnt. 
vor Vartholom. 1457 Schbl. XXXIX. 26. 

3) Voigt Geſch. Marienb. S. 461. 


542 Wiedergewinn der Stadt Marienburg. (1457.) 


Bürgermeifters Plan auch den übrigen treuen Hauptleuten mit, 
die theils bei ihm auf Stuhm, theils auf andern nahen Ordens⸗ 
burgen lagen. Graf Burkhard von Querfurt, Georg von 
Schlieben, Hans von Dohna, Wend von Eulenburg, Volkel 
Roͤder, Thiele von Thuͤnen, Hans von Tettau und mehre 
andere billigten ihn, vor allen auch der ſchwerbekuͤmmerte Ordens⸗ 
ſpittler Heinrich Reuß von Plauen, deſſen Seele nach Marien⸗ 
burgs Verluſt keine heitere Stunde mehr kannte. 

Nachdem die Hauptleute ſich über den Plan mit Bartho⸗ 
lomaͤus Blume insgeheim verfiändigt, eilte ſofort der Ordens⸗ 
ſpittler mit einem Faͤhnlein reiſiger Kriegsleute nach Stuhm 
und am verabredeten Tage brach Zinnenberg in ſtiller Nacht 
mit ſeinen Rittern und ſechshundert Reiſigen auf, des Wegs 
nach Marienburg hinüber. Um Mitternacht am 27 ſten Sep: 
tember erſchien er mit ſeiner Schaar von zwoͤlf hundert Mann 
vor den Thoren der Stadt, die Blume den erſehnten Befreiern 
alsbald oͤffnete. Thuͤrme und Wehren waren ſchnell beſetzt; 
eiligſt ſtürmte dann das Kriegsvolk auch gegen das Schloß an. 
Allein die Beſatzung hielt hartnaͤckige Gegenwehr; bald kam 
es zum handgemeinen Kampfe; mehre von den Stuͤrmenden 
wurden von den Mauern herab durch Geſchoß und Schleuder⸗ 
feine getoͤdtet, andere verwundet, andere gefangen in die Burg 
geſchleppt.) Der Sturm konnte nicht gelingen; Zinnenberg 
zog fich in die Stadt zurück, wo die Polniſche Beſatzung uͤber⸗ 
fallen, gefangen und großen Theils erſchlagen wurde. Auch der 
Polniſche Hauptmann, der ſie befehligte, fiel dabei in Gefangen⸗ 
ſchaft. Am folgenden Tage begann gegen das Schloß ein neuer 
Sturm; allein bei der Tapferkeit der Vertheidiger, fuͤr die alles 
auf dem Spiele ſtand, mißgluͤckte er auch dießmal. Den ganzen 
Tag ward die Stadt vom Schloſſe aus beſchoſſen, ſo daß nie⸗ 
mand ſich auf die freie Straße wagte. Nur durch die inwendig 


1) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. HM. d. Stuhm am 
Abend Michael. 1457 Schbl. LXXVXI. 9. 105 ſ. Voigt a. a. O. 
S. 580. Runau p. 53. Schitz P- 268. Henneberger ©. 275. 
Ordenschron. p. 289, Detmar B. II. 204, 


Kämpfe um Marienburg. (1457.) 543 


durchbrochenen Haͤuſer konnten die Bürger mit einander Gemein⸗ 
fhaft pflegen.) Zinnenberg zog ſich nach Stuhm zuruck, warf 
ſich dann aber in den Werder, theils ihn vom Feinde zu ſaͤu⸗ 
bern und Neuteich zu erobern, theils Marienburg von dorther 
mit Lebensmitteln zu verſorgen. Er beſtand, um einen Angriff 
auf die Stadt abzuwehren, manchen harten Kampf mit der 
dort umherliegenden Kriegsmannſchaft aus Danzig, und nicht 
immer mit gleichem Gluͤcke; er ward ſelbſt in einem Gefechte 
bedeutend verwundet.) Es gelang jedoch den Danzigern, mit 
verſtaͤrkter Macht bis Neuteich vorzudringen und von da zur 
Vertheidigung des von ihnen ſo theuer und ſchwer bezahlten 
Marienburgs eine bedeutende Schaar friſcher Kriegsleute in das 
Schloß zu werfen. 3) Je ſchwerer aber jetzt bei ſolcher Ver 
ſtaͤrkung des Feindes die Vertheidigung der Stadt ward, um 
ſo mehr boten der Ordensſpittler und die Hauptleute, vereint 
mit dem wackern Buͤrgermeiſter Blume und der entſchloſſenen 
Bingerſchaſt Tag und Nacht alle Mittel und Kraͤfte auf, 
durch Wehren und Verſchanzungen, durch Ausfüllen der letzten 
dem Schloſſe gegenuͤber liegenden Haͤuſer mit Erde und Steinen 
und auf jede erdenkliche Weiſe die Stadt gegen feindliche 
Ueberfaͤlle vom Schloſſe aus zu ſichern. 9 

Mittlerweile warf ſich Bernhard von Zinnenberg, ſtets der 
rührigſte und ruͤſtigſte im Kriegsfelde, mit feinen Streithaufen 
auch ins Kulmerland und es gelang ihm bald im Einverſtaͤndniß 
mit dem Buͤrgermeiſter Hans Matzkow in Kulm in eben 
der Weiſe, wie bei Marienburg, ſich auch dieſer Stadt für den 
Orden zu bemaͤchtigen. Durch Huͤlfsvolk aus Neumark ver⸗ 
ſtaͤrkt blieb er als Hauptmann in ihrem Beſite. Sich mit 
den Hauptleuten Muſigk von Swynau zu Hohenſtein, Ulrich 
von Pfersheim zu Leſſen und mehren andern verbindend erließ 


1) Runau p. 53. Schiltzæ p. 268. Diugoss- 

2) Die Gefechte im Einzelnen bei Runau p. 54 u. Schilz 
D. 268. 

3) Runau p. 55. Schütz I. c. 

4) Das Naͤhere in Voigt Geſch. Marienb. S. 465. 


544 Kämpfe um Marienburg. (1457.) 


er alsbald auch an die Staͤdte Kulmſee und Thorn und an 
das Landvolk im Kulmerland unter furchtbar ſchreckenden Dro⸗ 
hungen eine Aufforderung, allen bei Mord und Brand ge: 
bietend, an einem beſtimmten Tage ihm durch Bevollmaͤchtigte 
in Kulm Huldigung zu leiſten und ſich mit ihm abzudingen, 
wofern nicht Feuer und Schwert das ganze Land vernichten 
ſollten.) Wie weit ihm genügt worden, weiß man nicht. 
Waͤhrenddeß ward aber auch Eilau für den Orden wieder ge⸗ 
wonnen, denn indem dort eines Tages die Polniſche Beſatzung 
zur Beiſchaffung von Lebensmitteln aufs Land ausgezogen war, 
öffnete man auch dort dem Ordensvolke die Thore.“ Dieſes 
Kriegsgluͤck Bernhards von Zinnenberg erfriſchte auch wieder 
den Muth der andern dem Orden treugebliebenen Hauptleute 
Georgs von Schlieben, Volkel Roͤders, Kaspars von Noſtitz, 
Fritzens von Raueneck u. a. Jeder in ſeinem Kreiſe ward eif⸗ 
riger und thaͤtiger fuͤr gemeinſame Zwecke. Es ſtieg neue Hoff⸗ 
nung einer noch möglichen Errettung für den Orden auf. Noch 
zeigten ſich freilich in Deutſchland keine Anſtalten zu der laͤngſt 
verheißenen Huͤlfe, denn der Reichstag hatte ſich wieder zer⸗ 
ſchlagen; 9 dafuͤr boten aber die Hanſeſtaͤdte, an ihrer Spitze 
Luͤbeck, ſelbſt auch Hollaͤndiſche Staͤdte huͤlfreiche Hand und 
führten den dem Orden treugebliebenen Landen und Städten 
Beduͤrfniſſe und Unterſtuͤtzung jeder Art zu. Nicht ſelten kam 
es dabei zwiſchen ihnen und den von Danzig zur Wacht aus⸗ 
geſandten Schiffen auf der See zu Fehde und Kampf. ® 
Aber es galt jetzt ſtarke Anſtrengungen und es koſtete 
ſchwere Opfer, der Macht des Koͤniges und der Bundesſtaͤdte 


1) Die Aufforderung Bernhards v. Zinnenberg u. a. d. Kulm 
Mittw. vor Simon u. Juda 1457 im Rathsarchiv zu Thorn Scrin. 
XVII. 36. 

2), Schütz p. 268. Rmm)j p. 55. Schr. des Hauptmannes 
Kunz Borewitz zu Neumark an d. HM. d. am T. Aller Heil. 1457 
Schbl. LXXV. 169. 

3) Schr. des Grafen Hans v. Gleichen an den Ordensſpittler, d. 
Nürnberg Sonnt. vor Andrei 1457 Schbl. Adelsgeſch. G. 59. 

4) Schlits p. 268. 269, Bunau p. 36. 


Kaͤmpfe um Marienburg. (1457.) 545 


gegenüber die neuen Eroberungen und Gewinne zu behaupten. 
Kaum hatte der Koͤnig die Kunde von Marienburgs Verluſt 
erhalten, als er ſofort eine neue Kriegsmacht von ſechstauſend 
Mann Reiter und Fußvolk ins Land ſandte, theils Marienburg 
zu entſetzen, theils die Beſatzungen anderer Staͤdte zu ver⸗ 
ſtarken.) Dreitauſend warfen ſich ins Schloß Marienburg; 
von dort begann nun der Feind den Kampf gegen die Stadt 
mit doppelter Kraft; kein Tag ging jetzt ohne Sturm und An⸗ 
griff voruͤber, denn man ging darauf hinaus, die Beſatzung 
der Stadt durch Ermüdung und Verbrauch ihrer weit geringeren 
Kräfte zur Ergebung zu zwingen. Der Ordensſpittler, der in 
der Stadt jetzt ſelbſt befehligte, wandte ſich eiligſt an Bernhard 
von Zinnenberg in Kulm, an alle Hauptleute, an alle dem 
Orden treugebliebenen Staͤdte, mit dringendſten Bitten um 
Verſtaͤrkung an Mannſchaft und um Zufuhr von Lebensmitteln 
und Kriegsbedarf, ihnen vorſtellend, daß es der ſchwachen Be⸗ 
ſatzung unmoͤglich ſey, die Stadt noch lange behaupten zu 
koͤnnen. Allein es gingen mehre Wochen voruͤber ohne die 
erſehnte Huͤlfe. Jeder Tag ſteigerte die Noth. Da erneuerten 
ſaͤmmtliche Hauptleute in der Stadt flehentlich die naͤmliche 
Bitte an alle getreuen Soͤldnerfuͤhrer, ihnen das ganze ſchreck⸗ 
liche Bild ihres Mangels und Elends und ihrer Bedraͤngniß 
vor Augen ſtellend, denn kaum noch acht Tage ſchien ſich die 
Stadt halten zu koͤnnen.) Da machte der Hochmeiſter ſich 
ſelbſt auf, durchzog die wichtigſten Städte im Niederlande, er⸗ 
mahnte und bat die dort liegenden Rottmeiſter aufs dringendſte, 
der hartbedraͤngten Stadt das entbehrliche Kriegsvolk in aller 
Eile zuzuſenden. Allein noch in der Mitte des Decembers war 

1) Schütz p. 268. Dlugoss. T. II. 217. Herburt de Fulstin 
Chron. Polon. p. 389. Runau p. 56 weiß bloß von den 3000 Mann, 
die nach Marienburg kamen. Detmar B. II. 204. 

2) Schr. des Ordensſpittlers u. der Hauptleute in Marienburg 
an Kaspar von Warnsdorf zu Melſack, Melchior von Deben zu Heiligen⸗ 
peil und alle andern Hoſteute in Schloͤſſern und Städten, d. Mar. am 
Abend Conception. Maria 1457 Schbl. LXI. 61. Voigt a. a. O. 
S. 467. : 

VIII. 35 


546 Kaͤmpfe um Marienburg. (1458.) 


keine der Verſprechungen erfüllt. Es drohte ſchon die hoͤchſte 
Gefahr; der Feind hatte bereits rings um die Stadt Straßen 
und Thore beſetzt und jede Zufuhr abgeſchnitten. Alle Schrecken 
der Hungersnoth haͤuften ſich von Tag zu Tag, ſo daß Georg 
von Schlieben und mit ihm viele andere in Verzweiflung die 
Stadt verlaſſen und durch den Feind ſich durchſchlagen 
wollten. 

So brach das fuͤnfte Kriegsjahr an, nirgends unter ſo 
ſchrecklicher Noth und Bedraͤngniß, als in dem unglüdlichen 
Marienburg. Dem Rathe und der ganzen Buͤrgerſchaft drohte 
ein graͤßliches Blutgericht, denn in ſeiner Rachwuth hatte der 
Böhmen = Hauptmann Czirwenka bereits eine Anzahl Henker 
und Scharfrichter aus Danzig herbeikommen laſſen, um den 
geſammten Rath und vierzig der vornehmſten Buͤrger dem 
Schwert und Galgen hinzugeben. ? Alles zitterte vor der blu⸗ 
tigen Stunde; ſie ſchien faſt unabwendbar. Man flehte noch 
einmal den Hochmeiſter inſtaͤndigſt um Beiſtand an, ihm das 
furchtbare Loos vorſtellend, welches der Stadt, wenn ſie falle, 
vom Boͤhmen⸗Hauptmanne beſchieden ſey. Da kam endlich 
Hülfe. Eben war die Beſatzung des Schloſſes ſchon um drei⸗ 
hundert Reiſige, die nach einem Kampfe mit einem Streithaufen 
aus Mewe, der ſie angriff, nach Schwez hinaufzogen, verringert 
worden,“ als Bernhard von Zinnenberg aus dem Hinterlande 
mit einer Reiterſchaar von tauſend Roſſen herangeſprengt kam; 
ihm folgte eine große Zahl von Wagen mit Lebensmitteln und 
Kriegsbedarf.“) Hocherfreut nahm die Stadt fie auf und alles 


1) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Mar. am T. Luciä 
1457 Schbl. LXI. 63. Voigt a. a. O. S. 468. 

2) Henneberger S. 2753 vgl. das Schr. Ulrichs Czirwenka 
an den HM. d. Mar. Freit. nach Aller Heilig. 1457 bei Voigt 
a. a. O. S. 468. 

3) Schr. des Rathes zu Marienburg an den HM. d. am Abend 
der Geburt Chriſti 1457 Schbl. LXI. 67, bei Voigt a, a. O. 
469. 581. 

4) Runau p. 57. Schütz p. 269. 

3) Runauı. c. Schütz 1, c. 


Kämpfe um Marienburg. (1458,) 547 


gewann nun neuen Muth und friſche Kraft. Da traten die 
Hauptleute zu Marienburg zu einer Kriegsberathung; es ſchien 
nothwendig, ſich uͤber einen geordneteren Kriegsplan gegen den 
Feind zu verſtaͤndigen. Er ward entworfen und dem Hoch⸗ 
meiſter durch Georg von Schlieben zur Genehmigung uͤber⸗ 
bracht.) Er ging, wie es ſcheint, auf einen Kriegseinfall 
nach Polen. Man ſchob ihn jedoch noch auf bis zur Ankunft 
der neuen Kriegshuͤlfe, die der Deutſchmeiſter, der bereits auch 
einiges Geld geſandt, nun aufs beſtimmteſte zugeſagt hatte. ) 
Sollte er aber mit Ausſicht auf Gluͤck unternommen werden, 
ſo war vor allem nothwendig, die Beſatzungen Marienburgs 
und Kulms noch zu verſtaͤrken, denn bereits zogen aus Kulm 
von Tag zu Tag der Hofleute immer mehre hinweg, alſo daß 
Bernhard von Zinnenberg ſchon mehr und mehr beſorgt ward, 
die Stadt nicht ohne eigene Lebensgefahr den Feinden bald 
wieder raͤumen zu muͤſſen. Auch die in Marienburg hatten 
ſchon gedroht, binnen ſechs Wochen die Stadt verlaſſen zu wollen, 
wenn nicht bis dahin die Wehrmanſchaft verſtaͤrkt und ein tuͤch⸗ 
tiger Hauptmann an ihre Spitze geſtellt werde. Das Kriegs⸗ 
glück aber in Pomeſanien und Kulmerland durfte man, das 
ſah ein jeder ein, nicht fo leicht aufs Spiel ſetzen; es war 
zu ſchwer, wenn es geſunken, wieder aufzurichten. Alſo rieth 
Bernhard von Zinnenberg dem Hochmeiſter aufs ernſtlichſte, 
die Beihuͤlſe Livlands von neuem und mit Nachdruck in An⸗ 


1) Schr. Bernhards v. Zinnenberg Oberſter zu Kulm, Martin 
Frodnacher zu Roͤßel, Kunz Borewitz zu Neumark, Ulrichs von Pfers⸗ 
heim zu Leſſen, Georgs Ingram zu Gilgenburg, Thieles v. Thünen zu 
Ortelsburg an den HM. d. Mar. am T. Vincentii 1458 Schbl. 
LXXXI. 66. 


2) Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Nürnberg Mittw. 
nach Dorothea 1458 Schbl. DM. 147. Der Deutſchmeiſter ſandte 
freilich nur 1200 Gulden für die Hofleute in Konitz. Schr. des Her: 
zogs v. Sagan an Bernhard v. Zinnenberg, d. Sagan Donnerſt. nach 
dem Aſchtage 1458, der ebenfalls von dem Plane eines Einfalls in 
Polen ſpricht. 

35 * 


548 Kampfe um Marienburg. (1458.) 


ſpruch zu nehmen;) aber zuvor noch eilte der Ordensſpittler 
ſelbſt ins Niederland und es gluͤckte ihm und dem Meiſter, aus 
den Städten Koͤnigsbergs unter des Hauptmannes Bot von 
Weſſenberg Fuͤhrung eine anſehnliche auserleſene Streitſchaar 
den Marienburgern zuzuſenden.? Leider verlor dort eben um 
dieſe Zeit der Orden einen ſeiner treuſten Hauptleute an dem 
Ritter Thiele von Thuͤnen, der bei einem ungluͤcklichen Ausfalle 
aus Marienburg zur Einnahme einer Muͤhle auf den Nogat⸗ 
Strom gedraͤngt mit einem Theile feines Fußvolkes ertrank. ® 
Die Stadt erhielt nun zwar auch an dem ſo tapfern als kuͤhn⸗ 
entſchloſſenen Hauptmann Auguſtin von Trotzler, der bisher auf 
Stuhm gelegen, einen Vertheidiger ihrer Mauern, dem kein Opfer 
zu groß, keine Anſtrengung zu ſchwer war, ſobald ſeine Kriegs⸗ 
geſellen ihm mit Muth und Treue zur Seite ſtanden; allein 
Mangel und Hungersnoth, Jammer und Elend hatten ſchon 
wieder der Beſatzung, den Hofleuten und Fußknechten, wie nicht 
minder der Buͤrgerſchaſt alle Freudigkeit zum Kampfe ent⸗ 
nommen und den Muth gebrochen, denn ſeit Zinnenbergs letzter 
Huͤlſe waren in aͤußerſt ſtrenger und anhaltender Winterkaͤlte 
mehre Monate hingegangen und Lebensmittel und Kriegsbedarf 
ſeitdem faſt voͤllig verbraucht. Vergebens hatte der Hauptmann 
Trotzler mehrmals um Hülfe gefleht. Als daher der größte 
Theil der Hofleute, endlich an aller Rettung verzweifelnd, er⸗ 
klaͤrten, daß fie feft entfchloffen ſeyen, die Stadt dem Feinde 
zu raͤumen, als nun die Buͤrger, voll Mißtrauen gegen die 
verzagten Soͤldner, die Wacht der Stadt Tag und Nacht ſchon 
ganz allein Übernehmen mußten, kein Tag aber vorüberging, 
an dem der Feind nicht neue Angriffe auf ihre Mauern wagte, 
und als zuletzt auch das aus Koͤnigsberg geſandte Kriegsvolk, 


1) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an den HM. d. Kulm Donnerſt. 
vor Reminiſcere 1458 Schbl. LI. 27. 

2) Schr. des Ordensſpittlers an die Hauptleute zu Preuſſ. Mark 
Andhelm v. Tettau u. a. d. Tapiau Mittw. nach Reminiſc. 1438 
Schbl. LXXXII. 64. 

3) Runau p. 58. Schütz p. 270, Voigt a. a. O. S. 472. 


Kämpfe um Marienburg. (1458.) 549 


welches den Buͤrgern immer noch huͤlfreich zur Seite ſtand, 
unter ſortwaͤhrenden Kämpfen und Entbehrungen zu ermuͤden 
und entmuthigt zu werden anfing, da ſchien Marienburgs Er⸗ 
haltung ohne auswaͤrtige Beihuͤlfe kaum irgendwie noch moͤg⸗ 
lich. Noch einmal bot der ſchwerbekuͤmmerte Hauptmann alle 
Gabe der Rede auf, dem Hochmeiſter das ſchreckliche Bild des 
Elends ſeiner Stadt vorzuſtellen und ihn aufs dringendſte um 
Rettung anzuflehen.) 

Der Beiſtand kam, woher man ihn kaum erwartet. Ein 
Hauptmann Wilhelm Mutſchiedler fuͤhrte aus Deutſchland einen 
friſchen Streithaufen von ſechshundert Roſſen herbei.? Zudem 
hatte auch der Meiſter von Livland eine anſehnliche Huͤlfs⸗ 
ſchaar geſandt, die mit allem reichlich verſorgt und wohl ge⸗ 
ruͤſtet bereits in Mewe angelangt war.“ Die Beſatzung 
Marienburgs konnte nun nicht nur verſtaͤrkt werden, ſondern 
es glückte ihr auch bald, mit der Mannſchaft aus Mewe mehr⸗ 
mals, mit Getreide und Lebensmitteln ſtark beladene Schiffe 
und Fahrzeuge auf der Weichſel und Nogat aufzufangen und 
damit den druckenden Mangel der Stadt zu lindern. ) Auch 
einiges Geld wußte der Hauptmann Trotzler aufzubringen, um 
mehre Rottenführer in ihren Forderungen zu befriedigen. So 
im Muthe erfriſcht focht nun die Beſatzung und mit ihr die 
Buͤrgerſchaft gegen den ohnedieß geſchwaͤchten und verringerten 
Feind auf dem Schloſſe wieder mit ungleich gluͤcklicherem Er⸗ 
folge und man faßte die Hoffnung, die Burg dem Orden 


1) Schr. des Hauptmannes Auguſtin von Trotzler an d. HM. d. 
Dienft, nach Palmar. 1458 Schbl. LXI. 15. Voigt a. a. O. 
S. 471. 

2) Schr. des Hauptmannes Wilhelm Mutſchiedler an d. HM. d. 
Frankfurt a. d. O. Dienſt. vor Laͤtare 1458 Schbl. XLV. 2. Sein 
Name findet ſich auch Motſchuler u. Mutſchuler geſchrieben. 

3) Schr. des Livländ. Meiſters an d. Ordensſpittler, d. Riga 
Freit. vor Quaſimodogen. 1458 Schbl. V. 38. Arndt Livland. Chron. 
Th. II. 146. 

4) Runau p. 58. 59. Schütz p. 272. 


550 Kriegsfehden um Marienburg u. i. Innern d. Landes. (1458.) 


noch gewinnen zu konnen.) Auch der Man zu einem Einfalle 
in Polen kam jetzt zur Ausführung. Eine Anzahl von Haupt⸗ 
leuten brachen mit ihren Rotten, durch Kriegshaufen aus Leſſen 
und Neumark verſtaͤrkt, durchs Kulmerland hinauf ins Dobriner 
Gebiet ein; die ganze Landſchaft war der Schauplatz ihres 
Raubens und Verheerens. Vierzig Doͤrfer gingen dabei in 
Feuer auf. Mit reicher Beute an Vieh u. dgl. kehrte man 
dann zuruͤck. Kulms Beſatzung hatte waͤhrenddeß einen Angriff 
auf Thorn gewagt und eine ganze Vorſtadt in Aſche gelegt. > 

Man ſah jedoch immer mehr ein, daß durch die einzelnen 
Fehden und Kaͤmpfe, wie ſie in und um Marienburg, zwiſchen 
den Elbingern und Braunsbergern bald auf dem Friſchen Haff 
mit den Koͤnigsbergern, ) bald mit den Beſatzungen anderer 
Staͤdte und ſo auch anderwaͤrts vorfielen, Kaͤmpfe, in denen 
man heute gewann, was man morgen wieder verlor und in 
denen es ſtets nur auf Raub und Brand abgeſehen war, fuͤr 
das Ganze wenig oder nichts gefördert werde. Man beſchloß 
daher, jetzt alle Kraͤfte zur Befreiung Marienburgs zu ver⸗ 
einigen, denn dieß ſchien dem Ordensſpitiler das Wichtigſte 
und Nothwendigſte, nicht nur um den Muth der dortigen 
Blngerſchaſt, die bisher faſt alles geopfert, aufs neue friſch zu 
beleben, ſondern auch das Vertrauen auf den Orden im In⸗ 
und Auslande wieder mehr emporzuheben. Es galt, dem Aus⸗ 
lande zu beweiſen, daß der Ritterorden in Preuſſen das alt 
gewohnte Kriegswerk noch nicht ganz vergeſſen habe; es galt 
für das Inland, jetzt einen entſcheidenden Schritt zu thun, 
um endlich die ſchon oft gegebenen Verheißungen zu erfüllen. 
Nachdem daher der Hochmeiſter ſich an den Herzog von Burgund 
gewandt, um ſeine Seeſtaͤdte zu bewegen, dem Orden eine 
Anzahl Seeleute zum Angriff der Ordensfeinde zu Waſſer zu 


1) Schr. des Hauptmannes Auguſtin v. Trotzler an d. HM. d. 
Mar. Freit. nach Mifericord. 1458 Schbl. LXXXII. 65, Voigt 
d. d. O. S. 473. 

2) Runau p. 58. Schütz p. 270. 

3) Runau p. 59, Schütz p. 272. 


Kriegsfehden um Marienburg u. i. Innern d. Landes. (1458.) 551 


Hülfe zu ſenden, v berief der Ordensſpittler die vornehmſten 
Hauptleute und Rottenfuͤhrer im Niederlande zu einem Kriegs⸗ 
rath auf die Burg Oſterode. Dort ward ein allgemeiner 
Kriegszug zum Entſatz Marienburgs beſchloſſen, auch ſofort den 
fernliegenden Hauptleuten Zeit und Ort der Verſammlung ihrer 
Streithaufen angekündigt und alle zur eiligſten Ruͤſtung er⸗ 
mahnt. Ohne Aufſchub, wie ihn der Hochmeiſter und mehre 
der Hauptleute wuͤnſchten, forderte der Ordensſpittler zur moͤg⸗ 
Yichften Beſchleunigung auf, denn bei längerem Verzuge konnte 
leicht, wie er fuͤrchtete, an Marienburg Verrath geſchehen. 
Schnell rüͤſtete ſich alles zum Aufbruch. Nur auf des Biſchofs 
von Samland dringende Bitte ließ der Meiſter zum Schutze 
Koͤnigsbergs und Samlands eine hinlaͤngliche Streitmacht unter 
dem Befehle des Hauptmannes von Blankenſtein zuruͤck, denn 
man vernahm bereits, daß in Samaiten alles wehrhafte Volk 
zur Kriegsruͤſtung aufgeboten, auch der Strand ſchon von 
Samaitiſchen Kriegshaufen beſetzt ſey, hier Königsberg, dort 
Memel bedrohend. 3 

Nun brach der Hochmeiſter mit dem Spittler an der 
Spitze von ſechshundert Reiſigen und vierhundert Fußknechten 
am Pfingſtabend nach Marienburg auf, mit Lebensmitteln und 
anderem Bedarf, womit man der Stadt zu Huͤlfe kommen 
wollte, reichlich verſorgt. Bei Willenberg gelagert, hoffte man 
durch baldige Erftürmung des ſchwachbemannten Schloſſes die 
Stadt von der Bedraͤngniß zu befreien. Es galt kein Saͤumen. 
Sobald es gegluͤckt war, der Stadt einen reichen Vorrath von 
Lebensmitteln und Holz zuzuführen, geſchah ſofort in Verab⸗ 


1) Schr des HM. an die Raͤtbe des Herzogs v. Burgund, d. 
Koͤnigsb. Sonnt. Jubilate 1458 Schbl. LXXXII. 61. 

2) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark Dienſt. 
vor Himmelf. 1458 Schbl. LXI. 64. Voigt a. a. O. S. 474 — 475. 

3) Schr. des Hauptmannes v. Memel an d. HM. d. am T. des 
heil. Kreuzes 1458 Schbl. V. 39. Schr. des Biſchofs v. Samland an 
d. HM. d. Fiſchhauſen Mittw. vor Himmelf. 1458 Schbl. LXII. 19. 
Der Biſchof raͤth vom Zuge ab. 


552 Kriegsfehden um Marienburg u. i. Innern d. Landes. (1458.) 


redung mit dem Hauptmanne Trotzler auf den Feind ein 
Sturmangriff zugleich von zwei Seiten her, um ſeine Streit⸗ 
macht zu theilen. Ueberall aber fand das Ordensvolk ſo ent⸗ 
ſchloſſenen Widerſtand und ſo ausharrende Tapferkeit, überall 
erlitt es in wiederholten Kaͤmpfen ſo bedeutende Verluſte an 
Kriegern und Roſſen, daß nach acht Tagen ſchon der Meiſter 
ſich genoͤthigt ſah, ohne Erfolg hinwegzuziehen. Es war 
wiederum die Schlaffheit und Laͤſſigkeit des Soͤldnervolkes, 
woran die Unternehmung ſcheiterte. D 

Aber wie ſollte nun Marienburg jemals Errettung finden? 
Auf neue Kriegshuͤlfe aus Deutſchland durfte, wie man vom 
Grafen Hans von Gleichen und vom Herzog von Sagan ver⸗ 
nahm, ſchwerlich viel gerechnet werden. Wo man dort vom 
Ungluͤck und der Erdruͤckung des Ordens in Preuſſen ſprach, 
zeigte man viel Mitleid, aber nirgends Thaͤtigkeit; auch wußte 
man dort wohl, welchem Kummer und Elend das Kriegsvolk 
im Ordenslande unterliegen muͤſſe;?) keinen wandelte mehr die 
alte ritterliche Luft an, um Maria's, der heil. Jungfrau Sache 
willen, unter Hunger und Noth fir den Orden Ritterdienſt zu 
leiſten. Nur Lohn, Geld und Raub entflammten noch die 
Kampf⸗ und Raufluſt in den Seelen feiler Soͤldlinge. Kür 
den Orden aber, das ſah der Ordensſpittler klar ein, blieb jetzt 
nichts uͤbrig, als ſolchem Sinnen und Trachten nach Lohn und 
Sold zu genuͤgen, um Muth und Kampfluſt in den Soͤldlingen 
immer friſch zu beleben. Es ward auf ſeinen Betrieb vom 
Hochmeiſter auf Lande und Staͤdte eine neue Geldſteuer aus⸗ 
geſchrieben. Allein wie überall und immer, wo es Opfer galt, 
ſtellten ſich auch hier wieder außerordentliche Schwierigkeiten 


1) Runau p. 60. Schütz p. 272. Henneberger S. 276. 
Ordenschron. S. 291; das Nähere bei Voigt a. a. O. S. 475. 

2) Schr. des Grafen Hans v. Gleichen, d. Sagan Freit. nach 
Himmelf. 1458 Schbl. LXX. 25, Adelsgeſch G. 58. Schr. des Herzogs 
v. Sagan an den Ordensſpittler, d. Sonnab. v. Pfingſt. 1458 Schbl. 
IX. 4. Der Herzog, vom Spittler zu einem neuen Zug nach Preuſſen 
aufgefordert, erklaͤtte, daß er ſich dazu nicht wieder verſtehen koͤnne. 


Kriegsfehden um Marienburg u. i. Innern d. Landes. (1458.) 553 


entgegen. In nicht wenigen Staͤdten, wo man mit Zwang 
und Noth die geforderten Summen zuſammengebracht, nahmen 
die unzufriedenen Hauptleute und Rottenſuͤhrer ſelbſt das Geld 
in Beſchlag; andere, die viel gelitten, wie Roͤßel, Wartenberg, 
Melſack, Neumark und Marienwerder waren ſaͤumig in der 
Zahlung oder wollten gar nichts leiſten. So blieben nur 
wenige, die ihren Schoß einſandten. Und doch ward die Noth 
mit jedem Tage dringender, die Forderungen der Soͤldnerrotten 
immer ſtürmiſcher und drohender. Die Trabanten in Marien⸗ 
burg hatten bereits trotzig verlangt: man ſolle ſie aus der 
Stadt entlaſſen; ſie ſeyen nicht deshalb ins Land gekommen, 
um für den Orden Hungers zu ſterben. Kaum war es moͤg⸗ 
lich, ſie durch einiges Geld zu bewegen, noch kurze Zeit dort 
zu verweilen. Aber die Hauptleute und der Rath der Stadt 
harten dem Spittler offen erklaͤrt: es ſtehe jetzt mehr als je 
alles auf dem Spiele, und die Gefahr, Marienburg dem Feinde 
bald wieder uͤberliefert zu ſehen, ſtieg noch mehr, als der tapfere 
Hauptmann von Trotzler, der bisher die empoͤrten Gemuͤther 
immer noch zu beſchwichtigen gewußt, wegen Mißverſtaͤndniß 
mit dem Hochmeiſter und aus tiefem Mißmuth wegen des 
Ordens Läffigkeit, feiner Hauptmannſchaft entſagte, Marienburg 
verließ und nun niemand mehr als Mann daſtand, der die 
Stinme des Zornes und der Erbitterung in den Soͤldlingen 
in Zuͤgel halten oder auch die noch vorhandenen Kräfte hatte 
zuſammenfaſſen und zu heilſamen Zwecken verwenden koͤnnen.“ 
So war fir Marienburg kaum noch irgend Heil und Rettung 
zu erwarten. 


1) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuff- Mark am T. 
Corpor. Chr. 1458 Sihbl. LXI. 59. LXXXII. 62. Voigt a. a. O. 
S. 477 — 478. 

2) Vgl. Voigt Geſch. Marienb. S. 477. Ueberhaupt ſey hier 
bemerkt, daß das Einzelne, was die Geſchichte Marienburgs betrifft, in 
dieſer Schrift nachzuleſen iſt, da es in der allgemeinen Landesgeſchichte 
nicht zweckmäßig ſeyn würde, in die fpecielle Geſchichte dieſer Stadt 
einzugehen. 


554 Kriegsfehden um Marienburg u. i. Innern d. Landes. (1458.) 


Noch aber ſchien damit das Maaß des Ungluͤcks für den 
Orden nicht gefuͤllt. Die ſchreckliche Noth und Kriegsgefahr, 
die ſich bisher am meiſten noch bloß uͤber das alte Haupthaus 
Marienburg wie ein unheilvolles Ungewitter aufgethuͤrmt, ver⸗ 
breiteten ſich nun mehr als je uͤber das ganze Land. Der 
Meiſter ſelbſt lebte bereits zu Koͤnigsberg in ſo aͤußerſt be⸗ 
draͤngten Umſtaͤnden, daß er den Rath der Stadt um die 
noͤthigen Lebensmittel und Getraͤnke anſprechen mußte und dieſer 
ihm zehn Tonnen Bier und einige Tonnen Meth durch einen 
Stadtknecht zuſandte.) Auf dem platten Lande herrſchte faſt 
uͤberall das graͤßlichſte Elend, uͤberall Hunger und Kummer. 
Wo nicht der Feind wuͤthete und alles vernichtete, raubten die 
Ordensſoͤldner, Hauptleute und Rottenmeiſter nicht minder als 
der gemeine Kriegsknecht, dem Landmanne Vieh, Getreide und 
alles, was er befaß.? Dazu von allen Seiten her wildes 
Kriegsgetummel oder drohende Kriegsgefahr. In Samaiten 
ſtand noch alles unter den Waffen; Memel, Samland und 
Koͤnigsberg waren keinen Tag vor feindlichen Einfällen ſicher. 
Bei Wehlau, Friedland und in den andern noch feindlich ge⸗ 
finnten Staͤdten im Hinterlande ſammelten ſich die Feinde zu 
Hauf, um Gerdauen zu erſtuͤrmen, wo Aßmus von Reiſenburg 
als Hauptmann befehligte.) Der Hauptmann zu Tapiau 
Volkel Röder meldete dem Meiſter: fein ausgehungertes Kriegs⸗ 
volk laſſe ſich jetzt nicht mehr im Zaume halten; es drohe in 
Samland einzufallen und da wie in Feindes Land Doͤrfer und 
Hoͤfe auszupluͤndern, denn der Hunger bringe das Volk faſt 
zur Verzweifelung.) Auch um Allenſtein ſammelten ſich bereits 


1) Schr. des Bürgermeifters u. Rathes v. Königsberg an d. HM. 
d. Mont. nach Johanni 1458 Schbl. LVII. 17. Voigt a. a. O. 
S. 478. Wegen des Stadtknechtes entſchuldigte man fich. 

2) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Eilau Dienft. vor Margar. 
1458 Schbl. LXXXII. 44. 

3) Schr. des Hauptmannes Aßmus v. Reiſenburg an Volkel Röder, 
d. Gerdauen Mittw. nach Barnabaͤ 1458 Schöl. Adelsgeſch. B. 183. 

A) Schr. des Hauptmannes Volkel Nöders, d. Tapiau Freit. nach 
Viſit. Mariä 1458 Schbl. Adelsgeſch. R. 20, 


Kriegsfehden um Marienburg u. l. Innern d. Landes. (1458.) 555 


ſo zahlreiche Kriegshaufen, daß Georg von Schlieben die Stadt 
nicht einen Augenblick verlaffen durſte. 

Die ſchwerſte Gefahr aber drohte wieder von Polen her. 
Waͤhrend von Maſovien aus an Georg von Schlieben und 
Bernhard von Zinnenberg der Wunſch nach Friede erging und 
beide auch vom Meiſter beauftragt wurden, mit den Maſoviern 
friedliche Unterhandlungen anzuknüpfen, erhielt der letztere 
durch Kundſchafter aus Polen die ſchreckenvolle Nachricht, daß 
der König in gewaltiger Ruͤſtung ſtehe, um mit einem maͤchti⸗ 
gen Heere in Preuſſen der wenigen feſten Burgen und Städte, 
vor allem Marienburgs, ſich zu bemächtigen.? Nichts ſchien 
jetzt nothwendiger als die eiligſte ſtaͤrkere Bemannung und 
Bewehrung der für Marienburgs Erhaltung jetzt doppelt wich⸗ 
tigen Burg zu Stuhm, denn Bernhard von Zinnenberg, bisher 
immer auch noch Hauptmann dieſer Burg, hatte ſie bis jetzt 
aus Mangel an den noͤthigen Lebensmitteln nur ſchwach beſetzt. 
Der Ordensſpittler drang daher mit allem Nachdruck darauf, 
der Hauptmann folle entweder ſelbſt das Schloß eiligſt ſtaͤrker 
bemannen und gehörig verſorgen oder der Meiſter muͤſſe Mittel 
finden, es in des Ordens Befehlshaberſchaft zu bringen, denn 
für Marienburg bilde Stuhm die allerwichtigſte Schutzwehr. 2 

Der Koͤnig aber, um den Orden, wie es ſcheint, durch 
ſcheinbar friedliche Geſinnungen über fein Vorhaben zu taͤuſchen, 
knüpfte mit einemmal durch den Ungeriſchen Magnaten Johann 


1) Schr. Georgs v. Schlieben, d. Allenſtein Sonnab. nach Viſit. 
Mariä 1458 Schbl. LXXXII. 54. 

2) Schr. Bernhards v. Zinnenberg, d. Kulm Donnerſt. nach 
Trinitat. 1458 Schbl. LXXXII. 73. Schr. Georgs v. Schlieben an 
den Ordensſpittler, d. Allenſtein Mittw. vor Johanni 1458 Schbl. 
XLVIII. 6. Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Donnerſt. vor 
Johanni 1458 Schbl. LXXXII. 53. 

3) Schr. Bernhards v. Zinnenberg, d. Kulm Freit. nach Trinitat. 
1458 Schbl. LI. 30. 

4) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Mont. nach Trinitat. 
1458 Schbl. LXI. 60. Voigt a. a. O. S. 479. 


556 Kriegsfehden um Marienburg u. i. Innern d. Landes. (1458.) 


Gisgra von Brandeis, w einen vieljaͤhrigen Gönner des Ordens, 
der um dieſe Zeit zu deſſen Huͤlfe nach Preuſſen gekommen 
war, friedliche Unterhandlungen an, zog ſie aber, obgleich der 
Magnat zu ihm nach Gneſen eilte, unter allerlei Vorwaͤnden 
immer weiter hin.) Allein der Hochmeiſter ward nicht lange 
getaͤuſcht, denn die unzweifelhaft vom Koͤnige veranlaßte Auf⸗ 
forderung ſeines Hauptmannes auf dem Schloſſe Marienburg, 
des Staroſten Stibor von Ponitz an die Stadt zur Ergebung 
und Unterwerfung, und die Drohungen deſſelben bei etwanigem 
Widerſtande bis zu des Koͤniges Ankunſt, der ſie als Verraͤther 
betrachten und behandeln werde,“ bewieſen hinlaͤnglich, wohin 
des Koͤniges Abſichten bei den Unterhandlungen gingen. Seit 
der Zurückweiſung dieſer Aufforderung aber ward die Lage der 
Stadt mit jedem Tage noch ſchrecklicher, denn die Polen lauer⸗ 
ten nun doppelt wachſam auf, um durch Wegnahme aller Zu⸗ 
ſuhr in Marienburg und Stuhm die Soldner zur Verzweiflung 
und ſo endlich zur Ergebung zu bringen. Eine bedeutende 
Anzahl Schiffe und Fahrzeuge mit Lebensmitteln fuͤr Stuhm 
und Marienburg fiel ihnen bei einem Ausfalle in die Haͤnde. 
Die Mannſchaft, zum Theil aus Buͤrgern Marienburgs be⸗ 
ſtehend ward theils erſaͤuſt, theils gefangen genommen. 4 
Solche Unfälle brachen dem Kriegsvolke und der Buͤrgerſchaft 
ſchon faſt allen Muth; nur die Schwäche des Feindes auf 
dem Schloſſe gewährte noch einige Hoffnung. d) 


1) Wir haben ihn fruͤher ſchon in die Ordensverhaͤltniſſe eingreifen 
ſehen. — Ueber die perſoͤnlichen Verhaͤltniſſe des Magnaten, der ſich 
in ſeinen Schreiben Johannes Giskra de Brandis, Comes de Sarus 
Dartinmque superiorum Regni Bungariae Capitaneus generalis nennt, 
ſ. Voigt a. a. O. S. 483. Cymel Regeſten des Roͤm. Koͤniges 
Friederich III. p. 165. - 

2) Schr. Johanns Giskra v. Brandeis an d. HM. d. Gneſen am 
T. vor Viti 1458 Schbl. XLI. 39. 

3) Die Aufforderung des Hauptmannes Stibor v. Ponitz an die 
Stadt Marienburg, d. auf dem Schloſſe Marienburg Mittw. Petri u, 
Pauli 1458 Schl. Adelsgeſch. P. 5 

4) Bunau p. 62. Schütz p. 273. Ordenschron. S. 292. 

5) Schr. Godderts v. Buſſeck u. des Buͤrgermeiſters v. Marienb. 


Marienburgs Belagerung durch den König v. Polen. (1458.) 557 


Da brach mitten unter dieſen Gefahren und Bedraͤngniſſen 
der König von Polen in der Mitte des Juli mit zwanzig⸗ 
taufend Mann und ſechshundert Tatariſchen Reitern ins Kulmer⸗ 
land ein.“) Noch bevor das Übrige Kriegsheer heranzog, ſtüͤrmte 
ein vorauseilender kampfluſtiger Kriegshaufe gegen die vom 
Orden jungſt erſt wiedergewonnene Burg Papau, ſie rings 
umlagernd. Die Beſatzung unter dem Hauptmanne Melchior 
von Lobel leiſtete Anfangs den kraͤftigſten Widerſtand; der Pol⸗ 
niſche Haufe litt bedeutende Verluſte. Allein zu langer Gegen⸗ 
wehr gegen des Koͤniges heranrückende gewaltige Macht fuͤhlte 
ſich die Beſatzung von nicht einmal hundert? Mann viel zu 
ſchwach und bot Ergebung an. Der Polniſche Feldherr Zamotuli 
nahm ſie an und um die Beſatzung der blutgierigen Wuth des 
wilden Tataren⸗Volkes zu entziehen, ließ er fie zu guter Stunde 
durch eine verborgene Thür entſchluͤpfen. Daruͤber indeß und 
über die Beute in der Burg erhob ſich im erbitterten Kriegs⸗ 
volke ein ſo wilder Aufruhr, daß der Feldherr ſelbſt ſeines 
Lebens kaum noch ſicher war. Ein Theil der Burg ging 
darüber in Feuer auf; das Uebrige ließ alsbald der König bis 
auf den Grund niederreißen. Langſam zog er darauf durchs 
Kulmerland hinab. Erſt nach drei Tagen kam er vor Kulm 
an, jedoch ohne es zu belagern, denn die ganze Heerfahrt galt 
zunächſt Marienburg. Kaum aber war Kulm wieder frei, als 
Bernhard von Zinnenberg mit ſeiner beſten Mannſchaft dort 
aufbrach, um ſich, dem Feinde auf geraden Wegen zuvor⸗ 


d. am Abend Petri u. Pauli 1458 Schbl. LXI. 12. Schr. des Ordens⸗ 
ſpittlers, d. Preuſſ. Mark am T. Viſit. Mariä 1458 Schbl. LXI. 16. 

1) Runau p. 63 u. Schiitz P. 273 ſprechen bloß von obiger 
Staͤrke des Heeres. 

2) Eigentlich bloß einige 50 Mann. 

3) Runaul. c. Schütz. c. Schr. des Koͤniges v. Polen an 
den Rath v. Thorn, d. in loco exercitus circa Papow ipso die s. 
Marine Magdal. 1458 im Rathsarchiv zu Thorn Serin. XVII. 12. 
Der König berichtet die Einnahme der Burg u. erſucht den Rath um 
Mauerer zum Niederreißen derſelben. Er giebt die Beſatzung auf 55 
Mann an, homines fere notabiles. 


558 Marienburgs Belagerung durch den König v. Polen. (1458.) 


kommend, in ſeine Burg Stuhm zu werfen; allein zur Nacht⸗ 
zeit verirrte er ſich und kam den Polen ſo nahe, daß ſich bei 
anbrechendem Tage zwiſchen ihnen ein blutiges Gefecht erhob, 
welches ihm einen Theil der Mannſchaft koſtete; er ſelbſt entfloh 
kaum noch der Gefangenſchaft, um ſich nach Stuhm zu retten.) 
Am Donnerſtag vor Maria Himmelfahrt, am zehnten Auguſt 
langte der Koͤnig mit ſeiner mittlerweile noch aufs Doppelte 
vermehrten Streitmacht und mit einem gewaltigen Troß von 
Kriegswagen vor den Mauern Marienburgs an, wo er ein 
großes Lager aufſchlug. ) 

Daß Marienburg fuͤr den Orden jetzt verloren ſey, hielt 
jeder für gewiß. Zwar hatte der wackere Hauptmann Auguſtin 
von Trotzler ſich durch des Ordensſpittlers Bitten bewegen 
laſſen, die Vertheidigung der Stadt wieder zu uͤbernehmen, 
ſofern fie gehörig bemannt werde, und der Hochmeiſter hatte 
auch alles aufgeboten, die Beſatzung zu verſtaͤrken und die 
Stadt mit Lebensmitteln und Kriegsbedarf moͤglichſt zu ver⸗ 
ſorgen. Allein auch jetzt wieder hatten ſeine Bemuͤhungen nur 
geringen Erfolg gehabt, denn von den aufgebotenen Kriegs⸗ 
leuten hatten ſich viele hartnaͤckig geweigert, in die ausgehungerte 
Stadt zu ziehen.) Uueberall bewies das Soͤldnervolk Muth⸗ 
loſigkeit, Widerſpenſtigkeit und trotzige Unluſt; war es doch 
dem Hauptmanne zu Mewe Fritz von Raueneck kaum noch moͤg⸗ 
lich, ſelbſt das Livlaͤndiſche Kriegsvolk vom Hinwegzuge zuruͤck⸗ 
zuhalten.“) Ueberdieß durfte der Hochmeiſter das Nieder⸗ und 
Hinterland auch von Kriegsvolk nicht ſehr entbloͤßen, denn auch 
dort ſammelten ſich von Wehlau an, welches der Komthur von 


1) Runau p. 63. Schütz p. 274, 

2) Dieſe Zeit der Ankunft des Koͤniges vor Marienburg giebt 
Runau p. 63, Dlugoss. T. II. p. 229 u. die Ordenschron. p. 292 an. 
In der Geſchichte Marienb. S. 482 muß ſtatt 17 Aug. ſtehen 10 Aug. 

3) Schr. Auguſtins v. Trotzler u. Bots v. Weſſenberg an d. HM. 
d. Preuſſ. Mark am T. Jacobi 1458 Schbl. XLIV. 41. Voigt 
d. a. O. S. 482. 

4) Schr. Fritzen's v. Raueneck zu Mewe, d. am Abend Jacobi 
1458 Schbl. XXIII. 14. 


Marienburgs Belagerung durch den König v. Polen. (1458.) 559 


Memel focben belagerte, bis gegen Raſtenburg hin die Feinde 
in immer größeren Maſſen.) Aber auch ſelbſt bei einer ſtaͤrkern 
Bemannung Marienburgs, wie konnte man hoffen, daß die 
Beſatzung zugleich gegen den Feind auf dem Schloſſe und 
gegen die gewaltige Macht vor der Stadt ſich lange werde 
halten koͤnnen! 

Sogleich nach des Koͤniges Ankunft erfolgte von beiden Geiz 
ten her auf die Stadt ein Angriff nach dem andern, jeder mit 
ſteigender Heftigkeit; ſchon in den erſten Tagen ward ein Theil 
der Stadtmauer niedergeworfen.? Allein je mehr die letzte 
Stunde zu nahen ſchien und je mehre das Schwert auf beiden 
Seiten im wilden Kampfe jeden Tag hinraffte, um ſo theuerer 
wollten die Marienburger den Koͤnig den Preis des Sieges 
bezahlen laſſen; ſie wehrten ſich in wahrhafter Verzweiflung. 
Das brach dem Feinde mehr und mehr den Muth; auch wagte 
der Koͤnig keinen eigentlichen Sturm auf die Stadt, da er 
keine Wagenburg aufſchlagen konnte. Da trat der Ungeriſche 
Magnat Johann Gisgra von Brandeis vermittelnd ein und 
knuͤpfte Unterhandlungen wegen eines Beifriedens an, die von 
den Hauptleuten und dem Buͤrgermeiſter Bartholomaͤus Blume 
mit Klugheit immer mehr in die Laͤnge gezogen wurden; in 
ſie griffen von Stuhm aus auch der Großkomthur und der 
Ordensſpittler mit großer Gewandtheit bald fürdernd bald hin⸗ 
dernd ein.?) Vor allem aber wußte der ſchlaue Ungeriſche 
Magnat den Koͤnig, der nach dem Tode des Koͤniges Ladislaus 
von Ungern Anrechte auf deſſen Krone geltend zu machen ge⸗ 
ſucht und deshalb mit Gisgra ſchon ſeit dem Fruͤhling in Ver⸗ 


1) Schr. des Hauptmannes Fritz Lockau zu Seeſten, d. Roͤßel 
Freit. Pantaleon 1458 Schbl. LXXXII. 41. Schr. des HM. an den 
Komthur v. Memel vor Wehlau, d. Koͤnigsb. am T. Vincula Petri 
1458 Schbl. LXXXII. 72. 

2) Runau p. 64. Diugoss. T. II. 229. Ordenschron. p. 296. 

3) Runau I. c. Schütz p. 274. Schr. des Großkomthurs u. 
Ordensſpittlers, d. Stuhm Mittw. nach Maria Himmelf. 1458 Schöl. 
LXXX. 28. 


560 Marienburgs Belagerung durch den König v. Polen. 1458.) 


handlungen fand, dadurch zu friedlicheren Geſinnungen zu 
gewinnen, daß er beſtaͤndig von einer ihm ſehr geneigten Partei 
in Ungern und von vielen feſten Schloͤſſern ſprach, die auf 
ſein Erſcheinen warteten, um ſich ihm zu ergeben und ihn im 
Kampfe gegen Mathias Korvinus, der ſich der Krone Ungerns 
bereits bemaͤchtigt, zu unterflügen.? Mittlerweile gluͤckte es 
dem Hauptmanne von Zinnenberg von Stuhm aus Marien⸗ 
burgs Beſatzung zu verſtaͤrken, denn mehre Hauptleute, nun 
endlich die große Wichtigkeit Marienburgs fuͤr den Orden mehr 
erkennend, hatten ihm reichlichere Mannſchaft zugefuͤhrt; ? und 
in denſelben Tagen gelang es den Kriegsleuten aus Kulm 
und Mewe, auch die Stadt Neuenburg, wo bisher Danziger 
Soͤldnervolk gelegen, durch Ergebung der Buͤrger zu gewin⸗ 
nen.“) Jetzt betrieb der Ordensſpittler von Stuhm aus die 
Unterhandlungen mit immer groͤßerem Eifer; oft verweilte er 
im Polniſchen Lager bis in die Nacht; der Erfolg trat fuͤr 
den Orden immer guͤnſtiger hervor, denn ſo hoch auch Anfangs 
der Koͤnig ſeine Forderungen geſteigert, ſo war doch gegen 
Ende des Auguſts ſchon ziemlich gewiß, daß Marienburg in 
des Ordens Gewalt bleiben und der König die Belagerung 
ohne Erfolg aufgeben werde. Dabei war Bernhard von Zinnen⸗ 
berg von Stuhm her unermuͤdlich thaͤtig, den Feind durch 
allerlei Fühne Unternehmungen fort und fort zu necken.) Es 
verlautete ſogar, daß die Ordensherren ſich Freunde unter den 
Polniſchen Großen im Heere zu erwerben gewußt, die bedeuten⸗ 


1) Engel Geſch. des Unger. Reichs B. III. Th. I. S. 221. 
2) Schütz p. 274. 


3) Schr. Bernhards v. Zinnenberg u. Ulrichs von Kinsberg an 
d. HM. d. Stuhm am Abend Bartholom. 1458 Schöbl. LI. 25. 26. 32. 
Schr. Ulrichs v. Kinsberg, d. Stuhm am T. Bartholom. 1458 Schbl. 
LXI. 68. 


4) Runau p. 64. Schütz p. 274. 


5) Schr. des Ordensſpittlers, d. Stuhm am T. Auguſtini 1458 
Schbl. LXXXII. 60, 


Waffenſtillſtand zwiſchen Polen u. dem Orden. (1455.) 561 


den Einfluß auf die Unterhandlungen hatten und jede ernſte 
Unternehmung gegen die Stadt verhinderten. 

So gingen zwei Monate voruͤber ohne eine einzige wich⸗ 
tige Unternehmung. Viele der Poinifchen Großen, des un⸗ 
thätigen Verweilens im Lager und der Entbehrungen über⸗ 
drüffig, hatten ſich bei der auch damals wieder im Polniſchen 
Heere herrſchenden Zuchtloſigkeit, ohne des Koͤniges Erlaubniß 
bald wieder entfernt, um in die Heimat zuruͤckzukehren. Ueber⸗ 
dieß litt das Heer ſchon im Verlaufe des erſten Monats Mangel 
an Lebensmitteln und Futter. Folgen davon waren bei der 
naßkalten Herbſtwitterung ſeuchenartige Krankheiten, die in 
wenigen Wochen gegen achthundert Kriegsleute und an ſieben⸗ 
tauſend Roſſe hinrafften. Es half dem Koͤnige nicht, daß er, 
um ein Werk der Frömmigkeit zu uͤben, in Elbing ein neues 
Brigitten⸗Kloſter aufzubauen verhieß und es reichlich mit Ein⸗ 
fünften verforgte. ? Unmuth und Unzufriedenheit im ganzen 
Heere ſtieg mit jedem Tage mehr; man verlangte endlich vom 
Könige, entweder die Stadt ſofort zu beſtüͤrmen oder die Be⸗ 
lagerung aufzuheben. Da der König ſich weder für das eine 
noch das andere entſchließen konnte, ſo verlief ſich bald ein 
großer Theil ſeines Streitvolkes. I 

Unterdeß hielt der Hochmeiſter mit dem Großkomthur, dem 
Ordensſpittler und den vornehmſten Soͤldnerhauptleuten Kriegs⸗ 
rath zu Melſack, um ſich uͤber die Bedingungen zu vereinigen, 
die man dem Könige zum Abſchluſſe eines Beiſriedens in Vor⸗ 
ſchlag bringen wollte.) Er nahm ſie an, obgleich ihm die 


1) Schätz p. 275. 

2) Die Stiftungsurkunde, d. im Feldlager vor Marienb. am T. 
Kreuz⸗Erhoͤh. 1458 Schl. LXIII. 10. 

3) Schütz I. c. Dlugoss. T. II. 229 — 230. Herburt de 
Fulstin p. 290. 

4) Darüber die Geleitsbriefe des Koͤniges v. Polen für den Groß⸗ 
komthur u. die übrigen, d. im Lager vor Marienb. Sonnab. vor 
Matthaͤi 1458 Schbl. XXVI. 64 u. des Hauptmannes zu Braunsberg 
John von Walſtein für den HM. d. Braunsb. am Abend Michael. 
1458 Schbl. Adelsgeſch. W. 68. 

VIII. 36 


562 Waffenſtillſtand zwiſchen Polen u. dem Orden. (1458.) 


Danziger noch viertauſend Mann Soldtruppen anboten, wenn 
er die Belagerung noch einige Zeit fortſetze. Schon am neun⸗ 
ten October brach er das Lager ab und fuͤhrte das Heer nach 
Rieſenburg, wo die Urkunden des Waffenſtillſtandes ausgewech⸗ 
ſelt wurden.) Es war darin Folgendes beſtimmt: Zwiſchen 
allen Theilnehmern am Kriege? ſolle ein Beifriede auf neun 
Monate, bis auf S. Margarethen: Tag oder den 12ten Juli 
naͤchſtes Jahres beſtehen. Waͤhrenddeß ſollten allen Hofleuten 
und Unterſaſſen des Hochmeiſters (mit Ausnahme der entſagten 
Feinde des Ordens) alle Straßen zu Waſſer und Land, und 
dem Kaufmanne, Buͤrger und Bauer der Beſuch jeglicher 
Stadt zum Verkaufe feiner Waaren und Erzeugniffe unter 
ſicherem Geleite voͤllig frei ſtehen; keine Stadt jedoch und kein 
Schloß ſolle verpflichtet ſeyn, mehr Leuten den Zugang zu 
geſtatten, als ihre Sicherheit zulaſſe. Wolle ſich mittlerweile 
eine Stadt vom Könige zum Hochmeiſter oder von dieſem zu 
jenem ergeben, ſo ſolle keiner ſie annehmen. Keiner ſolle ein 
neues oder alte, wuͤſte und gebrochene Schloͤſſer beſetzen, be⸗ 
mannen oder weiter abbrechen. Die Stadt Marienburg ſolle 
der Befehlshaberſchaft Johanns Giskra von Brandeis zu ge⸗ 
treuer Hand bis zum rechtlichen Ausſpruche anvertraut werden, 
der ſie dann dem einraͤumen ſolle, welchem das Recht ſie zu⸗ 
erkenne; habe der Rechtsſpruch keinen Fortgang, ſo falle ſie 
wieder dem Orden zu. Den Rechtsſpruch ſollten ſechzehn 
Schiedsrichter beider Theile unter Johann Giskra's Vermittlung 
zu Kulm bis zu S. Georgs⸗Tag thun; komme er bis dahin 
nicht zu Stande, ſo ſolle Herzog Albrecht von Oeſterreich von 
beiden Theilen als Obmann anerkaunt werden und uͤber alle 
Zwiſte und Spaͤne nach Gott und Recht noch vor Margarethen⸗ 


1) Runau p. 65. Dlugoss. T. II. 231. 

2) Als folche find auf der Seite des Koͤniges genannt die Herzoge 
von Maſovien u. Stolpe, der Biſchof von Kamin, alle Poln. Fuͤrſten 
und Hofleute in Schlöffern u. Städten, auf Seiten des Ordens die 
Meiſter v. Deutſchland u. Livland, Herzog Balthaſar v. Sagan, alle 
Hauptleute u. Rottmeiſter des Ordens. 


Waffenſtillſtand zwichen Polen u. dem Orden. (1458.) 563 


Tag erkennen. Beide Theile ſollten feſt und treu an ſeinem 
Spruche halten. Streithaͤndel, Mißhelligkeiten und Ueberfaͤlle 
waͤhrend des Beifriedens, wider den Willen des Koͤniges oder 
des Meiſters verübt, ſollten den Frieden nicht brechen und 
durch ausdruͤcklich dazu ernannte Richter unter den Hauptleuten 
in den einzelnen Landſchaften gerichtet und geſchlichtet werden.) 

Jeder Theil blieb im Beſitze der ihm zugewandten Staͤdte 
und Lande. Demnach ſaßen jetzt Polniſche oder Buͤndiſche 
Hauptleute zu Danzig, Elbing, Thorn, Braunsberg, Moh⸗ 
rungen, Graudenz, Schwez, Golub, Guttſtadt, Raſtenburg, 
Schippenbeil, Heilsberg, Preuſſ. Holland, Liebſtadt, Wehlau, 
Bartenſtein, Neidenburg, Paſſenheim, Friedland, Seeburg, 
Dirſchau, Stargard, Lauenburg, Tuchel, Wormdit, Loͤbau, 
Rheden und Strasburg. Hans von Baiſen als Landes⸗Gu⸗ 
bernator hatte noch feinen Sitz auf dem Schloffe Marienburg, 
wo Stibor von Ponig auch forthin noch die Befehlshaberſchaft 
fuhrte. Stibor und Gabriel von Baiſen befehligten jetzt als 
Hauptleute zu Mohrungen und Rheden, der Boͤhmen⸗Haupt⸗ 
mann Ulrich Czirwenka auf den Schloͤſſern zu Golub und 
Schwez. Die ſchwierigſte Aufgabe hatte jetzt der Ungeriſche 


1) Die Original ⸗urk. des Koͤniges, d. auf der Lagerſtatt des 
Heeres bei Rieſenburg Donnerſt. vor Hedwig 1458 (mit 40 Siegeln) 
Schbl. 68. 5. Die Original⸗urk. des HM. d. Rieſenb Sonnab. vor 
Hedwig 1458 Schbl. 68. 4, u. in Abſchrift Fol. E. 265 Schbl. LXXXII. 
63; die einzelnen Friedensartikel in der Ordenschron. p. 292 u. Simon 
Grunau Tr XVII. c. 10. Daß der Beifriede weder zu Thorn noch 
auf 20 Monate abgeſchloſſen wurde, wie Schütz p. 275 angiebt, geht 
aus den Urkunden ſelbſt hervor. Raman p. 65. Voigt a. a. O. 
S. 485. Von Seiten des Ordens beſiegelten den Beifrieden außer dem 
Großtomthur u. dem Ordensſpittler, Bernhard v. Zinnenberg oberſter 
Hauptmann zu Kulın u. Stuhm u. die Hauptleute Ritter Georg v. 
Schlieben zu Allenſtein, Muſſigk v. Swynau zu Hohenſtein, Martin 
Frodnacher zu Roͤßel, Kaspar v. Warnsdorf zu Melſack, Kunz v. 
Borewitz zu Neumark, Ulrich Pfersheimer zu Leſſen, Friederich Nebeſchitz 
zu Rieſenburg, Hanicke Schoͤnaich zu Liebmühl. Vgl. über dieſen 
Waffenſtillſtand auch Detmar Chron. B. II. 214. 

2) Nach der erwähnten Urkunde des Koͤniges v. Polen Schbl. 68. 5. 

36 * 


564 Waffenſtillſtand zwiſchen Polen u. dem Orden. (1458.) 


Magnat; vornehmlich mit der Vollfuͤhrung der verſchiedenen 
Beſtimmungen des Beifriedens beauftragt, ſollte er als Ver⸗ 
weſer das ausgehungerte Marienburg behaupten, wozu ihm alle 
Mittel gebrachen.) Es kam hinzu, daß, als der Koͤnig das 
Land kaum verlaſſen hatte, allerlei Mißhelligkeiten ausbrachen, 
die der Magnat richten und beilegen ſollte. Der Gubernator 
und der Hauptmann auf Marienburg ſelbſt ließen zwei Schiffe 
von Ordensunterthanen auf der Nogat überfallen, wobei mehre 
Buͤrger Marienburgs getoͤdtet wurden. Dagegen griff das 
Ordensvolk aus Mewe und Neuenburg neun mit Lebensmitteln 
befrachtete Schiffe aus Danzig und Thorn und flufzig Holz⸗ 
floͤßen auf der Weichſel auf und nahmen die Mannſchaft ge⸗ 
fangen.?) Die Danziger aus Rache lauerten dann wieder der 
Beſatzung von Mewe auf, wobei ſie im Kampfe acht und 
vierzig gefangen nahmen, die ſie ſaͤmmtlich mit acht Knaben 
in Stucke hauen ließen. Von Johann Giskra zur Verantwor⸗ 
tung vor Gericht geladen erſchienen ſie nicht und ſeine ſchieds⸗ 
richterliche Vermittlung blieb ohne Erfolg.) Aehnliche Ereig⸗ 
niſſe ſah man in Pommerellen bei Konitz, ſowie im Nieder⸗ 
und Hinterlande. Kurz es war mitten im Frieden an Friede 
und Ruhe nicht zu denken. Dazu fortwaͤhrend unter den 
Ordensſoͤldnern wegen Mangel und Noth uͤberall die größte 
Unzufriedenheit; in Marienburg war fie endlich fo hoch ges 
ſtiegen, daß Bernhard von Zinnenberg ſein letztes Silbergeraͤth 
zur Verpfaͤndung nach Thorn ſenden mußte, um nur den 
naͤchſten Beduͤrfniſſen abzuhelfen.) Der Hochmeiſter ſelbſt 
in den druͤckenſten Umſtaͤnden. 9 


1) Schr. Johann Giskra an d. HM. d. Braunsberg Dienſt. nach 
11,000 Jungfr. 1458 Schbl. XIII. 38, 

2) Runau p. 65. Schütz p. 275. 

3) Schütz I. o. Runau p. 66; näherer Bericht im Fol. B. 4 — 5. 

4) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. Komthur v. Memel, 
d. Kulm Sonnt. vor Barbara 1458 Schbl. LI. 28. 

5) Schr. des HM. an den Ordensſpittler, d. Waldau am Abend 
Nativit. Chr. 1458 Schbl. V. 33. Er konnte nicht einmal die Zehr⸗ 
koſten zu einem Verhandlungstag zu Oſterode aufbringen. 


Streit wegen der Biſchofswahl im Ermland. (1438.) 365 


Auch in den Biſthuͤmern waren die Verhaͤltniſſe im 
hoͤchſten Grade traurig. Die Biſchoͤfe von Pomeſanien und 
Samland darbten in der groͤßten Armuth. Kulm und Erm⸗ 
land ſtanden ohne Biſchoͤfe da. Den von den polniſchgeſinnten 
Kulmiſchen Domherren gewaͤhlten Official Bartholomaͤus konnte 
und mochte der Papſt nicht beftätigen, weil die Wahl der noch 
mit dem Banne beſtrickten Domherren nicht für rechtmaͤßig 
galt.) Dem von den übrigen Domherren erwaͤhlten Dom⸗ 
propſt Laurentius Zankenzin aber hatte bisher der Ordens⸗ 
procurator, um ſich das Biſthum ſelbſt zu verſchaffen, noch fort 
und fort entgegengearbeitet. Nun hatte zwar ein Sachwalter, 
deſſen Huͤlſe Laurentius in Anſpruch nahm, dem Papſte die 
Umtriebe des Procurators hinlaͤnglich aufgedeckt; allein einige 
für den Procurator guͤnſtig lautende Briefe des Hochmeiſters 
machten ihn von neuem irre, ſo daß er die Beſtaͤtigung aber⸗ 
mals auf ſechs Monate hinausſchob. Ueberhaupt ſchien er, 
da ihn auch der König von Polen fort und fort für ſeinen 
Guͤnſtling beſtinmte, erſt abwarten zu wollen, wie ſich in 
Preuſſen alles geſtalten werde. 2 Waͤhrenddeß war ſchon im 
Juni des vorigen Jahres auch der Biſchof Franziſcus von 
Ermland in treuer Geſinnung gegen den Orden in Breslau 
geſtorben. Noch bei Lebzeiten hatte ihn der Koͤnig von Polen 
durch einige Domherren zu Breslau, geborene Polen, zu be⸗ 
wegen geſucht, gegen eine jaͤhrliche ſehr anſehnliche Leibrente 
die Verwaltung ſeines Biſthums, zu deſſen Beſitz er ohnedieß 
keine Hoffnung mehr haben koͤnne, des Königes Kanzler So: 
hannes Lutkonis 9 zu übertragen, dem dann der König auch 


1) Daruͤber ein Vorſtellen des Ordens⸗Sachwalters an den Papſt 
Schbl. LXIV. 4. 

2) Schr. des Kardinals S. Laurentii in Lncina an d. HM. 
Rom 5 Aprit 1458 u. Schr. des Sachwalters an d. HM. d. Ron 
12 April 1458 Schöl. LXIV. 11. 12. 

3) Hartknoch Kirchengeſch. Preuſſ. S. 154 giebt den 10 Jun., 
Arnold Kirchengeſch. S. 160 den 18 Juni 1457 als Todestag an. 
Wir haben keine genauere Nachrichten. Preufl- Samml. B. I. 186. 

4) Ohne Zweifel der nämliche, den Hartknoch a. a. O. Johann 


566 Streit wegen der Biſchofswahl im Ermland. (1458.) 


die foͤrmliche Verleihung der bifchöflichen Würde am Röm. Hofe 
auszuwirken gedachte Allein der Ermlaͤndiſche Domherr Bar⸗ 
tholomaͤus Liebenwald hatte damals, nach Rom eilend, dort 
alles aufgeboten, dieſen Plan zu vereiteln und zu bewirken, daß 
beim Tode des ſchon ſehr ſchwachen Biſchofs vom Ermlaͤndiſchen 
Domkapitel ein Mann gewaͤhlt werde, der durch ſeine Ver⸗ 
haͤltniſſe zum Papſte, zum Kaiſer und zu den Reichsfuͤrſten in 
den Stand geſetzt ſey, in den ordentlichen Beſitz ſeines Biſchofs⸗ 
ſtuhles zu gelangen und die Ermlaͤndiſchen Kirchenguͤter wieder 
zu einem Ganzen zu vereinigen. Dieſen Mann brachte er, als 
nach ſeiner Ruͤckkehr nach Breslau der alte Biſchof bald ſtarb 
und der Koͤnig von Polen, wie man erfuhr, ſich bereits wegen 
ſeines Kanzlers nach Rom gewandt hatte, den in Groß⸗ 
Glogau anweſenden Ermlaͤndiſchen Domherren ſelbſt in Vor⸗ 
ſchlag. Es war der in der Roͤm. Kirche hochangeſehene und 
einflußreiche gelehrte Kardinal und Biſchof von Siena Aeneas 
Sylvius Piccolomini, der auch einmüthig von den erwaͤhnten 
Domherren erwaͤhlt wurde und zu deſſen Beftätigung Bartho⸗ 
lomaͤus Liebenwald ſelbſt alsbald nach Rom eilte.) Der Papſt 
ertheilte ſie auch dem Kardinal ohne alles Bedenken, obgleich 
bei ihm eine Geſandtſchaft aus Polen alle Mittel aufbot, das 
Biſthum dem Kanzler des Koͤniges zu verſchaffen und letzterer 
es weder an lockenden Verſprechungen, noch auch ſelbſt an 
Drohungen fehlen ließ, wenn man ſeine Wuͤnſche zuruͤckweiſe. 
Da die Verhaͤltniſſe am Roͤm. Hofe aber dem neuen Biſchofe 
nicht geſtatteten, ſich ſelbſt nach Preußen zu begeben, ſo er⸗ 
nannte er den erwaͤhnten Domherrn zu ſeinem bevollmaͤchtigten 
Procurator mit dem Auftrage, fuͤr ihn im Biſthum die Hul⸗ 
digung zu empfangen, Ordnung und Gehorſam herzuſtellen, 
vor allem die, welche ſich Ermlaͤndiſcher Kirchenguͤter angemaßt, 
zur Herausgabe derſelben aufzufordern, widrigenfalls ſie auch 


Linken, Dechant von Gneſen nennt, und den die in Danzig (7) ſich 
aufhaltenden Domherren erwaͤhlt haben ſollen. 

1) S. die Abhandlung: des Aeneas Sylvius Verdienſte um 
Preuſſen, in Preuſſ. Samml. Bd. 1. S. 186 ff. 


Streit wegen der Biſchofswahl im Ermland. 1458.) 567 


mit kirchlicher Strafe dazu zu zwingen und ‚überhaupt als Statt⸗ 
halter das Biſthum in ſeinem Namen zu regieren. In Preuſſen 
im Winter des Jahres 1457 angelangt wandte ſich dieſer ſo⸗ 
gleich an den Hochmeiſter um Rath und Beiſtand in ſeiner 
wichtigen Aufgabe. Allein obgleich auch Aeneas Sylvius 
ſelbſt den letztern erſuchte, dem biſchoͤflichen Verweſer in ſeinem 
Amte zu Hülfe zu ſtehen und die beſetzten Staͤdte und Burgen 
Ermlands ſofort zu übergeben, ” fo konnte in dem allen unter 
den obwaltenden ſtürmiſchen Verhaͤltniſſen doch wenig oder 
nichts geſchehen. Unmuthig und unzufrieden begab ſich der Ver⸗ 
weſer nach Breslau zurück nicht ohne ſchwere Vorwuͤrfe, daß 
man ihm und dem Domkapitel für die dem Orden ſo zahlreich 
erwieſenen Wohlthaten mit ſolchem Undank lohne; man konnte 
ihn kaum bewegen, die ſcharfen Strafbeſtimmungen zuruͤck⸗ 
zuhalten, die er gegen Undankbare und Widerſpaͤnſtige in 
den Haͤnden hatte, zumal da er ſich auch perfönlich verletzt 
glaubte. 

Es war ohne Zweifel des Aeneas Syloius Einfluß, der 
den Papſt für die Sache des Ordens bald wieder ungleich 
thaͤtiger machte. Kalixtus ſchleuderte nicht nur von neuem den 
Bannfluch wie gegen die Verbuͤndeten, ſo gegen alle, die den 
Orden als Feinde bedraͤngten und an Gut und Eigenthum 
beraubten (worunter er auch den Koͤnig von Polen verftand), * 
ſondern er nahm ſich auch dadurch des Ordens an, daß er 


1) Schr. des Domherrn Bartholom. Liebenwald an d. HM. d. 
Stuhm am T. Thoma 1457 Schbl. LXVI. 196. 

2) Schr. des Biſchofs und Kardinals von Siena an d. HM. d. 
Rom 12 April 1458 Schbl. LXVI. 194. Preuſſ. Samml. B. I. 
S. 187. 

3) Schr. des Domherrn Barthol. Liebenwald an den Grafen 
Hans v. Gleichen, d. Breslau Freit. nach Kreuz⸗Erfind. 1458 Schöl. 
LXVI. 20. Preuſſ. Samml. B. I. S. 189. 

4) Die eine Bulle, worin der Papſt zugleich eine große Zahl von 
Ketzern, Heiden und Widerſachern des Roͤm. Stuhles verdammt, d. 
Romae III Cal. April 1458 Pp. a. III. im Fol. A. 177, zum Theil 
bei Duellius P. II no. LV. P. 28 die andere, eine Erneuerung der 


568 Streit wegen ber Biſchofswahl im Ermland. (1458.) 


den Grafen Heinrich Reuß von Plauen und Veit von Schoͤn⸗ 
berg nebſt mehren andern, die dem Orden auf Sold gedient, 
mit Nachdruck unterſagte, gegen den Hochmeiſter wegen ihres 
noch ruͤckſtaͤndigen Soldes vor Herzog Wilhelm von Sachſen 
oder andern weltlichen Gerichten, wie ſie gedroht, Proceß zu 
ſuͤhren, weil der Orden keinem weltlichen Richter unterworfen 
ſey.) Indeß ſo guͤnſtig ſich in ſolcher Weiſe fuͤr den Orden 
auch alles am Roͤm. Hofe ſtellte, 2 fo ſehr mußte der Hoch⸗ 
meiſter das biſchoͤfliche Amt in Ermland doch in der Hand 
eines Mannes wuͤnſchen, der ſelbſt im Lande anweſend durch 
perſoͤnliche Thaͤtigkeit und kraͤftiges Eingreifen die Ordnung 
der Dinge wiederherſtellen koͤnne „zumal da er von Rom aus 
erfuhr, daß der Kardinal bei ſeiner Ausſicht auf die paͤpſtliche 
Wuͤrde das Biſthum nicht lange behalten werde.?) Er ſandte 
deshalb den Dompropſt Arnold Datteln nach Rom ‚ um den 
Kardinal zu bewegen, das Biſthum dem Ermlaͤndiſchen Dom⸗ 
herrn Arnold von Venrade, für welchen auch das Domkapitel 
ſtimmte, zu uͤberlaſſen. Dieß gluͤckte ihm zwar nicht; allein 
der bald darauf erfolgende Tod des Papſtes Kalixtus und die 
Erhebung des Kardinals Aeneas Sylvius auf den paͤpſtlichen 
Stuhl im Auguſt 1458 änderten mit einenmal alle bisherigen 
Verhaͤltniſſe. Das Domkapitel erwaͤhlte jetzt zuerſt den Dom⸗ 


Bannbulls des P. Nicolaus V, d. Romae Cal. April. 1458 im Fol. 
A. 179. 


1) Die Bulle, d. Romae VIII Cal. Julii 1458 in einem Trans⸗ 
ſumt Schbl. XIV. 11. 

2) Schr. des Procurators Jodocus Hohenſtein an d. HM. d. 
Rom 27 Juni 1458 Schbl. LXVI. 220; er meldet, wie ſehr es ſich 
der Kardinal Aeneas Sylvius angelegen feyn laſſe, dem Orden ſeine 
Gunſt und Zuneigung zu beweiſen. 

3) Schon im Decemb. 1457 meldete Barthol. Liebenwald, daß 
der Kardinal Ausſicht zur paͤpſtl. Wuͤrde habe. 

4) Schr. des Procurators an d. HM. d. Rom 27 Juni 1458 
Schbl. LXVI. 21. Schr. des HM. an den Papſt, das Kardinal = 
Collegium und den Kardinal Aeneas von Seni, worin er fie zu bewe⸗ 
gen ſucht, das Biſthum dem vom Domkapitel erwählten Domherrn 
Arnold von Venradg zu verleihen; Schbl. LXVI. 222. 


Streit wegen der Biſchofswahl im Ermland. (4458.) 569 


herrn und paͤpſtlichen Protonotar Paul von Logendorf aus 
einer alten edlen Familie Preuſſens zum Biſchofe, nahm jedoch 
dieſe Wahl bald wieder zuruck und erkor, wahrſcheinlich nicht 
ohne des Hochmeiſters Einwirken den ſchon erwaͤhnten Dom⸗ 
herrn Arnold von Venrade. So entſtanden neue Verwirrun⸗ 
gen. Paul von Logendorf, mit dem neuen Papſte Pius dem 
Zweiten laͤngſt ſehr befreundet, auch nicht ohne Goͤnner unter 
den Deutſchen Fuͤrſten, erhielt zwar ohne weiteres die paͤpſt⸗ 
liche Beftätigung ; V allein fo ſehr ihn auch der Markgraf Karl 
von Baden dem Hochmeiſter empfahl,“ fo beſchwichtigte dieß 
doch keineswegs das gegen ihn gefaßte Mißtrauen, da ſich das 
Gerücht verbreitete, er ſtehe mit dem Koͤnige von Polen in be⸗ 
denklichen Unterhandlungen. Man fand daher auch fir rath⸗ 
ſam, Allenſtein vorerſt noch nicht aus der Gewalt des Ordens 
zu geben.) Es kam hinzu, daß die Ermlaͤndiſchen Domher⸗ 
ren ſich auch beim neuen Papſte aufs bitterfte uͤber den Orden 
beklagt hatten, daß man fie aus Alenftein vertrieben, aller 
ihrer Güter beraubt habe und fie min wie Bettler im Lande 
herumirren laſſe; es war ihnen dadurch gelungen, beim Papſte 
mehre Bannbriefe gegen ihre Gewaltthaͤter auszuwirken, die der 
neue Biſchof Paul nur deshalb noch geheim hielt, weil man 
den Hochmeiſter zuvor noch einmal ernſtlich warnen wollte.) — 
So ſtand alſo im Biſthum Kulm ein gewaͤhlter Biſchof da, 
der immer noch feine Beftätigung nicht erhalten konnte, im 
Biſthum Ermland dagegen ein beftätigter Biſchof, dem es 
noch nicht moͤglich war, in die Verwaltung ſeines Amtes ein⸗ 
zutreten. 


1) S. Preuſſ. Samml. B. I. S. 191. 

2) Schr. des Markgrafen Karl v. Baden, d. Baden Freit. nach 
Eliſab. 1458 Schbl. LXVI. 219. 

3) Schr. des Komthurs v. Graudenz an d. HM. d. Allenſtein am 
Abend Nativit. Chr. 1458 Schbl. LXVI. 218. Verdaͤchtig war dem 
Komthur auch der Umſtand, daß der Gubernator befohlen habe, dem 
Biſchofe, ſobald er ins Land komme, Heilsberg einzuraͤumen. 

4) Schr. des Procurators, d- Mantua 17 Septem. 1458. Schbl. 
I. 70. 


570 Streit wegen der Biſchofswahl im Ermland. (1459.) 


So begann auch das Jahr 1459 wie für die Biſthuͤmer, 
ſo fuͤr den ganzen Orden trotz des beſtehenden Beifriedens un⸗ 
ter den traurigſten Verhaͤltniſſen. Jeder Tag fuͤllte die Ge⸗ 
ſchichte mit Ereigniſſen voll Verwirrung, Zuchtloſigkeit und 
Unordnung. Die Beſiegelung des Waffenſtillſtandes, ohne 
welche keine Friedensverhandlung von Erfolg ſeyn konnte, ward 
von mehren Soͤldnerhauptleuten nur mit vieler Muͤhe erlangt, 
von vielen andern dagegen durchaus verweigert.) Sie ſtan⸗ 
den haufig mit den Ordensgebietigern in bitterſter Zwietracht. 
Georg von Schlieben z. B. mochte ſich keiner Anordnung 
mehr fuͤgen, die ſeinen Wuͤnſchen nicht entſprach; er verlangte 
im gebieteriſchen Tone, den Komthur von Balga aus Eilau 
zu entfernen, weil er ihn dort nicht mehr dulden wollte. Je⸗ 
der verleumdete, jeder ſchalt, jeder uͤberhaͤufte den andern mit 
Vorwuͤrfen wegen Mord, Brand, Raub und Miffethaten 
jeglicher Art. 2 

Unter dieſen Wirren aber waͤre beinahe der Beſitz des 
Schloſſes Marienburg fuͤr den Koͤnig verloren gegangen. Er 
hatte, wie wir hörten, die Befehlshaberſchaft auf der Burg 
dem Unterkaͤmmerer von Poſen Stibor von Ponitz uͤbergeben 
und zwar gewiſſermaßen als Pfand fuͤr eine anſehnliche Geld⸗ 
ſumme, ohne Lande und Staͤdte um ihre Zuſtimmung zu be⸗ 
fragen. Die Beſtünmungen des Beifriedens indeß hatten den 
Hauptmann, wie es ſcheint, in ſeiner Rechnung irre gemacht; 
er uͤberzeugte ſich immer mehr, daß der Koͤnig zur beſtimmten 
Friſt die Pfandſumme ſchwerlich werde entrichten koͤnnen. Er 
ſah daher das Schloß, nach dem Beiſpiele der Soͤldnerhaupt⸗ 


1) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. HM. d. Kulm Freit. 
nach Neujahr 1459. Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark am 
T. der heil. drei Könige 1459 Schbl. LXXXII. 32; er führt viele 
Hauptleute auf, die nicht beſiegelt hatten und nicht beſiegeln wollten. 

2) Schr. der Hauptleute zu Preuſſ. Holland an d. Ordensſpittler, 
d. Donnerft. vor h. drei Könige 1459 Schbl. LXXXIL 215. 223. 197. 
Schr. des Komthurs v. Balga an d. HM. d. Eilau am h. drei Kö: 
nige = Tag 1459 Schbl. XLVIII. 8. Andere Schr. über ähnliche 
Streitigkeiten der Hauptleute Schbl. LXXXU. 202. 211. 


Friedensverſuche. (1459.) 571 


leute fir eine Waare an, uͤber die er nach Verlauf der Zah⸗ 
lungsfriſt frei ſchalten und walten duͤrfe, dem Gubernator Hans 
von Baiſen und dem Rathe von Danzig erklaͤrend: er wolle 
das Schloß nicht laͤnger behalten; ſofern ſie ihm die Pfand⸗ 
ſumme zahlten, wolle er es ihnen raͤumen, wo nicht, fo muͤſſe 
er es nothgezwungen anderweitig veräußern. Da nun Danzig 
ſich keineswegs geneigt zeigte, das Schloß noch einmal loszu⸗ 
kaufen, Stibor aber ſchon drohend darauf hindeutete: er werde, 
ſobald man ihm nicht Genüge leiſte, das Schloß dem Orden 
wieder überantworten, fo winde der alte hochmeiſterliche Sitz 
vielleicht bald wieder den Polen entriſſen worden ſeyn, wenn 
nicht plötzlich zwei andere Polniſche Herren Johann von 
Koſczelecz, bisher Hauptmann zu Leſlau, und Prudotha Lybe⸗ 
ſchowſky erſchienen waͤren, um auf des Koͤniges Befehl die 
Hauptmannſchaft auf dem Schloſſe zu uͤbernehmen.) 

Jetzt aber ſah alles voll Erwartung auf die Friedensver⸗ 
handlung zu Kulm hin, die nach dem Laute des Beifriedens 
im Anfange des Maͤrz Statt finden ſollte. Der Koͤnig ſandte 
acht Bevollmaͤchtigte nach Neſſauz aus Danzig erſchien unter 
andern der Stadtſecretaͤr Johannes Lindau, der eine Geſchichte 
dieſer Kriegszeit verfaßt hat. 2) Nach Kulm kamen als des 
Ordens Bevollmaͤchtigte die Biſchoͤfe Paul von Kurland und 
Nicolaus von Samland, der Landmarſchall von Livland Gott: 
hart von Plettenberg, der Großkomthur Ulrich von Iſenhofen, 
der Ordensſpittler Heinrich Reuß von Plauen, der Komthur 
von Virnsberg Martin von Eyb, der Ordensritter Graf Georg 
von Henneberg und einige Domherren aus Frauenburg. Herz 


1) Schütz p. 276 — 277. Schr. der Danziger an Stibor v. Ponitz, 
d. Mont. vor Antonii 1459, welches beweiſt, daß die Begebenheit in 
die Mitte des Januars fällt; ſ. das Naͤhere in Voigt a. a. O. 
S. 488 — 489. 

2) Die Poln. Abgeſandten nennt Dlugoss. T. II. 238, Schütz 
p. 278 die Danziger. 

3) So nennt fie der Geleitsbrief Hanſens v. Baiſen, d. Mar. 
Freit vor Lätare 1459 u. ein Schr. des HM. an den Ordensſpittler, 
d. Koͤnigsb. Sonnab. nach h. drei Koͤnige 1459 Schbl. V. 24. Die 


572 Streithaͤndel während des Beifriedens. (1439,) 


zog Albrecht von Oeſterreich, der erbetene Vermittler war nicht 
erſchienen; an ſeiner Statt wollten der Pfalzgraf Friederich vom 
Rhein, Herzog Friederich von Sachſen und der Kurfuͤrſt Frie⸗ 
derich von Brandenburg die Vermittlung übernehmen. Allein 
die Gemuͤther begegneten ſich ſogleich mit Mißtrauen und Arg⸗ 
wohn. Die Geleitsbriefe nach Kulm ſchienen den Polen nicht 
ſicher genug, wiewohl ſie der Hochmeiſter ebenſo wie der Gu⸗ 
bernator Hans von Baiſen ausgeſtellt.) Außerdem gebrach 
es in Kulm an Unterhalt fuͤr Menſchen und Pferde; uͤber einen 
andern Verhandlungsort aber konnten ſich weder der König 
und der Hochmeiſter, noch die Bevollmaͤchtigten unter einander 
vereinigen. So gingen drei Wochen in nutzloſen Unterhand⸗ 
lungen hin; man trennte ſich ohne weitern Erfolg.? 

Alſo blieben die jammervollen Kriegswirren auch forthin 
noch die naͤmlichen. Man hielt zwar den Beifrieden fo viel 
als möglich noch aufrecht; allein es fehlte faſt keinem Tage 
an Ereigniſſen, die als Verletzungen des Friedens betrachtet, 
die Gemuͤther immer von neuem mit bitterem Haß und Groll 
erfüllten. So ſandte einſt Danzig eine Anzahl von Flußfahr⸗ 
zeugen nach Koͤnigsberg, um angeblich von dort Kaufwaaren 
nach Litthauen und andere von da her zuruͤckzubringen. In 
Koͤnigsberg indeß, wo man wegen eines verraͤtheriſchen Pla⸗ 
nes und wegen eines Ueberfalls in Samland, zu dem mit die⸗ 
ſen Fahrzeugen die Beſatzung aus Wehlau und eine anſehn⸗ 


Angabe bei Diugoss. p. 238 iſt alſo unrichtig; fein Nicolaus Episcopus 
Culmensis de Livonia iſt in den beiden Biſchofen von Kurland und 
Samland kaum wieder zu erkennen und ſein magnus Commendator 
Bernbardus Schumborski ſoll wahrſcheinlich Bernhard v. Zinnenberg 
ſeyn. Ueberdieß führt er auch Nuntii Frederici Bavariae, Frederici 
Saxoniae et Frederici Brandenburgensis Electorum Imperii, Ducum an. 


1) Ein Geleitöbrief des HM. für Jon von der Jene, Stibor und 
Gabriel v. Baiſen, Fabian v. Maul u. die Räthe von Thorn, Elbing 
und Danzig zur Tagfahrt, d. Koͤnigsb. Sonnt. Judica 1459 Schbl. 
XXXIX. 31. 

2) Scheitx p. 278. Dlugoss. T. II. 238. Runau p. 67. Or⸗ 
denschron. S. 296, 


Streithaͤndel während des Beifriedens. (1459.) 573 


liche Kriegshüͤlfe aus Litthauen ſich vereinigen ſollten, bereits 
Warnung erhalten, wurden die Fahrzeuge aufgehalten und mit 
einer Abgabe belegt, die fie nicht entrichten wollten. Danzig 
erhob daruͤber die bitterſte Beſchwerde wegen Verletzung des 
Beifriedens, weil für Kauffahrer alle Stroͤme frei ſeyn ſoll⸗ 
ten. ) Aehnliche Ereigniſſe fielen auch auf der Weichſel vor; 
auch dort wurden den Danzigern eine Anzahl mit Getreide 
und andern Lebensmitteln beladener Schiffe von den Beſatzun⸗ 
gen zu Neuenburg und Mewe aufgefangen, die Schiffsleute 
gepluͤndert, gemißhandelt, manche ſogar erfäuft, fo daß man 
ſich genoͤthigt ſah, die Schiffahrt auf dem Weichſel⸗Strome 
ganz und gar einzuftellen.? Die Danziger ſprachen deshalb 
den Biſchof Paul von Kurland um Vermittlung und uͤber⸗ 
haupt um ſtrengere Aufrechthaltung des Waffenſtillſtandes an; 
der Biſchof erklärte ſich auch ſehr bereit, mit Beihuͤlfe des 
Erzbiſchofs von Riga und des Biſchofs von Wilna eine allge⸗ 
meine Friedensvermittlung zur Beilegung aller zwiſchen dem 
Orden, dem Könige von Polen und den Verbuͤndeten obwal⸗ 
tenden Streithaͤndel einzuleiten. Es fand ein Verhandlungstag 
mit dem Biſchofe auf der Nehring Statt, denn in Danzig 
ſelbſt wollte man ihn aus Mißtrauen nicht zulafien. ® Auch 
der Hochmeifter ſtimmte in den Antrag ein; der Ordensſpittler 
trat mit Hans von Baiſen in Unterhandlungen, um den Bei⸗ 
frieden zur Förderung des Friedenswerkes noch zu verlaͤngern.“ 
Durch die Reiſe des Biſchofs nach Livland, um den Erzbiſchof 


1) Schr. des Muͤnzmeiſters v. Königsberg an d. HM. d. Koͤ⸗ 
nigsb. Dienſt. nach Miſericord. 1459 Schbl. LVII. 59. Schr. der 
Rathsmanne v. Danzig an den Rath v. Thorn, d. Mont. nach Jubi⸗ 
late 1459 im Rathsarchiv zu Thorn. 

2) Schr. der Rathsmanne v. Danzig an den Rath v. Thorn, d. 
Sonnt. nach Proceſſion. Mariä u. Mont. vor Philippi und Jacobi 
1459 im Rathsarchiv zu Thorn. 

3) Schr. der Rathsmanne v. Danzig an den Rath v. Thorn, d. 
am T. Marci u. Mont. nach Trinitat. 1459 im Rathsarchiv zu Thorn. 

4) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Stuhm Mont. nach 
Corpor. Chr. 1459 Schbl. LXXXII. 31. 


574 Streithaͤndel während des Beifriedens. (1459.) 


von Riga und die dortigen Ordensgebietiger mit für die Sache 
zu gewinnen, zogen ſich die Verhandlungen zwar ſehr in die 
Länge; D allein man ſah doch aller Seits mit Freude auf 
dieſen neuen Hoffnungsſtrahl des Friedens hin, denn auch die 
großen Staͤdte ſehnten ſich je mehr und mehr nach Ruhe. 
Nirgends aber war die Sehnſucht nach Ruhe und Friede 
größer als in Kulm und Marienburg. Dort gebrach es Bern⸗ 
harden von Zinnenberg ſelbſt an den allernothwendigſten Be⸗ 
duͤrfniſſen; ſein Geſinde konnte ſich kaum mehr ſaͤttigen, es 
mußte nackt und bloß gehen, ſo daß er ſich genoͤthigt ſah, den 
Hochmeiſter um etwas Tuch zu Kleidern zu bitten; er ſelbſt 
hatte ſchon alles, fein Schwert und feinen Gürtel verpfaͤndet; 
alles war aufgezehrt und feine Noth jetzt unbeſchreiblich groß. 2 
Man hatte zwar zu Kulms und Marienburgs Beihuͤlfe längft 
wieder einen neuen Schoß auf die kleinen Staͤdte ausgeſchrie⸗ 
ben; allein es meldete klagend eine nach der andern, daß ſie 
nach den ſchon ſo vielſeitig dargebrachten Opfern zu einer neuen 
Beiſteuer völlig unvermögend ſey. ) Und doch war auch in 
Marienburg der Mangel an Mannſchaft, Geld, Lebensmitteln 
und Kriegsbedarf fo groß, daß bei einem Ueberfalle der Polen, 
der faſt jeden Tag drohte, der Verluſt der Stadt unvermeid⸗ 
lich ſchien,) denn ſchon im Anfange des Juli zog ein neuer 
Polniſcher Heerhaufe zur Verſtaͤrkung der Beſatzung auf das 
Schloß, waͤhrend ein anderer Theil der Kriegsleute, die man 


1) Schr. des Biſchofs Paul v. Kurland an d. HM. d. Donadan⸗ 
gen Dienſt. nach Nativit. Johannis 1459 Schbl. LII. 14. 

2) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. HM. d. Kulm Sonnab. 
am T. h. drei Könige 1459 Schbl. LXX. 27. Schr. deſſelben an d. 
HM. d. Kulm Donnerſt. nach Himmelf. 1459 Schl. LXXXII. 38, 

3) Schr. des Buͤrgermeiſters u. Rathes v. Hohenſtein, d. am T. 
Georgii 1459 Schbl. I. VIII. 18. Schr. des Buͤrgermeiſters v. Roͤßel 
an d. HM. d. am T. Erasmi 1459 Schbl. LXXVXII. 203, 

4 Schr. des Rathes v. Marienburg an d. HM. d. Mont. vor 
Johannk 1459; Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Dienft, 
vor Johanni 1459 Schbl. LXI. 73. LXXXU, 28; |. Voigt g. a. O. 
S. 489 —490, 


Kriegshändel nach dem Waffenſtillſtande. (1459.) 575 


fie heimliche Freunde des Ordens hielt, von dort entfernt 
ward, da mehre von ihnen alles, was auf dem Schloſſe vor⸗ 
ging, dem Rathe der Stadt hinterbracht halten.) Die Ge⸗ 
fahren vermehrten ſich noch, als von den Graͤnzen Maſoviens 
die Kundſchaft einkam, daß die Maſovier, lange vergebens um 
einen längern Frieden mit dem Orden bemuͤht, ſich jetzt mit 
Macht zu einem Einfalle in Preuſſen ruͤſteten und der König 
von Polen fie dabei unterſtuͤtzen werde, daß bereits ein Maſo⸗ 
viſcher Hauptmann Lyck und Johannisburg beſetzt habe und 
wenn er dieſe hinlänglich befeſtigt, auch Loͤtzen einnehmen 
wolle.) Ueberdieß verlor der Orden an dem Hauptmanne 
Volkel Roͤder, der mit Chriſtoph Eglinger, dem ehemaligen 
Vogt der Neumark, unter ſicherem Geleite nach Braunsberg 
ritt, dort aber ploͤtzich vom Polniſchen Hauptmanne Jon 
Schalski mit ſeiner ganzen Begleitung gefangen genommen 
ward, einen ſeiner brapſten Kriegsleute, und als nun am S. 
Margarethen⸗Tage der Beifriede zu Ende ging, legte auch 
Johann Giskra feine Befehlshaberſchaſt in Marienburg nieder 
und empfahl die Bewehrung und Vertheidigung der Stadt 
wieder dem Rathe und der Buͤrgerſchaft. 3) 

Um den jetzt von neuem drohenden Sturm moͤglichſt ab⸗ 
zuwenden, griff der Ordensſpittler, den eine Zeitlang Kraͤnklich⸗ 
keit an ſeiner Thaͤtigkeit ſehr gehindert, wieder mit friſcher Kraft 
in die Verhaͤltniſſe ein. Auf ſeinen Rath wurden eiligſt mit 
den Maſoviern Friedensverhandlungen angeknuͤpſt; ſie fuͤhrten 
wenigſtens vorerſt zu einem Waffenſtillſtande, waͤhrend deſſen 
man ſich uͤber einen feſten Friedensſchluß vereinigen wollte. 
Die angeſehenſten Soͤldnerhauptleute traten ſelbſt mit in Unter⸗ 


1) Voigt a. a. O. S. 490. 

2) Schr. der Hauptleute zu Wartenberg Hans v. Kamenz und 
Balthaſar Loben an d. HM. d. Wartenberg Sonnab. nach Viſitat. 
Mariä 1439 Schbl. LXXXII. 220. Schr. des Hauptmannes Fritz v. 
Raueneck an d. HM. d. Roͤßel Mont, nach Margar. 1459 Schbl. 
XLVII. 46. 

3) Schr. des Rathes v. Marienburg an d. HM. d. am T. Mar⸗ 
garethä 1459, |, Voigt a. a. O. S. 490 — 491. 


576 Kriegshaͤndel nach dem Waffenſtillſtande. (1459.) 


handlungen.) Dann eilte der Ordensſpittler nach Stuhm, 
brachte den Marienburgern alles, freilich nur ſpaͤrlich zufammens 
gekommene Hülfsgeld ? und begann auch mit dem Gubernator 
Hans von Baiſen Unterhandlungen theils wegen Freilaſſung 
des gefangenen Hauptmannes Volkel Roͤder, theils wegen 
Verlaͤngerung des Beifriedens. Da ſie keinen Fortgang ge⸗ 
wannen, 3 fo ruͤckte er eiligft mit einem Kriegshaufen vor Moh⸗ 
rungen, weil einige dem Orden geneigte Buͤrger ihm die Thore 
zu oͤffnen verſprochen hatten. Das Unternehmen indeß miß⸗ 
lang, weil die Beſatzung Tags zuvor Verſtaͤrkung erhalten. 
Getaͤuſcht mußte der Spittler ſich damit begnuͤgen, einen Theil 
der Vorſtadt niederzubrennen und das Getreide im Umkreiſe 
der Stadt zu verwuͤſten, wobei er beinahe in Gefangenſchaft 
gerathen waͤre.) Ueberhaupt geſchah faft nichts von einiger 
Bedeutung; überall nur unnützes, ordnungsloſes Kriegsgetuͤm⸗ 
mel, denn Schwäche kaͤmpſte gegen Schwäche; uberall war 
bloß Raub und Brand das jammervolle Ziel. Vermochten 
doch die Danziger nicht einmal, die kleine und nur nothduͤrftig 
bemannte Burg Kyſchau in Pommerellen zu gewinnen; 9 nur 
mit Noth gelang es ihnen, die unbedeutenden Burgen Sobowitz 
und Grebin zu erſtinmen und von Grund aus zu zerſtören. © 
Wie Hans von Baiſen, durch Krankheit und hohes Alter nieder⸗ 
gedruckt, in Marienburg ſchon faſt ganz unthaͤtig da ſaß, ſo 
brach Noth und Armuth Bernhards von Zinnenberg ganze 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Stuhm Sonnt. vor Margar. 
1459 Schbl. LXXXII. 216. Der Beifriede kam bis Michaelis zu 
Stande. Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark Sonnt. 
nach Bartholom. 1459 Schbl. LXXXIL 232. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Stuhm Mittw. vor Margar. 
1459 Schbl. LXXXII. 37, 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Stuhm Mittw. vor Margar, 
1459 Schbl. LXXXII. 38. 

4) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Mont. nach Morgar, 
1459 Schbl. LXXXII. 206. Hauri p. 67, Schllix p. 280, 

5) Runau p. 68. Schütz p. 280. 

6) Runau I. c Schitz l. c. 


Kriegshaͤndel nach dem Waffenſtillſtande. (1459.) 577 


Thaͤtigkeit; er ergoß feinen Unmuth in jammervolle Klagbriefe 
an den Hochmeiſter, denn faſt bis zum Bettelſtabe verarmt 
hatte er alle Luft zum Kriegsgeſchaͤft verloren und ſehnte ſich 
immer mehr aus einem Lande hinweg, in dem ihm, wie er 
ſelbſt ſagt, kein froher Tag mehr aufgehen konnte. Auch 
Georg von Schlieben ſtand unthaͤtig, zornig und verdroſſen da. 
In ſeinem Streite mit den Ermlaͤndiſchen Domherren wegen 
Eingriffe in ihr Beſitzthum war es ſo weit gekommen, daß 
gegen ihn und alle ſeine Anhaͤnger von Rom aus aufs neue 
der Bann geſchleudert wurde. Seitdem wagte er ſich nicht 
mehr aus Allenſtein heraus, „damit wir nicht, wie er ſelbſt 
ſagt, wenn Gott Über uns geböte, als Hunde ins Feld be⸗ 
graben werden.““ Vergebens hatte er und auf ſeine Bitte 
auch der Hochmeiſter eine Ausgleichung mit den Domherren 
verſucht; ſie wieſen die Anerbietungen zuruͤck, zumal da er ſelbſt 
fie beim Hochmeiſter des Meineides angeklagt. Als ihn 
daher der letztere bei Ueberſendung des Lateiniſchen Bannbriefes 
an ernſtliche Beſinnung ermahnte, erwiederte er dieſem un⸗ 
erſchrocken: „ich will die Sachen zu Herzen nehmen und mich 
darin als einen beweiſen, der ſich gerecht weiß; den Lateiniſchen 
Zettel ſende ich euch hiemit zuruͤck, denn ich habe keine Doctores 
oder ſolche große Gelehrten bei mir, die mir ihn zurecht ver⸗ 
deutſchen koͤnnten.“) Noch wußte er nicht, daß bereits in 
Rom eine Bulle ausgefertigt war, welche die Biſchoͤfe von 


1) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. HM. d. Kulm Mittw. 
nach Kiliani 1459 Schbl. LX XXII. 36; er ſagt wörtlich: er ſey ſo 
arm, daß er beinahe betteln gehen muͤſſe; ſelbſt an einem Pferde zum 
Reiten fehle es ihm. 

2) Nachricht v. einigen Käufern des Geſchlechts v. Schlieben 
S. 381. 

3) Schr. Georgs v. Schlieben an d. HM. d. Allenſtein Mont. 
nach Diviſion. Apoſtol. 1459 Schbl. LX XXII. 227, gedruckt in: 
Nachricht von einigen Haͤuſern des Geſchl. v. Schlieben Beil. 37 
S. 49 — 50, dabei auch der Bannbrief. 

4) S. Nachricht von einigen Käufern u. ſ. w. S. 381. 

VIII. 37 


578 Kriegshaͤndel nach dem Waffenſtillſtande. (1459.) 


Pomeſanien und Samland beauftragte, ihn vom Banne wieder 
frei zu ſprechen. “ 

Gerade aber in dieſer Zeit gaͤnzlicher Erſchlaffung aller 
Kriegskraͤſte zog auf der Thorner und Danziger dringendes An⸗ 
ſuchen beim Koͤnige? ein neuer Polniſcher Kriegshaufe bei 
Thorn uͤber die Weichſel ins Kulmerland ein; er zaͤhlte zwar 
nur einige tauſend Mann; allein auch dieſer ſchwachen Macht 
hatte man nichts entgegenzuſtellen, zumal da ſie ſich bald durch 
den Zuzug der Städte ums Doppelte verſtaͤrkte. Bernhard 
von Zinnenberg, in Kulm gefährlich krank darnieder liegend, 
bat vergebens den Ordensſpittler flehentlich um Verſtaͤrkung 
ſeiner Beſatzung, denn wie dieſen ſelbſt wieder, ſo hinderte auch 
einen großen Theil ſeiner Kriegsleute zu Preuſſiſch⸗Mark und 
Stuhm Krankheit an aller kriegeriſchen Thaͤtigkeit und von den 
uͤbrigen Hauptleuten war niemand zu bewegen, dem Feinde 
entgegenzugehen. So ſtand ganz Kulmerland ihm ohne 

Widerſtand offen. Löbau, ſeit kurzem erſt dem Orden wieder 
zugewandt und vom Hochmeiſter zum Schutze des noch immer 
nicht beſtaͤtigten Biſchofs Bartholomäus von Kulm mit einiger 
Mannſchaft beſetzt, ſtand in der groͤßten Gefahr, vom Feinde 
überwältigt zu werden, denn die Beſatzung war viel zu ſchwach 
und der Biſchof konnte ſie aus ſeinem verarmten und aus⸗ 
gehungerten Gebiete in ihren Bedürfniffen auch viel zu wenig 
verſorgen, als daß fie die Stadt lange hätte halten koͤnnen. “ 


1) Bulle des Papſtes Pius II, d. Senis VIII Cal. Maji 1459 
P. a- J. in gleichzeitiger Abſchrift Schbl. XVIII. 16. 

2) Schr. des Nathes v. Danzig an den Nath v. Thorn, d. am 
T. Marci 1459. 

3) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an den Ordensſpittler, d. 
Kulm Freit. nach Jacobi 1459; Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. 
d. Preuſſ. Mark Sonnab. vor Laurentii 1459 Schbl. LXXXII. 29. 30. 
Zuerſt wurde die Zahl der Polen nur auf 2000, nachher auf nahe an 
5000 angegeben. 

7) Schr. des Clects v. Kulm an d. HM. d. Löbau am T. Trans⸗ 


704 Dom. 1459 u. Sonnt. nach Bartholom, 1459 Schbl. LXXXI. 
204. 228. 


Kriegshaͤndel nach dem Waffenſtillſtande. (1459.) 579 


Mittlerweile brach ein anderer Polniſcher Heerhaufe von Brom⸗ 
berg aus in Pommerellen ungehindert, da auch der Hauptmann 
Fritz von Raueneck zu Mewe krank darnieder lag, bis in die 
Gegend von Konitz vor und kam mit der dortigen Beſatzung 
in blutigen Kampf, wobei die Hauptleute Kaspar von Noſtitz 
und Graf Hans von Gleichen ſchwer verwundet wurden.!) 
Da wandte abermals des Ordensſpittlers Klugheit die ſchwerſte 
Gefahr vom Lande ab. Beſorgt, die Polen moͤchten gegen 
Marienburg ziehen, die Stadt beſtuͤrmen und bei der Schwäche 
der Beſatzung ſich ihrer leicht bemächtigen, ? knuͤpfte er mit 
den Polniſchen Hauptleuten Unterhandlungen wegen eines Bei⸗ 
friedens an, um den Feind vom weitern Vordringen abzuhalten. 
Er erreichte den Zweck, indem er die Unterhandlungen immer 
weiter hinauszog. Der Polniſche Kriegshaufe blieb unthaͤtig 
im Kulmerlande liegen. Die Danziger indeß durchſchauten bald 
des Spittlers liſtigen Pan; fie ſchrieben unwillig dem Rathe 
von Thorn: „mit den Theidungen haben unſere Feinde offenbar 
nichts anderes vor, als daß ſie unſern Herrn und uns alle in 
unſern Sachen verziehen mit ihren gewoͤhnlichen Hinterliſten; 
es iſt nichts anderes denn Truͤgerei, womit fie umgehen. Man 
muß daher den König auf naͤchſter Tagfahrt zu Petrikau hoͤch⸗ 
lich bitten, daß er die Sache des Krieges anders vornehme, 
ſofern er Herr dieſer Lande zu bleiben vermeint, denn man 
kann wohl erkennen, daß wir alle nimmermehr zur Ruhe 
kommen koͤnnen, es ſey denn, daß das Land allum verheert 
und unſere Feinde durch Jammer und Kummer vertrieben 
wuͤrden, weil man ſie auf keine andere Weiſe aus dieſem Lande 
bringen wird, da ſie die Huldigung von den Bauern haben; 
es wäre doch immer beſſer, ein Jahr als viele Jahre Kummer 
zu leiden und am Ende doch dem Verderben hingegeben zu 
werden.“ Der Rath von Danzig bat endlich die Thorner aufs 


1) Schr. des Hauptmannes Fritz v. Raueneck an d. HM. d. 
Mewe Mittw. vor Bartholom. 1459 Schbl. XI. VII. 45. 
2) Schr. des Ordensſpittlers an Bernhard v. Zinnenberg, d. 
Preuſſ. Mark Sonnab. v. Laurent, 1459 Schbl, LXXXII. 29. 
37 * 


580 Kriegshaͤndel nach dem Waffenſtillſtande. (1459,) 


dringendſte, den König ernſtlich zu ermahnen, fi) des Krieges 
mehr anzunehmen und die gefahrvolle Lage des Schloſſes Marien⸗ 
burg ſich mehr zu Herzen gehen zu laſſen, nicht aber ſich in 
allem auf Danzigs Beihuͤlfe zu verlaſſen, denn dieſes habe 
bereits für ihn genug gethan. Mit gleichem Ernſte ſtellte dieß 
der Rath von Danzig auch dem Könige ſelbſt vor. D 

Der König hatte naͤmlich auf den Iſten Septemb. einen 
neuen Reichstag nach Petrikau berufen, um mit den Reichs⸗ 
großen, der Ritterſchaft und Bevollmaͤchtigten der Staͤdte 
Preuſſens eine neue Schatzung und Reichsſteuer zur Auf: 
bringung eines neuen Kriegsheeres zu berathen. Die ver⸗ 
ſammelten Staͤnde indeß erbaten ſich Aufſchub zu weiterer 
Berathung, ſo daß es zu keinem Beſchluſſe kam. Spaͤter 
jedoch verweigerten ſie dem Koͤnige jede fernere Beiſteuer, denn 
die Polen waren es laͤngſt überbrüffig, für den Erwerb Preuſ⸗ 
ſens forthin Blut und Geld zu opfern.) Daher „ging, wie 
es heißt, dort auch alles ſchlaͤfrig zu und langſam von der 
Hand.“ ) Dieß ſoll der Orden benutzt und auf dem erwaͤhnten 
Reichstage, um den Koͤnig zum Frieden zu gewinnen, ſich er⸗ 
boten haben: man wolle, um endlich den Frieden herzuſtellen, 
Preuſſen von ihm zu Lehen annehmen, ihm mit hunderttaufend 
Gulden feine Kriegskoſten entſchaͤdigen, für die Wiedereinraͤu⸗ 
mung ganz Preuſſens einen jährlichen Tribut von zwanzig⸗ 
tauſend Gulden entrichten und zur Kriegszeit dem Polniſchen 
Heere jedesmal mit zwei Faͤhnlein zuziehen. Ein Theil der 
Polniſchen Raͤthe ſollen fuͤr die Annahme dieſes Erbietens ge⸗ 
ſtimmt, die bevollmaͤchtigten Geſandten aus Preuffen aber feft 
und entſchieden erklärt haben: Lande und Staͤdte Preuſſens 
wuͤrden ſich nimmermehr den tyranniſchen Kreuzherren wieder 


1) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. am T. Au⸗ 
guſtini 1459 im Rathsarchiv zu Thorn u. am T. Nativit. Mariä 
1459 Schbl. LIX. Es heißt: man habe dem Koͤnige „eine hertliche 
ermanunge“ geſchrieben. 

2) Runau p. 68. Dlugoss. T. II. 245, 

3) Schütz p. 275. 


Laulicher Krieg. (1459.) 581 


unterwerſen, denn zu Elbing ſey jungſt erſt beſchloſſen, lieber 
das Aeußerſte zu erleiden und Habe und Gut daran zu ſetzen, 
um die Herrſchaft der Tyrannen nicht wieder aufkommen zu 
laſſen. Dem beiſtimmend ſollen dann auch die meiſten koͤnig⸗ 
lichen Raͤthe ſich dahin entſchieden haben: man bürfe die Unter⸗ 
drückten, die ſich vertrauensvoll dem Koͤnige ergeben, nicht 
ſchnoͤde wieder verlaſſen und gewiſſermaßen verkaufen. Gewiß 
iſt, daß ſich auf dem Reichstage eine Botſchaft des Papſtes, 
der Kurſürſten und des Herzogs Albrecht von Oeſterreich ein 
fand, die hoͤchſt wahrſcheinlich dem Koͤnige den erwaͤhnten Vor⸗ 
ſchlag machte. 

In Preuſſen verliefen unterdeß die einzelnen Kriegsereig⸗ 
niſſe ohne Plan und Zuſammenhang, denn aus Mangel an 
Geld⸗ und Kriegsmitteln konnte nichts nach einem feſten Plane 
unternommen werden. Die Beſatzung Marienburgs, lange 
Zeit ſelbſt ohne einen Hauptmann, immer von Noth und Elend 
bedrängt, auch viel zu ſchwach, ſchlug ſich faſt taͤglich mit der 
Mannſchaft des Schloſſes herum ohne weitern Erfolg.) Die 
Hauptleute und Rottmeiſter ſchrien fort und fort uͤber Mangel 
und Noth; keiner wollte die ihm angewieſene Stadt ferner 


1) Schütz p. 275 — 276 theilt das erwaͤhnte Anerbieten des Or⸗ 
dens nur als eine Angabe oder ein Gerücht derer mit, die vom Orden 
durch Geld oder große Verheißungen gewonnen geweſen ſeyen. Dlug oss. 
T. II. 235— 237 ſtellt dagegen die Sache als ganz gewiß hin. Baczko 
B. III. 347 verlegt die Verhandlung auf die Tagfahrt zu Kulm. Wir 
haben indeß ein Schr. des Rathes v. Danzig an den Koͤnig v. Polen, 
d. Mittw. vor Michaelis 1459 Schbl. LX. 97, woraus hervorgeht, 
daß alles was Schätz und Dlugoss. auf dem erſten Reichstage zu 
Petritau verhandeln laſſen, auf dieſen zweiten gehört, Der Vorſchlag 
ging auch nicht vom Orden, ſondern, wie das Schreiben ziemlich deut⸗ 
lich ausweiſt, von den obenerwaͤhnten Botſchaftern aus; es heißt 
wenigſtens ausdruͤcklich: fie ſeyen mit der Abſicht auf dem Reichstage 
erschienen, mit dem Könige zu theidingen, daß er Danzig nebſt den 
Landen in Preuſſen den Kreuzherren wieder übergebe. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Mont. nach Maria 
Magdal. 1459 Schbl. IXI. 69. Hanau p- 68. Schütz p. 280. 
Voigt a. a. O. S. 494. 


582 Laulicher Krieg. (1459.) 


mehr vertheidigen, wenn man nicht fin Unterhalt ſorge; ſo 
drohten die in Marienwerder, Kulm, Leſſen, Rieſenburg und 
in vielen Städten Nieder⸗ und Hinterlandes, ihre Staͤdte ver⸗ 
laſſen und dem Feinde Preis geben zu wollen. Alle verlangten 
vom Meiſter Hülfe, oft in den zornigſten Ausdrücken. Er 
moͤge nicht glauben, ſchrieben ihm die aus Tapiau, daß ihre 
Pferde Steine und Mauern freſſen koͤnnten.) Am traurigſten 
fiel dabei das Loos fin den Hauptmann Georg von Loben zu 
Wartenberg. Durch Hunger und Noth bedraͤngt, da die Doͤrfer 
weit umher verwuͤſtet und verbrannt waren, hatte auch er 
längſt gedroht, die arme Stadt ihrem Schickſale uͤberlaſſen zu 
wollen,“ als er gegen Ende des Septemb. auf des Ordens: 
ſpittlers Rath gegen Paſſenheim zog, weil die Buͤrgerſchaft 
ſich zur Ergebung an den Orden erboten, ſofern ſie zu ihrem 
Schutze eine hinlaͤngliche Beſatzung erhalte, um damit die 
ſchwache Polniſche Beſatzung aus der Stadt zu verjagen. Als 
der Hauptmann ohne Argwohn einer Liſt vor der Stadt an⸗ 
kam, ließ man ohne weiteres dreihundert Reiſige von ſeinem 
Kriegshaufen einreiten; die übrigen follten folgen, ſobald man 
jenen Quartier gegeben. Kaum aber waren die Thore ge⸗ 
ſchloſſen, als die Polen und Binger über die Reiſige herfielen 
und fie bis auf den letzten Mann ermordeten. Dann tiber: 
raſchten ſie auch die ſorglos außerhalb der Stadt liegenden 
und erſchlugen auch von dieſen eine anſehnliche Zahl. Georg 
von Loben ſelbſt fiel mit vier und zwanzig Reiſigen in Ge⸗ 
fangenſchaſt. Georg von Schlieben, der mit ſeinem Bruder 
Hans von Schlieben dem Hauptmanne einen Huͤlfshaufen zu⸗ 
gefuͤhrt, entkam obgleich verwundet der Gefahr, fand aber, als 
er nach Allenſtein zurückkehrte, die Stadt durch ein darin aus⸗ 
gebrochenes Feuer bis auf die Kirche und einige Haͤuſer in 


1) Schr. der Hofleute zu Tapiau an d. HM. d. Mittw. nach 
Dionyſ. 1459 Schbl. LXXXIL 217. 


2) Schr. des Mathes v. Wartenberg an d. HM. d. am Abend 
Nativit. Mariä 1459 Schbl. LXXXII. 222. 


Waffenſtillſtand mit Maſovien. (1459.) 583 


Aſche verwandelt. Aehnliche Anſchlaͤge, welche die Staͤdte 
Stargard, Lauenburg und Dirſchau in des Ordens Gewalt 
bringen ſollten, wurden theils vereitelt, theils von den Dan⸗ 
zigern zeitig genug entdeckt und die Urheber und Theilnehmer 
meiſt mit Verbannung beſtraft. Das übrige Kriegsgewirre 
der Zeit aber verdient kaum einer Beachtung. Gegenſeitig durch 
Ueberfälle und Auflauern Gefangene zu machen, Dorfer und 
Höfe auszuplündern und aufzubrennen, beladene Fahrzeuge auf 
den Stroͤmen aufzugreifen, zu berauben und Mannſchaft und 
Fahrzeuge zu vernichten, das war faft das einzige elende Kriegs⸗ 
geſchaͤft der ftädtifchen Beſatzungen. 

Mittlerweile war es jedoch dem Orden gelungen, ſich eines 
Feindes zu entledigen. Die Unterhandlungen mit den Herzogen 
Semovit und Konrad von Maſovien waren zu einem ſechs⸗ 
jaͤhrigen Beiſrieden gediehen, dem auch die vornehmſten Soͤldner⸗ 
hauptleute beitraten. Es ward beſtimmt: alle Feindſeligkeiten 
jeglicher Art ſollten von deman aufhören; keiner folle des an 
dern Feinde, Beſchaͤdiger und Frevler in Städten und Schloͤſ⸗ 
ſern herbergen oder verheimlichen; wer des andern Gebiet oder 
Unterthanen irgend beſchaͤdige, ſolle mit Ernſt beſtraft und zur 
Genugthuung gezwungen werden; vier Schiedsrichter jegliches 
Theiles ſollten daruͤber Gericht halten. Kriegsdienſte und Bei⸗ 
huͤlfe, welche die erwähnten Fürſten dem Könige von Polen zu 
leiſten pflegten, follten den Frieden nicht brechen.“) Alle Unter: 
thanen der Herzoge, Kaufleute u. d. follten mit ihren Gütern 
und Waaren im Ordensgebiete überall freien Zugang, Schutz 
und Sicherheit genießen, jedoch des Ordens Feinden keine Zu⸗ 
fuhr leiſten. Jedes Jahr folle ein gemeiner Richttag abwechſelnd 


1) Dlugoss. T. II. 250. Runau p- 69. Schlitz P. 280. 

2) Das Einzelne darüber bei Rungz p. 70 u. Schilix p. 281. 

3) Die Einzelnheiten bei Runau I. c- U. Schütz I. c. 

4) Es heißt: Insuper per ser vicia et adintoria, due dicti Prin- 
cipes et eorum Subditi IIlustri Regi Polonie et suo Regno consweti 
sunt facere, quociens hec fecerint, presens pax non debeat esse rupta 
seu aliquomodo aufracta. 


584 Hanſens v. Baiſen Tod. (1459.) 


zu Jenemeſt und Soldau gehalten und alle vorgefallenen Miß⸗ 
helligkeiten der beiderſeitigen Unterthanen gerichtet und geſchlichtet 
werden.) Bald darauf kam auch zwiſchen dem Orden und 
Stibor von Baiſen, Otto von Machwitz und mehren andern 
alten Bundeshaͤuptern ein Waffenſtillſtand auf zwei Monate zu 
Stande, den der Ordensſpittler gerne ſchloß, um unterdeß 
Marienburg mit noͤthiger Hülfe zu verſehen. Lande und Staͤdte 
indeß, mit jeder Verzoͤgerung des Krieges unzufriedeu, murrten 
daruͤber, zumal als des Ordens Kriegsleute den Beifrieden da⸗ 
durch bald verletzten, daß fie fechzig mit allerlei Gütern und 
Lebensmitteln beladene Wagen bei ihrer Ruͤckkehr von Elbing 
aufgriffen und pluͤnderten, um ihre Städte und Schloͤſſer damit 
zu verſorgen. 2 

Dieſen Beifrieden aber hatte der Gubernator Hans von 
Baiſen ſchon nicht mehr mit abſchließen koͤnnen. Durch hohes 
Alter gebeugt, durch eine lange Krankheit entkraͤftet und ent⸗ 
muthigt, durch das heilloſe Ungluͤck des ganzen Landes und die 
Schwere der Zeit ſchon ſeit mehren Jahren faft bis zu völliger 
Unthätigfeit niedergedruͤckt, war er am neunten November dieſes 
Jahres zu Marienburg geſtorben.) Wenn auch keine Feder 
die letzten traurigen Tage ſeines ſchwergedruͤckten und muͤhe⸗ 
vollen Lebens aufgezeichnet, ſo laͤßt ſich doch vermuthen, daß 
er nur mit Kummer und Trauer auf das Schickſal des Landes 
und auf den Lauf und die Geſtalt der Dinge, wie er ſie vor 
allen mit herbeigeführt, habe hinblicken koͤnnen, zumal da alles 
um ihn her noch in wildefter Verwirrung und Aufgeloͤſtheit da⸗ 
ſtand. Er hinterließ zwar einen Sohn, der aber von ſeinem 


1) Das v. HM. ausgeſtellte Original des Beifriedens, d. in castro 
Prenschenmarkt in profesto b. Martini 1459 Schbl. 57. 33, 

2) Runau p. 71. Schütz p. 281. Schr. des Ordensſpittlers, 
d. Stuhm Freit. vor Katharina u. Dienſt. nach Eliſab. 1459 Schl. 
LXXXII. 27. 34. Voigt a. a. O. S. 496. 

3) Wir erfahren dieſen Todestag Hanſens v. Baiſen durch ein 
Schr. des Rathes v. Danzig an d. Koͤnig v. Polen, d. Donnerſt. vor 
Eliſab. 1459 im Rathsarchiv zu Danzig, worin gemeldet wird: Hans 
v. Baiſen ſey am Freitag vor Martini geſtorben. 


Friedensverſuche. (1459.) 585 


Vater wenig mehr als deſſen Namen und Guͤter geerbt zu 
haben ſcheint.) Lande und Staͤdte traten alsbald zu einer 
Berathung zuſammen und erkoren, weil ein leitendes Haupt 
jetzt durchaus nothwendig war, Hanſens Bruder Stibor von 
Baiſen, den bisherigen Woiwoden des Niederlandes zum einſt⸗ 
weiligen Stellvertreter des koͤniglichen Gubernators. Danzig 
jedoch ließ zugleich im Namen der uͤbrigen das dringendſte 
Geſuch an den König ergehen, fo eilig als möglich einen Gu⸗ 
bernator zu ernennen, der der Verwaltung mit Einſicht und 
Nachdruck vorzuſtehen im Stande ſey. 2) Der König beſtaͤtigte 
alsbald den erwaͤhlten Stellvertreter Stibor von Baiſen ſelbſt 
als „Statthalter und Anwalt der Lande Preuſſen.“ “) 

So wenig indeß Hans von Baiſen in der letzten Zeit 
auch thaͤtig geweſen, ſo ſchien fein Tod doch nach allen Seiten. 
hin den Wunſch und die Sehnſucht nach Friede und Ruhe 
noch mehr geſteigert zu haben.) Die großen Staͤdte, in ihrem 
Handel und gewerblichen Verkehr ſeit Jahren in dem Maaße 
geftört, daß kaum noch Spuren des alten regen Handelslebens 
bemerkbar waren, hatten laͤngſt einen andern Zuſtand der Dinge 
herbeigewunſcht. Auch der Koͤnig konnte in ſeiner fortwaͤhren⸗ 
den Geldbedraͤngniß nur Friede wollen, obgleich er fich ſehr 
unzufrieden daruber ausſprach, daß man den Beifrieden be⸗ 
nutzte, um ſeine Feinde von Polen und Maſovien aus mit 
Zufuhr aller Art zu verſorgen und deshalb auch befahl, alle 
Waaren und Güter, womit man in des Ordens Staͤdte Han 
del treiben wolle, ohne weiteres wegzunehmen. 8) Auch die 


1) Dieſer Sohn Hanſens v. Baiſen gleichfalls Hans genannt 
kommt in einem Keutelbriefe vom J. 1479 vor und erwaͤhnt da auch 
ſeines Vaters. 

2) Schr. des Rathes v. Danzig an den König v. Polen, d. 
Donnerft- vor Eliſab. 1459 im Ratbsarchiv zu Thorn. 

3) Die Beftätigungsurfunde des Koͤniges, d. Petrikau Dienſt. vor 
Thoma 1459 im Nathsarchir zu Thorn Scrin. XVIII. 40. 

4) Den Wunſch nach Frieden ſprechen die derzeitigen Schreiben 
beider Theile bäufig aus. 

5) Offener Befehl des Koͤniges an feine Hauptleute und ſtaͤdtiſchen 


586 Friedensverſuche. (1460.) 


Soͤldnerhauptleute, die laͤngſt weit mehr mit Hunger und Noth 
als mit dem Feinde zu kaͤmpfen hatten, bewieſen ſchon durch 
ihre Bereitwilligkeit zum Abſchluſſe eines Beifriedens, daß ſie 
ſich nach dem Ende ihrer Leiden und Entbehrungen ſehnten 
und des jaͤmmerlichen Kampfes, wie er jetzt gefuͤhrt wurde, 
muͤde ſeyen.) Und wirklich eröffnete ſich auch mit dem An⸗ 
fange des Jahres 1460, welches mit einem faſt beiſpiellos 
ſtrengen Winter anhob, von mehren Seiten her eine Ausſicht 
zu einer friedlichen Ausgleichung. Zuerſt trat der Papſt Pius 
der Zweite mit einem zur Suͤhne mahnenden Worte auf. Auf 
dem General-⸗Congreß der Europaͤiſchen Machthaber zu Mantua, 
wo, wie bekannt, ſein großer Plan eines allgemeinen Kreuz⸗ 
zuges gegen die Tuͤrken berathen werden ſollte, ward auch 
des verderblichen Krieges des Ordens mit Polen vielfaͤltig ge⸗ 
dacht. Um beide zur Theilnahme an jenem großen Unternehmen 
zu gewinnen, wozu den Orden ohnedieß ſeine Pflicht doppelt 
mahnte, war eine Ausgleichung des langwierigen Streites jetzt 
mehr als je wuͤnſchenswerth. Der Biſchof Kaspar von Meißen 
und andere Bevollmaͤchtigte machten dazu mancherlei Vor⸗ 
ſchlaͤge.) So legte unter andern Jacob von Siena, apoſto⸗ 
liſcher Protonotar, des Koͤniges von Polen Bevollmaͤchtigter, 
in Uebereinſtimmung mit mehren Kardinaͤlen auf Anregung der 
Johanniter auch den Plan vor, den Deutſchen Orden mit dem 
der Johanniter zu vereinigen, jenen alſo aus Preuſſen auf⸗ 
zuheben, wo er an ſich ſeiner Beſtimmung nicht mehr nach⸗ 
kommen koͤnne, und beide Orden zu einem Ganzen verbunden 
in die Gegend nach Konſtantinopel hin oder auf eine der Inſeln, 


Beamten, d. in convencione generali Pyatrkoviensi feria IV aute ſest. 
s. Thomae 1459 im Rathsarch. zu Thorn Serin. IV. 15. 

1) Schr. des Hauptmannes v. Soldau Muſikg v. Swynau an d. 
Ordensſpittler, d. Hohenſtein Mittw. vor Thoma 1409 Schbl. XLV. 9. 

2) Schmidt Geſch. der Deutſchen B. IV. 234. Pfiſter Geſch. 
der Deutſ. B. III. 530. 

3) Schöttgen Inventar. diplom. p. 425. Unſchuld. Nachr. 1710 
S. 14 


Friedensverſuche. (1460.) 587 


etwa nach Tenedos zu verſetzen. Bei vielen der Verſammel⸗ 
ten fand der Vorſchlag Beifall; nur die dort anweſenden 
Deutſchen widerſprachen ihm mit Nachdruck; auch der Papſt 
mochte ihm nicht beiſtimmen. Nur Friede wuͤnſchend erließ er 
an den Koͤnig von Polen ein ernſtes Ermahnungsſchreiben, ihm 
anheimſtellend, ob das Friedenswerk durch Vermittlung des 
Erzherzogs Albrecht von Oeſterreich oder durch einen päpftlichen 
Legaten zu Stande kommen koͤnne, 2 denn er hatte bereits den 
Erzbiſchof Hieronymus von Greta nach Polen und Preuſſen 
geſandt, um eine friedliche Ausgleichung einzuleiten. Um den 
Frieden zu fordern, hob er, weil er unterrichtet war, daß das 
gute Werk durch den von ſeinem Vorfahr wiederholten Bann⸗ 
fluch gegen die Verbündeten und deren Anhaͤnger leicht ge⸗ 
hindert werden konne, dieſen durch eine beſondere Bulle vor⸗ 
Yäufig wieder auf.“ 

Mit dieſer Bulle erſchien im Anfange des Jahres 1460 
der Evaͤhnte paͤpſtliche Legat in Breslau, um ſich von da nach 
Beilegung des Zwiſtes zwiſchen dem Koͤnige Georg von Boͤh⸗ 
men und den Breslauern nach Polen zu begeben.) Bereits 
aber waren in Krakau auch Bevollmaͤchtigte des Erzherzogs 
von Oeſterreich, Graf Wilhelm von Tierſtein, der Kanzler 
Georg von Stein und der Kaͤmmerer Wenceslaus Guſel an⸗ 
gelangt; ſie ſuchten den Koͤnig zu bewegen, den Erzherzog 
als Schiedsrichter in dem Streite anzuerkennen und in einen 


1) Schr. des Ord. Procurators an d. HM. d. Mantua 17 Sept. 
1459 Schbl. I. 70. Diugoss. T. II. 252. 

2) Schr. des Papſtes an den Koͤnig v. Polen bei Raynald Annal. 
an. 1459 nr. 74. 

3) Original = Bulle d. Mantuae pridie Idns Novemb. an. 1459 p. a. 
secundo im Rathsarchiv zu Thorn Cist. III. 11. gedruckt in Preuſſ. 
Samml. B. III. 174, wo fie aber unrichtig ins J. 1450 geſetzt iſt. 
Das Original loͤſt allen Zweifel uͤber die Zeit ihres Datums; vgl. 
Kotzebue B. IV. 365. Preuſſ. Samml. B. I. S. 189. 

4) Dlugoss. T. II. 255 — 256. 

5) So nennt ſie der Credenzbrief des Erzherzogs ſelbſt, d. Linz am 
Abend Thoma 1459 Schbl. V. 55. Dlugoss. T. II. 254 — 255. 


588 Friedensverſuche. (1460.) 


Verhandlungstag einzuwilligen, um da alle ſtreitigen Verhaͤlt⸗ 
niſſe forgfam zu erwägen und dann wo möglich durch einen 
ſchiedsrichterlichen Ausſpruch zu beſeitigen. Der König wich 
Anfangs aus, vorwendend: der Erzherzog koͤnne leicht durch den 
Ausſpruch ſein Feind werden, wie ja eine aͤhnliche Schieds⸗ 
richterwahl auch ſeinen Vater mit Kaiſer Sigismund auf immer 
entzweit habe; um jedoch nicht ſtoͤrrig und hartnaͤckig zu er: 
ſcheinen, willigte er zwar in das Anſuchen ein und verſprach 
auch, ſeine Bevollmaͤchtigten auf dem vom Erzherzog anzu⸗ 
ordnenden Verhandlungstage erſcheinen zu laſſen; V allein man 
nahm nur zu bald wahr, daß er ſich uͤberhaupt auf gar keine 
fremde Vermittlung in dem Streite einzulaſſen Willens war. 
Er wies daher auch nicht bloß die bald als neue Vermittler 
bei ihm erſcheinenden Sendboten des Herzogs Ludwig von 
Baiern mit der Entſchuldigung ab, daß er bereits mit dem 
Erzherzog von Oeſterreich in Unterhandlung ſtehe, ) ſondern 
er behandelte ſelbſt auch den paͤpſtlichen Legaten, der ſich von 
Breslau aus um Geleitsbriefe an ihn gewandt, auf eine ziem⸗ 
lich ſchnoͤde Weiſe, denn er ließ ihm, wie es ſcheint durch das 
paͤpſtliche Ermahnungsſchreiben beleidigt, ganz kurzab melden: 
er brauche ihn jetzt nicht in ſeinem Lande. Es half auch 
nicht, daß ihm der Legat, ſobald das Friedenswerk gegluͤckt ſey, 
Vergebung aller ſeiner Suͤnden verhieß. Drei Geſuche an ihn, 
auch eins des Rathes von Breslau blieben ohne Erfolg. Voll 
Zorn rief daher der Legat einem Ordensgeſandten zu: „ſchreibet 
dem Meiſter und dem Komthur von Elbing, daß ihnen der 
Papſt gerne das Kreuzpredigen gegen den Koͤnig geſtatten wird, 
ſo weit die Chriſtenheit geht.“ Alle Briefe des Koͤniges ſandte 
er dem Papſte zu und begab ſich ſofort nach Olmuͤtz, um dort 
auf einem Fuͤrſtentage auch den Kaiſer und den Koͤnig von 
Böhmen vom Trotze des Polniſchen Koͤniges zu unterrichten, 


1) Die Verhandlungen bei Diugoss. T. II. 255. Schr. der oben 
erwähnten Bevollmächtigten des Erzherzogs an d. HM. d. Krakau 
Donnerſt. am T. Antonii 1460 Schbl. XXVI. 26. 

2) Dlugoss. I. c. 


Marienburgs Belagerung. (1460. ) 589 


denn er wußte, daß der letztere keineswegs abgeneigt ſey, noͤthi⸗ 
gen Falls den Frieden mit dem Schwerte zu erzwingen.“ 
Somit brachen alle Friedensverhandlungen wieder ab. 

Die Waffen hatten waͤhrend des überaus ſtrengen Wins 
ters, mit Ausnahme einiger Angriffe der Thorner auf die 
Beſatzungen von Kulm und Leſſen, meiſtens geruht. Mit 
Anbruch des Fruͤhlings aber ſah man uͤberall wieder kriegeriſche 
Bewegungen. Vor allen trat von neuem Danzig mit großer 
Erbitterung gegen den Orden auf, denn dort vernahm man 
nicht nur mit großem Befremden die Nachricht von dem zwi⸗ 
ſchen Maſovien und dem Orden abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand, 
den letzterer benutzte, um ſich aus Maſovien durch Zufuhr aller 
Art anſehnlich zu verſtaͤrken, woruͤber man ſich aufs bitterſte 
beklagte ie fondern Luͤbeck ſandte den Danzigern auch ein 
Schreiben zu, worin der Hochmeiſter ihren Abfall vom Orden 
in den ſchwaͤrzeſten Farben geſchildert, ſie des Luͤgens und 
Betrügens beſchuldigt, ehrloſe, baͤnnige und verachtete Menſchen, 
Meineider und Verraͤther genannt und Luͤbeck aufgefordert hatte, 
alle Gemeinſchaft und Handels verbindung mit ihnen aufzu⸗ 
heben.) Welchen Eindruck dieſes Schreiben auf die Danziger 
gemacht hatte, zeigt eine in ſehr ſtarken Ausdrücken abgefaßte 
Erwiederung, die ſie ſofort dem Hochmeiſter zufandten. 9 


1) Schr. des Hauskomthurs zu Preuſſ. Mark an d. HM. d. 
Preuſſ. Mark Sonnab. vor Oculi 1460 Schbl. XXVI. 27. Diugoss. 
T. II. 256 ſagt: der Legat ſey dem Koͤnige verdaͤchtig geweſen; er 
habe daher eine Reiſe nach Rußland u. in die Walachei vorgefchüßt, 
um ihn von ſeinem Reiche zuruͤckzudalten. 

2) Runau p-. 72. Schiitz p. 281. 

3) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. Dienſt. nach 
Scholaſticaͤ 1460 im Rathsarch. zu Thorn. Des Schr. der Danziger 
an d. König v. Polen erwähnt Schiitz p. 281 — 282. 

4) Schr. des HM. an Lübeck, d. Koͤnigsb. am T. heil. drei 
Koͤnige 1460. 

5) Schr. des Rathes v. Danzig an d. HM. d. Sonnab. nach 
Gregorii 1460. Der Rath v. Danzig ſandte dieſes u. des HM. Schrei⸗ 
ben an Lübeck dem Rathe v. Thorn zu in einem Schr. d. Danzig am 
T. Gertrudis 1460 im Rathsarch zu Thorn. ö 


590 Marienburgs Belagerung. (1460.) 


Gegen Lübeck vertheidigten ſie ſich nachdrücklich und ſcharf mit 
der Feder; ) gegen den Orden ſchaͤrften fie von neuem die 
Waffen. Nachdem fie die Thorner und den König von Polen 
zu eiliger Beihülfe aufgefordert, um nicht den Orden waͤhrend 
nutzloſer und truͤgeriſcher Friedensunterhandlungen ſich immer 
mehr erholen und ſtaͤrken zu laſſen,?) ſandten fie von neuem 
gegen Ende des Marz eine anfehnliche Kriegsſchaar gegen 
Marienburg, um dieß wo moͤglich zu gewinnen. Der Ordens⸗ 
ſpittler dieß laͤngſt befüͤrchtend, hatte den Meiſter wiederholt 
vor dem drohenden Sturme gewarnt, zur That ermahnt und 
aufs dringendſte gebeten, bevor das noch im Kulmerlande lie⸗ 
gende Kriegsvolk heranruͤcke, Marienburg mit Mannſchaft und 
Lebensmitteln beffer zu verſorgen. Es war wenig oder nichts 
geſchehen; erſt in den letzten Tagen hatte der Meifter, — nach⸗ 
dem er auch damit immer gezoͤgert, dem ritterlichen Haupt⸗ 
2470| manne Ulrich von Trotzler die Vertheidigung der Stadt von 
neuem übertragen den Bürgern zu allgemeiner Freude. 3) 

Der Heerhaufe aus Danzig, durch Polniſches Kriegsvoll 
aus dem Kulmerlande und einige Huͤlfsmannſchaft aus den 
andern Bundesſtaͤdten hinlaͤnglich verſtaͤrkt, hatte vor Marien⸗ 
burg in kurzer Zeit ſein Lager durch Waͤlle und Graben ſo 
ſtark als möglich verſchanzt.) Auf der Landſeite war die 
Stadt bald voͤllig eingeſchloſſen; eine weitausgedehnte Wagen⸗ 
burg verſperrte ihr alle Zufuhr und jeden Ein⸗ und Ausgang. 
Die Beſatzung hatte zwar kurz vor des Feindes Ankunft durch 
den Zuzug des Hauptmannes Nicolaus von Uttenhofen und 
einiger andern an Streitkraͤften etwas gewonnen; allein die 


1) Vertheidigungs⸗ Schreiben der Danziger an Luͤbeck bei Schütz 
p- 282— 283. 

2) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. Donnerſt. 
nach Oculi 1460 im Rathsarchiv zu Thorn. 

3) Voigt a. a. O. S. 497 — 498. 

4) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. Mittw. nach 
Annuntiat. Mariä 1460 u. Sonnab. vor Judica 1460 im Rathsarch. 
zu Thorn. Auszuͤge aus der Chronik Reimar Kocks bei Detmar 
B. II. 693, 


Marienburgs Belagerung. (1460.) 591 


Belagerer hatten bald auskundſchaftet, daß die Stadt hoͤchſt 
nothdirftig mit Lebensmitteln verſorgt ſey und waren daher 
um ſo mehr Tag und Nacht wachſam und thaͤtig, alle Zufuhr 
abzuſchneiden. Dreihundert Wagen waren fort und fort in 
Bewegung zum Aufbau der Paſteien und der Waͤlle, der Zaͤune 
und ſonſtiger Belagerungswerke ringsumher. Der Hauptmann 
Trotzler ließ den Hochmeiſter dringend erſuchen, alles aufzu⸗ 
bieten, dieſe Einſchließung der Stadt, die nothwendig bald die 
graͤßlichſte Hungersnoth zur Folge haben mußte, auf jede Weiſe 
zu hindern.) Allein auch jetzt fehlte es dieſem wie an Ent⸗ 
ſchluß und Kraft, ſo an den nöthigen Mitteln. Ein Verſuch, 
die Stadt von Mewe aus mit Lebensmitteln und Kriegsbedarf 
auf Weichſel⸗Schiffen zu verſorgen, ward durch die Wachſam⸗ 
keit der Belagerer vereitelt nicht ohne Verluſte auf beiden 
Seiten.) Was ſich vom Kriegsbedarf noch retten ließ, ſiel 
in die Hände des Feindes. Eben fo wenig gluͤckte es, der 
Stadt auf der Landſeite von Stuhm aus einige Zufuhr zu⸗ 
zubringen, denn ſchon in der zweiten Woche war ſie auch dort 
durch Paſteien, Waͤlle und Graben völlig abgeſchloſſen, fo daß 
ſich kein Menſch ihrer Mauer mehr nahen konnte.) Ein Theil 
des Kriegsvolkes aus Marienwerder, Leſſen und dem Hinter⸗ 
lande hatte ſich zwar auf die Pommeriſche Seite geworfen und 
ſtreiſte unter Raub und Brand bis in die Naͤhe Danzigs, um 
dieſes wo moͤglich zu zwingen, ſein Volk von Marienburg 
zurückzuziehen. Allein dieß geſchah nicht; Danzig naturlich 
erkannte den Plan und bat nur um fo dringender die Thorner 
um vermehrte Beihuͤlfe.) Da dieſe bald auch kam und die 
Wachen rings um die Stadt nun noch verſtaͤrkt und zahlreicher 


1) Schr. des Ordensritters u. Hauptmannes Hans Smedinger an 
d. HM. d. Preuſſ. Mark Sonnab. vor Judica u. Donnerſt. nach Judica 
1460 Schbl. LXXXII. 106. 113. Voigt a. a. O. S. 498. 

2) Schr. des Hauskomthurs v. Marienb. an d. HM. d. Stuhm 
Freit. vor Judica 1460 Schbl. LXI. 65. Voigt a. a. O. S. 499. 

3) Voigt a. a. O. S. 500. 

4) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. Sonnab⸗ 
vor Judica 1460 im Rathsarch. zu Thorn, 


392 Marienburgs Belagerung. (1460.) 


ausgeſtellt werden konnten, v ſo graͤnzte es jetzt faft ſchon an 
die Unmöglichkeit, den Belagerten irgend woher einige Hülfe 
zu bringen, denn um auch alle Verbindung zu Waſſer abzu⸗ 
ſchneiden, hatten die Feinde das Ufer der Nogat mit Donner⸗ 
buͤchſen beſetzt, den Strom ſelbſt verpfaͤhlen laſſen und be⸗ 
waffnete Fahrzeuge ausgeruͤſtet, die an allen Orten Wache 
halten mußten. Dadurch war es dieſen dagegen leicht ge⸗ 
worden, ſich nicht nur immer mit den noͤthigen Beduͤrfniſſen 
zu verſorgen, ſondern ſich auch durch Huͤlfsvolk noch mehr zu 
verſtärken.) Die Beſatzung Marienburgs unter dem Haupt⸗ 
manne Trotzler und die Buͤrgerſchaft unter ihrem wackern 
Buͤrgermeiſter Bartholomaͤus Blume hatte vergebens Tag und 
Nacht alle Kraͤfte aufgeboten, den Fortgang der feindlichen 
Befeſtigungswerke zu verhindern; vergebens waren die flehent⸗ 
lichſten Bitten an den Hochmeiſter um Huͤlfe und Rettung 
ergangen; vergebens hatte man auch die Livlaͤndiſchen Huͤlfs⸗ 
truppen aus Mewe, die dort ebenfalls großen Mangel litten, 
zum Beiſtande angerufen, denn ſie wollten es nicht wagen, 
den Einzug nach Marienburg mit den Waffen zu erzwingen, 9 
und wozu auch mehr Mannſchaft in der faſt voͤllig aus⸗ 
gehungerten Stadt? Die Noth war ſchon im April auf einen 
fürchterlichen Grad geſtiegen; man mußte Brot aus Malz 
backen; man griff ſchon zu dem verzweifelten Mittel, eine An⸗ 
zahl von Frauen, Kindern und Maͤgden aus der Stadt zu 
entlaſſen, um den geringen Vorrath von Lebensmitteln mehr 
zu ſchonen. Allein der Feind trieb all dieſes Volk wieder in 
die Stadt zuruͤck. 9 


1) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. Sonnab. 
vor Judica u. Donnerſt. vor Palmar. 1460 im Rathsarch. zu Thorn. 

2) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. am grünen 
Donnerſt. 1460 im Rathsarch. zu Thorn. 

3) Schr. des Großkomthurs an Hans Smedinger, d. Mewe Freit. 
vor Oſtern 1460 Schbl. LXXXII. 107. Voigt a. a. O. S. 502. 

4) Runau p. 73. Schütz p. 282. Voigt a. a. O. S. 503, 
Reimar Kod’s Chron, bei Detmar B. II. S. 693 — 694. 


Marienburgs Belagerung. (1460.) 593 


Der Hochmeiſter war unterdeß bemuͤht geweſen, einige 
Kriegsmannſchaft zur Rettung Marienburgs zuſammenzubringen. 
Bei der Zwietracht aber, die unter vielen Soͤldnerhauptleuten 
herrſchte,) gelang es ihm theils nur durch neue Verſprechungen 
an mehre Hauptleute, theils durch eine geringe Geldbeihüͤlfe 
des Biſchofs Nicolaus von Samland, mit einer Schaar von 
achthundert Reiſigen und tauſend Mann Fußvolk von Stuhm 
her ſich Marienburg zu naͤhern, um der Stadt Lebensmittel 
zuzufuͤhren und fie wo möglich zu entſetzen. Der Feind indeß 
ſtellte ſich ihm zum Kampfe entgegen, der bis in die Nacht 
dauerte. Da zerſtreute ſich des Meiſters buntzuſammengeſetzter 
Heerhaufe; er ſelbſt, kaum der Gefangenfchaft entfliehend, rettete 
ſich nach Stuhm und ein großer Theil der Lebensmittel fiel in 
feindliche Haͤnde. In der That, waͤre jetzt dem Orden nur 
einiges Gluͤck zu Theil geworden, fein Schickſal hätte vielleicht 
noch eine beſſere Wendung genommen, denn anderer Seits 
war die Lage der Dinge gerade jetzt fir ihn nicht fo ganz 
ungünſtig. Der König von Polen, fortwährend durch Geld⸗ 
noth bedraͤngt und von den Soͤldnern gequaͤlt, konnte wenig 
oder nichts für die Sache in Preuſſen thun. Die Danziger 
waren hoͤchſt mißmuthig, daß ſie, ohnedieß ſchon mit ſchweren 
Schulden belaſtet, faſt allein die ganze Laſt des Koſtenbetrages 
der Belagerung Marienburgs tragen mußten. Thorn trat immer 
nur in geringem Grade mithelfend auf. Das Schloß Marien⸗ 
burg litt ebenfalls großen Mangel an Lebensmitteln; es fehlte 
ihm ſelbſt ein Hauptmann, denn den einen hatte der Tod hin⸗ 
gerafft, der andere befand ſich zu Thorn. Die Danziger, die 


1) Schr. des Karwansherrn v. Koͤnigsberg an d. HM. d. Melſack 
am Sonnt. Oculi 1460 Schbl. LVII. 77. Schr. des Hauptm. Kaspar 
v. Warnsdorf, d. Konitz Freit. nach Himmelf. 1460 Schbl. LIV. 69. 

2) Schr. des Ordensritters Wilhelm v. Stein an d. HM. d. 
Melſack am T. Gregori 1460 Schbl. Adelsgeſch. 8. 185. Schr. des 
Biſchofs v. Samland, d. Fiſchhauſen Freit. vor Palm. 1460 Schbl. 
LXVII. 14. 

3) Runau p. 74. Schütz p. 282. Henneberger S. 27% 
Voigt S. 503. 

VIIIi. 38 


594 Marienburgs Belagerung. (1460.) 


Gefahr wohl erkennend, mahnten daher den Koͤnig und die 
Thorner aufs dringendſte, ſich der Kriegshaͤndel und der Be⸗ 
lagerung Marienburgs mit mehr Ernſt und Nachdruck anzu⸗ 
nehmen, zumal da man Kunde erhielt, daß der Hochmeiſter 
bald einen neuen Verſuch zur Entſetzung Marienburgs wagen 
wolle. In Elbing fing das Volk an, bedenklich zu murren, 
als es hoͤrte, der Koͤnig koͤnne ſich nicht entſchließen, mehr 
Kriegsvolk nach Preuſſen zu ſenden.) Es ging der ganze 
Monat Mai voruͤber, ohne daß Thorn trotz der wiederholten, 
immer aͤngſtlicheren Aufforderungen das lange verheißene Huͤlfs⸗ 
volk ſandte; ſelbſt der Hauptmann des Schloſſes Marienburg 
kehrte von dort noch immer nicht zuruͤck. Die Danziger be⸗ 
ſorgten daher immer mehr, daß ſie die Belagerung in kurzem 
wuͤrden aufgeben muͤſſen. > 

Haͤtte jetzt ein Mann an der Spitze des Ordens ge⸗ 
ſtanden, der mit Energie des Geiſtes und mit Kraft eines 
muthvollen Willens die widrigen Verhaͤltniſſe zu beherrſchen 
gewußt und die wenigen, ihm noch zu Gebote ſtehenden Kräfte 
mit kraͤftiger Hand und uͤberlegener Macht feiner Einſicht hätte 
zuſammenfaſſen koͤnnen, um fie mit allem Nachdruck für einen 
großen Zweck wirken zu laſſen; waͤre der wackere und einſichts⸗ 
volle Ordensſpittler nicht fort und fort durch Krankheit faſt 
gaͤnzlich unthaͤtig geworden, gerade in einer Zeit, wo keiner 
mehr als er ſeinen Mann ſtehen konnte; oder haͤtte wenigſtens 
nicht der Hochmeiſter die ganze Rettung Marienburgs nur in 
die Haͤnde feiler Soͤldlinge legen muͤſſen, die nur da Intereſſe 
am Kampfe fanden, wo Raub und Geldgewinn lockten: Marien⸗ 
burg haͤtte jetzt unzweifelhaft fuͤr den Orden noch erhalten 
werden koͤnnen, denn noch im Juni hatten die Danziger keine 


1) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. am T. 
Philippi u. Jacobi 1460 u. Schr. Stibors v. Baiſen an den Rath v. 
Thorn, d. Clbing Freit. nach Cantate 1460 im Rathsarchiv zu Thorn. 

2) Schr. des Rathes v. Danzig an den v. Thorn, d. Dienſt nach 
Cantate u. Sonnt. Rogation. 1460 im Rathsarchiv zu Thorn. Voigt 
S. 506. 


Marienburgs Belagerung. (1460,) 595 


Verſtaͤrkung erhalten und verzweifelten ſchon faſt ganz am 
Fortgange ihres Unternehmens, da es ihnen beinahe nicht mehr 
möglich war, die ausgedehnten Verſchanzungen rings um die 
Stadt gehoͤrig zu beſetzen.) Nun hatte zwar der Hochmeiſter 
um Pfingſten, als eben die Danziger hundert und funfzig 
Fahrzeuge mit Proviant und Getreide von Thorn her die 
Weichſel herab nach Danzig fuͤhrten, ſich mit einer neuen an⸗ 
ſehnlichen Heerſchaar, reich mit Lebensmitteln verſehen, der 
Stadt Marienburg abermals genaͤhert und man hoffte jetzt 
gewiß Marienburgs Befreiung. Als es indeß zum Angriff der 
feindlichen Paſteien kommen ſollte, trat Georg von Schlieben 
unter den Hauptleuten als Sprecher fuͤr den angreifenden 
Heerhaufen mit einer fo uͤbermaͤßigen Soldforderung hervor, 
daß ſie der Hochmeiſter unmoͤglich erfüllen konnte. So ent: 
ſtand Zwiſt gerade im entſcheidenden Augenblicke und die 
Unternehmung blieb abermals ohne Erfolg. 

Der Hochmeiſter mußte ſich eiligſt ins Niederland zuruͤck⸗ 
wenden, wo ihn neue Kriegsereigniſſe vor Wehlau beſchaͤftig⸗ 
ten. Dieſe Stadt trotzte noch immer als Feindin des Ordens 
und ihre Beſatzung mochte die Zeit, wo ſich das Kriegsvolk 
aus dem Niederlande zum Theil nach Marienburg gezogen, 
benutzt haben zu feindlichen Ausfällen. Man beſchloß daher, 
die Stadt durch Belagerung zum Gehorſam zu zwingen. Der 
Hochmeiſter brach mit einer anſehnlichen Streitmacht von Soͤld⸗ 
nern und Dienſtpflichtigen aus Samland und dem Niederlande 
über Tapiau gegen Wehlau auf, um bevor der Feind in der 
Stadt feine Ankunft erfuhr, ſich der nahen Bruͤcke uͤber den 
Pregel⸗Strom zu bemaͤchtigen. Der Hauptmann zu Labiau 
war beauſtragt, eine Anzahl Feuerſchiffe von der Deime her 
an die Stadt zu bringen.) Auch Königsberg ſandte bald 


1) Schr. des Rathes v. Danzig an den von Thorn, d. Mont. 
nach Trinitat. 1460 im Rathsarchiv zu Thorn. 
2) Runau p. 74 — 75. Schütz p. 283. Henneberger S. 277. 
Voigt a. a. O. S. 507. 
3) Schr. des Hauptmannes zu Labiau an d. HM. d. Sonnab. 
nach Corpor. Chr. 1460 Schbl. LXXXII. 83. 
38 * 


596 Marienburgs Belagerung. (1460.) 


noch Mannſchaft und Schiffe nach und es konnten nun unter 
des Meiſters eigener Anordnung faſt rings um die Mauern 
Wehlau's allenthalben Schanzen und Paſteien errichtet werden, 
durch die es gelang, die Stadt beinahe ganz einzuſchließen. 
Dennoch ließ die Tapferkeit und kuͤhne Kampfluſt, womit die 
Beſatzung alle feindlichen Angriffe zuruͤckwarf, eine langwierige 
Belagerung befüͤrchten.) Der Meiſter felbft konnte fie nicht 
lange in eigenem Befehle leiten. 

Durch die flehentlichſten Bitten der Buͤrger Marienburgs 
tief erſchuͤttert, eilte er abermals, mit Lebensmitteln und Kriegs⸗ 
bedarf wohl verſehen, der bedraͤngten Stadt entgegen. Schon 
war er ganz in ihrer Naͤhe, als er, in einer Nacht vom Feinde 
belauſcht, plotzlich überfallen, fein Kriegsvolk zerſtreut und der 
ganze Vorrath von Lebensmitteln von den Danzigern erbeutet 
wurde.) Der Jammer uͤber dieſes neue Unglü war in der 
Stadt unbeſchreiblich. Die Hoffnung zur Rettung ſchien allen 
jetzt unmoͤglich, denn ſiebzehn Paſteien, alle ſtark mit Kriegs⸗ 
volk beſetzt, umringten jetzt die Mauern. Mehre der vor 
nehmſten Hauptleute, wie Georg von Schlieben u. a. verwei⸗ 
gerten jetzt alle fernere Beihuͤlfe. Der letztere, durch feinen 
aͤrgerlichen Streit mit den Ermlaͤndiſchen Domherren immer 
mehr erbittert, wollte jetzt uͤberhaupt gar nicht mehr ins Feld 
rücken und trotzte allen Aufforderungen des Hochmeifters. 9 
In Marienburg aber hatten Hungersnoth, Seuchen und das 
feindliche Schwert die getreue Buͤrgerſchaft ſchon bis uͤber die 
Haͤlfte hingerafft, waͤhrend der Feind, mit dem Elend der 


1) Schr. des Ordensritters Chriſtoph Eglinger an d. HM. d. 
Koͤnigsb. am Abend Viſit. Mariä 1460 Schbl. Adelsgeſch. E. 61. 

2) Runau p. 75. Schütz p. 284. 

3) Henneberger ©. 277. Voigt a. a. O. S. 208. 

4) Schr. des Johann Bayſemann aus Braunsberg an d. Haupt: 
mann Mathes Tolk, d. Braunsb. Freit. nach Diviſion. Apoſt. 1460 
Schbl. LXXXII. 109. 

5) Schr. Georgs v. Schlieben an Konrad v. Eglofſtein Haupt⸗ 


mann zu Kreuzburg, d. Eilau Sonnt, vor Maria Magdal. 1460 
Schbl. LXXXII. 101. 


Marienburgs Uebergabe an den Koͤnig v. Polen. (1460.) 597 


Schwerbedraͤngten bekannt, nun um ſo mehr zur endlichen 
Entſcheidung ſeine ganze Kraft aufwandte. Noch wollte jedoch 
keiner in der Stadt ſich zur Ergebung entſchließen; mehre 
Wochen noch hielt der brave Bürgermeifter Blume den Muth 
der Bürger aufrecht, ſtaͤhlte den Geiſt zum Wagen und zum 
Dulden, ſtaͤrkte die ſinkende Kraft immer wieder durch Wort 
und That. Noch mancher Tag ward theuer fir den Orden 
mit Blut bezahlt; es gab faſt kein Opfer mehr, welches Blume 
und ſeine tapfern Buͤrger der Treue fie den Orden nicht 
ſchon dargebracht. Allein die Stunde der Entſcheidung nahete 
endlich dennoch. Es war dem Feinde kaum verrathen, daß 
die Stadtmauer an der Nogat auf einem großen Bogen ruhte, 
der leicht durchgraben und zum Eingang in die Stadt benutzt 
werden koͤnne, als die Belagerer alsbald das Werk mit groͤß⸗ 
tem Eifer begannen. Zu gleicher Zeit verſuchte auch die Be⸗ 
ſatzung des Schloſſes durch einen unterirdiſchen Graben auf 
der andern Seite in die Stadt einzudringen. Alles war in 
ihr voll Angſt und Schrecken, alles in Verzweiflung und wah⸗ 
rer Todesfurcht, denn es war der Buͤrgerſchaft angekuͤndigt, 
daß den Belagerern, wenn ſie ſich der Stadt mit Gewalt be⸗ 
mächtigen müßten, alles zur Pluͤnderung Preis gegeben werden 
ſolle. Rettung aber war jetzt unmoͤglich. Unter Jammer und 
Angſt entſchloß man ſich zur Ergebung und trat mit dem 
Feinde in Unterhandlungen.“ Am Eten Auguſt kam zwiſchen 
dem Statthalter des Gubernators Stibor von Baiſen? und 
dem zurückgekehrten Hauptmanne des Schloſſes Johann von 
Koſczelecz und dem Rathe und der Buͤrgerſchaft ein Vertrag 
zu Stande, der allen denen, die an der Uebergabe der Stadt 
in des Ordens Gewalt nicht ſchuldig ſeyen, Sicherheit des Le⸗ 
bens und Eigenthums und allen Birgern die Erhaltung und 
Beſtaͤtigung ihrer Freiheiten und Gerechtſame von Seiten des 


1) Runau p. 73. Schütz p. 284. Simon Grunau Tr. 
XVII. 12. Reimar Kock's Ehron. bei Detmar B. II. S. 694. 

2) Die Bezeichnung „zu Preuſſen Gubernatoris Stathalder“ giebt 
ſich Stibor v. Baiſen jetzt noch ſelbſt. 


598 Marienburgs Uebergabe an den Koͤnig von Polen. (1460.) 


Königes verbuͤggte, auch jedem, der Marienburg verlaſſen 
wollte, es frei ſtellte, fi) mit Habe und Gut zu wenden, wo⸗ 
hin er wolle. Wer ſich in andern Staͤdten des Koͤniges nie⸗ 
derlaſſen werde, follte uͤberall nach altem Brauche und Recht 
das Buͤrger⸗ und Innungsrecht genießen. » 

So ging Marienburg nach einer ſchweren Belagerung 
von zwanzig Wochen in der Polen Gewalt uͤber. Die Milde 
der Bedingungen bewies, daß ſelbſt beim Feinde die Tapfer⸗ 
keit der Buͤrgerſchaft und ihre feſte und treue Anhaͤnglichkeit 
an die alte Herrſchaſt Achtung und Anerkennung gefunden. 
Aber nur der Rath und die Bingerſchaft, nicht der Haupt⸗ 
mann Trotzler und die Beſatzung hatten den Vertrag geſchloſ⸗ 
ſen. Als daher am Tage darauf die Belagerer in die Stadt 
einzogen, ward der tapfere Hauptmann mit vierzehn Kriegsleu⸗ 
ten, drei Ordensrittern und deren Knechten alsbald ergriffen 
und in den Kerker geworfen, wo ſie nachmals jaͤmmerlich 
ſtarben.) Den Bürgermeiſter Blume, der felfenfeften Muthes 
bis auf den letzten Tag in ſeiner edlen Geſinnung, ſeiner un⸗ 
erſchuͤtterlichen Treue, Anhaͤnglichkeit und Ergebenheit gegen 
die alte Landesherrſchaft nie gewankt, immer allen mit voller 
Thatkraſt feiner Seele als Held in treuſter Unterthanenpflicht 
vorgeleuchtet, — dieſen letzten Helden Marienburgs ließ der 
Hauptmann Koſczelecz vor ein aus rachgierigen Feinden zu⸗ 
ſammengeſetztes Gericht ſtellen, wo ihm als Verraͤther an der 
Sache des Koͤniges uͤber Leben und Eigenthum das Urtheil 
geſprochen ward. Schon am 8ten Auguſt wurde er mit ſeinen 
zwei Kompanen enthauptet, ſein Koͤrper dann geviertheilt und 


1) Das Original des Vertrages, d. auf dem Schloſſe Marien⸗ 
burg am T. Sixti 1460 im Rathsarchiv zu Marienburg, gedruckt bei 
Voigt a. a. O. S. 585. Reimar Kock's Chron. a. a. O. 

2) Nach einem Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. 
Mark Sonnt. vor h. drei Koͤnige 1461 Schbl. LXXXII. 181 befand 
ſich Auguſtin v. Trotzler im Anfange des J. 1461 im Gefaͤngniſſe zu 
Danzig. Der Spittler erſucht den HM., ihm wo möglich die Freiheit 
zu verſchaffen. 


Wehlau's Uebergabe an den Orden. (1460.) 599 


fein Vermögen vom Könige dem Woiwoden von Pommerellen 
Otto von Machwitz zugewieſen. 

Je ſchmerzlicher aber dem Orden Marienburgs Verluſt 
war, um ſo mehr ſetzte man jetzt alle Kraft daran, Wehlau 
zur Ergebung zu zwingen. Dort lag der Hochmeiſter mit 
dem größten Theile feines Krieggvolkes. Zwar hatten die 
Danziger, Elbinger und Braunsberger vierundzwanzig große 
Fahrzeuge mit Kriegsleuten ausgeruͤſtet, die, in der Gegend von 
Balga landend, in Natangen und Ermland einfallen und 
durch Verwuͤſtung der reifenden Getreideſelder den Hochmeiſter 
zur Theilung ſeines Kriegsvolkes vor Wehlau zwingen ſollten, 
denn die Erhaltung dieſer feſten Stadt im Niederlande ſchien 
allen hoͤchſt wichtig;? allein der Komthur und Hauptmann 
zu Balga Siegfried Flach von Schwarzburg griff den Feind 
an, ſprengte ihn auseinander und erſchlug eine anſehnliche 
Zahl.) Der Feind ſchwaͤrmte zwar auch fortan noch im 
Friſchen Haff hin und her, landete bald hier bald dort, brannte 
Doͤrfer und Hoͤfe nieder, raubte und pluͤnderte, drang ſogar 
einmal in den Pregel bis in die Naͤhe von Koͤnigsberg ein; 
überall indeß in Samland wie an den Graͤnzen Natangens 
war die aufgeſtellte Mannſchaſt viel zu wachſam, als daß die 
Raubhauſen ſich tief ins Land haͤtten wagen dinfen. Nur fo 
viel erreichten fie, daß der Biſchof von Samland den Meiſter 
vor Wehlau nicht fo thätig unterſtüuͤtzen konnte, als er gerne 
wollte.) Königsberg dagegen leiſtete fortwaͤhrend ſo viel als 


1) Runau p. 73— 74. Schütz p. 284. Diugoss. T. II. 258. 
Henneberger S. 278. Ordenschron. S. 289; vgl. Voigt a. a. 
O. S 510512. Reimar Kock's Chron. a. a. O. 

2) Schr. der Danziger an d. Koͤnig v. Polen bei Scliiitx p. 284. 

3) Schr. des Hauptmannes Rule Bloßdorf zu Heiligenbeil an 
Siegfried Flach Hauptmann zu Balga, d. Dienſt. nach Margar. 1460 
Schbl. Adelsgeſch. F. 102. Schr. des Hauptm. Siegfried Flach an 
den Biſch. v. Samland, d. Balga Sonnab. nach Margar. 1460 Schöl. 
LXVII. 15. 

4) Schr. des Hauptmannes Siegfr. Flach zu Balga an d. Biſch. 
v. Samland, d. Balga am T. Jacobi 1460 Schbl. LXXXII. 99. 


600 Wehlau's Uebergabe an den Orden. (1460.) 


möglich Beihuͤlfe, fo viele Mühe es auch koſtete, die Haupt: 
leute zu bewegen, länger als vier Wochen im Lager zu blei⸗ 
ben.) Auch von den Hauptleuten zu Gerdauen, Roͤßel und 
Barten ward dem Meiſter bald Verſtaͤrkung zugeführt; > ſelbſt 
Raſtenburg, welches ſo lange feindlich dageſtanden, bewies ſich 
jetzt, nachdem es in dieſem Kriege ſchon dreimal abgebrannt 
und in dieſem Jahre vom Statthalter Stibor von Baiſen 
durch die Forderung einer für die Stadt unerſchwinglichen Geld⸗ 
ſumme hart bedraͤngt worden war, dem Orden geneigt und bot 
Ergebung an, ſobald es von ſeinem Polniſchen Hauptmanne 
befreit ſey.) Endlich zeigte ſich auch Georg von Schlieben 
bald wieder bereitwilliger, fuͤr den Orden thaͤtig aufzutreten, 
denn ſeit im Sommer dieſes Jahres der neue Biſchof von 
Ermland Paul von Logendorf in ſein Biſthum gekommen 
war, hatte dieſer alles aufgeboten, ſich mit ihm und dem Or⸗ 
den in ein beſſeres Verhaͤltniß zu ſetzen und die Zwiſtigkeiten 
wegen Beſetzung der biſchöͤflichen Schloͤſſer auf guͤtlichem Wege 
auszugleichen.) So lagen ſchon im Anfange des Septem⸗ 
bers die vornehmſten Hauptleute, als Georg von Schlieben, 


Schr. des Biſchofs v. Samland an d. HM. d. Fiſchhauſen Sonnt. 
vor Maria Magdal. 1460 Schbl. LXVII. 16. Schr. des Chriſt. Eg⸗ 
linger an d. HM. d. Koͤnigsb. am T. Maria Magdal. 1460 Schöl. 
Adelsgeſch. E. 60. 63. Runan p- 76. Schütz p. 284. 

1) Schr der Räthe von Koͤnigsberg an d. HM. d. am T. Maria 
Magdal. 1460 Schbl. LVII. 78. LVIII. 62. 

2) Schr. des Hauptm. Hans Erder zu Gerdauen, d. am T. Maria 
Magdal. u. Donnerſt. vor Laurent. 1460 Schbl. Adelsgeſch. E. 8. 
XXVI. 25. 

3) Schr. des Rathes v. Raſtenburg an Stibor v. Baiſen, d. 
Sonnt. nach Marci 1460; Schr. des Hauptm. Martin Frodnacher an 
d. Ordensſpittler, d. Noͤßel Mont. nach Margar. 1460 Schbl. LX XXII. 
89. 91. 

4) Schr. des Biſch. Paul v. Ermland an Georg v. Schlieben, 
d. Wormditt am T. Maria Magdal. 1460 Schbl. XLVIII. 12. 
Schr. Georgs v. Schlieben an den HM. d. Wonsdorf Dienſt. vor 
Bernhardt 1460; Schr. des Biſch. v. Samland an d. HM. d. Fiſch⸗ 
haufen am T. Jacobi 1460 Schbl. LXXXII. 88. 99. 


Kriegs- und Raubfehden. (1460.) 601 


Martin Froͤdnacher, Jon von Wartenberg Herr zu Blanken⸗ 
ſtein, Konrad von Eglofftein und mehre andere beim Meiſter 
im Lager vor Wehlau. Dennoch dauerte die Belagerung 
bis in den Herbſt hinein. Erſt nachdem eine Verraͤtherei, mit 
zwei feilen Menſchen im Belagerungsheere dazu angeſponnen, 
das Lager auf ein gegebenes Zeichen in Brand zu ſtecken und 
durch plöglichen Ausfall aus der Stadt ſich in der Verwir⸗ 
rung alles ſchweren Geſchüͤtzes der Belagerer zu bemaͤchtigen, 
verrathen und vereitelt worden war, und nachdem die Be⸗ 
ſatzung lange Zeit vergebens auf Beihuͤlfe vom Koͤnige und 
den großen Bundesſtaͤdten gewartet und unter den Buͤrgern 
ſelbſt fo arge Zwietracht einriß, daß es ſogar in der Stadt zu 
blutigen Haͤndeln kam, mußte man ſich endlich dem Orden 
ohne weiteres unterwerfen.“ 


Mittlerweile waren auch anderwaͤrts die Ordenswaffen 
vom Gluͤcke beguͤnſtigt. Die Soͤldnerhauptleute aus Konitz, 
Mewe und Neuenburg, an ihrer Spitze Graf Hans von Glei⸗ 
chen erſtürmten mit tauſend Reiſigen das nahe bei Danzig 
liegende Dorf Prauſt, wo die Danziger zum Schutze ihrer 
Stadt eine Paſtei erbaut, brannten es nieder, ſchlugen die in 
Unordnung zu Huͤlfe eilenden Danziger mit einem Verluſte 
von mehr als dritthalbhundert Mann leicht zuruck, nahmen 
mehre Rathsherren gefangen und ſchnitten der Stadt das Waſ⸗ 
fer ab. Die Auslöfung der Gefangenen brachte ihnen ziemlich 
bedeutende Geldſummen.) Durch Gluck Fühn gemacht wag⸗ 


1) Nach einem Geleitsbrief für d. Biſch. v. Ermland, d. Wehlau 
Freit. nach Aegidii 1460 Schbl. LXVI. 213. 

2: Schr. des Ordensritters Georg Ramung, Hauptm. zu Rhein 
an d. HM. d. Mittw. nach Kreuz = Erhoͤh. 1460 Schbl. XLVII. 35. 

3) Runau p. 75 — 76. Schitz p. 284. Schr. des Rathes v. 
Braunsberg an den v. Friedland, d. am Abend Calixti 1460 Schbl. 
LXXXII. 84. 

4) Runau p. 76 77. Schütz p. 285. Nach Detmar B. II. 
231 — 232 war bei obigem Ereigniſſe eine Verraͤtherei im Spiele, die 
den Danzigern 400 Mann koſtete; nach dieſem Berichte waͤre die Un⸗ 
ternehmung vom Komthur v. Elbing ausgefuͤhrt worden. Reimar 


602 Kriege = und Raubfehden. (1460.) 


ten ſich dann die Hauptleute bis unter die Mauern Danzigs, 
verheerten da alles durch Feuer und warfen ſich darauf in den 
Putziger Winkel hinein. Danzigs Lage ward dadurch ſehr 
bedraͤngt. Auf feine eindringliche Beſchwerde beim Könige 
über den Mangel an Beihilfe und über feine Theilnahmloſig⸗ 
keit am Wohle des Landes verhieß dieſer zwar in vielen troſt⸗ 
vollen Worten baldigen anſehnlichen Beiſtand. ) Ehe dieſer 
indeß ankam, hatten ſich die erwaͤhnten Hauptleute auch vor 
das von den Danzigern beſetzte Lauenburg gelagert, welches 
ihnen auch bald darauf nebſt dem Schloſſe Bütow vom «Her: 
zog Erich von Pommern übergeben wurde, indem er vorgab, 
daß er auf eine andere Weiſe aus Mangel an Geld dreizehn 
Pommeriſche Edelleute, die in des Königes Dienft vor Konitz 
in des Ordens Gewalt gerathen waren, nicht habe loͤſen koͤn⸗ 
nen. Umſonſt hatten ſich die Lauenburger erboten, das Loͤſe⸗ 
geld herbeizubringen; der Herzog antwortete ihnen: er werde 
ſich beim Koͤnige wegen ſeines Schrittes ſchon genuͤgend recht⸗ 
fertigen. 9 

Wie hier, fo war auch in andern Fehden und Kriegzuͤgen 
das Gluͤck meiſt auf des Ordens Seite; ja man faßte von 
Tag zu Tag mehr und mehr Hoffnung, das Land vielleicht 
bald wieder ganz beſitzen zu können. Dieß bewog auch zwan⸗ 
zig bisher feindliche Hauptleute und Rottenfuͤhrer zu Preuſſiſch⸗ 
Holland, Liebſtadt und Wormditt, mit dem Orden, allen ſeinen 
Soͤldnerhauptleuten und den beiden Biſchoͤfen von Pomeſanien 
und Kulm einen foͤrmlichen Frieden zu ſchließen, weil Lande 
und Staͤdte auf des Königes Seite nicht im Stande waren, 
ihnen die Soldſchuld von 38,000 Unger. Gulden zu bezahlen. ® 


Kock's Chron. bei Detmar B. II. S. 695 erzählt das Nähere 
daruͤber. 

1) Schr. des Biſchofs Kaspar v. Pomeſanien an d. HM. d. 
Rieſenb. Dienſt. nach Aegidii 1460 Schbl. LXXXII. 90. 97. 

2) Schr. des Koͤniges v. Polen, d. Cruſchwig Mont. nach Na⸗ 
tivit. Maria 1460 bei Schitz p. 285. 

3) Runn p. 78. Schütz p. 286. 

4) Original der Friedensurkunde, d. Holland Freit. vor Nativit. 


Kriegs = und Raubfehden. (1460,) 603 


Kaum aber war dieſer Friede, — er follte dauern bis zur 
Bezahlung dieſer Schuld —, geſchloſſen, als das Kriegsvolk 
aus Holland und Liebſtadt die Stadt Wormditt zur Nachtzeit 
überfiel, die Haͤuſer erbrach, raubte und pluͤnderte und die 
armen Bewohner „gleich wie Hunde“ aus der Stadt vertrieb 
oder in Thuͤrme und Kerker warf. Alles in der Stadt wurde 
Beute des ſchonungsloſen Feindes. 1 

Den Herbſt dieſes Jahres füllten wieder Tag fuͤr Tag 
das alte, wilde Kriegsſpiel, Raubfehden und feindliche Ueber⸗ 
faͤle ohne Plan und Zuſammenhang. Vor Mewe und dem 
Kloſter Pelplin plünderten und brannten die Beſatzungen von 
Marienburg, Dirſchau und Stargard. Kriegsvolk aus Elbing 
und Braunsberg überfiel die Viehheerden von Heiligenbeil, 
ward aber von deſſen Beſatzung verfolgt und zu einem Kampfe 
gezwungen, worin der Komthur von Balga und der kuͤhne und 
tapfere Ordensritter von Koͤkeritz u. a. auf dem Platze blie⸗ 
ben. Bernhard von Zinnenberg, der vom Hochmeiſter im 
Sommer nach Deutſchland um neue Truppenwerbung geſandt, 
dort auch dreitauſend Mann bis Frankfurt gebracht hatte, auf 
die Nachricht aber von Marienburgs Verluſt von allen bis auf 
fünfhundert verlaſſen worden war, hatte mehrmals die Thorner, 
die ihm in Briefen nicht einmal den gewoͤhnlichen adeligen 
Titel gaben, ) zur Freilaſſung mehrer Gefangenen vergebens 
aufgefordert, brach ins Kulmerland ein und bemaͤchtigte ſich der 


Mariä 1460 Schbl. XV. 36, gedruckt, wiewohl ſehr fehlerhaft, bei 
Kotzebue B. IV. 366 — 372. 

1) Runau p. 78. Schütz p. 286. Beide ſchreiben zwar dieſen 
Ueberfall von Wormditt dem Kriegs volke des Ordens zu, aber gewiß 
mit Unrecht, denn beide wiſſen von dem abgeſchloſſenen Frieden nichts; 
es iſt gar nicht denkbar, daß Kriegsvolk des Ordens in eine von den 
Hauptleuten beſetzte Stadt den Einfall haͤtte wagen ſollen. Offenbar 
wollten die Hauptleute ſich am Eigenthum der Burger ſelbſt bezahlt 
machen. 

2) Runau p- 78 79. Schütz I. o. 

3) Beilage zu einem Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. 
Rath v. Thorn v. 1459 im Rathsarch. zu Thorn Cist. XVII. 36. 


604 Kriegs- und Raubfehden. (1460.) 


Stadt Golub; der Boͤhme Ulrich Czirwenka behauptete ſich 
dort immer noch auf dem Schloſſe.) Bald darauf unter⸗ 
gaben ſich auch Bartenſtein und mehre andere Staͤdte im 
Hinterlande von neuem unter des Ordens Henfchaft. 2 In 
den erſten Tagen des Octobers ruͤckte nun zwar die vom Kö: 
nige verheißene Kriegshuͤlfe, gegen achthundert Mann unter 
zwei Hauptleuten gegen Danzig heran und verſchanzte ſich 
beim Kloſter Oliva, um dieſes und die Stadt Danzig gegen 
den Feind zu ſchuͤtzen; bei einem Streifzuge ins Gebiet von 
Putzig gelang es den Polen auch, der Beſatzung von Putzig, 
die ſiebenhundert Mann ſtark unter dem Hauptmann Fritz von 
Raueneck auf den Feind einen Ausfall wagte, in einem blu⸗ 
tigen Treffen einen empfindlichen Verluſt beizubringen; ?) allein 
viel war fuͤr Danzig durch dieſen geringen Kriegshaufen nicht 
gewonnen. Indeß gelang es doch in der Mitte des Novembers 
dem Polniſchen Hauptmanne zu Schwez Poskarski durch einen 
behenden, liſtigen Ueberfall ſich der Stadt Marienwerder zu 
bemaͤchtigen, dort alles auszuplündern und den größten Theil 
der Stadt durch Feuer zu vertilgen. Die Kriegsleute des Or⸗ 
dens, ſehr gering an Zahl, hatten ſich in den Dom und auf 
das Schloß gefluͤchtet, ſich dort ſo viel als moͤglich vertheidigend. 
Viele von den Polen buͤßten mit dem Leben. Ehe jedoch der 
Ordensſpittler auf erhaltene Nachricht mit groͤßerer Heeresmacht 
herbeieilen konnte, war faſt die ganze Stadt ſchon ausgebrannt 


1) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. Rath von Thorn, d. 
Kulm am T. Aegidii 1460 im Rathsarch. zu Thorn Cist. XVII. 36. 
Schr. des Ordensſpittlers an den HM. d. Preuſſ. Mark Freit. im 
Quartemper vor Michaelis 1460 Schbl. LXXXII. 94. Schiis p. 286. 


2) Runau p. 81. Schütz p. 285. Schr. eines gewiſſen Chriſt. 
Srogenyn an Georg v» Schlieben, d. Bartenſtein am T. Aller Heilig. 
1460 Schbl. LV. 15. Schr. des Oberkompans des HM. d. Barten⸗ 
ſtein Dienſt. nach Martini 1460 Schbl. LXXXII. 97. 

3) Schr. des Großkomthurs an den HM. d. Mewe am T. Cris⸗ 
pini 1460 Schbl. LXXXII. 111. Runaup.80, Schiitz I. c. Unter 
den Gefangenen wird ein Balthafar von Dohna genannt. 


Planloſes Kriegsgetuͤmmel. (1460,) 605 


und vom Feinde wieder verlaſſen. 9 Bernhard von Zinnenberg 
wollte dieſem vergelten. Mit einigen Verraͤthern auf der Burg 
Schwez bereits im Einverſtaͤndniſſe ruͤckte er mit feinem Streit⸗ 
haufen in ſtiller Nacht bis an die Burgmauer hinan und es 
gelang ihm mit Hülfe der Verraͤther durch das heimliche Ge⸗ 
mach bis ins innere Schloß zu kommen. Der Hauptmann 
Poskarski entwich eiligſt in die Vorburg, brannte aber die 
Brücke ab, damit der Feind nicht entfliehen konne. Unaufhoͤr⸗ 
lich beſchoſſen ſich nun beide Theile, wobei der Buͤrgermeiſter 
von Thorn Hans von Lohe durch einen Buͤchſenſchuß getödtet 
wurde. Um den Feind auszuhungern ließ der Hauptmann 
rings um die Burg Schanzen aufwerfen; es gelang ihm dann, 
durch Untergraben des Schloſſes bis in den innern Stock ein⸗ 
zudringen. Das Ordensvolk entwich in einen großen Thurm, 
von dem aus es ſich noch einige Zeit wehrte, bis es ſich end⸗ 
lich ergeben und durch Geld ſcine Freiheit erkaufen mußte.? 
Einen ungleich wichtigern Erfolg verſprach man ſich von 
einem Plane zur Einnahme Danzigs. Einem gefangenen 
Bürger und Schuhmacher aus Danzig Nicolaus Guͤnther hatte 
man die Freiheit geſchenkt gegen das eidliche Verſprechen, daß 
er auf irgend eine Weiſe Danzig dem Orden in die Haͤnde 
liefern wolle. Er benutzte indeß einen Brief, den ihm die 
Hauptleute zu Mewe und Konitz durch einen Karthaͤuſer⸗ 
Mönch zugeſandt, dem Buͤrgermeiſter und Rath der Stadt den 
verraͤtheriſchen Plan der Feinde zu entdecken. Man beſchloß 
jetzt, dieſe durch ihren eigenen Plan zu ihrem Verderb zu üͤber⸗ 
liſten. Nachdem man in der Stadt alles zu ihrem unvermeid⸗ 
lichen Untergange, ſobald ſie einbrechen wuͤrden, vorbereitet, 
mußte Nicolaus Euͤnther die erwähnten Hauptleute ins Kloſter 
Karthaus einladen, um angeblich den ganzen Plan mit ihnen 
näher zu berathen. Man zog dort auch den Prior und die 


1) Schr. des Ordensſpitflers, d. Preuſſ. Mark Sonnt. nach Mar⸗ 
tini 1460 Schbl. LIV. 13. Schr. Ulrichs v. Kinsberg, Hauptm. zu 
Eilau, d. Eilau Donnerſt. nach Lucid 1460 Schbl. Adelögeſch. K. 23. 

2) Runau p- 81. Schütz p. 286 287. 


606 unordnung und Zuchtloſigkeit im Lande. (1460.) 


älteften Mönche mit in die Sache und es wurden Beſtimmungen 
entworfen, wie man mit Danzig nach gelungenem Anſchlage 
verfahren wollte. Bevor es jedoch zur Ausfuͤhrung kam, ward 
den Hauptleuten kund gethan, daß ihr ganzes Unternehmen in 
Danzig ſchon verrathen und alles zu ihrem Empfange und 
Untergange in Bereitſchaft ſey. Dennoch begab ſich der Prior 
mit einigen Moͤnchen in die Stadt, ward vom Rathe vor Ge⸗ 
richt gefordert und der Theilnahme an der Verraͤtherei uͤber⸗ 
wieſen gefangen geſetzt. Man entließ ſie alle erſt dann wieder, 
als fie ſich in einer eigenen Schrift ſelbſt für Verraͤther und 
Uebelthaͤter erklärt und als ſchuldig einer Zuchtbuße unterworfen 
hatten. Die Hauptleute des Ordens indeß ſuchten beim Hoch⸗ 
meiſter ein offenes Zeugniß ihrer Unſchuld auszuwirken, weil 
fie eigentlich nicht ſelbſtthaͤlg in den Plan mit eingegriffen 
hatten.“) 

So artete der Krieg immer mehr in bloße verraͤtheriſche 
Ueberfaͤlle, argliſtige Umtriebe, raͤuberiſche Streifzüge und allerlei 
Anſchlaͤge zu Brand und Verheerung aus. Die Polniſchen 
Kriegshaufen kannten kaum noch eine andere Art der Kriegs⸗ 
fuͤhrung, und Noth und Hunger zwangen auch das Ordensvolk 
zu gleichem Mißbrauch ſeiner Waffen. Selbſt das Bauern⸗ 
volk mußte, um ſich der Raͤubereien und Mißhandlungen der 
zuchtloſen Kriegsrotten zu erwehren, häufig zu baͤuerlichen 
Waffen, Senſen, Dreſchflegeln und Gabeln greifen. Daß es 
der Chroniſt der Aufzeichnung werth fand, wenn es die Pol⸗ 
niſchen Heerhaufen um Oliva verſuchten, eine Schweineheerde 
einzufangen oder einige Fiſcherhaͤuſer niederzubrennen, beweiſt 
ſchon, wie gemein und erbaͤrmlich der ganze Charakter des 


1) Runau p. 82—83. Schütz p. 287 hier ſehr ſpeziell; da⸗ 
neben ein Bericht über den Verlauf der Sache in einem Schr. der 
Ordensritter Graf Hans v. Gleichen und Heinrichs v. Richtenberg an 
d. HM. d. Lauenburg Mont. nach Epiphan. 1461 Schbl. LX. 82, 
Von einem andern verraͤtheriſchen Plane in Danzig erzählt Det mar 
B. II. 241. Sehr ſpeciell erzähle die obenerwaͤhnte Verraͤtherei Reiz 
mar Kock's Ehron, bei Detmar B. II. S. 696 — 699. 


Unordnung und Zuchtloſigkeit im Lande. (1460.) 607 


Krieges war.) Natürlich war in ſolchem wilden Kriegs⸗ 
getümmel im ganzen Lande an Sicherheit auf den Landſtraßen 
gar nicht mehr zu denken. Kein Bürger durfte ſich mit Guͤ⸗ 
tern, kein Landmann mit ſeinen Producten zum Verkaufe auf 
die freie Straße wagen ohne ſichere Geleitsbriefe; ſelbſt der 
Biſchof von Ermland durfte ohne folche nicht uͤber die Graͤnze 
gehen und auch dieſe ſchuͤtzten oft wenig oder nicht. Das An⸗ 
ſehen des Hochmeiſters konnte ja kaum noch tiefer ſinken. 
Von Achtung des Geſetzes und landesuͤblicher Ordnung war 
kaum noch eine Spur; an ihrer Stelle überall, wie laͤngſt 
ſchon bei den Soͤldnern, ſo bei den Unterthanen in Staͤdten 
und auf dem Lande, und nicht minder ſelbſt auch in den 
Konventen der Ordensbrüͤder dieſelbe Verwilderung und Zucht⸗ 
loſigkeit. Wagte es doch ein Ordensritter in Balga, der mit 
dem Weibe eines Krjtgers in hoͤchſtſtraͤflichem Umgange lebte 
und die Diebereien des Ehepaares in den Gaͤrten des Schloſſes 
begünſtigte, gegen den Komthur das Mordmeſſer zu zuͤcken, als 
dieſer das Weib auspfaͤnden ließ, fo daß er kaum noch das 
Leben rettete.?) Lebte doch in demſelben Konvente ein Ordens⸗ 
ritter Johann von der Heide, von dem man allgemein wußte, 
daß er einen Ordensbruder erſtochen und der gleichfalls in 
einem Zwiſte gegen den Komthur das Meſſer gezogen hatte.) 
Es kam vor, daß ein Prieſterbruder die Krankheit eines Ordens⸗ 


1) Beiſpiele bei Runau p- 85 u. Schütz p. 287 — 288. Schr. 
des Hauptm. Siegfried Flach, d. Balga am Abend Elifab, 1460 
Schbl. LXXXII. 81. 

2) Schr. des Komthurs Siegfr. Flach Hauptm. zu Balga, d. 
Balga am Abend Jacobi 1459 Schbl. Adelsgeſch. H. 27. Der ver⸗ 
brecheriſche Ordensritter war einer von Heßberg. Man muß aber den 
Bericht des Komthurs ſelbſt leſen, um einen Begriff von dem Ueber⸗ 
muth und Trotz zu bekommen, den der genannte Ordensritter gegen den 
Komthur und ſelbſt gegen den HM. zu erkennen gab. Luͤge, Hurerei, 
Diebshehlerei und Mordverſuch vereinten ſich hier unter dem Ordens⸗ 
mantel. 

3) Schr. des Hauptm. Siegfr. Flach an d. HM. d. am Abend 
Simon u. Jud 1460 Schbl. Ad. Geſch. F. 101. 


608 Traurige Lage der Biſthümer. (1460.) 


vogts ſo lange zu verheimlichen wußte, bis dieſer ſtarb, um 
ihn dann des meiſten Theiles feines Geldes zu berauben.“ 
Freilich geſchah vom Hochmeiſter für Zucht und Ordnung oder 
überhaupt für die innere Landesverwaltung auch wenig oder 
nichts. Nur wo Noth ihn draͤngte oder Vortheil lockte, trat 
er zuweilen thaͤtig auf. Eine neue Muͤnzordnung und eine 
feſtere Preisſtellung der nöthigften Lebensbeduͤrfniſſe, die er ver⸗ 
fügte, find faſt das Einzige, was er feit Jahren für die Landes⸗ 
ordnung gethan.) Wenn er die Kaͤmmerer in Samland zur 
Abhaltung der gewoͤhnlichen Richttage auf den Richthoͤfen auf⸗ 
forderte, ſo geſchah es vorzüglich nur, um ſie dabei zu ermahnen, 
darauf ſcharf zu ſehen, daß die ruͤckſtaͤndigen Zinſen und ſon⸗ 
ſtigen Abgaben puͤnktlicher entrichtet wuͤrden, und doch hatte 
auch dieſes wenig oder keinen Erfolg,?) denn überall war der 
Ertrag der Einkünfte fo aͤußerſt gering, daß z. B. der ganze 
Konvent zu Balga alle ſeine Beduͤrſniſſe nur aus ſeinen dem 
Haufe unmittelbar zugehörigen Feldern und Gärten beſtreiten 
mußte und fo faſt allenthalben.“ 

Nicht minder traurig war die Lage der Biſthümer; auch 
hier uͤberall Armuth, Jammer, zunehmendes Verderben und Un⸗ 
gluͤck. Im Biſthum Kulm ſtanden ganze Dorfer entvoͤlkert, 
die Felder Meilenweit verwuͤſtet und verwildert da. „So weit 
das Auge ſehen kann, ſagt ein Bericht aus dieſer Zeit, iſt kein 
Baum und kein Geſtraͤuch, an dem man eine Kuh feſtbinden 
kann.“ An Entrichten der üblichen Abgaben war auch dort 
in Städten und Dörfern gar nicht mehr zu denken und Gewalt: 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Pr. Mark Sonnt. vor Margar. 
1461 Schbl. LIII. 38. 

2) Die Verordnung über die neue Muͤnzordnung der Schillinge 
und Pfennige v. T. Johannis Bapt. 1460 Schbl. LXXIV. 38. 

3) Aufforderung an die Kämmerer in Samland, d. Köͤnigsb. 
Mont. nach Aller Heil. 1460 Schbl. LX XXIV. 26. Schr. des Kirchen: 
vogts v. Samland, d. Thierenberg am Abend Andrea 1460 Schbl. LV 45. 

4) Schr. des Hauptm. v. Balga an den HM. v. J. 1459 Schbl. 
Ad. Geſch. H. 27. Schr. des Siegmund Stange an d. HM. d. Sonnt. 
nach Nicolai 1460 Schbl. LXXIII. 127. 


8 


Traurige Lage der Biſthuͤmer. (1461.) 609 


maaßregeln konnte und durfte man häufig gegen die Saͤumigen 
nicht anwenden.) Am ſchrecklichſten war das Schickſal der 
Nonnen in Kulm; ſie lebten in unbeſchreiblicher Noth, hatten 
laͤngſt alles verkauft, um ihr Leben zu friſten, oft gebrach es 
ihnen an bloßem Brot, um ihren Hunger zu ſtillen. Auch 
Bernhard von Zinnenberg war nicht im Stande, ihr trauriges 
Loos zu aͤndern, obgleich er, ſo viel er konnte, ihre Leiden zu 
mindern ſuchte.“ Noch trauriger ſah es im Biſthum Pome⸗ 
ſanien aus, welches Jahre lang am haͤufigſten der Schauplatz 
des Krieges geweſen. Auf dem Lande war keine Spur mehr 
von ehemaligem Wohlſtande; ganze Feldfluren lagen auch hier 
wie Wüften da; Saaten zu vernichten und Getreidefelder in 
Brand zu ſtecken gehoͤrte ja damals weſentlich mit zum Kriegs⸗ 
werke. Marienwerder lag faſt ganz in Aſche und weder der 
Ordensſpittler noch andere, die der Biſchof zum Schutze des 
noch Erhaltenen und zum Aufbau des Vernichteten um Hülfe 
anrief, konnten ihm ſolche leiſten; auch die Gebiete von Stuhm 
und Preuſſiſch⸗Mark waren aufs ſchrecklichſte vom Feinde und 
den Soͤldnern ausgehungert und verwuͤſtet.) Der Biſchof 
ſelbſt unterlag der allerdruͤckendſten Noth; niemand wollte mehr 
bei ihm bleiben; ſeine eigenen Diener verließen ihn, weil er ſie 
nicht einmal ſaͤttigen konnte. Sein Schloß zu Rieſenburg 
konnte kaum noch unterhalten werden, ſo daß der alte Mann 
nicht wußte, wohin er ſich in feiner ſchrecklichen Armuth wenden 
ſollte. Oft, ſagte er ſelbſt, muͤſſe er ſich an ſeinem Tiſche mit 
einer bloßen Grützſuppe oder hoͤchſtens einem Gericht Fiſche 


1) Schr. des Rathes v. Kulm an den HM. d. Mont. vor Purif. 
Mariä 1460 Schbl. LXXXV. 111. Schr. des Biſch. Bartholomaͤus 
v. Kulm an d. Hauptmann zu Oſterode d. Löbau Freit. nach 11,000 
Jungfr. 1461 Schbl. LXIV. 70. 

2) Schr. der Aebtiſſin Barbara zu Kulm an d. Biſch. Bartholo⸗ 
mäus, d. Kulm 1461 Schbl. LXXXV. 9. Schr. Bernd. v. Zinnen⸗ 
berg an den Rath v. Thorn, d. Kulm Freit. Präſent. Mariaͤ o. J. im 
Mathsarch. zu Thorn Cist. XVII. 36. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark am Abend der 
Beſchneid. Chr. 1461 Schbl. LXXXII. 187. 

VIII. 39 


610 Traurige Lage der Biſthuͤmer. (1461.) 


begnuͤgen. Nur auf einige Wochen erleichterte ihm der Biſchof 
von Samland ſein trauriges Schickſal durch ein Geldgeſchenk 
von dreißig Gulden.) Das Biſthum Samland war zwar 
vom Kriege bisher meiſt verſchont geblieben; allein der Biſchof 
hatte deshalb auch dem Hochmeiſter oft bedeutende Opfer bringen 
muͤſſen. Seine Vorraͤthe waren oft ſo erſchoͤpft, daß es ihm 
ſchwer fiel, dem Meiſter mit einigen Laſt Roggen oder Hafer 
zu Steuer zu kommen. Der Biſchof von Ermland Paul von 
Logendorf hatte, ſobald er ins Land gekommen war, keine wich⸗ 
tigere Aufgabe zu loͤſen, als die von den Soͤldnerhauptleuten 
beſetzten Echlöffer und Städte des Biſthums wieder in feine 
Haͤnde zu bringen. Es war dazu bereits von ihm mancher 
Schritt gethan, jedoch ohne ſonderliche Erfolge. Allenſtein war 
zwar von Georg von Schlieben in Folge eines Vergleiches 
gegen Ende des vorigen Jahres den Domherren wieder ein⸗ 
geräumt; allein der Hauptmann Bot von Weſſenberg bot 
alles auf, die Stadt, unter dem Vorwande, ſie gegen feindliche 
Anfälle ſchuͤtzen zu muͤſſen, wieder mit Soldtruppen zu be⸗ 
mannen, was die Domherren ohne des Biſchoſs Zuſtimmung 
durchaus nicht geſtatten wollten, obgleich wirklich die Feinde 
einmal ſchon bis an die Thore der Stadt gekommen waren. ) 
Am heftigſten war der Streit wegen der Raͤumung von Roͤßel. 
Der Hochmeiſter hatte dieſes vor einigen Jahren dem Haupt⸗ 
manne Martin Frodnacher und einigen andern Hofleuten uͤber⸗ 
geben. Sowohl die Bürgerfchaft als der Biſchof, der, in Heils⸗ 
berg durch die Geldforderungen der dortigen Soͤldner ſehr be⸗ 
draͤngt, fich gerne in Nößel aufhalten wollte, verlangten aufs 


1) Schr. des Biſchofs Kaspar v. Pomeſanien an d. HM. d. 
Rieſenb. am T. Andrea 1461 Schbl. LXXXII. 154. 

2) Der vom HM. und dem Biſchofe v. Ermland eingeleitete und 
abgeſchloſſene Vergleich, d. Bartenſtein am T. Eliſabeth 1460 in den 
Nachrichten von einigen Haͤuſern des Geſchlechts v. Schlieben Beil. 
Nro 38. S. 51. 

3) Schr. Bots v. Weſſenberg, Herrn v. Schenkendorf an d. HM. 
d. Koͤnigeb. Sonnab. nach h. drei Könige 1461 Schbl. Adelsgeſch. 
W. 79. 


Planloſes Kriegsgetuͤmmel. (1461.) 611 


dringendſte die Abtretung der Stadt, und der Hochmeiſter ließ 
es auch nicht an Verhandlungen fehlen, um die Hauptleute 
dazu zu bewegen.) Sie erklaͤrten ſich auch bereit, jedoch nur 
unter der Bedingung, daß ihnen der Meiſter entweder ihren 
Sold und Schaden entrichte, woſuͤr fie Roͤßel als Pfand inne 
hatten, oder eine andere gleich wichtige Stadt und Burg ein⸗ 
raͤume.? Beides war unmöglich, denn die Soldforderung be⸗ 
lief ſich weit über hunderttauſend Unger. Gulden.) Während 
aber Roͤßel auch forthin von den Soͤldnern noch beſetzt blieb, 
wurden die Doͤrfer weit umher von ihnen aufs ſchrecklichſte 
geplündert, gebrandſchatzt und die Bewohner oft bis zum Tode 
gemißhandelt. Umſonſt klagte man daruͤber beim Hochmeiſter 
und drohte mit paͤpſtlichem Bann; “ umſonſt beſchwerte ſich 
der Biſchof uͤber nicht gehaltene Zuſagen, uͤber Beraubung 
feiner biſchoͤflichen Einkünfte u. ſ. w. ) 

Und trotz dieſes Jammers und Elends an allen Orten 
war zu einem baldigen Ende dieſes wilden Kriegsgetuͤmmels 
jetzt noch gar keine Ausſicht. Auf einem Landtage zu Petri⸗ 
kau war zwar, wie man hoͤrte, beſchloſſen worden, der Koͤnig 
ſolle ſeine Sache der Entſcheidung des Erzherzogs Albrecht von 
Oeſterreich anheimgeben und es war auch wirklich eine Bot⸗ 
ſchaft an dieſen abgegangen; allein man vernahm zugleich auch, 
daß der Koͤnig ſich mit einer neuen Kriegsſchaar an die Graͤn⸗ 
zen Preuſſens legen wolle.“) Der Krieg in Preuſſen blieb, 


1) Schr. des Ratbes v. Roͤßel an d. HM. d. Sonnt. u. Mont. 
vor un. nach h. drei Koͤnige 1461 Schbl. LXXXII. 151. 177 

2) Schr. des Biſch. v. Ermland an d. HM. d. Heilsb. Donnerſt. 
nach Epiphan. 1461 Schbl. LIV. 107. 

3) Schon im J. 1456 betrug Sold und Schaden fuͤr dleſen 
Soͤldnerhaufen 91,282 ung Gulden; Schbl. 93. 35. l 

4) Schr. des Kantors zu Frauenburg Arnold v. Venrade an d. 
HM. d. Roͤßel Freit. nach Epiphan. 1451 Schbl. LX VI. 75. 

5) Schr. des Biſch. v. Ermland an d. HM. d. Guttſtadt Sonnt. 
Judica 1461 Schbl. LXVI. 215. 

6) Schr. des Komthurs v. Osterode, d. Dienſt. vor h. drei Koͤ⸗ 
nige 1461 Schbl. LXXXII. 174. 

39 * 


612 Planloſes Kriegsgetuͤmmel. (1461.) 


was er bisher ſchon lange geweſen, ein wildverheerender Raub⸗ 
krieg, ohne Plan und Ordnung gefuͤhrt. Bernhard von Zin⸗ 
nenberg ſchlug ſich fortwaͤhrend mit dem Polniſchen Kriegs⸗ 
volke in und um Schwez herum.) Der kuͤhne Hauptmann 
Schuhmacher zu Elbing und die Kriegsleute aus Preuſſiſch⸗ 
Holland und Preuſſiſch⸗-Mark lagen beftändig auf der Lauer, 
bloß um ſich gegenſeitig Gefangene abzugewinnen, was ihnen 
hie und da auch gluͤckte.) Graf Hans von Gleichen ſuchte 
den Hochmeiſter zu dem Plane zu bewegen, Danzig zu uͤber⸗ 
fallen und den Werder auszuplündern.? Die Danziger dage⸗ 
gen, Elbinger und Braunsberger ſchaarten ſich immer wieder 
von neuem zuſammen, um Samland mit Raub und Brand 
zu verheeren und ſich wo möglich Koͤnigsbergs zu bemaͤchti⸗ 
gen.) Georg von Schlieben brandſchatzte wie ein Feind in 
Freundes Land, im Waldamte bei Balga und Heiligenbeil und 
keiner wagte es ihm zu wehren.) Man wußte kaum mehr, 
wer Freund, wer Feind ſey. Trotz des beſtehenden Beifriedens 
fiel das Kriegsvolk aus Heiligenbeil über das arme, wehrloſe 
Bauernvolk im Kammeramte Melſack her und raubte und mor⸗ 
dete. Aus Rache nahmen die aus Melſack jenen eine Anzahl 
Pferde weg, woruͤber erbittert der Hauptmann von Balga mit 
denen aus Heiligenbeil von neuem ins Kammeramt einſtuͤrmte 
und ſechs Doͤrfer von Grund aus vernichtete, und doch war 
der Hauptmann von Melſack ein Freund des Ordens.) Je⸗ 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Sonnt. vor h. 
drei Könige 1461 Schbl. LXXXII. 181. Runau p. 86. Schilfz 
P · 288. 

2) Runau I. c. Schütz I. c. 

3) Schr. des Grafen Hans v. Gleichen, d. Lauenburg Sonnab. 
vor Thomaͤ 1460 Schbl. LXXXII. 96. 

4) Schr. des Bild. v. Samland an d. HM. d. Fiſchhauſen Freit. 
vor Priſcà 1461; Schr. des Hauptmannes v. Melſack, d. am T. Anz 
toni 1461 Schbl. LXXXII. 160. 179, 

5) Schr. des Hauptmannes Melchior v. Dewen an d. HM. d. 
Heiligenbeil am T. Agatha 1461 Schbl. LV. 44. 

6) Schr. des Hauptmannes v. Melſack Nicolaus Nebeſchitz an d. 
HM. d. Mont. nach Laͤtare 1461 Schbl, LXXXII. 183, 


Planloſes Kriegsgetümmel. (1461.) 613 


der hielt ſich alles erlaubt. Wagte es doch der Hauptmann 
zu Seeſten Fritz Lockau das Anerbieten zu machen, einen rei⸗ 
chen Maſovier, der zweitauſend Mark beſaß, ohne weiteres 
auf eigene Hand einzufangen, damit der Hochmeiſter Geld be⸗ 
komme, um ſich mit feinen Hofleuten abzufinden. 

In den meiſten Kriegshaͤndeln war das Gluͤck im Ganzen 
immer noch auf der Seite des Ordens. Den Buͤrgern von 
Guttſtadt gelang es, durch Benutzung der Abweſenheit ihres 
Polniſchen Hauptmannes ihre ganze Beſatzung in einer Muͤhle 
gefangen zu nehmen und ſich aller Schaͤtze des Hauptmannes 
zu bemaͤchtigen. Die Beſatzung erhielt freien Abzug; die 
Stadt mit den geraubten Schaͤtzen uͤbergaben ſie ihrem Bi⸗ 
ſchofe. Heilsberg dagegen mußte dieſer, um einen fichern Auf⸗ 
enthalt zu gewinnen, von den Polniſchen Soͤldnern mit acht⸗ 
tauſend Gulden auslöfen, worauf fie hinwegzogen.“ Auch 
in einem Zuſammentreffen des Ordensvolkes von Bartenſtein 
und Preuſſiſch⸗Eilau mit den Polniſchen Beſatzungen von 
Friedland, Schippenbeil und Raſtenburg errang das erſtere in 
einem blutigen Gefechte den Sieg. Gabriel von Baiſen auf 
Rheden, in der Mitte von Marienwerder, Neuenburg und 
Golub fort und fort den Angriffen und Belaͤſtigungen der von 
da oder dorther ziehenden Kriegshaufen ausgeſetzt, konnte ſich 
kaum auf feinem Schloſſe noch erhalten; es gebrach ihm faſt 
an allem, was zur Friſtung des Lebens noͤthig war.) Mitt: 
lerweile erlitt auch Danzig durch die Ordensſoͤldner vielfaches 
Ungemach. Schon im Februar ſtuͤrmten dieſe aus Putzig und 
Lauenburg bis unter die Mauern der Stadt vor, brannten 
mehre Dörfer und ſelbſt einen Theil der Vorſtadt nieder und 


1) Schr. des Hauptmannes zu Seeſten an d. HM. d. Seeſten 
Sonnab. vor Laͤtare 1461 Schbl. Ad. Geſch. L. 7. 

2) Runau p. 87. Schitz p. 288. 

3) Runau I. c. nennt es eine große und ernſte Schlacht. 

4) Schr. des Hauptmannes Gabriel v. Baiſen an d. Rath v. 
Thorn, d. Rheden Dienſt. vor Pfingſt. 1461 im Rathsarch. zu Thorn 
Scrin, XVII. 37. 


“ 


614 Planloſes Kriegsgetümmel. (1461.) 


entkamen glücklich ihren Verfolgern mit ihrem ganzen Raube. v 
Danzig kam uͤberhaupt immer mehr in Bedraͤngniß; ſein Han⸗ 
del auf der Weichſel nach Thorn war durch die drohenden An⸗ 
griffe von Neuenburg und Mewe aus außerordentlich erſchwert; 
nur in Maſſe von hundert Schiffen zuſammen konnte man es 
wagen den Strom zu befahren.) Der Handel auf der See 
lag ſchon ſeit Jahren faſt ganz darnieder. Trotz des Waffen⸗ 
ſtillſtandes verſperrte der König von Daͤnemark, der immer 
noch den Orden beguͤnſtigte, den Danzigern die Fahrt durch 
den Sund.) Selbſt Amſterdam ruͤſtete gegen fie Kaperſchiffe 
aus, die häufig von ihnen aufgefangen wurden.) Die Ln⸗ 
becker, Pommern u. a. brachten oft Waaren und Kriegsbe⸗ 
dürfniffe aller Art nach Stockholm, um fie von da über Liv⸗ 
land nach Königsberg zu führen. Nahmen die Danziger ſolche 
Schiffe weg, fo kam es zu allerlei Streithaͤndeln und man 
vergalt dann an ihnen Gleiches mit Gleichem. So war bald 
kein Schiff auf der Oſtſee mehr ſicher; man raubte und wurde 
beraubt. Mit Riga und Reval berftändigte ſich Danzig dahin, 
daß die Danziger ihren Handel nicht ferner ſtöͤren wollten, 
ſofern ſie den Feinden in Preuſſen keine Zufuhr an Lebens⸗ 
mitteln und Kriegsbedarf mehr zubringen würden. Selbſt 
die Fiſcherei auf dem Friſchen Haff konnten die Danziger, trotz 
des daruͤber mit dem Hochmeiſter geſchloſſenen Vertrages, nicht 
ohne feindliche Angriffe und bedeutende Verluſte betreiben, und 
ebenſo Braunsberg und Elbing. © 

Unter ſolchem jaͤmmerlichen Kriegsgetreibe ging die Hälfte 
des Jahres hin. Die Zeit weiſt keine einzige Unternehmung 


1) Runau p. 87, Schütz p. 289. 

2) Runau p. 88. Schütz I. c. 

3) Schütz L o. Von den Seeraͤubereien auf der Oſtſee, die be⸗ 
ſonders den Danzigern große Verluſte brachten, Beiſpiele bei Det⸗ 
mar B. II. 211, 241; meiſt geſchahen fie von Dänen, 

4) Schittz p. 290. 

5) Schütz p. 289. 

6) Schitz 1. e. Schr. der Elbinger, Danziger und Braunsberger 
an d. HM. d. Braunsberg Sonnt. Judica 1461 Schbl. LIII. 3. LIV. 4. 


Neuer Kriegszug des Königes. (1461.) 615 


von einiger Wichtigkeit auf. Selbſt gegen das zartere Ge⸗ 
ſchlecht kannte man keine Schonung mehr. Eine Anzahl Frauen 
und Jungfrauen, um Ablaß aus Danzig zum Karmeliter⸗Klo⸗ 
ſter wallſahrend, ward von einer Rotte raubluſtiger Reiſige 
überfallen, ihres Schmuckes und ihrer Kleider beraubt und 
zum Theil ſogar gezwungen, als Gefangene die Roſſe ihrer 
Räuber zu beſteigen; kaum daß die nacheilende Mannſchaft 
aus Danzig fie noch rettete.) Dem braven Hauptmanne 
Bernhard von Zinnenberg fingen die Thorner eine Zufuhr von 
fuͤnf und vierzig Wagen auf, deren Geleitsmannſchaſt von 
hundert und vierzig Mann ſich bei der Staͤrke des Feindes 
nicht einmal zur Wehr ſetzte. Zinnenberg erklaͤrte laut: im 
ganzen Kriege ſey ihm und dem Orden nichts ſo Schimpfliches 
begegnet; er ließ daher jeden von dem feigen Kriegsvolke, den 
er in ſeine Haͤnde bekam, ohne weiteres aufhängen. 2 

Waͤhrend darauf aber der Ordensſpittler, von ſeiner Krank⸗ 
heit hergeſtellt, fein Kriegsvolk vor Mohrungen führte, um endlich 
auch dieſe Stadt zur Ergebung zu zwingen, kam die Nach⸗ 
richt, daß der König von Polen ſich von neuem zu einem Hee⸗ 
reszuge nach Preuſſen anſchicke, um zuerſt Golub und Kulm 
zu erftirmen und dann weiter vorzudringen.) Der Hochmei⸗ 
ſter und der Spittler mußten eiligſt alles aufbieten, um die 
am meiſten bedrohten Schloͤſſer Kulm, Stuhm und Preuſſ. 
Mark fo viel als möglich mit allen Beduͤrfniſſen zu verforgen. 
Zum Gluͤck ſtand dem letztern der ganze große Werder frei, der 
alles Nöthige liefern mußte, denn der Hochmeiſter, der ſich 
ſelbſt von Bartenſtein mit einigen Tonnen Bier, zwoͤlf Stof 
Wein und einigen Seiten Speck zu ſeinem Unterhalte beſchen⸗ 
ken laſſen mußte, konnte wenig beiſteuern.“ Je mehr ſich 
aber der König der Graͤnze naͤherte, um fo nöͤthiger ſchien es, 
1) Runau p. 88. Schittz p- 289 — 290. 
2) Runau P. 88 — 89. Schütz p. 290. 
3) Schr. Bernbards v. Zinnenberg an den Komthur v. Schwez, 
d. Kulm am Abend Maris Magd. 1461 Schbl. XXVI. 14. 

4) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark am T. Stephani 
1401 Schöl. LIV. 11. Schr. des Rathes v. Bartenſtein an d. HM. 


616 Neuer Kriegszug des Königes. (1461.) 


die Feinde im Lande, um ihn deren Beihuͤlfe zu entziehen, fo 
viel als möglich zu befchäftigen. Die Belagerung von Moh⸗ 
rungen ward mit groͤßtem Eifer fortgeſetzt; der Meiſter ſelbſt 
erhielt von den Staͤdten Königsberg die nöthige Mannſchaft, 
um Schippenbeil zu beſtuͤrmen; es widerſtand eine Zeit lang 
mit feſtem Muthe, bis der Hunger zur Ergebung zwang, wor⸗ 
auf auch Raſtenburg nach langem Trotze in des Ordens Ge⸗ 
horſam zuruͤckkehrte. D 

Nun rückte zwar der Koͤnig in der Mitte des Auguſts, 
als eben die Raͤthe des ſchwarzen Fuͤrſten aus Schleſien als 
neue Unterhaͤndler zur Friedensvermittlung zwiſchen ihm und 
dem Orden beim Hochmeiſter anlangten, 9 an die Graͤnze her⸗ 
an; brach aber nicht ins Kulmerland, ſondern in Pommerellen 
ein und lagerte ſich vor Konitz und Friedland. Die Beſatzung 
der letztern Stadt ergab ſich nach achttaͤgiger Belagerung auf 
die Bedingung eines freien Abzuges nach Konitz, der einzige 
Erfolg des Kriegszuges, denn nachdem der Koͤnig nutzlos einige 
Wochen vor Konitz zugebracht und das kalte, fuͤr ſein Kriegs⸗ 
volk hoͤchſtverderbliche Regenwetter unter angenehmen Stunden 
bei der ſo ſchoͤnen, als tugendhaften Herzogin Sophia von 
Pommern, die fir ihren Gemahl Herzog Erich wegen ſeines 
Schrittes im vorigen Jahre um Gnade und Verzeihung bat, 
zu vergeſſen geſucht, brach unter den Kriegsleuten Krankheit, 
Murren und zuletzt eine Meuterei gegen des Koͤniges Feldherrn 
Samotuli aus, fo daß der König, zumal da die Gegend weit 
umher ausgepluͤndert und ausgehungert war, die Belagerung 
ohne Erfolg aufheben und nach Polen zuruͤckkehren mußte. 3) 


d. Mittw. nach Jacobi und Freit. nach Transſigurat. 1461 Schöbl. 
LV. 19. 

1) Schr. des Rathes der Altſtadt Koͤnigsberg an den HM. d. 
Mittw. vor Aſſumt. Maria 1461 Schbl. LVII. 46. Runau p. 9394. 
Schätz p. 291. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Donnerſt. vor Bar⸗ 
tholom. 1461 Schbl. XXVL 13 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Freit. vor Crucis 
1401 Schbl. LXXXII. 182. Runau p. 91. 93. Schütz p. 290, 


Braunsbergs Befreiung. (1461.) 617 


Auch anderwaͤrts hatte ſich unterdeß manches für den 
Orden noch günſtiger geſtellt. Die Gegenden um Braunsberg, 
Heiligenbeil und dort umher hatten ſeit Jahren durch das 
Soͤldnervolk unbeſchreiblich gelitten, fo daß die graͤßliche Noth 
die Bewohner in Staͤdten und auf dem Lande faſt zur Ver⸗ 
zweiflung brachte. Raub und Plünderung waren fuͤr die Soͤld⸗ 
nerhauptleute des Ordens dort noch das einzige Mittel ihrer 
Erhaltung. „Wir haben Hunger und Kummer genug gelitten, 
ſchrieb Georg von Kittlitz nebſt den uͤbrigen Hauptleuten aus 
Heiligenbeil dem Hochmeiſter, wir konnen alſo das vor Zinten 
geraubte Vieh nicht zuruͤckgeben. Wollt ihr uͤber uns klagen, 
ſo klaget auch daruͤber, daß ihr uns nicht gehalten, was ihr 
uns verheißen habt. Haͤttet ihr uns das Verſprochene aufs 
Pferd gegeben, wir haͤtten des Raubens nicht bedurft. Aber 
wir konnen unſere Hände doch nicht als Brot eſſen. Wir 
müffen rauben, fo weit wir können.“) In Braunsberg 
herrſchte laͤngſt unter den Bürgern Mißmuth und Unzufrieden⸗ 
heit. Um die hungrige Polniſche Beſatzung los zu werden, be⸗ 
nutzte man endlich des Föniglichen Hauptmannes Jon Schalski 
Abweſenheit beim Koͤnige, ließ heimlich aus den nahen Doͤr⸗ 
fern eine Anzahl handfeſter Schulzen und Bauern in die Stadt 
und zur gimſtigen Stunde ward plotzlich die Beſatzung uͤber⸗ 
fallen und uͤberwaͤltigt; viele wurden erſchlagen, andere erſaͤuft 
und was übrig blieb, gefangen in die Thuͤrme geworfen. So 
untergab ſich Braunsberg wiederum ſeinem Biſchofe, dem es 
der genannte Hauptmann trotz aller Aufforderungen bisher im⸗ 
mer vorenthalten. Alsbald riefen die Braunsberger den Haupt⸗ 
mann zu Heiligenbeil Melchior von Dewen und den zu Balga 
Siegfried Flach von Schwarzburg zu Huͤlfe, um mit ihrem 
und der Bauern Beiſtand auch Frauenburg von der Boͤhmi⸗ 
Diugoss. T. II. 276. Detmar B. II. 240. macht dieſen Zug des 
Koͤniges nach einem damals herrſchenden Gerüchte zu einer Ehrenſache 
wegen ſeiner Niederlage und Flucht bei Konitz. 

1) Schr. Georgs v. Kittlitz, Melchiors v. Dewen, Hans Haug⸗ 
witz Hofteute zu Heiligenbeil an HM. d. am T. Invent. Stephani 
1461 Schbl. LXXXII. 162. 


618 Braunsbergs Befreiung. (1461.) 


ſchen Beſatzung zu befreien. Nachdem man das Landvolk 
aus den Gebieten von Balga, Heiligenbeil und aus dem Ober⸗ 
lande zuſammengezogen, ward die Stadt umlagert. Da kam 
aber in den erſten Tagen des Octobers ploͤtzlich das Eönigliche 
Kriegsvolk aus der Gegend von Holland und Wormditt her⸗ 
angeſprengt. Es erfolgte ein aͤußerſt blutiger Kampf, in wel: 
chem ſechshundert vom Bauernvolke erſchlagen, hundert gefan⸗ 
gen und hundert und ſechzig mit der Stadtkirche, in die ſie 
ſich geflüchtet, verbrannt wurden.) Die Böhmen in Frauen⸗ 
burg erſuchten zwar darauf den Biſchof von Ermland um 
einen Beifrieden; allein er verwarf ihn nicht bloß, ſondern 
ließ auch alle ihre Gefangenen in Ketten ſchmieden. 9 

Auch Danzig ward bald wieder von Gefahr bedroht. Man 
hatte dort mit Elbing in Verbindung abermals eine Anzahl 
Schiffe mit vierhundert wehrhaften Kriegsleuten auf die See 
und ins Friſche Haff ausgeſandt, um einen Einfall ins innere 
Samland zu wagen.) Dieſe Zeit aber benutzte man „ um 
eine neue Verraͤtherei gegen Danzig anzuzetteln, indem der 
Hauptmann Fritz von Raueneck und die Hofleute zu Lauenburg 
einige Buͤrger dazu gewannen, ihnen die Thore der Altſtadt zu 
oͤffnen. Der Plan ward indeß auch jetzt zeitig genug entdeckt 
und fünf der Verraͤther ſtarben nach wenigen Tagen durch 
Henkers Hand.) Dagegen mußte Mohrungen, bisher immer 
ohne Hülfe gelaſſen, ſich endlich aus Hunger zur Uebergabe 
verſtehen, denn durch fuͤnf Paſteien eingeſchloſſen konnte es auf 


1) Schr. des Hauptmannes Siegfried Flach an d. HM. d. Balga 
Freit. nach Nativit. Mariä 1461 Schbl. LXXXII. 167. Schr. Georgs 
v. Schlieben Hauptm zu Eilau an d. HM. d. Eilau Sonnab. vor 
Kreuz⸗Erhoͤh. 1461 Schbl. XLVIII. 16. Hunt p. 91 — 92. Schlitz 
p- 291. 

2) Runau p-. 94. Schitz p. 291. 

3) Schr. des Biſch. v. Ermland an d. HM. d. Braunsberg Freit. 
nach Franciſci 1461 Schbl. LXXXII. 168. 

4 Schr. des Biſchofs Nicolaus v. Samland an d. HM d. Fiſch⸗ 
hauſen Sonnab. vor Franciſci 1461 Schbl. LXXXII. 166. 

5) Runau p. 95. Schitz p. 291. 


Unzufriedenheit der Stände mit dem Könige, (1461.) 619 


keine Rettung mehr hoffen.) Waͤhrenddeß aber hatte der 
Hauptmann zu Leſſen Ulrich von Kinsberg, im Lager vor 
Mohrungen liegend, fo wenig fir die Bemantung und Befe⸗ 
ſtigung jener Stadt thun koͤnnen, daß der Feind ſie faſt ohne 
Widerſtand gewann, freilich nicht ohne Verraͤtherei; ſie ward 
halb in Aſche verwandelt.“ Zum Erſatz dieſes Verluſtes ward 
um dieſelbe Zeit von mehren Söldnerhauptleuten des Ordens 
Strasburg berannt und bald auch erſtürmt; fie mußte ihren 
neuen Abfall vom Orden ſchwer buͤßen, denn Ulrich von Kins⸗ 
berg verlangte nicht nur eine bedeutende Brandſchatzung, ſon⸗ 
dern ließ auch alle Frauen und Jungfrauen, alles ihres 
Schmuckes und ſonſtiger Schaͤtze beraubt, aus der Stadt ver⸗ 
treiben. Ihr Schickſal aber ward mit jedem Tage noch ſchreck⸗ 
licher, da die Polniſche Beſatzung im Schloſſe, durch neue 
Hülſe eben erſt verſtaͤckt, den Feind aus der Stadt wieder zu 
vertreiben ſuchte. Vergebens rief der Rath, ſich wegen des 
Abfalles der Stadt durch die Bedraͤngniſſe von Thorn aus ent⸗ 
ſchuldigend, den Hochmeiſter um Hülfe an;?) es dauerte noch 
lange, ehe es zur Entſcheidung kam. 

Der letzte Kriegszug des Koͤniges aber und ſeine gaͤnzliche 
Unthaͤtigkeit für Preuſſen hatten uͤberall im Lande, beſonders 
in den Bundesſtädten wieder die größte Unzufriedenheit ange⸗ 
regt. Schon auf feiner Ruͤckkehr aus Pommerellen war ihm 
eine Geſandtſchaft der Lande und Staͤdte, an ihrer Spitze 
Stibor von Baiſen nach Bromberg nachgezogen, ihm dort vor⸗ 
ſtellend, wie ſehr das Volk über die Erfolgloſigkeit ſeines 
Kriegszuges und ſeine unverhofft ſchnelle Rückkehr erſchrocken 
ſen und welche Gefahren deshalb drohten. „Ihr habt uns, 
ſprachen ſie, oft zugeſagt, ihr wuͤrdet uns nicht verlaſſen und 


1) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ Mark Freit. vor Crucis 
1461 Schbl. LXXXII. 182. Runau p. 95. Schütz p- 290. 

2) Schr. Ulrichs v. Kinsberg an d. HM. d. Eilau am T Exal⸗ 
tat. Crucis 1461 Schbl. Ad. Geſch. K. 29. Schr. des Ordensſpittlers, 
d. Preuſſ. Mark Mittw. nach Aller Heil. 1461 Schbl. LXXXII. 157. 

3) Schr. des Rathes und der Gemeine v. Strasburg an d. HM. 
d. Sonnab. vor Andreͤ 1461 Schbl. LXXXII. 152. 


620 Unzufriedenheit der Stände mit dem Könige. (1461.) 


unſer gnaͤdiger Herr ſeyn, aber wir finden das in der That 
wenig; wir ſind viel mit Worten vertroͤſtet, allein die Werke 
haben ſich nicht alſo erfolgt. Nachdem wir ſchon gutlos find, 
fo forget daſuͤr, daß wir nicht auch leiblos werden; wo nicht, 
ſo muͤſſen wir es allgemein klagen, wie jaͤmmerlich wir von 
euch und eueren Raͤthen verleitet worden ſind. Wir haben 
euch oft ſchon geklagt, Marienburg in ſeiner jetzigen Gefahr 
werde viel zu gering geachtet, gleich als wäre es mit Wuͤrfeln 
gewonnen. Es ſteht täglich zu beſorgen, daß es den Feinden 
in die Haͤnde falle.“ Der Koͤnig ſuchte die Unzufriedenen auf 
alle Weiſe zu begütigen, entſchuldigte feinen Rückzug mit der 
Ungunſt der Witterung, verſprach, den Leidenden ins kuͤnftige 
mit Leib und Gut zu Huͤlfe zu kommen, ermahnte an fernere 
Treue und Ergebenheit, erinnerte daran, welche Opfer an Geld 
und Blut er ſchon acht Jahre lang fin Lande und Städte 
dargebracht, verhieß aufs baldigſte neue Kriegsmannſchaſt zu 
ihrer Rettung und vertroͤſtete ſie endlich auf einen bereits be⸗ 
ſchloſſenen Landtag, wo er alles aufbieten werde, um Geld 
und Kriegsvolk zuſammenzubringen und die Lande mit Gottes 
Hülfe aus ihrem Jammer zu erretten. „Wir werden euch nim⸗ 
mer uͤbergeben, ſprach er endlich, und ſollte es nach Gottes Wil⸗ 
len an uns gebrechen, ſo haben wir Kinder und Nachkömmlinge, 
die werden euch nie verlaffen.” Die Gefandten ſchlugen vor, 
der König möge zur Erhaltung der Städte und Schlöffer, wo⸗ 
zu das geſandte Kriegsvolk durchaus nicht zureiche, die Tata⸗ 
ren herbeirufen, um zugleich auch die Feinde dadurch zu 
ſchrecken; ſie baten ferner, er moͤge den Verbuͤndeten Marien⸗ 
burg einraͤumen, damit ſich da alle aus den andern Schloͤſſern 
Vertriebene und Verdrängte enthalten koͤnnten bis zu des Koͤ⸗ 
niges Ankunft. Beides aber lehnte dieſer ab, die Bittenden 
ſtets vertroͤſtend auf den beſchloſſenen Landtag, wo über beides 
berathen werden ſolle, und damit ſchied der Koͤnig von 
dannen.“ 


1) Die Verhandlungen zwiſchen den Sendboten der Lande und 
Staͤdte u. dem Könige weitlaͤuftig bei Schütz p. 292 — 294. 


Tagfahrt zu Elbing. (1461.) 621 


Kaum heimgekehrt verfammelte der Koͤnig einen Landtag 
zu Korczin im Anfange des Decembers, wo ſich von neuem 
Geſandte verſchiedener Fuͤrſten einfanden. Der Chan der Ta⸗ 
taren Ecziger verſicherte den König feiner alten Freundſchaft 
und entbot ihm Beihuͤlfe zu allen ſeinen Kriegen. Dieſer 
dankte indeß bloß und entließ die Geſandten reich beſchenkt. 
Auf des Hochmeiſters Bitte hatte auch König Georg von Boͤh⸗ 
men einen Bevollmaͤchtigten geſandt, mit dem Erbieten, gerne 
als Vermittler auftreten zu wollen, ſobald der Koͤnig nur eben 
ſo wie der Hochmeiſter Vertrauen in ſeine gerechte Entſcheidung 
ſetzen werde. Allein weder der Boͤhmiſche Geſandte, noch der 
des Kurfuͤrſten von Brandenburg erhielt eine Antwort, die ir⸗ 
gend Friede erwarten ließ.) Der Koͤnig ſchrieb darauf eine 
Tagfahrt nach Elbing aus, um da die gereizten Gemuͤther in 
Preuſſen ſo viel als moͤglich zu beruhigen. Allein es kam dort 
bloß die Sache des Biſchofs von Ermland und die Frage Über 
Braunsberg zur Sprache. Erſterer hatte bereits vorher mit 
dem Orden zur Sicherung ſeines jetzt mehr als ſonſt von den 
Polen und Verbündeten bedraͤngten Landes einen neuen Bei⸗ 
frieden geſchloſſen und man hatte ihm dieſen gerne bewilligt, 
weil es für den Orden von größter Wichtigkeit war, den Bi⸗ 
ſchof auf ſeiner Seite zu behalten. 2 Vom Gubernator indeß 
wiederholt eingeladen begab ſich der Biſchof doch ſelbſt mit 
auf die Tagfahrt, nachdem er zuvor den Hochmeiſter ſeiner 
redlichen Abfichten fin das Beſte des Ordens verſichert.) Man 
ließ es dort nicht an Vorſtellungen, Verſicherungen und Ver⸗ 
lockungen fehlen, um den Biſchof auf die Seite des Koͤniges 


1) Diugoss. T. II. 280-281. Schr. des Oberkompans des HM. 
Weit v. Gich, d. Mewe am Abend Barbard 1461 Schbl. XLI. 29; 
er war mit dem erwaͤhnten Geſuch an den Koͤnig v. Boͤhmen geſandt 
worden. 

2) Schr. des Biſch. Paul v. Ermland an d. HM. d. Braunsberg 
am T. Simon u. Juda 1461; Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. 
Mark Mont. nach Aller Heil. 1461 Schbl. LXVI. 214. 216. 

3) Schr. des Biſch. v. Ermland an d. HM. d. Braunsberg Dienſt. 
nach Lucia 1461 Schbl. XIII. i. 


622 Tagfahrt zu Elbing. (1461.) 


zu ziehen und zugleich ihn zu bewegen, die in Braunsberg ge⸗ 
machten Gefangenen frei geben zu laſſen. Allein auf dieſes 
Letztere ſtellte er fortwaͤhrend die Bedingung, daß man ihm 
zuvor feine Kirche zu Frauenburg raͤumen ſolle, und auf die ihm 
vorgelegte entſcheidende Frage: ob er forthin dem Koͤnige oder 
dem Orden zugethan bleiben wolle? gab er zur Antwort: der 
Papſt habe ihm geboten, mit beiden Parteien Friede zu hal⸗ 
ten; was er ſonſt noch auf dieſe Frage zu antworten habe, 
daruͤber muͤſſe er ſich erſt mit der Mannſchaft und den Staͤd⸗ 
ten ſeiner Kirche berathen, dann werde er darüber Beſcheid 
geben. Endlich kam es nach langen Verhandlungen zum Ab⸗ 
ſchluſſe eines Beifriedens bis zu Faſtnacht naͤchſtes Jahres, 
binnen welchem man den Koͤnig zu bewegen ſuchen wollte, dem 
Biſchofe gegen Auslieferung und Freiſtellung der Gefangenen 
die Kirche zu Frauenburg einraͤumen zu laſſen. D 

Wegen der Beihilfe des Königes aber fur die Verbuͤnde⸗ 
ten war, ſo viel wir wiſſen, auf der Tagfahrt wiederum nichts 
verhandelt und beſchloſſen worden, und doch war dieſe jetzt um 
fo nothwendiger, da nicht nur das fin die Verbündeten ſo 
wichtige Strasburg noch fortwährend ſtark belagert, ſondern 
auch die Weichſel⸗Schifffahrt von der Beſatzung zu Mewe 
immer mehr gehemmt, ja ſchon faſt ganz unterbrochen, juͤngſt 
auch die Stadt Stargard in Pommerellen vom Hauptmanne 
Fritz von Raueneck uͤberfallen und ausgepluͤndert worden war, 
ungeachtet der Warnung, die ſie von Danzig aus erhalten. 
Die Beute des Hauptmannes war ſehr bedeutend; ſelbſt der 
Sohn des Gubernators Stibor von Baiſen war dabei in 
Gefangenſchaft gerathen. 2 Endlich ward auch Danzig noch 
fort und fort von allen Seiten her von Feinden belaͤſtigt, die 
man immer wieder zurücktreiben mußte, ſo daß dort Gefechte 
auf Gefechte folgten, 3 


1) Die ſehr weitlaͤuftigen Verhandlungen mit dem Biſchofe auf 
der Tagfahrt bei Schätz p. 294 — 297. 

2) Runau p. 97 — 98. Schr. des Oberkompans des HM. Veit 
v. Gich, d. Mewe am Abend Barbarä 1461 Schbl. XII. 29. 

3) Runau p. 99. Schütz p. 297, 


Friedensverſuche und Kriegsfehden. (1402.) 623 


Alſo ſandten im Anfange des Jahres 1462 Lande und 
Staͤdte abermals eine Botſchaft an den Koͤnig, ihn dringend 
bittend, er moͤge ſchleunigſt ein anſehnliches Kriegsvolk herbei⸗ 
ſenden und in eigener Perſon ſich nach Preuſſen begeben, um 
das fir fie fo wichtige Strasburg zu retten, wofern er nicht 
Gefahr laufen wolle, bald alle mit ſo viel Geld und Blut er⸗ 
oberten Lande wieder zu verlieren. Zur Foͤrderung des Zuges 
erboten fie ſich ſelbſt zur Unterftügung durch Geld.“ Der 
Koͤnig, wohl einſehend, daß er jetzt etwas thun muͤſſe, ſandte 
einen Streithaufen von etwas uͤber zweitauſend Mann und 
begleitete ihn ſelbſt bis Leſlau, um dort zu erwarten, ob das 
Glück feinen Waffen im Kulmerlande guͤnſtig ſeyn werde. 
Allein ſein Feldherr Peter Dunin, obgleich reichlich mit Lebens⸗ 
mitteln verſehen, um die Beſatzung in Strasburg damit zu 
verſorgen, wagte es nicht einmal, das Ordensvolk anzugreifen; 
auch waren die Straßen weit umher ſtark befetzt. Die Be⸗ 
ſatzung ſah ſich endlich nach mehrmonatlicher Belagerung durch 
Hunger und Muͤhſal aller Art zur Uebergabe gezwungen, fuͤr 
die Verbündeten ein ſchmerzlicher Verluſt.) Die Polen dran⸗ 
gen darauf bis Kulm vor; allein der Kriegszug blieb abermals 
ohne Erfolg; es fehlte auch jetzt wieder an kraͤftigem Zuſammen⸗ 
wirken; die Thorner konnten oder wollten nicht einmal die 
Burg Schwez gehörig beſetzen; die Danziger erboten ſich nur 
zwanzig Mann zu Hülfe zu ſenden, ſo daß man genöthigt 
war, einen Theil der Burg abzubrechen. ) Uoeberdieß erlitten 
die Danziger um eben dieſe Zeit bei einem Einfall in den 


1) Schütz p. 297 298. 

2) Schr. des Hauptmannes zu Strasburg an Ulrich v. Kinsberg, 
d. Sonnab. nach u. 1. Frauen-Tag 1462 Schbl. XXVI. 20.21; giebt 
die Stärke der Polen auf 2000 Mann an, darunter 200 Tataren. 
RBunau p. 101. 

3) Runau I. o. Schütz p. 298—299. Schr. Bernh. v. Zinnen⸗ 
berg, d. Strasburg Sonnt. zu Faſtnacht 1462 Schbl. LI. 17. Bern⸗ 
hard u. Ulrich von Kinsberg befehligten das Ordens volk in Strasburg. 

4) Schlitz p. 298 ſpricht von zwei Schlöffern zu Schwez, woven 
das eine abgebrochen worden ſey. 


624 Friedensverſuche und Kriegsfehden. (1462.) 


Putziger Winkel vom Hauptmanne Balthaſar von Dohna eine 
bedeutende Niederlage, die ihre Kräfte noch mehr ſchwaͤchte. » 

Bei ſolcher Entkraͤftung der Parteien traten abermals 
friedliche Unterhandlungen ein. Der Meiſter befeſtigte zuerſt 
von neuem den Beifrieden mit dem Biſchofe von Ermland. 
Dieſer konnte mit den wirren Verhältniffen feines Biſthums 
immer noch nicht ins Reine kommen, obgleich der Ordens⸗ 
ſpittler alles that, um den Orden und die Söldner mit ihm 
auszugleichen, denn bald wollte dieſe, bald jene Stadt ſich 
den Verfuͤgungen des Biſchofs oder des Ordens nicht fügen. 2 
Dabei klagten die Ermlaͤndiſchen Domherren zu Allenſtein beim 
Hochmeiſter aufs bitterfte uͤber die Gewaltthaten und Erpreſſun⸗ 
gen des Hauptmannes zu Mohrungen, Hermanns von Kirch⸗ 
berg, eines Ordensritters, der ihnen, ſtatt Schutz zu gewaͤhren, 
alles raube, was ihr Leben noch einigermaßen friſten koͤnne 
und ihre Unterthanen auf alle Weiſe mißhandle.“) Hier alſo 
immer noch Streit und Feindſeligkeit, waͤhrend man immer 
vom Frieden ſprach. Auch mit den Hauptleuten zu Holland 
und Wormditt beſtand zwar noch der geſchloſſene Beifriede; 
allein er ward ebenfalls bald durch Pluͤnderungen der Haupt⸗ 
leute, bald auf andere Weiſe verletzt.) Endlich wurden, da 
der Papſt ſeinen Auftrag an ſeinen Legaten, den Erzbiſchof 
Hieronymus von Kreta wegen Friedensſtiftung erneuert hatte,) 


1) Schr. des Hauptm. Balthasar v. Dohna an Fritz v. Rauenect, 
d. Putzig Sonnt. nach Dorothed 1462 Schbl. LXXXII. 190. 

2) Schr. des Biſch. v. Ermland an d. HM. d. Heilsberg Mittw. 
nach Pauli Bekehr. 1462. Schr. des Ordensſpittlers, d. Lochſtaͤdt 
Dienſt. nach Reminiſ. 1462 Schbl. LXVI. 209. 211. Schr. des Pfle⸗ 
gers zu Raſtenburg, d. Dienſt. zu Faſtnacht 1462 Schbl. LIV. 108. 

3) Schr. der Ermlaͤnd. Domherren an d. HM. d. Allenſtein Freit. 
vor Oculi 1462. 

4) Schr. der Hauptleute zu Pr. Holland u. Wormditt an d. HM. 
d. Holland Sonnt. vor Faſtnacht 1462 Schbl. LXXXII. 191. 

5) Die Vollmachtsbulle des P. Pius II. an den Erzbiſch. Hierony⸗ 
mus v. Kreta, d. Romae XVI Cal. Januar. 1461 P. a. IV in alter 
Abſchrift im Rathsarchiv zu Thorn Cist. B. 25. 


Friedensverſuche und Kriegsfehden. (1462.) 625 


auch wieder Friedensverhandlungen zwiſchen dem Könige von 
Polen und dem Hochmeiſter angeknuͤpft. Beide hatten durch 
Geſandtſchaften den König Georg von Böhmen erſuchen laſſen, 
eine Friedensvermittlung einzuleiten und die ſchieds richterliche 
Entſcheidung zu uͤbernehmen. Dieſer, dazu bereitwillig, hatte 
auch auf den 15ten Mai einen Verhandlungstag zu Groß⸗ 
Glogau angeordnet, wo beide Fuͤrſten perſoͤnlich erſcheinen, ihre 
Zwiſtigkeiten verhoͤrt und nach Recht und Billigkeit entſchieden 
werden ſollten.) Allein zuerſt trat der Papſt ſelbſt wieder 
mit Beſorgniſſen dazwiſchen, denn obgleich er moͤglichſt bald 
eine Herſtellung des Friedens wuͤnſchte und deshalb den Kaiſer 
Friederich erſuchte, den Boͤhmiſchen König zu ermuntern, daß 
er alles aufbiete, den Orden vom Verderben zu retten, ſo be⸗ 
auſtragte er doch auch feinen Legaten, ja dafür zu forgen, daß 
durch den auf den Koͤnig von Boͤhmen geſtellten Compromiß 
dem Orden kein Schaden und dem Roͤm. Stuhle, dem allein 
dieſer untergeben ſey, in ſeinem Rechte kein Eintrag geſchehe, 
widrigen Falls den Koͤnig zu warnen, ſich irgend in die Sache 
einzumiſchen.) Dann war aber dem Hochmeiſter ſelbſt auch 
der Umſtand ſehr bedenklich, daß der Koͤnig von Polen ver⸗ 
langt hatte, die Streitſache ſolle „nicht aufs Recht, ſondern 
bloß auf Freundſchaft gebracht werden,“ ) und fein Mißtrauen 
in des Königes redliche Abſichten ward dadurch noch geſteigert, 
daß, waͤhrend der Legat alles aufbot, in beiden Parteien fried⸗ 
liche Geſinnungen zu erwecken, in des Koͤniges Auftrag durch 
den Gubernator Stibor von Baiſen neue Verſuche gemacht 
wurden, den Biſchof von Ermland nach Thorn zu locken, um 


1) Bericht der Geſandten des Poln. Koͤniges uͤber ihre Ausrichtung, 
d. Prag Freit. vor Dorothea 1462 Fol. E. 216. Inſtruction für den 
Geſandten des HM. Veit v. Gich an den Koͤnig v. Boͤhmen o. D. 
Schbl. V. 17. 

2) Schr. des Papſtes an den Kaiſer Friederich o. D. Schbl. 
XVIII. 16 (Abſchrift). Breve des Papſtes an feinen Legaten, d. 
Romae die VI April. 1462 Schbl. XVIII. 16. 

3) Schr. des HM. an d. Koͤnig v. Bohmen, d. Sonnt. Invocavit 
1462 Schbl. VII. 9. 

VIII. 40 


626 Friedensverſuche und Kriegsfehden. (1462.) 


ihn dort auf ſeine Seite zu ziehen, zumal da dieſer ohnedieß, 
wie er ſelbſt ſagt, bei vielen im Verdacht ſtand, zweideutige 
Geſinnungen zu hegen.) Die Tagfahrt fand nun zwar Statt; 
zahlreich erſchienen dort Geſandten fremder Fuͤrſten, auch der 
Bundesſtaͤdte in Preuffen und es gelang auch dem Könige von 
Polen durch perſoͤnliche Gegenwart leicht, ſich mit dem von 
Böhmen über feine ſtreitigen Verhaͤltniſſe friedlich auszugleichen. 
Allein fuͤr den Orden ging der Tag, da nicht einmal Bevoll⸗ 
maͤchtigte des Hochmeiſters dort erſchienen, völlig fruchtlos hin. 2 

Mittlerweile hatte in Preuſſen das elende Getreibe von 
Raubfehden und Pluͤnderungszuͤgen ſeinen Fortgang bis in den 
Sommer hinein; heute raubte man eine Viehheerde, morgen 
eine Anzahl Menſchen; jetzt ſtuͤrmte das Ordensvolk nach Polen 
hinein und pluͤnderte einige zwanzig Dörfer aus; dann brach 
des Koͤniges Volk bis in die Gegend von Kulm vor, um die 
Getreidefelder in Brand zu ſtecken. Auch ſelbſt des Koͤniges 
Anweſenheit mit einem neuen anſehnlichen Streithaufen hatte 
keinen Erfolg weiter, denn ein Verſuch, ſich der Burg Althaus 
zu bemaͤchtigen, ſcheiterte an der Wachſamkeit der dortigen Be⸗ 
ſatzung, und Bernhard von Zinnenberg zu Kulm, obgleich nur 
ſchwach mit Mannſchaft verſehen, war Tag und Nacht auf 
ſeiner Hut, um ſich den Feind nicht zu nahe kommen zu 
laſſen. Ihm ſelbſt gelang manche kuͤhne Unternehmung bald 
beim Angriffe feindlicher Fahrzeuge auf der Weichſel, bald bei 
Einfaͤllen ins feindliche Land.) Ueberhaupt ſchien auch der 
König, wie man mehr und mehr ſah, mit feinem Heerhaufen 
nicht ſowohl zum Kriege, als vielmehr nur dazu gekommen zu 


1) Schr. des Biſch. v. Ermland an d. HM. d. Heilsberg am 
Aſchtage 1462 Schbl. LXVI. 16. Schr. des Rathes v. Breslau an 
d. HM. d. Sonnab. vor Reminiſ. 1462 Schbl. VI. 76. 

2) Runau p. 101 — 102. Schütz p. 299. Dlugoss. T. II. 
291—292. Fol. E. 217219. Reimar Kock's Ehron, bei Detmar 
B. II. S. 700. 

3) Schr. Ulrichs v. Kinsberg Hauptm. zu Eilau, d. Sonnt. nach 
Johanni 1462 Schbl. Ad. Geſch. K. 37. Runa p. 102 — 103, 
Scliuils p. 299 — 300. 


Kriegsfehden vor Frauenburg und Braunsberg. (1462.) 627 


ſeyn, vor den feindlichen Städten und Schlöffern die reifenden 
Saatfelder niederzubrennen oder ſonſt zu vernichten, weshalb 
die Hauptleute von allen Seiten her, aus Kulm, Loͤbau, Neu⸗ 
mark, Eilau u. ſ. w. um Verſtaͤrkung ihrer Beſatzungen baten, 
um ſolchen Graͤueln der Verwuͤſtung Einhalt zu thun.) Den 
Ordensſpittler aber, an den ſich faſt alle um Rath und Huͤlſe 
wandten, hinderte wieder Krankheit an aller Thaͤtigkeit.? 
Ueberhaupt ſchien faſt keine Unternehmung von einiger 
Wichtigkeit mehr zu gelingen. So hatten die Hauptleute Fritz 
von Raueneck und Kaspar von Noſtitz die Beſatzungen von 
Lauenburg, Putzig, Konitz und Buͤtow zu einem Heerhaufen 
von funfzehnhundert Reiſigen und vielem Fußvolke vereinigt 
und brachen damit im Juli bis S. Albrecht, eine Meile von 
Danzig vor, wo ſie einen Theil des dortigen Waldes faͤllten 
und damit die nahe fließende Radaune hemmten, deren Daͤmme 
fie dann durchbrachen, fo daß die Gegend weit umher Übers 
ſchwemmt, die Getreidefelder vernichtet und Danzig Wochenlang 
des Waſſers zu ſeinen Muͤhlen beraubt wurde. Dann ſtuͤrm⸗ 
ten fie gegen Dirſchau hinüber und belagerten die Stadt auf 
der Landſeite, waͤhrend bewaffnete Fahrzeuge von Mewe die 
Verbindung der Stadt zu Waſſer abſchnitten. Allein nach 
einigen Tagen zogen die Belagerer ſchon wieder von dannen 
und geſtanden den Dirſchauern ſogar einen Waffenſtillſtand 
zu. ) Unterdeß führte der Hochmeiſter mit dem Biſchofe von 
Ermland verbunden, ohne Zweiſel um ihn noch ſeſter fuͤr den 
Orden zu gewinnen, einen Heerhaufen von etwa dreitauſend 
Mann aus dem Nieder- und Hinterlande vor Frauenburg, um 
es wo moͤglich von ſeiner Beſatzung zu befreien und dem 
Biſchofe zu uͤberliefern. Vier Wochen brachte man damit hin, 
die Stadt ringsum mit Schanzen zu umgeben. Da kam un⸗ 
erwartet der Polniſche Hauptmann Peter Dunin mit einem 


1) Darüber die Schr. der Hauptleute Schbl. XXVI. 17. 19. 22. 23. 
2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Mont. nach Quaſi⸗ 
modog. 1462 Schbl. LXXXII. 189 
3) Runau p. 103 — 104. Schütz p. 300, 
40 * 


628 Kriegsfehden vor Frauenburg und Braunsberg. (1462.) 


Streithaufen zur Hülfe der Belagerten herbeigezogen; zu gleicher 
Zeit ſegelten auf dem Haff eine Anzahl von Danzig und Elbing 
ausgeruͤſteter, ſtarkbemannter Schiffe und Fahrzeuge heran, um 
jenen Heerhaufen zu unterſtuͤtzen. Da der Hochmeiſter es nun 
nicht wagen wollte, mit ſeinem Kriegsvolke, worunter auch viel 
unzuverlaͤſſiges Bauernvolk war, dem doppelten Feinde ſich 
zum Kampfe entgegenzuſtellen, ſo raͤumte er ſchnell bei naͤcht⸗ 
licher Weile das Lager, verlor jedoch auf der Flucht, vom 
Feinde verfolgt, gegen dreihundert Mann.) So mißgluͤckte 
nicht bloß auch dieſe Unternehmung, ſondern die Mannſchaft 
der erwähnten Schiffe, ſiebenhundert Polen und Deutſche, ſegelte 
bald darauf zur Nachtzeit an die Samlaͤndiſche Kuͤſte hinüber, 
landete und erſtuͤrmte fruͤh am Morgen Fiſchhauſen. Das 
Rathhaus, die Kirche, alles ward von den Polen rein aus⸗ 
gepluͤndert, und da zwiſchen ihnen und den Deutſchen der 
Beute wegen ein Zwiſt entſtand, der faſt zu Mord und Todt⸗ 
ſchlag führte, fo geboten die Hauptleute, um den Streit zu 
hemmen, die Stadt an allen Orten anzuzuͤnden und fo brannte 
ſie bis auf das letzte Haus nieder. Das Kriegsvolk rettete ſich 
auf die Schiffe; eins derſelben fiel jedoch mit hundert Mann 
beſetzt, durch widrigen Wind getrieben, dem Kriegsvolke des 
Ordens in die Haͤnde, ward ausgepluͤndert und ſeine ganze 
Mannſchaft gefangen genommen. 2) 

Kühn gemacht durch das bisherige Glück brachen bald 
darauf die Polniſchen Hauptleute Jon Schalski und Peter 
Dunin an der Spitze einer Polniſchen Heerſchaar, durch Dan⸗ 
ziger und Elbinger verftärkt, gegen Braunsberg auf, um die 
Stadt zu erſtuͤrmen. Früh am Tage Bartholomäi ward ſie 
rings umlagert und ſofort berannt. 9 Allein die Buͤrgerſchaft 
und Beſatzung widerſtanden mit feſtem Muthe; rings umher 
wurden weit und breit alle Gebaͤude, Doͤrfer und Hoͤfe aus⸗ 


1) Runde p. 104. Schlitz I. c. 

2) Runau p. 105. Schütz I. c. 

3) Schr. Anſelms v. Tettau an d. HM. d. Heiligenbeil am T. 
Bartholom. 1462 Schbl. XLIX. 27. 


Kriegsfehden vor Frauenburg und Braunsberg. (1462.) 629 


geplündert und niedergebrannt. Bis ins Gebiet von Melſack 
gingen Schalski's drohende Brandbriefe, gebietend, daß aus 
Doͤrfern und Hoͤfen des Kammeramtes Mann fuͤr Mann mit 
Waffen, Kriegswagen und Lebensmitteln dem Polniſchen Heere 
Zuzug leiſten ſolle bei Strafe des Brandes und hoͤchſtem Ver⸗ 
derbniß. Trotz dem ſtellte ſich von dorther kein einziger Mann; 
vielmehr erboten ſich alle, dem Biſchofe und dem Orden in 
feſter Treue zugewandt, dieſem mit Leib und Gut beizuſtehen“ 
und da man bald allenthalben eine feindliche Geſinnung gegen 
die Polen wahrnahm, ſo begnuͤgten ſich die Hauptleute damit, 
die Gebiete von Heiligenbeil, Balga und Brandenburg mit 
Raub und Feuer heimzuſuchen und kehrten dann zuruck. Auf 
dem Ruͤckzuge indeß kam es, da die Braunsberger ploͤtzich den 
Nachtrapp angriffen, noch zu einem harten Gefechte, wobei 
dreihundert aus Braunsberg erſchlagen und vierzehn der vor⸗ 
nehmſten Bürger in des Feindes Hände gerathen ſeyn ſollen. 

Der Polniſche Hauptmann Jon Schalski aber warf ſich 
darauf mit ſeinem Streithaufen von zwoͤlf hundert Mann ge⸗ 
harniſchten Doppelſöldnern, Reiſigen und Fußvolk nach Pom⸗ 
mern, wo ſich jetzt wichtigere Ereigniſſe vorbereiteten. Zwiſchen 
Danzig und dem Kloſter Oliva beim Dorfe Stries ſein Lager 
ſchlagend, verſtaͤrkte er durch einen Theil der Beſatzungen von 
Danzig und Dirſchau, durch den vierten Theil der wehrhaften 
Bürgerſchaft der erſtern Stadt und ſelbſt durch Herbeiziehung 
der Kohlenbrenner aus den nahen Waͤldern ſeine Streitmacht 
bis zu dreitauſend Mann. Mit ihr durchſtuͤmmte er zuerſt 
unter Raub und Brand die Gebiete von Stargard, Buͤtow, 

1) Schr. des Domherrn Chriſt. Tapiau aus Frauenburg an d. 
HM. d. Melſack Donnerſt. vor Auguſtini 1462; der Drohbrief des 
Hauptmanns Schalski, d. im Heere vor Braunsberg Mittw. nach 
Bartholom. 1462 Schbl. LXVI. 197. Der Hauptmann nennt ſich in 
dem Drohbrief auch Jon von Walſtein. 

2) Runau p. 105 — 106. Schütz p. 301. 

3) Runau 1. c. giebt zwar nur 2000 Mann an, laͤßt aber aus 
Dirſchau u. Danzig zu dem Heerhaufen noch 1900 Mann hinzukommen; 
die Angabe bei Schütz p. 301 iſt um ſo glaublicher. 


630 Schlacht im Putziger Winkel od. bei Zarnowitz. (1462.) 


Lauenburg und Putzig, wo faſt alle Dörfer und Höfe in Aſchen⸗ 
haufen verwandelt wurden; nur das Meer ſetzte den Ver⸗ 
heerungen Graͤnze. Am 14ten September endlich ſchlug das 
wilde Kriegsvolk beim Dorfe Schwetzin, weſtwaͤrts von Putzig, 
eine Meile vom Kloſter Zarnowitz, ein Lager, rings von einer 
Wagenburg und von Schanzen und Graben umgeben. Hier 
von drei Seiten geſchuͤtzt, weſtwaͤrts von einem faſt bis ans 
Meer reichenden See beim Kloſter, gen Norden durch das Meer 
und oͤſtlich durch das Putziger Wieck, glaubten die Polen ſich 
gegen feindliche Angriffe geſichert. Unerwartet aber brach ſchon 
am naͤchſten Tage das Kriegsvolk des Ordens, an ſeiner Spitze 
die Hauptleute Fritz von Raueneck, Kaspar von Noſtitz Kaspar 
von Warnsdorf, Fritz von Hohenneſt und der Hauptmann von 
Schoͤnaich, mit einer Wagenburg in Schlachtordnung hervor, 
durch Hüͤlfsvolk aus Pommern und Kaſſuben und dreizehn⸗ 
hundert bewaffnete Bauern verſtaͤrkt, dem Feinde an Macht 
uͤberlegen.) An ſchwerer Reiterei, dem eigentlichen Kern ihrer 
Streitmacht, waren ſie faſt doppelt ſo ſtark und es gelang 
ihnen ſomit leicht, in Eile den Feind wie in einem halben 
Mond zu umringen. Des Sieges ſchon gewiß hatten die 
Ordenskrieger in den nahen Waͤldern die Baͤume zu Verhacken 
niedergehauen, damit kein Feind entrinnen konne. Kaspar von 
Noſtitz verſchwor es laut: wer von ſeinen Kriegsleuten nur 
einen Fuß breit ruͤckwaͤrts weiche, ſolle dem Koͤnige von Polen 
als leibeigener Knecht ausgeliefert werden. 2 

Als der Feind wahrnahm, daß die Ordenshauptleute 
gleichfalls eine Wagenburg ſchlagen wollten, brach er ſofort die 
ſeinige und befahl ſie dem Danziger Hauptmanne Lucas mit 


1) Runau p. 107 ſtimmt auch hier mit Schütz 1. e. nicht ganz 
überein; jener giebt die ganze Ordensmannſchaft nur auf 2700 Mann 
an; dieſer erwähnt außerdem noch 600 leichter Reiter u. „viel anderes 
loſes Geſinde.!“ Nach Runau P. 108 fol die Streitmacht des Ordens 
700 Mann ſtaͤrker geweſen ſeyn. Tidemanns Chron. p. 238 zaͤhlt 
1500 Reifige, 400 Fußknechte u. 1300 bewaffnete Bauern; auch hier 
wird die uebermacht des Ordens auf 700 Mann angegeben. 

2) Schitz p. 301. 


Schlacht im Putiger Winkel ob. bei Zarnowitz. (1462.) 631 


vierhundert Mann und einiger leichter Reiterei zur Hut, um 
ſich den Rückhalt zu ſichern. Nun begann die Schlacht. Der 
erſte Anſturm geſchah ſogleich in ſo wilder Kampfluſt und mit 
ſolcher Heftigkeit, daß beiderſeits die Spieße zerbrochen in die 
Luft ſprangen. Schon nach kurzem Kampfe ward die ſchwere 
Reiterei des Ordens durchbrochen; ſie begann zu weichen; jedoch 
ermannte und ſammelte ſie ſich wieder. Sie ſtuͤrmte von 
neuem auf den Feind ein; auch das Fußvolk kam jetzt zum 
Kampfe; mehre Stunden lang ſchwankte der Sieg hin und 
her. Die Polen und das Kriegsvolk aus Dirſchau fochten vor 
allen mit verzweifeltem Muthe, denn da eine Flucht nach Ver⸗ 
luſt des Sieges faſt unmoͤglich war, ſo blieb ihnen nur die 
Wahl des Todes in oder nach der Schlacht oder der ſchrecklich⸗ 
ſten Gefangenſchaft. Endlich ſchon ſpaͤt am Abend des Schlacht⸗ 
tages kam der Kampf zur Entſcheidung. Die Polen ſchrieben 
ſie dem kuͤhnen Krieger Paul Jaſſienski zu, der mit ſeinem 
Schilde bedeckt, in die feindlichen Lanzen hineinſprengend, die 
Ordnung des Feindes verwirrt und jo deſſen Flucht veranlaßt 
haben ſoll.) Gewiſſer iſt, daß, als das Polniſche Kriegsvolk 
ſchon mehr und mehr ermüdete, der Hauptmann Lucas aus der 
Wagenburg das dort zur Hut liegende Reitervolk von neuem 
in den Kampf ſandte. Damit begann gegen das Ordens volk 
ein dritter Angriff mit friſchen Kräften des Feindes ſowohl von 


1) Die Heldenthat Paul Jaſſienski's erzählt bloß Plagoss. T. II. 
299. Runau u. Schütz erwähnen ihrer nicht u. De Wal Histoire 
de POrd. Tent. T. VII. 15 bat fie, wie wir aus Kotzebue B. NV. 
374 erſehen, für ein romantiſches Maͤhrchen erklärt. Auffallend iſt 
allerdings das Schweigen der genannten Chroniſten, die uns am ge⸗ 
nauſten uͤber die Schlacht belehren; auch die Ordens⸗ Chroniken willen 
davon nichts. Etwas unſicher bleibt daher die Erzählung immer, da 
Diugoss. feinen Polen gerne ſchmeichelt. Erdichtet iſt aber der Name 
Paul Jaſſienski, den Dlugoss. einen Aulieus Regius de doıno Gozdava 
nennt, keineswegs, denn wir finden ihn auch in einem Schr. des Haupt⸗ 
mannes von Stuhm Nicolaus v. Baiſen an den Rath v. Thorn vom J. 
1483 als Sandomiriſchen Herrn genannt. Es iſt alſo wohl möglich, 
daß er ſich in dieſer Schlacht durch eine Heldenthat hervorgethan. Wir 
finden ihn im J. 1465 als Polniſchen Hauptmann. 


632 Schlacht im Putziger Winkel od. bei Zarnowwitz. (1462.) 


vorne her als auf den Flügeln. Der tapfere Hauptmann Fritz 
von Raueneck fiel jetzt im wildeſten Kampfgetuͤmmel; um ihn 
her lagen bald dritthalbhundert der Seinigen erſchlagen. Da 
entſank auch den Uebrigen der Muth; alles ergriff die Flucht. 
Kaspar von Noſtitz ſoll unter den Fliehenden einer der erſten 
geweſen ſeyn. Ein Theil der ſchweren Reiterei aber kam in 
nahen Suͤmpfen um; das Ordensvolk hatte ſich durch den er⸗ 
waͤhnten Baumverhack ſelbſt die Flucht erſchwert. Seine Nieder⸗ 
lage war ſchrecklich; ſeit der Schlacht bei Konitz hatte keine ſo 
viel Blut gekoſtet. Man gab die Zahl der Gefallenen uͤber⸗ 
haupt auf mehr als zwölfpundert, nach andern Berichten auf 
mehr als zweitauſend an; die größte Zahl davon gehoͤrte dem 
Ordensvolke.) Der Feind dagegen zählte eine ſehr bedeutende 
Menge von Schwerverwundeten, von denen die meiſten an 
ihren Wunden ſtarben. Unter den Gefallenen betrauerten die 
Danziger vor allen ihren Hauptmann Johann Meideburg. Mit 


1) Runau p. 109 giebt die Zahl der Todten auf beiden Seiten 
auf 1219 Mann an, ohne die in den Suͤmpfen und Wäldern um⸗ 
gekommenen. Wenn aber nach ihm auf Seiten des Ordens nur 500 
auf der Wahlſtatt blieben u. nur 70 gefangen wurden, ſo muͤßte der 
Polen u. ihrer Verbuͤndeten Verluſt viel groͤßer geweſen ſeyn. Ob 
Hunau zu jenen noch die 250 Mann von Rauenecks Haufen dazu 
gerechnet hat, iſt nicht deutlich. Von Seiten der Polen u. deren Vers 
buͤndeten läßt er aber doch nur etwas über 100 Mann erſchlagen u. 
150 ſchwer verwundet werden. Schlitz p. 301 ſtinnmmt damit nicht 
überein; nach ihm fielen im Ganzen von beiden Seiten über 1000 
ſchwere Reiter u. Reiſige 700 Fußknechte u. 400 Bauern, alſo gegen 
2000; 70 Reiſige wurden gefangen. Davon gehoͤrten den Polen gegen 
300, den Danzigern über 200, u. 155 Schwer verwundete. Dlugoss. 
I. o. fagt: Caesa eo proelio duo hostium millia, Sexingeuti capti re- 
feruntur. Ex Polonis nemo, praeter Hectorem Chodorski, de Domo 
acervorum, ex ordine militum desideratus, et Centum alli sine nomine 
tam ex eduite quam pedite. Tidemanns Chron. p. 238 zählt vom 
Ordensvolk 1000 Todte u. 70 gefangene „gute Hofleute;“ auf Seiten 
der Polen nur 100 Todte u. 200 Schwerverwundete. Detmar B. II. 
254. Reimar Kock's Chron. bei Detmar B. II. 700 ſtimmt in 
der Angabe der Todten mit Tidemann überein, läßt aber die Schlacht 
am 18 Septem. erfolgen. 


Schlacht im Putziger Winkel od. bei Sarnowig. (1462.) 633 


feiner Leiche, hundert Wagen, ſaͤmmtlichem Geſchüͤtze und allem 
erbeuteten Kriegsbedarf des Feindes kehrten am Tage nach der 
Schlacht die Sieger nach Danzig zurück. Was ſie nicht mit 
ſich fuhren konnten, wurde vernichtet. Die Leiche des tapferen 
Fritz von Raueneck ließen die Danziger aus Achtung ſeines 
ritterlichen Muthes im Kloſter Zarnowitz zur Erde beſtatten.“ 

Noch trauriger aber als die Verluſte in der Schlacht wa⸗ 
ren fin den Orden ihre Folgen. Seine beſten Kraͤfte waren 
gänzlich aufgerieben und bei der fortdauernden ſchrecklichen 
Bedraͤngniß in ſeinen Finanzen ſchien es ganz unmöglich, fie 
irgendwoher wieder zu erfegen. Im Lande ſelbſt, wo man 
uͤberall nur Trauerſcenen des Elends und Jammers, des Hun⸗ 
gers und bettelhafter Armuth wahrnahm, war zur Aufbrin⸗ 
gung neuer Streitkraͤfte nicht die geringſte Ausſicht. Livland 
ſah ſich wegen des Streites, in dem man dort wegen des 
Biſthums Oeſel mit dem Könige von Daͤnemark lebte, ſowie 
von Rußland her fortwaͤhrend mit Krieg bedroht.) In 
Deutſchland ſchien man ſich ſeit einiger Zeit um den Orden 
in Preuſſen, den man ſchon faſt für verloren gab, gar nicht 
mehr zu bekuͤmmern. Die Feinde aber benutzten ſofort nach 
der Schlacht des Ordens Schwaͤche und Entmuthigung und 
es folgte für ihn nun Ungluͤck auf Ungluͤck. Ungehindert 
durchſtuͤrmten jetzt feindliche Heerhaufen, durch neue, vom Koͤ⸗ 


1) Die Berichte über die Schlacht ſtimmen weder mit einander 
überein, noch geben fie ein ganz klares Bild. Numa iſt ſehr verwirrt 
u. fragmentariſch; nach ihm geſchah in der Schlacht ein dreimaliger 
Angriff. Schitz p. 301 klagt ſelbſt: „ſchier in keiner Preuſſ. Chronik 
findet man des Handels eigentliche Gelegenheit, wie er ſich angelegt 
u. was er für einen Ausgang genommen.“ Dann führt er im Ganzen 
an, was Runau darüber ſagt, ſchließt jedoch mit den Worten: „es 
iſt alles ſehr ungewiß, daß man eigentlich darauf bauen ſollte.“ Die 
von ihm dann angefuͤhrte Beſchreibung von Cromer iſt im Weſentlichen 
die des Dlugoss, auf den man ſich aber bei Beſchreibungen von 
Schlachten am wenigſten verlaſſen darf. 

2) Schr. des Livland. Meiſters, d. Riga am Abend der h. drei 
Könige 1462 Schbl. V. 18. 


634 Unglüdtiche Kriegsfehden für den Orden. (1462.) 


nige geſandte Streitkraͤfte verſtaͤrkt, faſt ganz Pommerellen; 
Schöneck, Behrendt, Buͤtow, die Dörfer um Stargard, Mewe, 
Neuenburg und beim Kloſter Pelplin erlagen der ſchrecklichſten 
Pluͤnderung und gingen zum Theil in Feuer auf.) Der 
Herzog Erich von Stolpe, der dem Orden mit einem Reiter⸗ 
haufen hatte zu Hülfe kommen wollen, trat nach der Schlacht 
ſurchtſam zuruͤck, wehrte keinem Feinde und war kaum zu 
einem Berathungstage mit einigen Bevollmächtigten des Or⸗ 
dens zu bewegen.?) Graf Hans von Gleichen, der mit eini⸗ 
gen Hofleuten ſich Lauenburgs wieder bemaͤchtigt, ſah ſich 
ohne Beihuͤlfe kaum im Stande, die Stadt behaupten zu 
koͤnnen. ) 

Auch in Preuſſen ſelbſt haͤufte ſich das Ungluͤck und Elend 
zum vollſten Maaße, vor allem im Kulmerlande. Bernhard 
von Zinnenberg in Kulm hatte vergebens dem Hochmeiſter die 
hoͤchſt gefahrvolle Lage der dortigen Burgen vorgeſtellt und 
auſs dringendſte um Huͤlfe gefleht. Seine Kriegsleute entlie⸗ 
fen ihm mit jedem Tage in größerer Zahl; er konnte ſelbſt 
die Beſſeren kaum noch auf einige Zeit zuruͤckhalten, denn 
auch dort war wie zu ihm, ſo zum Orden, alles Vertrauen 
entſchwunden. Darüber gelang es dem Böhmen = Haupt: 
manne Ulrich Czirwenka ſich des Schloſſes Golub wieder zu 
bemächtigen; die ganze Beſatzung ward erſchlagen und gefan⸗ 
gen.“) Kulm verlor dadurch alle Zufuhr, die es von dorther 
hatte erhalten ſollen. „Ich wollte lieber, ſchrieb Bernhard von 
Zinnenberg in tiefem Unmuth an den Hochmeiſter, die Weile 
in einem Thurme ſitzen; was hilft's euern Gnaden, daß ihr 
mich um Leib und Gut bringet und ſelbſt um meine Ehre. 
Soll mir mein getreuer Dienſt alſo gelohnt werden, fo muß 
es Gott geklagt ſeyn. Erfolgt keine Huͤlfe, ſo wiſſet, daß mir 


1) Rumau p. 109 — 110. Schütz p. 302. 

2) Dlugoss. T. II. 301. Schr. des Ordensſpittlers, d. Moh⸗ 
rungen Freit. nach Calixti 1462 Schbl. XV. 254, 

3) Schr. des Ordensritters Grafen Hans v. Gleichen an d. HM. 
d. Lauenburg am T. nach 11,000 Jungfr. 1462 Schbl. LXXXII. 195. 

4) Runau p. 110. Schütz p. 302. 


Unglüdtiche Kriegsfehden fur den Orden. (1462.) 635 


bald alle Leute entlaufen werden; dann will ich aber auch 
alles ſtehen laſſen, wie es ſteht. Bedenket aber, daß es dann 
um dieſe Stadt nicht allein zu thun iſt, ſondern um ein viel 
Größeres.“ Bernhards Unzufriedenheit mit des Meiſters 
Saumſeligkeit nahm noch zu, als ihm die Feinde aus Golub 
und Thorn immer mehre ſeiner Kriegsleute abfingen und als 
er ſah, wie trotz aller ſeiner Bitten nicht das Mindeſte geſchah, 
um verdiente Hauptleute, wie Georg Lobel u. a. aus ihrer 
Gefangenſchaft zu löfen. Der Undank, den er darin ſah, ent⸗ 
nahm ihm allen Muth, fortan fin den Orden auch nur das 
Geringſte noch zu thun.“ 

Beinahe jeder Tag brachte nun neue betruͤbende Nach⸗ 
richten. Das Städtchen Seeburg ward von den Kriegsleuten 
aus Paſſenheim uͤberfallen, ausgepluͤndert und niedergebrannt. 
Danzig und Thorn dagegen erhoben ſich theils durch glückliche 
Plümderungszuͤge, theils durch den Weichſel⸗ Handel, den man 
wenig mehr ftören konnte, aus ihrer Erſchoͤpfung immer mehr 
empor.) Ein Verſuch des Biſchofs von Ermland, ſich durch 
eine angezettelte Verraͤtherei der Stadt Wormditt zu bemaͤch⸗ 
tigen, mißlang, weil der Hauptmann Jon Schalski in Frauen⸗ 
burg, zeitig davon benachrichtet, des Biſchofs Leute überfiel 
und gefangen nahm.) Und wie kein Tag ohne neues Ungluͤck, 
ſo keiner ohne neue bittere Klagen und dringende Bitten an 
den Hochmeiſter um Beiſtand und Rath in dem ſchrecklichen, 
immer ſteigenden Elend. „Als wir denn, ſchrieb der Biſchof 
Kaspar von Pomeſanien an den Meiſter, gar oft euch unſere 
große Armuth, Noth und Kummer muͤndlich und auch durch 
unſere Schriften haben berichten laſſen, ſo iſt es doch leider, 
Gott ſey es geklagt, mit uns ſo weit gekommen, daß wir auf 
unſere alten Tage in ſolches Elend kommen muͤſſen und koͤn⸗ 


1) Schr. Bernhards v. Zinnenberg, d. Kulm am Abend Simon 
u. Juda 1462 Schbl. LI. 18 

2) Schr. Bernhards v. Sinnenberg, d. Kulm am T. Katharinä 
1462 Schbl. II. 19. Rumau P. 111, Schütz p.. 308. 

3) Runau I. o. Schütz 1. c. 

4) Das Nähere bei Schütz und Runau I. c. 


636 Friedensverſuche. (1463.) 


nen es nicht Yänger ertragen, ſondern muͤſſen uns ganz über: 
geben. Darum bitten wir euch inſtaͤndigſt, daß ihr ungefäumt 
darauf denket, unſer Schloß und unſere Stadt zu beſetzen, da⸗ 
mit der Orden nicht zu groͤßerem Schaden komme. Was uns 
der Biſchof von Samland durch eine Beiſteuer der Prieſter 
hat zukommen laſſen, dafuͤr danken wir, aber es iſt ſogar ge⸗ 
ring, daß wir kaum das graue Gewand unſeres Geſindes da⸗ 
mit haben bezahlen koͤnnen.“) Wenn aber ein Biſchof alſo 
klagt, welcher Jammer und welches Elend mußte unter den 
Bürgern der verarmten kleinen Städte und unter den Bewoh⸗ 
nern des platten Landes herrſchen, deren Klagen nicht zu uns 
gekommen ſind! 

Und dieſe jammervolle Zeit hatte auch im Jahre 1463 
noch keineswegs ihr Ende erreicht, denn der Raubkrieg dauerte 
noch immer fort. Im Kulmerlande ſchwaͤrmte der Boͤhme 
Ulrich Czirwenka mit ſeinen Kriegsgeſellen unter Raub und 
Brand weit und breit umher. In Pommerellen ſtuͤrmte eine 
Raubhorde aus Danzig gegen tauſend Mann ſtark durch Kafz 
ſuben bis nach Stolpe vor, raubte Heerden und brannte Doͤr⸗ 
fer nieder, bis ſie auf der Heimkehr beim Kloſter Karthaus 
vom Ordensvolke aus Lauenburg und Buͤtow ereilt, zum Theil 
erſchlagen und gefangen wurde. Ebenſo hauſten bald darauf 
die Kriegsleute des Ordens aus Stargard und Kiſchau in der 
Naͤhe von Danzig; Viehraub und Niederbrennen von Doͤrfern 
war auch hier ihr einziges Kriegsgeſchaͤft. 2 

Je länger aber dieſes wilde Weſen fortdauerte, um ſo 
mehr draͤngte ſich das Beduͤrfniß des Friedens auf. Schon 
im Anfange des Januars knuͤpfte der paͤpſtliche Legat Hiero⸗ 
nymus Erzbiſchof von Kreta von Brzeſe aus wieder neue Frie⸗ 
densverhandlungen an, denn da der Hochmeiſter ſelbſt eine 
Botſchaft zu friedlichen Verhandlungen an ihn geſandt hatte, 
ſo bot er alle Mittel auf, um jetzt das Friedenswerk zu Stande 


1) Schr. des Biſchofs Kaspar v. Pomeſanien „ d. Rieſenburg am 
Abend der h. drei Könige 1463 Schbl. LXV. 56, 
2) Runau p. 113 — 114. Schitz p- 303. 


Friedensverſuche. (1463.) 637 


zu bringen. Sein Wunſch einer perſönlichen Zuſammenkunft 
des Hochmeiſters mit dem Koͤnige von Polen blieb jedoch un⸗ 
erfuͤlt, denn jener ſandte auf den angeordneten Reichstag zu 
Petrikau nur feine Bevollmächtigten. Es kam deshalb hier 
zu keinem Beſchluſſe. Der Legat begab ſich jetzt ſelbſt zum 
Hochmeiſter nach Koͤnigsberg und bewog ihn zu einer neuen 
Friedensverhandlung, die im Anfange des Mai zu Brzeſc 
Statt finden ſollte. Es ward zuvor von ben Verbuͤndeten 
ein Landtag gehalten, theils um ſich über die Punkte zu be⸗ 
rathen, welche zur Verhandlung kommen ſollten, theils auch 
um zu erwaͤgen, ob man dem Biſchofe von Ermland ſeine 
Bitte wegen Bewilligung eines Beiftiedens mit Landen und 
Städten erfüllen Tonne. Sie wurde ihm nur zum Theil ge⸗ 
waͤhrt.s) Darauf gingen nach Aushaͤndigung der gegenſeitigen 
Geleitsbriefe, worüber es jedoch zwiſchen dem Hochmeiſter und 
dem Gubernator zu einigen Eroͤrterungen kam, die Geſandten 
mit den noͤthigen Vollmachten“) zu dem neuen Verhandlungs⸗ 
tage ab; allein jene Eroͤrterungen ließen kaum erwarten, daß 
man ſich werde vereinigen koͤnnen, denn der Hochmeiſter war 
noch feſt entſchloſſen, die Staͤdte Thorn, Elbing und Danzig 
— 


1) Schr. des päpfil. Legaten an d. HM. d. Bresth IV Januar. 
1463 Schbl. LXXXII. 124, 

2) Runau p. 114; er giebt unrichtig dem paͤpſtl. Legaten den 
Namen Marcus Erzbiſchof von Aretin; Schütz p. 303. 

3) Schr. des Biſch. v. Ermland an d. HM. d. Heilsberg Oſter⸗ 
abend 1463 Schbl. LXVI. 206; er ſagt ſelbſt, daß er mit Landen 
und Städten einen Beifrieden aufgenommen; nur Jon von Walſtein 
(Schalsti) habe nicht beitreten wollen, weil er vor allen Theidingen 
die Gefangenen befreit haben wolle. Daher bei Schätz p. 303 u. 
Bunau p. 115 die Nachricht, der Beifriede ſey gar nicht bewilligt 
worden. 

4) Vollmachtsurkunde des HM. d. Koͤnigsb. Mont. nach Quaſi⸗ 
modogen. 1463 Schbl. 68. 6. Ordensbevollmaͤchtigte waren der Or⸗ 
densritter Graf Georg von Henneberg, der Ermlaͤndiſ. Domherr Ste⸗ 
phan Mathie, Rathsbeiſitzer des HM., der Hauskomthur zu Preufl- 
Mart Guntram von Hotzfeld. Die Bevollmächtigten der Verbuͤndeten 
nennt Schütz p. 304. 


638 Friedensverſuche. (1463.) 


als unterthaͤnige Städte des Ordens in Anſpruch zu nehmen.“) 
Ueberhaupt hatten die Bevollmaͤchtigten den Auftrag, den 
paͤpſtlichen Legaten zu erſuchen, beim Koͤnige vor allem es da⸗ 
hin zu bringen, daß er alle in dieſem Kriege mit Unrecht und 
Gewalt dem Orden entriſſenen Lande und Staͤdte an dieſen 
zuruͤckgebe, denn alsdann erſt wolle der Hochmeiſter ſich uͤber 
etwanige Anſpruͤche, die der König darauf zu haben meine, 
vor dem Papſte oder deſſen Legaten dem Rechte gemaͤß mit 
ihm ausgleichen. Sonach geftaltete ſich auch gleich im An⸗ 
fange der Verhandlungen alles in der Art, daß eine Ausglei⸗ 
chung gar nicht möglich war. Die Polen hätten es gerne ge⸗ 
ſehen, wenn die Bevollmächtigten aus den Staͤdten auf dem 
Tage gar nicht erſchienen waͤren und ſuchten daher ihr Dahin⸗ 
kommen zu hindern.) Sie waren ferner bemuͤht, ſogleich 
von vorne herein den Legaten zu verdaͤchtigen, als lege er es 
nur darauf an, die abgefallenen Lande und Staͤdte wieder an 
den Orden zu bringen. Deshalb faßten noch vor der eigent⸗ 
lichen Verhandlung die koͤniglichen Näthe und die Bevollmaͤch⸗ 
tigten ans Preuſſen den feſten Beſchluß: ſie wollten es unter 
keinen Umſtaͤnden dahin kommen laſſen, daß der Legat es auch 
nur verſuchen ſolle, Lande und Staͤdte von der Krone Polens 
wieder zu trennen.) Es erhoben ſich darauf noch eine Menge 
andere Schwierigkeiten. Zuerſt wollte der Legat nicht in die 
Verſammlung auf dem Rathhauſe kommen, verlangend, die 
Parteien ſollten ſich zu ihm ins Kloſter verfügen und zwar 
einzeln, weil er die Polen und Preuſſen nicht zuſammen ver⸗ 


1) Schr. des HM. an Stibor v. Baiſen „ d. Koͤnigsb. Sonnt. 
Miſericord. 1463 im Rathsarch. zu Thorn. Der HM. nennt ihn 
nicht Gubernator und erkennt ihn als ſolchen nicht an. Stibor hatte 
naͤmlich in einem Schreiben an den HM. wegen des ſichern Geleites 
beruͤhrt, daß die Staͤdte Elbing, Thorn und Danzig nicht mehr dem 
Orden gehoͤrten. Der HM. beſtreitet dieß mit allem Nachdruck, be⸗ 
hauptend, die Städte follten und müßten dem Orden verbleiben, Dar⸗ 
auf bezieht ſich auch die Stelle bei Schütz p. 304, 

2) Schütz p. 304. 

3) Schütz 1. c. 


Friedensverſuche. (1463.) 639 


hören wollte. Da fie indeß dennoch alle zuſammen vor ihm 
im Kloſter erſchienen, ſo erklaͤrte er: er koͤnne ſich uͤberhaupt 
mit den Sendboten der Verbündeten in keine Verhandlung 
einlaſſen, wenn ſie, da ſie mit dem Banne beladen ſeyen, 
nicht anerkennten, daß zuvor die Stadt, welche durch ihre An⸗ 
kunft ins Interdict gefallen ſey, davon frei geſprochen werden 
muͤſſe. Dieß hieß eine foͤrmliche Anerkennung des Bannes 
fordern, welche die Sendboten nicht zugeben konnten. Der 
Legat erließ jetzt den Befehl, allen Gottesdienſt einzustellen. 
Allein die Sendboten brachten mit des Koͤniges Anhaͤngern 
eine Anzahl Geiftliche zuſammen, ließen ihm zum Hohn wie 
zu einer Siegesfeier mit allen Glocken laͤuten und in den Kir⸗ 
chen ein feierliches Te Deum ſingen. Erbittert uͤber dieſe Ver⸗ 
hoͤhnung wollte ſich der Legat zum Könige nach Krakau begeben; 
allein man geſtattete ihm dieß nicht, fürchtend, er werde auch 
dort nur Unfrieden und Zwietracht ſtiſten. Nachdem er von 
den Polen noch manchen bittern Vorwurf uͤber Parteilichkeit 
für den Orden und über die gaͤnzliche Verkennung des Zweckes 
ſeiner Sendung als Friedens vermittler hatte vernehmen miiffen, D 
und nachdem ihm die Ordensbevollmaͤchtigten die Erklaͤrung 
übergeben, daß der Orden ſich nur dann zum Frieden verſtehen 
könne, wenn der Koͤnig alles, was er dem Orden in frevel⸗ 
hafter Weiſe entriſſen, wieder einraͤume,? begab er fi) nach 
Breslau, um da des Königes Ankunft in den noͤrdlichen 
Theilen ſeines Reiches zu erwarten und zugleich auch weitere 
Befehle vom Roͤm. Hofe, an den er alles berichtete, einzu⸗ 
ziehen. ® Allein auch von dort aus führten die weitern Schritte 
keineswegs zur Foͤrderung des Friedens. Es wird berichtet: 


* 


der Legat habe die Pommern und Preuſſen, welche damals 


1) Darüber Schütz p. 304 — 305. 

2) ueber dieſe Vorſtellung und Erklarung der Ordens geſandten 
ein Fragment Schbl. LXXXII. 196. 

3) Außer den Nachrichten über dieſe Verhandlung bei Schütz 
1. c. ein Schr. des Legaten an den HM. d. Brest VI Maji 1463 
Schbl. LXXXII. 122, welches uns mehres Einzelne aufklaͤrt, bereits 
von Baczko B. III. 358, 439 benutzt und gedruckt. 


640 Die Tagfahrt zu Brzeſc. (1463.) 


zum Jubeljahre um Ablaß nach Breslau kamen, auf jede 
Weiſe durch Ueberredung und Drohung für den Orden zu ge⸗ 
winnen und zum Abfalle vom Koͤnige zu bewegen geſucht, ja 
er habe ſelbſt Frauen die Erfüllung ehelicher Pflichten zu un⸗ 
terſagen gewagt, ſofern fie ihre Männer nicht wieder zum Ge⸗ 
horſam gegen den Orden zu bringen wuͤßten.) In feinen 
Berichten an den Papſt und an den König warf er alle Schuld 
der vereitelten Friedensbemuͤhungen auf den Biſchof Johannes 
von Leſlau. Der letztere indeß, bereits von allem unterrichtet, 
verlangte von ihm: er ſolle vor allem, um weitere Verhand⸗ 
lungen anzuknuͤpfen, den gegen Recht und Gebrauch uͤber die 
Preuſſen verhaͤngten Bann widerrufen. Da indeß der Legat 
ſich bloß dazu verſtehen wollte, den Bannſpruch nur waͤhrend 
der Dauer der Friedensberathungen einſtweilen aufzuheben, fo 
zerſchlug ſich nun alle weitere Verhandlung; die Preuſſen wie⸗ 
fen jetzt auch die Vermittlung des Legaten ganz und gar zurück. 

Mittlerweile waren neue Verwickelungen zwiſchen Danzig 
und dem Koͤnige von Daͤnemark eingetreten. Obgleich der 
Waffenſtillſtand zwiſchen beiden vor kurzem erſt abermals ver⸗ 
laͤngert worden war, ſo konnte der letztere, der es im Stillen 
immer noch mit dem Orden hielt, den Danzigern es doch nicht 
vergeſſen, daß ſie ſeinen Mitbewerber um die Krone Schwedens 
bei ſich aufgenommen und geſchuͤtzt. Um eine Schuld auf ſie 
zu bringen, erhob er Klage daruͤber, daß Karl in Danzig vor 
dem Artushofe ihn öffentlich gelaͤſtert, ſelbſt Schmaͤhſchriften 
gegen ihn habe anſchlagen duͤrfen. Wiewohl die Danziger 
dieß für ein falſches Gerücht erklaͤrten, fo wurden doch ihre 
Schiffe in des Koͤniges Gewaͤſſern, bei der Fahrt durch den 
Sund einer Menge von Belaͤſtigungen, Plackereien und Ver⸗ 
hinderungen unterworfen, wodurch oft Schiff und Gut verloren 
gingen. Die Klagen Danzigs uͤber Verletzung des Beifriedens 


1) Dlagoss. T. II. 317: Mulieribus quoque, quae viros in 
obedientiam Magistri ei Ordinis pellicere non possent, conubia vorum 
deserere iniunxit; nach ihm Cromer bei Schütz p. 306. 

2) Schätz p. 306 — 307. 


Verrätherei in Danzig. (1463.) 641 


blieben durchaus fruchtlos. Es kam daher bald zu gewaltſa⸗ 
men Schritten, zu Plünderungen und zu allerlei feindlichen 
Maaßregeln, denn die Danziger ſahen ſich nothgezwungen, ihr 
Eigenthum zu vertheidigen, ſelbſt mit bewaffneter Hand. So 
ging man beider Seits in Hader und Unfriede immer weiter 
und es würde unfehlbar wieder zum förmlichen Kriege gekommen 
ſeyn, wenn nicht des Koͤniges beſonnene Raͤthe ihm ernſtlich 
davon abgerathen und der Schweden Hinneigung zu ihrem 
vertriebenen Könige Karl ihm nicht mancherlei Beſorgniſſe ein⸗ 
gefloͤßt hätte.) Waͤhrenddeß war Danzig abermals von 
einem Aufruhr bedroht worden. Es hatte ſich wieder eine 
Anzahl leichtverkaͤuflicher Menſchen, beſonders unter den Hand⸗ 
werkern, “ zu dem verraͤtheriſchen Plane vereinigt, die Stadt 
in die Haͤnde des Ordens zu bringen. Es hatte ſich bereits 
mit ihrer Beihuͤlfe nicht bloß eine Anzahl von Ordensknechten 
in die Stadt einzuſchleichen gewußt, die als Matroſen und 
Sacktraͤger verkleidet den Verſchworenen Beiſtand leiſten und 
dem Hochmeiſter die Thore öffnen ſollten, ſondern es war auch 
ſchon eine zahlreiche Liſte derer aus dem Rathe und der Buͤrger⸗ 
ſchaft angefertigt, die man der Volkswuth zu Opfern uͤbergeben 
wollte. An der Verſchworenen Spitze ſtand Gregor Koch, ein 
Seifenſieder, ein hoͤchſtverwegener Menſch, ihm zur Seite ein 
Rechtsgelehrter, der unlaͤngſt von der hohen Schule aus Welſch⸗ 
land heimgekehrt, jetzt auf dieſem Wege ſein Gluͤck zu machen 
hoffte. Am Margarethen⸗Tage unter der Fruͤhmeſſe ſollte der 
Aufruhr erfolgen; funfzig Rathsherren und Binger ſollten er⸗ 
mordet und die Haͤuſer der Reichſten gepluͤndert werden. Allein 
am Abend zuvor noch entdeckte einer der Verſchworenen, von 
Gewiſſensbiſſen gequaͤlt, dem Buͤrgermeiſter den ganzen ver⸗ 
raͤtheriſchen Plan. Die Mitſchuldigen wurden ergriffen und 


1) Schütz p. 307 — 308. 

2) Nach Detmar B. II. 268 waren ihrer 400. Reimar 
Kock's Chron. bei Detmar B. II. 701 führt die Rädelsfuͤhrer na⸗ 
mentlich auf, namlich „Greier Kock, ein Sepenſeder, unde Marten 
Keſemarket de Olde, unde Teuß, ein Korßner, unde etlike meher.“ 

VIII. 41 


642 Belagerung der Stadt Mewe. (1463.) 


drei und zwanzig derſelben buͤßten mit dem Leben. Die Ordens; 
knechte wurden eingefangen, theils enthauptet, theils erfäuft, 
theils an die Schiffe der Danziger angeſchmiedet. Wiederholte 
Feuersbrunſte, die bald darauf in der Stadt ausbrachen, ſchrieb 
man der Rache verſteckter Verſchworenen zu. D 

Danzigs Haß gegen den Orden war dadurch von neuem 
entflammt. Um ſo mehr ſetzte es bald ſeine Waffen, bisher 
lange Zeit meiſt nur zu Raub und Pluͤnderung gebraucht, zur 
Belagerung von Mewe mit Eifer in Bewegung. Um die 
Weichſel⸗Schiffahrt von den Angriffen und Belaͤſtigungen zu 
befreien, die ſeit Jahren vorzuͤglich von Mewe aus gegen die 
Danziger veruͤbt worden, ward beſchloſſen, die Stadt und das 
Schloß dem Orden zu entreißen. Gegen Ende des Juli zog 
ein anſehnliches Kriegsvolk aus Danzig, Dirſchau und Marien⸗ 
burg nebſt einem Polniſchen Heerhaufen zur Belagerung hinan. 
Um ſie auszuhungern, ward ſie rings mit Schanzen und Graben 
eingeſchloſſen und zur Waſſerſeite der Strom mit Schiffen und 
Fahrzeugen ſtark beſetzt. Die Beſatzung vertheidigte ihre Mauern 
mit der ruͤhmlichſten Tapferkeit, feſtvertrauend auf des Hoch⸗ 
meiſters Beihuͤlfe, der, wie man glaubte, die Stadt unmöglich 
Preis geben werde. Allein es hatte fuͤr ſie keinen Vortheil, 
daß man die Bauern im Werder auſwiegelte, um die Dan⸗ 
ziger Mannſchaft von Mewe hinwegzuziehen.) Auch die 
Verſuche des Hauptmannes von Stargard Hans von der 
Saale, den Feind ins offene Feld zu locken, blieben ohne Er⸗ 
folg. Es gingen Monate vorüber, ehe irgend etwas von 
Entſcheidung geſchah. Der Hochmeiſter hatte immer noch auf 
die erbetene Beihuͤlfe aus Livland gewartet; als ihm indeß 
der Livlaͤndiſche Meiſter meldete, Beſorgniſſe vor den Ruſſen 


1) Runau p. 117. 122. Schitz p. 308. 310. Det mar B. II. 
269 berichtet, es ſeyen uͤber 60 gekoͤpft worden. 

2) Schiitx p. 309. Detmar B. II. 269. 

3) Schr. des Hauptm. v. Stargard Hans v. d. Saale an d. 
Fiſchmeiſter zu Putzig Heinrich v. Richtenberg, d. Stargard Mont. 
nach Crucis 1463 Schbl. Adelsgeſch. 8. 91. 


Belagerung der Stadt Mewe. (1463.) 643 


und manche andere Gefahren und Hinderniſſe wurden ihm erſt 
im Winter erlauben, mit ſeinem reiſigen Zeug in Preuſſen zu 
erſcheinen, v ſchritt er endlich zur That, um Mewe zu entſetzen. 
Eine anſehnliche Streitmacht aus Samland, Natangen und 
den Hinterlanden ſollte theils zu Lande, theils zu Schiffe den 
Belagerten zu Huͤlfe eilen. Allein die Danziger hatten auf 
die Nachricht von dieſer Kriegsruͤſtung des Ordens, in Ver⸗ 
bindung mit den Elbingern bereits ebenfalls eine Anzahl be⸗ 
waffneter Schiffe ins Haff geſandt; es gelang ihnen bald die 
Schiffe des Ordens, vier und zwanzig an der Zahl, zu um⸗ 
zingeln. Es kam zum foͤrmlichen Seegefechte, in welchem das 
im Seeweſen unerfahrene und ungeuͤbte Ordensvolk den ge⸗ 
wandteren Danzigern und Elbingern unterliegen mußte und 
völlig zu Grunde ging, denn über ſiebzehnhundert Mann wurden 
erſchlagen, die uͤbrigen gefangen, viele verſchlangen die Wellen 
und ſaͤmmtliche Schiffe und Fahrzeuge nebſt zahlreichem Ge⸗ 
ſchütz und Kriegsgeraͤth fielen den Siegern in die Hände, für 
den Orden ein ſchrecklicher Verluſt. Der Komthur von Memel 
ward als Gefangener mit nach Danzig geführt; nur dem Kom⸗ 
thur von Balga war es gelungen, eine geringe Mannſchaft 
auf fünf Kaͤhnen zu retten. Mittlerweile war der Heerhaufe 
zu Lande, gegen zwoͤlfhundert Mann ſtark, bei Neuenburg 
glücklich Über die Weichſel gekommen, an feiner Spitze der 
Ordensſpittler und Bernhard von Zinnenberg aus Kulm. Bei 
Stargard mit den Beſatzungen aus Konitz, Putzig und Kiſchau 
ſich vereinigend, warf ſich dann die ganze Heerſchaar, an Dir⸗ 
ſchau voruͤberziehend, ins kleine Werder, theils um dort das 
Bauernvolk an ſich zu ziehen, vor allem aber das Kriegsvolk 
zu Schiff dort zu erwarten und mit ſich zu verbinden. Um 
dieſem zu Huͤlfe zu kommen, ſandte der Ordensſpittler drei⸗ 
hundert Mann voraus; ſie wurden aber faſt ſaͤmmtlich von den 
Bauern im großen Werder erſchlagen, und als nun auch die 
Nachricht von dem ſchrecklichen Schickſale des Ordensvolkes 


1) Schr. des Livland. Meiſters an d. HM. d. Riga Sonnt. nach 
Kreuz⸗Erhoͤh. 1463 Schbl. V. 15. 
41 * 


644 Belagerung der Stadt Mewe. (1463.) 


auf dem Haff anlangte, zog ſich muthlos der Heerhaufe nach 
Stargard zuruͤck und zerſtreute ſich dort wieder, ohne daß das 
Mindeſte zur Rettung Mewe's geſchehen war.“) So waren 
wiederum die koſtbarſten Kräfte vergeudet ohne den geringften 
Erfolg. 


Aber auch forthin noch ſtuͤrmte ein Ungluͤck nach dem an⸗ 
dern auf den Orden ein. Es fehlte wenig, daß ſelbſt der 
Hochmeiſter in feindliche Gefangenſchaft gerathen waͤre. Die 
Elbinger naͤmlich, wohl wiſſend, daß ſich am Kirchweihfeſte 
bei der S. Adalberts⸗Kapelle in Samland gewöhnlich eine 
große Menſchenmenge verſammele, hatten ſich am Abend vor 
dem Michaelis⸗Tage mit des Hauptmannes Schalski Kriegs⸗ 
leuten verbunden, ſetzten an die Samlaͤndiſche Kuͤſte fiber und 
ſchlichen ſich in dunkler Nacht bis an die Kapelle heran, wo 
fie dann plotzlich das verſammelte Volk uͤberſielen, viele er: 
ſchlugen und andere gefangen nahmen. Den Hochmeiſter, der 
ebenfalls zum Feſte gekommen war, rettete nur noch das ſchnelle 
Roß des Buͤrgermeiſters von Koͤnigsberg. Seinen Wagen er⸗ 
beuteten die Feinde.) Auch dem Drdensfpittler ſchien in 
keinem Unternehmen das Gluͤck mehr guͤnſtig. Es gelang ihm 
zwar, durch Einverſtaͤndniß mit mehren Bürgern fi) der Stadt 
Preuſſiſch⸗Holland zu bemaͤchtigen, indem man ihm, waͤhrend 
die Beſatzung meiſt auf Futterung ausgezogen war, die Thore 
öffnete. Da jedoch das Schloß noch in den Haͤnden der Feinde 
war und dieſe den Polniſchen Hauptmann Peter Dunin zu 
Huͤlfe riefen, ſo mußte vom Spittler der Beſitz der Stadt 
wieder aufgegeben werden, zumal da ſie, ob durch ſeine oder 
der Feinde Schuld, iſt ungewiß, an allen vier Enden in 
Brand gerieth. 


1) Runau p. 119 — 121. Schitz p. 309 — 310. 

2) Runau p. 122 — 123. Schlitz p. 310. 

3) Runau P. 123 läßt die Stadt durch die Beſatzung des Schloſſes 
in Brand ſtecken; nach Schiuz p. 311 geſchah es durch den Ordens⸗ 
ſpittler. 


Belagerung der Stadt Mewe. (1463.) 645 


Im Wechſel mit dieſen Kriegsereigniſſen erfolgten im 
Herbſt von einer Tagfahrt zu Petrikau aus wieder einige 
Friedensverſuche, denn nicht nur der paͤpſtliche Legat hatte dem 
Koͤnige durch einen Botſchaſter gemeldet, daß er aus Rom 
neue Befehle zur Friedensſtiſtung erhalten habe und das 
Friedenswerk gerne mit Ernſt angreiſen und vollenden moͤge, 
ſondern auch Lübeck hatte ſich durch eine Geſandtſchaft zur 
Friedensvermittlung erboten. Um den Papſt nicht zu erbittern, 
wies man nun zwar des Legaten Anerbieten nicht gerade ent⸗ 
ſchieden zuruck; aber weder der König, noch viel weniger die 
Verbündeten mochten ihm Vertrauen ſchenken; man wollte es 
daher darauf ankommen laſſen, welche Schritte er fuͤr den 
Frieden thun werde. Weit bereitwilliger nahm man das An⸗ 
erbieten Luͤbecks an, deſſen Sendboten auch bereits beim Hoch⸗ 
meiſter Unterhandlungen gepflogen hatten. Nur konnte man 
ſich Anfangs uͤber Ort und Zeit der Verhandlungen lange 
nicht vereinigen, bis man endlich nach einigen vorlaͤufigen Be 
rathungen und Eroͤrterungen uͤber die weſentlichſten Streit⸗ 
punkte die naͤhere Beſchließung ins naͤchſte Jahr hinaus⸗ 

ellte. D 
> So erbaͤrmlich war die Zeit, daß man weder Kraft auf bot 
zu einem gerechten, ernſten Kriege, noch auch feſte Entſchluͤſſe 
faßte, um den Drangſalen des Landes endlich durch einen 
Frieden ein Ziel zu ſetzen. Der Koͤnig von Polen hielt un⸗ 
erbittlich an feiner Beute feſt; in den Bundesſtaͤdten ließ Haß 
und Ingrimm gegen den Orden keine ruhige Beſonnenheit 
mehr zu; der Orden beharrte fort und fort ſtreng und feſt an 
ſeinem alten Rechte; alle ſahen daruͤber das ganze Land dem 
gräßlichſten Elend Preis gegeben und noch war keine Ausſicht, 
wann und wie dieſer ſchreckliche Zuſtand enden werde. Es 
konnte dem Orden nur als ſchnoͤde Zuruͤckweiſung alles Friedens 
erſcheinen, wenn der Koͤnig auf einer Tagfahrt in Litthauen 
den Vorſchlag machte, den Kreuzherren gegen die Uebergabe 


1) Die Verhandlungen Schbl. XXVI. 11 und bei Schiitæ 
p. 310 — 311. 


646 Waffenſtillſt. Bernd, v. Zinnenberg mit Polen. (1463.) 


Preuſſens das Land Podolien einzuräumen, zumal da dieſes 
zum Großfuͤrſtenthum Litthauen gehörte. D 

Unter dieſen traurigen Verhaͤltniſſen war der Biſchof 
Kaspar von Pomeſanien in den letzten Tagen des Octobers 
dieſes Jahres in Jammer und Elend geſtorben und die Kirche 
ſtand nun dort lange Zeit wie ganz verwaiſt und verlaſſen 
da.) Vergebens rief das Domkapitel den Hochmeiſter um 
Rath und Beiſtand an. Keiner von den Domherren mochte 
den aͤrmlichen Biſchofsſtab in die Hand nehmen. Man erſuchte 
daher endlich den Meiſter, irgend einen tuͤchtigen Mann aus 
dem Domkapitel in Samland oder irgendwoher aus dem Lande 
zur Biſchofswahl in Vorſchlag zu bringen, denn jeden Vor⸗ 
geſchlagenen erbot ſich das Kapitel als Biſchof anzunehmen, 
ſo wenig beneidenswerth war das aͤrmliche Amt geworden. 
Mußte doch der Biſchof von Samland auf ſeine Prieſterſchaft 
abermals einen Schoß legen, um das ausgehungerte Schloß zu 
Rieſenburg nur mit den allemöthigften Lebensbedürfniſſen zu 
verſorgen. 

Ueberhaupt loͤſte ſich in den Weichſel-Gegenden alles, 
was dem Orden dort noch einigermaßen Geltung gegeben, 
mehr und mehr auf. Gegen Ende dieſes Jahres gaben ſchon 
die meiſten Hofleute dieſſeits und jenſeits der Weichſel ihre 
bisher beſetzten Schloͤſſer auf und ließen ſie wuͤſte und leer 
und faſt gaͤnzlich unbemannt ſtehen.) Da that endlich auch 
Bernhard von Zinnenberg, der alte, getreue Freund des Or⸗ 
dens, den verzweiflungsvollen Schritt, den er laͤngſt dem Hoch⸗ 
meiſter als endlich nothwendig in ſeiner troſtloſen Lage vor⸗ 


1) Schr. des Komthurs v. Memel an d. HM. d. Dienft, nach 
Simon u. Judaͤ 1463 Schbl. XVI. 30. 

2) Hartknoch Preuſſ. Kirchengeſch. S. 168 giebt verſchiedene 
Todestage an; das Todesjahr 1463 iſt außer Zweifel; ſ. Arnold 
Preuſſ. Kirchengeſch. S. 167. 

3) Schr. des Domdechanten v. Pomeſanien an d. HM. d. Rieſenb. 
Donnerſt. nach Thomä 1463 Schbl. LXV. 102. 

4) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark Freit. 
vor Nativit. Chr, 1463 Schbl. LXXXH. 123. 


Waffenſtillſt. Bernh. v. Zinnen berg mit Polen. (1463 .) 647 


geſtellt. Er ſchloß mit dem Könige von Polen und den Herzogen 
von Maſovien und Stolpe einen Waffenſtillſtand bis zu Ende 
des Krieges, worin beſtimmt ward: Bernhard ſolle von ſeinen 
Schloͤſſern Kulm, Strasburg und Althaus aus, die man ihm 
zum Pfande für feinen Sold eingeräumt, dem Hochmeiſter und 
Orden oder deren Anhaͤngern keine weitere Hülfe leiſten, noch 
ſie mit Lebensmitteln oder Kriegsbeduͤrfniſſen unterſtuͤtzen, noch 
den Hochmeiſter oder einen der Seinen in eins der genannten 
drei Schlöffer einlaſſen. Er verſprach ferner, waͤhrend des 
Waffenſtillſtandes weder vom Hochmeiſter noch von andern ir⸗ 
gend eine Geldſumme oder Sold zur Auslöfung der genannten 
Schloͤſſer annehmen zu wollen. Der König dagegen verpflichtete 
ſich, ſobald er nach geſchloſſenem Frieden Herr des ganzen 
Landes ſeyn werde, Bernhard'n im ruhigen Beſitze der Schloͤſſer 
in keiner Weiſe zu ſtoͤren; nur die Edlen und Landleute der 
umliegenden Gegenden ſollten dem Könige Huldigung leiſten. 
Bernhard verſprach endlich, ſich alle moͤgliche Muͤhe zu geben, 
um ſich des Schloſſes zu Soldau zu bemaͤchtigen und es dann 
unter denſelbigen Bedingungen zu behalten, bis dahin aber der 
Beſatzung Soldau's durchaus keine Hülfe zu leiſten. Um dieſem 
Beifrieden ungeſtoͤrte Dauer und Feſtigkeit zu geben, ſollten die 
Bewohner aus den Staͤdten und Schloͤſſern Kulm, Althaus 
und Strasburg ſich nicht in des Königes Übrigen Staͤdte in 
Preuſſen begeben, wohl aber völlig freien Handel und Verkehr 
nach Polen haben. Geſchloſſen ward dieſer Waffenſtillſtand zu 
Neſſau am 13ten Decemb. des J. 1463. 


1) Die von Bernhard v. Zinnenberg ausgeſtellte Urkunde, d. in 
Nieszawa feria tertia ipse die s. Luciae 1463 bei Dogiel T. IV. 
161 163 u. im Fol. B. 12 — 13. 16 — 17, die vom Könige ausgeſtellte, 
ebendaſ. p. 13 — 15, im Fol. D. 130, Schittz p. 312. Kotzebue 
B. IV. 375 — 376 hat es nicht an Mühe fehlen laſſen, Bernhard'n 
wegen dieſes Schrittes nachdrücklich zu tadeln, indem er auch hier Ge⸗ 
legenheit nimmt, gegen De Wal Hist. de VO. T. T. VII. 106, der 
Bernhard'n zu entſchuldigen ſucht, auf gewöhnliche Weiſe durch Rä⸗ 
ſonement zu Felde zu ziehen. Beides ſcheint unnuͤtz; für Bernhard 
bedarf es weder Anklagen noch Rechtfertigungen dieſer Art. Wer aus 


648 Uebergabe von Mewe. (1464.) 


Da erfolgte fuͤr den Hochmeiſter ein neuer Schlag. Eben 
im Niederlande beſchaͤftigt, durch ein allgemeines Aufgebot aus 
den Kammeraͤmtern zur Rettung von Mewe eine neue Streit⸗ 
macht aufzubringen und es zugleich mit Lebensmitteln zu ver⸗ 
ſorgen, D erhielt er die traurige Botſchaft, Stadt und Schloß 
hätten ſich „Hungers und Kummers halben“ dem Feinde er⸗ 
geben muͤſſen. Nach dem mit dem Hauptmanne von Marien⸗ 
burg Johann Koſczeleczki geſchloſſenen Vertrage der Uebergabe 
erhielten die Ordensherren und Hauptleute, als der Groß⸗ 
komthur Ulrich von Iſenhofen, Heinrich von Richtenberg Fiſch⸗ 
meiſter von Putzig, der ehemalige Hauskomthur von Danzig 
Konrad von Pfersfeld, Stanislaus von Dohna, Nicolaus von 
Weiſſenbach, Friederich von Hohenneſt, Stephan von Schoͤnaich 
u. a. mit ihrem Kriegsvolke und aller ihrer Habe freien Ab⸗ 
zug; den Bürgern ward Schutz und völlige Sicherheit zugeſagt. 
Trotz dem erlaubte ſich bald der neue Polniſche Befehls haber 
der Stadt Poskarski die größten Bedruͤckungen und Grauſam⸗ 
keiten, ließ unter dem Vorwande, man habe die Stadt durch 
Verrath dem Orden wieder in die Haͤnde ſpielen wollen, ſieb⸗ 
zehn der vornehmſten Buͤrger gefangen ſetzen, einige ſogar 
hinrichten und ihre Leichname heimlich in Tonnen aus der 
Stadt ſchaffen, alles nur, um ſich ihres reichen Vermögens zu 
bemaͤchtigen; und als darüber Klage an den König kam, war 
die Abſetzung des habgierigen Befehlshabers die einzige Strafe, 
die das koͤnigliche Herz Kaſimirs uͤber ſich bringen konnte. 2 


feinen Briefen an den HM. feine Lage ſeit mehren Jahren kennt und 
weiß, wie oft und dringend er in ſeiner verzweiflungsvollen Stellung 
immer ohne Erfolg um Huͤlfe gebeten, und wer endlich alle Verhält- 
niffe der Zeit recht erwaͤgt, findet gewiß den Schritt Bernhards vollig 
gerechtfertigt. 

1) Das Aufgebot des HM. an die Kaͤmmerer zu Waldau, Cre⸗ 
mitten, Caymen u. Schaken, d. Koͤnigsb. Mont. nach h. drei Könige 
1464 Schbl. LXXVXII. 133. 


2) Rundum p. 124 — 125. Schatz p. 312, Detmar B. IL 
272 — 273. 


Stellung der Soͤldnerhauptleute zum Orden. (1464.) 649 


Aber wohin ſollte ſich nun die ausgehungerte Beſatzung 
von Mewe in ihrer Noth wenden? Neuenburg war dork noch 
die einzige Stadt, gleichſam die einzige Pforte, die dem Orden 
noch eine Verbindung mit Pommerellen, und durch dieſes mit 
Deutſchland moglich machte. Es war daher von der größten 
Wichtigkeit, dieſe Stadt in den Haͤnden zu behalten. Allein 
ſie war ebenfalls weder mit den noͤthigen Beduͤrfniſſen, noch 
mit einer Mannſchaft verſehen, auf deren Standhaftigkeit und 
Treue man ſich verlaſſen konnte, denn Hunger und Noth hatten 
auch ihren Muth ſchon ſehr gebeugt. Man rieth daher dem 
Meiſter dringend an, eiligſt fir die Stadt zu ſorgen, wenn 
nicht bald ein neuer ſchwerer Verluſt erfolgen ſollte. ) Allein 
da man Mewe nicht hatte retten koͤnnen, wer mochte ſich nach 
Neuenburg werfen? Konrad Zöllner, der vormalige Haus⸗ 
komthur von Marienburg, rettete ſich mit ſeinen Leuten zum 
Ordensſpittler nach Preuſſiſch⸗Mark; indeß auch hier konnte 
ihnen wegen des herrſchenden Mangels kein Aufenthalt geſtattet 
werden. Da jedoch bald neues Kriegsvolk aus Livland an⸗ 
langte, ſo beſchloß der Hochmeiſter, dieſes mit Huͤlfe der Soͤldner⸗ 
hauptleute theils zur Rettung Neuenburgs, theils zu einigen 
andern wichtigen Unternehmungen zu benutzen. Er berief zu 
dem Zwecke die Hauptleute zu einem Kriegsrathe nach Koͤnigs⸗ 
berg. Sie erſchienen mit einigen der Aelteſten aus ihren Rotten, 
traten aber auf des Meiſters Bitte um ihre Beihuͤlfe mit der 
Erklarung auf: „Wir ſind, wie ihr wiſſet, bereits lange genug 
in euerem und eueres Ordens Dienſt geweſen, etliche acht und 
neun, etliche auch zehn Jahre hindurch. Binnen der Zeit haben 
wir unſere guten Freunde verloren, unſere Brüder und Geſellen, 
unſere Roſſe und unſere Habe, und bisher iſt uns immer nur 
gar geringe Huͤlfe geſchehen. Die Lande find gaͤnzlich verarmt 
und wir moͤgen wohl nie wieder zu unſern Pferden und Har⸗ 


1) Schr. Ulrichs v. Kinsberg, Hauptm. zu Eilau u. Schönberg, 
d. Eilau Sonnab. nach h. drei Koͤn. 1464 Schbl. Ad. Geſch. K. 31. 

2) Schr. des Hauskomthurs v. Marienburg an d. HM. d. Preuſſ. 
Mark Sonnt. nach h. drei Kon. 1464 Schbl. LIX. 82. 


d 


650 Stellung der Soͤldnerhauptleute zum Orden. ( 1464.) 


niſch kommen. Wir ſelbſt aber ſind jetzt ebenfalls ſo arm, daß 
wir es mitnichten vermögen, zu ſolchen Anſchlaͤgen mitzureiten. 
Dieſe Armuth koͤnnen wir die Länge nicht mehr ertragen und 
ihr muͤſſet allzumal auf Mittel und Wege denken, wodurch uns 
Huͤlfe geſchieht, denn ohne ſolche vermögen wir und unſere 
Leute an ſolchen Kriegsanſchlaͤgen und uͤberhaupt an irgend 
etwas fortan nicht mehr Theil zu nehmen. Wir ſind daher 
mit Vollmacht hier, euch zu fragen: welche Huͤlfe und Troſt 
wir von euch und dem Orden haben und worauf wir uns 
forthin verlaſſen ſollen? Das wollen wir jetzt wiſſen. Nehmet 
jedoch dieſes unſer Anbringen nicht für einen Spott auf, denn 
es iſt uns von allen unſern Freunden mitgegeben.“ Die 
Hauptleute verlangten jetzt in Aller Namen: der Meiſter ſolle 
mit ihnen uͤber ihren Sold und Schaden Abrechnung halten 
und ſie in ihren Forderungen befriedigen, weil ſie in ſolcher 
drückenden Armuth nicht laͤnger mehr im Lande bleiben koͤnn⸗ 
ten; nur wenn man ihnen Sold und Schaden vergütet, ſtaͤnden 
fie dem Orden zu fernerm Dienſte bereit. » 

Was die Hauptleute forderten, war unmoͤglich zu leiſten; 
mehr als je ſtand jetzt der Hochmeiſter völlig rath⸗ und huͤlflos 
da. Aus Deutſchland war nicht die mindeſte Huͤlfe mehr zu 
erwarten, denn erſt im vorigen Jahre hatte man von dorther 
alle fernere Beiſteuer und Unterſtuͤtzung durchaus abgeſchlagen; 
uͤberhaupt ſchien der Deutſchmeiſter den Orden in Preuſſen als 
unrettbar ganz aufgegeben zu haben, ſo dringend man ihn auch 
um Beiſtand angefprochen. 2? Der Hochmeiſter in größter Noth 
ſandte jetzt eiligſt den Ordensritter Grafen Georg von Henne⸗ 
berg und den Hauptmann Georg von Schlieben nach Livland, 


1) Bericht in einer Beilage zu einem Schr. des HM. an den 
Livland. Meiſter, d. Koͤnigsb. Sonnt. vor Oculi 1464 Schbl. V. 17. 

2) Schr. des Statthalters der Ballei Marburg an d. Deutſchmeiſt. 
d. Dienft. vor Walpurgis 1463 Schbl. 108. 30. Schr. Volkel Roͤders 
an den Deutſchmeiſt. d. Breit. in der Pfingſtwoche 1463 Schbl. DM. 
150. Schr. des Landkomthurs v. d. Etſch an d. Deutſchmeiſt. d. 
Mittw. nach Quaſimodogen. 1463 Schbl. LXXV. 200. 


Stellung der Soͤldnerhauptleute zum Orden. (1464.) 651 


dem dortigen Meiſter und den Gebietigern die ſchreckliche Ge⸗ 
fahr vorzuſtellen, die ihm jetzt bei der gegen ihn genommenen 
Stellung der Soͤldnerhauptleute drohe und den gaͤnzlichen Unter: 
gang des Ordens und den Verluſt des ganzen Landes un⸗ 
fehlbar herbeiführen muͤſſe, wenn ihm nicht ſchleunigſt mit einer 
namhaften Geldſumme und einer groͤßern Kriegsmacht ges 
holfen werde. Nur für dieſes Jahr noch bat er inſtaͤndigſt und 
flehentlich um Geld und Mannſchaſt, verſichernd, der Krieg 
müſſe in dieſem Jahre noch ein Ende nehmen, denn der Feind 
ſey deſſen eben ſo muͤde als der Orden, dieſer aber befinde ſich 
ohne die Hauptleute völlig außer Stande, dem Koͤnige von 
Polen mit einiger Kraft entgegenzutreten. Bevor indeß der 
Hochmeiſter auf diefen Huͤlferuf auch nur Antwort erhielt, 
zeigten ſich die hoͤchſtverderblichen Folgen der Stellung, welche 
die Hauptleute gegen den Orden genommen. An mehren 
Orten erließen ſie Ausſchreiben an zehn bis zwanzig Dorf⸗ 
ſchaſten mit der drohenden Forderung, ihnen bis zu einer be⸗ 
ſtimmten Zeit „ein gewiſſes Gedinge zu ſtellen“, d. h. gewiſſe 
vorgeſchriebene Leiſtungen zu erfüllen, wo nicht, ſo werde man 
die Orte ohne Erbarmen mit Brandſchatzung, Gefangenſchaft 
und Feuer und Schwert heimſuchen. In Todesangſt mußte 
das Landvolk geben, was es irgend noch hatte; ganze Dörfer 
wurden Bettler.) So ſehr war ſchon alle Ordnung aufgeloͤſt, 
daß ein unbezahlter Soͤldnerhaufe auf ſeine eigene Hand Fried⸗ 
land erſtuͤrmte, die Stadt rein auspluͤnderte und fie dann in 
Brand ſteckte. 


Der Ordensſpittler bot in dieſer Noth alles auf, mit dem 
Feinde einen Beifrieden abzuschließen; allein man ſtellte ihm 
kein ſicheres Geleit aus, auf welches er ſich verlaffen konnte; 


1) Schr. des HM. an den Liolaͤnd. Meiſter Johann von Mengden 
genannt Oſthof, d. Königsb. Sonnab. vor Oculi 1464 Schbl. V. 17. 


2) Schr. Anſelms v. Tettau an d. HM. d. Schiffenburg am 
Aſchtage 1464 Schbl. XLIX. 22. 


3) Schütz p. 312. 


652 Unterwerf, des Biſch. v. Ermland unter Polen. (1464.) 


er ahnete Argliſt und alles unterblieb.) Da aber unterdeß 
auch die Stadt Allenſtein vom Hauptmanne Jon Schalski 
wieder eingenommen war, ſo trat nun auch der Biſchof Paul 
von Ermland in Unterhandlung wegen Abſchluß eines Friedens. 
Nach einem vorläufigen Waffenſtillſtande kam man auf einer 
Tagfahrt zu Elbing kurz vor Oſtern in gewiſſen Friedensbeſtim⸗ 
mungen uͤberein, die man dem Koͤnige zur Genehmigung vor⸗ 
zulegen beſchloß.) Er genehmigte fie. Der Biſchof unter⸗ 
warf ſich in ihnen der Oberherrſchaft Polens 2) und es eröffnete 
fi) nun wenigſtens die Ausſicht zu einiger Ruhe und Erholung 
für das Biſthum Ermland. Nicht fo gluͤcklich war das ver⸗ 
armte Biſthum Pomeſanien; 4) es ſtand noch ohne Haupt da. 
Auf des Kapitels Erſuchen hatte der Hochmeiſter den Sam⸗ 
laͤndiſchen Domherrn Nicolaus in Vorſchlag gebracht, einen 
Mann, von dem ſich im biſchoͤflichen Amte ſowohl die Pome⸗ 
ſaniſche Kirche als der Orden viel verſprechen durfte. Das 
Kapitel hatte ſeine Wahl auch vollzogen; ) allein feine Be: 
ſtaͤtigung fand außerordentliche Schwierigkeiten. Der damalige 
Ordensprocurator Joſt von Hohenſtein, Biſchof von Oeſel, der 
die Sache in Rom foͤrdern ſollte, konnte vorerſt, weil der Hoch⸗ 


1) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Preuſſ. Mark Mont. 
nach Reminiſc. 1464 Schbl. LXI. 57. 

2) urt. des Biſchofs v. Ermland, d. Elbing Sonnt. Palmar. 
1464. Schütz p. 312. 

3) Aunau p. 125. Ueber den eigentlichen Friedensſchluß oder 
die Unterwerfung des Biſchofs unter die Poln. Oberherrſchaft fehlt 
uns die Urkunde. Auf der von Runau erwaͤhnten Tagfahrt wurde 
fie zwar entworfen, aber erſt dem Könige vorgelegt. Schütz 1. c. 

4) Ecclesia Pomezaniensis fere omni solatio penitus destituta, 
wie ſie in einer Urkunde von 1464 bezeichnet wird. 

5) In dem Wahl- Inſtrument wird er genannt vir idoneus, pro- 
vidus, circumspectus atque dignus, scientiis litteralibus sufſficienter 
instructus, verbo predicationis expeditus, in spiritualibus et tempora- 
bus multum expertus etc. Die Wahl muß in den erſten Tagen des 
Februars 1464 geſchehen ſeyn, wie das Notariats = Inftrument über die 
Wahl, d Riesenb. die Mercurii octava Mensis Februar. 1464 Schbl. 
L. 40 ausweift, 


Unterwerf. des Biſch. v. Ermland unter Polen. (1464.) 653 


meiſter bei den von den Luͤbeckern eingeleiteten Friedensverhand⸗ 
lungen ſich ſeines Rathes bedienen wollte, das Land noch nicht 
verlaſſen. Wegen Armuth des Biſthums und des Ordens 
konnte ein anderer nicht geſandt werden. Da nun der Hoch⸗ 
meiſter bald erfuhr, daß bereits auch der Koͤnig von Polen am 
Roͤm. Hofe Verſuche mache, das Pomeſaniſche Biſthum in die 
Haͤnde eines Polen zu bringen, ſo erſuchte er den Papſt und 
das Kardinal⸗Collegium, die Verleihung bis zur Ankunft des 
Ordensprocurators aufzuſchieben. So geſchah vorerſt in der 
Sache auch nichts weiter.) 

Waͤhrend aber der Orden ſo ermattet, entmuthigt und ver⸗ 
laſſen daſtand, boten die Feinde alle Kräfte auf, ihn ſo viel als 
möglich zur völligen Ohnmacht hinabzudruͤcken und namentlich 
im weſtlichen Preuſſen und in Pommerellen alle Spuren ſeiner 
Herrſchaft zu vertilgen. Obgleich die damals faſt in ganz 
Nord⸗Europa wüͤthende Peſt auch in Preuſſen eine zahlloſe 
Menge von Opfern hinraffte, Danzig z. B. uͤber zwanzig⸗ 
taufend feiner Bewohner verloren haben ſoll, ? ſo ſetzte doch 
dieſes feine Kriegsfehden noch immer fort. Es ſandte im April 
eine Kriegsſchaar zur Belagerung von Putzig und unterhielt ſie 
dort ſechs Monate lang. Vergebens ſuchte Graf Hans von 
Gleichen von Lauenburg aus, die Stadt zu entſetzen. Rings 
von Graben und Verſchanzungen eingeſchloſſen mußte ſie ſich 
endlich nach einer ſchweren Belagerung im September ergeben 
und Balthaſar von Dohna, der Hauptmann der Beſatzung, 
mußte froh ſeyn, freien Abzug zu erhalten.) Zu gleicher Zeit 
hatten Danzig und Elbing auch noch Volks genug, um auf 
der See ihre Streifereien fortzuſetzen und bald zu Memel, bald 


1) Schr. des HM. an den Papſt u. an den Kardinal Nicolaus 
von Cuſa, d. Konigsb. X April. 1464 Schbl. LXV. 100. 101, 

2) Schütz p. 313. Acta Boruss. T. II. p. 253; über die große 
Ausdehnung der Peſt Detmar B. II. 278. 

3) Schr. des Grafen Hans v. Gleichen an den Ordensſpittler u. a. 
d. Lauenburg am T. Maria Magdal. 1464 Schbl. DM. 154. Runes 
p. 126. Schätz p. 312. 318, 


654 Friedensverhandl. auf dem Tage zu Thorn. (1464.) 


an der Samlaͤndiſchen Kuͤſte zu landen, um überall reichen 
Raub hinwegzufuͤhren. 

Mittlerweile waren nach der im vorigen Jahre getroffenen 
Uebereinkunſt die Sendboten aus Lübeck, an die ſich auch be⸗ 
vollmaͤchtigte Botfchafter aus Roſtock, Wismar und Lüneburg 
angeſchloſſen, an ihrer Spitze der Biſchof Arnold von Luͤbeck, 
in Preuſſen angelangt, D eine Anzahl der achtbarſten Männer, 
die im Auftrage der Hanfeftädte kein Mittel unverſucht ließen, 
um dem fuͤr den ganzen nordiſchen Handel hoͤchſt verderblichen 
Kriege ein Ziel zu ſetzen.) An ihren Verhandlungen nahm 
auch eine Geſandtſchaft des Koͤniges von Daͤnemark Theil, die 
theils den Waffenſtillſtand zwiſchen dem Könige und den Staͤdten 
Preuſſens wieder verlaͤngern, theils ſich wegen Handelsverhaͤlt⸗ 
niſſe und beſonders auch wegen des ehemaligen Koͤniges Karl 
von Schweden mit Danzig näher verſtaͤndigen follten. Die 
neuen Friedensverhandlungen mußten aus mancherlei Urſachen 
bis auf Johannis⸗Tag aufgeſchoben werden, wo ſie dann durch 
Bernhard von Zinnenberg fuͤr den König und den Hochmeiſter 
und deren beiderſeitige Raͤthe zu Thorn eröffnet wurden. ® 
Die Ordensgeſandten, unter denen die namhafteſten der Biſchof 
soft von Oeſel, der Ordensſpittler Heinrich Reuß von Plauen, 
der Landmarſchall von Livland Gerhard von Mallinkrodt, Graf 


1) Detmar B. II. 286 führt die Bevollmächtigten aus Luͤbeck 
namentlich auf. Sie hatten ein bewaffnetes Geleite von 150 Mann 
bei ſich. 

2) Merkwuͤrdig iſt, daß nach einem Schr. des Rathes v. Luͤbeck 
an feine Geſandten in Preuſſen, d. Luͤbeck Freit. nach Marc 1464 
Schbl. 87. 43 der Rath ſie aufforderte, zur Anlegung eines Boll⸗ 
werkes vor dem Hafen von Travemünde einen oder zwei gute und ſach⸗ 
verftändige Baumeiſter aus Preuſſen mitzubringen. Darauf bezieht ſich 
die Angabe in Willebrandts Hanf. Chron. p. 104, wo aber die 
Sache unrichtig ins J. 1465 geſetzt iſt. 

3) Runau p. 127. Schütz p. 313. Detmar B. II. 276 — 277. 

4) Schr. des Rathes v. Thorn an d. Hauptmann Bernhard v. 
Zinnenberg, d. Freit. nach heil. Leichnam 1464 Schbl. LXXXIL 137. 
Nach Detmar B. II. 287 wurde die Verhandlung dadurch verzögert, 
daß man lange nicht wuſte, wo ſich der Koͤnig von Polen aufhielt. 


Friedensverhandl. auf dem Tage zu Thorn. (1464.) 655 


Georg von Henneberg, mehre Komthure und Hauptleute, lagen 
nach getroffener Uebereinkunft zu Kulm, die Abgeordneten des 
Königes dagegen, namentlich der Gubernator Stibor von Bai⸗ 
ſen, der Woiwode Gabriel von Baiſen, die beiden Bifchöfe 
von Poſen und Kujavien, der Domherr Johannes Dlugoſch 
aus Krakau, der Geſchichtſchreiber, die Sendboten aus den 
Staͤdten Preuſſens und eine anſehnliche Zahl anderer Ge⸗ 
ſandten hatten Bromberg als Aufenthaltsort angewieſen er: 
halten.) Aber auch jetzt wieder begann man alles mit gegen⸗ 
ſeitigem Mißtrauen. Zuerſt nahmen die Ordensgeſandten ſchon 
daran Anſtoß, daß die Verhandlungen in der feindlichen Stadt 
Thorn Statt finden ſollten. Als ſie ſich dann darin fuͤgten, 
wollten ihnen die Polen nur mit einem Geleite von vierzig 
Pferden dort einzureiten geſtatten. Nur mit vieler Muͤhe und 
nachdem ſich die Friedens vermittler erſt förmlich dafür verbuͤrgt 
hatten, daß daraus der Stadt Thorn nicht der geringſte Schaden 
entſtehen ſolle, brachten ſie es dahin, daß die Ordensbevollmaͤch⸗ 
tigten mit ſechzig Pferden kommen durften, unter der Bedin⸗ 
gung, daß ſie nichts unternehmen ſollten, was irgend zu Ver⸗ 
fang, Schaden und Beſchwerung des Koͤniges und ſeiner 
Unterthanen gereichen koͤnne oder durch Worte, Verhandlungen 
oder irgend eine Lift Zwietracht in der Stadt anfliften mochte. 

Als darauf die Verhandlungen begannen und auch Bern⸗ 
hard von Zinnenberg auf des Ordens Seite mit in Thorn er⸗ 
ſchien, gab es neuen Streit, denn die Polen wollten ihn nicht 


1) Wir baben über dieſe Verhandlung einen genauen Receß, be⸗ 
titelt: Taglayſtung zu Thorn durch die von Luͤbeck mitler zwiſchen 
dem Koͤnig zu Polen und dem Herr Hoemaiſter 1464 Schbl. XXVI. 9. 
Die Namen der ſaͤmmtlichen Bevollmaͤchtigten des Koͤniges und der 
Bundesſtädte in einem Vollmachtsbriefe des Koͤniges, Schbl. XXVI. 7. 
Mehres über die Verhandlung bei Detmar a. a. O. 

2) Es geſchah vorzuͤglich durch Vermittlung der Sendboten der 
Hanſeſtaͤdte; Detmar a. a. O. S. 288. 

3) Urkunde des Biſchofs Arnold v. Lubeck und der übrigen Friedens⸗ 
vermittler, d. Thorn Mont. nach Nativit. Johannis 1464 im Raths⸗ 
archiv zu Thorn A. 39, Tagleiſtung zu Thorn a. a. O. 


656 Friedensverhandl. auf dem Tage zu Thorn. (1464,) 


zulaſſen; er mußte die Stadt verlaſſen. Darauf haderte man 
uͤber die Abfaſſung der Vollmachtsbriefe; die Polen tadelten, 
daß der des Ordens, in Deutſcher Sprache abgefaßt, ihnen 
nicht verſtaͤndlich ſey, die Ordensgeſandten, daß ſich der Koͤnig 
in feinem Machtbriefe ſchon „Herr und Erbeling in Preuſſen“ 
nenne, uͤber welches Recht man ja eben erſt die Entſcheidung 
erwarte. Die Friedensvermittler bewirkten endlich, daß die 
Machtbriefe beider Theile zur Gnuͤge umgeaͤndert wurden. D 
Nachdem hierauf die Vermittler beiden Parteien erklaͤrt, daß ſie 
keineswegs als Richter, ſondern nur als freundliche Vermittler 
wo moͤglich den Frieden herſtellen wollten, wurden die Polen 
von ihnen zuerſt verhoͤrt. Sie hoben die Nachweiſung ihrer 
Rechte auf Kulmerland, Michelau und Pommerellen von ihrem 
alten Stammaͤlteſten Lech an und ſuchten mit Gruͤnden aller 
Art ihre Anſpruͤche auf dieſe Lande zu vertheidigen. „Durch 
Lechs Nachkoͤmmlinge, die Lechiten, ſprachen ſie, ſind auch die 
genannten Lande zuerſt beſetzt und bevoͤlkert worden; das be⸗ 
weiſen die Polniſchen Namen der Burgen, Staͤdte und Doͤrfer 
dieſer Lande; Polniſche Biſchoͤfe haben in Pommerellen und 
Kulm die Jurisdiction, ein Beweis, daß Polen die dortigen 
Kirchen erbaut haben; auch die Art, wie in dieſen Landen der 
Zehnte und Peterspfennig gleichmaͤßig wie in Polen entrichtet 
werden, zeugt daſuͤr, daß ſie zu dieſem Reiche gehoͤren.“ In 
aͤhnlicher Weiſe wurden auch aus den Geſchichten alter Zeit 
allerlei Beweiſe fuͤr Polens Anrechte auf den Beſitz des eigent⸗ 
lichen Preuſſens hervorgezogen, wobei ſich die geſchichtlichen 
Kenntniſſe der Polniſchen Sprecher eben nicht im beſten Lichte 
zeigten. ? Von allen dieſen Landen, erklärten am Schluffe die 


1) Tagleiſtung zu Thorn a. a. O. 

2) Tagleiſtung zu Thorn a. a. O. u. Schütz p. 313 — 314 ſtim⸗ 
men hier woͤrtlich überein. Beſonders ſind die Beweiſe der Polen in 
dem Artikel: „Von den Landen, die man nennet Prewſſen, darinne 
gelegen ſein Marienburg, Elbing und alle andere Lande uͤber der 
Weyſſel“ auf grobe hiſtoriſche Irrthuͤmer gebaut. Detmar a. a. O. 
S. 288 ſagt: Der Polniſche Redner habe das Recht der Krone Polens 
durch funfzehn Beweiſe zu begruͤnden geſucht. 


Friedensverhandl. auf dem Tage zu Thorn. (1464.) 657 


Polen, gedaͤchten ſie ſich auch mitnichten zu trennen, ſondern 
ewiglich Leib und Gut bei ihnen zu laſſen. 

Die Ordensbevollmachtigten begannen, wie es ſcheint, 
nicht ohne Spott ihre Gegenrede von Adams Zeiten. Wer 
nach Adams Vertreibung aus dem Paradieſe die Laͤnder der 
Welt zuerſt beſetzt habe, wiſſe kein Menſch und diene auch 
nicht zur Sache. Polniſche Namen, haͤufig in andern Landen 
nur dadurch entſtanden, weil die Polen nicht deutſch verſtäͤnden, 
Jurisdiction der Biſchoͤfe, Zehnten und Peterspfennig, die ja 
außer Polen auch ſo viele andere Laͤnder entrichteten, koͤnnten 
unmoͤglich Anrechte zur Oberherrſchaft uͤber irgend ein Land be⸗ 
gruͤnden. Daß der Deutſche Orden einſt Kulmerland, Michelau 
und Pommerellen den Koͤnigen von Polen mit bewaffneter 
Hand entriſſen habe, ſey eine grundloſe Behauptung. Man 
ſetzte den Polen genauer auseinander, wie jedes dieſer Lande 
auf die rechtmaͤßigſte Weiſe an den Orden gekommen ſey.) 
So waren mit allerlei Verhandlungen und Verhoͤren viele 
Tage hingegangen, ohne daß im mindeſten etwas für den 
Frieden geſchehen war. Da traten endlich die Friedensvermittler 
mit dem Vorſchlage auf: der Orden moͤge behalten, was er 
eben in Beſitz habe und ebenſo der Koͤnig. Allein die Polen 
verwarfen dieß. „Es klingt ſeltſam und wie Hohn, ſprachen 
ſie, daß der Orden die Landestheile, Städte uud Schlöffer, 
die er beſetzt hat, verlangt; wir gedenken dem Orden uͤberhaupt 
gar nichts zu laſſen; er muß das ganze Land raͤumen; jedoch 
unſer Koͤnig iſt ein guͤtiger Herr, er wird dem Orden wohl 
ein Stück Landes geben an der Heidenſchaft; da kann er hin⸗ 
ziehen und gegen die Heiden fechten, wie ihm gebührt.” Eine 
ſolche Forderung, erwiederten die Vermittler, kann nie zum 
Frieden führen.) Einen Beifrieden, den ſie in Vorſchlag 


brachten, wieſen die Polen mit den Worten zuruͤck: „entweder 


1) Sagleiſtung zu Thorn a. a. O. Schitz p. 315 —317. Nach 
Detmar a. a. O. S. 289 war der Biſchof Joſt von Oeſel der Sprecher 
des Ordens. 

2) Detmar a. a. O. S. 289 — 290. 

VIII. 42 


658 Friedensverhandl. auf dem Tage zu Thorn. (1464.) 


Krieg oder einen ewigen Frieden!“ Auf vieles Bemuͤhen der 
Friedensvermittler ermäßigten fie ihre Forderungen dann dahin: 
der Orden ſolle vorerſt dem Koͤnige Kulmerland, Michelau und 
Pommerellen abtreten; um das Uebrige wolle man dann mit 
ihm weiter verhandeln. Die Ordensgeſandten ſchienen dazu 
nicht abgeneigt, verlangten aber: man muͤſſe dem Orden vor 
allem die Lande Preuſſen mit Marienburg und Elbing zurück⸗ 
geben. Keineswegs, erwiederten die Polen, der Orden muß 
uns die ganze Pommeriſche Seite und die Staͤdte Marienburg, 
Danzig, Elbing und Thorn nebſt ihren Gebieten abtreten, 
dann wollen wir ihm Samland und die Gebiete Balga und 
Brandenburg uͤberlaſſen und wegen des Uebrigen weiter mit 
ihm verhandeln.) „Darauf iſt gar nicht zu antworten, ent⸗ 
gegnete Heinrich Reuß von Plauen, denn unter Thorn verſtehen 
ſie ganz Kulmerland und Michelau und unter Marienburg 
meinen ſie den ganzen Werder, Stuhm u. ſ. w. Das kann 
nimmermehr geſchehen, denn wir koͤnnten es vor Gott und 
unſerem Oberſten nicht verantworten; eher wollen wir alle 
ſterben, als daß wir gedenken, ſolches einzugehen. Jedoch um 
unſere Bereitwilligkeit zu Opfern zu zeigen, ſo ſoll von Ver⸗ 
guͤtung alles unſeres erlittenen Schadens nicht die Rede ſeyn; 
wir wollen uns demuͤthigen, den Koͤnig von Polen zum Be⸗ 
ſchirmer unſeres Ordens annehmen, ihm jaͤhrlich eine Summe 
Geldes zahlen oder ihm zu allen feinen redlichen Kriegen Dienſte 
leiten und ihm uͤberdieß die Stadt Thorn und das ganze 
Kulmer= und Michelauerland einraͤumen, wenn uns dafur alle 
unſere uͤbrigen Lande und Leute gelaſſen werden.“ Allein auch 
dieſes Erbieten erklaͤrten die Polen fuͤr ungenuͤgend; ſie blieben 
nicht nur bei ihren Forderungen, ſondern verlangten auch den 
Beſitz von Neidenburg, Paſſenheim und Preuſſiſch⸗ Holland 
vorerſt auf zwanzig oder dreißig Jahre, um waͤhrenddeß uͤber 
den rechtmaͤßigen Beſitz ſich zu vertragen oder durch Schieds⸗ 
richter entſcheiden zu laſſen. 2 

1) Tagleiſtung zu Thorn a. a. O. Schütz p. 317. Detmar 
B. II. 277 — 278. 289. 


21 2 


2) Tagleiſtung zu Thorn a. a. O. Schitz p. 318. Det mar 


Friedensverhandl. auf dem Tage zu Thorn. (1464.) 659 


Voll Erbitterung uͤber die anmaßenden Forderungen, ſowie 
über die von den Thornern mehrmals erlittene Beleidigung und 
Beſchimpfung begaben ſich der Ordensſpittler und Graf Georg 
von Henneberg nach Kulm zuruck. Nur durch dringende Bitten 
konnten ihre Gefaͤhrten bewogen werden, noch einige Tage in 
Thorn zu verweilen. Die Friedensvermittler boten fort und 
fort noch alles auf, um die Parteien auf irgend einem Wege 
einander etwas naͤher zu bringen. Allein die Polen nahmen 
ſtets im Uebermuth die Miene an, als ſey es eine Gnaden⸗ 
ſache, wenn ſie dem Orden noch Einiges von ſeinem recht⸗ 
maͤßigen Beſitzthum überließen. Da fie nun endlich nur ihr 
fruͤheres Erbieten wiederholten, dem Orden gegen Abtretung der 
genannten drei Lande und der Staͤdte Thorn, Danzig und 
Elbing ganz Samland und die Gebiete von Brandenburg und 
Balga belaſſen und wegen des Uebrigen ſpaͤter mit ihm ver⸗ 
handeln zu wollen, die Ordensgeſandten aber dieß aufs be⸗ 
ſtimmteſte zuruͤckwieſen, fo brachen dieſe nun alle Unterhand⸗ 
lungen ab und begaben ſich nach Kulm zuruck.) Zwar gaben 
die Friedensvermittler auch jetzt noch nicht alle Hoffnung auf 
und bewogen die Ordensgeſandten noch einige Tage in Kulm 
zu verweilen, um vielleicht doch einen andern Erfolg zu ge⸗ 
winnen. Da indeß die Polen ſeſt bei ihren Forderungen be⸗ 
harrten, ſo mißgluͤckten auch dieſe letzten Berfuche. 2 

Unterdeß hatten die Danziger und Elbinger ihre Unter⸗ 
nehmungen zu Waſſer fortgeſetzt. Die erſtern erſchienen vor 


a. a. O. S. 290. Merkwürdig iſt, daß nach der Tagleiſtung einige 
der Ordensgeſandten den Friedensvermittlern insgeheim erklaͤrten: ehe 
die Verhandlung fruchtlos ablaufen ſollte, werde der Orden ſich auch 
zur Abtretung von Thorn, Danzig u. Elbing verſtehen; doch ſolle man 
dieß den Polen noch nicht anbieten. 

1) Dieß geſchah am Sonnabend nach Margaretha. Tagleiſtung 
zu Thorn a. a. O. 

2) Tagleiſtung zu Thorn a. a. O. Schr. des Biſchofs Arnold v. 
Lubeck an die Ordensgeſandten, d. Thorn Mont. nach Diviſion. Apoſt. 
1464 Schbl. V. 16. Runau p. 120 — 130, hier aber nicht fo gut 
unterrichtet, als Schütz p. 318, der den Verhandlungs⸗Receß benutzte. 
Detmar a. a. O. S. 290. 

42 * 


660 Belagerung Neuenburgs. (1464.) 


Memel, nahmen dort elf Schiffe weg und hofften auch Memel 
ſelbſt, wo fie Verraͤther erkauft, zu gewinnen; allein der 
Komthur, zuvor von auswaͤrtsher gewarnt, vereitelte ihren 
Plan.) Die Elbinger, mit des Hauptmannes Schalski Kriegs⸗ 
leuten aus Frauenburg verbunden, wagten ſich bis vor Koͤnigs⸗ 
berg und brannten dort auf dem Schiffsbauplatze einige Schiffe 
und Speicher ab.) Im Hinterlande belagerten die Paſſen⸗ 
heimer die Stadt Ortelsburg.?) Die Hauptunternehmung aber, 
an die man jetzt alle Kraft ſetzte, war die Belagerung von 
Neuenburg, denn man ſah wohl ein, wie aͤußerſt wichtig die 
Behauptung oder der Gewinn dieſer Stadt und ihres Schloſſes 
ſey. Hauptmann war dort Albrecht Voyth; er hatte mit dem 
Hauptmanne Volkel Röder durch das Kriegsvolk aus Stargard, 
Kiſchau und einigen andern Orten das Schloß ziemlich ſtark 
bemannt. Als daher gegen Ende des Juli der Polniſche Haupt⸗ 
mann Tomyecz,“ ein hochtrabender, unbeſonnener Mann, ohne 
den verſprochenen Zuzug einer Verſtaͤrkung zu erwarten, mit 
einem Belagerungshaufen ſich vor der Stadt lagerte, beſchaͤftigt, 
ſein Lager durch Schanzen zu befeſtigen, griff ihn die Beſatzung 
durch einen Ausfall an; es kam zu einem aͤußerſt hitzigen 
Kampfe, in welchem beide Theile bedeutende Verluſte erlitten, 
die Polen endlich in die Flucht geſchlagen, ſich kaum noch auf 
ihre Schiffe auf der Weichſel retten konnten. Der Polniſche 
Hauptmann konnte nur noch mit vieler Muͤhe den Wellen des 
Stromes, in den er geſtürzt war, wieder entriſſen werden. 
Da indeß in der Naͤhe, bei Graudenz, Schwez und dort umher 
uͤberall noch viel feindliches Volk lag, fo rief der Hauptmann 


1) Schr. des Hauskomthurs v. Memel an d. HM. d. Mont. 
nach Magdalena Bidua 1464 Schbl. XXVI. 8. Er ſagt: das Haus 
zu Memel moͤchten die Danziger gerne haben, denn auf Memel ſeyen 
fie mehr erzuͤrnt, als auf irgend ein anderes Schloß im Lande. 

2) Runau p. 131. Schütz p. 318, 
> Schr. des Hauptm. zu Seeſten, d. Mont. nach Jacobi 1464 
Schbl. LVIII. 84. 

4) So nennt ihn Diugoss. T. II. 339, Schiiz p. 318 Tomietzi. 
Runau p. 132 Thomatzli. 8 


Belagerung Neuenburgs. (1464.) 661 


zu Neuenburg den Ordensſpittler um Verſtaͤrkung feiner Manns 
ſchaft zu Huͤlfe. Dieſer aber wandte ſich deshalb erſt an 
den Hochmeiſter und da nun mittlerweile die Nachricht kam, 
daß die Thorner, Danziger, Elbinger, Marienburger und andere 
Bundesſtaͤdte, um den Hochmeiſter im Niederlande zu beſchaͤf⸗ 
tigen, mit einer ſehr bedeutenden Kriegsmacht bei Balga und 
Fiſchhauſen zu landen und in acht Tagen ganz Samland mit 
Feuer und Schwert zu verheeren gedachten, fo ruͤckte unterdeß 
der Polniſche Hauptmann Peter Dunin mit einem Heerhaufen 
von zweitauſend Fußvolk und ſiebenhundert Reiſigen gegen Neuen⸗ 
burg heran und verſchanzte ſich von allen Seiten; es gelang 
ihm auch, einen Streithaufen, den der Hochmeiſter zum Entſatze 
der Stadt herbeigeſandt, mit bedeutendem Verluſte des Feindes 
zurückzuwerfen. 

Vom Hochmeiſter ſelbſt konnte für Neuenburg nichts weiter 
geſchehen; er durſte die Nieder⸗ und Hinterlande nicht zu ſehr 
entbloͤßen, denn auch dort drohten fort und fort von allen 
Seiten Gefahren. Die Schalauer zeigten ſich dem Haus⸗ 
komthur von Ragnit in der Leiſtung ihrer Schaarwerksdienſte 
ſo widerſpaͤnſtig und es gab ſich, da er mit Nachdruck auf die 
Leiſtung drang, eine fo bedenkliche Stimmung im Volke kund, 
daß der Hochmeiſter ihn nothwendig mit verſtaͤrkter Mannſchaft 
unterftüßen mußte.) Samland und Memel waren beſtaͤndig 


1) Runau p. 132. Schütz I. e.; beide erwaͤhnen, die Beſatzung 
der Stadt habe ſelbſt vier Wagen voll Todte zuruͤckgefüͤhrt. Sehr be⸗ 
deutend ſtellt das Gefecht auch ein Schr. des Hauptmannes von Neuen⸗ 
burg an den Ordensſpittler, d. Neuenb. Mittw. nach Panthaleon 1464 
Schbl. Ad. Geſch. V. 20 nicht dar. Schr. deſſelben Hauptm. an Volkel 
Köder, d. Neuend 1464 Schbl. Ad. Geſch. R. 30. 

2) Schr. des Hauptmannes zu Balga an d. Biſchof v. Samland, 
d. Balga Dienſt. vor Vincula Petri 1464; Schr. des Ordensſpittlers 
an d. HM. d. Preuſſ. Mark Sonnt. nach Vincula Petri 1464 Schbl. 
LXXXII. 128. 132. 

3) Runau p. 132 läßt einen Streithaufen, gewiß unrichtig, aus 
der Stadt ausfallen. Schiitx p. 318. 

4) Schr. des Hauskomthurs v. Ragnit an d. HM. d. am T. 
Vincula Petri 1464 Schbl. LXXIII. 7; dieß iſt das von Kotzebue 


662 Belagerung Neuenburgs. (1464.) 


noch von den im Haff und auf der See herumkreuzenden 
Schiffen der Danziger gefaͤhrdet; überall, in Memel und 
Koͤnigsberg hatten die Danziger erfaufte Verraͤther und Spione, 
die ihnen von allem Berichte abſtatteten. v In Frauenburg 
ſaß der rohe Polniſche Hauptmann Jon Schalski beſtaͤndig wie 
auf der Lauer, ein Mann, der in ſeinem Haſſe gegen den 
Orden in Grauſamkeiten keine Graͤnze kannte. Als ihn der 
Meifter vor kurzem zur Zuruͤckgabe einiger im Haff weg⸗ 
genommenen Fiſcherfahrzeuge aufgefordert und drohend hinzu⸗ 
gefuͤgt hatte: er muͤſſe ihm ſonſt einen uͤber den Hals ſchicken, 
der ihn dazu bringen ſollte, antwortete der Hauptmann mit 
derbem Uebermuthe: „Herr Hochmeiſter, ich kehre mich an 
euere hoffährtigen Theidingen nicht; gebietet den Euern, die 
ſich vor euch fuͤrchten; ſchicket an mich, wen ihr wollet, ſey's 
Kaiſer, Papſt oder wer ſonſt; ich will meine Ehre verantworten 
als ein braver Mann. Euerer Drohung bedarf ich nicht; hat 
jedoch jemand, den ihr ſchicken wollet, Luft zu mir, er ſoll von 
mir bekommen, daß er genug hat.“ 2 Alſo auch gegen dieſen 
Feind mußte der Meiſter beſtaͤndig auf ſeiner Hut ſeyn. 

Um ſo mehr war es des Ordensſpittlers groͤßte Sorge, 
Neuenburg dem Orden zu erhalten. Es mußte nothwendig 
zum nahen Winter mit Lebensmitteln verſorgt werden, zumal 
da ohnedieß die Noth dort mit jedem Tage drückender ward; 
es fehlte nicht bloß an Lebens⸗ und Kriegsbeduͤrfniſſen, ſondern 
auch an Mannſchaſft. Um zuerſt der ermatteten Beſatzung 
einige Ruhe zu verſchaffen, begann er mit dem Gubernator 


B. IV. 221 erwähnte Schreiben, welches dieſer aber mißverſtanden hat. 
Die Schalauer wollten trotz der Verſchreibung, die ſie namentlich auch 
waͤhrend des Krieges zum Schaarwerke verpflichtete, dennoch nicht 
ſchaarwerken. 

1) Schr. des Bartholom. Liebenwald an Siegfried Flach Haupt⸗ 
mann zu Balga, d. Braunsberg am T. Invent. Stephani 1464; Schr. 
Siegfried Flachs an d. HM. d. Balga Sonnab. nach Invent. Stephani 
1464 Schbl. Ad. Geſch. F. 195. S. 194. 

2) Schr. des Hauptm. Jon Schalski (v. Walſtein) an d. HM. 
d. Frauenb. am T. Michaelis 1464 Schol. LIV. 1. 


Belagerung Neuenburgs. (1465.) 663 


neue Friedensverhandlungen, beſchaͤftigte aber zu gleicher Zeit 
bald Thorn, bald Elbing, bald Dirſchau und Danzig durch 
ſeine umherſtreifenden Heerhaufen, um ſie von Angriffen auf 
Neuenburg zurückzuhalten. 5 Aber woher nun die Mittel zur 
noͤthigen Verſorgung Neuenburgs? Ueberall wurden die ſchreck⸗ 
lichſten Klagen laut uͤber das namenloſe Elend wie in den 
Städten fo auf dem Lande. In Raſtenburg z. B. waren 
wegen Hunger und Kummer die Bewohner ſchon ſchaarenweiſe 
nach Maſovien ausgewandert, die Hälfte der Haͤuſer ſtand 
bereits leer, und ſo in vielen andern Staͤdten; es war in der 
That zu erwarten, daß, wie es laͤngſt bei vielen Dörfern der 
Fall war, auch ganze Städte entvoͤlkert und menſchenleer da⸗ 
fichen winden. ? Ueberdieß war der Ordensſpittler ſelbſt in der 
größten Bedraͤngniß. „Wir haben, fehrieb er dem Hochmeiſter, 
durchaus gar kein Geld und wiſſen es auch nirgends zu leihen; 
wir find darüber in Wahrheit aufs allerhöchfte bekuͤmmert, wie 
wir uns ſelbſt mit unſerem Hofgeſinde auf die Laͤnge erhalten 
ſollen, denn wir haben faſt nichts mehr zu trinken und auch 
keine Mittel, uns ſolches und andere Beduͤrfniſſe anzukauſen 
oder auch um die hoͤchſtnoͤthige Verſorgung Neuenburgs mit 
Getreide und anderen Lebensmitteln beſtreiten zu koͤnnen. 
Alſo konnte bei allen Bemuhungen des Ordensſpittlers 
für die Erhaltung Neuenburgs doch wenig oder nichts geſchehen. 
Die Beſatzung vertheidigte ſich auch bis in den Anfang des 
Jahres 1465 noch fort und fort mit der ruͤhmlichſten Tapfer⸗ 
keit. Kein Tag verging, an dem ſie den Feind in ſeinem 
Lager nicht entweder durch kuͤhne Ausfälle oder durch Beſchießen 


1) Runau p. 134. Schütz p. 319. Schr. des Ordensſpittlers 
d. Pr. Mark Sonnt. der 11,000 Jungfr. 1464 Schbl. LX XXII. 127. 

2) Schr. des Hauptm. Volkel Roͤder an d. HM. d. Stargard 
Freit. vor Martini 1464 Schbl. Ad. Geſch. R. 32. 34 Schr. Melchiors 
vp. Dewen u. der Hauptleute zu Heiligenbeil, d. Dienſt. nach Martini 
1464 Schbl. LXXXII. 135. Schr. des Hauptm. zu Raſtenburg Chriſtoph 
Eglinger an d. HM d. Mittw. nach Martini 1464 Schbl. XE. 40. 

3) Schr. des Ordensſpittlers, d. Pr. Mark Donnerſt. vor Eliſabeth 
1464 Schbl. LXXXII. 138. 


* 


664 Uebergabe Neuenburgs an den König v. Polen. (1465. ) 


und Feuerwerſen in feine Schanzen unablaͤſſig beſchaͤftigte und 
dergeſtalt ermüdete, daß das Polniſche Kriegsvolk, durch die 
gewaltigen Kriegsmuͤhen entmuthigt, die Belagerung ſchon auf⸗ 
geben wollte und nur noch durch einen neuen Kriegshaufen, 
den auf Anſuchen des Hauptmannes Tomiecz die Danziger 
herbeiſandten, im Lager zuruͤckgehalten ward, denn man wußte 
wohl, daß der graͤßliche Hunger und Mangel an allen Be⸗ 
duͤrfniſſen die Beſatzung bald zur Ergebung zwingen wuͤrden. 
Und zu Ende des Januars hatte dieſer den hoͤchſten Grad er⸗ 
reicht. Alle Hoffnung zur Errettung war jetzt verſchwunden 
und ſo mußte nun auch Neuenburg auf die Bedingung eines 
freien Abzuges der Beſatzung mit aller ihrer Habe dem Feinde 
übergeben werden, für den Orden ein ſchrecklicher Verluſt. ! 
Es war nunmehr umſonſt, daß der Hauptmann Kaspar von 
Noſtitz in Pommern zum Entſatze Neuenburgs tauſend Söldner 
aufgebracht hatte, denn dieſer Kriegshaufe, in ſeiner Hoffnung 
auf reicheren Sold getaͤuſcht, lief nun wieder auseinander. 2 
Eben ſo wenig fruchtete es, daß der Ordensſpittler, der Haupt⸗ 
mann Georg von Loben und die Hauptleute aus Stargard, 
um an Danzig Rache zu nehmen, die Ankunft eines neuen 
Soͤldnerhaufens aus Schleſien und der Lauſitz benutzten, um 
waͤhrend einer fehr ſtrengen Winterkaͤlte zuerſt in den kleinen 
Werder einzufallen, eine anſehnliche Zahl von Doͤrfern auszu⸗ 
pluͤndern und niederzubrennen, und dann, nachdem ſie dieſes 
Raubgeſchaͤt mehre Tage lang geübt, gegen tauſend Mann 
ſtark bis vor Danzig vorzuſtuͤrmen, denn als ſie ſich dort in 
mehren Haufen aufgeſtellt hatten, wurden ſie von den Mauern 
der Stadt aus mit ſchwerem Geſchüͤtz fo nachdrücklich begrüßt, 
daß fie ſich zuruͤckziehen und mit ihrer Beute eilen mußten 
nach Stargard zurückzukehren. 3 


1) Runau p. 136. Schütz p. 319. 
2) Schütz 1. c. 


3) Nach Runau p. 136—137 waren es etwa 1200 Mann, 
darunter 400 Schleſier und Lausitzer. Schütz p. 319. 


Neue Bedraͤngniſſe des Ordens (1465.) 665 


Die Klagen aber und die Unzufriedenheit der Soͤldner⸗ 
hauptleute von Konitz an bis nach Heiligenbeil und weiter 
hinaus wurden jetzt von neuem laut. Der Deutſchmeiſter hatte 
zwar endlich nach vielen Bitten eine ziemliche Geldbeiſteuer in den 
Balleien aufgebracht; allein der Hauptmann Volkel Roͤder und 
der Fiſchmeiſter Heinrich von Richtenberg, die ſie in Frankfurt 
a. d. O. in Empfang genommen, hatten damit jenen neuen 
Soͤldnerhaufen angeworben und ins Land geführt.” Es war 
alſo faſt nichts von jener Geldſumme nach Preuſſen gekommen 
und das harte Loos der hier liegenden Hauptleute nicht im 
mindeſten erleichtert. „Bedenket, ſchrieb Melchior von Dewen, 
Hauptmann zu Heiligenbeil, an den Hochmeiſter, daß wir in 
einem wuͤſten Lande, in einer verbrannten Stadt, in bitterer 
Armuth ſitzen. Erbarmet euch unſerer in unſerem jammervollen 
Zuſtande, erhoͤret unſere Bitten und verſehet uns mit etwas 
Geld oder womit ihr koͤnnt. Wir wollen alles Nehmen gerne 
abthun und auf die Feinde reiten nach unſerem hoͤchſten Ver⸗ 
mögen. Wird uns aber nicht Hülfe geſchehen, fo weiß Gott 
im Himmel, daß wir's nicht beſſern können, denn Hunger iſt 
ein bitterer Kunde; ſollen wir Hungers verſchmachten und dazu 
noch in ein Schandgeruͤcht kommen, fo erbarme fi) Gott 
unſer.“ 2) Trotziger bezeigten ſich die übrigen Haupt- und Hof⸗ 
leute im Niederlande. Der Meifter herief fie zu einer Tagfahrt 
nach Eilau; allein es erſchien niemand als Georg von Schlie⸗ 
ben; alle Bitten an die Unzufriedenen blieben ohne Erfolg; 
ohne Geldhuͤlfe wollte keiner ſeine Stadt verlaſſen. Man wollte 
an der Weichsel zwei Paſteien erbauen laſſen, um durch fie 


1) Schr. des Hauptm. Volkel Roͤder an d. HM. d. Stargard 
Sonnab. vor Fabian u. Sebaſt. 1465 Schbl. Ad. Geſch. R. 17. (a). 

2) Schr. des Hauptm. Melchior v. Dewen, Georg v. Kittlitz u. a. 
an den HM. d. Heiligenbeil Dienſt. vor Valentini 1465 Schbl. LV. 49. 
Eben ſo klagvoll lautet ein Schr. des Fiſchmeiſters v. Putzig Heinrich 
v. Nichtenberg, d. Stargard Mittw. vor Valentini 1465 Schbl. LXIX. 
28. Er bittet den HM., da er ſich in ſeinen ſchweren Bedraͤngniſſen 
unmöglich mehr erhalten koͤnne, um die Erlaubniß, ſich nach Deutſch⸗ 
land in irgend eine Ballei begeben zu dürfen. 


666 Neue Bedraͤngniſſe des Ordens. (1465. ) 


die durch Neuenburgs Verluſt unterbrochene Verbindung mit 
Pommerellen wieder herzuſtellen; auch hierzu verſagten die 
Hauptleute ihre Beihuͤlfe, auch hierzu fehlte es dem Hoch⸗ 
meiſter an Geld, Lebensmitteln und Kriegsbedarf. Es blieb 
nichts uͤbrig, als durch eine neue Geſandtſchaft den Meiſter 
und die Gebietiger in Livland aufs dringendſte von neuem um 
Unterſtuͤtzung anzugehen. D Allein der Meiſter erklaͤrte, es ſey 
ihm nicht einmal moͤglich, das für den Orden fo wichtige 
Memel mit Mannſchaft und Kriegsbeduͤrfniſſen zu verſorgen, 
obgleich man ſehr befürchten muͤſſe, daß die Danziger bald 
alles aufbieten winden, um durch die Einnahme Memels auch 
die Verbindung mit Livland abzuſchneiden. 2 

Aber auch durch andere Ereigniſſe ward die Lage des 
Ordens mit jedem Tage noch troſtloſer; taͤglich drohten groͤßere 
Verluſte. Der Hauptmann zu Paſſenheim Gindrzich von Chel⸗ 
metz und der Ritter Otto von Machwitz benutzten die hoͤchſt⸗ 
traurige Lage Raſtenburgs, um zu verſuchen, die Stadt, in der 
der Ordensritter Chriſtoph Eglinger Hauptmann war, wieder 
in die Gewalt des Königes von Polen zu bringen. Der Plan 
mißlang zwar; aber die Belohnungen und Beſtechungen, womit 
man den dortigen Stadtſchreiber Thomas Heilsberg zur Ver⸗ 
raͤtherei zu gewinnen geſucht, und die Zuſicherungen und Ver⸗ 
heißungen von Begnadigungen, Vorrechten und Freiheiten, 
durch die der Gubernator Stibor von Baiſen die Buͤrgerſchaft 
zum Abfalle vom Orden zu verlocken bemüht geweſen war, 
mußten gerade jetzt bei der ſchwankenden Treue ſo mancher 
andern Städte für den Orden höchft gefahrvoll ſeyn.s) Worms 


1) Darüber ein ſ. g. Gedaͤchtnißzettel für die Gefandten, den 
Komthur v. Aſcherade u. Martin Truchſes an den Livl. Meiſter, d. 
Mittw. bor Valentini 1465 Schbl. DOM. 155, 

2) Schr. des Livland. Meiſters an d. HM. d. Riga Mittw. nach 
Reminiſcere 1465 Schbl. V. 34, 

3) Schr. des Ritters Otto v. Machwitz an d. Stadtſchreiber zu 
Raſtenburg, d. Marienb. am T. Dorothea 1465 Schl. II X. 25, 
worin der Plan der Unternehmung verabredet wird. Die von Otto v. 
Machwitz u. dem Hauptmanne zu Paſſenheim dem Stadtſchreiber ge⸗ 


Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 667 


ditt hatte ihm ja den fruͤher geſchloſſenen Beifrieden bereits 
wieder aufgekuͤndigt. Aus Beſorgniß vor neuen Bedraͤngniſſen 
von der dortigen Beſatzung wollte auch die Buͤrgerſchaft von 
Melſack nicht mehr auf der Seite des Ordens bleiben; viele 
Buͤrger hatten die Stadt ſchon verlaſſen und die große Sterb⸗ 
lichkeit hatte ſie bereits halb entvoͤlkert.) Auf gleiche Weiſe 
wankten auch andere Staͤdte in ihrer Ergebenheit gegen den 
Orden; es verlautete ſogar, daß ſelbſt das in ſeiner Treue ſo 
ſtandhafte Konitz nebſt Friedland ſich den Feinden anſchließen 
wolle, fobald Kaspar von Noſtitz fi aus ſeinen Mauern ent⸗ 
ferne. 2 

Da ſah man im Orden immer mehr ein, daß es die 
höchfte Zeit ſey, das Land aus dieſem namenloſen Elend zu 
retten, wenn nicht alles in den Abgrund des gaͤnzlichen Ver⸗ 
derbens unwiederbringlich zuſammenſtuͤrzen ſollte. Es war um 
das Oſterfeſt, als eine Geſandtſchaft des Ordens den Guber⸗ 
nator Stibor von Baiſen um Anberaumung einer neuen Tags 
fahrt zur Wiederherſtellung des Friedens erſuchte. Sie ward 
bewilligt und es fand ſomit unter einem ſehr zahlreichen Geleite 
der beiderſeitigen Raͤthe und Unterhändler ſeit dem erſten Mai 
auf der Friſchen Nehring in den Dörfern Kobbelgrube und 
Stuthof eine abermalige Friedensverhandlung Statt. nn 
der Spitze der königlichen Unterhändler ſtand der Gubernator 
ſelbſt, neben ihm Otto von Machwitz und Nicolaus von Pfeils⸗ 
dorf, an der der Ordensgeſandten des Hochmeiſters Secretair 
Stephan Neidenburg, ein in Staatsgeſchaͤften ſehr bewanderter 
Mann, und als Sprecher der Buͤrgermeiſter der Altſtadt Koͤnigs⸗ 


gebene Zuſage anſehnlicher Belohnungen, d. Mar. am T. Dorothea 
1465 Schbl. LV. 73. Die Zuſicherungsurkunde des Gubernators über 
die Begnadigungen der Stadt, d. ebenſo Schbl. LV. 72. 

1) Schr. des Hauptm. zu Melſack Nicolaus Nebelſchiz an d. HM. 
d. Melſack Dienſt. zu Faſtnacht 1465 Schbl. LXXXII. 10. 

2) Schr. des Hauptm. Nicolaus Wilkow an d. HM. d. Stargard 
am krummen Mittw. 1465 Schbl. LIX. 111. 

3) Runau p- 187. Schütz p. 320. 


668 Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 


berg Georg Steinhaupt. v Man kam dießmal beiderſeits mit 
aufrichtigen Wünfchen zum Frieden zuſammen, das bewies von 
Seiten der Verbündeten des Gubernators vertrauensvolle Rede, 
mit der er die Verhandlungen eröffnete. Er ſprach es offen 
aus, daß es fein ernſtliches Bemühen ſeyn ſolle, das arme Land 
zu Eintracht und Friede zu bringen; doch fuͤgte er hinzu: man 
möge nur nicht wie auf den bisherigen Tagfahrten den Frieden 
ſogleich von vorne an durch die Forderung unmöglich machen, 
daß ſie ſich wieder dem Orden untergeben ſollten, denn das 
koͤnne und werde nimmermehr geſchehen, weil ſie mit Eid und 
Gelüͤbden hart und feſt ſich dem Könige verbunden.) Gerne 
aber wolle er auf andern Wegen den Frieden mit befoͤrdern 
helfen. Um die Ordensbevollmaͤchtigten durch Vorſtellung ihrer 
traurigen Lage fuͤr ſeine Friedensvorſchlaͤge geneigt zu ſtimmen, 
ſprach der Gubernator: „Wir ſagen es euch in Wahrheit: euer 
Herr, der Hochmeiſter, hat euch vergeben, verſetzt und den 
Söldnern vereignet durch feine Briefe mit Leib und Gut, um 
ſich ihres Soldes und Schadens an euch zu erholen und wir 
ſind ebenfalls damit hineingezogen; aber es ſoll uns niemand 
dazu bringen.“ — „Von ſolchen harten und ſchweren Ver⸗ 
ſchreibungen wiſſen wir nicht, ſprach der Buͤrgermeiſter von 
Königsberg, und hoffen auch nicht, daß der Hochmeiſter ſo et⸗ 
was gethan; wir ſind ja auch ſelbſt bei den Sachen zugegen 
geweſen.“ Um ſeine Behauptung zu bewaͤhren, brachte der 
Gubernator Briefe vor und ließ ſie dem Bingermeiſter vorleſen. 
„Von dieſen Briefen, erwiederte dieſer, wiſſen wir alle; das 
iſt unſere kleinſte Sorge. Unſer Herr Hochmeiſter hat damals 
gehandelt als ein beklommener Firft und vertriebener Herr; er 


1) Einen ſehr vollſtaͤndigen Receß über die ganze Verhandlung 
dieſer Tagfahrt, mit einer Angabe der vornehmſten Bevollmächtigten 
beider Parteien liefert die Ordenschron. p. 325 ff. Geleitsbrief des 
Hauptm. Jon Schalski für die Ordensgeſandten, d. Frauenburg Sonnt. 
Quaſimodogen. 1465 Schbl. Ad. Geſch. W. 66. Nach der Ordenschron. 
a. a. O. ging das Geſuch wegen einer Tagfahrt zugleich auch mit von 
den Samlaͤndern und Koͤnigsbergern aus. 

2) Ordenschron. p. 328. 


Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 669 


konnte ſich mit Geld nicht helfen, weil er arm war; er mußte 
thun, was ja auch mancher andere Fuͤrſt und König thun 
muß. Auch ſind die Staͤdte Königsberg und Samland gegen 
ſolche Verſchreibungen durch eigene Briefe hinlaͤnglich verwahrt.“ 

„Den Frieden hat bisher der Komthur von Elbing ſtets 
verhindert, fuhr jetzt der Gubernator fort; waͤre er bei der 
letzten Tagfahrt zu Thorn geblieben, es waͤre ſicherlich zu einem 
guten Ende gekommen.“ „Wohl, erwiederte der Buͤrgermeiſter, 
aber ihn hat nicht Uebermuth oder Hochmuth hinweggetrieben, 
ſondern Beſchimpfung und Gefahr, da ein Bube einen weißen 
Mantel mit einem ſchwarzen Kreuze umthat, um das Rathhaus 
ging und ſechs ihm nachfolgten, die ihm die Fliegen wehrten, 
und der Buͤrgermeiſter von Thorn ſprach: wuͤrde ihm auch nur 
eine Kuh genommen, ſo wolle er uns alle bei unſern Koͤpfen 
und Haͤlſen nehmen. Deshalb ging der Ordensſpittler hin⸗ 
weg.“ ) Stibor von Baiſen verſicherte: dieß trotzige Wort 
ſey damals dem Buͤrgermeiſter ſtreng verwieſen worden. „Aber, 
fuhr er fort, wir dreſchen das Waſſer umſonſt; ſagt uns jetzt 
euere Meinung, wie dem großen Elend, das nun ſchon zwoͤlf 
Jahre auf dem Lande liegt, ein Ende zu machen ſey.“ „Laßt 
uns zuerſt, antwortete der Buͤrgermeiſter, einen Beifrieden auf 
zwei Jahre oder fo lange ihr wollt, ſchließen, um waͤhrenddeß 
einen feſten Frieden zu vermitteln.“ Das wies Stibor als 
nutzlos, ja ſelbſt als dem Lande mehr verderblich zuruck. „Da⸗ 
mit ich euch aber, fuhr er fort, meine offene Meinung ſage, 
wie wir uns zum Frieden vereinigen koͤnnen: laßt uns alle 
wieder eins werden und fuͤr Eine Mannſchaft ſtehen und unter 
Einen Herrn treten. Der Koͤnig wird gerne dem Orden Hoͤfe, 
Vorwerke, Güter oder ein Stuͤck Land geben, worin er ſich er⸗ 
halten kann; er wird ſein oberſter Schutzherr ſeyn, wird ihn 
vielleicht auch in ſeinen Rath nehmen, wie das ja auch in an⸗ 
dern Landen, z. B. in Spanien uͤblich iſt, wo auch ein Meiſter 
mit im Rathe des Koͤniges ſitzt. In Streitigkeiten des Ordens 
mit ſeinen Unterſaſſen wuͤrde der Koͤnig Obmann und Richter 


1) Ordenschron. p. 329 — 330. 


670 Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 


ſeyn. Wenn die, welche jetzt im Orden find, ſterben, fo dürften 
nicht wie bisher Ausländer, ſondern unſere Freunde und Ein⸗ 
geborene in den Orden eingekleidet werden, damit nicht alles 
Geld und Gut wie vormals aus dem Lande geführt winden. 
So koͤnnte das Land zu Ruhe und Gedeihen kommen.“ — 
„So ſagt uns offen, hob der Buͤrgermeiſter an, welches Land 
wollet ihr uns geben, wie weit, wie breit, wie lang, wie viel 
und wo?“ Da der Gubernator feine Antwort darauf verzog, 
fuhr jener fort: „da wir alle Landsleute und Einzöglinge find, 
ſo bitten wir euch, daß ihr unſerer Ehre nicht zu nahe greifet. 
Wir haben Vollmacht, mit euch den Frieden zu vermitteln, ſo⸗ 
fern es etwas der Vernunft aͤhnlich if.” „Wohlan, erwiederte 
der Gubernator, der Orden wuͤrde Samland behalten, welches 
noch unverwuͤſtet iſt, doch mit Ausnahme der Schlöffer, Städte 
und Mannſchaft, die dem Koͤnige zu Gebot und Dienſt ſtehen 
follten, fo daß dem Orden die Höfe, Vorwerke, einige Fiſcherei 
und Wälder zu Gebrauch ſtaͤnden. Wofern es darauf aber 
nicht zum Frieden kommt, fo iſt der König Willens, dieſen 
Sommer ſich der Sache ernſtlich anzunehmen und dem Kriege 
mit Macht ein Ende zu machen.“ — „Das hoffen auch wir 
und unſer Hochmeifter, entgegnete der Buͤrgermeiſter, denn wir 
beten ja denſelbigen Gott an und das Gluͤck kann ſo gut auch 
uns als euch zu Troſte kommen. Doch was ihr dem Orden 
anbietet, koͤnnen wir mit Ehren nicht annehmen. Ihr ſeyd 
des Koͤniges, wir ſind des Ordens gehuldigte und geſchworene 
Manne und wie ihr den Koͤnig nie verlaſſen wollet, ſo werden 
wir uns nimmer vom Orden trennen, für den wir unſer Blut 
vergoſſen, eher wollten wir darum gutlos und leiblos werden. 
Ihr bietet uns Samland an, welches ohnedieß ja unſer iſt, 
gleich als ob ihr uns ein Brot gebet und ſchneidet es die 
Haͤlfte entzwei. Der Orden hat noch ein großes Stuͤck Land 
in ſeinem Beſitze und es ſoll euch wohl ſchwer werden, darin 
alle Staͤdte und Schloͤſſer einzunehmen.“ So wurde die Ver⸗ 
handlung noch einige Zeit fortgeſetzt, jedoch ohne Erfolg und 
ohne daß die Unterhaͤndler ſich gegenſeitig naͤher kamen. Da 
nahm endlich zum Abſchiede der Buͤrgermeiſter noch einmal das 


Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 671 


Wort: „ich will beſcheiden, wie mit Freunden zu euch reden. 
Habt ihr den Auftrag, den Orden gaͤnzlich zu vertreiben, ſo 
bedenket, das Gluͤck iſt wandelbar; meint ihr euch auch damit 
gut berathen zu haben, ſo iſt doch ſehr zu beſorgen, ob es euch 
und euere Kinder nicht einſt gereuen werde. Ihr ſagt zwar: 
ihr habet kluͤglich fuͤr euch geſorgt; aber Gott gebe, daß euch 
auch alles gehalten werde, was euch zugeſagt iſt. Jetzt ge⸗ 
ſchieht es wohl noch einigermaßen; wenn aber der Koͤnig das 
ganze Land einnehmen ſollte, ſo windet ihr wohl finden, was 
man euch und uns dann unter die Augen ſtoͤße.“ — So 
ſprach der beſonnene und wohlmeinende Mann und die Tag⸗ 
fahrt loͤſte ſich nun, nachdem man ſich vorläufig über eine neue 
Zuſammenkunft verſtaͤndigt, ohne weiteres auf.“) 

So gingen nun wieder einige Monate in dem gewohnten 
Getreibe raͤuberiſcher Kriegsfehden hin. Die Elbinger brachen 
zweimal zu Raubzügen gegen Heiligenbeil und Braunsberg 
aus und raubten dort die Viehheerden bald mit, bald ohne 
Gluͤck, und ſchlaues Ueberliſten der ſorgloſen Buͤrger galt ihnen 
dabei fir Kriegskunſt.) Die Beſatzung aus Stargard trieb 
gegen Dirſchau und Danzig daſſelbe raͤuberiſche Kriegshand⸗ 
werk. Um die erſtere Stadt zu uͤberfallen, hatte eine Anzahl 
Soͤldner aus Stargard einmal den Einfall, ſich als Bauer⸗ 
weiber zu verkleiden. Mit Schuͤrzen behaͤngt und den Kopf 
mit Schleiern bedeckt kamen ſie zu zwei und drei mit Eimern 
und Koͤrben auf dem Kopfe, als wollten ſie Erdbeeren und 
andere Dinge zur Stadt bringen, bis an die Mauer heran. 
Ihr Plan war, ſich auf der Zugbruͤcke ſo lange aufzuhalten, 
bis ein in der Nähe im Hinterhalte liegender Streithaufe ploͤtz⸗ 
lich hervorſprengen und in die Stadt einbrechen werde. Allein 
unglücklicher Weiſe fiel einem der Verkappten während des 
Verkaufes ſeiner Erdbeeren der Schleier vom Kopfe; ſein Bart 


1) Ordenschron. p. 331 — 337; auch einiges p. 326 — 327. Ganz 
kurz handeln über dieſe Tagfahrt Renau p. 137 — 138 und Schütz 
p. 320. 


2) Runa p. 138 — 139. 


672 Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 


verrieth den Krieger und der ganze Man ward ſomit entdeckt 
und vereitelt. Die Schleierweiber aber buͤßten alle ihren An⸗ 
ſchlag mit dem Leben, wofuͤr der bald anruͤckende Streithaufe 
durch Verwuͤſtung der nahen Aecker und Gaͤrten eine ſchwere 
Rache uͤbte.) Eben fo wenig gluͤckte der Beſatzung von Star⸗ 
gard ein zweiter Angriff auf Dirſchau, um durch deſſen Gewinn 
wieder eine Verbindung mit Pommerellen für den Orden zu 
eröffnen. Die Wachſamkeit der Burger vereitelte auch dieſes 
Unternehmen. Dafuͤr mußten jedoch die Kloͤſter Karthaus und 
Zarnowitz ſchwer buͤßen, die von den Dirſchauern uͤberfallen und 
alles ihres kirchlichen Geraͤthes und Schmuckes beraubt wurden. 2 

Wie verabredet, ward im Anfange des Auguſts eine 
zweite Tagfahrt an demſelben Orte auf der Nehring zur Ver⸗ 
mittlung des Friedens eröffnet. Georg Steinhaupt, der Buͤr⸗ 
germeiſter von Koͤnigsberg, ſtand auch jetzt dem Secretaͤr des 
Hochmeiſters Stephan Neidenburg als Sprecher zur Seite. 
Man ſchloß die neue Verhandlung an die der vorigen Tagfahrt 
durch drei dem Orden vorgelegte Forderungen an: zuerſt er 
ſolle vor allem den Koͤnig von Polen als oberſten Beſchirmer 
des Landes anerkennen, zweitens er ſolle von dieſem ein Stuͤck 
Landes zu ſeiner Erhaltung annehmen und drittens keinen 
Ausländer mehr in den Orden einkleiden. Da aber die Or⸗ 
densgeſandten das Verlangen entgegenſtellten: der König müffe 
vor allem, um zum Frieden zu gelangen, dem Orden das ganze 
ihm mit Unrecht und Gewalt entriſſene Land wieder einraͤumen, 
fo war bei dieſer Schroffheit der Gegenfäge auch von dieſer Tag⸗ 
fahrt wenig Erfolg zu erwarten. „Euere Forderung, ſprach Georg 
Steinhaupt, iſt unbillig und unmoglich. Es kommt uns gar 
zu ſchwer an, das zu uͤbergeben, was nicht unſer iſt und un⸗ 
ſern Freunden; denn was ſollen wir weggeben? Das Land 
Preuſſen, und wem? Dem Könige von Polen, und wem ge⸗ 
hoͤrt es? Nicht uns, ſondern dem ganzen Deutſchen Orden. 


1) Runau p. 139. Scliaita p. 320. Ordenschron. p. 337. 
2) Runau p. 140 — 141, Schütz p. 321. 
3) Ordenschron. p. 341. 


Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 673 


Darum nehmet es nicht uͤbel, daß wir hier die Vernunft brau⸗ 
chen und nur das weggeben, was wir verantworten koͤnnen. 
Wir bieten euch, um euch unſern Willen zu beweiſen, das 
ganze Kulmerland und die Stadt Thorn an und es duͤnket 
uns, das ſey genug erboten.“ „Haͤtten wir das gewußt, ent⸗ 
gegnete der Gubernator, wir waͤren nicht hieher gekommen.“ 
„Wir aber ſind auch nicht um euere Erbietung Samlands hier 
erſchienen, erwiederte der Buͤrgermeiſter, denn es klingt wie 
Spott, uns anzubieten, was wir bereits beſitzen. Doch um 
zum Schluſſe zu kommen, wollen wir auch darein willigen, 
um gegen Polen, mit dem wir nie friedlich geſtanden, Ruhe 
und Friede zu erhalten, den Koͤnig fuͤr unſern Beſchirmer an⸗ 
zunehmen ſowohl fuͤr Preuſſen als fuͤr Livland; doch daß wir 
kuͤnſtig bloß Inlaͤnder in unſern Orden einkleiden ſollen, ſteht 
nach des Ordens Beſtaͤtigung durch die heilige Kirche nicht in 
unſerer Macht.“ Das laͤugnete Otto von Machwitz, unwiſſend 
mit der Behauptung auftretend: „ich ſage euch fuͤrwahr, der 
Deutſche Orden iſt nie beſtaͤtigt, ihr moͤgt ſagen, was ihr 
wollt.“ „Davon iſt hier gar nicht zu reden, fuͤgte Hans Ro⸗ 
ber hinzu. Wir wiſſen wohl, welche Vortheile wir beider 
Seits ſeit Beginn dieſes Krieges vom Roͤmiſchen Stuhle ha⸗ 
ben. Kaiſer und Papſt haben von uns Geld und Geſchenke 
genommen und uns doch ſo zuſammengehetzt.“ Unter ſolchen 
Verhandlungen ging auch dieſe Tagfahrt wieder ohne Erfolg 
vorüber. D Man hoffte auf einer dritten, über die man ſich 
vereinigte, vielleicht auf andern Wegen ſich naͤher auszuglei⸗ 
chen. — Der Ordensſpittler ſuchte jetzt aber der Meinung ent⸗ 
gegen zu arbeiten, daß der Orden ſich noch gar nicht nach 
Frieden ſehne; er erklaͤrte nicht nur, daß man wegen des Lan⸗ 
des Verderbniß laͤngſt Friede und Ruhe herbeigewuͤnſcht habe, 
ſondern er machte der Stadt Thorn ſogar auch das Anerbieten: 
wenn ſie ſich wieder dem Orden zuwende, ſo wolle er bewir⸗ 
ken, daß die Stadt das ganze Kulmerland mit allen Schloͤſ⸗ 


1) Die Verhandlungen ebenfalls in der Ordenschron. p. 335 
345; kurz erwähnt der Tagfahrt auch Runs p. 140. 
VIII. 43 


674 Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1405.) 


ſern, Städten und Dörfern als ſtaͤdtiſche Freiheit erhalten folle, 
denn ehe man es dem Koͤnige von Polen einraͤume, wolle man 
es lieber der Stadt Thorn goͤnnen. Allein man hegte gegen 
den Spittler viel zu wenig Vertrauen, als daß man ihm Ge⸗ 
hör gegeben hätte. ! 

Die Zwiſchenzeit füllten abermals nutzloſe Kriegsfehden. 
Die Hauptleute von Konitz, Friedland, Stargard und Lauen⸗ 
burg ſandten einen Raubhaufen ins Gebiet des Herzogs von 
Stolpe, des Verbuͤndeten des Koͤniges. Das Unternehmen 
aber endete hoͤchſtungluͤcklich, denn der Heerhaufe ward von 
des Herzogs Kriegsleuten ploͤtzlich überfallen, in nahe Suͤmpfe 
gejagt und fo vernichtet, daß nur ſieben Mann davon zuruüͤck⸗ 
kehrten.) Eben ſo wenig gelang den Stargardern ein Plan 
zur Erſtuͤrmung von Mewe. Von den von den Soͤldnern in 
Mewe vielfach beraubten und gequalten Bauern der Umgegend 
benachrichtigt, daß der groͤßte Theil der Beſatzung von Mewe 
mehre Meilen weit zur Futterung ausgezogen und die Stadt 
daher nur ſchwach beſetzt ſey, gluͤckte es ihnen zwar, die aus⸗ 
geſandte Reiterſchaar zu uͤberfallen, zu erſchlagen und gefangen 
zu nehmen, dann auch nach Mewe ſelbſt vorzudringen, um es 
zu erſtuͤrmen. Allein die geringe Beſatzung leiſtete mehre Tage 
lang den ſtandhafteſten Gegenſtreit; die Buͤrger riſſen eilig 
das Straßenpflaſter auf und wehrten damit den ſtuͤrmenden 
Feind, der ſeine Sturmleitern bereits angelegt, ſo lange von 
den Mauern ab, bis endlich am vierten Tag von Danzig und 
Marienburg her Mannſchaft kam und den Feind verjagte. 9 


1) Schr. des Ordensſpittlers an den Rath u. die Gemeine von 
Thorn, d. Mohrungen am T. Agapiti 1465 im Rathsarchiv zu Thorn 
Cist. III. 22. 

2) Runau p. 141. Schiitx p. 321. Ordenschron. p. 345. Die 
Reiterſchaar wird von einigen 300, von andern nur 150 Mann ſtark 
angegeben. 

3) Runau p. 142. Schittz p. 321. Ordenschron. p. 3453 fie 
nennt den dabei erſchoſſenen Oberſt, der bei Huna Koſchdorf heißt, 
Koͤnigsdorf. Schr. des Ordensſpittlers an den HM. d. Preuſſ. Mark 
Mont, vor Auguſtini 1465 Schul, LXXXII. 7. 


Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 675 


Unter dieſen Ereigniſſen nahete die Zeit der dritten Tag⸗ 
fahrt, die gegen Ende des Auguſts abermals auf der Friſchen 
Nehring eröffnet ward. Der König hatte noch zwei Doctoren 
aus Polen geſandt, der Hochmeiſter aber ſeinen bisherigen 
Unterhaͤndlern noch den Komthur von Balga, den Landmarſchall 
von Livland und den Komthur von Goldingen beigeſellt. Allein 
ſchon vor dem Verhandlungstage waren die Ordensgeſandten 
durch allerlei Warnungen und Geruͤchte von verrätherifchen Pla⸗ 
nen, welche die Gegner entworfen haben ſollten, ſo eingeſchüch⸗ 
tert und muthlos, daß ſie im voraus ſchon wenig Hoffnung 
auf guͤnſtigen Erfolg hegten.) Sie vertrauten indeß auf den 
Biſchof von Ermland, der an den Verhandlungen als Unter⸗ 
händler und Vermittler beider Parteien Theil nahm, ? weshalb 
er auch fein Zelt zwiſchen den beiderseitigen Bevollmächtigten 
aufgeſchlagen hatte, damit er weder dem einen, noch dem 
andern Theile zuzugehoͤren ſcheine. Als ihn des Hochmeiſters 
Secretaͤr, ihm mit den Worten ſchmeichelnd: er ſey doch der 
Gelehrteſte im Lande, um ſeine Beihuͤlfe fuͤr die Sache des 
Ordens anſprach, erklaͤrte er offen: der Gelehrteſte bin ich nun 
wohl nicht; jedoch alles, was ich thun kann, darin will ich 
unverdroſſen ſeyn. Ich weiß zwar wohl, daß der Orden ge⸗ 
recht iſt und ihm Gewalt geſchieht; allein ich kann das jetzt 
nicht abwenden, denn es iſt zu weit gekommen. Was ich aber 
in guter Freundſchaft bei den Polen zur Beilegung dieſer Kriege 
wirken kann, darin will ich meinen Fleiß nicht ſparen. 

Dee Gubernator trat jetzt von neuem mit den Forderungen 
auf: dem Könige müffe Kulmerland, Michelau, Pommerellen, 
Marienburg und Elbing mit ihren Zubehoͤrungen eingeräumt, 
er als Patron und Beſchirmer der dem Orden verbleibenden 


1) Schr. des Landmarſchalls v. Livland u. des Komthurs v. Gol⸗ 
dingen an d. HM. d. Powunden Freit. nach Aſſumt. Maria 1465 
Schbl. V. 31. 

2) Runau p. 142. Ordenschron. p. 346; dieſe führt als Ordens⸗ 
geſandten außerdem auch den Komthur v. Balga Siegfried Flach v. 
Schwarzburg u. Veit von Gich Deutſch. Ordens Hauptmann zu Branden⸗ 
burg an. ö 

43 * 


676 Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 


Lande anerkannt und es duͤrfe kein Auslaͤnder mehr in den 
Orden aufgenommen werden. Dieſe drei Punkte ſollten die 
Grundlage des Friedens bilden; uͤber das Uebrige wolle man 
weiter verhandeln.) Die kleinmuͤthige Sprache des Land⸗ 
marſchalls von Livland, der antwortend flehte, man moͤge ſich 
doch der Armuth des Ordens erbarmen und ihm zu rathen 
helfen, war natürlich wenig geeignet, die Gegner zur Ermaͤßi⸗ 
gung ihrer Forderungen zu bewegen. Man erbot ſich von des 
Ordens Seite zur Abtretung der Stadt Thorn, des Kulmer⸗ 
und Michelauerlandes, der Staͤdte Elbing und Danzig mit 
ihren Freiheiten, wie ſie ſolche vom Orden erhalten, und zur 
Anerkennung des Königes als Patron und Beſchirmer. Allein 
dieß ward nicht angenommen, auch des Biſchofs von Ermland 
ſchiedsrichterliche Vermittlung, die man dem Gubernator vor: 
flug, zuruͤckgewieſen. „In den Beſitz Marienburgs und der 
Gebiete von Elbing, Chriſtburg und Oſterode, erklaͤrte des 
Hochmeiſters Secretaͤr, koͤnne ſich der Orden keine Einfprüche 
thun laſſen; nur auf die Pommeriſche Seite wolle er nach 
Billigkeit wohl Einſpruch dulden.“ „Davon kann nicht die Rede 
ſeyn, entgegnete man, denn es iſt ja allbekannt, daß der König 
Marienburg mit Geld und Gut erkauft hat.“ „Wohl gut, 
erwiederte der Secretaͤr, wenn ihr auf den Kauf Marienburgs 
ſolches Gewicht legt, ſind es nicht vierzehn Schloͤſſer und 
Staͤdte, die ihr in den verlangten Gebieten von uns fordert 
und die wir jetzt noch inne haben 2 3 Dafuͤr ſollen wir gar 
nichts erhalten? Wir hoffen doch nicht, daß ihr uns ſo ganz 
aus dem Lande vertreiben wollet.“ „Aber, entgegnete der 
Gubernator, wenn der Orden und zugleich auch der Koͤnig in 
einem und demſelben Gebiete Schloͤſſer und Städte haben 
ſollten, ſo wird daraus nie Gutes entſtehen. Mir ſcheint es 


1) Ordenschron. p. 349 — 350. 

2) Ordenschron. p. 351. N 

3) Er zählte fie auf: im Kulmerlande Kulm, Strasburg, Althaus, 
in Pommerellen Stargard, Lauenburg, Konitz, Friedland, Hammerſtein, 
Kiſchau, Moſſek, im Elbingiſchen Gebiete Mohrungen u. Ortelsburg; 
alſo hier nur zwoͤlf Schloͤſſer. 


Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 677 


daher gerathen: der Orden behalte ein Stuͤck Landes ungetheilt 
für ſich, worin er landesherrliche Gewalt ausuͤbt; der Hoch⸗ 
meiſter aber ſitzt in des Königes Rath, damit wenn jemand 
von den Gebietigern übermäßige Gewalt üben will, wie ja 
bereits geſchehen iſt, eine Berufung an den Koͤnig als den 
Oberſten Statt finde.“) Es ward dann lange noch uͤber die 
Anrechte verhandelt, welche der König ſchon ſeit zweihundert 
Jahren auf Pommerellen, Kulmerland und Michelau zu haben 
behauptete, der Orden aber durch eine Reihe von Friedens⸗ 
ſchluͤſſen und Entſagungen des Koͤniges fur völlig erloſchen 
und nichtig erklaͤrte. 

Endlich fand noch eine Zuſammenkunft der beiderſeitigen 
Bevollmächtigten in der Kirche zu Kobbelgrube Statt. Da 
trat Stephan Neidenburg mit dem Worte auf: „da alle bis⸗ 
herigen Verhandlungen noch nicht zum Frieden gefuͤhrt haben, 
ſo will ich noch ein Erbieten thun, welches zu unferem Gedeihen 
gereicht. Da es uns nicht gerathen duͤnkt, uns mit Wendiſchen 
Nationen und mit Undeutſchen zu vermiſchen, weil es in einem 
Lande, wie wir wiſſen, nimmer wohl ſteht, wo Undeutſche das 
Regiment führen, wie in Polen und Litthauen, ſo iſt unſer 
Vorſchlag: raͤumet dem Orden alle entzogenen Lande wieder 
ein, ſo ſollet ihr maͤchtig ſeyn, nach euerem Verlangen Ein⸗ 
zoͤglinge dieſes Landes, die es begehren und dazu tuͤchtig ſind, 
in den Orden zu kleiden, die dann vollkommene Macht haben 
ſollen, gleich den Deutſchen Herren, alle dieſe Lande zu regieren 
in allen Schloͤſſern und Städten. Auch will man zugeben: 
es ſolle einmal um das anderemal künftig der Hochmeiſter aus 
Einzoͤglingen und Ausländern gewaͤhlt werden, denn bloß In⸗ 
länder in den Orden zu kleiden, ſcheine deshalb nicht ge⸗ 
rathen, weil man doch immer auch einen Troſt auf Deutſch⸗ 
land haben muͤſſe. Zur Hälfte mochten alſo im Orden In⸗ 
laͤnder oder Preuſſen und zur Hälfte Ausländer ſeyn. Den 
König wolle man fir feinen Schaden mit einer Geldſumme 
entſchaͤdigen und als des Landes oberſten Schutzherrn aner⸗ 
— 3 


1) Ordenschron. p. 352, 


678 Tagfahrten auf der Friſchen Nehring. (1465.) 


kennen. „Das iſt umſonſt, antwortete man, wir haben nun 
einmal geſchworen, uns vom Könige nicht zu trennen und 
dabei bleiben wir.“ Der Gubernator hielt fort und fort an 
ſeinen erwaͤhnten Forderungen feſt;? man wollte dem Orden 
nichts weiter als das Niederland uberlaſſen. Endlich ward 
auch der Biſchof von Ermland, der bisher ganz unthaͤtig ge⸗ 
blieben war, zur Verhandlung eingeladen. Er ſetzte ſich vor 
dem Altar nieder, ihm zu beiden Seiten die Bevollmaͤchtigten. 
Die Verſammlung gewann durch ihn etwas Feierliches. Um 
die Gemüther verföhnlicher zu ſtimmen, begann er mit frommem 
Gebet.) Es wurden dann theils von ihm, theils von den 
Ordensbevollmaͤchtigten noch mehre Friedensvorſchlaͤge vorgelegt, 
von den letztern unter andern ein Beifriede auf zehn oder 
zwanzig Jahre, Beibehaltung deſſen, was jeder Theil eben im 
Beſitz habe oder die Abtretung der Hälfte Pommerellens, jedoch 
unter der Bedingung, daß der Orden Marienburg mit ſeinem 
Zubehör und das ganze Elbingiſche, Oſterodiſche und Chriſt⸗ 
burgiſche Gebiet nebſt dem ganzen Hinterlande behalten muͤſſe, 
wogegen er fir Marienburg dem Könige eine Summe Geldes 
entrichten wolle. Aber auch dieſes Anerbieten ward vom Gu⸗ 
bernator zuruͤckgewieſen. Endlich zerſchlug ſich alle weitere Ver⸗ 
handlung durch die Erklarung der königlichen Bevollmächtigten: 
in den Beſitz Pommerellens, Kulmer⸗ und Michelauerlandes 
werde man dem Orden nimmermehr einen Einſpruch zulaſſen 
und an Marienburg wolle man lieber allzumal Leib und Leben 
ſetzen; nur vom Elbingiſchen Gebiete werde man dem Orden 
ein Stuck Landes abtreten und ins Oſterodiſche und Chriſt⸗ 
burgiſche Gebiet ihm Einſpruch erlauben. Man verſprach, dieſe 


1) Ordenschron. p. 357. 

2) D. h. vor allem Abtretung des Kulmer- u. Michelauerlandes, 
ganz Pommerellens, Marienburgs mit feinem Zubehör u. des Elbingi⸗ 
ſchen Gebietes. Der Gubernator fügte hinzu: ich habe euch geſagt, 
daß der Orden behielte das Niederland bis an das Biſthum, um das 
andere wollen wir handeln. 

3, Ordenschron. p. 358, 


Belagerung von Stargard. (1465.) 679 


Erbietung dem Meiſter zu naͤherer Berathung vorzulegen und 
ſo ſchied man wieder ohne Erfolg vom Tage, denn ſelbſt der 
gewuͤnſchte Beifriede ward dem Orden nicht bewilligt.“ 
Mehrmals hatten des Koͤniges Bevollmaͤchtigte auf der 
Tagfahrt drohend erklärt: was der Orden in Pommerellen nicht 
freiwillig abtreten wolle, werde der Koͤnig bald mit den Waffen 
in der Hand von den dortigen Ordenshauptleuten durch Gewalt 
erringen und ſie zwingen, ſich mit ihren Burgen und Staͤdten 
dem Könige ebenſo zu verſchreiben, wie es Bernhard von 
Zinnenberg im Kulmerlande gethan. 2 Zwar laͤugnete dieſer 
die ehrenruͤhrige Beſchuldigung, daß er die Schlöffer, die er 
dort fuͤr den Orden beſetzt halte, dem Koͤnige verſchrieben habe, 
offen erklaͤrend, daß er ſich mit dem Koͤnige durchaus in nichts 
weiter eingelaſſen, als in den dem Hochmeiſter bekannten Bei⸗ 
frieden, zu welchem ihn einzig auch nur Noth, Armuth und 
die ſchwerſte Bedraͤngniß gezwungen; ® allein der Koͤnig be⸗ 
wies doch bald, daß er entſchloſſen ſey, die Drohung ſeiner 
Bevollmaͤchtigten in der That auszuführen. Noch im Septem⸗ 
ber fandte er unter Anfuͤhrung des Hauptmanns Jaſſienski“ 


1) Dieſe Verhandlungen der dritten Tagfabrt ebenfalls vollſtaͤndig 
in der Ordenschron. p. 346 — 362; einiges darüber bei Runau p. 142. 
Auszüge aus den drei Verhandlungen auf den drei erwaͤhnten Tag⸗ 
fahrten hat ſchon Kotzebue B. IV. 224 — 227 geliefert; allein man 
wird aus dem, was hier daraus mitgetheilt iſt, leicht erſehen, wie ſehr 
bei Kotzebue alles durch einander geworfen und wie wenig in ſeiner 
Darſtellung der Gang der Unterhandlungen feſtgehalten iſt. Wir haben 
daher hier mehr Aufmerkſamkeit darauf zu verwenden geſucht, zumal 
da dieſe Verhandlungen die Praͤliminarien des Thorner Friedens in 
ſich faſſen. 

2) Ordenschron. p. 354. 

3) Schr. Bernhards v. Zinnenberg an d. HM. d. Kulm Donnerſt. 
nach Eliſabeth 1465 Schbl. LI. 23. Es beweiſt auch dieſes Schreiben 
die fortwaͤhrende Anhaͤnglichkeit u. Ergebenheit Bernhards gegen den 
Orden. 

4) Runau p. 143 nennt ihn Jaſſenski, Schiitx p. 321 Jeßnitzke, 
die Ordenschron. p. 362 Jonißken, Dlugoss. T. II. 353 wohl am 
richtigſten Jassienski; es war offenbar derſelbe, der ſich in der Schlacht 
bei Zarnowitz ausgezeichnet, |. oben S. 631. 


680 Belagerung von Stargard. (1465.) 


einen friſchen Streithaufen ins Land, der ſich mit Kriegsvolk 
aus Danzig und einer Schaar von Bauern verband, um 
Stargard, von deſſen kuͤhner Beſatzung man oft fo viel ge: 
litten, zu belagern. Am 2ften Septemb. ſchlug das Volk das 
Lager, mit Wall und Graben es ſtark verſchanzend. Allein 
beinahe vier Wochen lang wagte man beider Seits keinen 
ernſten Angriff. Man ſuchte ſich dann in der Stadt des 
Feindes durch eine Kriegsliſt zu entledigen. Ein Theil der 
Beſatzung, in Polniſche Kleider gehuͤllt, zog einſt in fruͤhſter 
Morgendämmerung mit Polniſchen Feldzeichen aus der Stadt 
auf dem Wege nach Dirſchau hin „ kam aber am Nachmittage 
in die Naͤhe von Stargard zurück, gleich als wollten fie, den 
Delagerem zu Huͤlfe eilend, die Stadt von der andern Seite 
her beſtuͤrmen. Sie für koͤnigliches Kriegsvolk haltend, welches 
von Dirſchau komme (denn dafuͤr hatten ſie ſich einem an⸗ 
fragenden Diener auch ausgegeben) zogen ihnen die drei Pol⸗ 
niſchen Hauptleute aus dem Lager entgegen, um ſie zu em⸗ 
pfangen, wurden aber plotzlich gefangen, gefeſſelt in die Stadt 
gefuͤhrt und dann nach Konitz gebracht.) Obgleich ſo drei 
ſeiner Anführer beraubt „ hielt dennoch das Belagerungsvolk 
einen ſtarken Angriff, der bald von der Stadt aus aufs Lager 
geſchah, mit maͤnnlicher Tapferkeit aus. Noch ungleich ernſter 
und blutiger ward ein anderer Kampf, der im December er⸗ 
folgte. Die Wichtigkeit Stargards fuͤr den Orden erkennend, 
hatten ſich mit dem Anfange dieſes Monats faſt alle Soͤldner⸗ 
hauptleute des Ordens mit ihrem Kriegsvolke, gegen achthundert 
Neifige und eine große Zahl von Fußknechten, aus Pommer⸗ 
ellen gegen Stargard hin gezogen; ein Theil erzwang ſich den 
Eingang in die Stadt und befchäftigte von dort aus den Feind 
Tag und Nacht durch Ausfälle auf das Lager; der andere 
Theil beſetzte weit umher alle Straßen, um den Belagerern 
alle Zufuhr abzuſchneiden, ſo daß ſie bald aus Futtermangel 
ihre Roſſe nach Dirſchau bringen mußten. Kein Tag ging 
ſeitdem ohne Gefechte voruͤber, denn die Belagerten boten alle 


1) Runau p. 143, Schütz P. 321. Ordenschron. p. 362. 


Belagerung von Stargard. (1465.) 681 


Kräfte auf, um zwei Schanzen zu erſtuͤrmen, die das Lager 
deckten. Am blutigſten war der Kampf am ſechzehnten Decem⸗ 
ber, indem in drei Haufen getheilt tauſend Mann der Beſatzung 
abermals auf die Schanzen einen Angriff wagten. Der An⸗ 
ſturm geſchah mit groͤßter Heftigkeit; die Reiterei focht zu Fuß; 
man griff die Schanzen zugleich an drei Seiten an, um ſie 
auf Sturmleitern zu erſteigen. Allein die Feinde vertheidigten 
ſich vier Stunden lang mit der aͤußerſten Entſchloſſenheit, bis 
es ihnen mit einbrechender Nacht gelang, den feindlichen Streit⸗ 
haufen mit Macht in die Flucht zu werfen, ſo daß ſich dieſer 
kaum noch in die Stadt retten konnte. Er hatte uͤber zwei⸗ 
hundert Mann, einen großen Theil feines Geſchuͤtzes, ſeine 
Sturmleitern und ſonſtiges Kriegsgeraͤth verloren. Kaspar von 
Noſtitz, der Hauptmann von Konitz, hatte Muͤhe ſich noch 
glücklich auf einem Schlitten uͤber Kiſchau nach Konitz zu 
flüchten. Auch, diz Übrigen Hauptleute zogen ſich bald wieder 
von Stange die Belagerung dauerte daher noch fort. D 

So hatte man abermals die Erfahrung gemacht, daß es 
dem Orden bei der Schwäche feiner Kriegskraͤfte durchaus nicht 
mehr moͤglich ſey, irgend etwas von Wichtigkeit mit Entſchei⸗ 
dung durchzuführen. Konnte man doch nicht einmal, während 
der Hochmeiſter mit Herzog Konrad von Maſovien wegen Aus⸗ 
gleichung des im Maſoviſchen Gebiete von den Ordensſchloͤſſern 
aus veruͤbten Schadens unterhandelte, das hungerige Söldner: 
volk von immer neuen Einfaͤllen in Maſovien zuruͤckhalten. 2 
Ueberdieß zeigte ſich, ſeitdem man die Friedensverhandlungen 
auf der Nehring vereitelt ſah, unter des Ordens eigenen Unter⸗ 
thanen hie und da die groͤßte Unzufriedenheit. In Königsberg 
und einem Theile Samlands, von wo man an den Tagfahrten 
den meiſten Antheil genommen, trieb der Unwille und die Ver⸗ 


1) Runau P. 145 — 146 giebt 200 auf der Seite des Ordens an, 
ebenſo die Ordenschron. p. 363, Schütz p. 322 zählt 300 Todte u. 
nur 70 auf der Seite der Belagerer. 

2) Schr. des Herzogs Konrad v. Maſovien, d. Warschoviae feria II. 
infra octavas Bartholom. 1465 Schbl. XIX. 92. Rungu p. 145. 
Schütz I. c. 


682 ungluͤckliche Ereigniſſe für den Orden. ( 1400.) 


zweifelung am Frieden zu einer Empörung unter den Buͤrgern 
und dem Samlaͤndiſchen Adel, die der mit dreihundert Reiſigen 
herbeieilende Ordensſpittler, da man mit einem foͤrmlichen Ab: 
falle vom Orden drohte, nur dadurch ſtillen konnte „daß er 
ſiebzig Buͤrger und ſechsundzwanzig vom Adel gefangen neh⸗ 
men, ſechs Raͤdelsfuͤhrer hinrichten und die uͤbrigen bis zur Aus⸗ 
löſung durch beſtimmte Geldſummen in verſchiedenen Schloͤſſern 
verwahren ließ.) Um ſo mehr aber draͤngte ſich ihm auch die 
Nothwendigkeit des Friedens auf; er bat den Hochmeiſter aufs 
dringendſte, Bernhard'n von Zinnenberg, der beim Könige ſeit 
einiger Zeit beſonderes Vertrauen genoß, zu beauftragen, eine 
neue Friedensvermittlung einzuleiten,“ denn bereits erfuhr man 
auch, daß die Feinde mit den Ordensſoͤldnern in Melſack und 
Heiligenbeil uͤber einen Anſchlag unterhandelten, der ihnen Balga 
und Brandenburg in die Hände bringen ſollte. 9 

Unter ſolchen Verhaͤltniſſen begann das dreizehnte Jahr 
des unſeligen Kampfes. Es begann abermals mit höͤchſt⸗ 
ungluͤcklichen Ereigniſſen wie fuͤr das Land ſo für den Orden. 
Jenes hatte ſich von den furchtbaren Verwuͤſtungen, die im 
November voriges Jahres ein fuͤrchterlicher Orkan durch Ver⸗ 
nichtung einer großen Anzahl Schiffe, Niederſtuͤrzen vieler Kirch⸗ 
thürme und Gebäude, durch Niederwerfen vieler Waldungen 
und Durchbruͤche der Weichſeldoͤmme angerichtet, ) noch nicht 
wieder erholt, als mit dem Anfange dieſes Jahres eine wilde 
Seuche von neuem eine außerordentliche Menſchenzahl hinweg⸗ 
raffte und das menſchenarme Land noch mehr entroͤlkerte. d) 


1) Runaup.143, Schlitz I. c. Von der Hinrichtung der Raͤdels⸗ 
führer u. der Gefangennehmung der Adeligen erzählt die Ordenschron. 
nichts. 

2) Schr. des Ordensſpittlers, d. Preuſſ. Mark Sonnt. nach Andrei 
1465 Schbl. LXXXIL 4. 

3) Schr. des Oberkompans des HM. Veit v. Gich, d. Branden⸗ 
burg Mittw. nach Concept. Mariä 1465 Schbl. LIV. 68. 

4) Rumau p. 144 — 145. Schittz p. 322. Ordenschron. P. 362. 

5) Daruͤber ein Schr. des Grafen Georg v. Henneberg an d. 
Ordensſpittler, d. Pauli Bekehr. 1466 Schbl. Ad. Geſch. II. 61. 


Unglückliche Ereigniſſe für den Orden. (1466.) 683 


Sie dauerte faft das ganze Jahr und ging durch alle Theile 
des Landes.) Auch den Orden traf eine Reihe von ungluͤck⸗ 
lichen Ereigniſſen, die ihm die letzten Hoffnungen raubten. Der 
Biſchof von Ermland, ſeit den letzten Verhandlungen wohl 
einfehend, daß die Anſprüche des Ordens ſich ſchwerlich wuͤrden 
aufrecht halten laſſen, räumte nun ſchon den koͤniglichen Trup⸗ 
pen mehre feiner Städte ein, wodurch dem Orden viel Schaden 
geſchah.) Wie Bernhard von Zinnenberg, ſo ſchloß jetzt auch 
der Hauptmann zu Kiſchau von Schoͤnaich nebſt ſeinen Hof⸗ 
leuten mit den Feinden einen Waffenſtillſtand, der gerade jetzt 
den Belagerern Stargards ſehr erwuͤnſcht kam, dem Orden 
aber wiederum einen Theil ſeiner ohnedieß ſo ſchwachen Kriegs⸗ 
kräfte entzog.) Er hatte dieſe von Livland aus verſtaͤrken 
wollen; aber auch hier verfolgte ihn fein troſtloſer Unſtern. 
Vierzig Schiffe, die ihm von dorther Kriegsvolk, Kriegsbedarf 
u. a. hatten zubringen ſollen, ſtrandeten im Sturme an der 
Kuriſchen Seite und ſiebenhundert Reiſige nebſt etlichem Fuß⸗ 
volk, die den Landweg eingeſchlagen, fanden in Samaiten die 
Waldwege durch Verhacke geſperrt, wandten ſich nach dem 
Seeufer hinuͤber, geriethen dort aber in tiefe Graben, die von 
den Samaiten zu dieſem Zwecke aufgeworfen und mit Zweigen 
und Erde leicht bedeckt waren, wurden uͤberfallen, erſchlagen 
und gefangen; was ſich in die Waͤlder rettete, ſtarb vor Hun⸗ 
ger und Kaͤlte, andere verſchlang ein ſchwachgefrorener See, ſo 
daß von der ganzen Schaar nur einige wenige das Leben 
friſteten.“ 

Im Lande ſelbſt konnte der Meiſter kein Vertrauen mehr 
weder zu ſeinen Unterthanen, noch viel weniger zu den Soͤld⸗ 


1) Nach Runau p. 148, Schütz p. 325 u. Ordenschron. p. 36% 
erfolgten auch im Frühling 1466 neue Ausbrüche der Welchfel u. Nogat. 

2) Schiitx p. 322. 

3) Der Waffenſtillſtand ſeinem weſentlichen Inhalte nach bei 
Schütz p. 322 — 323. 

4) Schütz p. 323. Runau P. 147. Ordenschron. p. 363—364 5 
dieſe beiden letztern Quellen geben nur 600 Reiſige an. Arndt Liv⸗ 
land. Chron. Th. II. 151. 


684  Unglüdliche Ereigniſſe für den Orden. (1466.) 


nern faſſen. In Raſtenburg z. B. trieb immer noch Ver⸗ 
raͤtherei ihr hinterliſtiges Spiel; man war dort keinen Augen⸗ 
blick vor Ueberfaͤllen des Feindes ſicher, D denn von Roͤßel an 
uͤber Paſſenheim, Neidenburg bis Wormditt war alles von 
feindlichen Rotten beſetzt. Kein Bauer durfte ſein Dorf, kein 
Buͤrger ſeine Stadt verlaſſen ohne Gefahr von jenen auf⸗ 
gegriffen, gepluͤndert und mißhandelt zu werden, und überall 
deuteten dort die Truppenſammlungen auf wichtige Unterneh⸗ 
mungen hin.“ Wie um Bartenſtein, fo wurden auch ander⸗ 
waͤrts noch immer die Dorfgemeinen weitumher durch Brand⸗ 
ſchatzungen der Soͤldner unter Drohungen mit Feuer und 
Schwert faſt aller ihrer Habe beraubt. Wer nicht gab, verlor 
unerbittlich Haus und Hof.) Eben fo untroͤſtlich war des 
Ordens Lage in ſeinen weſtlichen Landen. Der Vogt von 
Stuhm war faſt allein nur noch auf die Mauern ſeiner Burg 
beſchraͤnkt, denn die Kriegsleute aus Marienburg hatten ringsum 
alle Straßen beſetzt.) Schon drohte auch der Verluſt von 
Marienwerder, das fin den Orden jetzt noch ſo aͤußerſt wichtig 
war, denn es war nicht bloß von loſen nnd leichtverkaͤuflichen 
Kriegsgeſellen beſetzt, ohne irgend einen rittermaͤßigen Mann 
von Anſehn und Gewicht, ſondern dieſes feile Kriegsvolk ſtand 
mit dem Feinde auch wirklich ſchon in Unterhandlungen.“ 
Bereits hatte ſich auch der Gubernator Stibor von Baiſen 


1) Schr. des Nicolaus Glasauge an d. HM. d. Raſtenburg Freit. 
vor Pauli Bekehr. 1466 Schbl. XLI. 43. 

2) Schr. des Hauptm. zu Ortelsburg Burchard v. Querfurt an 
Fritz v. Lockau Hauptm. zu Seeſten, d. Ortelsburg Dienft. vor Faſt⸗ 
nacht 1466 Schbl. XLVI. 19. Schr des Hans Retzenbach an Albrecht 
Hardecker, d. Friedland Sonnt. zu Faſtnacht 1466 Schl. LXXXII. 18. 

3) Eine Anzahl ſolcher Brandſchatzungsbriefe aus dem Januar 1466 
Schbl. LV. 10. 

4) Schr. des Hauptm. zu Deutſch⸗Eilau ulrich v. Kinsberg an 
d. HM. d. am T. Priſcaͤ 1466 Schl. Ad. Geſch. K. 34, 

5) Schr. des Vogts v. Stuhm Konrad v. Lichtenhain, Hauptm. 
zu Marienwerder an den Ordensfpittler, d. Stuhm am Faſtnacht⸗Abend 
1466 Schbl. XLIV. 33, 


Unglücklich Ereigniſſe für den Orden. (1466.) 685 


auf des Königes Antrieb an das Domkapitel von Pomeſanien 
gewandt, um es, da der gewaͤhlte Biſchof Nicolaus ſeine Be⸗ 
ſtaͤlgung immer noch nicht erhalten, zu einer neuen Biſchofs⸗ 
wahl in der Perſon des Domherrn zu Gneſen Vincenz Kiel⸗ 
baſſa, erſten Secretaͤrs des Königes und Kanzlers des Kapitels 
zu Poſen, zu gewinnen, vorgebend, daß es gerade dieſem Manne 
am wenigſten an den noͤthigen Geldmitteln fehle, um dem ſo 
ſehr verarmten und verwuͤſteten Biſthum wieder emporzuhelſen, 
und die Empfehlungen und Verheißungen des Gubernators in 
Beziehung auf dieſen Mann, der ohnedieß, wie es hieß, „von 
guter Deutſcher Zunge“ war, ließen ſehr beſuͤrchten, daß das 
Domkapitel ſich werde verlocken laſſen, zumal da die Landſchaft 
des Biſthums bereits größten Theils auf des Koͤniges Seite 
fiand. 

So von allem Gluͤcke verlaffen, fo huͤlflos, fo völlig ent⸗ 
kraͤftet und entmuthigt ſtand der Orden da. Keine Unter⸗ 
nehmung von Wichtigkeit gelang; auch die Entſetzung und 
Befreiung Stargards nicht, obgleich man ſie mehrmals mit 
Anſtrengung verſuchte. Da die in Nößel und der Umgegend 
liegenden Soͤldnerrotten in ihren Raubzügen immer kuͤhner und 
kecker wurden, Raſtenburg durch verraͤtheriſche Umtriebe mehrer 
Bürger immer mehr in Gefahr gerieth, entweder in die Haͤnde 
des Feindes zu gerathen oder in Feuer aufzugehen, da die Dro⸗ 
hungen der Soͤldnerhauptleute, namentlich auch Georgs von 
Schlieben, die ſtuͤrmiſch vom Hochmeiſter Geld und Unter⸗ 
haltungsmittel forderten, immer nachdruͤcklicher und gefahrvoller 
wurden, ) fo rieth man dem Meiſter, er möge mit Beihuͤlfe 
Georgs von Schlieben und der andern Rottmeiſter irgend einen 


1) Schr. des Gubernators an das Pomeſan. Domkapitel, d. 
Marienb. Mittw. vor Faſtnacht 1466 Schbl. LXV. 95. Er giebt den 
Rath: man möge den Vincenz bereitwillig u. einſtimmig aufnehmen, 
denn „ich vermuthe mich, werden wir ihn nicht einträchtig aufnehmen, 
ſo wird er gleichwohl in die Herrſchaft wirken.“ 

2) Runau p. 147 — 148. Schütz p. 323. 

3) Schr. Georgs v. Schlieben an Martin Truchſes, des HM. 
Kompan, d. Eilau Sonnab. vor Oculi 1466 Schbl. XLVIII. 21. 


686 unglückliche Ereigniſſe für den Orden. (1466.) 


Plan von Wichtigkeit, ſey es zum Angriffe auf Röͤßel oder auf 
Heilsberg oder Elbing unternehmen, theils um dadurch die 
Feinde wieder mehr einzuſchrecken, theils auch um die Ordens⸗ 
ſoͤldner zu beſchaͤſtigen und ihnen Mittel zu ihrem Unterhalte 
zu verſchaffen.) Allein es fehlte dem Meiſter an Entſchloſſen⸗ 
heit und Kraft, den Soͤldnerhauptleuten an Muth und Bereit⸗ 
willigkeit. 

Dieſe Muthloſigkeit und Schwäche, dieſe völlige Ermattung 
und dieſer Mangel an entſchloſſenem Willen zu irgend einer 
ehrenhaften That waren es ohne Zweifel auch, welche die 
Feinde des Ordens bewogen, in der Mitte des Marz dem 
Koͤnige durch eine Geſandtſchaft mit ernſtem Nachdruck vor⸗ 
ſtellen zu laſſen, wie dringend nothwendig es jetzt ſey, dem 
furchtbaren Verderben des Landes und dem jammervollen Elend 
in Staͤdten und Landen durch Beendigung des heilloſen Krieges 
endlich ein Ziel zu ſetzen, wie er daher jetzt eilig zur voͤlligen 
Ueberwaͤltigung des Feindes mit kraͤftigen Kriegsmitteln ins 
Feld ruͤcken und wo moͤglich in eigener Perſon in Preuſſen er⸗ 
ſcheinen müffe, um in dieſem Jahre den Kampf zu beendigen. 
Dabei ließen ſie ihn auch erinnern, wie es das Wohl des 
ganzen Landes fordere, auf die Erhaltung des bereits im ver⸗ 
wahrloſeſten Zuſtande daliegenden, wichtigen Hauptſchloſſes 
Marienburg und auf deſſen zweckmaͤßige Verſorgung durch einen 
tüchtigen Hauptmann in der Perſon eines Inlaͤnders, nament⸗ 
lich des Gubernators, mehr zu ruͤckſichtigen? und eine Menge 
von Ungerechtigkeiten, Mißbraͤuchen, Unterdruͤckungen und Ver⸗ 
letzungen der Rechte der Unterthanen abzuſtellen, welche ſich 


1) Schr. Albrecht Voyt's Hauptm. zu Raſtenburg an d. HM. 
d. am T. Reminiſc. 1466 Schbl. Ad. Geſch. V. 22 u. Schbl. LXXX. 
19. Schr. des Hauptm. Fritz v. Lockau an d. HM. d. Seeſten Mont. 
nach Oculi 1466 Schbl. Ad. Geſch. I. 13. Schr. des Landmarſchalls 
v. Livland an d. HM. d. Wehlau Mont. nach Oculi 1466 Schöl. 
XXIII. 6 

2) Merkwuͤrdig iſt, wie ſich die Geſandten über die Vernachlaͤſ⸗ 
ſigung und den Verfall des Schloſſes Marienburg in baulicher Hinſicht 
vor dem Könige ausließen, worüber Schütz p. 324, 


Unglückliche Ereigniſſe für den Orden. 1406.) 687 


bisher die Polniſchen Befehlshaber und die Beſatzungen der 
Schloͤſſer vielfältig erlaubt hatten, da es bereits dahin ge⸗ 
kommen ſey, daß im Lande der Gaſt wie ein Herr und der 
Wirth wie ein Knecht daſtehe. Durch Vorlegung einer Menge 
von Einzelnheiten ward es dem Koͤnige mit dem nachdruck⸗ 
vollſten Ernſte ans Herz gelegt, wie ſehr es ſeine Pflicht und 
der verwahrloſte Zuſtand des ganzen Landes erfordere, ſtrenger 
auf Herſtellung der Ordnung und Aufrechthaltung des Rechts 
und der Geſetze zu ſehen.) Die ernſte Sprache machte auf 
den Koͤnig merklichen Eindruck. Er erklaͤrte alsbald ſeinen 
Entſchluß, ſich bald ſelbſt mit einer Heeresmacht nach Preuſſen 
zu begeben und dem Kriege nun ſo ſchnell als moͤglich ein 
Ende zu machen; er verſprach zugleich, bei feiner perfönlichen 
Anweſenheit auch den gefuͤhrten Beſchwerden nach Möglichkeit 
abzuhelfen. 

Bevor indeß der Koͤnig in Preuſſen erſchien, wandte ſich 
das Gluck immer entſchiedener feinen und der Verbündeten 
Waffen zu. Es gelang dem Hauptmanne Jon Schalski mit 
Huͤlfe der Kriegsmannſchaft von Eibing und Preuſſ. Holland 
ſich durch Ueberfall der Stadt Melſack zu bemaͤchtigen. Da 
zu gleicher Zeit die Nachricht eintraf, daß die Danziger ſich 
abermals ruͤſteten, um Samland und Königsberg zu überfallen, 
ſo mußte der Meiſter zuvor hier ſo viel Kriegsvolk als moͤglich 
zur Gegenwehr zuſammenziehen und konnte erſt ſpaͤter dem 
Ordensſpittler mit einer Kriegsſchaar von dreitauſend Mann 
vor Melſack zu Huͤlfe eilen, um dieſe jetzt fuͤr den Orden ſo 
wichtige Stadt, durch deren Beſitz der Feind nun einen freien 
Zug mitten durchs Land gewonnen, wieder einzunehmen. Allein 
ſein Verſuch, ſie bei naͤchtlicher Weile durch ploͤtzlichen Ueberfall 
zu erſtüͤrmen, mißlang ihm unter bedeutendem Verluſte und 
ebenſo ein Angriff auf Preuffifch= Holland. ? Darauf ward 


1) Der ganze Vortrag der Geſandten offenbar aus Original⸗ 
Quellen bei Schütz p. 323 — 323. 

2) Runau p. 148 — 149 u. die Ordenschron. p. 365 ſchreiben die 
Unternehmung dem HM, Schütz p. 325 dem Ordensſpittler zu. 


688 ungluͤckliche Ereigniſſe fuͤr den Orden. (1466.) 


durch den Zuzug eines neuen Danziger Heerhaufens auch 
Stargard an der bisher noch freien Seite eingeſchloſſen und 
die Beſatzung durch Waͤlle und Graben nach außenhin voͤllig 
abgeſchnitten. Nun bemaͤchtigten ſich zwar die Ordenshaupt⸗ 
leute der Kirche zu Zanthir, bewehrten und verſchanzten ſie bis 
an die Weichſel, theils um von da aus die Stromſchiffahrt zu 
hemmen, theils auch um nach dem Rathe des Hauptmannes 
Ulrich von Kinsberg bei Stargards etwanigem Verluſte von 
dieſem feften Punkte aus ſich die Verbindung mit Pommerellen 
offen zu erhalten.) Allein auch der Zweck dieſer Unternehmung 
ging verloren, als die Feinde gerade gegenuͤber am andern 
Weichſelufer ebenfalls eine ſtarke Schanze errichteten.) Der 
Hochmeiſter ſammelte nun endlich zwar auch, auf die Nachricht, 
daß der Hauptmann Jon Schalski den Plan habe, von Melſack 
aus ins Gebiet von Brandenburg einzufallen, im Niederlande 
ſeine ganze noch uͤbrige Kriegsmacht, ließ Brandenburg ſtaͤrker 
beſetzen, entfandte den Hauptmann Georg von Schlieben nach 
Kreuzburg,“ um dort des Feindes Anzug zu hindern, verband 
ſich dann ſelbſt mit dem Ordensſpittler, ruͤckte im Anfange des 
Juli bis Elbing vor, vernichtete dort die Getreidefelder, zog 
darauf unter gleichen Verheerungen vor Preuſſ. Holland, 
Wormditt, Heilsberg und lagerte ſich endlich vor Melſack, um 
die Stadt wieder zu gewinnen; da indeß nach acht Tagen 
ſchon die Nachricht kam, daß die Danziger, Elbinger und 
Frauenburger auf bewaffneten Fahrzeugen in Samland ge⸗ 
landet, dort ohne allen Widerſtand raubten, heerten und nieder⸗ 
brennten, ſo mußte der Meiſter eiligſt dahin aufbrechen, um 
das Land vom Feinde wieder zu befreien. Er fand ihn jedoch 
dort angelangt bereits wieder entfernt und hatte nur den 
Schmerz, zu erfahren, daß die Beſatzungen der genannten 


1) Schr. des Hauptm. zu Eilau ulrich v. Kinsberg an d. HM. 
d. Sonnt. Judica 1466 Schbl. LXXXII. 16. 

2) Runau p. 150. Schütz I. c. 

3) Schr. des Rottmeiſters ulrich Wunchs an d. HM. d. Sinten 
Sonnt, nach Himmelf. 1466 Schul. LXXXIL 14. 


unglückliche Ereigniſſe für den Orden. (1466.) 689 


Städte hinter ihm herziehend das Land weit und breit ver⸗ 
wuͤſtet hatten. 

In Folge dieſer Ereigniſſe aber, weil jetzt gar keine Netz 
tung mehr moglich ſchien, ging nun auch Stargard fuͤr den 
Orden verloren. Durch den ſchrecklichſten Mangel bedraͤngt, 
an aller Huͤlfe verzweifelnd, entwich die Beſatzung heimlich zur 
Nachtzeit nach Konitz, ließ alles Gepaͤck zuruck und die Stadt 
ward ſofort von den Polen befegt.? Mittlerweile war der 
Koͤnig ſeinem Verſprechen gemaͤß mit neuem Kriegsvolke bis 
Bromberg vorgerüdt. Kaum war die Kunde davon nach 
Friedland und Hammerſtein gelangt, als die Buͤrger beider 
Staͤdte die Ordensbeſatzungen verjagten und ſich dem Koͤnige 
ergaben.) Darauf warf ſich ein Theil des koͤniglichen Kriegs⸗ 
volkes vor Konitz und ſchloß dieſes durch Graben und Schanzen 
ringsum ein. Obgleich der König das Belagerungsvolk bald 
durch neue Heerhaufen von Litthauern und Tataren noch an⸗ 
ſehnlich verſtaͤrkte, fo leiſtete dennoch die Beſatzung der Stadt 
unter der Anfuͤhrung des Hauptmannes Kaspar von Noſtitz 
und der beiden Ordensritter Graf Hans von Gleichen und 
Heinrich Reffle von Richtenberg ſieben Wochen lang den ent⸗ 
ſchloſſenſten Widerſtand; es ward mancher harte Kampf bes 
ſtanden. Erſt nachdem ihr durch Graben und Verſchanzungen 
jeder Ausfall unmöglich gemacht, der vierte Theil der Stadt 
und die meiſten Magazine durch feindliches Feuer vernichtet 
waren und man gar keine Ausſicht zur Rettung mehr fand, 
ſchloß Kaspar von Noſtitz mit den Befehlshabern des Be⸗ 
lagerungsheeres einen Vertrag, der ihnen freien Abzug mit 
allem Geſchuͤtz und ihren Vorraͤthen geſtattete, jedoch unter der 
Bedingung, daß fie binnen vier Wochen unter des Königes 
ſicherem Geleite das Land verlaſſen ſollten. Sie begaben ſich 
nach Lauenburg und Buͤtow und zogen von da, nachdem fie 


1) Run b. 150, Schiitz p. 326, beide nicht ganz einſtimmig. 
Ordenschron. p. 365. 
2) Runau p. 151, Schütz I. c. 
3) Schütz p. 326. 
VIII. 44 


690 unglückliche Ereigniſſe für den Orden. (1466,) 


beide Staͤdte dem Herzog von Pommern gegen eine namhafte 
Kaufſumme uͤberlaſſen, ihm auch ihr ſaͤmmtliches ſchweres Ge⸗ 
ſchütz in Verwahrſam übergeben und einen Theil der Kaufſumme 
ausgezahlt erhalten hatten, in die Heimat zuruͤck. D 

Mit dieſen Verluſten war jenſeits der Weichſel fir den 
Orden jetzt alles aufgegeben. Von Deutſchland nunmehr völlig 
abgeſchnitten, konnte er von dorther wenig Huͤlfe mehr er⸗ 
warten. Auch in Livland hatte der Hochmeiſter nach den letzten 
Unfällen der Livlaͤndiſchen Huͤlfshaufen vergebens um neuen Bei: 
ſtand gebeten.) Auf die noch uͤbrigen Soͤldnerhauptleute im 
Lande war, wie wir bereits geſehen, ſchon laͤngſt bei keiner 
Unternehmung mehr zu rechnen. Sie hatten ſich faſt alle in 
den Beſitz gewiſſer Staͤdte und laͤndlicher Beſitzungen geſetzt, 
die fie als Pfand für die ihnen ſchuldigen Sold⸗ und Schaden⸗ 
ſummen anſahen oder auch als ſolche vom Meiſter erhalten 
hatten und aus denen ſie ſich auch nicht mehr gerne entfernten. 
Hie und da hatten die Hofleute Dörfer und Ordensguͤter be⸗ 
reits ſelbſt unter ſich vertheilt, woraus ſie ihren Unterhalt und 
alle ihre Beduͤrfniſſe zogen.) Um nur noch einigen Halt zu 
haben, belohnte der Meiſter haͤufig ſolche, die ſich durch treue 
Ergebenheit und Dienſte im Kriege hervorgethan, durch anſehn⸗ 
liche Verleihungen von laͤndlichem Beſitzthum mit adeligen 
Rechten.“ Die Noth und Armuth aber in Staͤdten und auf 


1) Runau p. 152 — 153. Schütz p. 326 — 327. Ordenschron. 
p. 366 — 367. Zeugniß des Herzogs Erich v. Pommern über den Em⸗ 
pfang des ſchweren Gefchüges vom Grafen Hans v. Gleichen und 
Heinrich Reffle v. Richtenberg, d. Stolpe Sonnab. nach Dionyſ. 
1466 Schbl. XV. 225. 

2) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Mohrungen Freit. 
vor Johanni 1466 Schbl. LXXXIL 23. 

3) Schr. des Rathes v. Schippenbeil an d. HM. d. Mittw. vor 
Palmar. 1466 Schbl. LXXXII. 17. 

4) Wir haben aus den J. 1465 1467 ſolcher Verſchreibungen 
eine große Zahl. Die im Kriege bewaͤhrte Treue und geleiſteten Dienſte 
werden immer als Motive der Verleihung hervorgehoben. Die Ver⸗ 
leihungen geſchehen mit Magdeburgiſchem Rechte, hoher und niederer 
Gerichtsbarkeit, Patronatsrecht u. ſ. w. 


Ungluͤckliche Ereigniſſe für den Orden. (1466.) 691 


dem Lande war unbeſchreiblich groß; an vielen Orten waren 
ſelbſt die allernothwendigſten Lebensmittel nicht mehr auf: 
zubringen und die Menſchen verließen oft Schaarweiſe Haus 
und Hof; an andern friſteten ſie ihr Leben auf die elendeſte 
Weiſe. Ein ſtrenges Verbot des Königes von Polen wegen 
Zufuhr und Handel mit Fiſchen und andern Lebensbebürfniffen, 
die bisher hie und da in die Staͤdte und Gebiete des Ordens 
im Stillen noch Statt gefunden, ſteigerte an vielen Orten das 
Elend und den Jammer noch mehr.) Dreizehn Jahre lang 
hatte ein Krieg das Land die Weite und die Breite entoölfert und 
verheert, der, je weniger er großartige Kämpfe und denkwuͤrdige 
Schlachten aufzuweiſen hat, mehr nur den widrigen und graͤß⸗ 
lichen Character eines graͤuelvollen Raub⸗ und Verheerungs⸗ 
krieges an ſich trägt und in gemeinem Rauben, Pluͤndern und 
Brandſtiften ſich Jahrelang hinſchleppt. Während feiner Dauer 
aber war das Land faſt zur Einoͤde, der Landmann beinahe 
allenthalben zum Bettler geworden, die Bluͤthe der Staͤdte 
ganz erſtorben, aller Handel gelaͤhmt und erdruͤckt, die Gewerbe 
aller Art gehemmt, der Landesfurſt ſelbſt in ſolche Armuth ver⸗ 
ſunken, daß er, um vierhundert Gulden vom Biſchofe von 
Samland zu erhalten, dieſem den Zins eines Dorfes auf mehre 
Jahre verpfaͤndete,?) ja ſogar nicht ſelten feine nothwendigen 
Lebensmittel von einzelnen Staͤdten erbitten mußte. Das ganze 


1) Das Verbot des Koͤniges, d. in Bidgostia feria V unte fest. 
Bartholom, 1466 im Rathsarchiv zu Thorn Serin. IV. 17. Schr. des 
Hauptm. zu Heiligenbeil Melchior v. Dewen, d. Dienſt. nach Corpor. 
Chr. 1466 Schbl. XL. 33. 

2) Detmar B. I. 287 fagt: als im J. 1464 die Rübedifchen 
Sendboten zum Tage nach Thorn durchs Kulmiſche Land zogen, „da 
voren ſe doer en arm unde vordorven unde vorheret lant, alſo dat ſe 
dar nichten ſeghen noch kerken noch clues, noch katten edder hues, dat 
ungeſerighet were; mer fe ſegen vele ſtede, ſlote, cloſtere unde dorpe, de 
vorbrant unde vorheret weren. Unde dar vunden ſe vele armer lude 
ynne, de de leden iamer, hungher unde ſmacht, alſo dat dar vele 
ſtarff van hungere unde von ſmachte, beyde junk unde olt u. ſ. w. 

3) Verpfaͤndungsurkunde des HM. d. Koͤnigsb. am T. Silveſter 
Papaͤ 1466 Schbl. XXX. 75. 

44 * 


692 Friedensverhandlung zu Thorn. (1466.) 


Land endlich war von einer zuchtloſen, rohen Soldatenhorde 
überzogen, die als Tagesgeſchaͤft nur Raub und Pluͤnderung 
kannte und unter Graͤuelthaten jeglicher Art die letzten Kräfte 
des Landes verzehrte. 

So bot ſich dem Blicke Über das ungluͤckliche Land das 
graͤßlichſte, jammervollſte Bild dar. Den Krieg weiter fort⸗ 
zuführen, war dem Meiſter völig unmöglich, Auch die noch 
um ihn ſtehenden Gebietiger, der Großkomthur Ulrich von 
Iſenhofen, der Ordensſpittler Heinrich Reuß von Plauen, der 
ſich bisher immer noch den Titel eines Komthurs von Elbing 
beilegte, der Komthur von Oſterode Wilhelm von Eppingen, 
der von Balga Siegfried Flach von Schwarzburg, der von 
Brandenburg Veit von Gich und mehre andere, die meiſt zu⸗ 
gleich jetzt als Hauptleute der verſchiedenen Ordensburgen auf⸗ 
treten, alle verzweifelten ſchon an der Moͤglichkeit der Rettung 
des Ordens aus ſeinen ſchweren Drangſalen. Jeder ſah jetzt 
klar ein: um noch Einiges aus dem Sturme zu retten, muͤſſe 
unter allen Umſtaͤnden Friede geſchloſſen werden. Er war be⸗ 
reits eingeleitet. Schon als jene Sendboten der Verbuͤndeten 
im Fruͤhling dieſes Jahres beim Koͤnige waren, hatte ſich von 
neuem ein paͤpſtlicher Legat von Breslau aus an dieſen ge⸗ 
wandt, um im Auftrage des Papſtes den Frieden zu vermitteln. 
„Was rathet ihr, ließ damals der König die Geſandten fragen, 
laſſen wir ihn zu Friedensverhandlungen zu?“ Sie antworte⸗ 
ten: „es kommt auf die Weiſe an, wie er es wird vornehmen 
Will er in der Sache handeln, wie ſein Vorgaͤnger, ſo daͤucht 
uns nicht gerathen, daß man ihn zulaſſe. Wollte jener uns 
doch ſogar von dem Euch geleiſteten Eide entbinden und wieder 
unter den Orden bringen. Will dieſer aber wirklich den Frieden 
herſtellen, fo rathen wir ihn anzunehmen.“ ) 

Man hatte hierauf auf einem Landtage zu Marienburg 
eine perſoͤnliche Zuſammenkunft des Königes und des Hoch⸗ 
meiſters zu Kulmſee und dann zu Thorn beſchloſſen, ſo daß 


1) Schütz p. 325; über des Koͤniges Geſandtſchaft an den Le⸗ 
gaten in Breslau Diwgoss. T. II. 364 — 365. 


Friedensverhandlung zu Thorn. (1466.) 693 


jener ſich zu Thorn, dieſer fich zu Kulm verhalten ſollte.) Nach⸗ 
dem nun der Legat, Biſchof Rudolf von Lavant, vom Papſt Paul 
dem Zweiten geſandt, ein in Geſinnung und Character höchft acht⸗ 
barer Mann, in Preuſſen angekommen, die Geleitsbriefe für die 
Friedensunterhaͤndler gegenſeitig ausgewechſelt und die Vollmach⸗ 
ten geprüft waren, wurden zu Thorn, wo der Koͤnig mit einer 
großen Zahl geiſtlicher und weltlicher Reichsgroßen und die be⸗ 
vollmächtieten Sendboten der Verbündeten erſchienen, die Ver⸗ 
handlungen am neunten September eröffnet, nachdem ſich 
zuvor der paͤpſtl. Legat und der Kanzler von Poſen Vincenz 
Kielbaſſa zu Kulm über die wichtigſten Friedenspunkte be⸗ 
rathen.“) Zuerſt trat jener im Auftrage des Papſtes mit der 
Bitte an den Koͤnig auf: „er moͤge dem Orden Friede ge⸗ 
waͤhren, ſich gnaͤdig und handlich finden laſſen und nicht an⸗ 
ſehen die Große feiner Macht oder das Gluͤck ſeiner Waffen, 
um Ehre willen des paͤpſtlichen Stuhles und fleißiger Bitte 
feiner einfaͤtigen Perſon. Er ſelbſt erbiete ſich, ſich fleißig, 
lautern Herzens und reiner Meinung zu beweiſen und keinem 
Theile zu Liebe oder Gunſt das Friedenswerk zu fordern.“ 
Der König zeigte ſich freundlich und willig. Da jedoch der 
Hochmeiſter, durch Hinderniſſe aufgehalten, am anberaumten 
Tage nicht ſelbſt erſchien, ſo erwachte bei jenem das alte Miß⸗ 
trauen gegen des Meiſters redliche Abſichten und Argliſt ahnend 
wollte er die Friedensverhandlung ſofort wieder abbrechen. Nur 
mit großer Muͤhe konnte ihn der Legat bewegen, noch einige 
Tage zu verweilen.) Mittlerweile langte auch der Hochmeiſter 
zu Kulm an, mit ihm der Ordensſpittler, der Landmarfchall 
von Livland Gerhard von Mallinkrodt, der Komthur zu Oſte⸗ 
rode Wilhelm von Eppingen, der Hauptmann zu Eilau Ulrich 
von Kinsberg, die Hauptleute Georg von Schlieben, Bernhard 


4) Runau p. 151. 153. Scltiitæ p. 327. 

2) Schütz I. c. 

3) Schütz I. o. Dlugoss. T. II. 379. 

4) Diugoss. T. II. 383. 

5) Schiltz p. 328. Nachrichten von einigen Käufern des Ge⸗ 
ſchlechts v. Schlieben S. 388. 


694 Friedensverhandlung zu Thorn. (1466.) 


von Zinnenberg und viele vom Adel und aus den Staͤdten 
des Landes. Der Legat, den Meiſter zu Kulm begruͤßend, 
fand auch ihn zum Frieden ſehr geneigt; doch legte dieſer durch 
Bernhard von Zinnenberg die Bitte vor, die Friedensverhand⸗ 
lung wegen des großen Mangels an Lebensmitteln zu Kulmſee 
an einem andern Orte Statt finden zu laſſen. Der König 
nachgiebig ſchlug Neſſau vor, wo ſich auch alsbald die Bevoll⸗ 
mächtigten verſammelten, von des Ordens Seite der Land⸗ 
marſchall von Livland, Ulrich von Kinsberg, Georg von 
Schlieben und einige andere, von des Königes Seite die Bi⸗ 
ſchoͤfe von Kujavien und Ermland, Vincenz Kielbaſſa, der Gu⸗ 
bernator Stibor von Baiſen, mehre Polniſche Woiwoden und 
Sendboten aus Preuſſen. » 

Die Eöniglichen Bevollmächtigten begannen damit, die 
Rechte und Anſpruche ihres Herrn auf Preuſſen von neuem 
auseinander zu ſetzen. Der Legat indeß unterbrach ſie bald 
mit den Worten: „es iſt nicht noͤthig, hier von Rechten zu 
ſprechen, denn davon iſt auf beiden Seiten immer nur Irrniß 
und Verhinderung gekommen; gebt alſo andere Wege zum 
Frieden vor.“ „Es iſt nicht des Koͤniges Meinung, er⸗ 
wiederten ſie, den Orden ganz aus dem Lande zu vertreiben. 
Er will ihm Samland, mit Ausnahme Koͤnigsbergs, laſſen, 
ſofern er ſich in des Koͤniges Gnade ergeben will.“ 2 „Sehet, 
ſprach darauf der Legat zum Koͤnige, auf die fruͤheren Ver⸗ 
handlungen und auf die letztern auf der Nehring; da habt ihr 
dem Orden viel mehr angeboten als jetzt; nehmet Ruͤckſicht auf 
meine und des heil. Vaters Bitten, deſſen Perſon ich jetzt ver⸗ 
trete, laſſet unſere Mühen und Koſten nicht umſonſt verwandt 
ſeyn; uͤberlaſſet dem Orden die Städte und Schloͤſſer, welche 
er jetzt eben inne hat und geſtattet, daß der Hochmeiſter ſich 
perſoͤnlich vor euch demuͤthige.“ ) Der Koͤnig erwiederte: 
„wohl hatten wir dem Orden fruͤher mehr geboten; aber ſeit⸗ 


1) Schütz nennt fie ſaͤmmtlich. 
2) Schütz p. 329. 
3) Schütz I. c. 


Friedensverhandlung zu Thorn. (1466.) 695 


dem hat uns der Krieg auch mehr gekoſtet und wir haben ſeit⸗ 
dem auch mehre Schlöffer und Staͤdte erobert. Jedoch aus 
Ehrfurcht vor dem päpftlichen Stuhle wollen wir dem Orden 
noch Schloß und Stadt Königäberg und die Gebiete, Schloͤſſer 
und Staͤdte Inſterburg, Norkitten, Wonsdorf, Allenburg, Anger⸗ 
burg, ben, Drengfurt und das ganze Gebiet von Branden⸗ 
burg überlaſſen, unter der Bedingung, daß uns der Hoch⸗ 
meifter die Huldigung leiſte.“ Was dieſe letztere Forderung 
betraf, ſo gelang es dem Legaten, obgleich nicht ohne große 
Mühe, den Hochmeiſter und die Gebietiger zur Annahme dieſes 
Punktes zu bewegen, denn ihre Bedenklichkeit, daß des Ordens 
unterthaͤniges Verhaͤltniß zum Roͤm. Stuhle eine ſolche Unter⸗ 
gebung unter den König von Polen nicht wohl geſtatte, wußte 
der Legat kluͤglich zu beſeitigen.) Auf des Hochmeiſters For⸗ 
derung fuͤgte zwar der Koͤnig zu den Landen fuͤr den Orden 
auch noch das ganze Balgaiſche und Raſtenburgiſche Gebiet 
hinzu; allein die verlangte Zuruͤckgabe Marienburgs, die der 
Meiſter zur Rettung ſeiner Ehre vor Fuͤrſten und Herren an⸗ 
ſprach, ſchlug jener beharrlich ab, behauptend, daß er als Be⸗ 
ſchirmer und Herr der Lande geziemend auch Herr des Haupt⸗ 
ſchloſſes ſeyn muͤſſe.) Da indeß der Hochmeiſter darauf 
beſtand, daß, wenn der König Marienburg nicht zuruͤckgeben 
wolle, auch der Orden behalten muͤſſe, was er beſitze, da er 
ferner auch auf die Zuruͤckgabe der heil. Reliquien, des Bildes 
der heil. Barbara und des heil. Kreuzes drang, ſo drohte der 
König, in feiner Geduld erſchöpft, die Unterhandlung abzubrechen; 
jedoch geſtattete er, daß der Legat und Vincenz Kielbaſſa noch 
einmal zum Hochmeiſter nach Kulm zoͤgen, um wo moͤglich 
noch eine Ausgleichung zu bewirken. Sie kehrten mit einem 
neuen Anerbieten zuruͤck; von Marienburg und den Heilig⸗ 
thumern war nicht mehr die Rede; der Meifter uͤberließ dem 
Koͤnige, was er verlangte; er ſchlug jedoch vor, Paſſenheim, 
Neidenburg und Preuſſiſch⸗ Holland durch die Abtretung von 


1) Das Nähere iſt bei Schütz v. 330 nachzuleſen. 
2) Schütz I. c. 


696 Friedensverhandlung zu Thorn. (1466.) 


Stuhm, Brathean und Neumark auszulöſen. Der Koͤnig ſchien 
dazu wenig geneigt. Knieend und aufs flehentlichſte bat ihn 
jetzt der Legat, um der Bitte des heil. Vaters willen dem Blut⸗ 
vergießen ein Ende zu machen und nicht Eines Schloſſes oder 
Gebietes wegen das Friedenswerk zu hindern. Da gab erdlich 
der Koͤnig nach, daß der Hochmeiſter auf das letzte gethane 
Erbieten nach Thorn kommen duͤrfe. 

Es war um die Mitte des Octobers, als der Meiſter tief 
von Gram und Sorge gedruckt den ſchweren Gang nach Thorn 
antrat. Es iſt wohl glaublich, wenn erzaͤhlt wird, daß er dort 
in einem ſehr aͤrmlichen Aufzuge erſchienen ſey und nicht einmal 
geziemende Kleider ſeinen Koͤrper bedeckten.) Um ihm das 
Bittere der Demuͤthigung etwas zu verfüßen, zog ihm zum 
ſtattlichen Empfange eine Anzahl vornehmer Polen entgegen. 
Auch der Koͤnig nahm ihn freundlich und ehrerbietig auf und 
reichte ihm mit allen Hofleuten die Hand. Als dieß auch der 
Biſchof Paul von Ermland bei der Begruͤßung thun wollte, 
verweigerte ihm der Meiſter die ſeinige, denn als er auf der 
Reiſe nach Thorn durch Braunsberg ziehen wollte, hatte ihm 
der Rath der Stodt auf des Bifchofe ausdruͤcklichen Befehl 
die Thore verſchließen laſſen. Nur nach vielen Bitten war 
ſeinen Wagen der Durchzug durch die Stadt erlaubt worden; 
er ſelbſt hatte mit ſeiner Begleitung durch die Paſſarge reiten 
muͤſſen. Das vergalt er ihm jetzt mit Beſchaͤmung vor der 
ganzen Verſammlung. Der König vermittelte zwar eine Aus⸗ 
ſoͤhnung, begütigte den Hochmeiſter und legte ſelbſt Beider 
Haͤnde in einander; ſie ſchienen aͤußerlich beſreundet, allein ihre 
Geſinnungen blieben ſich fortan immer fremd.?) Mehre Tage 
lang ward nun noch fortwährend über verſchiedene Friedens⸗ 
bedingungen verhandelt. Gerne hätten einige koͤnigl. Raͤthe, 
die Abgeordneten der Verbündeten und ſelbſt der Biſchof von 
Ermland den Frieden, wenn auch nicht ganz verhindert, doch 
wenigſtens anders geſtellt, denn ſie meinten, der Koͤnig habe 


1) Kotzebue B. IV. 233. 383. 
2) So die alte Preuſſ. Chron. p. 47. 


Friedensſchluß zu Thorn. (1466,) 697 


nach der Einnahme von Konitz den Orden wohl leicht von 
feiner ganzen Herrſchaft vertreiben koͤnnen. Die Bemuͤhungen 
des Legaten indeß, die Stimmen der Biſchoͤfe und der meiſten 
koͤnigl. Raͤthe behielten das Uebergewicht.“ 

Alſo kam endlich am neunzehnten October der Friede zu 
Thorn unter folgenden weſentlichen Bedingungen zu Stande. 
1. Zwiſchen dem Koͤnige von Polen, den Herzogen von Ma⸗ 
ſovien und Pommern, dem Biſchofe und Kapitel von Ermland 
und allen des Koͤniges Anhaͤngern und Laͤndern einer Seits, 
und dem Hochmeiſter, den Gebietigern, dem ganzen Orden 
und allen deſſen Landen anderer Seits ſoll fortan ein unver⸗ 
bruͤchlicher, ewiger Friede beſtehen. Alle Beruͤchtigungen, Scha⸗ 
denverletzungen und Mißhelligkeiten find völlig abgethan und 
beigelegt; keiner ſoll fie durch Klagen oder ſonſt irgendwie wie⸗ 
der anregen. 2. Der Koͤnig erhaͤlt das ganze Kulmerland mit 
allen Schloͤſſern und Staͤdten, als Thorn, Althaus, Kulm, 
Schoͤnſee, Roggenhauſen, Engelsburg, Golub, Strasburg 
u. ſ. w., ferner das ganze Michelauer Gebiet und Pommerel⸗ 
len mit allen Staͤdten und Schloͤſſern, als Danzig, Lauen⸗ 
burg, Dirſchau, Mewe, Stargard, Neuenburg, Schwez, Schlo⸗ 
chau, Konitz, Hammerſtein, Tuchel u. ſ. w. Der Orden muß 
auf alle Anſpruͤche und Rechte in Ruͤckſicht dieſer Länder zu 
Gunſten des Koͤniges auf ewig verzichten. Ein Theil der Fri⸗ 
ſchen Nehring mit einigen Dörfern bis ans Tief, das Tief 
ſelbſt mit dem Störfange und dem dortigen Zoll, ſowie ein 
Theil des Friſchen Haffs verbleibt dem Orden, mit Ausnahme 
der Jagd, doch unter der Bedingung, daß er auf ſeinem Theile 
der Nehring kein Schloß oder irgend eine Befeſtigung erbauen 
und außer dem alten Zolle im Tief keine neue Abgabe erheben 
darf. ) 3. Der König erhält ferner Schloß und Stadt Ma: 


1) Diagoss. T. II. 383. 384, 

2) Nach Schlitz p. 331 hatte der König die ganze Nehring früher 
der Stadt Danzig verſchrieben. Da dieſe jetzt einen Theil an den 
Orden abtreten mußte, fo entſchaͤdigte er fie dafür durch das Gebiet 
von Hela, womit Danzig aber unzufrieden war, weil dieſes Land dem 
abgetretenen an Werth bedeutend nachſtand. Die Urkunde des Koͤniges, 


698 Friedensſchluß zu Thorn. (1466.) 


rienburg, den großen und kleinen Werder, den Drauſen⸗See, 
das Gebiet von Scharffau, Stadt und Schloß Stuhm, die 
Stadt Elbing mit ihrem ganzen Gebiete, Tolkemit, das ſ. g. 
Waldamt mit Ausnahme einiger Doͤrfer, auch die Stadt und 
das Gebiet von Chriſtburg, deſſen Schloß aber geſchleift wer⸗ 
den ſoll, wobei die Graͤnzen zwiſchen des Koͤniges und des 
Ordens Gebiet genau beſtimmt werden.) Der Orden leiſtet 
auf alle dieſe Lande auf ewige Zeit Verzicht und begiebt ſich 
darauf jedes Titels und Eigenthumsrechts. 4. Das geſammte 
uͤbrige Land Preuſſen, Samland, das Niederland und Hinter⸗ 
land mit allen Staͤdten und Schloͤſſern behaͤlt forthin der Or⸗ 
den in ungeſtoͤrtem Beſitze und der König verzichtet für ſich 
und alle ſeine Nachfolger auf alles Beſitz⸗ und Eigenthums⸗ 
recht in Ruͤckſicht dieſer Lande. 5. Die Keutelbriefe zur Fiſcherei 
auf dem Friſchen Haff ſollen jedes Jahr an einem beſtimmten 
Tage in Gegenwart des koͤniglichen Hauptmannes von Ma⸗ 
rienburg und eines Anwaltes des Hochmeiſters ausgeſtellt wer⸗ 
den und die eine Haͤlfte des Fiſchereipachtgeldes dem Koͤnige, 
die andere dem Orden zufallen, doch unbeſchadet der Rechte 
der Biſchoͤfe von Samland und Ermland und deren Kapitel 
oder anderer Perſonen, denen Keutelbriefe unentgeltlich ertheilt 
werden. 6. Der Koͤnig nimmt den Hochmeiſter als Polniſchen 
Reichsfuͤrſten und beſtaͤndigen Rath? und die vornehmeren Ge⸗ 
bietiger, welche der Meiſter dazu in Vorſchlag bringen wird, 
als Polniſche Reichsraͤthe auf, mit dem Verſprechen, ſie ſtets 
mit Liebe und ehrenvoll zu behandeln und in ihren Rechten, 
Freiheiten, Privilegien und Beſitzungen zu erhalten und gegen 
jeglichen zu ſchuͤtzen und zu vertheidigen. Der Hochmeiſter 
aber und alle ſeine Nachfolger im Meiſteramte ſollen verpflichtet 
ſeyn, ſich jedesmal ſechs Monate nach ihrer Wahl perſoͤnlich 


womit er der Stadt Danzig Vergütung für den ihr entzogenen Theil 
der Nehring verſpricht, d. Thorn Freit, vor Simon u. Juda 1466 in 
Abſchrift im Rathsarchiv zu Danzig. 
1) Woruͤber die Friedensurkunde die naͤheren Beſtimmungen enthaͤlt. 
2) Der Koͤnig nennt daher ſeitdem den HM. in ſeinen Urkunden 
beftändig IIlustris es magnificus Princeps et Consiliarius noster. 


Friedensſchluß zu Thorn. (1466,) 699 


vor dem Könige zu ſtellen, ihm für feine Gebietiger und Lande 
den Eid pflichtiger Treue, ſtete und unverbruͤchliche Aufrecht⸗ 
haltung des Friedens und Unaufloͤslichkeit des geleifteten Eides 
zu ſchwoͤren; !) er ſoll im Reichsrathe den Ehrenplatz zur Lin⸗ 
ken des Koͤniges einnehmen. Der Meiſter, ſeine Gebietiger, 
alle Staͤnde und Unterthanen und alle ſeine Lande, auch ſelbſt 
die in heidniſchen Ländern außerhalb Preuſſens, find für immer 
in der Art mit dem Reiche Polen vereinigt und verbunden, 
daß ſie zuſammen wie einen einzigen Koͤrper, Ein Geſchlecht 
und Volk in Freundſchaft, Liebe und Eintracht bilden. Der 
Orden erkennt außer dem Papſte keinen andern als den König 
von Polen als ſein Haupt und ſeinen Oberſten an. Darum 
darf er den Koͤnig niemals weder im Gluͤck noch Unglück ver⸗ 
laſſen, ſondern muß ihm gegen alle feine und des Reiches 
Feinde Beiſtand leiſten und ihn im Kriege mit Macht, Huͤlfe 
und Rath unterftügen. Der Hochmeiſter und feine Gebietiger 
ſollen nie ohne des Koͤniges und dieſer und ſeine Nachfolger 
nie ohne des Hochmeiſters, der Praͤlaten, Gebietiger und der 
Stände Rath, Willen und Einſtimmung mit irgend jemand 
Bimdniffe oder Verträge ſchließen oder deshalb unterhandeln. 
Desgleichen ſoll der Orden ohne des Koͤniges ausdrückliche 
Einwilligung gegen Rechtglaͤubige nie Krieg beginnen. Es 
wird der Huldigungseid, den jeder Hochmeiſter dem Koͤnige 
ſchwoͤren ſoll, aufs genauſte vorgeſchrieben. 7. Das Biſthum 
Kulm ſoll fortan dem Erzbiſchof von Gneſen als ſeinem Ober⸗ 
ſten untergeordnet und gehorſam ſeyn und mit des Papſtes Zu⸗ 
laſſung von einer geordneten in eine weltliche Kirche umgewan⸗ 
delt werden. 8. Das Biſthum Ermland ſoll forthin unter des 
Koͤniges Schutz und Unterwuͤrfigkeit ſtehen und der Hochmei⸗ 
ſter auf alle Rechte, die er bisher in Beziehung auf das 
Biſthum gehabt, voͤllig Verzicht leiſten. 9. Das Biſthum Po⸗ 
meſanien ſoll der vom Koͤnige zum Biſchof von Kulm ernannte 
Vincenz Kielbaſſa, des Koͤniges Rath und Secretaͤr, für den 
er beim Papſte ſich verwenden wird, vom Hochmeiſter auf 


1) Die vorgeſchriebene Eidesformel auch Schbl. LXIX. 3. 


700 Friedensſchluß zu Thorn. (1466.) 


Lebenszeit nach paͤpſtlicher Anordnung zur Verwaltung erhal⸗ 
ten, ohne daß die Pomeſaniſche Kirche als eine geordnete eine 
Veränderung erleiden foll. Nach des genannten Biſchofs Tod 
aber ſoll ſie dem Orden wieder eingeraͤumt und mit einem Or⸗ 
densbruder beſetzt werden, jedoch unter des Koͤniges Schutz 
ſteben. 10. Alle Beſitzungen, Schlöffer, Städte und Doͤrfer, 
welche fruͤher den Biſchoͤfen, Kapiteln, Praͤlaten, Aebten, Kloͤ⸗ 
ſtern oder frommen Stiftungen und Hospitälern gehört, foilen 
denſelben bis zu naͤchſtem Johannis⸗Tag ungeſchmaͤlert wieder 
uͤberwieſen werden. 11. Alle Gefangenen beider Seits ſollen 
fortan frei gegeben und nicht geſchatzt werden und die ſchon 
geſchatzten zu keiner Zahlung verbunden ſeyn. 12. Der Kauf⸗ 
mann ſoll ſowohl in des Koͤniges als des Ordens Landen voͤl⸗ 
lige Sicherheit genießen und außer den alten und gewohnten 
Landſtraßen nicht gezwungen werden, mit ſeinen Kaufwaaren 
in die eine oder andere Stadt zu ziehen oder anzulegen, mit 
Ausnahme Koͤnigsbergs, woruͤber eine beſondere Beſtimmung 
gegeben wird. Außer den bereits vorhandenen und gewohn⸗ 
ten Zoͤllen ſollen nirgendswo dem Kaufmanne neue Abgaben 
aufgebürdet werden. 13. Kein Kaufmann und überhaupt kein 
Unterthan beider Theile foll im Gerichtsweſen erzwungenen Be: 
laͤſtigungen unterworfen ſeyn oder genoͤthigt werden, fein Recht 
anderswo zu ſuchen als bei ſeinem gebuͤhrenden Richter. Alle 
Beſchlagnahme, Bekuͤmmerung und Arreſtirung von Gütern 
ſoll fortan unterbleiben und nur der Uebertreter eines Geſetzes 
ſelbſt beftraft werden. 14. In den Orden in Preuſſen follen 
inskuͤnſtige auch Unterthanen jegliches Standes aus dem Koͤ⸗ 
nigreiche Polen und deſſen Herrſchaften und Laͤndern, jedoch 
nicht mehr als die Haͤlfte der Ordensglieder aufgenommen und 


1) Es war dieß naͤmlich eine Beſtimmung des Koͤniges, nach 
welcher die Stadt Königsberg auf drei Jahre zum Stapelplatz für alle 
aus Litthauen und Samaiten kommende Aſche erklart wird; darüber 
die Urk. d. Thorun feria II ante Test. undecim mill. virg. 1466 Schbl. 
XXXIII. Es waltete über das Recht der depositio, probatio et brac- 
catio cinerum zwiſchen Königsberg und Danzig ein Streit ob, den der 
HM. und der Koͤnig im Verlaufe der drei Jahre ausgleichen wollten. 


Friedensſchluß zu Thorn. (1466.) 701 


bei Verleihung der Komthureien und Ordensaͤmter ebenfalls 
zur Hälfte auf fie Ruͤckſicht genommen werden.) Die Hoch 
meiſterwahl foll nach der Ordensregel geſchehen, ein Hochmei⸗ 
ſter aber ohne erwieſene Schuld und ohne des Koͤniges Mit⸗ 
wiſſen durch die Komthure nicht abgeſetzt werden koͤnnen. 
15. Beide Theile verſprechen, ſich durch keine Gewalt auf Er⸗ 
den, weder vom Papſte, noch vom Kaiſer oder einem Conci⸗ 
lium oder irgend einer andern Macht, wie ſie nur irgend hei⸗ 
ßen moͤge, zum Bruche oder zur Auflöſung und Verletzung 
dieſes Friedens oder auch zur Entbindung vom geleiſteten Eide 
bewegen zu laſſen. Wer es thut, fol für treulos und mein⸗ 
eidig gehalten werden. 16. Verbrechen, von einzelnen Unter⸗ 
thanen an denen des andern Theiles begangen ſollen nicht als 
Friedensbruch betrachtet, die Verbrecher aber gerichtet und be⸗ 
ſtraſt werden. 17. Beide Theile ſollen die Städte und Schloͤſ⸗ 
ſer, die ſie noch im Beſitze haben, dem andern Theile aber 
durch den Frieden abgetreten find, dieſem bis naͤchſten Johan⸗ 
nis⸗Tag ohne weiteres einräumen. 18. Entlaufene Bauern 
und Einfaffen, die im Verlaufe des Krieges von ihren Herren 
geflüchtet, ſollen auf Erfordern ausgeliefert werden. Alle 
Flüchtlinge, Beraubte und Verbannte jegliches Standes aus 
den beiderſeitigen Landern ſollen in ihr Eigenthum zurückkehren 
durfen und daruber nach ihrem Willen verfügen. Etwanige 
bisher geſchehene Beſchenkungen oder Vergabungen mit ſolchem 
Eigenthum ſind als ungültig zu betrachten. Allen Ungehorſa⸗ 
men ſoll verziehen ſeyn und an ihnen nie Rache geuͤbt wer⸗ 
den. 19. Der Friede ſoll von beiden Theilen ſowohl vom Koͤ⸗ 
nige und dem Hochmeiſter als von deren Staͤnden in Polen 
und Preuſſen zu feſter Aufrechthaltung beſchworen werden. 
20. Der König und der Hochmeiſter ſollen durch ernannte Be⸗ 


1) Es heißt in der vom HM. ausgeſtellten Friedensurkunde: Sta- 
tuimus et ordinamus, quod deinceps et a modo ad Ordinem nostrum 
S. Marie Th. in terris Prussie Persone ydonee et Ordinis capaces 
etiam ex subditis quibuscunque Regni Polonie et principatuum et do- 
minorum eius assumantur, ita tamen quod nos Magister et commen- 


datores ultra mediam partem de illis assumere non teneamur etc. 2 


702 Friedensſchluß zu Thorn. (1466.) 


vollmaͤchtigte vor dem Papſte das Bekenntniß ablegen laſſen, 
daß dieſer Friede freiwillig, gerne und aus lauterem Willen 
geſchloſſen und alle ſeine Beſtimmungen auf Anrath, Vermah⸗ 
nung und Vermittlung des paͤpſtlichen Legaten von beiden Zir- 
ſten nach ihrem Wiſſen und Willen, ihrer Zuſtimmung und 
Genehmigung ausgegangen ſeyen. Beide ſollen zugleich auch 
um die paͤpſtliche Beſtaͤtigung des Friedens bitten. 

Dieß der weſentliche Inhalt des wichtigen Friedensſchluſ⸗ 
ſes zu Thorn.) In einer Zuſammenkunft des Koͤniges und 
des Hochmeiſters in der Gildehalle, wo der Legat zuerſt oͤffent⸗ 
lich und feierlich des Friedens Abſchluß verfündigte, ward im 
Beiſeyn des zahlreichen Geleites beider Finften die Friedensur⸗ 
kunde in Deutſcher und Polniſcher Sprache verleſen. Da foll 
ſich der Hochmeiſter dem Koͤnige genahet und die Kniee ge⸗ 
beugt, der Koͤnig ihn aber ſchnell aufgehoben, mehrmals um⸗ 
arme und tief geruͤhrt Thraͤnen vergoſſen haben. 2 Darauf 
wiederholten beide in öffentlichen Bekenntniſſen ihre feierliche 
Zuſtimmung, knieten vor dem Legaten nieder und ſchwuren auf 
das Kreuz, daß ſie den Frieden unverbrüchlich halten wollten. 
Daſſelbe geſchah dann auch zuerſt vom Erzbiſchof von Gneſen, 
den gegenwärtigen Biſchöͤfen, Naͤthen und Woiwoden des Koͤ⸗ 
niges und darauf auch von den Komthuren, Ordensbeamten 
und andern Begleitern des Hochmeiſters. Hierauf begaben ſich 
die beiden Fuͤrſten in die S. Marienkirche, wo der Legat das 


1) Das vom Könige ausgeſtellte Original des Friedensſchluſſes, 
d. in Thorun die solis decima nona Octobr. 1466 Schbl. 68. 7. Der 
Abdruck bei Dogiel T. IV. p. 163 sequ. iſt haͤufig, beſonders in den 
Namen ſehr fehlerhaft, eben ſo in den Privileg. der Staͤnde des 
Herzogth. Preuſſ. p. 20 — 27; ein Theil der Urkunde bei Baczko 
B. IV. 145; in mehren Abſchriften Schbl. XXVI. 1; in einer alten 
Deutſ. Ueberſetzung in der Ordenschron. p. 367 — 383. Der Haupt⸗ 
inhalt des Friedens bei Diugoss. T. II. 388. Schütz b. 331. Die 
Beitrittsurk. des Herzogs Erich von Pommern zum Frieden, d. in ci- 
vitate antiqua Stettin in vigilia s. Iohannis 1467 Schbl. 51. 18. 
Detmar B. II. S. 296 — 297. 

2) Runau p. 155. 


Friedensſchluß zu Thorn. (1466.) 703 


Hochamt hielt und ein feierliches Te Deum folgte. Ein glaͤn⸗ 
zendes Gaſtmahl auf dem Rathhauſe, wo der Hochmeiſter mit 
all den Seinen vom Könige aufs ehrenvollſte bewirthet ward, 
beſchloß des Tages Feier.“ 

Oer Hochmeiſter ſtellte noch am naͤmlichen Tage eine 
Erklaͤrung aus, daß er an allen denen, die waͤhrend des Krie⸗ 
ges auf des Koͤniges Seite geſtanden und durch den Friedens⸗ 
ſchluß wieder unter des Ordens Herrſchaft gekommen waren, 
namentlich an den Buͤrgern von Preuſſiſch⸗ Holland, Mühl⸗ 
hauſen, Paſſenheim und Nordenburg wegen der gegen den 
Orden veruͤbten Feindſeligkeiten nie in irgend einer Weiſe Rache 
nehmen, ſondern ihnen allen Verzeihung gewaͤhren und ſie in 
allen ihren Rechten und Freiheiten wie feine übrigen Untertha⸗ 
nen ſchuͤtzen und erhalten wolle; 2 eine gleiche Zuſicherung er⸗ 
hielten vom Koͤnige auch die Bewohner Pommerellens, Kul⸗ 
merlandes und Preuſſens, insbeſondere die Staͤdte Kulm, 
Neumark, Strasburg, Stuhm und Chriſtburg.“ Der König 
ſtellte darauf in Ruͤckſicht auf des Meiſters Armuth für dieſen 
eine Schenkungsurkunde uͤber die Summe von funfzehntauſend 
Unger. Gulden aus, um ihm damit die Bezahlung ſeiner im 
Lande noch liegenden Soͤldner zu erleichtern, konnte ihm frei⸗ 
lich aber bei eigener großer Geldbedraͤngniß vorerſt nur hun⸗ 
dertundfunfzig Gulden baar entrichten, vertröftend auf fpätere 
Nachzahlungen.) Ueberdieß ſprach er den Orden in Beruͤck⸗ 


1) Dlugoss. T. II. 385. 

2) Urkunde des HM. d. in Thorun die solis decima nona Octobr. 
1466 bei Dogiel T. IV. p. 174. Privilegia der Staͤnde des Her⸗ 
zogth. Preuſſ. p. 20 — 27. 

3) Urkunde des Königes, d. wie die vorſtehende Schbl. KV. 37. 

4) Urkunde des Koͤniges, d. wie die vorige bei Dogiel T. IV. 
175; der Koͤnig hatte dabei, wie er ſelbſt ſagt, auch die Abficht: 
quatenus Nohis et Regno nostro Poloniae evidentius ac uberius ius 
in distrietibus Marienburgensi, Christburgensi, Elbingensi et Stuhmen- 
si, qui in nostram perpetuam vigore foederis cessere ditionem, ac- 
crescat. Daſſelbe wiederholt auch der HM. in feiner darüber ausge⸗ 
ſtellten Beſcheinigung, bei Dogiel T. IV. 175. 


704 Friedensſchluß zu Thorn. (1466.) 


ſichtigung auf des Landes ſchwere Verwuͤſtung und ſeine große 
Verſchuldung auf zwanzig Jahre von der im Frieden feſtge⸗ 
ſetzten Verpflichtung der Huͤlfsleiſtung mit Waffenmacht frei, 
ſofern nicht Tuͤrken oder Tataren bei Einfaͤllen in Polen, Ma⸗ 
ſovien oder Preuſſen zu bekaͤmpfen ſeyn wuͤrden. Dagegen 
erließ auch der Hochmeifter aus gleicher Ruͤckſicht denen, die 
unter des Koͤniges oder des Ordens Herrſchaft ſtaͤnden und 
zur Zeit des Krieges dem Koͤnige ergeben geweſen, in Betreff 
ihrer unter der Herrſchaft des Ordens liegenden Güter und 
Beſitzungen auf fuͤnfundzwanzig Jahre alle Dienſtleiſtungen, 
Geldabgaben und alle uͤbrigen Laſten, ſowie auch den Gerichts⸗ 
bann, jedoch ebenfalls mit Ausnahme etwaniger Einfaͤlle der 
Tuͤrken oder Tataren.) 

Damit wurden die Verhandlungen beendigt. Erfreut uͤber 
den Gewinn an Land und Macht, den ihm der Friede gebracht, 
entbot der König dem Legaten zur Belohnung feiner Bemuͤ⸗ 
hungen mancherlei glänzende Geſchenke, Silbergeraͤth, Pelz: 
werk, praͤchtige Roſſe und dgl. Dieſer indeß lehnte den Em⸗ 
pfang mit Höflichkeit ab,“ beſorgt, daß ihm die Annahme 
uͤbel gedeutet werden koͤnne. Auch dem Hochmeiſter und ſeinen 
Begleitern ſandte der Koͤnig verſchiedene Ehrengaben, einige 
ſilberne Geraͤthe, Feſtkleider und Marderpelze, auch einige 
ſchoͤne Roſſe zu, ließ ihm endlich auch ein Reiſegeld von drei⸗ 
hundert Gulden uͤberbringen. Von den Komthuren und ſelbſt 
von den Soͤldnerhauptleuten blieb keiner unbeſchenkt und ſie 
nahmen das Dargebotene gerne an, weil druckende Armuth zu 
nehmen zwang. Nachdem beide Fuͤrſten hierauf einige Bevoll⸗ 
maͤchtigte nach Rom abgeſandt, um vom Papſte die Beſtaͤti⸗ 
gung des Friedens und ſuͤr den Legaten zur Belohnung den 
Kardinalshut zu erbitten, kehrte der Hochmeiſter mit ſeinem 
Geleite nach Königsberg zuruͤck. ) 

1) Urkunde des Koͤniges, d. in Conventione Thornnen. die Jovis 
vicesima tertia Octbr. 1466 Schbl. 68. 9. XXVI. 2; die gleichlau⸗ 
tende Urk. des HM. bei Dogiel T. IV. 176. 

2) Raynaldi Annal. eccles. an. 1466 nro. 31. 

3) Diugoss. T. II. 392—393, Baynald I. c. 


Kriegsopfer. (1466.) 705 


Aber nur unter Thraͤnen und unter Gefühlen des tiefſten 
Schmerzes und Jammers konnte er die Reiſe von Thorn bis 
Königsberg zuruͤcklegen. Er mochte vielleicht mit wenigerem 
Kampfe die Demuͤthigung und Erniedrigung uͤberwinden, die 
ihm der Friedensſchluß gebracht hatte; er ſchloß ja nur die 
fortgeſetzte Reihe von demuͤthigenden und erniedrigenden Sce⸗ 
nen des Leidens und Duldens, der Beſchimpfung, Entwuͤrdi⸗ 
gung und Verachtung, die ſich ſeit vielen Jahren ſchon uͤber 
ihm gehaͤuft hatten. Aber wie mußte ſeine Seele zerknirſcht 
und gebrochen werden und mit welchen Schmerzensgefuͤhlen 
mußte ſie kaͤmpfen, wenn er mit einem Hinblick auf das letzte 
Jahrzehend ſeines Lebens die furchtbaren Opfer betrachtete, die 
der wilde Krieg gekoſtet, wenn er ſein Land nun da liegen 
ſah wie eine traurige, blutige Schaubühne aller Graͤuel und 
Grauſamkeiten, die ein ordnungsloſer Raubkrieg nur irgend 
herbeifuͤhren kann! Von 21,000 Doͤrfern, welche das alte 
Ordensland vor dem Kriege gezaͤhlt haben ſoll, ſah man jetzt 
nur noch 3013 und dieſe gaͤnzlich verarmt und zum Theil ent⸗ 
voͤlkert. Wie frevelhaft man ſelbſt gegen alles Heilige ge⸗ 
wuͤthet, bewies die gottloſe Verwuͤſtung von 1019 Kirchen und 
die noch vorhandenen waren faſt alle ausgepluͤndert und durch 
Raub entweiht.) Auch in den Städten boten ſich überall 
nur ſchreckliche Scenen von Armuth und Hunger, Verwuͤſtung 
und menſchlichem Elend in allen moͤglichen Geſtalten dar; wie 
viele von ihnen waren nicht wiederholt in Aſchenhaufen ver⸗ 
wandelt worden! Und welche furchtbare Zahl von Menſchen⸗ 
opfern hatte der Krieg hingerafft! Wie viel Kriegsvolk aus 
Polen ſelbſt der Koͤnig waͤhrend des langen Kampfes verloren, 
iſt nicht berechnet worden; an fremdem Soͤldnervolke aber ſollen 
im ganzen Verlaufe des Krieges auf des Koͤniges Seite fünf 
undachtzig⸗ bis neunzigtauſend Mann geblieben ſeyn, die un⸗ 
gerechnet, welche aus Polen auf eigene Fauſt zu Fehde und 
Raub nach Preuſſen gezogen waren. Der Orden hatte im 
Anfange des Krieges in feiner geſammten Kriegsmacht fuͤglich 


1) Runau p. 157. Schütz p. 331 — 332. 
VIII. 45 


706 Kriegsopfer. (1466.) 


ein Kriegsheer von 71,000 Mann auſſtellen koͤnnen; jetzt 
ſtanden davon nur noch 1700 Mann da. Wie viel Mann⸗ 
ſchaft zu verſchiedenen Zeiten vom Orden aus Deutſchland 
und Livland herbeigeſandt und hier im Kampfe erſchlagen wor⸗ 
den, konnte nicht gezaͤhlt werden, eben ſo wenig die vielen 
Tauſende von Buͤrgern und Bauern, die in Zeiten der Noth 
gegen den Feind aufgerufen und hingeopfert wurden. Von 
15,000 durch die einzige Stadt Danzig beſoldeten Kriegern 
aber waren nur noch 161 Mann uͤbrig; nahe an 2000 Buͤr⸗ 
ger und Bauern aus ihrem Stadtgebiete waren erſchlagen 
worden. Von 3000 Söldnern aus Thorn hatte das Schwert 
2290 hingerafft, ohne die Zahl der Buͤrger und Bauern aus 
beiden Staͤdten und ihren Gebieten. Elbings Söldner an 
1800 Mann ſtark waren bis auf 700 aufgerieben. Die Zahl 
der Gebliebenen aus den kleinern Städten und Dörfern ſchaͤtzte 
man auf ungefähr 90,000 Buͤrger und Bauern. Sonach ſoll 
ſich der ganze Menſchenverluſt nahe auf 300,000 belaufen 
haben.“) 

Dazu nun noch die ungeheueren Geldſummen, die der 
Krieg verſchlungen hatte. Man uͤberſchlug, daß der König 
9600,000 Unger. Gulden und der Orden gegen 5700,000 
Unger. Gulden auf den Kampf verwandt, ohne die Schulden 
bei fremden Fuͤrſten und ſeinen Soͤldnern; Danzig hatte in 
verſchiedenen Zeiten 700,000 Mark, Elbing 85,000 Mark, 
Thorn 191,000 Mark, die kleinern Städte zuſammen 500,000 
Mark zur Beſtreitung der Soldſchulden beigeſteuert.) Als 


1) Die Angaben find aus Runau p. 157, der die Geſammtzahl 
auf 264,598 Menſchen angiebt, und aus Schütz p. 331 „ der fie auf 
ungefaͤhr 300,000 ſchaͤtzt. Beide ſtimmen in den Zahlen meiſt überein, 
ebenſo die Thorner Handſchrift, deren Pauli B IV. 355 erwaͤhnt; 
desgleichen Tiedemanns Chron. p. 249. Es kann aber natuͤrlich in 
einem Kriege, wie dieſer geführt wurde, in der Zahl der Menſchen⸗ 
opfer auf Hunderte und ſelbſt Tauſende gar nicht ankommen. Die an⸗ 
gegebenen Zahlen koͤnnen daher im Ganzen nur als allgemeine Maaß⸗ 
ſtaͤbe gelten. 

2) Nach den erwähnten Chroniften, 


Kriegsopfer. (1466.) 707 


man dem Koͤnige dieſe Berechnung der hingeopferten Men⸗ 
ſchenzahl und der aufgewandten Kriegskoſten vorlegte, ſoll er 
ſeufzend ausgerufen haben: O Gott! iſt doch fuͤrwahr das 
ganze Land nicht fo viel werth, als es chriſtliches Blut und 
großes Geld gekoſtet!) Und der König mochte wohl Recht 
haben, denn die Staͤdte, verarmt, ohne Handel und Betrieb, 
ohne inneres friſches Leben, faſt bis aufs Letzte ausgehungert, 
von Menſchen bewohnt, die im Kriege arbeitsſcheu, verwildert 
und an Unordnungen und Geſetzwidrigkeiten aller Art ge⸗ 
woͤhnt worden, boten ſchon in ihrem aͤußern Anblicke durch 
ihre zerfallenen Mauern, gebrochenen Thuͤrme und baufaͤlligen 
Haͤuſer großen Theils das traurigſte Bild dar. Die immer 
wiederkehrenden Verraͤthereien, die, wie wir ſahen, bald hier 
bald dort in den Staͤdten angezettelt wurden, beweiſen ſchon, 
wie viele feile Seelen ihre Mauern in ſich ſchloſſen und wie 
tief der Menſch in moraliſcher Geſinnung ſtand. Auf dem 
Lande, wo unter Konrads von Erlichshauſen milder Waltung 
die fruchtbarſten Getreidefelder prangten, zogen ſich jetzt mei⸗ 
lenweite Wuͤſten und Einoͤden hin, wo keine menſchliche Hand 
mehr wirkte, wo nun Theilweiſe Jahrhunderte lang keine Pflug⸗ 
ſchaar mehr thaͤtig war und dichte Wälder und wildes Gebuͤſch 
als Aufenthalte der zahllos vermehrten wilden Thiere empor⸗ 
wuchſen.) Häufig find heutiges Tages in Wäldern und 
Wuͤſteneien noch ſolche Gegenden zu finden, in denen damals 
der verheerende Krieg die menſchliche Thaͤtigkeit vernichtete. 
Zum Uebermaaße des Ungluͤcks aber wuͤthete nach hergeſtelltem 
Frieden im ganzen Lande abermals eine furchtbare Peſtkrank⸗ 
heit, die in Staͤdten Tauſende dahinraffte, auf dem Lande 
ganze Dörfer entvoͤlkerte, ſo daß an vielen Orten es an Men⸗ 
ſchenhaͤnden fehlte, um die ſonſt ſo reiche Erndte dieſes Jahres 


1) Runau P. 157. Schütz p. 332. Tiedemanns Chron. 
p. 249. 

2) Schätz p. 332. Runau p. 158. Hier endigt dieſer letztere 
Cbroniſt die Beſchreibung des dreizehnjaͤhrigen Krieges. Wir bemer⸗ 
ken hierbei, daß wir im geh. Archiv im Fol. „Alte Preuſſ. Chron.“ 
dieſe Beſchreibung auch in Lateiniſcher Sprache haben. 


708 Ausführung des Friedensſchluſſes. (1466.) 


einzuſammeln und vieles auf den Feldern verfaulen mußte. 
Waͤhrend des Krieges hatten oft bloß Laub, Kraͤuter und 
Wurzeln zur Nahrung der Menſchen dienen muͤſſen; es hatte 
Zeiten gegeben, in denen man in mancher Stadt im Winter 
täglich zehn bis zwanzig Menſchen zählte, die vor Hunger ge⸗ 
ſtorben waren, und nun es Friede war, gebrach es an Men⸗ 
ſchen, um den Reichthum des Feldes einerndten zu koͤnnen; “ 
daher die außerordentlich ſinkenden Preiſe aller Lebensmittel 
neben dem ſo hoch geſtiegenen Arbeitslohn, fuͤr das Land ein 
neues Hinderniß des Wohlſtandes und Gedeihens. 

Durch ſchweren Kummer über das traurige Loos des 
Landes tief niedergebeugt, ſah der Hochmeiſter ſeitdem keinen 
Tag der Freude mehr; nichts konnte ihn aus ſeiner tiefen 
Schwermuth wieder aufrichten und er uͤberlebte den Frieden 
nicht lange. Nach Koͤnigsberg, dem nunmehr feſtbeſtimmten 
hochmeiſterlichen Aufenthalte zuruͤckgekehrt, deſſen Bürger er 
kurz vor dem Friedensſchluſſe zur Belohnung ihrer Treue mit 
einer anſehnlichen Beſchenkung erfreut, 2 mußte er nun vor 
allem die Bedingungen zu erfuͤllen ſuchen, wozu ihn der Friede 
verpflichtete. Dazu gehörten zunaͤchſt die veränderten Verhaͤlt⸗ 
nifje der Pomeſaniſchen Kirche. Da der zum Biſchofe erwaͤhlte 
Domherr Nicolaus vom Samlaͤndiſchen Domſtifte endlich die 
Beſtaͤtigung erhalten hatte, fo traten hier bedenkliche Schwie⸗ 
rigkeiten in den Weg. Der Hochmeiſter wußte ſie dadurch zu 
beſeitigen, daß er den neuen Biſchof zu bewegen ſuchte, aus 
Ruͤckſicht auf die große Armuth und Verwuͤſtung des ganzen 
Biſthums die bifchöfliche Verwaltung, nach dem Befchluffe zu 
Thorn, dem neuen Biſchofe von Kulm Vincenz Kielbaſſa zu 


1) Ordenschron. p. 384. Alte Preuſſ. Chron. p. 47. Tiede⸗ 
manns Chron p. 250. Dlugoss. T. II. 398. 

2) Verſchreibung des HM. an die Altſtadt Koͤnigsberg uͤber die 
Doͤrfer Neuendorf, Steinbeck, Krauſen und Ottenhagen mit mehren 
Freiheiten und Gerechtigkeiten, d. Koͤnigsb. Dienſt. nach Nativit. Ma⸗ 
ria 1466 Schbl. LVII. 91. Der HM. ruͤbmt in einer langen Einlei⸗ 
tung die loͤbliche Zuneigung und großen Verdienſte der Bürgerſchaft 
Koͤnigsbergs waͤhrend der Bedraͤngniſſe des Ordens. 


Ausführung des Friedensſchluſſes. (1466 — 1467.) 709 


überlaffen und ſich dagegen fir feine Lebenszeit zu feinem Un⸗ 
terhalte mit der Propſtei auf Schoͤnberg zu begnuͤgen, zu deren 
Annahme ſich dieſer auch bereit erklaͤrte, denn nur auf dieſe 
Weiſe konnten die widerſtrebenden Intereſſen ausgeglichen wer⸗ 
den.!) Außerdem nahm die nach dem Frieden vorzunehmende 
Landestheilung, die Verlegung und Unterbringung der noch im 
Lande befindlichen Soͤldner und deren Befriedigung durch Geld 
oder laͤndliche Verſchreibungen, die Verſetzung und Verſorgung 
der Ordensbruͤder aus den dem Koͤnige abgetretenen Schloͤſſern 
und ſo auch die Anordnung und Einrichtung einer Menge an⸗ 
derer Verhaͤltniſſe, die ſich durch den Frieden anders geſtaltet 
hatten, des Meiſters ganze Thaͤtigkeit in Anſpruch, denn wie 
ſchwierig bei der überall druͤckenden Armuth und der bedraͤng⸗ 
ten Lage des Ordens ſelbſt die Anordnung mancher einzelnen 
Verhaͤltniſſe war, beweiſt das Beiſpiel des Ordensritters Gra⸗ 
ſen Heinrich von Tuͤbingen, den der Hochmeiſter, um ihm 
irgendwo ſeinen Unterhalt zu verſchaffen, von einem Ordens⸗ 
haus ins andere ſandte, ohne irgendwo aufgenommen zu wer⸗ 
den, ſo daß er, als ihm auch der Pfleger von Raſtenburg den 
Tiſch verſagte, hoͤchſtunwillig dem Meiſter ſchrieb: es ſey unge⸗ 
ziemend und undankbar, daß man ihn, um ſein taͤgliches Brot 
zu erhalten, wie einen Zigeuner im Lande aufs und niederzie⸗ 
hen laſſe; lieber wolle er aus dem Lande gehen, ſelbſt wenn 
er zu Fuß wandern muͤſſe. 2) 

Die Ausgleichung und Feſtſtellung der ſo vielfach verwirr⸗ 
ten und durch den langen Krieg aus ihren Fugen verrückten 
Verhaͤltniſſe, die zum Theil auch mit der Trennung der weſt⸗ 
lichen und oͤſtlichen Lande verknuͤpft waren, veranlaßten auch 
im Jahre 1467 noch viele Berathungen und Verhandlungen, 
die nicht immer mit ſchon voͤllig ruhigem Geiſte und beſonne⸗ 


1) Schr. des HM. an den Dechant Nicolaus, Verweſer der Po⸗ 
meſan. Kirche u. an das Domkapitel, d. Koͤnigsb. Sonnt. vor Mar⸗ 
tini 1466 Schbl. LXV. 96, 

2) Schr. des Grafen Heinr. v. Tuͤbingen an den HM. d. Raſten⸗ 
burg 1466 Schbl. Ad. Geſch. T. 77. 


710 Tagfahrt zu Elbing. (1407.) 


ner Ueberlegung gefuͤhrt wurden, denn nach ſo langer Zwie⸗ 
tracht und fo bitterer Feindſchaft waren die Gemuͤther noch in 
einer viel zu gereizten Spannung, als daß der Friede auf dem 
Pergamente ſogleich alle Leidenſchaft und jede Aufwallung des 
alten Haſſes hätte erſticken koͤnnen. Ueberhaupt ließen noch 
eine Menge einzelner hie und da eintretender Ereigniſſe, wie das 
Aufhalten einzelner Schiffe, die Wegnahme von Kaufwaaren, 
die Auflegung neuer Zölle auf Handelsproducte, die gegenſei⸗ 
tige Auslieferung der Gefangenen und vieles andere der Art den 
Frieden noch keineswegs zu gedeihlicher Feſtigkeit gelangen.“) 
Um einen Theil dieſer ftörenden Verhaͤltniſſe durch eine 
gemeinſchaftliche Berathung zu beſeitigen, hatte man ſich über 
eine Tagfahrt zu Elbing vereinigt. Es erſchienen dort am 
15ten Februar von Seiten des Ordens der Ordensſpittler, jetzt 
zugleich Komthur zu Holland, der Ritter Georg von Kot: 
tenheim und Bevollmächtigte der drei Städte Königsberg, von 
Seiten des Koͤniges der Gubernator Stibor von Baiſen „der 
jetzt zugleich zum Woiwoden von Marienburg ernannt war, 
Otto von Machwitz, Nicolaus von Pſeilsdorf, Ludwig von 
Mortangen, Fabian von Maul, Woiwoden der Pommerelli⸗ 
fen, Danziger, Kulmiſchen und Elbingiſchen Gebiete, auch 
der junge Hans von Baiſen, des verſtorbenen Gubernators 
Sohn und Bevollmaͤchtigte von Danzig und Elbing. Man 
fand nothwendig, ſich über mehre Landesverhaͤltniſſe zu bera⸗ 
then, uͤber die man ſich im Frieden zu Thorn noch nicht ver⸗ 
ſtaͤndigt. Der Gubernator, der die Verhandlung leitete, brachte 
zuerſt die Frage zur Sprache: wie es mit der Muͤnze in beiden 
Landen zu halten ſey? Die in den letzten Zeiten im Ordens⸗ 
gebiete geſchlagene Muͤnze hatte einen ſo außerordentlich ge⸗ 
ringhaltigen Werth, daß auch ſelbſt dadurch aller Handel und 
Verkehr mit dem Auslande geſtoͤrt war und nicht einmal die 
noͤthigſten Lebensbeduͤrfniſſe, wie z. B. Salz herbeigeſchafft 
werden konnten, weil mit der Landesmünze dem Auslaͤnder 


1) Schätz p. 333. 
2) Schütz d. a. O. 


Tagfahrt zu Elbing. (1467.) 711 
keine genuͤgende Bezahlung zu leiſten möglich war.) Ebenſo 
hatte man bisher die Ordensmuͤnze in den Eöniglichen Städten 
und wiederum die Muͤnze dieſer letztern im Ordensgebiete nicht 
annehmen wollen, wodurch auch hier nicht bloß aller Verkehr 
abgeſchnitten, ſondern auch eine Menge anderer Mifverhältniffe 
in den ſich ſo nahe beruͤhrenden Landen eingetreten war. Die 
Sache war uͤberhaupt von um ſo groͤßerer Wichtigkeit, weil 
man dabei theils die Intereſſen der beiden Landesherren und 
der beiderſeitigen Lande, theils auch das allgemeine Landesin⸗ 
tereſſe gegen das Ausland ins Auge zu faſſen hatte.) Man 
erkannte wohl, daß ohne eine durchgreifende Veraͤnderung im 
Muͤnzweſen ein Emporheben des Landes zu Wohlſtand und 
Gedeihen ganz unmoͤglich ſey. Nach mehrtaͤgigen Berathungen 
und einer durch Sachverſtaͤndige vorgenommenen Pruͤfung des 
verſchiedenen Muͤnzgehaltes ward der Beſchluß gefaßt: die von 
beiden Theilen neu geſchlagene Muͤnze ſolle an Werth, Grad 
und Gewicht durchaus gleich ſeyn und ebenſo von gleichem Gepraͤ⸗ 
ge, naͤmlich auf der einen Seite des Koͤniges, auf der andern 
des Ordens Gepraͤge oder Wappen. Die hochmeiſterliche 
Muͤnze und die der Staͤdte Thorn, Elbing und Danzig ſolle 
dann ohne Widerrede und ohne Unterſchied allenthalben ange⸗ 
nommen werden. Es wurde aufs genaueſte beſtimmt, wie 
werthhaltig die Münze fortan ſeyn ſolle; die bereits geſchlagene 
Münze ſollte ſorgfaͤltig geprüft und die zu gering befundene 
verbeſſert werden; endlich ſollten, um die Beſtimmungen über 
den Muͤnzwerth und Muͤnzgehalt aufrecht und in Geltung zu 


1) Schr. Ulrichs v. Kinsberg, Hauptm. zu Gilgenburg an d. 
HM. d. Neumark Sonnt. um Epiphan. 1466 Schbl. Ad. Geſch. K. 
18, wo es heißt: Geruchet zu wiſſen, das zum Nawenmarkte und 
Plenburg unachtſam und geringe muͤntze, die denne naulich geſchlagen 
wirt ader iſt, gehet, nawe ſchillinge, fo das gar manch naw ſchill. 
nicht Cons alden wert iſt, das die Maſer (Maſauer) die uns ſaltz und 
ander Vitalia zufüren und die bundſtete, do wir hen beſtellen umb 
notdorfft, keynen umb der wirde willen wellen nemen, ſo das wir der 
müntze halb vorſtricket und hoch gedrenget werden. 

2) Schütz p. 333 — 334. 


712 Tagfahrt zu Elbing. (1467.) 


erhalten, von Zeit zu Zeit aus jeder der größern Städte f. g. 
Münzprobierer zufammenfommen, um eine Muͤnzpruͤfung vor⸗ 
zunehmen.“ 

Eine zweite wichtige Frage, die auf der Tagfahrt zur 
Verhandlung kam, betraf die Art und Weiſe, wie dem ver⸗ 
armten Lande wieder aufzuhelfen ſey. Sie hing aber mit ei⸗ 
ner dritten Frage zuſammen: wie es mit den ruͤckſtaͤndigen 
Erbgeldern, Zinſen und Schulden in Staͤdten und Doͤrfern ge⸗ 
halten werden ſolle? Es mußten hier wirkſame Schritte ge⸗ 
ſchehen, wenn dem ſo tiefgeſunkenen Wohlſtande des Landes 
wieder Kräfte zu feiner Erhebung gegeben werden ſollten. Man 
beſchloß daher: die Buͤrger der kleinen Staͤdte, die von Soͤld⸗ 
nern eingenommen, ausgepluͤndert oder zum Theil verbrannt 
worden, und ebenſo die Landleute und Bauern, die in der 
ſchweren Kriegszeit verarmt, beraubt, abgebrannt oder ſonſt 
verunglückt ſeyen, ſollten Erlaß aller noch ruͤckſtaͤndigen Erb⸗ 
gelder und Zinsſchulden erhalten, uͤberdieß auch noch auf fuͤnf 
Jahre völlige Befreiung von dieſen Leiſtungen, um während 
dieſer Freijahre ſich wieder emporzuarbeiten, dann aber zur 
Wiederentrichtung nach Erkenntniß der Landesherrſchaſt ver: 
pflichtet ſeyn; wer dagegen in Staͤdten und Doͤrfern Haus 
und Erbe behalten und benutzt und im Kriege nicht ſchwer ge⸗ 
litten habe, ſolle Zahlung feiner Ruͤckſtaͤnde leiſten nach Erkennt⸗ 
niß der Herrſchaft.) Es ward dann ferner auf der Tagfahrt 
über die nothwendigen Maaßregeln zur neuen Beſetzung der 
von ihren früheren Beſitzern verlaſſenen Güter, Höfe und Dör- 
fer berathſchlagt; man fand fuͤr gut, die baldige Wiederbe⸗ 
ſetzung der verlaſſenen Erbtheile durch Verleihung von Zins⸗ 
freiheit auf vier bis fünf Jahre fo viel als möglich zu beguͤn⸗ 
ſtigen. Darauf kamen Handelsverhaͤltniſſe zur Sprache. Die 
Danziger erhoben Klage uͤber Koͤnigsberg wegen eines wider⸗ 


1) Die ſpeciellen Verhandlungen über die erwähnten Muͤnzver⸗ 
baͤltniſſe in den Receſſen über dieſe Tagfahrt Schbl. XXVI. 1. Fol. 
B. p. 30 — 31 u. bei Schütz I. c. 

Y Die erwähnten Receſſe u. Schütz p. 334, 


Tod des HM. Ludwig von Erlichshauſen. (1467.) 713 


rechtlich neuangeſetzten Zolles, den ihre nach Kauen mit Kauf 
waaren ſegelnden Schiffe und Fahrzeuge in letzterer Stadt ges 
ben müßten; fie klagten auch über den Komthur von Memel, 
der bereits Anſtalt treffe, aufs Fruͤhjahr Raubſchiffe auf die 
See ausgehen zu laſſen und dadurch den Frieden brechen werde. 
Der Ordensſpittler indeß laͤugnete, daß der in Koͤnigsberg er⸗ 
hobene Zoll eine neue Auflage ſey und gab wegen des Kom⸗ 
thurs von Memel die Verſicherung, daß der Hochmeiſter ſich 
deſſen etwanigem Plane mit Nachdruck widerſetzen und ihn im 
Fall des Ungehorſams ſtreng beſtrafen werde. Dann wurden 
mehre andere bisher ſtreitige Verhaͤltniſſe, z. B. wegen Frei⸗ 
laſſung der Gefangenen, Wiederaufnahme der Geaͤchteten und 
Verbannten in Koͤnigsberg und Danzig theils leicht beſeitigt, 
theils einer fpätern Verhandlung anheimgeſtellt. Endlich ward 
in Rückſicht auf Klagſachen zwiſchen Unterthanen des Koͤniges 
und des Ordens feſtgeſtellt, daß niemand fortan einen Buͤrger 
wegen Schulden oder um anderer Dinge willen anderswo an⸗ 
klagen ſolle, als bei dem ihm zuſtaͤndigen Gerichte, wie es 
das Landrecht ausſage; nur in gewiſſen Faͤllen ſolle davon eine 
Ausnahme Statt finden, jedoch dann auch jeder Zeit von dem 
Beklagten Buͤrgſchaſt geſtellt werden.) 

Bald nach dieſen Verhandlungen verfiel der Hochmeiſter 
in eine gefaͤhrliche Krankheit. Kummer und Sorgen hatten 
ſeit Jahren feine Geſundheit fo erſchüttert, feine Lebenskraͤfte fo 
bedeutend geſchwaͤcht und ſeit dem Friedensſchluſſe war ſeine 
Seele von fo großer Schwermuth bedruͤckt, daß keine aͤrztliche 
Kunſt ihn zu retten vermochte. Schon am funfzehnten Tage 
ſeines Krankenlagers, am vierten April des Jahres 1467 er⸗ 
lag er ſeinen Leiden. Er war der erſte unter den Hochmei⸗ 
ſtern, die in Koͤnigsberg ihre Reſidenz hatten, welcher unter 
feierlicher Beſtattung feine Ruheſtaͤtte im Chor der dortigen 
Kathedrale fand, wohin der eben anweſende edle Herzog 
Balthaſar von Sagan, der Ritter Georg von Schlieben und 


1) Die erwähnten Receſſe u. Schütz p. 334 — 335. 
IX. 46 


N 


714 Tod des HM, Ludwig von Erlichshauſen. (1467.) 


viele andere anweſenden Gaͤſte feine Leiche mit begleiteten. “ 
Siebzehn Jahre hatte er an der Spitze des Ordens geſtanden, 
in einer Zeit fo voll von Stuͤrmen, Aufregungen, Zerwüͤrf⸗ 
niſſen und Umwandlungen, wie ſie keiner ſeiner Vorgaͤnger 
im Meiſteramte durchlebt hatte. Er hatte in dieſer ganzen Zeit 
wenige gluͤckliche Tage geſehen, denn wenn er im Anfange ſei⸗ 
nes Waltens immer auch die Hoffnung feſthielt, es werde ihm 
noch gelingen, den wild hereingebrochenen Sturm wieder zu 
beſchwichtigen, ſo ſah er doch nachmals ſein Anſehen und 
ſeine Macht immer mehr ſchwinden, den Orden mit je⸗ 
dem Tage tiefer ſinken; er ſah unter ſchwerem Kummer 
feine und ſeines Ordens ganze Anſtrengung und Thaͤtigkeit 
immer mehr erfolglos, ſich ſelbſt verachtet, verleumdet, be⸗ 
ſchimpft, feine Gebietiger von den eigenen Unterthanen gehaßt, 
verfolgt, bekriegt; er ſah den Orden in feiner gaͤnzlichen Er⸗ 
niedrigung, Entkraͤftigung und Entwuͤrdigung bis an den 
Rand des Unterganges gebracht, wo nur der ſchimpflichſte 
Friede das einzige Mittel feiner Erhaltung war. Davon trägt 
er allerdings gewiß die groͤßte Schuld. Es wird ihm freilich 
zwar mit Recht manche Tugend und manche loͤbliche Eigenſchaft 
nachgeruhmt; er ſoll beſcheiden, gutmuͤthig, nachſichtsvoll ge⸗ 
gen anderer Fehler und Maͤngel, wohlwollend und auch nicht 
ohne Bildung geweſen ſeyn; er verſtand, was damals unter 
den Rittern felten war, ſelbſt etwas Latein,“ und gewiß mit 
it 

1) Wir erhalten genaue Nachricht über Ludwigs Tod und Beſtat⸗ 
tung durch eine Bemerkung auf dem Umſchlage eines alten Buches im 
geh. Archiv, wo geſagt wird: er ſey „verſchieden am Sonnabende vor 
Quaſimodogeniti de mane quasi hora sexta und iſt begangen mit vi⸗ 
gilien am Sonntage Quaſimodogen. und mit Seelenmeſſen am mon⸗ 
tage und leith begraben zu konigsberg im Thume im kore u. ſ. w. 
Dieſe Angabe des Todestages ſtimmt auch genau mit andern Quellen 
überein; Dlagoss. T. II. 402; vol. Bache m Ehronol. der HM. 
S. 44. 

2) Dlugoss. T. II. 402 nennt ihn vir modestus et linguae lati- 
nae aliquantulnm gnarus, dabei aber auch in Bachum tamen et Ve- 
nerem parum asserebatur temperatns. 


Tod des HM. Ludwig von Erlichshauſen. (1467.) 715 


dieſen Tugenden wuͤrde er in andern Zeiten und unter andern 
Verhaͤltniſſen mit dem Lobe eines guten Regenten in der Ge⸗ 
ſchichte genannt werden. Aber der Menſch kann nur, was er 
gilt, in ſeiner eigenen Zeit gelten. Ludwig von Erlichshauſen 
war nicht geeignet, in feiner Zeit fir fein Amt feinen Mann 
zu ſtehen; ihm fehlte alles, was ihm als Fuͤrſt, als Staats⸗ 
mann, als Ordenshaupt, als Feldherr in der ſturmbewegten 
Zeit hätte eigen ſeyn muͤſſen, um die wildaufgeregten Gemü⸗ 
ther ſeiner Unterthanen mit kluger Umſicht und Beſonnenheit 
zu beruhigen, die aufbrauſenden Leidenſchaften zu beſchwichtigen 
und zu zuͤgeln, dem Orden aus ſeiner tiefen Geſunkenheit und 
zunehmenden Entartung durch weiſe Geſetze, ernſte Zucht und 
durchgreiſende Anordnungen wieder emporzuhelfen und das 
Waffengluͤck im Kriegsfelde durch einſichtsvolle, wohlberechnete 
Benutzung der vorhandenen Kraͤfte auf ſeine Seite zu zaubern. 
Zu allem fehlten ihm feſte Willenskraͤftigkeit, feſte Entſchluͤſſe 
und maͤnnlicher Muth; aber ſie fehlten nicht bloß ihm, ſie 
fehlten im ganzen Orden. 


Druck und Papier der Hofbuchdruckerei in Altenburg,